# 30. August: Joe Klein, „Time“: „Bei Republikanern liegen Nerven blank“


Wie sehr müssen die Republikaner um ihre Mehrheit im Kongress zittern angesichts des Irak-Debakels?
Klein: Der Irak wird das zentrale Wahlkampfthema, und bei den Republikanern liegen die Nerven blank. Doch sie waren bisher erfolgreich, den Patriotismus aller Kriegskritiker anzuzweifeln und Angst zu schüren. In so einem Klima hat es jede Opposition schwer. Dazu gibt es zwei konkurrenzierende Strömungen: Zum einen erkennen die meisten, das das Irak-Abenteuer ein totales Desaster ist, für unser Land und die ganze Region. Doch gleichzeitig liegt es nicht in der Natur der Amerikaner, aufgeben zu wollen – und besonders sehen sie sich nicht gerne als “Loser”. Das Rezept der Demokraten – gestehen wir die Niederlage ein und hauen wir ab – ist deshalb schwer verdaulich. Ich würde mich auch nicht auf Umfragen verlassen: Gefühle über Krieg und Frieden sind so tief in uns drinnen, das kein Umfrageinstitut das richtig erforschen kann. Besonders die angeblich 60 Prozent, die alle GIs aus dem Irak draußen haben wollen, bezweifle ich.

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Joe Klein, Bauernebel: „Hillary kann es schaffen“

Hat Hillary Clinton Chancen, Präsidentin zu werden?
Klein: Sie hat sich als eine der glaubwürdigsten Kräfte innerhalb der Demokraten etabliert, auch in Sachen nationaler Sicherheit, selbst wenn das die meisten Wähler gar nicht so wahrnehmen. Sie wird, sollte sie antreten, zur ersten Vorwahl in Iowa 2008 als Favoritin einreiten, mit viel Geld, tollen Umfragewerten und zahllosen Empfehlungen, so wie Howard Dean vor zweieinhalb Jahren… Die Leute in Iowa sind Profis beim Ignorieren von allem Medien-Tamtam. Die werden nüchtern entscheiden: Kann sie es schaffen und würde sie eine gute Präsidentin abgeben. Deren größte Bange ist: Was wird er, Bill, machen? Welche Rolle könnte er spielen in ihrer Regierung? Und wäre er nicht so was wie ein Ko-Präsident, samt aller verfassungsrechtlicher Bedenken über das Limit von zwei Amtszeiten für Inhaber des Oval Office? Wir haben außerdem seit fast 19 Jahren Jahren “Bushes” und “Clintons” im White House: Soll tatsächlich das wichtigste Amt im Staat zwischen diesen merkwürdigen Clans hin- und hergeschupft werden? Ich glaube, dass die Leute etwas frisches wollen.
Kann Bush noch was erreichen in seinen letzten beiden Jahren – oder ist seine Präsidentschaft gelaufen?
Klein: Ich wünschte, sie wäre gelaufen. Doch leider bleibt das Potential bestehen, noch mehr Schaden anrichten zu können! Ich würde mir wünschen, wenn er wirklich mal an unsere Zukunft denkt, unsere Abhängigkeit von ausländischem Öl, die Konsequenzen seiner verheerenden Tax Cuts für kommende Generationen oder seine Nahost-Politik, die uns an den Abgrund eines drohen Regionalkrieges geführt hat. Doch da habe ich keine Hoffnungen.
Was war und ist sein größter Fehler?
Klein: Sein totales Desinteresse an einem der wichtigsten Aspekte seines Jobs, dem regieren. Er liebt polierte Reden und gewichtige Entscheidungen, doch überlässt die Details den anderen und kümmert sich kaum um die Umsetzung, wie es im Irak so offensichtlich wurde. Oder: Wer sich ernsthaft für das Regieren interessiert, installiert nicht den Ex-Chef eines Araber-Pferdezüchter-Vereins, Michael Brown, als Boss der wichtigen US-Katastrophenschutzbehörde FEMA, der zum schlimmsten Stümper im Katrina-Debakel wurde.
Was passiert, sollten die Amerikaner aus dem Irak abziehen?
Klein: Es wäre völlig unverantwortlich, das Land und die Region im Chaos zurückzulassen. Doch leider habe ich trotz hunderter Gespräch mit Nahost-Experten niemanden gefunden, der einen guten Plan zur Befriedung des Iraks hätte.
US-Kriegsgegner behaupten, dass allein ein Abzug der Besatzungsmacht die Lage verbessern würde, da den Aufständischen der Feind abhanden komme?
Klein: Die sind am Holzweg! Das kommt vom Ignorieren aller Nahostexperten, die einhellig sagen: Nur die US-Truppen stehen einem vollen Bürgerkrieg im Irak und dem Überschwappen der Gewalt in die ganze Region noch im Weg. Der einzige Gewinner eines US-Truppenabzug wäre der Iran! Bush hat uns in diesen Sumpf geführt, und ich wünschte, es gäbe eine Ausweg.
Warum hat er den Rat aller missachtet, die genau davor gewarnt hatten, inklusive Colin Powell…
Klein: …und seinem eigenen Vater, und dessen gesamtes Außenpolitikteam. Nach dem 11. September hieß es ja nur mehr: Auf in den Kampf zwischen den Kräften des Guten und des Bösen – für die Kräfte der Geschichte gab es da keinen Platz.

# 15. August: Tom Ricks, „WaPo“: „Heimatfront verloren“

Sie nennen die Irakinvasion den “schlechtesten Kriegsplan in der Geschichte Amerikas”.
Ricks: Die Liste an Fehlern ist endlos, enorm fatal ist heute, dass nicht um eine überparteiliche Unterstützung für den Krieg gekämpft wurde, sondern sich Bush & Co zufrieden gaben, bloß das halbe Land hinter sich zu haben. Durch stärkere Einbeziehung des Kongresses etwa wäre die Nation heute weit weniger gespalten. Jetzt scheint die Heimatfront verloren.
Weshalb war die USA derart unvorbereitet auf die Besatzung des Iraks?
Ricks: Das Chaos erinnert eher an die Nachwehen eines Coup d´etat in einer Bananenrepublik als die Exekution eines ausgereiften Militärplanes, der die Ambitionen einer Supermacht zur Neuordnung einer global wichtigen Region reflektiert. Und es gab nie einen Plan B. Die Bush-Regierung erwartete, dass ihre rosigen, teils naiven Prognosen eintreffen. Für Skepsis und Warnungen gab es keinen Platz: Ignoriert wurde die Expertise gleich zweier gewichtiger Institutionen – dem Militär und Nahostexperten, die eindringlich vor der Besatzung warnten.
Warum wehrte sich der damalige Außenminister Colin Powell nicht, wenn, wie kolportiert, er Bush eindringlich gewarnt hatte?
Ricks: Er ist ein guter Soldat. Er verlor die Debatte und diente dann brav dem Präsidenten.
Wie lief die Dynamik innerhalb des nach dem 11. September so gehypten “Kriegsrat”?
Ricks: Das ist immer noch ein Rätsel. Sieht man sich die Resultate an, offenbar nicht besonders produktiv.
Wie wichtig waren die Neokonservativen bei der Entscheidung, Saddam anzugreifen?
Ricks: Sie lieferten das ideologische Fundament für die Irakkriegsbefürworter, argumentierten, das nur durch eine im Irak beginnende Neuordnung des Nahen Osten der Terror durch islamische Extremisten ausgehungert werden kann.
Die Demokraten werden ihren Bestseller bei den Midterm-Wahlen gut gebrauchen können – wie wichtig bleibt der Irak als Wahlkampfthema?
Ricks: Ich wettere in meinem Buch auch gegen Kongress-Demokraten, weil sie sich derart wehrlos über den Tisch ziehen ließen. Doch der Irak bleibt das Top-Thema für den Showdown im Herbst. Draufzahlen werden die Amtsinhaber, und das sind mehr Republikaner als Demokraten.
Was passiert, wenn die Lage im Irak weiter eskaliert?
Ricks: Der nun köchelnde Bürgerkrieg könnte leicht in andere Nahoststaaten überspringen, zu Regionalkriegen führen und – samt Ölschock – die ganze Weltwirtschaft aus der Bahn werfen.

# 11. August: Terrorexperte Rohan Gunaratna: „Briten sind tolle Terror-Jäger“


Gibt es Zweifel, dass Al-Qaida hinter dem Jumbo-Komplott steckt?
Gunaratna: Al-Qaida ist die einzige Terrorgruppe der Welt, die sowohl die Absicht, die Vorstellungskraft, die Logistik und die Kapazitäten hat, große, koordinierte und simultane Mega-Attacken durchzuführen. Das gilt besonders für die Flugindustrie: Al-Qaida hat die reichste Erfahrung beim Durchdringen der Flugsicherheitsmaßnahmen.
Wieviel Verdienst haben die Briten-Behörden beim Aufdecken des Terrorkomplotts?
Gunaratna: Die Briten sind die besten Antiterrorfahnder der Erde. Sie haben langjährige Erfahrung dem Aufgreifen und Töten von Terroristen sowie dem Aufspüren von Verschwörungen. Dazu sind sie auch sehr geduldig. Nur die Briten konnten den Plan aufdecken.
Wie stark ist Al-Qaida heute?
Gunaratna: Trotz Rückschlägen ist Al-Qaida immer noch in der Lage, mit konzertierten Attacken die Welt zu schockieren. Die Bedrohung ist ernst, wiederkehrend – und muss bekämpft werden. Das verdeutlicht: Fast alle Maßnahmen der Amerikaner seit 9/11 haben versagt.
Präsident Bush sagte gestern, wir sind heute sicherer.
Gunaratna: Das Komplott in Großbritannien verdeutlicht, dass der Krieg im Irak die Bedrohung durch islamischen Extremismus gleich um ein paar hundert Mal vergrößerte. Dazu haben die Amerikaner all diese Ressourcen im Irak vergeudet, die im Kampf gegen Osama Bin Laden gebraucht würden. Und die wichtigsten Rädelsführer sind all noch frei.
Was sollte geschehen?
Gunaratna: Al-Qaida muss intensiv und direkt bekämpft und besser von Spionen unterwandert werden. Doch gleichzeitig muss der Westen die Unterstützung durch die moslemischen Massen erreichen. Solange die mit Terroristen sympathisieren kann Al-Qaida niemals besiegt werden! Amerika hat völlig versagt, die arabische Welt auf seine Seite zu bringen.
Waren die Welt tatsächlich nur Tage entfernt von einem weiteren 9/11-ähnlichen Terrorschock?
Gunaratna: Der Plan war real, alles war vorbereitet, die Attacke stand unmittelbar bevor. Die Briten haben es in letzter Minute vereitelt.

#20. Juni: Jenne-Claude & Christo: „Kunst ist unser ganzes Leben“

Warum kommen Sie zu dem Waldzell-Treffen?
Christo: Wir haben über einen bekannten Kunsthändler hier in New York über diese sehr interessante Veranstaltung erfahren und die Einladung gerne angenommen. Wir werden aber nicht aktiv an den Debatten teilnehmen, sondern unser neues Projekt “Over The River” vorstellen und Fragen dazu beantworten. Unsere Bedingung war, kein aktiver Teil der Diskussionsrunden über allgemeinere Probleme zu sein.
NEWS: Warum nicht? Das Thema “Kann der Einzelne die Welt verändern” ist doch spannend genug, um durch die Meinungen zweier weltbekannter Künstler bereichert zu werden.
Jeanne-Claude: Wir beantworten keine Fragen über Politik, Religion, andere Künstler oder allgemeines. Zu letzterem gehört ihre Frage.
Immerhin ist das der Titel der Veranstaltung, zu der Sie reisen.
Jeanne-Claude: Das ist deren Titel. Unser Titel heisst: “Over the River”, Projekt am Arkansas-Fluss im US-Bundesstaat Colorado.
Christo: Wir reden eben am liebsten über UNSERE Kunst. Punkt.
Welche Rolle hat Kunst in Zeiten der Antiterrorkriege.
Jeanne-Claude: Das ist zu allgemein. Die Frage sollte heißen: Welche Rolle spielt Kunst für euch beide?
In Ordnung.
Jeanne-Claude: Kunst ist unser ganzes Leben. 24 Stunden pro Tag, 365 Tage pro Jahr. Kein Urlaub, zumindest nicht in den letzten 42 Jahren.
Sie äußern keine Meinungen zu Dingen, die rund um Sie vor sich gehen? Man kann doch nicht in einer Luftblase leben.
Christo: Kunst ist ein kreativer Prozess, ein unaufhaltsamer Drang, etwas zu schaffen. Ein Maler steht vor einem weißen Kanvass und hat diesen alles konsumierenden Drang, ihn mit Farben zu füllen, ohne Erklärungen, Anweisungen, in völliger Isolation, seine Umwelt völlig ignorierend. Das ist wie bei einem Alkoholiker. Es ist wie eine Sucht, gegen die man nichts machen kann. Und das ist unsere Welt! Die ist total pur. Alles andere ist Propaganda, künstlerische Propaganda, politische Propaganda.
Was können Menschen aus ihrer Kunst dann lernen?
Christo: Sie sollten sie erleben. Das ist wie in der Musik: Leute können etwa nichts über Mozart sagen, wenn sie ihn nicht gehört haben. Unsere Kunstobjekte haben wegen ihrer schieren Größe auch etwas physisches: Die Besucher müssen sich viele Eindrücke richtiggehend erarbeiten.
Jeanne-Claude: Was kann man daraus lernen? Jedes Projekt ist ein völlig neuer Lernprozess – hauptsächlich für uns und unsere Mitarbeiter!
Sie haben so viele Hindernisse während ihrer Karriere in so vielen Staaten zur Verwirklichung Ihrer Kunstwerke überwunden: Was ist ihre Message an vor allem jüngere Menschen?
Jeanne-Claude: Unsere zentrale Botschaft an Junge ist: Wenn ihr bereit seid, 17 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche zu arbeiten und ohne Urlaub auszukommen, könnt ihr alles erreichen. Doch das ist nicht einmal das schwierigste. Viel schwerer ist es, zu entdecken, was man wirklich will!
Der Schlüssel zum Erfolg ist die Bereitschaft zu harter Arbeit?
Christo: Auch. Aber wichtiger ist, zu wissen, was man will. Jedes unserer Projekte hat einen großen Teil unseres Lebens in Anspruch genommen und wir haben uns immer weiterentwickelt.
Die Waldzell-Veranstalter wollen auch eine Brücke zwischen Künstlern und Wissenschaftlern zu einer zunehmend brutalen Weltwirtschaft bauen. Was könnte der Beitrag von Künstlern dabei sein?
Jeanne-Claude: Wir wissen wenig über Wissenschaft. Dafür wissen wir genau, dass nur Menschen Kunst schaffen.
Christo: Sie ist so einzigartig, so unersetzlich, die wohl wichtigste Ausdrucksform, um zu sich selbst zu finden. Das ist das Geheimnis, warum Kunst so aufregend ist.
Was ist heute die größte Herausforderung für die Menschheit?
Jeanne-Claude: Das ist ein völliger Allgemeinplatz.
Sie sind aber ebenfalls Mitbewohner dieses Planeten.
Christo: Antworten zu vielen Fragen sind in unseren Projekten zu finden. Die sprechen für sich selbst. Wir wollen nicht philosophieren und predigen. Schauen sie sich unserer Kunst an. Alles was wir zu sagen haben, sagen wir durch unsere Projekte! Das ist die freiste und für uns legitimste Form der Kommunikation.
Sie ersuchen via ihrer Website aber auch um Spenden für Programme zur Eindämmung des Treibhauseffektes. Ist das etwas, dass Ihnen große Sorgen macht?
Jeanne-Claude: Hat die nicht jeder? Alle sind besorgt, zumindest jene, die ihre Gehirne in Betrieb setzen.
Sie haben oft ihre adaptierte Heimat, New York City, gepriesen. Ist diese einzigartige, multikulturelle Metropole das Modell für die Zukunft eines immer mobileren Planeten?
Christo: Wir leben seit 40 Jahren in New York, da es für uns sehr praktisch ist – als Künstler. Bei jedem Projekt gibt es ja zahlreiche Hürden zu nehmen. Und hier haben Sie Spezialisten für praktisch jedes Problem, technisch, kreativ, kommunikativ. Wir predigen aber nicht, dass alle Menschen in solchen Städten leben sollen. New York ist für uns aber der sicher beste Ort. Auch natürlich wegen seiner unglaublichen Toleranz.
In Europa wird aufgeregt über Einwanderung debattiert, die in New York mit seinen Immigranten aus praktisch allen Erdteilen Alltag ist. Beobachten sie diese Debatte?
Christo: Ich bin selbst Immigrant als geborener Bulgare. Drei Jahre lang waren wir sogar Illegale. Einwanderer zu sein, ist Teil unseres Leben – wie für Millionen andere in allen Erdteilen auch.
In Österreich wird gerne über Einwanderer lamentiert.
Christo: Falls uns jemand drauf anspricht, werden wir ihnen sagen, dass wir selbst welche sind. Auch damals 1957, als ich sieben Monate lang in Wien lebte. 17 Jahre lang war ich praktisch staatenlos, wir hatten nicht einmal einen Pass, trotzdem trotteten wir mit Reisepapieren rund um den Globus. Das war wohl eine andere Zeit… Heute bin ich amerikanischer Staatsbürger, fühle mich aber keinesfalls als Amerikaner.
Machen Sie sich dennoch Sorgen, was hier seit den letzten Jahren passiert? Dass Amerika viel seines früheren Glanzes in aller Welt verloren hat?
Jeanne-Claude: Lehnen wir diese Frage ab als zu allgemein, politisch oder religiös?
Wählen sie aus!
Christo: Ich habe die US-Staatsbürgerschaft aus rein praktischen Gründen angenommen. Irgendwann wurde es ja zu mühsam, ohne Pass zu reisen und unser halbes Leben in Konsulaten zu verbringen. Aber man ist, was man ist. Und ich bin kein Amerikaner. Wir lieben New York wegen seiner Einzigartigkeit. Und weil es ein Ort ist, wo man gut leben kann, ohne jemals wirklich gut Englisch lernen zu müssen. Es ist die Stadt, wo jeder einen furchtbaren Kauderwelsch daher redet. Da passe ich perfekt hinein.
Alle ihre Kunstprojekte sind ausschließlich von ihnen selbst finanziert. Warum?
Christo: Es geht hier um unsere Freiheit! Wir würden niemals auch nur einen Millimeter unserer Freiheit aufgeben. Ich komme aus einem kommunistischen Land, und bin jetzt ein Künstler, der totale Freiheit genießt. Das ist das wichtigste. Unsere Freiheit ist natürlich teuer für uns, da alle Mittel aus Verkäufen unserer eigenen Kunstwerke kommen.
Was halten sie von Österreich?
Christo: Wir hatten unsere letzte Ausstellung dort 1993. Wir lieben vor allem das Kunsthistorische Museum, sehr beeindruckend.
Jeanne-Claude: Und die Torten…
Was können Politiker von Künstlern lernen?
Christo: Sie sollen sich mehr Kunst ansehen, man sollte sie dazu zwingen! Aber es geht bei der Kunst nicht darum, was zu lernen. Was lernt einer, wenn er Mozart hört? Wenn es ums Erlernen geht, dann nur um die Gabe, Kunst genießen zu können. Aber wir haben immer abgelehnt, zu lehren, an Unis oder sonstwo. Wir kreieren Kunstwerke, das ist alles.

# 19. Juni: Swanee Hunt: „Ich weiss nicht, was aus Amerika geworden ist…“

Wie ist es um die US-Europäischen Beziehungen bestellt?
Hunt: Was für eine schwere Zeit! Es wird eine sehr lange Zeit dauern, bis das Vertrauen wiederhergestellt ist. Dabei kann ich mich nur daran erinnern, wie dankbar die Österreicher waren und wie sehr sie die USA schätzten. Ein Mann hatte mir sogar ein Care-Paket gezeigt. Die Österreicher wollen gute Freunde Amerikas sein – und wenn die genau diese Freunde etwas auszusetzen haben an Amerikas Rolle, dann würde ich lieber genauer hinhören als die jetzige Regierung.
Die Zustimmung für Bush & Co ist in Österreich eine der verheerendsten in der ganzen Welt. Überrascht?
Hunt: Die Werte sind ja auch in diesem Land katastrophal. Aber zu Österreich: Aufgrund seiner Geschichte passt dieses Land sehr genau auf seine Demokratie auf, Bürgerrechte, Freiheiten, Machtverteilungen. Und wenn sich dann, ausgerechnet eine so alte Demokratie wie Amerika so furchtbar benimmt, dann ist eine solche Reaktion kein Wunder. Ich sage nur ein Wort: Guantanamo Bay. Ich schäme mich selbst für mein Land, ich weiß gar nicht, was aus den USA geworden ist… Es ist eine unfassbare Schande! Und dann die ganze Debatte um den Treibhauseffekt, wie sie Ex-Vize Al Gore in seiner jüngsten Doku so alarmierend ausgebreitet hat und wie die Bush-Regierung dieses den Planeten bedrohende Phänomen weitgehend ignoriert. Die US-Regierung gefährdet unseren Planeten! Und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie stolz die Österreicher auf ihre Vorreiterrolle im Umweltschutz sind.
Warten jetzt alle auf das Ende der Bush-Ära oder ist die Zeit reif, für neue Anläufe in der transatlantischen Kooperation?
Hunt: Es gibt sicher viele in Europa, die sich über die kleinsten Änderungen in der jetzigen Machtverteilung freuen – beginnend mit den Midtermwahlen im Herbst, wo die Republikaner den Kongress verlieren könnten. Viele Amerikaner sehnen sich nach einer totalen Kursänderung.
Wie wichtig sind für die USA die Beziehungen zu Europa überhaupt noch. Die US-Bevölkerung ändert sich durch verstärkte Einwanderung aus nicht-europäischen Staaten, wirtschaftlich richtet sich Amerika zusehends zu den Boomstaaten Asiens aus.
Hunt: Natürlich gibt es für Europas Beziehungen zu den USA weit mehr Wettbewerb als früher. Trotzdem ist diese Beziehung so stark, dass sie leicht diesen Rückfall in düsterere Zeiten, ausgelöst durch die jetzige Administration, diese regelrechte Entfremdung auf beiden Seiten des Atlantiks, leicht überstehen wird. Wir brauchen Europa als Partner, wir müssen ihnen wieder zuhören, gemeinsam Ideen ausarbeiten zur Lösung der wichtigsten Probleme unserer Erde. Das war der größte Fehler mit dem Irak: Die Unsummen an Geld hätten in die Gestaltung einer besseren Welt gesteckt werden sollen.

# 3. April: Italien-Kenner Alexander Stille: „Berlusconi verliert die Nerven“

Schafft es Berlusconi noch einmal?
Stille: Unwahrscheinlich – und er scheint es zu wissen: Er verliert oft die Nerven, springt bei TV-Interviews aus dem Sessel, die Aura der Unverwundbarkeit und Magie scheint Geschichte. Und beim TV-Duell gegen Prodi hat er am Ende sogar indirekt zugegeben, die Debatte verloren zu haben indem er sich über die Regeln beschwerte. Kein Polit-Profi macht so etwas live im Fernsehen.
Wie hat es Berlusconi geschafft, die Italiener so lange in seinem Bann zu halten, trotz der katastrophalen Bilanz seiner Regierung?
Stille: Das beginnt ja damit, dass er in den meisten modernen Demokratien von einer Politlaufbahn disqualifiziert wäre: Ihm gehören die größten Privat-TV-Kanäle und er verweigerte deren Verkauf – und er wurde angeklagt und in einigen Fällen sogar wegen schwerwiegender Verbrechen verurteilt. In vielen Ländern würde er in einer Zelle sitzen und nicht im Kanzler-Büro. Wie hält er ich über Wasser? Mit seiner Fernsehmacht. TV ist heute der Sauerstoff des politischen Lebens, und er kontrolliert 90 Prozent davon, während seinen Gegnern gar nichts bleibt. Im Detail: Da gibt es seine Privat-Kanäle, die er mit eiserner Faust regiert und eine fast “bulgarische” Kontrolle ausübt. Dann kontrolliert er große Tageszeitungen, das wichtigste Wochenmagazin, Verlagshäuser und vieles mehr. Diese Medienmacht kombiniert mit der Macht der Regierung verschafft ihm unvorstellbare Vorteile: Zuletzt etwa spielte offenbar einer seiner Ministerien einem seiner Magazine ein für die Opposition hochpeinliches Audioband zu – und dann bauschen seine TV-Stationen den “Megaskandal” weiter auf. Seine ultimative Macht wird nicht nur zur Selbstbeweihräucherung und Justizabwehr missbraucht, sondern auch für Schmutzkübelkampagnen gegen die Opposition verwendet. Bei seinem letzten Amtsantritt hat er zu den Chefredakteuren seines Medienimperiums unverblümt gesagt: “Wir müssen im Chor singen! Und unsere Feinde angreifen, bevor sie es tun!”
Und die Italiener durchschauen das nicht?
Stille: Berlusconis Popularität ist gefallen, die Mehrheit der Italiener fühlt sich inzwischen manipuliert. Doch das Bombardement mit Berlusconi-Jubelberichten wirkt immer noch. Dabei ist es schockierend, wie viel sie gar nicht wissen, all die Skandale, die es niemals in die TV-Nachrichten schaffen. Und über 70 Prozent beziehen ihre News exklusiv aus dem Fernsehen, während der Anteil jener, die sich via Zeitungen informieren unter Berlusconi von 18 auf sieben Prozent geschrumpft ist. Und das Fernsehen hat bis heute keine einzige Sendung mit harten, investigativen Berichten über Berlusconis krumme Deals in Justiz, Politik und Wirtschaft gesendet. Seine Privat-Stationen dürfen nicht und das Staatsfernsehen traut sich nicht. Zwei Redakteure wurden dort prompt gefeuert, als sie kritische Berichte ausstrahlten. Im TV ist immer nur zu hören: Ja, es gibt Anschuldigungen, doch die sind Teil einer Hexenjagd der Opposition, oder der Kommunisten, glatte Lügen, um den Premier mundtot zu machen. Es fehlt die unabhängige Analyse. Wüssten die Italiener, dass Berlusconi Zeugen vor Gericht schmierte, um für ihn auszusagen, würden sie wohl nicht für ihn wählen.
Sieht so aus, als halte Berlusconi das Ganze Land als Geisel, um sich selbst zu bereichern.
Stille: Sein Vermögen hat sich seit seinem Amtsantritt verdreifacht! Er hat Gesetze zurecht gebogen, die seinen Wirtschaftsunternehmen zu gute kommen – in einer Dreistigkeit, die seines gleichen sucht. Und er lässt als Medienzar und Regierungschef die gesamte Justizgesetzgebung umschreiben, um der Strafverfolgungen zu entgehen. Oder bei umstrittenen Finanzdeals ist der zuständige Minister sein eigener Steueranwalt…
Manche bezeichnen Berlusconi als Medien-Mussolini.
Stille: Glücklicherweise leben wir in einer anderen Zeit, wo politische Konflikte nicht mehr ausschließlich gewaltsam ausgetragen werden. Wir werden uns nicht in einer Diktatur wie damals wiederfinden. Aber seine autoritären Instinkte sind durchaus vergleichbar. Und seine Macht ist allgegenwärtig: Man dreht den Fernseher auf, und sieht Berlusconi, kauft die Versicherung von Berlusconi, die Spar-Fonds, klatscht für Berlusconis Fussballklub, kauft Bücher von ihm, mietet Videos von Berlusconis Verleihfirmen, produziert von seinen Filmstudios. Das alles machte aus Italien ein viel kleineres, provinzielleres und dümmeres Land, traurigerweise. Ohne Wettbewerb gibt es keinen Fortschritt.
Was passiert, wenn er die Wahl verliert?
Stille: Er wird verbissen gegen seine mögliche Strafverfolgung kämpfen, oder gegen jegliche Änderungen seine Medien-Imperium: Es wird die Hölle für die künftige Regierung! Dieser Mann hat kein Verständnis für den Staat, für das öffentliche Gemeinwohl, für die Gesetze. Er glaubt im Ernst, dass er das beste ist, was Italien jemals passiert ist.

# 25. März: Otto Schenk: „Es ist hier jeder selber schuld, wenn es schief geht!“


Warum haben Sie ihr Gelübte, nie wieder eine Oper produzieren zu wollen, jetzt mit der Inszenierung von Don Pasquale an der New Yorker Metropolitan Opera, der “Met” gebrochen?
Schenk: Ich sagte zu mir einst: Ich muss jetzt Theater spielen! Und das, was ich glaube an Regie zu können, ganz egoistisch für mich verwenden – und nicht immer nur anderen zukommen zu lassen. Dann fühlte ich auch, dass ich nicht dauernd fünf Rollen gleichzeitig spielen kann. Zum Wortbruch haben mich zwei Dinge verleitet: Zum einen die Met, die für mich immer in Sachen Musikalität alle anderen Opernhäuser inklusive Wien bei weitem geschlagen hat. Dazu kommen diese unglaublich eifrigen und professionellen Helfer, die mir jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Es ist ein bescheidenes Haus, ein lernfreudiges Haus, ein dankbares und unerhört fleißiges Haus – bis zum letzten Arbeiter. Es ist hier jeder selber schuld, wenn es schief geht. Der zweite Grund war eine Besetzung, wie man sie auf der ganzen Welt nicht findet: Angeführt von Anna Netrebko, die einfach ein Wunder ist, und gleichzeitig dabei ein bescheidenes und mit natürlichem Selbstverständnis ausgestattetes Wesen blieb. Und das bei aller Verwöhnung, die um sie herumgeistert.
Wird sie überschätzt?
Schenk: Umgekehrt: Ich halte sie für unterschätzt. Sie singt jede Probe aus mit einer Begeisterung und einem, fast lausbübischen, komödiantischen Temperament. Sie steckt alle Partner damit an. Ihr Natürlichkeit bleibt in den vielen Medienartikeln ja unerwähnt. Ich würde mir solche Schauspieler wünschen, abgesehen von dieser himmlischen Stimme, die nie ermüdet.
Ist der Hype um sie hier in New York auch so groß?
Schenk: In diesem Haus ist man die Großen gewöhnt. Es gibt keinen Rummel. Sie folgt am Abend entspannt den Einladungen der Sissy Strauss in deren Wohnung, die da rührend aufkocht. Sissy allein war für mich ein Grund, nochmals nach New York zurückzukehren. Ich bemerke jedenfalls keinerlei Starrummel. Wir sind alle Freunde und haben viel Spass.
Es gib keinerlei Anzeichen, dass ihr der Ruhm in den Kopf gestiegen sein könnte? Keinerlei Starallüren?
Schenk: Unser Bühnenbildner Rolf Langenfass, der mir nach Monatelangen Vorgesprächen in Wien ein klar verständliches Bühnenbild hier macht, ist auch für die Kostüme verantwortlich – und hat keinerlei Probleme mit Frau Netrebko. Dabei sind Kostüme die wahrscheinlichste erste Reibungsfront bei Stars. Manchmal muss man ihren Überschwang bremsen und schauen, dass sie nicht nach hinten singt. Einmal lief sie bei einem hohen Ton über die Bühne. Warum sie das mache, wollte ich wissen. Weil ich das ganz gut kann, beim hohen Ton rennen, und springen, lachte sie.
Wie weit kommen Sie ihr entgegen bei der Regieführung?
Schenk: Entgegen kommen? Ich lasse mich beschenken. Und hoffe eher, dass ich ihr auch was schenken kann. Sie hat ja auch gar keine vorgefasste Meinung. Alles ist sehr kollegial, sehr freundschaftlich.
Wie hat man sie hier in New York empfangen, ihr Ring der Nibelungen ist ja immer noch Legende hier, obwohl man ihn in Europa vielleicht schon als altmodisch abqualifizieren würde?
Schenk: Das ist hier alles sehr gelassen, man hilft mir bei der Arbeit, nicht weil ich vielleicht berühmt bin, sondern wie einem Freund. Meine Wünsche werden mir von den Augen und den Lippen abgelesen. Mein altmodischer Ring wird halt hier geliebt. Und überhaupt: Altmodisch? Es ist ein romantischer Ring. Vor der Premiere hat man ihn auch so noch nicht gesehen. Mir sagt mein Don Pasquale, Simone Alaimo, der das schon 300 mal gesungen hat, dass ich hier alles neu mache. Das sagt mir der, der das Stück schon hunderte Male gesungen hat. Und nachher wird es vielleicht heißen, ich mache einen traditionellen Don Pasquale. Die Angst habe ich aber weniger bei den Kritikern hier in New York: Hier gibt es keine Trends. Das ist das Großstädtische an New York. Alles wird akzeptiert, anders als beim deutschen Theater, wo alle wie die Lemminge den neuesten Trends folgen.
Was sagen sie generell zu dem Regieströmungen heute, den Dekonstruktivismus, dem “Zertrümmern” von Werken, das Versetzen in eine andere Zeit?
Schenk: Mir kommt das sehr wie eine Uniformierung vor. Einer macht es dem anderen nach, und dann nennen sie es zeitgenössisch. Das englische Theater erlaubt verschiedenes, und dahin wird es beim Deutschen letztendlich wohl auch gehen. Wenn das Theater nicht verschiedenes erlaubt, legt es sich eine Konvention zu. Das ist ein Beschränkung: Warum muss jedes Stück in heutigen Kostümen spielen? Es gibt ja eine Sehnsucht im Theater, mit Hilfe des Theatralischen Menschen zu verändern, einer anderen Zeit auf der Spur zu sein, sich einer anderen Zeit zu bedienen und das so umzusetzen, dass einem das Heutige wie ein Geheimnis entgegen leuchtet. Da muss ja dann nicht unbedingt der Lohengrin im Frack auftreten, oder in Jeans. Das heißt nicht, dass so etwas ab und zu nicht gut ist. Aber wenn ich das jedes Mal, ununterbrochen so sehe, dann ist es konventionell. Die tausendste Nackerte, der fünfhundertste Urinierer ist ein konventioneller Urinierer – und nicht ein Protest. Es gab auch wilde Sachen an der Met, aber man hat sich davon entfernt. Ich will nichts gegen Kollegen sagen, aber ich warne vor einem Gesetz, die das Andere nicht erlaubt. Und ich kann auf hochmütig, kokette Weise nicht anders, als ich kann: Ein Bühnenbild, wo man sich auskennt, wo man weiß, wo man ist. Wo man weiß, dass es eine alte Oper ist. Und dazu passiert allerhand Heutiges, Neues, aber nicht gleich als sichtlich Neues erkennbar. Auch das ist ein koketter Zug meines sich Versagens einer Strömung. Und am Ende soll das Publikum entscheiden, das ist meine wichtigste Instanz.
Wenn ihnen das hier sehr gefällt, sind weitere Opern zu erwarten, in Wien etwa?
Schenk: In Wien keinesfalls. Meine Staatsopernzeit war ein Epoche, die ich sehr gern hatte. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich dort so bedient werde wie hier.
Wie erleben sie das politische Klima in den USA?
Schenk: Amerika hatte immer die brillantesten Kritiker seiner selbst gehabt. Das ist wie in Deutschland, wo die Landesverräter immer die interessantesten Deutschen waren. Vielleicht provoziert diese Gegenströmung aus “Nestbeschmutzern” hier etwas, dass eine Rückkehr der Vernunft ermöglicht. Im Moment bin ich politisch völlig ratlos. Doch in New York fühle ich mich immer wohl: Vielleicht habe ich da die Blindheit eines Verliebten.

# 20. Februar: Norman Finkelstein: „Israel nicht illegitimer als andere Staaten auch“

Finkelstein
Norman Finkelstein

Kritiker bezeichnen Ihr jüngstes Buch als glatte Anklage gegen Israel.
Finkelsteln: Ich akzeptiere generell das Konzept eines Judenstaates genauso wenig wie das eines reinen Weißen-Staates. Ich muss aber hinzufügen, dass ich Israel generell nicht für illegitimer halte wie – als altmodischer Linker – andere Staaten auch.
Israel wird trotz ihrer Bedenken weiterbestehen.
Finkelsteln: Sicher. Aber es muss sich an internationales Recht halten und die Bestatzung der Palästinensergebiete aufgeben. Und es gibt einen internationalen Konsensus, den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern einer Zweistaatenlösung zuzuführen.
Sie schießen sich fast ausschließlich auf Harvard-Rechtsprofessor Alan Dershowitz ein, dessen Buch “Plädoyer für Israel”, wo den Israel-Kritikern vor allem in Sachen Menschenrechten gekontert wird, Sie als “einen der größten akademischen Betrügereien” während des israelisch-palästinensischen Konfliktes bezeichneten. Warum wird gerade er an den Pranger gestellt?
Finkelsteln: Er hat als Harvard-Professor Gewicht, dazu in den USA einen hohen Bekanntheitsgrad. Hier auf diesem Regal stapeln sich die verheerenden Berichte von Menschenrechtsorganisationen, die Israel wahre Kriegsgreuel und eine systematische Unterdrückung der Zivilbevölkerung vorwerfen. Und das wollte er alles wegargumentieren. Israels Apologeten hören gerne derartige Lügen über die angeblich so angemessene und zurückhaltende Besatzungspolitik – und wenn sie aus Harvard kommen, um so besser. Ich habe seine Lügen enttarnt.
Kommen Ihre Bücher nicht deklarierten Israel-Feinden und Antisemiten gelegen: Die “Teheran Times” titelt etwa mit ihrer Behauptung, mit dem Holocaust-Argument werden Israel-Kritiker zum Schweigen gebracht. Dershowitz bezeichnete sie als den “Darling der Extremen Rechten in Deutschland”.
Finkelstein: Ich bin natürlich nicht glücklich über Anerkennung aus diesem Lager. Ich weiß auch, dass es bei Gruppen, die in enormer Gefahr sind, eine moralische Verpflichtung gibt, Dinge zu unterlassen: Die medizinischen Experimenten der Nazis etwa lassen sich ja auch nicht als reine “Suche nach der Wahrheit” verteidigen. Ich bin mir dieser Gefahren bewusst. Aber heute sind die Juden nicht mehr Opfer, sondern die Palästinenser. Auf ihr Schicksal sollten wir fokusieren. Das Risiko, dass einige meine Worte für ihre eigene Propaganda missbrauchen, musste ich eingehen. Und wenn ich am arabischen Newskanal Al-Dschasira mit Leuten diskutiere, die den Holocaust verleugnen, dann nenne ich sie Vollidioten. Aber ich kann diese dauernden Verteidigungstiraden für Israel nicht mehr hinnehmen: Ein Judenstaat, der Kinder tötet, Raketen in Wohnviertel schießt, foltert, dazu jüdische Organisationen, die das alles verteidigen – das fördert den Antisemitismus!
Ist Ihr Buch nicht einseitig, wenn Sie eine Litanei von Israels Vergehen gegen die Palästinenser vorlegen, doch deren Brutalitäten auslassen?
Finkelstein: Ich habe sie nicht ausgelassen. Doch die Balance in der Menschenrechtsbilanz hängt deshalb so gewaltig schief, weil sie so ist. Es gibt nur eine Kategorie, wo verglichen werden kann: Die Zahl an getöteten Zivilisten, die es auf beiden Seiten gibt. Doch in anderen Bereichen, stehen die Israelis alleine da: Die Palästinenser zerstören nicht israelische Häuser, Foltern nicht ihre Gefangenen, exekutieren nicht israelische Führer. Der Grund: Israel ist eine Besatzungsmacht und nicht umgekehrt.
Unterwerfen sich westliche Medien, besonders in den USA und in Deutschland, einer Selbstzensur wenn es um Israel geht? Warum beklatschen in den USA Buchkritiker Dershowitz und nicht Finkelstein?
Finkelstein: Alle Zeitungen folgen in den USA wie Schafe den führenden Blättern: Wenn die “New York Times” etwa ein Buch abqualifiziert, ist der Autor erledigt. Keine Rezessionen, keine Buchbestellungen von Bibliotheken, keine Auftritte, Radio- oder TV-Interviews. Hinzu kommen natürlich geschichtliche Fakten, wie der Holocaust, der bei Vielen eine automatische Reaktion zum vorsichtigen Umgang mit israelischen und jüdischen Themen auslöst – oder der Hang der Deutschen zur Selbstzerfleischung.
Sie behaupten, es würde eine wahre Hysterie über eine angebliche, neue Welle des Antisemitismus kreiert, um Kritik gegen Israel zu neutralisieren. Wie viel Antisemitismus gibt es Ihrer Meinung nach heute?
Finkelstein: Natürlich gibt es persönliche Vorurteile gegenüber Juden, doch die haben exakt null Einfluss auf deren Stellungen in Bildungseinrichtungen, am Arbeitsplatz, im Wohnbereich. Leute haben Vorurteile gegen alles mögliche, kleine Leute, große Leute, braune Leute, gelbe Leute, Juden. Aber gibt es eine breite gesellschaftliche Diskriminierung? Nein.
Die Moslemische Welt protestiert gegen dänische Karikaturen. Ist der Krieg der Kulturen auch anderswo ausgebrochen?
Finkelstein: Ich hätte mir von den Medien auch so viel Mut gewünscht, als Judenorganisationen gegen eine “antiisraelische” Zeichnung im “New Statesman” Sturm liefen. Alle sind sofort in Deckung gegangen, haben sich gleich brav entschuldigt. Es gibt offenbar einen Doppelstandard im Westen, wenn es um Juden und Moslems geht. Bei der ganzen Kampagne für Pressefreiheit geht es wohl nicht um die Verteidigung des Liberalismus und der Demokratie solange es unterschiedliche Standards im Umgang mit möglichem Antisemitismus und der Verunglimpfung des Propheten Mohammed als Bombenwerfer gibt.
Wie geht es nach dem Wahlsieg der Hamas in Nahost weiter?
Finkelstein: Jetzt ist das Geschrei im Westen groß nach einem Hamas-Boykott. Ich kann mich nicht entsinnen, das es ähnliche Proteste gab, als Israel mit Sharon einen Massenmörder zum Premier wählte. Und was man der Hamas zu Recht an Verbrechen vorwirft, hat die USA in einer Woche in Faludscha zu verantworten.
Sharon agierte zuletzt doch moderater.
Sharon: Keinesfalls. Alle Grundsteine für den permanenten Landraub an den Palästinensern, besonders rund um Jerusalem, wurden einzementiert. Der Rest ist doch Theater: Wenn die Armee zum Schutz der Settlements abziehen würde, folgen die Siedler in zwei Minuten! In Falle Gaza bleiben doch 60.000 Siedler nicht unter 1,5 Millionen Palästinensern zurück – ohne Armeeschutz. Die tränenreichen Räumungen in Gaza war doch bloß eine Show: Die Steven-Spielbergisation des Israelisch-Palästinensischen Konfliktes.
Was bedeutet die Hamas für den Friedensprozess?
Finkelstein: Ich finde deren Forderungen gar nicht übertrieben: Wir sollen uns entwaffnen? Entwaffnet ihr doch auch! Ihr wollt, dass wir keine Zivilisten angreifen? Dann stellt eure Attacken auf unsere ein! Ihr wollt, dass wir Israel anerkennen? Keine israelische Regierung hat jemals das Recht der Palästinenser anerkannt, in den von der internationalen Gemeinschaft vorgesehenen Grenzen zu leben. Sharon war zuletzt bereit, die Hälfte der Westbank zurückzugeben, das sind 22 Prozent des einstigen Palästina. Hamas würde sicher ein Israel anerkennen, dass zehn Prozent des Territoriums erfasst…
Kann die Welt zulassen, dass Iran eine A-Bombe herstellt?
Finkelstein: Iran hat das internationale Recht noch nicht verletzt. Und wenn es um den Atomwaffensperrvertrag geht, dann bleibt stets unerwähnt, dass den Israel erst gar nicht unterschrieben hat. Und was die Gefahren betrifft: Die Leute, die hier in den USA am Ruder sind, sind Verrückte und Fanatiker – und bedrohen den Weltfrieden wie keine andere Nation.
Das meinen sie ernst?
Finkelstein: Absolut. Die USA sollten als erste entwaffnet werden.
Sie nannten zuvor die Selbstzerfleischung der Deutschen in Sachen NS-Vergangenheit. Den Österreichern kann man das nicht vorwerfen…
Finkelstein: In Österreich fehlt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit seinen historischen Verantwortlichkeiten. Doch ich tue mir schwer, als Amerikaner Noten zu verteilen, wenn die moralischen Standards in diesem Land so derartig tief liegen. Nachdem die USA laut Schätzungen drei bis vier Millionen Südostasiaten tötete, wurde hier nur gefragt: Haben sich die Vietnamesen bei uns ordentlich entschuldigt?
Österreich musste zuletzt wertvolle Klimt-Bilder retournieren.
Finkelstein: Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern, die den Holocaust überlebten, übermäßig an Restitutionsfragen interessiert waren. Die trauerten eher um all die umgekommenen Verwandten. Die Reichen konnten sich retten, und verloren ein paar Bilder und Immobilien. Die Armen starben in den KZs. Die ganze Kunstrestitutionsfrage betrifft eine Handvoll Leute.
Ihre Gegner haben versucht, die Publikation ihres Buches zu verhindern.
Finkelstein: Dershowitz schrieb einen Brief an Gouverneur Schwarzenegger, Druck auf den kalifornischen Verleger auszuüben, um die Veröffentlichung zu verhindern. Er hat eine Intervention aufgrund der akademischen Freiheit abgelehnt.