# 13. November: Todes-Flug 587


Montag Vormittag, wie am 11. September Prachtwetter mit Sonne und tiefblauem Himmel hielt die Welt, die Flugindustrie – und vor allem die Acht-Millionen-Metropole New York für mehrere Stunden wieder den Atem an: Brennende Häuser im Bezirk Queens, am Stadtrand gleich hinter dem Großflughafen „John F. Kennedy“ (JFK), das Sirenengeheul der durch die Straßen rasenden Feuerwehr-, Polizei und sonstigen Einsatzfahrzeuge, konsternierte Aussenminister drängten sich bei der UN-Vollversammlung vor den TV-Schirmen mit Bildern einer schwarzen Rauchfahne über dem Insert „Breaking News“. Neuerlich ein Flugzeug-Absturz, diesmal auf einen Suburb. Auf der Straße, zwei Blocks von der Desasterzone „Ground Zero“ debatieren New Yorker aufgeregt, aus den Radios in Straßenläden dröhnen statt Popmusik Nachrichten, fast jeder redete aufgeregt gestikulierend in sein Handy: Haben Terroristen, zwei Monate und einen Tag nach dem Jumbo-Horror, der das World Trade Center auslöschte, neuerlich zugeschlagen? Sind weitere Maschinen im Anflug? Wohin soll man sich in Sicherheit bringen?
Ängstlich starren viele nach oben, als den Luftraum patrollierende F-16-Kampfjets über Manhattan donnern. Alle Flughäfen im Großraum New York – JFK, LaGuardia und Newark – wurden sofort geschlossen, tausende Reisende saßen fest – einige verließen die Wartehalle und suchten nach alternativen Reisemöglichkeiten. In Dallas kam nach den News von dem Crash der Pilot persönlich in die Kabine. Er sei 20 Jahre in der Armee geflogen, sieben Jahre für „American“, sagte er: „Ich habe das Flugzeug nochmals überprüft!“ Die Passagiere beruhigten sich, der Flug startete planmäßig in Richtung Atlanta. „Unfälle passieren eben“, sagte Passagierin Sharon Romano am Ticket-Schalter des „Logan-Airports“ in Boston: „Aber ich will keinen neuen Terror-Anschlag – dann würde ich wohl nicht mehr so schnell fliegen“. Die ersten Gedanken des New Yorker Dauerkrisen-Bürgermeisters Rudy Guiliani wurden rasch bekannt gegeben: „Oh mein Gott“, sagte er: „Wir werden wieder gestestet – aber wir werden auch diesen Test bestehen“.
Erste Terror-Ängste zerstreuten sich unter dem absurd klingenden Gedanken „Gott sei Dank, es war nur ein Unfall!“ zwar vorerst, doch New York hatte eine neuerliche Tragödie zu verkraften: Ein fast vollbesetzter Airbus A-300 der US-Luftlinie „American Airlines“ stürzte sechs Kilometer nach dem Start vom New Yorker JFK in die idyllische Siedlung „Belle Harbor“ auf der Landzunge Far Rockaway an der Atlantik-Küste. 260 Passagiere und Crew sterben beim Aufprall in einem Feuer-Inferno, am Boden wurden am Montag sechs Opfer aus den ausgebrannten Häusern geborgen. Flug Nummer 587 hob – mit Kurs auf Santa Domingo, der Kapitale der Domenikanischen Republik – um exakt 9:14:34 von der JFK-Landebahn 31L ab, erreichte gerade mal 840 Meter Flughöhe und 432 Stundenkilometer. Um 9:16:01, knapp 90 Sekunden später verschwand die Maschine vom Radar, ohne ein Wort der Piloten. „Ich dachte zunächst, dieser Flieger macht keinen guten Eindruck“, sagt Augenzeugin Monica Brewi in der Aufschlagzone kurz nach dem Crash: „Dann sah man Feuer, die linke Tragfläche brach ab, das Triebwerk fiel herunter und die Maschine stürzte Nase voran in den Häuserblock“. Ihre beiden Kinder, Brie (9) und Sam (8), dachten sofort an einen neuen Terroranschlag, erzählt Brewi: „Ich musste sie beruhig – trotz meiner eigenen Todesangst…“. Ihre Schule, die „PS114“ gleich hinter der Crash-Stelle hatte wegen dem Feiertag „Veterans Day“ geschlossen. Das Kerosin verwandelt mehrere Straßen in ein Flammen-Inferno. Die mit 22,5 Tonnen gefüllten Treibstofftanks setzen vier Häuser vollständig in Brand, zwölf weitere werden teils schwer beschädigt. Stunden später ist der penetrante Geruch noch in der Luft. Der in den Kanal geflossene Treibstoff wurde von der Feuerwehr mit Wasser durchgespült.
Das rechte Triebwerk kracht drei Meter neben den Zapfsäulen einer Tankstelle zu Boden. „Ich hörte einen dumpfen Knall und roch sofort das Feuer“, erinnert sich Nachbar James Murane. Anstatt wegen der unmittelbaren Explosionsgefahr um sein Leben zu laufen, half er mit einem Gartenschlauch bei den Löscharbeiten. Der Lärm des abstürzenden Flugzeuges hatte alle Augenzeugen an die Concorde erinnert, die erst in der Vorwoche ihren Flugbetrieb wieder aufnahm. Der Bezirk Far Rockaway muss die nächste Tragödie verkraften: 75 Menschen aus der Strand-Idylle starben am 11. September. „Es leben hier viele Feuerwehrleute und Angestellte in der Finanzwelt“, beschreibt der Uni-Professor Tom McCarthy die Gegend. Firefighter Vincent Plover besuchte zwölf Begräbnisse von im WTC umgekommener Kamaraden, bevor er am Montag vormittag in dem ausgebrannten Wrackteilen Leichen mit Tüchern bedeckte. „Es muss weiter gehen“ sagt er, „aber es ist hart…“.
Die Trümmer des Jumbos sind verstreut in der gesamten Siedlung. Neben einem PKW liegt ein eineinhalb Meter langes Teil der Tragfläche, glatt abtrennt, keine Schmauchspuren, ein Elektro-Kabel hängt heraus. Zwei Polizistinnen bewachen die Beweismittel späterer Untersuchungen. „Anrainer haben kleine Teile bereits mitgehen lassen“, wirken sie etwas überfordert. Das Kommando bei den Ermittlungen hat die US-Flugbehörde NTSB übernommen, ein klares Signal für einen Unfall als Absturzursache: Der „Voice Recorder“, einer der beiden Flugschreiber, wurde rasch gefunden und bereits abgehört. „Alle uns vorliegenden Informationen deuten auf einen Unfall hin“, sagt NTSB-Chefermittlerin Marion Blakey. Im Visier stehen die Triebwerke der Type „General Electric CF6“ (die auch bei der Präsidentenmaschine „Air Force One“ verwendet wird), wo zuletzt metalurgische Probleme entdeckt worden waren, die einer speziellen Inspektion bedurften. „Katastrophales Triebwerksversagen“ hat bereits in der Vergangenheit zu Crashes geführt, ein Triebwerk näherte sich der 10.000-Flugstunden-Gesamtüberholung. Doch die Ermittler rätseln, warum die Teile über einen derart großen Raum verstreut sind: Die vertikale Heckflosse wurde, fast intakt, aus der „Jamaica Bay“ gefischt – näher dem Flughafen als der Absturzstelle. „Es ist bizarr, wie ein explodierendes Triebwerk das ausgelöst haben könnte“, schüttelte ein Ermittler den Kopf.
Der wahrscheinliche Unfall könnte nach dem Horror des 11. September einigen Airlines nun den Todesstoss verpassen: „American“, die nun drei Jumbos in etwas mehr als zwei Monaten verloren, steht am Abgrund, die bereits dezimierte Aktien stürzten am Montag nochmals um 17 Prozent ab. Dabei hatte sich knapp vor dem Crash das Reiseaufkommen – auf niedrigem Niveau (die meisten Airports verzeichnen 30 Prozent weniger Flugaufkommen) – etwas stabilisiert: Zwar wollten 35 Prozent der Nicht-Business-Konsumenten „weniger Fliegen“, so ein Studie der „Hartford Insurance Company“, doch für 18 Prozent gilt dieser Vorsatz nur für heuer. Doch nun steht den US-Airlines, die pro Tag bis zu 15 Millionen Dollar verlieren, eine noch triestere Buchungslage für die kommenden „Thanksgiving“-Feiertage und die Weihnachst-Ferien bevor. Reisebüros in New York erhielten bereits die ersten Stornos für Urlaubsreisen.

# 8. November: Bloombergs New York

Mike Bloomsbergs Kandidatur als New Yorker Bürgermeister war ein Witz. Als der Entrepreneur, durch den Aufbau seines gleichnamigen Medien- und Finanz-Daten-Imperiums steinreich gewordenen, 59-jährig im Juni seine Polit-Ambitionen bekanntgab, wurden ihm von Leitartiklern eine „Post-Midlife-Crises“ attestiert. „Mein Name ist Mike Bloomberg und ich kandidiere als Bürgermeister“, hatte er damals per TV-Werbung verkündet – 62 Prozent der New Yorker hatten tatsächlich keine Ahnung, wer der kleingewachsene Mann mit der sonoren und einschläfernden Stimme ist. Obwohl sein Leben lang Demokrat, kandidierte er plötzlich für die Republikaner – auch kein Vorteil in einer Stadt, wo das Ratio bei Parteimitgliedschaften 4 : 1 zu gunsten der Demokraten liegt. „New York wählt nur alle 30 Jahre mal Republikaner“, schrieb der britische Korrespondent Michael Ellison: „Und auch nur dann, wenn sie die Einwohner einer schweren Krise ausgesetzt fühlen“. Niemand konnte damals im Frühsommer den Horror des 11. September erahnen, als zwei entführte Jumbos die „Twin Tower“ des „World Trade Centers“ (WTC) ausradierten und die Acht-Millionen-Weltmetropole in die schlimmsten Turbulenzen seit dem Black Friday 1929 stürzten.
Am Mittwoch um 0:30 Uhr stand Bloomberg schliesslich mit hochgerissenen Armen bei der Siegesfeier im „Hilton Times Square“ – bei 49 : 49 Prozent und einem Vorsprung von nur 43.259 Stimmen vor seinem Widersacher, dem Demokraten und Ex-„Volksanwalt“ Mark Green, war die Polit-Sensation des Jahres perfekt: Der 108. Bürgermeister heisst Michael Rubens Bloomberg, Amtsantritt ist der 1. Jänner 2002. Die acht Jahre republikanischer Kontrolle der „City Hall“ durch Haudegen Rudolph Guiliani werden um mindestens vier Jahre bis Ende 2006 verlängert. Letztendlich wurde dem Self-Made-Milliardär und Quereinsteiger eher zugetraut, den raschen Wiederaufbau des devastierten „Financial Districts“ in Lower Manhattan durchzuziehen. 51 Prozent hielten genau das für ihr wichtigstes Anliegen.
Bloomberg, der vor zwei Wochen noch 15 Prozent zurücklag, schaffte in einem zur Schlammschlacht eskalierten Showdown eine spekatakuläre Aufholjagd: Zuletzt bezeichnete er Green als Symphatisanten von Sowjet-Diktator Joseph Stalin, Green wiederum Bloomberg als „reichen Elitisten“ – samt dem Aufrollen von Klagen wegen Sexual-Missbrauchs früherer Blommberg-Mitarbeiterinnen. Bloomberg folgt einem neuen Trend in der US-Politik: Steinreiche Business-Executives, die mit selbstfinanzierten Wahlkämpfen die Politik stürmen – mit ihm wurde Mark Warner (Columbia Capital) Gouverneur in Virginia, im Vorjahr Jon Corzine (Goldman Sachs) New-Jersey-Senator, Maria Cantwell (RealNetworks) Washington-Senatorin, Mark Dayton (Dayton Hudson) Minnesota-Senator, hinzu kommen die wiederkehrenden Präsidentschaftskandidaturen des Herausgebers Steve Forbes.
Als Trägerrakete wirkte jedoch letztendlich die späte Unterstützung des durch die herausragende Performance nach dem Terrorschlag hoch-populären Guiliani (27 Prozent liessen sich laut Exit Polls dadurch beeindrucken). Bloomberg investierte die Rekord-Wahlkampfsumme von 51 Millionen Dollar aus seiner Privatkasse, mehr als doppelt so viel wie Ex-First-Lady Hillary Clinton im Senatswahlkampf des Vorjahres. Wer ist Mike Bloomberg, der Mann mit dem nun schwersten Bürgermeister-Amt der Erde? Und wie sehr lässt sich sein Stil als oft cholerischer Medienunternehmer und Workaholic auf die neue Rolle als Politiker umlegen? Keine Frage: Bloombergs Aufstieg ist ein Parade-Beispiel des „American Dream“. Geboren 1942 am Valentin´s Tag in Medford, Massachusetts, als Sohn einer jüdischen Mittelklasse-Familie, landete er mit Harvard-Titel zunächst als einfacher Buchhalter bei der Broker-Firma „Solomon Brothers“. Sechs Jahre später hatte er sich zum General Partner hochgearbeitet, 1981 wurde er wegen schwerer Differenzen aus der Chefetage gefeuert.
Mit den zehn Millionen Dollar Abfindung startet er seinen Finanzdienst. Heute ist Bloomberg L.P. ein Medien-Imperium mit dem Kernbereich der „Data Terminals“ (einem umfangreichen Finanz- und Newsservice, das 157.000 Broker zum Monatspreis von 1.285 Dollar mieten), sowie Radio- und TV-Stationen, Nachrichtenagentur, Buchverlag und Internetdienste. 2,5 Milliarden Dollar setzt Bloomberg mit 7.200 Mitarbeitern um. 72 Prozent Eigentümerschaft machen ihn laut „Forbes“ vier Milliarden Dollar schwer. In seiner Autobiografie „Bloomberg by Bloomberg“ beschreibt er sein Erfolgsphilospohie: „Je mehr du arbeitest, desto erfolgreicher bist du – es ist genau so einfach“. Als Firmenchef arbeitete Bloomberg, hemdsärmelig an einem schlichten Schreibtisch mit Plastik-Identifizierungskarte umgehängt, brutale 12-Stunden-Schichten, verlangt gleiches von seinen Mitarbeitern. Der Druck ist enorm, wer das Handtuch wirft und kündigt wird als „Verräter“ eingestuft und darf nie wieder in den „Kult“, wie Kritiker die Bloomberg-Welt bezeichnen, zurückkehren. Bloomberg agierte als „Chief Executive Officer“ (CEO) oft aufbrausend, laut und profan. Drei Mitarbeiterinnen klagten wegen sexueller Diskriminierung. Alle Klagen wurden fallengelassen oder ohne Schuldeingeständnis verglichen. Eine Frau behauptet, Bloomberg hätte auf ihre Schwangerschaftsmeldung mit den Befehl „Kill it!“ reagiert.
Der „CEO of N.Y.C.“ („New York Times“) behauptet, das die Prinzipien der als Firmenchef demonstrierten Leadership auch auf das Bürgermeister-Amt anwendbar sind. Doch anders als eine überschaubare, selbst ausgewählte, bestbezahlte und höchtsmotivierte Belegschaft, muss Bloomberg fortan 250.000 City-Angestellte und Beamte dirigieren, ein Labyrinth bürokratischer Verflechtungen zwischen Stadt-Abteilungen durchblicken, Lohnrunden mit Gewerkschaften und ein 40-Milliarden-Dollar-Budget verhandeln. Bereits am Folgetag begann Bloomberg die intensive Übergangsphase („Transition“) durch Beratungen mit seinem Wahlhelfer Guiliani. „Ich werde seinen Rat gerne annehmen“, sagte er lachend vor den TV-Kameras. „Doch wie lange können die beiden großen Egos nebeneinander existieren“, fragt bereits Fred Siegel, Politologe an der „The Cooper Union“. Der nach wie vor enorm poluläre Ex-Bürgermeister Ed Koch gibt Bloomber jedoch enthusiastisch Vorschusslorberen: „Er ist enorm smart, ein unabhängiger Denker und er schuldet niemanden irgendwas“, sagt Koch: „Er wird sich alle Schlüsselfiguren des Kabinetts ansehen, Guilianis Rat annehmen – doch er ist sein eigener Chef“. Anders als Hardliner Guiliani wird dem laut Eigendefinition „liberalen“ Bloomberg mehr Zusammenarbeit mit den Minderheiten der Metropole zugetraut: Er traf bereist mit dem Borough-Präsidenten der Bronx, Frenando Ferrer, zusammen – Guiliani hatte dazu sieben Jahre gebraucht. Als CEO hatte er sich enorm für Schwarze eingesetzt, alle 41 Unis des „United Negro College Funds“ gratis mit seinen Finanzdaten-Terminals ausgestattet.
Doch die größte Herausforderung scheint aus dem Schatten Guilianis zu treten. Das „New York Times Magazine“ bebilderte die Coverstory über die Schlacht um seine Nachfolge mit einem graugerasterten Guiliani-Konterfei. Der Ex-Staatsanwalt, dessen anfangs erfolgreiche Law-and-Order-Politik in einer Serie an Polizeiübergriffs-Skandalen und einem privaten Rosenkrieg unterging, wurde durch seine bravouröse Leadership nach dem Terror-Horror des 11. September zum Polit-Superstar: Selbst in dem Inferno der einstürzenden Twin-Towers beinahe ums Leben gekommen, steuerte er durch perfekte Katastrophenorganisation und „Straight Talk“ nicht nur New York City, sondern die gesamte Nation durch ihre bittersten Stunden. Zuletzt als „Königsmacher“ reichten ein paar unterstützende TV-Werbungen, um Bloomberg zu seinem Nachfolger zu machen.
„Amerikas Mayor“ ist innerhalb der Republikaner auf nationaler Ebene die zweit-heisseste Polit-Immobilie – gleich hinter Präsident George W. Bush. Er habe durch seine Nonstopp-Arbeit im postapokalyptischen New York noch keine Zukunftspläne schmieden können, sagt er. Die Palette reicht von Superanwalt, CEO, hochbezahlter Starredner bis politischen Ambitionen als New-York-Gouverneur (falls George Pataki freiwillig auf einer Wiederkandidatur verzichtet), Senator (seine ersten Versuch gegen Hillary Clinton gab er wegen einem Ehe-Skandal und Prostatakrebs auf) bis zu Vizepräsident 2004 (falls Dick Cheney aus „Gesundheitsgründen“ den Weg freimacht). Auch als New-York-Bürgermeister könnte er wieder kandidieren – die „Term Limits“ verbieten nur drei aufeinanderfolgende Amtsperioden. Fix ist ein Buch über Leadership, mit einem Vorschuss von drei Millionen Dollar.
Doch zuvor muss er Wunschnachfolger Bloomberg rasch auf die Beine helfen. Mit der noch schwelenden, 6,4 Hektar großen Desasterzone „Ground Zero“ wie ein klaffende Wunde in Lower Manhatten, droht der wichtigsten Finanzmetropole der Erde eine Budgetkrise so schlimm wie Mitte der 70iger, als die City knapp am Bankrott vorbeischlitterte (Die „Daily News“ titelte damals nach der Verweigerung finanzieller Hilfe von Präsident Gerald Ford mit der legendären Headline „Ford to City: Drop Dead!“): Durch den vom Stadt-Rechungshof prognostizierten Gesamtschaden von 106 Milliarden Dollar bis 2003, über 100.000 zusätzlichen Arbeitslosen und Steuerausfällen droht ein Defizit von bis zu sechs Milliarden Dollar. Dabei hatte bereits Guiliani das Einsparen von einer Milliarde angeordnet. Experten bezweifeln, wie Bloomberg unter derartigen Umständen seine Wahlversprechen von besseren „Public Schools“, einem besseren Gesundheitswesen und mehr U-Bahn-Linien erfüllen könne.
Am wichtigsten erscheint der Erhalt des „Financial Districts“ neben den Ruinen des World Trade Centers, samt der „Wall Street“, als lebendiges Wirtschaftszentrum: Der Terror und der Verlust von 1,6 Millionen Quadratmeter Bürofläche hat den Prozess der Abwanderng von Finanz-Riesen nach Midtown oder ins billigere, am anderen Hudson-Ufer gelegene New Jersey beschleunigt – darunter „Merrill Lynch“, „Lehman Brothers“, „American Express“ und natürlich der Bondbroker „Cantor Fitzgerald“, von dessen 1.000 Mitarbeitern 670 in dem Inferno ums Leben kamen. „Niemals werden wir nach Downtown zurückkehren“, stellte Boss Howard Lutnick sicher. Gleichzeitig gibt es Anzeichen eines Aufbruchs: 20 Milliarden Dollar an Bundesgeldern hat Präsident Bush zugesagt, die Beschleunigung der Aufräumungsarbeiten soll das Absterben des Bezirkes verhindern. Die Suche nach den Überresten der offiziell 4,764, nach Medienzählungen 2.943 Toten wurde defakto eingestellt, 70 Prozent der Arbeiten mit schwerem Gerät durchgeführt.
Zusätzlich wurde eine vom Bundesstaat geleitete „Lower Manhattan Redevolopment Corporation“ gegründet, die raschen Wiederauf überwachen soll: In bisher elf abgehaltenen Diskussions-Runden sammelten 400 Architekten Ideen für den neuen Stadtteil. Immobilien-König Larry Silverstein, der das Areal für 99 Jahre geleast hat, hat den Bau von vier 50-stäckigen, also halb so hohen Türmen angekündigt, will jedoch erst auf das Ende des Rechtsstreites mit den Versicherungen warten, die nur 3,6 Milliarden Dollar statt der geforderten 7,2 Milliarden ausbezahlen wollen. Dazu wird debatiert, wie eine Gedenkstätte auf dem für die Hinterbliebenen „Heiligen Grund“ integriert werden soll. Neo-Bürgermeister Bloomberg hat sich noch nicht geäußert: Er hilft der Stadt jedenfalls durch den Verzicht auf das 195.000-Dollar-Bürgermeister-Jahresgehalt (er verlangt einen symbolischen Dollar) und die idyllische Dienst-Villa „Gracy Mansion“ am East-River. Er würde gerne in seinem großzigigen Townhous an der feinen Upper East Side wohnen, liess er ausrichten.

# 20. Oktober: 9/11 +50 Tage

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Es war eine unheimliche Stille in Süd-Mahatten. Kein konstantes Brummen hunderten Dieselgeneratoren, kein Aufheulen der Bulldozer, kein Quietschen der Dreh-Kräne. Nach 1.104 Stunden ununterbrochener Aufräumungsarbeiten auf „Ground Zero“ („Ebene Null“, Militär Code für Atomeinschlag), der inzwischen weltweit berühmt-berüchtigten, 6,5 Hektar großen Trümmer und Leichenfeld der am 11. September implodierten Twin Tower des „World Trade Center“ (WTC), wurden die Arbeiten für 24 Stunden unterbrochen. Vor den noch immer aufsteigenden Giftwolken der Ruine versammelten sich 5.000 Opferangehörige in einer bizzaren Gedenkfeier, lauschten Religionsführern, sowie Opernstar Andrea Bocelli. Jeder bekam eine Urne mit gesäuberter Asche der Ruine. Für den Großteil die einzige Erinnerung an die im Jumbo-Horror der Al-Qaida-Terroristen Umgekommenen: Die Leichen oder Leichenteile von nur 454 Opfern wurden bisher aus der Trümmerhalde geborgen und mittels DNA-Analyse indentifiziert. Der Rest hat sich aufgelöst – in mikroskopisch kleine Teile. Selbst die Anzahl der Opfer ist inzwischen umstritten: 4.167 seien es laut Rathaus, 2.943 (samt 157 Passagieren und Crew der beiden Todesflieger) laut einer Zählung der „New York Times“. Danach weinten Familien in TV-Interviews um ihre Toten – allein der Gestank reichte für den emontionalen Zusammenbruch.
Die Acht-Millionen-Metropole New York ist 50 Tage nach den bittersten Stunden ihrer 337-jährigen Geschichte zerrissen zwischen Apokalypse und Aufbruch:
# Ein geschätzter Gesamtschaden von umgerechnet 1.617 Milliarden Schilling bis 2003 belastet trotz Bundes-Hilfsleistungen die Wirtschaftskraft enorm, dem „Financial District“ rund um die „Wall Street“ droht nach dem Verlust von 1,6 Millionen Quadratmeter Bürofläche die permanente Abwanderung von Großfirmen a la „Merril Lynch“, „Lehman Brothers“ oder „American Express“ in den jenseits des Hudson-River liegenden Bundesstaat New Jersey der Abstieg, durch weitere Rückschläge in der Tourismus- und Unterhaltungsindustrie gingen 86.000 Jobs verloren – und viele New Yorker können wegem post-traumatischen Stress ihrer Arbeit nur halbherzig nachgehen.
# Gleichzeitig häufen sich Anzeichen der rapiden Normalisierung in der historischen „Comeback City“: Das Areal der verbotenen Stadt „Ground Zero“ wurde dramatisch verkleinert, gereinigte und reparierte Appartments, Büros und Geschäfte wiedereröffnet – das Naherholungsgebiet „Battery Park City“ am Hudson River ist ebenfalls wieder zugänglich. Selbst der 55-stöckige Tower „One Liberty Plaza“ gegenüber der Ruine, dem Anfangs irreperabler Schaden attestiert wurde, wurde wiederbezogen, am Wochenende die U-Bahnlinien N & R aufgesperrt.
Doch das Trauma des 11. September, die Angst vor der Anthrax-Bio-Terrorwelle und Nervosität vor weiteren Vergeltungsschlägen durch Zellen des Networks von Staatsfeindes Osama bin Laden machen New York zur Welthauptstadt der Angst: Als ich sechs Österreicher via Rundem Tisch „auf die Couch“ bat, reichte die Sympthome von Skepsis vor Hochhäusern, Zusammenzucken bei Fluggeräuschen bis zur Verweigerung der Subway. Viele reagieren mit Trotz: „Meine Freundin hat mir bereits zwei Jobs besorgt, aber ich will hier weiterarbeiten“, lacht der 23-jährige Steve Remnarine im Souvenierladen des „Empire State Building“, in 370 Meter über Grund der jetzt höchstgelegene Arbeitsplatz der City. Remnarine hatte am 11. September den Jumbo gut 100 Meter entfernt auf bereist fast gleicher Höhe vorbeirasen sehen. Seine erste Reaktion, typisch New Yorker: „So ein Arschloch!“ Dann glaubte er, der Pilot würde knapp vor den Türmen den Jumbo noch in die Höhe reißen. Doch er starrte mit einem Fernglas auf den brennenden Turm, sah Menschen serienweise in den Tod springen. Das zweite Flugzeug flog auf der Westseite „im steilen Sinkflug“ über dem Hudson-River vorbei, machte ein Kehrtwende und krachte von der Südseite in den zweiten Turm. „Dann sind wir alle zum Aufzug gelaufen“, sagt Remnarine. Angst habe er wegen seiner „jugendlichen Unbekümmertheit“ inzwischen kein mehr, außerdem sei das „Empire State“ wegen seiner Symbolkraft der nun bestbewachteste und sichereste Ort der Metropole.
Weniger Unbekümmert sind jene, die dem Horror hautnah ausgesetzt waren. „Ich hatte die ersten vier Wochen jeden Tag eine Panikattacke“, sagt die 39-jährige Projektleiterin der „AON Corporation“, Judith Francis, der die Flucht aus dem 102. Stock des Südtowers gelang. Niemals vergessen werde sie das Inferno des Jumbo-Anschlages („wie das gleichzeitige Lostrompeten von 1.000 Elefanten“), das Schwingen des Turmes, die Hitze und der beißende Rauch im Stiegenaufgang, den Verlust ihrer Arbeitskollegen („eine wurde direkt vor dem Ausgang von einem Flugzeugteil erschlagen“). Viele WTC-Firmen sind allen durch die horrenden Opferzahlen devastiert: 176 Mitarbeiter, inklusive ihrem CEO, hat etwa die Finanzdienstleistungs-Firma AON verloren. „Im Ausweichquartier in Midtwon tun wir nur so, als würden wir arbeiten“, sagt Francis.
Am schlimmsten hat es den Anleihen-Broker „Cantor Fitzgerald“ getroffen: In den Büros im 103. – 105. Stock des Nordturms, exakt der Einschlagzone des Jumbos, starben 677 der ingesamt 1.000 Mitarbeiter – darunter zehn Brüderpaare. 1.463 Halbweisen blieben zurück, am Tag danach wurde drei Babies von verstorbenen Angestellten geboren. Firmenboss Howard Lutnick, der durch einen Zufall überlebte und bei einem TV-Interview unter Tränen zusammenbrach, versuchte bisher vergeblich, die einstige Marktdominanz als Bondbroker zu erhalten. Die Überlebenden verbringen mehr Zeit bei Begräbnissen als in den mehreren Ausweichquartier verstreut in Manhattan und New Jersey. „Nach Downtown wird die Firma nie mehr zurückkehren“, stellte Lutnick klar.
Zum Symbol des Aufbruchs wurde hingegen der Geschäftsmann Edward Fine: Der 58-jährige Entrepreneur, der in New Jersey die Risiko-Kapital-Firma „EIF Capital Services“ betreibt, landete unter dem Titel „Aus der Asche“ auf dem Cover des wichtigsten US-Wirtschaftsmagazins „Fortune“ – als er staubbedeckt, ein Taschentuch vor dem Mund haltend aus dem Trümmerfeld maschierte. Seine Aktentasche hatte er niemals losgelassen – trotz der lebensgefährlichen Flucht aus dem 78. Stock des Nordtowers. Über den Alptraum helfen ihm Erinnerungen an die unglaubliche Mitmenschlichkeit hinweg: Ein Priester, der im pechschwarzen Staubwolke seine Hand hielt und betete, die Angestellten der Snackkette „Au Bon Pain“, die Wasser austeilten.
Wie blank die Nerven noch liegen, zeigte ein Mini-Erdbeben der Stärke 2,6 auf der Richterskala Samstag Nacht um 1.42 Uhr. Die Notruf-Nummer 911 wurde mit vermeintlichen Bomben-Meldungen praktisch lahmgelegt. Durch das Leben im Daueralarm nehmen die New Yorker höhere Toleranzschwellen bei urbanen Unannehmlichkeiten geduldig in Kauf: Die durch Auto-Verkehrsrestriktionen ohnehin überlastete New York Subway (Gesamtlänge: 398 Kilomter, täglich 3,5 Millionen Passagiere) wird täglich durch bis zu fünf Anthrax-Verdachtsfällen lahmgelegt – meist ist es Babypulver oder Zahnpastareste. Gut im Geschäft sind hingegen Überlebensläden wie der „Counter Spy Shop“ in der Madison Avenue, der seit dem 11. September 1.500 Gasmasken und 700 „Haz-Mat“-Ganzkörperschutzanzüge verkaufte, oder die Apotheken-Kette „Duane Read“, die durch Rekordverkäufe von Anti-Depressiva, dem Anthrax-Gegenmittel Cipro oder schlichter Schlafmittel die Umsätze um 27,1 im letzten Quartal steigern konnte.
Ein Lokalaugenschein auf Ground Zero zeigt das ganze Ausmaß der Zerstörung, aber auch den rasanten Fortschritt bei den Aufräumungsarbeiten: Ein Viertel der 1,2 Millionen Tonnen an Schutt und Stahl ist bereits weggeschaft, 75 Prozent der Arbeiten werden bereits mit schwerem Gerät durchgeführt. Vorher müssen die durch den Druck der 110 zusammengestürzenten Stockwerke des 417 Meter hohen Wolkenkratzer ineinander verwickelten Stahlträger mit Schweißbrennern in kleine Stücke zerteilt werden. „Meist glaubt man hier, auf einer ganz normalen Baustelle zu arbeiten“, sagt John Miller vom Bomben-„Squad“ der New Yorker Polizei, der Beweisstück sammelt: „Doch dann greift man wieder in etwas weiches – und weiss sofort, dass das alles hier auch ein riesiger Friedhof ist.“ Die Feuer in den sechs Untergeschossen tiefen Fundements des einstigen Welthandelszentrums brennen nun mit bis zu 540 Grad heissen Glutnestern bereits länger als im Katastrophenreaktor in Tschernobyl: „Es wird weiter brennen, bis der Treibstoff ausgeht“, sagt Arthur Cote, Chef-Engenieur der „National Fire Protection Association“: „Durch das Abtragen kommt Sauerstoff hinzu und das Feuer lodert erneut auf“. Die freigesetze Giftwolke scheint gefährlicher als bisher von Regierungsagenturen zugegeben: Neben Asbest werden die Gifte PCB, Dioxine, Benzol, Blei und Chrom in teilweise alarmierenden Mengen freigesetzt – in die Luft und mit dem Regenwasser in den „Hudson River“. Trotzdem sind von den 30.000 zunächst Evakuierten 80 Prozent wieder zurückgekehrt – Appartmentjäger aus anderen Teilen der überteuerten Stadt suchen nach Schnäppchen.

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Massentherapie mit Fotoausstellung…

Zum Überraschungs-Erfolg wurde eine Massentherapie durch Fotos der Katastrophe: Organisator Charles Traub hatte New Yorkers, Profis ebenso wie Hobby-Fotografen, aufgerufen, ihre Bilder einzureichen – nun ist in der Minigallerie im Kunstdistrikt „Soho“ ein „demokratisches Zentralarchiv“ von über 3.000 Bildern entstanden. Geduldig stehen die bis zu 3.500 täglichen Besucher in einer um einen Häuserblock reichenden Schlange an: „Es ist der meistfotografierteste Event der Menschheitsgeschichte – die meisten kommen hierher, um den Horror besser verarbeiten zu können“, sagt Traub: „Unser Projekt wurde zu einer virtuellen Gedenkstätte“. Wie das wirkliche Memorial samt dem Wiederaufbau des Areals aussehen wird, ist Gegenstand einer turbulenten Debatte: Einige wollen das Gesamtareal in einen „heiligen Grund“ zum Gedenken verwandeln, andere zumindest Skelett-Teile der Fassade in Neubauten integrieren, Ex-Bürgermeister Ed Koch will eine exakte Replika der Twin Towers errichten, Eigentümer Larry Silverstein plant vier Türme, mit 50 Stockwerken halb so hoch. Aber selbst der Konflikt darüber wird als gutes Zeichen der Normalisierung unter den streitbaren New Yorker gesehen.

19. Oktober: Anthrax-Panik

Dramatischer hätte das Potential von Bio-Terror der Welt nicht vor Augen geführt werden können: Ein Bazillus, 1,5 Tausendstel eines Millimeters (Mikrometer) klein, anfangs völlig ahnungslose Opfer durch eine mehrwöchige Inkubationszeit, völlig überforderte Behörden. Fast ohnmächtig musste die Regierung der Supermacht USA mitansehen, wie ihre eigene Kapitale lahmgelegt wurde. Nach den News über zwei tote Briefträger durch die Bio-Briefbomben-Welle im Postverteiler-Zentrum Brentwood wurden Spuren der tödlichen Anthrax-Sporen in weiteren Postämtern gefunden: Eines, dass das Weiße Haus versorgt, andere zuständig für das US-Aussenamt, das Justizministerium, den Geheimdienst CIA, den U.S. Supreme Court. In der dramatischen Live-Berichterstattung auf CNN wurden immer neue Punkte auf einem Stadtplan Washingtons markiert. US-Präsident George Bush wollte wohl beruhigen, als er katagorisch feststellte: „Ich habe kein Anthrax!“ Die neun Höchtrichter, mächtiger als der Präsident, schluckten bereits als Vorsichtsmaßnahme das Antibiotikum „Doxycyclin“ – erstmals seit 1935 tagten sie am Montag in einem Ausweichquartier.
In den Abgeordneten-Büros neben dem berühmten Kuppelbau des Kapitols, Symbol einer der ältesten Demokratien dieser Erde, gaben sich Entseuchungs-Kommandos in knallgelben „Haz-Mat“-Schutzanzügen die Türschnallen mit den indentisch gekleideten Test-Trupps in die Hand. Dort hinter den mit gelben Tatort-Polizeibändern abgesicherten „Hart“-Gebäude hatte – nach einem nun fast niedlich wirkenden Prolog im Florida-Illustriertenhaus „American Media Inc.“ und New Yorker TV-Stationen – mit einem Anthrax-Brief an den demokratischen Mehrheitsführer Tom Daschle die Bio-Terrorwelle erst richtig begonnen. Der „Daschle Letter“, wie er längst heißt, enthielt feinst gemahlene, „waffenfähige“ Anthrax-Sporen. Der Killer-Brief infizierte drei Postler im Aufgabebezirk Trenton in New Jersey (einer Lungen-, zwei Hautmilzbrand), tötete zwei im Postamt Brentwood und infizierte zwei weitere mit Lungenanthrax, infizierte eine Journalistin mit Hautanthrax bei der Ankunft in Daschles Büro, bei 29 Mitarbeitern wurden Sporen in den Nasenflügeln gefunden. Der frischgebackene Zivilschutzminister Tom Ridge, der den Murks der Behörden zu erklären hatte, verwarf seine zunächst eingeschlagene Beschwichtigungs-Strategie: „Terroristen versuchen dieses Anthrax als Waffe einzusetzen“, sagte er fast resignierend.
Drei Todesfälle (einer in Florida, zwei in Washington D.C.), fünf Lungenanthrax-Fälle (drei in D.C., einer in Florida, einer in New Jersey), sowie sechs Mal Hautanthrax (vier in New York, zwei in New Jersey) waren zu Wochenbeginn offiziell bestätigt. Der Lungenanthraxfall eines Supervisors in der Posteinlaufstelle des State Department deutet auf weitere, noch unentdeckte Briefe hin: Der in einem Spital mit dem Tod ringende Mann war niemals im Postverteilerzentrum Brentwood. Es sei „absolut unmöglich“, dass er sich mit dem Daschle-Brief infiziert wurde, sagte der Chef der US-Seuchenbehörde CDC, Jeffrey Koplan. „Weitere Briefe könnten im System stecken geblieben sein“, warnte Bush-Stabschef Andrew Card. 20.000 Amerikaner nehmen jetzt „Cipro“ oder andere Antibiotika ein, allein in D.C. wurden Milzbrandsporen auf 18 (!) verschiedenen Orten gefunden.
Die Waffentauglichkeit der Sporen ergibt für die 1.000 mit der Bioterror-Jagd beauftragten Fahnder des FBI keine eindeutige Spur: Zwar haben nur drei Staaten – die USA, die Ex-Sowjetunion und der Irak – in ihren Bio-Waffenprogrammen gleichartige Anthrax-Sporen hergestellt, doch könnte auch ein Mikrobiologe mit angemessenen Labor und Know-How gleichwertiges herstellen. Test im militärischen Seuchenlabor in Fort Detrick, Maryland, ergaben: Die Sporen wurden feinst zermalen, eine hinzugefügte Chemikalie, die einen braunen Ring rund um jede Spore bildet, verhindert, dass die 1,5 – 3 Mikrometer kleinen Teile durch die natürliche, elektromagnetsche Statik in der Luft nicht zusammenklumpen und zu Boden fallen. Dadurch schweben sie lange in der Luft, dringen bei den Opfern tief in die Lungenflügel ein und lösen das tödliche Lungenanthrax aus (ohne Behandlung liegt die Todesrate bei 90 Prozent). 6.000 bis 10.000 eingeatmete Sporen reichen zur Infektion.
„Das ist verdammt gutes Zeug“, sagt der US-Biowaffen-Veteran William Patrick zu „Time“. Patrick hatte 20 Jahre lang im Auftrag der US-Regierung bis zur Einstellung 1969 mit Anthrax gearbeitet. Die Ergebnisse der Tests hat er von einem Vertrauten innerhalb der Labors erhalten. Denn Patrick und sein Counterpart in der ehemaligen Sowjetunion, der 1992 in die USA geflüchtete Ken Alibeck wurden nicht in die Ermittlungen miteinbezogen – obwohl es niemanden auf der Erde gibt, der mehr über waffenfähiges Anthrax weiß als die beiden. „Wir waren die einzigen die mit diesem Zeug gearbeitet, es zermahlen, es schwebefähig und vermessen haben“, ärgert sich Patrick: „Diese FBI-Typen haben in ihrem ganzen Leben noch kein waffenfähiges Anthrax gesehen, genausowenig wie die Ärzte der CDC, die nicht wissen, wie sich die Sporen in der Luft verhalten.“
Widersprüchliche Erkenntnisse ergeben auch die den drei gefundenen Briefen – den an Senator Daschle, das TV-Network NBC und die Zeitung „New York Times“ – begelegten Droh-Botschaften: Sie startet mit „09-11-01“, dem Datum des World-Trade-Center-Horror, gefolgt von kurzen Statements wie „Das ist das nächste; Nehmen Sie jetzt Pennezilin (im Englischen Original samt Rechtschreibfehler); Tod zu Amerika; Tod zu Isreal, Allah ist groß“, der Daschle-Brief beinhaltet zusätzliche Drohungen wie „Ihr könnt uns nicht stoppen; Wir haben dieses Anthrax, Fürchten Sie sich?“ FBI-Profiler, Graphologen und Verhaltensforscher brüten seit zwei Wochen über dem Brief – einige sagen US-Terroristen wollen den Anschlag den Terrorzellen von Staatsfeind Osama Bin Laden in den Schuhe schieben. Doch die Synthax und der Vokabel-Gebrauch deuten auf jemanden hin, der Englisch nicht als Muttersprache spricht. Doch dann könnte alles auch irgendwie ein Doppel-Bluff sein“, sagte ein Ermittler frustriert.
Wer ist für den Bio-Briefbomben-Terror tatsächlich verantwortlich? Die Ermittler verfolgen gleichermaßen zwei Spuren – eine in die irre Welt amerikanischer Gewalttäter, die andere führen zu internationalen Terroristen:
# Star-Journalist und Watergate-Aufdecker Bob Woodward zitierte zuletzt in der „Washington Post“ höchstrangige FBI-Quellen, „wonach alle bisherigen Erkenntnisse auf hausgemachten Terror hindeuten“. Der Reigen der Verdächtigen reicht von radikalen Abtreibunsggegnern, Milizen bis zu rechtsradikalen Hass-Gruppen. Der Ausspruch „Tod zu Israel“ werde auch von Neonazi-Gruppen verwendet, die durch ihren Judenhass auch Kontakte zu radikalen Islamisten pflegen, wie das „Simon Wiesenthal Center“ in Los Angeles bestätigt. Larry Wayne Harris, eine Mikrobiologe aus Ohio und Mitglied der Nazi-Truppe „Aryan Nations“, wurde 1997 wegen dem Ankauf von drei Pipetten der „Bubonic Plague“ verurteilt, im Folgejahr war bei einer Straßenkontrolle eine Anthrax-Impfdosis gefunden worden. Verdächtig scheint auch, dass die meisten Ziele in den für Rechtsradikale gleichsam verhassten Kapitale Washington D.C. liegen.
# Gleichzeitig sagen Regierung-Wissenschaftler, dass die im Daschle-Brief gefundenen Sporen eine enorme Ähnlichkeit zu Sporen haben, die UN-Waffeninspektoren im Irak gefunden haben. Sie schränken jedoch ein, dass die im Irak verwendete Methode bekannt war und von Mikrobiologen nachgeahmt werden hätte können. Auch gibt es Hinweise, dass die Bio-Terrorwelle sehr wohl mit dem 11. September zusammenhängen könnte samt Hilfestellung von Iraks Diktator Saddam Hussein: Todespiloten-Anführer Mahammed Atta war zweimal in Prag mit irakischen Agenten zusammengetroffem, hatte sich selbst in Florida nach der Funktionsweise von Sprühflugzeugen erkundigt. Mitte Oktober wurde in Deutschland ein Türke mit radikaler Vergangenheit gefasst, in dessem Gepäck man ein ABC-Schutzanzug fand. In einem Appartment zweier inhaftierter, möglicher Kronzeugen des Jumbo-Terrors, den Indern Ayub Ali Khan und Mohammed Azmath, wurden Magazine mit Coverstories über Bioterror oder dem Giftgasanschlag auf die Tokioter Subway 1995 gefunden.
Gleichzeitig haben die Behörden der von der Anthrax-Panik fast paralysierten USA alle Hände voll zu tun, nach einem peinlichen Fehlstart die weitere Ausbreitung einzudämmen: Vom Pharmagiganten Bayer wurden 100 Millionen Pillen Cipro, eine Notration für 12 Millionen Bürger, eingekauft – zum Sonderpreis von 95 Cents pro Pille (normal 1,77 Dollar). Nach der US-Armee sollen nun auch Postarbeiter in für die Regierung sensiblen Postverteilerzentren geimpft werden. Gleichzeitig müssen dutzende Postämter dekontaminiert werden. Übers Wochenende wurde 68 Tonnen an Briefen nach Lima, Ohio, gekarrt und mit elektronischen Strahlen gereinigt. Das heimtükische an Anthrax: Das Bazillus bleibt für mehrer Jahrzehnte virulent.

# 6. September: 150 Jahre New York Times

Mitte der 90iger schien es unmöglich, das Thema Holocaust in der Berichterstattung der „New York Times“ zu übersehen: Steven Spielbergs Hollywood-Blockbuster „Schindlers Liste“ sorgte für eine Welle an Emotionen, dazu kamen der Nazigold-Skandal und der beginnende Kampf um Reparationszahlungen für Millionen Opfer des Nazi-Terrors. „In einem Jahr gab es mehr Artikel auf der Seite Eins über den Holocaust als während des gesamten zweiten Weltkrieges“, wundert sich Paul Sparrow vom der Journalistenorganisation „Freedom Forums“, der als Exevutive Producer eine aufsehenerregende Dokumentation über die ignorante Haltung des Renomierblattes während des größten organisierten Massenmordes in der Menschheitsgeschichte anfertigte. „Als ich mit den Recherchen begann, hielt ich das durch die mangelnde Informationslage begründet“, sagt Sparrow.
Das Gegenteil kam heraus: 1.147 Artikel zählte die Journalistikprofessorin Laurel Leff im Archiv, mit Details über Massenerschiessungen, Transporte und Gaskammern. Doch die Artikel waren meist kurz, versteckt auf den hinteren Seiten – wirkten für die Leser zu statistisch und abstrakt zum Begreifen der Tragödie. Nur sechs mal in sechs Jahren berichtete die Times auf Seite eins.
Für Michael Berenbaum, Autor von zehn Holocaust-Büchern, mache es einen großen Unterschied, ob man auf Seite fünf in kleiner Schrift „Eine Million Menschen tot“ oder auf Seite Eins schreibt „EINE MILLION MENSCHEN TOT“. Die Nachricht 1942 über die Ermordung von fast einer Dreiviertelmillion polnischer Juden wurde auf Seite fünf als Kurzmeldung mit dem schlichten Titel „Jew´s Toll 700.000“. „Das liest sich so absurd, dass es viele wohl überblättert haben“, sagt Sparrow: „Ein klassischer Fall eines journalistischen Totalversagens – nämlich die Öffentlichkeit wahrheitsgemäß zu informieren“.
Bei den Feierlichkeiten zum 150. Bestands-Jahr der vielleicht mächtigsten und berühmtesten Tagszeitung der Erde wollen die Verleger – seit 105 Jahren der jüdische Ochs-Sulzberger-Clan – zum Anlass nehmen, sich ihrem dunkelsten Kapitel zu stellen. „Der größte Fehler war, dass wir die Welt nicht über den Horror des Holocaust informiert haben“, sagte bereits im April Herausgeber Arthur Sulzberger jr. in einem Bericht an die Aktionäre. Kaum jemand bezweifelt heute, dass durch eine aggressivere Holocaust-Berichterstattung der unter den damals 2.015 US-Tageszeitungen als Meinungsführer angesehenen Times Menschenleben gerettet werden hätten können. Vor allem auch die Ignoranz der US-Regierung gegenüber der Judenvernichtung wäre kaum durchgegangen. In den 40igern hatten Zeitung fast ein Informationsmonopol, Fernsehen gab es nicht und das Radio war relativ neu.
Warum haben ausgerechnet die jüdischen Herausgeber den Holocaust verharmlost? „ Der damalige Herausgeber Arthur Hayes Sulzberger wollte, wie er glaubte, Authorität und Integrität der Times nicht untergraben“, so Susan Tifft, Ko-Autorin des Bestseller „The Trust“ (Little Brown & Company, 877 Seiten, Setember 1999) über den Clan: „Es sollte nicht der Eindruck entstehen, dass hier Juden für Juden einsetzen – besonders in dem antisemtischen Klima, dass es damals auch in den USA gab“. Doch selbst als es Treasurer Henry Morgenthau gegenüber Präsident Franklin D. Roosevelt 1944 das „War Refugee Board“ zur Beendigung der restriktiven US-Flüchtlingspolitik und Aufnahme europäischer Juden durchsetzte, hoffte er vergeblich auf die publizistische Unterstützung der Times. Nachdem die Story unveröffentlicht bleibt, interveniert Morgenthau – wie ein Gesprächsprotokoll vom 29. Jänner 1944 belegt, bei seinem Freund Sulzberger: „Mir fällt auf, dass die Times die Story ignoriert…“ „Nun, das ist ein gottverdammtes Verbrechen, denn ich habe denen gesagt, sie sollen sie in ganzer Pracht bringen“, redet sich der Herausgeber heraus. „…nun, das ist aber sehr schlecht Arthur“, so Morgenthau. „..Ich weiss“, fährt Sulzberger fort, „die kämpfen gerade um das Format der Zeitung und jemand mit Sonderwünschen muss da selbst unten stehen und auf jede Geschichte aufpassen…“. „Immerhin, am nächsten Tag wird über das War Refugee Board auf Seite Eins berichtet“, so Leff, die das Dokument ausgegraben hat.
Wie viele andere US-Medien auch hatte die Times Adolf Hitler zunächst falsch eingeschätzt – fokusiert wurde vor allem auf seine Tüchtigkeit und die auch in den USA Anfang der 30iger beliebte Kommunisten-Hatz. Als 1933 „Mein Kampf“ in Amerika erschien, lobte die Times unter anderem Hitlers Kampf für die Einheit der Deutschen, das sportliche Training für die Jugend, die Zerstörung des Kommunismus, die Beschränkung der Demokratie, die nicht zum deutschen Charakter passe. Eine Sache sei hingegen nicht gut, räumte das Blatt ein: Die Juden-Verfolgung. Im Berliner Korrespondenten-Büro arbeiteten damals sieben Reporter, zunächst unter dem Deal Nazi-freundlicher Berichterstattung als Gegenleistung zu gemäßigter Anti-US-Propaganda. Die Gewaltorgien der Reichskristallnacht sorgt erstmals für Empörung auf den Titelseiten – und hätte der Standard für die künftige Berichterstattung sein können. Doch je tödlicher der Krieg gegen Europas Juden wurde, desto weiter zurück in die Blattmitte wanderten die schrumpfende Meldungen.
Obwohl 1941 Korrespondenten von der Gestapo verhaftet und später abgeschoben werden, und das US-Statedepartment viele Berichte über Nazi-Greueltaten an Juden unterschlägt, zeigt sich die Times in ihren Kurzmeldungen erstaunlich gut informiert. Beschrieben werden die Todeszüge, die Strategieänderung von der Exekution mit Maschinengewehren zu Gaskammern. „…drei Wochen alten Babies bis Achzigjährige werden in Viehwagen gepfercht… 50 Prozent sterben oder werden von der Gestapo getötet“, steht etwa am 14. März 1942 auf Seite 7 der Times. „Das war aber alles so ein Misch-Masch an Meldungen, das irgenwie nicht wie ein signifikante Story aussah“, sagt Leff. Den Aufstand im Warschauer Ghetto beschreibt die Zeitung 1943 so, als wären keine Juden involviert, die sogar vom Statedepartment bestätigte Meldung des „World Jewish Kongress“, dass Hitler die systematische Ausrottung aller Juden plane, landete auf Seite 10.
Die Berichterstattung wäre schlicht „falsch – moralisch und journalistisch“ gewesen, sagt Abe Rosenthal, der damals als Stundent in der Redaktion arbeitete, 1969 zum ersten jüdischen Top-Chefredakteur bestellt wurde und 1999 im Krach ausschied. „Es gab keine Regeln zur Verfrachtung von Holocaust-Stories in die Blattmitte“, so Tifft: „Aber man kannte Sulzbergers Einstellung und wusste auch um die wirtschaftlichen Interessen Bescheid.“ Gegründet 1851 als vierseitige „New York Daily Times“ begann ihr Aufstieg zum globalen Flaggschiff des Qualitäts-Printjournalismus nach der Übernahme 1896 durch Adolph Ochs, einem in Tennessee lebenden Juden deutscher Abstammung. Die einzige Tochter Iphigene konnte als Frau die Zeitungs nicht übernehmen – und heiratete Arthur Hayes Sulzberger aus einer jüdischen, New Yorker Business-Familie. Deren Sohn Punch führte das Unternehmen bis 1997, als Enkel Arthur Sulzberger 48-jährig das heutige Medien-Imperium der „New York Times Company“ mit einem Jahresumsatz in 2000 von 3,5 Milliarden Dollar übernahm. „Die Angst vor der eigenen Jewishness der Familie hatte während des zweiten Weltkrieges zwar schlimme Konsequenzen“, sagt Ko-Autorin Tifft: „Arthurs Hayes hatte die eiserne Regel, dass kein Jude das Blatt führen durfte – und er selbst, obwohl stolz auf sein Erbe, sah sich selbst lieber nicht als Jude“. Doch man müsse auch die damaligen Umstände beachten, sagt Dokumentar-Filmer Sparrow: „Selbst die jüdischen Gruppen waren gespalten – die einen schalteten bezahlte Anzeigen in der Times über die Nazi-Greuel, andere hielten sich zurück, um ihren, wie sie glaubten, Verbündeten Roosevelt nicht innenpolitisch in Bedrängnis zu bringen“.
Trotz anderer journalistisicher Debakel – wie der Kooperation mit Präsident John F. Kennedy bei der missglückten Invasion der Schweinebucht in Kuba, der Ignoranz gegenüber Skandalen von Ronald Reagan, dafür die Verbohrtheit in die Whitewater-Affäre von Bill und Hillary Clinton – hat gerade das anachronistisch wirkende Erbschaftssystem zur Führung der Zeitung zum Weltruhm beigetragen. Oft entgegen dem Rat von Wallstreet-Analysten wird ein Zeitungs-Rekordbudget von jährlich 100 Millionen Dollar in die Redaktion gesteckt, nach dem Aktien-Crash 1987 und Anzeigen-Rückgängen von bis zu 40 Prozent wurde trotzdem das Budget erhöht. Wenn die Familie, die im Besitz aller für den Aufsichtsrat relevanten „Class B Voting“ ist (die Öffentlichkeit kann „Common Stock“ besitzen aber nicht mitreden), die Aktien fallen sehe, so Tifft, bekomme Arthur jr. eine auf die Finger: „Doch wenn sie wo lesen, die Times ist journalistisch nicht mehr das was sie mal war, ist er wohl seinen Job los“. Einziges Zusgeständnis der für ein moderenes Medienunternehmen anachronitischen Erbfolge an die moderene Geschaftswelt: Der Clan legte bei der Inthronisierung von Arthur jr. großen Wert darauf, dass man ihn ordentlich ausgebildet hat.

# 3. September: Sommer der Haie

Die Umstände für die Tragödie schienen perfekt. Es war 18 Uhr, die Abenddämmerung an diesem letzten langen „Labor Day“-Wochenende zum Abschluss des Sommers am „Sandrich Beach“ (US-Bundesstaat Virginia) gerade angebrochen, das Meer trüb, der Himmel bewölkt. Vor allem junge, unerfahrene Hai verwechseln bei „schlechter Sicht“ dann oft ihre Beute. David Peltier, 10, stand gut 45 Meter vom Strand entfernt im 1,2 Meter tiefen Wasser auf einer Sandbank als ein gleichnamiger, zweieinhalb-Meter-Hai in seinen Oberschenkel biss. Sein von den Schreien alarmierter Vater Richard nahm mit Todesmut sofort den Kampf gegen den Hai auf. „Er schlug ihm in die Augen, rangelte, zog an seinem Sohn“, erzählte später ein Augenzeuge. Der Bub starb zehn Stunden später an Blutverlust, der 30 Zentimeter lange Biss hatte die Beinhauptaterie zerfetzt.
Und Amerika hatte das erste Todesopfer einer langen Urlaubssaison, die durch die sonst ruhige Nachrichtenlage von den Medien zum Hai-Sommer erklärt wurde. Das Magazin „Time“ hatte mittels der Coverstory „Summer of the Shark“ verkaufsgerecht Zähne gezeigt. Obwohl heuer die weltweite Zahl von 49 Attacken unter dem Schnitt liegt (2000 waren es 79, 51 davon in den USA) katapultierten zwei spektakuläre Fälle die Hai-Story zum Dauerbrenner in den Abendnachrichten:
# Anfang Juli beißt ein zweieinhalb Meter langer Bull-Shark am Paradiesstrand von Pensacola, Florida, dem achtjährigen Jessie Arbogast den linken Arm ab. Beim Einladen in den Helicopter hat Jessie bereits so viel Blut verloren, dass der Pilot zum Transport überredet werden muss – die Überlebenschancen liegen bei einem Prozent. Sein Onkel Vance Flosenzier zerrt den wild zuckenden Hai aus dem Wasser, der erst nach einem Kopfschuss Jessies halbverschluckten Arm freigibt. Der wird im Eispack ins Spital nachgeliefert. Den Ärzten gelingt das Wunder: Der Arm wird wieder angenäht, Jessie ist heute im leichten Koma mit intakten Genesungschancen.
# Ein Monat später beißt ein Hai dem Wallstreet Broker Krishna Thompson in den Bahamas das Bein ab, halbverblutet kritzelt er mit den Fingern die Hotelzimmernummer seiner Frau Ave Maria in den Sand. Die klagte später in einer tränenreichen Pressekonferenz die Liveguards an. „Er hat geschrien, um sein Leben gekämpft“, sagte sie: „Die hatten Angst, sind nur dagesessen – welche Lebensretter sind denn das?“
Seither ist vor allem in Florida eine fast tourismusgefährende Hysterie ausgebrochen. TV-Helikopter knattern vor den Palmenstränden des Sonnenscheinstaates, der mit 438 historisch bestätigten Attacken gefährlichsten Weltregion. Per „Breaking News“ werden verwackelte Bilder von ganzen Hai-Schwärmen gesendet. Urlauber bannten Haie im flachen Wasser auf Video, in „New Smyrna Beach“ bei Daytona wurde in zwei Wochen mehr als ein Dutzend Urlauber gebissen – bis der Strand dicht gemacht wurde. Florida-Gouverneur Jeb Bush beklagte inzwischen das „unfaire“ Medienbombardement. „Es ist 30 Mal wahrscheinlicher, von einem Blitz erschlagen als von einem Hai gebissen zu werden“, so Michael Capuzzo, Autor des Bestsellers „Close to Shore“ über die Attacken eines Weißen Hais 1916 vor der Küste New Jerseys. Der 12-Tage-Amoklauf das Killer-Fisches forderte fünf Menschenleben und wurde zur Vorlage für Peter Benchleys Thriller „Jaws“ (Der Weiße Hai), verfilmt von Steven Spielberg. „Es ist unbestritten, dass Haie Menschenfleisch verabscheuen und Attacken ein Missgeschick sind“, so Capuzzo. Für die Opfer ein schwacher Trost.

# 25. Juli: Das Rätsel um Chandra Levy

Die 24-jährige Kalifornierin hatte hektische Tage verbracht. Nach dem apruppten Ende des Jobs als Praktikantin in der Bundes-Gefängnisverwaltung in der US-Hauptstadt Washington D.C. bereitete sie die Rückkehr in ihren Heimatort Modesto vor: Sie meldete sich bei ihrem Fitness-Club ab, regelte die Auflösung ihres Mietvertrages. Am nächsten Tag, dem 1. Mai, loggte sie um exakt 9.30 per Laptop-Computer in ihrer Wohnung in der 21st Street in ins Internet ein: Sie checkte Travel-Sites wie Amtrak oder South West Airlines (plus der Infosite „GoFrance.About.com“ über Reisen in Frankreich), Nachrichten von Online-Klatsch a la „Drudge Report“ bis zur Lokalzeitung „Modesto Bee“. Sie schickte Emails an Freunde und Familie. Gegen 13 Uhr endet die Verbindung von Ex-Intern Chandra Levy zum Internet-Service-Provider – und zum Rest der Außenwelt: Seit nunmehr fast drei Monaten ist sie spurlos verschwunden. Hilflos durchstöbern seit mehr als einer Woche junge Polizisten in der dunstig-schwülen Sommerhitze das Dickicht des Naherholungszentrums „Rock Creek Park“. Gefunden wurde ein Knochen. Und Frauen-Turnschuhe. Nicht mehr.
Chandra Levy ist eine von insgesamt 98.697 vermissten Personen in den USA – doch ihre Affäre zu Kongress-Abgeordneten Gary Condit und den unwiderstehlichen Parallelen zum letzten Intern-Drama „Monicagate“ um Ex-Präsident Bill Clintons Oralsex-Affäre mit Monica Lewinsky führte zum schrillsten Medien-Sommertheater seit Jahren. Levy und Lewisnky sind jüdische Töchter kalifornischer Onkologen, beide hatten Affären mit weitaus älteren, mächtigen Politikern. Nach täglichen Enthüllungen über neue Condit-Freundinnen samt einem bizarrem Doppelleben, einer angeblichen Vorliebe zu gewaltsamen Sex-Spielen und Drohungen gegenüber Ex-Geliebten wird hysterisch nach einer neuer Superlative gesucht: Hat ein Mitglied des Unterhauses des US-Parlaments seine Ex-Geliebte ermordert und ihre Leiche verschwinden lassen? Das der 53-jährige Politiker mit dem Strahlemann-Image bisher nicht als „Verdächtiger“ gehandelt wird und es noch keinerlei Beweise oder Verdachtsmomente gibt, verkommt zur Fußnote. Die Frage „Wo ist Chandra Levy?“ hält die 281-Millionen-Einwohnernation USA in Atem wie einst das Schicksal des kubanischen Flüchtlingsbuben Elian Gonzales oder der Jahrhundertmordprozess gegen Ex-Football-Stars O.J. Simpson.
Im Nachrichtenkanal CNN jagen Reporter „live“ durchs Gebüsch der DC-Parks, legen Schlüsselfiguren Geständnisse auf „Larry King“ ab, ist Chefermittler, „Chief“ Charles Ramsey zurzeit das meistgesehendste Gesicht im Frühstückfernsehen der großen Networks. CBS-Staranchor Dan Rather, der sich bis in die Vorwoche jeglicher Levy-Berichterstattung in den „Nightly News“ verweigerte, wurde zur Lachnummer degradiert. Scott Turow, Autor des Bestsellers „Presumed Innocent“ – wo ein Staatsanwalt der Ermordung seiner Geliebten verdächtigt wird–, erkennt eine neue Sucht der Amerikaner nach Kriminal-Fällen samt allen Details der Untersuchung oder der Taktik der Anwälte: „Rund um die Trinkwasser-Kühler der Büros oder in den Internet-Chat-Rooms amüsiere man sich, welches Ende und nach welcher Buch- oder Filmvorlage zu erwarten ist“, schreibt Turow. Und die Story hätte den Charakter einer Sequel: „Impeachment lite“ oder „O.J. goes to Congress“.
Geduldig warten vier Filmcrews und ein paar Fotografen bei einem Lokalaugenschein vor Condits Apartment-Gebäude in der Adams Mill Road, Nummer 2611, auf das tägliche Spiessrutenlauf-Ritual des belagerten Politikers. „Er geht schnurstraks durch das Spalier der Kameras zum wartenden Auto und lächelt professionell“, sagt ABC-Produzent Gary Rosenberg. Auf zugerufene Fragen hat er seit elf Wochen nicht geantwortet. Vorzuwerfen ist Condit zurzeit unkooperatives, teils stümperhaftes Verhalten: Die Affäre mit der jungen Praktikantin hat er erst beim dritten Polizei-Verhör zugegeben, nachdem die Tante via „Washington Post“ bereits intime Details verbreitet hatte. Dann machte er sich mit einem von seinen eigenen Staranwälten durchgeführten Lügendetektortest lächerlich. Stewardess Anne Marie Smith, mit der er neben Levy eine weitere Beziehung unterhielt, legte er eine eidesstaatliche Erklärung vor, worin sie die Affäre hätte verschweigen sollen (die Behörden ermitteln wegen Justizbehinderung). Zuletzt wurde Condit von einem Bürger in Nord-Virgina erkannt, als seine Hand gerade halb in einem Müllcontainer steckte: Er hatte höchstpersönlich zwei Stunden vor einer Hausdurchsuchung eine „Tag-Heuer“-Uhrenverpackung entsorgt – ein Geschenk einer weiteren Ex-Geliebten aus San Francisco, der 29-jährigen Joliene McKay. Politisch macht Condit vor allem seine Rolle im Impeachment-Drama zu schaffen: Als „Blue Dog“ – einer von 30 konservativen Demokraten im Repräsentantenhaus, auf dessen „unabhängige“ Stimme man nicht zählen könne – wetterte er damals gegen die Clinton-Unmoral und stimmte mit den Republikanern für die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens. Condit hätte sich seinen Platz in der „Hall of Fame der Heuchler“ wahrlich verdient, schreibt „Newsweek“-Kolumnist Jonathan Alter.
Doch auch die Polizei und die zuletzt eingeschalteten „Feds“ des FBI agieren hilflos: Nach dem Abtransport von acht Plastikkontainern aus Condits Wohnung, samt dreistündiger Durchsuchung mit ultraviolettem Speziallicht, gibt es kaum Beweise einer Verwicklung. Niemand geringerer als Vize-Präsident Dick Cheney hatte zuletzt Condit ein Alibi verschafft: Cheney, der lieber in einer anderen Rolle ein Comeback aus der politischen Versenkung gemacht hätte, bestätigte, dass er mit Condit am 1. Mai für 25 Minuten in seinem Office die kalifornische Energiekrise beriet. Auch den weiteren Tagesablauf konnte Condit dokumentieren. Zuletzt stimmte der Sohn eines Baptisten-Predigers aus Oklahoma und zweifache, seit 35 Jahren mit Ehefrau Carolyn verheiratete Familienvater einem vierten Polizeiverhör zu. Die Familie der spurlos verschwundenen Praktikantin versuchen nach letzten Rückschlägen in ihrem Medien-Feldzug, vor allem gegen Condit, die Story am Leben zu erhalten: Am Dienstag veröffentlichten die Levys ein Familien-Video, wo erstmals auch Chandras Stimme zu hören ist. Selbst ins Kreuzfeuer der Kritik gerieten die Levys durch die Verbreitung der Story über eine weitere Condit-Beziehung: Beim Heckenschneiden im Garten hätte der befreundete Priester Otis Thomas von einer Affäre seiner damals 18-jährigen Tochter berichtet – zuletzt musste der Kirchenmann jedoch kleinlaut zugeben, die Geschichte „erfunden“ zu haben. Und die Boulevard-Medien sind blamiert, als sie Condits Bruder – einem arbeitslosen, mehmals vorbestraften „Drifter“– nach einer Verhaftung wegen eines Verkehrsdelikts in das Drama involvierten. Die „New York Post“ knallte das markante „Gangster“-Gesicht von Darrell Condit auf die Titelseite samt der Headline „Ask him!“
In den Hype mischen sich inzwischen die nüchternen Ansichten einiger Kriminologen, dass das Mysterium um Chandra Levy vielleicht niemals aufgeklärt werden wird. Das letzte Treffen mit Levy am 24. April beschreibt Condit selbst als undramatisch: Levy wäre wegen des Verlusts ihres Jobs verärgert, jedoch keineswegs deprimiert oder hysterisch gewesen. Ob er was für sie tun soll, wollte Condit wissen. Nein, sie werde einen neuen Job suchen, oder vielleicht noch ein paar Semester weiterstudieren. Man verständigte sich, dass ihre geheime Beziehung weiterbestehen würde. In ihrer wahrscheinlich letzten Internet-Recherche besuchte Levy jedenfalls die Site des „Landwirtschafts-Komittee“, dem Condit angehörte.