Stories 2001-H1


1. Jänner: Bushs White House


George W. Bush wird seinen neuen Arbeitsplatz völlig leergefegt vorfinden: Die am Vortag zur Inauguration zum 43. US-Präsidenten am 20. Jänner aus dem Weissen Haus ausgezogene Mitarbeiter des Vorgängers Bill Clinton haben ihre Schreibtische ausgeräumt, alle relevanten Daten auf ihren Computerfestplatten gelöscht, Fotos ihrer Angehörigen weggepackt. Das regelrechte Blankfegen ist keine Rache, sondern nach dem 1978 verabschiedeten “Presidential Records Act” vorgeschrieben: Alle offiziellen Unterlagen sind Eigentum der Vereinigten Staaten und gehen in den Besitz des “National Archives” über. Dutzende Kisten mit Dokumenten und Büromaterial sind bereits auf dem Weg in Clintons Heimatstaat Arkansas, als künftiger Teil seiner Präsidentschaftsbibliothek in Little Rock.
Die Machtübernahme des Republikaners George Bush nach acht Jahren der turbulenten wie erfolgreichen Clinton-Ära könnte dramatischer kaum ausfallen: Ausgewechselt wird der gesamte 96köpfige Personalstab (von der Sekretärin im Vorzimmer des weltberühmten Oval Office bis zu den Chefstrategen des Nationalen Sicherheitsrats hinter dem Konferenzraum). Einige der insgesamt 132 Zimmer des Weißen Hauses umdekoriert (besonders die Privatgemächer im Ostflügel). Unter Bush sollten wieder traditionellere Zeiten in das genau 200 Jahre alte Gebäude einkehren: Keine “langhaarigen Männer, die ihre Füsse auf den mit Pizzaschachteln bedeckten Konferenztischen hochlageren”, wie sich der Erzkonservative Ex-FBI-Mann Garry Aldrich in seinem Buch “Inside the Clinton White House” entrüstete, sondern geschniegelte, in dunkle Anzüge gesteckte Konservative unter der strammen Führung des neuen Stabschef Andrew Card (dem Ex-Chauffeur von Mr. Bush senior) geben fortan den Ton an.
Ein dramatischer Rollenwechsel steht auch im “Office der First Lady” bevor:
# Der Powerfrau Hillary Rodham Clinton folgt die scheue, eher unpolitische Schulbibleothekarin Laura Welch Bush nach: Als First Lady von Texas engagierte sich die 54-jährige beim Kampf gegen das Analphabetentum, schaffte Gemälde für die Landesgallerie an und setzte sich für Brustkrebs-Früherkennung ein.
Das Redesign des für die Amerikaner so symbolträchtigen Gebäude mit der Adresse 1600 Pennsylvania Avenue im Herzen der Kapitale Washington D.C. dürfte ebenfalls dramatisch ausfallen: Nachdem Hillary Clinton etwa den von ihrer Vorgängerin Barbara montierten, 54 Meter langen und im dunklen “Bush-blau” gehaltenen Riesenvorhang (Damast) im Oval Office wegpacken und Seidentapeten von Nancy Reagan von der Wand reißen ließ, erinnert nun das neue Dekor an den Lieblingsort der Bushs, der inzwischen weltberühmten 640-Hektar-Ranch im texanischen Crawford, ein Flair wie in einer Rangerstation eines Nationalparks – schwarzer Holzboden, wuchtige Holzsesseln, rustikale Möbel.
Am dramatischsten wird der politische Umbruch, der sich in drei Wochen bei der pompösen Inaugurations-Feier an des Westseite des Kapitols vor 200.000 Festgästen und Millionen TV-Zusehern rund um den Erdball vollzieht. Das Kabinett des 54-jährigen Texaners und Sohn des Golfkriegspräsidenten deutet auf eine massive Kurskorrektur hin:
# Der farbige Shootingstar Colin Powell, der als US-Truppenchef bei der Invasion in Panama und bei der Golfkriegs-Operation “Dessert Storm” für Furore sorgte, wird fortan als Außenminister eine weitaus rigidere Aussenpolitik forcieren. Die USA sollten sich militärisch nur mehr in Konflikte einmischen, wo das “US-Interesse glasklar, die Siegeschancen überwältigend und die Exit-Strategie offensichtlich sind”, wurde das Comeback der Golfkrieg-Doktrien im Wahlkampf ausformuliert. Powell und der damaligen Verteidungsminister und jetzige Vizepräsidenten Dick Cheney gelten auch als Chefarchitekten einer rigiden Pressepolitik, die – anders als in Vietnam – Journalisten von den Kriegsschauplätzen fernhielt. Top-Beraterin von Bush senior war damals Condoleezza Rice, die Nationale Sicherheitsberaterin wird;
# Globalen Sprengstoff könnte auch die Nominierung des 68-jährigen Donald Rumsfeld zum neuen Verteidigungsminister bergen: Der Konservative, der zwischen 1975 und 1977 unter Gerald Ford schon einmal diesen Posten ausübte, machte sich unter Aufrüstungsfans einen Namen, als er 1998 als Kommissions-Leiter das Bedrohungspotentials durch Raktenangriffe hinaufschraubte – als Grundlage für den Bau des 60 Milliarden Dollar teueren Star-Wars-Programms “National Missile Defense” (NMD). Experten warnen vor einem neuerlichen Wettrüsten mit den Atommächten Russland und China. Rumsfeld soll die von Bush im Wahlkampf versprochenen Restaurierung der US-Streitkräfte durchführen.
# Bush hat auch deutliche Signale für den rechten Republikaner-Rand gesetzt: Als Justizminister wurde Ex-Senator John Ashcroft vorgeschlagen, der als ultrakonservativer Moralapostel (er forderte als erster die Clinton-Amtsenthebung im Sexskandal “Monicagate”), rigeroser Abtreibungsgegner oder Advokat des freien Waffenzugangs aufgefallen war. Er hatte im November seinen Missouri-Senatssitz gegen den bei einem Flugzeugabsturz getöteten Mel Carnahan verloren. Das Bestätigungs-Prozedere, das ab 8. Jänner im mit je 50 Abgeordneten geteilten Senat beginnt, dürfte für den Chef des 130.000-Mitarbeiter-Riesenministeriums zum Spiessrutenlauf eskalieren: Zuletzt wurde enthüllt, dass Ashcroft genau zu jener Zeit, als er beim Impeachment-Verfahrenen im Senat über Clinton zu Gericht saß, seine Liste potentieller Spender an Linda Tripp verlieh, die den Sexskandal 1998 ins Rollen gebracht hatte.
Wirklich entscheidend für den Erfolg des texanischen Sunnyboys mit bloß fünfjähriger Politerfahrung wird jedoch die Performance seines engsten Beraterstabes, die in den engen Büros des “West Wings” werken (das Weisse Haus ist wesentlich kleiner als es in TV-Bildern wirkt). Bush delegiert die Hauptlast an loyale Mitarbeiter, Texas etwa regierte er als Gouverneur leger, machte täglich zwei Stunden Mittagspause und setzte Meetings nie später als 17 Uhr an. In das Büro gleich neben dem Essraum und dem berühmten Lesezimmer als Schauplatz des Clinton-Oralsex mit der Praktikantin Monica Lewinsky, dürfte Wahlkampf-Chefstratege Karl Rove als Top-Berater einziehen, mit sogar noch mehr Durchgriffsrechten. Ari Fleischer wurde zum Pressesprecher berufen, ebenfalls eine Stütze des Bush-Wahlkampfes: Mit Grauen dürfte er die Eröffnungs-Pressekonferenz des ersten Clinton-Sprechers George Stephanopoulos vor acht Jahren vor Augen haben, der vom notorischen “White House Press Corps” regelrecht hingerichtet worden war.
Mit Rieseninteresse verfolgen die Amerikaner auch die traditionelle Ablöse präsidialer Haustiere: Clintons “First Dog”, Labrador “Buddy”, dürfte ein elfmonatiger Terrier (schwarz mit einem weissen Fleck am Hals) nachfolgen – als viertes Bush-Haustier neben dem Spaniel “Spot” und den zwei Katzen “Ernie” und “India”.

5. Jänner: Clintons Bilanz

Wenn ich in den nächsten 16 Tagen nichts schlafe”, scherzte der Präsident, “dann wird es sich anfühlen, als wäre ich noch weitere vier Jahre im Amt”. Mit Galgenhumor, Nostalgie und einem Feuerwerk an Last-Minute-Politik scheidet William Jefferson Clinton nach acht Jahren aus dem Oval Office. Clinton rakert, als würde die Welt am 20. Jänner enden – der Inauguration seines republikanischer Nachfolger George W. Bush: Clinton hält Nahost-Friedensgespräche non-stopp, ernennt Bundesrichtern, schützt per Gesetz ein Drittel aller Bundeswälder vor Holzfällern, gibt Serieninterviews. Nächsten Samstag wird er seinen Amtsflieger “Air Force One” zum letzten Mal besteigen – mit einem One-Way-Ticket nach New York City, wo er die erste Nacht in seiner Villa im New-York-Suburb Chappaqua verbringen wird.
Diese Woche erlebten die Amerikaner eine Nostalgietour durch New Hampshire: Clinton wollte sich für die Treue der Bürger bei den legendären Primaries 1992 bedanken, als er beinahe im Sexskandal mit der Sängerin Gennifer Flowers untergegangen war – jene dramatischen Stunden, wo sein Ruf als “Comeback Kid”, als Polit-Überlebenskünstler, geboren wurde (Vorlage für den Bestseller “Primary Colors” des Star-Reporters Joe Klein). Tatsächlich stand kaum ein Präsident derart oft am Abgrund: Clinton überlebte des Chaos der ersten beiden Amtsjahre samt der spekatkulär gescheiterten Gesundheitsreform, eine bespiellose Skandalsserie (von “Whitewater” bis “Travelgate”) und den Jahrhundertsexskandal um die bizarre Oralsexaffäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky.
“Es ist die Story zweier Präsidenten”, sagt Stabschef Leon Panetta – ein Wechselbad zwischen brillianten Polit-Coups und peinlicher Blowjobs:
# Clinton definierte als erster “Pop-Präsident” das behebige Amt völlig neu, steuerte die Demokratischen in die politische Mitte und die Nation durch regelrechte Wirtschaftswunderzeiten, wurde zum Schwarzen-Fürsprecher, positionierte die USA als einzig verbliebene Supermacht nach dem Ende des Kalten Krieges und propagierte die Welt als “Global Village”.
# Doch niemand seit “Watergate”-Präsident Richard Nixon polarisierte die Amerikaner wie Clinton: Unter dem Trommelfeuer der Extremen Rechten, die den Underdog aus ärmlichen Verhältnissen in der Arkansas-Provinz als “Ursurpator” ohne Legitimation verachteten, verblüffte Clinton mit erstaunlich verantwortungslosen Eskapaden sogar seine engsten Freunde. Viele fühlen sich persönlich betrogen, oder beklagen die vergeudeten Chancen durch die paralysierende Odyssee “Monicagate”.
Auch deshalb stieg Clinton keineswegs in den Olymp der präsidialen Superstars auf: 58 Geschichtsprofessoren hatten zuletzt in einem Ranking seine Präsidentschaft als “durchschnittlich” bezeichnet – er rangiert knapp hinter George Bush senior an 21. Stelle. Für Swanee Hunt, der Ex-US-Botschafterin in Wien, wird man sich langfristig hingegen an die “unglaubliche Demokratisierung” erinnern: “Er hat den direkten Diskurs mit Bürgern zu wichtigen Themen begonnen, das Weisse Haus für das Volk auch politisch geöffnet”.
Historiker teilen die achtjährige Clinton-Ära bereits in vier Kapitel ein:
# Das Chaos der Machtübernahme (“Transition”), das 1994 in der Übernahme des Kongresses durch die Republikaner endete;
# das Comeback zur Wiederwahl 1996 (als erster Demokrat seit Theodore Roosevelt);
# Den Tiefpunkten im Skandal “Monicagate”
# die versuchte Rettung seines Erbes in der Post-Impeachment-Ära – wo er jedoch seinem Kronprinz Al Gore in der Wahlschlacht 2000 kaum helfen durfte und die bittere Niederlage im Florida-Nachwahlkrieg mitansehen musste.
Die 281-Millionen-Einwohner-Nation ist zweifellos ein sicherer, reicherer und optimistischerer Ort als nach den 12 Jahren Regentschaft seiner konservativen Vorgänger. Als Clinton Mitte März 1993 das Amt vom Golfkriegspräsidenten George Bush übernahm, wies das Budget ein Defizit von 290 Milliarden Dollar aus, der Wirtschaftspessimismus war latent. “Alle haben gesagt, es drohe deshalb das Ende der Zivilisation wie wir sie kennen”, erinnert sich Clinton in einem Interview.
Heute blicken die USA auf den mit 116 Monaten ununterbrochener Expansion längsten Wirtschafts-Boom ihrer Geschichte zurück: Im Vorjahr gab es einen Budgetüberschuss von 237 Milliarden Dollarcht, 50 Prozent der US-Bürger besitzen Aktien und partizipierten am Wirtschaftswunder. Doch obwohl der Wohlstandsschub alle Schichten der Bevölkerung erreichte, bestehen viele haarsträubende Missstände weiter: So leben in der größten Volkswirtschaft der Erde 12,7 Prozent der Bürger in Armut (1993 waren es 15,1 %), 16,3 Prozent haben keine Krankenversicherung (sogar knapp mehr als vor acht Jahren). Die Schlacht um die Sozialhilfereform 1995 wurde zur Kraftprobe mit seinen eigenen Fans: In einem Deal mit den Republikanern tolerierte Clinton weitreichende Sozialkürzungen.
Historisch dürfte Clintons radikales Umkrempeln der demokratischen Partei sein: Für Konservative standen “Democrats” zuvor für “Soft on Crime”, hohe Steuern, Big Government, Almosen für “Sozialschmarotzer”. Unter Clintons “Third Way” reiht sich die USA mit über 100 Hinrichtungen pro Jahr heute gleich hinter China, dem Iran, Saudiarabien und dem Kongo, patrollieren Hunderttausende Cops die Metropolen, sitzt eine Rekordzahl von fast zwei Millionen hinter Gittern. Clinton stahl populäre Themen der Republikaner und führte die “New Democrats” in die Mitte. Das Konzept wurde von Tony Blairs “New Labour” in Großbritannien erfolgreich kopiert.
In Sachen Aussenpolitik setzte Clinton mit 300 Handelsabkommen auf die Dynamik des freien Handels und der Marktwirtschaft – mit gemischter Bilanz: China´s KP agiert trotz Aufnahme des Riesenstaates in die WTO repressiv wie immer, und Russland kolabierte 1998 beinahe im Chaos einer radikalen Öffnung zum Kapitalismus. Die Finanzkrise in Südostasien wird ebenfalls der von den USA forcierten, zu raschen Öffnung zu den internationalen Finanzmärkten angelastet. Letztendlich erfolgreich war Clinten am Balkan, trotz zögerlichen Eingreifens 1995 in Bosnien und 1999 im Kosovo. Ein Friedensabkommen zwischen Israelis und Palästinensern dürfte ihm auch in den letzten Wochen verwehrt bleiben.
Der mit 54 Jahren jüngster Präsidenten-Pensionist seit Roosevelt wird zunächst Geld scheffeln wollen: Mit zwei geplanten Büchern, einer möglichen TV-Show und hochdotierten Vorträgen müssen die 60 Millionen Schilling Anwaltsschulden, die 26 Millionen teuere Villa in Chappaqua sowie das letzte Woche in Washington um stattliche 44 Millionen Schilling angemietete Hauptstadt-Domizil finanziert werden. Hillarys Rekordvorschuss auf ein White-House-Insiderbuch in der Höhe von 124 Millionen dürfte die finanzielle Zukunft des Polit-Powerduos vorerst sichern.

5. März: Bush vs. die englische Sprache

Das Presse-Pool des Weissen Hauses reagierte erstaunt über eine neue Kultur der Pünktlichkeit: Ex-Präsident Bill Clinton ließ die Reporter stets endlos lange warten, konnte sich dafür in seinen Pressekonferenzen dann erst nach der doppelten vorgesehenen Zeit vom Mikrophon trennen. Das Timing seines Nachfolgers George W. Bush bei seinem ersten Presseauftritt verspricht eine Trendwende: Bush erschien pünktlich und verliess das Pult exakt nach der versprochenen halben Stunde. Wenig präzise geriet die Demonstration seines Fachwissen: Peinliche Verwechslung schickten neuerlich Schockwellen rund um den Globus. Bange wird gefragt: Ist der Führer der einzig verblieben Supermacht USA intellektuell in der Lage, im Notfall seinem eigenen Verstand zu vertrauen? Bereits im Wahlkampf des Vorjahres hatte der Sohn des Golfkriegs-Präsidenten durch schockierende Ahnungslosigkeit in Sachen Weltpolitik, sprachliche Stilblüten, ein kurzes Namensgedächtnis und sogar “Arschloch”-Journalistenbeschimpfungen für Aufsehen gesorgt. Genüsslich hatten US-Medien seine akademischen Ambitionen als gerade ausreichend zur Vermeidung eines handfesten Familienskandals bezeichnet, mit einer endlosen Serie an “genügend” schaffte Junior den Studienabschluss in Yale. Doch der Sunnyboy aus Texas versprach “mangelnde intellektuelle Kuriosität”, wie renommierte Zeitungen den Dämlichkeits-Verdacht umschreiben, durch Hausverstand und Bürgernähe wettzumachen.
Für Dauerschlagzeilen und Munition für die abendlichen Talkshows sorgen vor allen Bush´s Attacken auf die englische Sprache, unter “Bushism” (Bushismen) bereits mit eine Fachterminus versehen. Internet-Websites bieten täglich aktualisierte Sammlungen aller Stilblüten des US-Präsidenten an:
# Häufig verwechselt Bush Worte, die Sätze völlig enstellen: “Meine Pfanne wird helfen, den nationalen Schuldenberg abzutragen”, sagte er in einer Budgetrede an den US-Kongress. Gemeint war “plan”, nicht “pan” (Pfanne). Bushism-Watcher zählten bisher 28 missbräuchlich verwendete Worte im Sprachschatz des Texaners. Einmal verwechselte er sogar Maschettenknöpfe mit Handschellen (“cufflink” vs. “handcuff”), dann warnte er, dass Terroristen die USA nicht “feindlich” halten können (gemeint war “hostage”, Geiselhaft, und nicht “hostile”, feindlich).
# Ebenso spektakulär sind seine Probleme mit der englischen Grammatik, besonders Singular und Plural˙ geraten oft durcheinander: “Lernt unsere Kinder genug”, fragte er im Wahlkampf;
# Und häufig sagt Bush Dinge, die völlig offensichtlich sind: “Ein Grund ist, warum ich so sehr auf das Lesenlernen fokusiere. Es die Grundlage für jedes Kind, ein guter Student zu werden”. Dann wieder bekräftigte er, dass es gut ist, ein Zuhause zu haben, oder definierfte seine Pro-Life-Position in der Abtreibungsdebatte damit, “dass es Leben gibt”.
Die Top-Authorin Gail Sheehy attestierte dem Republikaner in einem aufsehenerrregenden Artikel in “Vanity Fair” die Sprachstörung “Dyslexia”, eine Art Leseunfähigkeit. Dafür wird eine Abnormität des für die Sprache verantwortlichen Teil des Gehirns ausgemacht. Bush bezeichnete die Vorwürfe als “Fiktion”, schien sie durch seine Wortwahl jedoch gleich zu bestätigen: “Die Frau, die behauptet, ich hätte Dyslexia”, sagte er gut gelaunt bei einem Abendessen vergangenen Herbst: “Ich habe sie nie interviewt!” Zugegeben hat der Bush-Clan bisher nur, dass Bush´s jüngster Bruder Neil an Dyslexia leidet.
Beunruhigender als die oft erheiternden, eher an Volksschüler erinnernden Stilblüten, sind eklatante Wissenslücken: Seit Bush im Wahlkampf in einem TV-Interview die Führer von vier Krisenregionen nicht benennen konnte, die Slowakei und Slowenien verwechselte, über Griechianer berichtete und Pakistans Armeechef zum Militärputsch gratulierte, kämpft sein engster Beraterstab um Schadensbegrenzung. Fehltritte gibt es jedoch nicht nur in Sachen Aussenpolitik: Zunächst behauptete er, sein Kontrahent Al Gore tue so, als wäre das US-Pensionsystem “Social Security” ein Bundesprogramm (was es natürlich ist). Dann hielt er seine vorgeschlagene Arbeitsministerin Linda Chavez “nach dem Studium von Presseberichten für überaus qualifiziert”. Meist gehen auch seine Verteidigungsreden ins Lehre: Leute, die glauben, ich sei nicht gescheit genug für das Amt des Präsidenten, fehl-unterschätzen mich”, sagte er der Zeitschrift “U.S. News & World Report”.

20. Mai: Bush sucht nach Arktis-Öl

Wenn im Sommer hunderte Renntiere, “Caribous” bezeichnet, auf den saftigen Weiden der aufgetauten Tundra grasen, offenbart sich die Einzigartigkeit des Naturschutzreservats “Artic National Wildlife Refuge” im Nordosten Alaskas. Naturschützer bezeichnen den Naturpark als “Amerikas Serengeti”. Geht es nach dem Plänen des neuen US-Präsidenten George W. Bush, sollen ausgerechnet dort Bohrtürme hochgezogen und Pipelines verlegt werden. Experten schätzen, dass dort jeden Tag 600.000 Barrells Rohöl pro Tag gefördert werden könnten. “Das wäre genau jene Menge”, freute sich Bush in der Vorwoche, “die die USA heute aus dem Irak importiert”. US-Umweltschützer scharen sich unter dem Motto der populären TV-Serie “Ausgerechnet Alaska” zum Kampf um den Erhalt des entlegensten Naturreservates Nordamerikas.
Es wird nicht der einzige Kriegschauplatz zwischen den Ex-Ölgeschäftsmännern Bush und seinem Vize Dick Cheney blieben. Auf 170 Seiten hat einen von Cheney unter strengster Geheimhaltung agierende und intensive Kontakte zu Energiemulties haltende Taskforce über 600 Einzelmaßnahmen zur Lösung der US-Energiekrise dargelegt:
# Bei der Öl- und Gasförderung sollen Vorschriften gelockert werden, Genehmigungen für den Bau neuer Raffenerien schneller gegeben werden. Der Focus bei Genehmigungen richtet sich von “Warum soll gebohrt werden?” zu “Warum nicht?”. Die umstrittensten Projekt sind in Alaska und vor der Küste Floridas – wo der größte Widerstand ausgerechnet vom Gouverneur und Bush-Bruder Jeb kommt.
# Der Plan setzt auf den Neubau hauptsächlich kalorischer Kohlekraftwerke: 31 Milliarden Schilling sollen in die Entwicklung “Sauberer-Kohle”- Technologie investiert werden – immerhin wird 50 Prozent der US-Energie aus Kohle gewonnen. Bush/Cheney setzen in dem Plan auch auf ein Comeback der Nuklearenergie: Die Suche nach einem Endlager soll vorangetrieben, wie der Neubau von Atomkraftwerken durch Steuergeschenke erleichtert werden. 103 Reaktoren liefern 20 Prozent des Strombedarfs, doch ist seit 1973 kein einziges AKW mehr ans Netz gegangen.
# Maßnahmen sollen auch in Sachen erneuerbare Energien und Einsparungen gesetzt werden – doch lieget das Budget weit unter dem des Vorgängers Bill Clinton. Auf Reduktion des CO2-Emissionen unter dem Kyoto-Klimaprotokoll, von Bush unter wütenden Protesten vor allem aus Europa im März als “tot” erklärt, geht der neue Plan nicht ein.
Fokusiert auf “grüne” Alternativenergien und Einsparungen, das Zentralthema bei Bushes “Verkaufstour” durch die USA: Seit der Vorwoche spricht er vor Hackschnitzelkraftwerken oder besucht Wasserkarftwerke mit einem Lift für Lachse. Er werde einen Kompromiss zwischen der Energie-Produktion und dem Umweltschutz herbeiführen, sagt der Texaner. Doch trotz der grünen Verkaufsstrategie sind die klare Gewinner Multis aus der Öl-, Gas-, Kohle- oder Nuklearenergie, die Millionen Dollar in den Bush-Wahlkampf investierten.
Peinliche Stromausfälle sowie Bankrott-Erklärungen von Stromfirmen durch einen verunglückte Deregulierung in Kalifornien wird zu einer nationalen Energiekrise ähnlich dem Ölschock der 70iger Jahre hochstilisiert. 260 Stunden an “Rolling Blackouts” (Bezirksweisen Stromabschaltungen) wurden in Kalifornien für diesen Sommer vorhergesagt, zuletzt legte ein Stromausfall sogar das Internet-Portal “Yahoo!” lahm. Prompt wurde bevölkerungsreichte Staat zum “Ground Zero” der Politschlacht zwischen Republikaner und Demokraten: Gouverneur Gray Davis schob den Anstieg der Megawatt-Durschnittskosten von 30 auf 2000 Dollar in nur einem Jahr Preisabsprachen texanischer Stromerzeuger in die Schuhe. Doch trotz der rasanten Perisanstiege liegt das Energiebudget der US-Familien mit fünf Prozent deutlich niedriger als etwa unter Ronald Reagan (8 Prozent) in den Achtzigern.
“Die Energiekrise ist keine Entschuldigung dafür, um eine Umweltkrise auszulösen”, wetterte Ex-Vize-Kandidat und demokratischer Senator Joseph Lieberman. Die Amerikaner, die pro Bürger um 50 Prozent mehr Energie verbrauchen als jeder Westeuropäer, zeigen sich nur in Meinungsumfragen grün: In einer CBS-Umfrage wollen 60 Prozent lieber Energie konservieren als die Produktion erhöhen. Gleichzeitig hat die Benzin-Effizienz amerikanischer Autos durch den Siegeszug wuchtiger “Sport Utility Vehicles” (SUV) und Pickup-Trucks den niedrigsten Wert seit 1980 erreicht: Im Schnitt rollen die US-Karossen pro Liter Benzin nur mehr 10,34 Kilometer weit.

2. Juni: Der Whisky-Millionär als Bushs Ösi-Botschafter

Mr. Lyons Brown jr. ist kein Mann, der die Öffentlichkeit sucht: Seit seinem Abgang als “Chief Executive Officer” (CEO) des Sprirituosen-Giganten Brown-Forman in Louisville (Kentucky) 1993 ist sein Name selbst aus den lokalen News verschwunden. Als Vorstandsmitglied der Firmen “Pennzoil-Quaker State Company” oder “Westvaco Corporation” machte Brown kaum Schlagzeilen, als stiller Spendensammler für die Republikaner im allgemeinen und den Bush-Politdynastie im besonderen ebensowenig. Als der fast 65-jährige zuerst von Austro-Aussenminister Benita Ferrero-Waldner inoffiziell, kurz darauf vom “Press Office” des US-Präsidenten George W. Bush offiziell als designierter US-Botschafter in Wien verkündet wurde, ist er überhaupt auf Tauchstation gegangen: Alle Anfragen werden an das White House weitergeleitet, wo man Brown bis zum Senats-Bestätigungs-Hearing einen Maulkorb verpasst hat.
Dabei wird in Österreich bereits heftig spekuliert: Wer ist William Lee Lyons Brown jr., der ab Sommer agierende Bush-Statthalter und Nachfolger von Kathryn Hall in der Wiener Boltzmanngasse? Recherchen in Kenntucky und New York bringen erste Erkenntnisse über das Phantom:
# Brown war 18 Jahre Chef der US-“Fortune-500-Company” Brown-Forman – bekannt vor allem für Spitzen-Whisky wie Jack Daniel´s und Southern Comfort–, entstammt einer steinreichen und konservativen Familiendynastie und ist loyaler sowie spendabler Unterstützer des Bush-Clans.
# Brown wird als hart arbeitender, beliebter und verlässlicher Geschäftsmann beschrieben. Es gäbe wenig, daß an ihm vorbeigeht, sagen Freunde und jeder der mit ihm zu tun hat, bekomme ein Update fast jeden Tag. Politisch agiert er lieber im Hintergrund als selbst im Rampenlicht zu stehen.
# Brown hat keinerlei diplomatische Erfahrung, in seiner einzigen offiziellen politischen Position agierte er zwischen 1987 und 1994 als einer von 40 in einem Berater-Komitee des Präsidenten für internationale Handelsfragen.
# Brown ist innerhalb der Republikaner ein auf nationaler Ebene einflussreicher Fädenzieher: Seine Nominierung wird als Aufwertung Austrias in den Augen der neuen Bush-Administration gewertet – mit der Aussicht auf bessere Beziehungen zur Wiener Rechtskoalition.
Furore machte Brown, von Freunden “Lee” genannt, als Spendensammler von Bush senior. Als einer von 249 rangierte er in dessen Wahlkampf 1988 im exklusiven Club “Team 100”, das Mindestzuwendungen von umgerechnet 1,6 Millionen als Aufnahmekriterium vorsieht und exklusive Zusammenkünfte mit Top-Politikern organisiert. Laut einem Report des “Common Cause Magazine” investierte seine Firma 4,8 Millionen Schilling an “Soft Money” 1988 in die Bush-Wahlschlacht, die Partei und dem “President´s Dinner Fund”. Der Löwenanteil eines 142-Millionen-Schilling-Bundeshilfsprogramms zur Bewerbung von Kentucky-Bourbon in Übersee wurde später an Brown-Forman ausgezahlt. “Unsere Überseegeschäfte erreichen ein neues Rekordvolumen”, schrieb er 1991 erfreut an die Aktionäre.
Brown blieb der Bush-Famile gewogen: Zwar spendete er für Bush jr. direkt nur 16.000 und dann 80.000 Schilling für den Florida-Recount-Fonds, doch überwies er im Wahlzyklus 1999-2000 2,1 Millionen an die “Republican National Committee” sowie Bundes- und Landeskandidaten. Warum so wenig an Bush direkt, während einige seiner Botschafterkollegen mit Zuwendungen von bis zu drei Millionen Schilling auffielen? “Es gab für Bush ohnehin ein Rekordspendenaufkommen, er hat vielleicht nicht die Dringlichkeit gesehen.”, sucht Rebecca Jackson, Gerichtshofpräsidentin des “Jefferson County”, nach einer Erklärung: “Und wenn er zum Telefon greift, passieren Dinge prompt – wer weiß, vielleicht hat er den Spendenfluss koordiniert”. Sein Cousin Owsley Brown-Frazier trommelte jedenfalls die lokale Prominez zu einem stattlichen Bush-Fundraiser zusammen. Im Mai 2000 besuchte der damalige Kandidat das Kentucky-Derby, das berühmteste Pferderennen des Landes. Die Belohnung an den Bourbon- und Pferdezucht-Staat: Zwei Botschafter-Posten, neben Brown wurde der Derby-Veranstalter und Bush-Freund William S. Farish Botschafter in London.
“Leute ohne diplomatische Erfahrung in Übersee einzusetzen hat in Amerika Tradition”, sagt Mitch McConnel, Republikaner-Senator und Freund Browns seit 25 Jahren: “Doch er wird sich aufgrund seiner Erfahrung als knallharter Geschäftsman schnell zurechtfinden”. Tatsächlich hat Brown in den 18 Jahren als CEO & Präsident von Brown-Forman (von Ur-Großvater George Garwin-Brown 1870 gegründet) eine respektable Erfolgsbilanz vorzuweisen: Als er 1993 die Geschäfte an seinen jüngeren Bruder übergab, waren die Umsätze von 5,8 Milliarden Schilling auf 27 Milliarden explodiert. Die Firma vertreibt heute zusätzlich zu Spirituosen und Wein Konsumgüter von Kristallluster bis Reisetaschen. Brown-Forman ist einer der ältesten Familienbetriebe der USA – nur zweimal führten Outsider die Firma an. Sohn Lyons Brown, der Dritte, werkt als Vizepräsident im Top-Management. Die rund 800 Mitarbeiter in Lousiville werden mit Top-Arbeitsbedingungen motiviert: Das Gelände mit durch unterirdische Gängen verbundenen Ziegelgebäude im Warehouse-Style wird Campus genannt, die Cafeterie bietet Gourmet-Food, zusätzlich gibt es Fitnesscenter und Grillabende für die Belegschaft.
Für die Familie und Brown selbst, der mit Ehefrau Alice Cary Framer neben Lyons III noch Sohn Stuart Randolph und Alice Cary hat, hat es sich finanziell ausgezahlt: In seinem mehrere Hektar großen Anwesen namens “Fincastle” an der Wolf Pen Branch Road in Prospect nahe Louisville ist nur das Dienstbotenhaus von der Straße aus zu sehen, die Hauptgebäude sind erst nach mehrminütiger Fahrt über eine schmale Privatstraße erreichbar. Zudem unterhält Brown an der noblen Fifth Avenue in Manhattan ein Apartement mit Blick auf den Central Park. Laut dem “Federal Filings Newswire” machten ihn im Jahr 1999 allein seine 14,467,051 Brown-Forman-Aktien über 13,6 Milliarden Schilling schwer, als CEO verdiente er 12 Millionen pro Jahr. Die Anfang der 90iger von den Demokraten durch die eskalierende Einkommenspanne vorgeschlagene Sondersteuer für Superreiche bezeichnete Brown im “Wall Street Journal” als Blasphemie: “Nichtsdergleichen würde die Produktivität erhöhen, die letztendlich den Lebensstandard für alle steigert”. Die Browns geben lieber freiwillig: Millionen-Dollar-Beträge gingen an Universitäten, das Theater, das Artcenter, die Uferpromenade oder die Kathedrale.
Und warum Brown ausgerechnet in Wien seine Dipomatenlaufbahn beginnen möchte? In den Sechzigern war er für Exporte nach Europa zuständig und Recherchen ergaben, daß eine ältere Verwandte in Wien am Hohenmarkt 8 lebte. “Wien ist auch wegen seinem Interesse in Kultur und Geschichte ein Perfekt Fit”, sagt die Abgeordnete zum Repräsentantenhaus Anne Northup. Northup glaubt an eine schnelle Eingewöhnung ins Diplomatenleben: “Er gibt sich bei gesellschaftlichen Anlässen immer sehr umgänglich”.

# 25. Juni: Inside der NSA

Die Ausfahrt vom lokalen Highway hat kein Namensschild, das Areal ist mit dicken Betonmauern und endlosen Stacheldrahtzäunen abgesichert. Den örtlichen Behörden wurde niemals offiziell mitgeteilt, dass hier jeden Tag 37.000 Menschen in 60 Gebäuden zur Arbeit erscheinen, für die Verkehrsplanung wurden sogar die Messungen an der Zufahrtstraße verboten. Die Geheimstadt „Krypto City“ unweit der US-Kapitale Washington hat eigene Polizei- und Feuerwehr-Einheiten, Supermärkte, Kinos und Parkraum für 17.000 Fahrzeuge. Im Computerraum ist die größte Rechenleistung irgendwo auf dem Planeten konzentriert – jede Sekunde können 1.000.000.000.000.000.000.000.000 Operationen durchgeführt werden. Der Gesamtstromverbrauch entspricht mit 409.005.840 Kilowattstunden der von ganz Annapolis, der Hauptstadt von Maryland. Was sie dort genau machen, nehmen die meisten Mitarbeiter mit in den Tod – ohne es selbst ihren Ehepartner jemals gesagt zu haben.
„Krypto City“ ist das Headquater der „National Security Agency“ (NSA), der mit einem Jahresbudget von umgerechnet 64 Milliarden Schilling absoluten Supermacht der Geheimdienste. So geheim die NSA werken will, so verbissen recherchiert der US-Journalist James Bamford seit 20 Jahren hinter ihren Aktivitäten hinterher: Nachdem sein erstes Buch „The Puzzle Palace“ 1984 die Weltöffentlichkeit schockierte, sorgt Bamfords detailliertestes, 721 Seiten starkes Buch „NSA – Die Anatomie des mächtigsten Geheimdienstes der Welt“ jetzt für Furore in den Bestsellerlisten (zuletzt Nr. 3 in Österreich). Besonders nachdem die NSA durch ihren Zusammenschluss mit allen anderen englischsprachigen Geheimdiensten (Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland) unter dem Codenamens „Echelon“ wegen angeblicher Wirtschaftsspionage ins Fadenkreuz des Europaparlaments geraten ist. „Mit Echelon können praktisch alle Teile des Erdballs effektiv abgehört werden“, warnt Bamford, der Ende der 80iger auch den Felix-Bloch-Spionageskandal in Wien ins Rollen brachte.
Die Geheimdienstler zapfen vor allem die Boden-Verteilerstation für die internationalen Kommunikationssatelliten (INTELSATs) an, wo regelrechte „Spiegel-Stationen“ gebaut wurde: Dadurch können Telefonate, Faxe oder Emails zwischen 200 Staaten und Terretorien abgehört werden – über „Echelon“ wird mit Schlüsselwörtern und vierstelligen numerischen Such-Codes in einer Plattform aus 52 seperaten Computer-Netzwerken operiert. Nutzen und Gefahren des globalen Geheimdienstnetzwerkes beschreibt Bamford am Beispiel geplanter chinesischer Raketentechnologieverkäufe an den Iran: Nach dem Gipfel 1997 zwischen dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton und seinem gegenüber Jiang Zemin konnte die NSA durch Abhören teils wütender Telefonate zwischen dem Iran und chinesischen Geschäftspartner bestätigen, dass der geplante Verkauf von C-802-Raketen abgeblasen worden war. Doch ins Visier geriet die französische Firma „Microturbo, SA“ wegen einer Lieferung eines Turbojet-Antriebes, der zum Nachbau der Rakete verwendet hätte werden können. Microturbos Manager T. Dècle (ein Pseudonym – Red.) geriet wegen eines angefangenen Faxes ins Visier der Geheimdienstler: Sein Name landete in der NSA-Datenbank mit einer schier endlosen Speicherkapazität von 5.000 Milliarden Seiten (ein 240 Kilomater hoher Papierstoß), und somit im Netzwerk aller Echelon-Partner. „Ob Microturbo oder Décle tatsächlich gegen Gesetze verstossen haben, wurde nie geprüft“, schreibt Bamford: „Sein Name scheint jedoch für immer gespeichert, er könnte bei der Einreise in die USA sogar verhaftet werden“. Der US-Kongress hat inzwischen angeordnet, dass die NSA für die Überwachung von US-Bürgern Gerichtsbeschlüsse notwendig sind. Diese Regelung galt offenbar jedoch nicht für Nasser Ahmed, einem ägyptischen Einwanderer, der aufgrund „geheimer“ NSA-Daten drei Jahre in Einzelhaft verbrachte.
Die Dominanz der NSA innerhalb der Geheimdienste ist auch essentiell für den Erhalt des US-Supermachtstatus. Obwohl harte Beweise in Sachen offener Wirtschaftsspionage innerhalb des umstrittenen Echelon-Netzes nach Bamfords intensiven Recherchen und einer Untersuchung des Europa-Parlaments noch fehlen, werden NSA-Daten zum Aufdecken von Schmiergeldzahlungen von US-Konkurrenz-Firmen verwendet. 100 Fälle wären dokumentiert, die Regierungen werden dann über diplomatische Kanäle unter Druck gesetzt, ihre Auftragsvergabe zu „überdenken“. Vorteile hat das US-Aussenamt wohl auch durch die Kontrolle von Telegramme ausländischer Botschaften. Doch trotz aller Übermacht, muss die NSA fast wie ihr kleinerer, jedoch wesentliche bekannterer Bruder CIA, auf eine lange Liste von Pleiten, Pech und Pannen zurückblicken. Zwar werden die Gespräche des Superterroristen Osama Bin-Laden über sein tragbares Satelliten-Telefon abgehört (als Trophäe unter NSA-Mitarbeitern kursiert ein heiterer Diskurs mit seiner Mutter…), doch konnten deshalb weder Anschläge verhindert noch der US-Staatsfeind gefasst werden. Am falschen Fuß wurde die USA auch bei den Kriegen und Bürgerkriegen im Sudan, Osttimor, Burundi, Jugoslawien, Somalia oder Haiti. Über den ersten indischen Atomtest 1998 erfuhr man im NSA-Headquater über den Nachrichtensender CNN. Den schwersten Schlag seit langem fügte der nun verhafete Spion innerhalb des FBI, Robert Hanssen, der NSA zu: 15 Jahre lang hatte Hanssen den Sowjets und dann Russland Geheiminfos übergeben. „Es war hauptsächlich NSA-Material wie Infos über Abhörtechniken“, sagt Bamford: „Das hat die um Jahre zurückgeworfen“.

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