# 10. Juni: Dirty Bomb?


Die Kombination der Begriffe “nuklear” und “Terror” brachte die Supermacht USA fast zum Stillstand: Kurz nach den “Breaking News”, verkündet durch die gewohnt bebende Bassstimme von US-Justizminister John Ashcroft via Videolink aus Moskau, dass das Al-Qaida-Komplott eines ersten nuklearen Angriff durch die Zündung einer radioaktiven, sogenannten “schmutzigen Bombe” verhindert worden war, brach das Internet in einer Flut panischer Emails fast zusammen, gingen hunderttausende Anrufe bei TV- und Radiostationen ein. Ganz besonders in der Kapitale Washington D.C. – dem vermeintlichen Ziel des Angriffs. US-Fernsehsender versuchten eine Massenpanik zu verhindern: Nein, eine “Dirty Bomb” sei keine Atombombe mit Pilzwolke á la Hiroshima, wo Hunderttausende in Sekundenbruchteilen verdampfen, wurde vor einem rot durchgestrichenen Foto eines Atompilzes erklärt. Vielmehr würde die im Waffenjargon sperrig “Radiological Dispersion Device” genannte Bombe durch beigemengte Nuklear-Materialien (von Krankenhausmüll bis gestohlene AKW-Brennstäbe) “nur” ganze Stadtviertel für Jahre unbewohnbar machen, eine nationale Panik auslösen und enormen ökonomischen Schaden anrichten.
Ob Geheimdienst-Coup oder gelungene Ablenkungs-PR der zuletzt unter Druck geratenen Regierung um US-Präsidenten George W. Bush schien zunächt irrelevant: Staunend verfolgten die US-Bürger die unglaubliche Story des Anfang Mai im Chicagoer O`Hare-Airport verhafteten US-Bürger und Ex-Gang-Member Jose Padilla – konvertiert zum Al-Qaida-Terroristen Abdullah Al-Muhajir, der nach einem Crash-Kurs in Bomben-Basteln und Treffen mit Terrorführern in Pakistan seine “Dirty Mission” im Heimatstaat USA vollenden und den ersten nuklearen Terror-Anschlag der Menschheitsgeschichte durchführen hätte sollen. “Wir haben einen Mann in Gewahrsam”, kommentiert Bush vor dem Kamin im Oval Office aufgeregt, “der eine Bedrohung für unser Land darstellt”.
“Der Effekt eines derartigen Anschlages würde die Ängste des 11. September bei weitem übertreffen”, sagte der Terrorismus-Experte Steven Emerson: “Es wäre ein vernichtender Schlag vor allem gegen die US-Wirtschaft”. Grund genug für das US-Antiterrorkriegs-Team um Bush über den 32-jährigen Padilla kurzerhand das Kriegsrecht zu verhängen. Sonntag Nacht machte ihn White-House-Anwalt Al Gonzales per Unterschrift zum “feindlichen Kämpfer”: Padilla, dessen veröffentlichtes Fahndungsfoto ihn mit kurz geschorenen Haaren und wütendem Blick zeigt, wurde unter strengsten Sicherheitsauflagen von einem Gerichtshaus in Chicago in die Militärbasis “Naval Weapons Station” in Charleston, North Carolina, überstellt. Dort wird er in Einzelhaft gehalten, ohne Zeitlimit und ohne Anwaltsvertretung. Nach Dauerverhören soll er, vielleicht als erster der hunderten, sonst in “Camp X-Ray” auf Guantanamo Bay festgehaltenen Al-Qaida-Terroristen, vor ein Militärtribunal gestellt werden.
Wie ein dumpfes Echo hallen nun die wüsten Drohungen mit der Massenvernichtung des nach wie vor flüchtigen Superterroristen Osama bin Laden durch die Medien, der die Anschaffung von nuklearen, chemischen oder biologischen Waffen sogar “zur religiösen Pflicht” erklärte. Wie ein makaberer Zufall wirkt auch, dass UNO-Fahnder der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO dieser Tage noch immer verzweifelt nach zwei “verloren gegangenen” Nuklear-Generatoren aus der Sowjetzeit in einem 320-Kilometer-Radius in Georgien suchen. Die Szenarien für die Konstruktion einer “schmutzigen Bombe” sind so vielfältig wie in ihre Wirkung unterschiedlich:
# Eine LKW-Bombe, ähnlich der des Oklahoma-City-Bombers Timothy McVeigh (168 Tote), könnte etwa hochaktives “Strontium-90” (Halbwertszeit: 29 Jahre) beigemengt werden – oder gestohlene AKW-Brennstäbe samt Uran und dem Ultra-Gift Plutonium, das nach 24.000 Jahren die Hälfte seiner Strahlung verliert.
# Leichter erhältlich sind Cobalt-60 (5,26 Jahre Halbwertszeit) und dem spätestens seit dem Super-Gau in Tschernobyl bekannten Caesium-137 (30 Jahre), die sogar, in schwächerer Dosierung im Abfall medizinischer Versuchslabors zu finden sind. Im Vormonat enthüllte die US-Nuklearkommission 300 Vorfälle, wo derartige Materialien als “vermisst” gemeldet worden waren. “Dabei gibt es tausende ähnliche Quellen, die nicht einmal überwacht werden”, so John Spike, Waffenexperte von GlobalSecurity.com.
# Die Atom-Terroristen könnten auch radioaktives Material zu Staub vermahlen und in eine herkömmliche Bombe packen oder Radioisotope an einem geheimen Ort als “brennende Kerze” deponieren, so die Methode im Experten-Jargon: “Menschen würden langsam krank und die Quelle erst sehr spät entdeckt werden”, so Pike.
Dennoch wird eine schmutzige Bombe nicht als Massenvernichtungswaffe eingestuft – wie etwa eine “Roh-Atombombe” mit limitierter Kettenreaktion, die zehntausende Menschen in einem Fünf-Kilometer-Radius töten könnte. Bis zuletzt hat Superterrorist bin Laden versucht, Atomwaffen für seinen Dschihad gegen den Westen anzuschaffen. Erst am Freitag hatte die Londoner “Times” westliche Geheimdienst-Quellen zitiert, wonach Al-Qaida Nuklearmaterial aus pakistanischen Beständen erhalten haben soll. Schon vergangenen Herbst war Pakistans führender Nuklear-Forscher, Bashiruddin Mahmood, wegen offener Taliban-Unterstützung in “Schutzhaft” genommen worden. Das Magazin “New Yorker” berichtet diese Woche, dass amerikanische und isrealische Sondereinheiten für den Fall eines Sturzes von General Pervez Musharrafs Regierung trainieren, um die Übernahme von Pakistans A-Bomben-Arsenals durch Radikalislamisten zu vereiteln.
1993 machte bin Laden den ersten Versuch, an angereichertes Uranium zum Atomwaffenbau heranzukommen: Doch er wurde von einem Schwarzmarkthändler betrogen, der ihm schwachradioaktiven Dreck um 1,5 Millionen Dollar als “südafrikanisches Plutonium” andrehte. Besonderes Interesse zeigte bin Laden an gestohlenen russischen Atomsprengköpfen. Immerhin produzierten die Sowjets während des Kalten Krieges 140 Tonnen von waffenfähigem und 1.000 Tonnen hochangereichertem Plutonium. Nach dem chaotischen Zerfall der Sowjetunion gelten wenige Nachfolgestaaten samt Russland als sichere Orte zur Aufbewahrung: Die IAEO zählte in den letzten zehn Jahren 175 Fälle von tatsächlichem und versuchtem Nuklearschmuggels. Dazu kommen die unbekannte Anzahl von nur 20 Zentimeter dicken, 38,4 mal 57 Zentimeter großen Koffer-Atombomben, wovon laut einer Warnung des inzwischen verstorbenen Russengenerals Alexander Lebed Moskau die Spur von mindestens 134 Stück verloren hat – und 20 davon an die Tschetschenen-Rebellen um 30 Millionen Dollar und zwei Tonnen Rohopium verkauft worden sein sollen. “Ist ist nur mehr ein Frage der Zeit, bis bin Laden an Atommaterial herankommt”, sagt Experte Rohan Gunaratana, dessen diese Woche erscheinendes Buch “Inside Al Qaida” mit neuen schaurigen Enthüllungen für Furore sorgt.
Bei der Verhaftung des mutmaßlichen “Dirty Bombers” Padilla, alias Al-Muhajir, spielte der nach einer Schiesserei im März in Pakistan verhaftete, an unbekannten Ort dauerverhörte Al-Qaida-Terrorstratege Abu Zubaydah eine Schlüsselrolle: Der bisher höchstrangige, gefasste Bin-Laden-Gefolgsmann erzählte über einen “jungen Amerikaner”, der im Vorjahr an ihn mit dem Terrorplan in Afghanistan herangetreten sei. Padilla lebte dann in einem “Safe House” der Al-Qaida in Lahore, Pakistan, wo er “Pläne zum Einsatz einer schmutzigen Bombe studierte und Bombenbau-Training erhielt”, so Ashcroft. Später traf er mit Top-Al-Qaida-Terroristen in Karachi, Pakisten, zur Beratung über mehrere Einsatzpläne zusammen. FBI-Agenten verfolgten Padilla dann bei seiner Rückreise in die USA, samt einem Zwischenstopp in der Schweiz, wo er Cash erhielt. Die Agenten saßen beim Weiterflug nach Chicago aus Angst vor einem Anschlag auf den Jumbo am 8. Mai in den Sitzen in unmittelbarer Nähe. Sofort nach der Landung wurde Padilla mit 10.000 Dollar an Banknoten verhaftet.
Die noch in der Vorwoche wegen haarsträubender Versäumnisse vor dem Terror-Horror des 11. September im US-Kongress vorgeführten US-Dienste CIA und FBI priesen die Padilla-Ausschaltung als für die künftige Terrorjagd vorbildlich. Doch Kritiker nehmen in den USA bereits “perfekte Ablenkungstiming” ins Visier sowie Tatsache, dass die US-Öffentlichkeit erst über ein Monat nach Padillas Verhaftung informiert wurde. Und ganz neu ist der Plan zur Attacke mit der radiologischen Bomben nicht: Schon im Jahr 2000 kursierten Reports, dass Al-Qaida etwa das Kapitol-Gebäude in Washington angreifen könnte – die Sicherheitsvorkehrungen seien deshalb verstärkt worden, berichten hochrangige Mitarbeiter von Ex-Präsident Bill Clinton.

# 29. Mai: FBI im Tiefschlaf

911Families
Hinterbliebene des 9/11-Horros: Bürokratie statt Kampf gegen den Terror

Es war 3 Uhr früh und Coleen Rowley konnte nicht schlafen. Monatelang hatte die Juristin im Minneapolis-Büro der Bundespolizei FBI die Szenerien in ihrem Kopf durchgespielt: Was wäre gewesen, wenn ihre Vorgesetzen im Washingtoner Headquarter (FBIHQ) eine Durchsuchung des Laptops des zuvor wegen dubioser Flugunterrichtswünsche verhafteten Franko-Marokkaners Zacarias Moussaoui nicht vereitelt hätten und seine engen Verbindungen zu Super-Terroristen Osama bin Laden aufgeflogen wären? Hätte man gar den Jumbo-Horror des 11. September (3.047 Tote) verhindern können? Und die Karriere-Beamtin war wütend: Wieso konnte das FBI so leichtfetig behaupten, es hätte vergangenen Sommer keinerlei Indizien gegeben? Und warum war die Arbeit der den Moussaoui-Fall so hartnäckig betreuenden Agenten als Art Hirngespinst herabgewürdigt worden? Rowley fuhr in dieser Nacht ins Büro und schrieb eine zwölfseitige Aktennotiz, adressiert an ihren ultimativen Boss, FBI-Chef Robert Mueller.
Das “Bombshell-Memo”, wie “Time” dem Schriftsatz bezeichnete und der Superagentin Rowley gleich die dieswöchige Cover-Story widmet, erschüttert inzwischen die Kapitale Washington wie ein Nachbeben des Twin-Tower-Infernos: Das Memo, von dem Rowley Kopien bei den Ermittlern diverser Senats-Ausschüsse ablieferte, ist eine Anklageschrift über das völlige Versagen der Geheimdienste in Sachen Al-Qaida-Terror, eine Blaupause für mögliche Reformen und eine nüchterne Warnung, dass die nach wie vor desolaten US-Bundesbehörden heute kaum effizienter beim Aufspüren mörderischer Terror-Verschwörungen agieren würden. Inzwischen steht nicht mehr die Frage im Zentrum, was Präsident George W. Bush vor den Anschlägen gewusst habe – sondern was ihm durch Mangel an Kooperation zwischen dem Geheimdienst CIA und FBI, glatter Inkompetenz und Unterschätzung bin Ladens an notwendigen Infos vorenthalten worden war.
Der demokratische Senats-Mehrheitsführer Tom Daschle fordert bereits eine Untersuchungs-Kommission ähnlich der “Roberts Commission” nach dem ebenso völlig überraschenden Luftschlägen der Japaner auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941. Denn Bush erhielt an jenem heissen August-Tag auf seiner texanischen Ranch in Crawford von einem eher Low-Level-CIA-Mitarbeiter ein sehr allgemeines Briefing basierend auf einem einzigen britischen Geheimdienstbericht aus dem Jahr 1999, wonach Al-Qaida kommerzielle Flugzeuge entführen könnte. Zuvor hatte jedoch bereits zuvor der legendäre FBI-Agent Ken Williams in Phoenix beobachtet, dass auffallend viele arabische Männer in Arizona Flugunterricht suchen. FBIHQ lehnte nicht nur die vorgeschlagene Überprüfung aller US-Flugschulen aus “Personalmangel” und Angst vor “Racial Profiling”, dem wegen anderer Fälle in den Medien heftig kritisiertem Nachstellen einer bestimmten ethnischen Gruppe, ab. Und, wie FBI-Agentin Rowley in ihrer inzwischen von “Time.com” in voller Länge am Internet veröffentlichten Aktennotiz schreibt (das FBI hatte sie als “classified” eingestuft), hatte “HQ“ niemals die Minneapolis-Agenten darüber informiert, dass drei Wochen zuvor die Phoenix-Division vor Al-Qaida-Verdächtigen in Flugschulen zwecks Training für mögliche Terror-Anschläge warnte. Keinesfalls der einzige Faux Pass: Wie Rowley detailreich beklagt, wurden den Agenten bei der Moussaoui-Untersuchung von einem “Supervisory Special Agent” (SSA) im Hoover Building in Washington immer neuere, absurdere Hürden auferlegt. Moussaoui, jetzt als angeblich “20. Entführer” in Virginia angeklagt, war am 15. August wegen Einwanderungsverstössen nach einem Tipp eines Fluglehrers verhaftet worden, weil er kaum Englisch sprechend am Simulator einen Boeing-747-Jumbo fliegen wollte, ohne jegliches Interesse in Starts und Landungen. Die FBI-Agenten forderten aus Frankreich die bereits dicke Akte über Moussaouis radikal-islamische Aktivitäten samt Reisen nach Afghanistan an. Sie wollten seinen Laptop-Computer und andere persönliche Gegenstände durchsuchen, glaubten, mit der Akte aus Frankreich sei dem Gesetz, dass ein Verdächtiger ein Agent einer Terror-Organisation oder eines ausländischen Staats sein muss, genüge getan.
Doch für die HQ-Vorgesetzen war die Suppe zu dünn: Anstatt von der CIA zusätzliche Infos anzufordern, machten sie sich offen über die “ahnungslosen Franzosen “ lustig und traktierten Minneapolis mit geradezu lächerlichen Fragen – wie es könnte ja “viele Zacarias Moussaoui in Frankreich geben”. Den Agenten blieb nur mehr Galgenhumor: Sie witzelten, dass ihre Vorgesetzen in der Hauptstadt Doppelagenten – ähnlich dem Jahrhundert-Spion Robert Hansen – seien, die direkt für Osama bin Laden arbeiten. In einem letzten verzweifelten Akt suchten sie unauthorisert bei der CIA um Hilfe an und wurden sofort zurechtgestutzt. Moussaouis Laptop, schließlich gecheckt als Lower Manhatten devastiert und in eine schwarze Rauchwolke gehüllt war, enthielt einen Brief von einem Al-Qaida-Mann in Malaysia und Kontakte zu einem Zimmerkollegen von Mohamed Atta, dem Anführer der Elfter-September-Bomber. “Niemand wird jemals wissen, ob eine unbehinderte Untersuchung einen Unterschied gemacht hätte”, schreibt Rowley. Doch mit ein wenig Glück wären vielleicht zumindest ein paar der insgesamt 19 Terroristen aufgeflogen, glaubt sie. Bitter beklagt sie, dass beim FBI längst ängstliche Schreibtisch-Karrieristen den Ton angeben. Ein besonders destruktiver Supervisor wurde später sogar befördert.
FBI-Direktor Mueller hat inzwischen eine interne Untersuchung angeordnet: Geklärt soll auch werden, warum niemand in der “Radical Fundamentalist Unit”, die sowohl das Phoenix-Memo als auch den Moussaoui-Fall kannten, Eins und Eins zusammenzählen hatte können. Bevor der US-Kongress in gnadenlosen Hearings mit FBI-Aufdeckerin Rowley als Starzeugin die “historische Fehlleistung der US-Geheimdienste”, so Leitartikler, durchleuchtet, setzt das FBI auf Ablenkungsmanöver: Vergangene Woche verging kein Tag ohne immer schrillere Terrorwarnungen – von Apartmentbomben, der bedrohten Freiheitsstatue und Brooklyn Bridge, mögliche Attacken auf U-Bahnen und Züge, Gefahr durch Kleinflugzeug und – sic! – “Scuba Divers”. Für die Erin Brokovic des FBI, die zwei Jahre vor der möglichen Pensionierung alles aufs Spiel gesetzt hatte, geht es auch um fundamentale Dinge: der “INTEGRITÄT” der Behörde, wie sie in Blockbuchstaben ausführt.

# 19. Mai: Al-Kaidas Comeback?

Über die abgehörten Hinweise wissen die US-Geheimdienste CIA und NSA nur soviel: Irgendwie ist es wie im vergangenen Frühjahr und Frühsommer, als der Geräuschpegel in den Kommunikationskanälen des Terrornetzwerks Al-Qaida des Massenmörders Osama bin Laden unüberhörbar wurde. Wie die Welt am 11. September beim Crash von Jumbos in die Türme des “World Trade Centers” (WTC) und das Petangon (3.000 Tote) ohnmächtig erfuhr, waren es die letzten Absprachen über den perfidesten Terror-Akt der Menschheitsgeschichte. Jetzt glühen die Kanäle wieder, wie die “New York Times” berichtete: Alles deute darauf hin, dass der 11. September übetroffen werden soll, berichten Abhörspezialisten: Doch wann? Wie? Und auf welche Ziele? “Keinerlei Hinweise”, gesteht ein Informant kleinlaut ein. Die Al-Qaida-Terroristen vermeiden selbst bei ihren Ankündigungen “eines Massensterbens” jegliche Indizien, ob die Attacken diesmal mit nuklearen, biologischen oder chemischen Massenvernichtungswaffen durchgeführt werden könnten. “Alles ist sehr kryptisch, jedoch enorm ambitioniert”, wird ein Terror-Abwehrexperte zitiert.
Die Zeiten, wo sich die Amerikaner nach dem Schock des Twin-Tower-Infernos wieder einigermassen in Sicherheit glaubten und auf TV-Talkshows über das Farbstufen-Terrorwarnsystem des glücklosen Sonderdirektors für “Homeland Security”, Tom Ridge, gewitzelt wurde, scheinen vorbei: Zusätzlich zu der bedrohlichen “Geschwätz im System”, wie die hektischen Absprachen vom Geheimdienst CIA bezeichnet werden, meldete sich Al Qaida mit Terroranschlägen auf eine Synagoge in Dscherba, Tunesien (17 Tote, darunter zwölf deutsche Urlauber) sowie Karatschi, Pakistan (14 Tote, darunter elf Franzosen) zurück, am Wochenende wurde der britischen “Sunday Times” eine verschlüsselte CD-ROM zugespielt, auf der Superterrorist bin Laden neue Hasstiraden abfeuert – angeblich vor einer “Frühlingslandschaft”, das Interview nicht älter als zwei Monate. Prompt folgt in den USA ein Inferno immer neue Terrorwarnungen:
# Die Bundespolizei FBI warnte Miethausbesitzer, dass Terroristen Apartments anmieten, mit Sprengstoff vollpacken und in die Luft jagen könnten;
# In der Vorwoche war noch vor Selbstmordanschlägen gegen Bankfilialen gewarnt worden;
# Für den 4. Juli, dem amerikanischen Staatsfeiertag “Independence Day”, wurde vor möglichen Angriffen gegen US-Atomkraftwerke gewarnt. Die Rufe nach einer Schließung des AKW´s “Indian Point” werden lauter, da in dessen 80-Kilometer-Radius mit 22 Millionen Menschen acht Prozent der US-Gesamtbevölkerung leben, inklusive der Metropole New York.
Vizepräsident Dick Cheney warnte im US-TV, eine weitere Attacke gegen die USA komme gewiss: “Die Frage ist nur mehr wann”, sagt er und fügte trocken hinzu: Hundertprozentigen Schutz gäbe es keinen. Steht bin Ladens Al-Qaida vor einem Comeback? Trotz aller Erfolge in Afghanistan, wo die Ära das Landes als globales Terror-Hauptquartier und Trainingsstätte beendet wurde, konnte bisher weder bin Laden sowie der Großteil seiner Führungsriege ausgeschaltet werden (nachweislich als getötet gilt nur “Armeechef” Muhammed Atef) – noch sein Terrornetz zerschlagen werden. Auch der Fang des Top-Strategen Abu Zubaydah in Pakistan brachte bisher keinen Durchbruch: Bei den Dauerverhören an einem bisher streng geheim gehaltenen Ort zündet der bisher prominenteste Antiterror-Kriegsgefangene bloss “Blendgranaten”, wie ein Spezialist der US-Armee zugibt: “Viele seiner Terror-Ankündigungen hat er aus pakistanischen Zeitungen”. Die Verhör-Experten bringt das zur Verzweiflung: Zubaydah weiss mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, wo sich Osama bin Laden aufhält und welche neuen Anschläge geplant sind. Auch die über 400 am US-Militärstützpunkt “Guantanamo Bay” in Kuba – unter weltweitem Menschenrechtsgruppen-Protest – im “Camp X-Ray” in zunächst offenen Käfigen in leuchtorangen Overalls festgehaltenen, angeblichen Al-Qaida-Terroristen geben bisher keinerlei Geheimnisse preis. “Die sind enorm gut”, sagt ein Offizier frustriert.
In den USA selbst sind bei der von Justizminster John Ashcroft vorangetriebenen, größten Internierungswelle seit Pearl Harbor nur die Zahlen imponierend: Über 1.400 Menschen (die genaue Zahl will Ashcroft nicht nennen) sollen verhaftet worden sein, schätzen US-Bürgerrechtsgruppen. Doch angeklagt wurde bisher nur Franko-Marokkaner Zacarias Moussaoui, der in Minneapolis im vergangenen August verhaftet wurde, nachdem er nur das Fliegen, nicht jedoch das Starten und Landen erlernen wollte. Ashcroft fordert gegen den als mutmasslich “20. Entführer” bekannten Ex-Flugschüler die Todesstrafe. Hunderte Verhaftete mussten nach teils völlig illegalen Haftbedingungen und erwiesener Unschuld freigelassen werden, andere waren wegen Einwanderungsverstösse deportiert worden.
Über US-Präsidenten George Bush jr., der durch den 11. September vom oftmals herumtölpelnden Leichtgewicht mit mageren 50 Prozent Zustimmung zum mit über 90 Prozent hochpopulären Polit-Star wurde, ist zudem sein erster handfester Polit-Skandal hereingebrochen: Seit bekannt wurde, dass Bush am 6. August – gut ein Monat vor den Anschlägen – über die Möglichkeit gebrieft wurde, Al-Qaida könnte in den USA Flugzeuge entführen, steht er im größten Medien- und Oppositionssperrfeuer gegen einen US-Präsidenten seit “Monicagate”. Wütende Parlamentarier forderten Aufklärung: Was wusste Bush? Und warum wurden die Anschläge nicht vereitelt? “Die Bürger meines Wahlkreises würden gerne diese Fragen beantwortet wissen”, dröhnte New Yorks Star-Senatorin, Ex-First-Lady Hillary Clinton. “Hätte ich gewusst, dass der Feind an diesem verhängnisvollen Morgen Flugzeuge zum Töten verwendet”, konterte Bush symphatieheischend, “hätte ich alles in meiner Macht stehende getan, die US-Bürger zu beschützen”.
Die für die nächsten Monate geplanten Kongress-Hearings werden zumindest Bushs nächste Phase des Antiterrorkrieges, samt einem möglichen Angriff gegen den Irak, überschatten, die haarsträubende Inkompetenz der Geheimdienste aufzeigen und die Nachlässigkeit des Bush-Teams beim Anti-Terror-Kampf vor dem 11. September verdeutlichen (“Während Amerika schlief”, titelte das US-Nachrichtenmagazin “Time” prompt):
# Die Memos des FBI-Agenten Kenneth Williams in Phoenix, der durch die hohe Anzahl arabischer Schüler in Flugschulen vor möglichen Flugzeugattacken bin Ladens warnte, sowie einem Kollegen in Minneapolis, der die Verhaftung Moussaouis mit “Der könnte ja einen Jumbo ins World Trade Center fliegen” kommentierte, wurden in der Zentrale in Washington ignoriert. Und die Warnungen wurden niemals an die CIA übermittelt, die das Weisse Haus darart oft vor einem “großen Terroranschlag” warnte, dass CIA-Chef George Tenet dem Bush-Team zunehmend auf die Nerven ging. Erst jetzt sind die meisten Bundesbehörden vernetzt und tragen ihre Erkenntnisse täglich in eine zentrale “Bedrohungs-Matrix” ein.
# Niemand habe sich vorstellen können, dass Terroristen “Jumbos entführen und sie in das World Trade Center und Pentagon knallen würden”, rechtfertigte sich die sichtlich nervöse Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice. Doch das Konzept zieht sich wie ein Roter Faden durch die 90iger: In Frankreich wollten 1994 Terroristen einen Piloten zwingen, den Airbus in den Eiffelturm zu fliegen; ein Komplize von Ramzi Yousef, dem Mastermind des ersten WTC-Anschlages 1993 wollte eine Passagiermaschine in das CIA-Hauptquartier steuern und italienische Behörden warnten noch im Juli des Vorjahres vor einer ähnliche Bedrohung des G8-Gipfes in Genua. Am detailliertesten ist jedoch eine Geheimdienstanalyse, die bereits September 1999 warnt: “Suizid-Bomber des Al-Qaida-Märtyrer-Battalions könnten ein Flugzeug vollgepackt mit Sprengstoff (C4 und Semtex) in das Pentagon, das CIA-Headquater oder das Weisse Haus stürzen lassen”.
# Politisch am schwersten könnte der nun als komplett verkehrt erscheinende Fokus des Bush-Kabinetts in den ersten Amtsmonaten wiegen: Justizminister Ashcroft wollte das FBI hauptsächlich gegen Schwerverbrechen, Drogenhandel und Kinderpornografie einsetzen, das Budget für die Terrorfahndung wurde gekürzt. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld verweigerte den Transfer von 800 Millionen Dollar aus dem Etat seines Lieblingsprojekts “Star Wars” (einen Abwehrschirm gegen Nuklear-Raketen) in die Terrorismusbekämpfung. Der Einsatz der unbemannten CIA-“Predator”-Drohne zum Aufspüren und Töten bin Ladens, wie noch unter Bill Clinton geplant, wurde untersagt. Das erste Konzept der Bush-Truppe für den Kampf gegen den Staatsfeind hatte Rice am 10. September fertiggestellt – just am Vortag des Infernos.
Durch die raschen Militär-Erfolge in Afghanistan hat Al Qaida heute Trainingskapazitäten verloren – und das Studium zehntausender, bei der Flucht zurückgelassener Dokumente den Ermittlern ein besseres Verständnis ihrer Funktionsweise beschert. Über 5.000 Seiten liess etwa die “New York Times” übersetzen und druckte ein Inside-Al-Qaida-Dossier: 20.000 Rekruten aus 20 Ländern waren seit 1996 in afghanischen Trainings-Camps ausgebildet worden – die meisten ”Kanonenfutter”, wie es ein US-Experte ausdrückte, doch hunderte erhielten Spezialtraining als Führungskräfte. Al Qaida hatte eine komplette Führungshierarchie mit “Dschihad-Divisionen”, eine aktive Bürokratie mit Formularen, Briefköpfen und Zeugnissen. Afghanistan wurde zu Bin Ladens Traum seines weltweiten Krieges gegen den Ungläubigen: Radikale Moslems aus Pakistan, Usbekistan, Syrien, Ägypten, Algerien, dem Sudan, Bosnien, dem Irak, Kuwait, China, den Phillipinen, aber auch Großbritannien oder den USA drückten sich in Gästehäusern die Türschnallen in die Hand, tauschten Erfahrungen aus, unterhielten sich mit Propagandafilmen oder Videospielen. Die Ausbildung reichte von Fitness wie Liegestützen und Waldläufen, Nahkampf, Bombenbau, Verwendung unterschiedlicher Sprengstoff, Strategie und geheime Kommunikation bis zur Bedienung von Luftabwehrgeschützen. Gerade wegen des langjährigen, unbehinderten Trainings können Terror-Experten die Stärke Al Qaidas nach der Vertreibung aus Afghanistan nur schwer beurteilen. Die US-Armee hat die Qualität zumindest der militärischen Ausbildung nach ersten Analysen jedenfalls als “herausragend” bezeichnet.

# 29. April: Der tägliche Wahnsinn in NY-Schulen

Ruetz
Lehrerin Ruetz: „Beschimpft“

Echte Angst hat sie eigentlich nie, aber etwas mulmig sind die Szenen manchmal schon. Pausenlos Faustkämpfe am Gang, eine Messerstecherei knapp vor Ostern mit einem schwerverletzten Schüler, Mädchen, die sich mit ihrem ellenlangen Fingernägeln fast die Augen auskratzen. Und dann gibt es natürlich auch tätliche Angriffe auf Lehrer, erzählt Katharina Ruetz, Österreicherin mit Ein-Jahr-Engagement an einer der triestesten, öffentlichen “High Schools” New Yorks. Eine Kollegin wurde von hinten einmal fast k.o. geschlagen, erzählt die 26jährige Tirolerin, die Geografie unterrichtet. Ihr selbst ist das noch nicht widerfahren, sie wurde bisher nur laut schreiend beschimpft. “Die Ärmsten sind die Substitutes, die Supplier-Aushilfskräfte”, sagt sie augenzwinkernd: “Da gibt es schon manchmal Verletzungen”.
Nach dem Überschwappen des Horrors der Schulmassaker der unheimlichen Serie in den USA Ende der 90iger (die im Blutbad an der “Columbine High School” in Littleton mit 15 Toten gipfelte) nach Deutschland fokusieren europäische Bildungsexperten nun auch auf die US-Gegenreaktion, der drastischen Verschärfung der Sicherheitsmassnahmen in Schulen und “Zero Tolerance” bei Waffenvergehen. Ist etwa die “South Shore High School” an der Flatland Avenue in Brooklyn mit dem Security-Heer, Metalldetektoren und “Schul-Sherrifs” die Zukunft auch für etwa österreiche Gymnasien? Beim Lokalaugenschein erläutert Lehrerin Ruetz die Wahrheit hinter den Sicherheits-Auflagen, die Gewalt nur eindämmen, Massaker á la Columbine oder Erfurt jedoch kaum verhindern können. “Psychologische Probleme eines Amokläufers könne nicht durch Wachbeamte gelöst werden”, sagt sie trocken.
Die High School mit 3.800 Schülern wird von dutzenden privaten Security-Beamten bewacht, darunter sogar einige Cops des New Yorker Polizeidepartments NYPD. In jedem Stock sitzt ein Wachmann am Gang auf, dahinter eine Art Notruf-Telefon, wo Lehrer aus dem Klassenzimmern heraus Hilfe anfordern können. “In der Früh müssen alle Schüler durch den Haupteingang zum vorgeschriebenen Screening”, sagt Ruetz: Die Taschen werden geröngt, die Schüler gehen durch Metalldetektoren oder werden mit Hand-Scannern nach Waffen durchsucht. Doch viele der Sicherheits-Leute sind Kumpel der Schüler, schlecht bezahlt obendrein und drücken oft ein Auge zu. Außerdem könnten die dutzenden Seitenausgänge der Schule nur schwer kontrolliert werden, sagt Ruetz. “Irgendwie ist das System wie die laxe Airport-Security vor dem 11. September”, sagt der Österreicher Christian Verwanger, der ebenfalls an einer Schule in einer derberen Gegend Brooklyns unterrichtet. Vor allem kleinere Messer und Rasierklingen rutschen immer wieder bei den Sicherheitsschleusen durch, sagt er. Feuerwaffen werden hingegen selten in die Klassenzimmer geschmuggelt.
Durch das hohe Aggressionspotential sei der Lehrer-Job trotz aller Sicherheitsauflagen und dem Heer von Wachbeamten nichts für Zartbesaitete, so Verwanger: Eine volle Cola-Dose sei einmal auf seinem Hinterkopf gelandet, ein anderer Schüler habe einen Sessel nach ihm geworfen und ihm mit dem Aufschlitzen bedroht. Schlechte Schulen in dem ärmeren Bezirken in US-Metropolen dienen eher der Beschäftigungstherapie statt der Ausbildung. Um größere Unruhen und “Gang”-Bildung zu vermeiden, setzen die High Schools sogenannte “Deans” ein, meist bullige Ex-Lehrer mit hohem Authoritäts-Grad und ruppigen Methoden. “Vor denen haben die Schüler weit größeren Respekt als vor den Security-Leuten”, sagt Ruetz. Während der Unterrichtsstunden werden die Klassenzimmer versperrt – da sonst “jederman seelenruhig hereinspazieren würde”, schüttelt sie den Kopf. Dennoch: Wenn draussen am Gang der Lärm von einem neuen “Fight”, einem Faustkampf, zu hören ist, leert sich das Klassenzimmer in wenigen Minuten. Ob ähnliche Sicherheitsauflagen in Europa eine Chance hätten? Die Massnahmen seien zu halbherzig, um Wahnsinnstaten wie in Erfurt verhindern zu können, sagt Ruetz: Viel ist bloß Augenauswischerei unter dem Schlagwort “waffenfreie Schule” – investiert solle in den USA eher in die Qualität der öffentlichen Schulen werden.

# 29. April: Der (S)Ex-Präsident: Here we go again?

Dass gerade das renommierte US-Nachrichtenmagazin “Newsweek” dem heissesten Gerücht in der New Yorker Klatschpresse enormen Auftrieb verleiht, ist wohl eine Ironie: In einer aufsehenerregenden Coverstory über das Post-Präsidiale Leben des Bill Clinton, 55, steht er in einem Foto quietschvergnügt vor einem verchromten Designer-Kühlschrank in einer Manhattaner Privat-Suite – wird beobachtet am linken Bildrand von einer Blondine mit hochtupierten Haar und überdekoriertem Diamtenohrring. Newsweeks Starautor Jonathan Alter, der sich in seiner Clinton-Story eher auf das politische Erbe, Geldscheffeln und Hilfsprojekte konzentrierte, dürfte die Brisanz des Schnappschusses nicht aufgefallen sein: Die Blondine ist die 38-jährige Lisa Belzberg, Gattin des sechs Milliarden Dollar schweren “Seagram´s”-Schnapps-Imperium-Erben Matthew Bronfman – und, wie man in der New York Society-Szene mit immer mehr Details wissen will, Geliebte des Ex-Präsidentin.
Kleinlaut sandte Newsweek aus, dass man sich einer besonderen Nähe zwichen Clinton und Belzberg “nicht bewusst” sei, doch am Boulevard gibt es kein Halten mehr: Schon seit Monaten geisterte durch die Klatschspalte der “New York Post” (“Page Six”) eine mysteriöse “Clinton-Blondine”, jetzt nannte das Tabbloid “Globe” Dinge beim Namen: Spätestens seit Anfang Februar gehe die Affaire vor sich, man habe sich, so der Globe, sogar zu geheimen Schäferstündchen in die Suite des “Hudson Hotel” getroffen, Belzberg stehe deshalb knapp vor der Scheidung mit Bronfman – und Clinton drohe nun endgültig ähnliches von New-York-Senatoren-Gattin Hillary. “Wenn das war ist”, soll die sonst sehr geduldige Hillary einer Freundin ausgerichtet haben, ist er jetzt endgültig “Toast”.
Sex-Affairen haben die gesamte Karriere zum mächtigsten Mann der Erde aufgestiegenen Arkansas-Provinz-Politiker überschatteten – von angeblich “hunderten Liebschaften”, inklusive der 12-Jahres-Affaire mit der Nachtklubsängerin Gennifer Flowers bis zu den Oralsex-Begegnungen im Oval Office mit der Praktikantin Monica Lewinsky, die ihm ein Amtsenthebungsverfahren einbrachte und Dank Sonderermittler zum bestdokumentiertesten Ehebruch der Menschheitsgeschichte wurde. Mit dem Belzberg-Gerüchten dürfte sich Clinton nun auch im Großraum New York gut eingelebt haben: Zwar ist er in der 1,7-Millionen-Dollar-Villa im biederen Suburb Chappaqua gut abgeschirmt, doch nach seinem Arbeitstag im Office in Harlem (mit Bio und Vorträgen in aller Welt könnte er in der nächsten Jahren bis zu 40 Millionen Dollar verdienen, rechnet Newsweek vor) stürzt sich Clinton gerne ins New Yorker Nightlife voller glamouröser “Socialites”.
So soll Serien-Schwerenöter Clinton die dreifache Mutter Belzberg bei der Weihnachtsfeier eines Investment-Bankers kennengelernt haben, sofort “wie wild mit ihr geflirtet haben”, wie dem Globe berichtet wurde: Wie ein “alter Jagdhund”, “sehr peinlich” sei das gewesen. Sogar volle zehn Minuten sollen sie im Schlafzimmer verschwunden sein, druckt der Globe. Bei Clintons “Super-Bowl”-Party am 3. Februar ging das Flirten weiter, diesmal sogar vor der anwesenden Gattin Hillary. Clinton, der bereits im Wahlkampf in Arkansas Freundinnen durch die Hintertür rausschickte, wenn Hillary durch die Vordertüre ins Kampagnen-Hauptquartier spazierte, soll geprahlt haben: “Sie ist verheiratet mit einem sechs Milliarden Dollar schweren Guy und sie flirtet doch lieber mit mir”. Hillary gäbe Bill “viel Spielraum”, berichtete ein Augenzeuge: “Aber der Liebestanz sei geradezu lächerlich gewesen”. Gleichzeitig eskalierten Scheidungsgerüchte zwischen Milliarden-Erben-Bronfman und der Tochter eines steinreichen, kanadischen Finanziers. Bronfman sei im Februar bereits aus deren gemeinsamen Haus in Katonah ausgezogen, berichtete bald “Page Six”.
Doch der Globe geht noch einen Schritt weiter: Clinton, der Freunden gegenüber seine Sucht nach “New York´s Top- Babe” bekundete, soll sich wöchentlich mit einer “attraktiven Blondine” in der Suite im 24. Stock des “Hudson Hotels” treffen, so Globe-Zuflüsterer: “Sie kommen getrennt, sie herausgeputzt wie ein Modell, er so low-key wie möglich”. Hotelbesitzer und Clinton-Freund Ian Schrager bezeichnete die Story jedoch als “Baloney”, glatten Schwachsinn. Alle vier im Florida-News Boca Raton verlegten Top-US-Klatschmagazine (“National Enquirer”, “Star”, “Globe” und “National Examiner”) haben ihrer Obsession mit echten und angeblichen Eskapaden des sexsüchtigen Politikers nie aufgegeben: “Das politische Erbe der acht Clinton-Jahre verblasst rasch”, gibt ein Chefredakteur offen zu: “Story über Affairen kommen jedoch beim Publikum enorm gut an”. So schmückt Clinton, der für die Demokraten als Wahlkampfstratege und Spendensammler agiert (zuletzt flossen bei einem gemeinsamen Auftritt mit Pop-Ikone Michael Jackson im Harlemer “Apollo Theater” drei Millionen Dollar an Spenden) fast wöchentlich das Cover zumindest einer der Tabloids: So berichtete ein Tabloid von einer Beziehung zu Supermodell Naomi Campell (zuletzt gemeinsam gesichtet bei Clintons Auftritt in Ischgl), dann sah der „Star“ eine Affaire mit Patricia Duff, der Ex-Gattin von Kosmetik-Milliardär Ron Perelman. Dann ortete der “National Enquirer” Sex zwischen Clinton und Denise Rich, Ex-Frau des flüchtigen Finanz-Jongleurs Marc Rich, dessen Pardonierung für den letzten deftigen Clinton-Skandal sorgte.
Und Hillary? Für Joe Klein, Clinton-“Biograf” und Autor des Bestsellers “Primary Colors”, gäbe es politisch keinen Grund mehr, die 27-jährige Ehe zwanghaft aufrecht zu erhalten. “Irgendwie sind sie süchtig nacheinander”, so Klein. Oder Hillary reisst tatsächlich irgendwann der Geduldsfaden. Der Enquirer enthüllte jedenfalls bereits vor Monaten die “geheimen Scheidungspapiere”.

# 8. April: Raimund Abrahams Tagebuch: Der unglaubliche Bau des New Yorker Kulturinstitutes

So spektakulär und von Architekturkritikern vielgerühmt der 24-stöckige, abgeschrägte, nur sieben Meter schmale Turm des neuen “Austrian Cultural Forum” in Midtown Manhattan ist, so endlos erschien die mehr als zehnjährige Odyssee – vom Entschluss zum Neubau 1991 bis zur Eröffnung am 18. April 2002 – zwischen Politik, Bürokratie und dem New Yorker Baualltag. Der in Lienz, Osttirol, geborene, in New York lebende Stararchitekt Raimund Abraham führte ein Tagebuch über die wohl einmalige Baugeschichte dar. Begonnen hat für den heute 69jährigen alles mit der Ausschreibung zum Architektenwettbewerb im Juli 1992:
Meine Architektur kommt aus dem Ort, deshalb begann ich den Ort zu lesen: Eine sehr schmale Baustelle für ein vertikales Gebäude. Ich wusste sofort, dass ich in eine Schlucht hineinbaue – daraus resultierte die Erkenntnis, dass es in Relation zur Nachbarschaft ein kleines Gebäude sein wird. Hoch, aber klein. Ich wollte eine Architektur schaffen, die die Kleinheit des Gebäudes reflektiert, und dabei kein aufsteigendes, sondern ein fallendes Gebäude konstruieren, gleichzeitig soviel Raum wie möglich zu schaffen auf dieser kleinen Grundfläche. Ich sehe es auch als moralisches Problem: ich muss rechtfertigen, dieses Gebäude überhaupt zu bauen. Ich weiss nie, wie meine Ideen letztendlich entstehen. Meist jedoch sehe ich mich als Arbeiter, der handwerklich ein bestehendes Problem lösen will. Dabei erinnerte ich mich an die Scherenstiege, die ich beim Renovierungsprojekts eines alten Gerichtsgebäudes in Manhattan gesehen habe. So kann ich die zwei vorgeschriebenen Treppen am platzschonensten unterbringen – und die größtmöglichste Nutzfläche erreichen.
Bis Dezember 1992 werden 226 Projekte eingereicht, als Favorit wird Hans Hollein gehandelt.
Noch nie in meiner ganzen Karriere war ich mir bei einem Wettbewerb so sicher: Ich habe ein unschlagbares Projekt vorgelegt! Ich sehe mich nicht grundsätzlich im Wettbewerb mit anderen Architekten, sondern mit Ideen: Ich messe die Qualität meiner Lösung im Rahmen der Schwierigkeit des Problems. Ich will eine Architektur schaffen, die es zuvor nicht gegeben hat.
1996 soll das Gebäude im Rahmen der 1000-Jahre-Österreich-Feiern eröffnet werden. Im April 1993 beginnen die Planungsarbeiten. Im September 1994 soll das asbestverseuchte Gebäude in 11 East 52nd Street abgerissen werden, der Umzug des Kultur-Instituts in ein Ausweichquartier verzögert sich jedoch. Im Dezember sind die Planunsgarbeiten abgeschlossen, im Jänner 1995 ergeht die Baugenehmigung. Geschätzte Gesamtkosten: 11 Millionen Euro.
Die Planungsarbeiten dauern länger als prognostiziert. Es ist ein enorm kompliziertes Gebäude. Die Logistik ebenfalls: Laut EU-Bestimmungen müssen wir öffentlich ausschreiben, ein in New York unbekannter Vorgang. Und absurd für ein Gebäude dieser Bedeutung: Keine der renomierten Baufirmen beteiligt sich. Üblicherweise werden sie zu Projekten geladen, wenn sie der Bauherren als bestgeeignet einstuft. Als Teil der österreichischen Milleniumsfeiern ist das Projekt längst entgleist.
Im Jänner 1996 beschliet der Nationalrat die Realisierung des Neubaus und die Auslagerung an die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG). Ein Vertrag zwischen Aussenministerium und BIG fehlt jedoch.
Inzwischen finden wir technische Gründe, um die erste, erfolglose Ausschreibung für null und nichtg zu erklären, und eine zweite Ausschreibung mit direkter Einladung von Firmen zu organisieren. Ein fixer Baupreis wird geschätzt und dem Ministerium in Wien übermittelt. Ich warte. Monatelang geschieht gar nichts. Eine politische und bürokratische Odyssee scheint zu beginnen. Ich schwanke zwischen Hoffen und Bangen. Ich beginne zu kämpfen, wo ich nur kämpfen kann: Ich trete an Bundeskanzler Vranitzky heran, ich schreibe einen Brief an Parlamentspräsidenten Fischer, mache eine Ausstellung im Parlament, wende mich an den Nationalrat. Die “New York Times” hilft mir mit Berichten, die österreichischen Medien ebenfalls. Ohne politischen Druck der Medien wäre das Projekt vielleicht schon gestorben. Ich werde zur öffentlichen Person. Überall sprechen mich Leute an. Ich werde niemals aufgeben. Meine Devise: Hoffnung und Verzweiflung sind untrennbar. Manchmal sind jedoch die Grenzen meiner Gefühlswelt erreicht. Es wird immer schwieriger, mich bei meinen anderen Projekten zu konzentrieren. Die helfen mir jedoch als Art Flucht, geistig zu überleben.
Im März 1998 wird der Vertrag zwischen dem Aussenamt und der BIG unterzeichnet, Abrahams Vertrag an die BIG übertragen. Im April wird die New Yorker Baufirma “Barney/Skanska” für 21.62 Millionen Euro beauftragt.
Ich beginne mit dem “Value Engineering”, ein neuerliche Analyse des Projektes, das ja schon drei Jahre gelegen ist. Ich will das Projekt wirtschaftlicher machen, ohne grobe Konzessionen einzugehen: Die Idee von Solar-Zellen am Dach begrabe ich. Ich habe keine New Yorker Bauerfahrung, nach Recherchen unterstütze ich jedoch die Wahl der Baufirma. Wir wählen das Modell des “Construction Manager”, der für alle Subunternehmer verantwortlich ist. Als Architekt darf ich mich nicht direkt an diese ausführenden Firmen wenden. Ich werde zum “Kriegsberichterstatter” des Construction Managers degradiert. Es ist schnell klar, dass die Firma noch nie mit einem Architekten auf der Baustelle zu tun hatte. Von Tag Eins an bin ich deklarierter Feind. Durch mein kritisches Auge versuche ich, die für dieses Gebäude notwendige Präzision zu garantieren. Ich stelle den Arbeitern sogar die Instrumente zur Verfügung, um den Winkel der Schräge nachzumessen. Die Toleranz liegt bei einem Zentimeter, bei einer Gesamthöhe von 90 Metern. Ohne meine Kontrolle, ist das Gebäude nicht zu realisieren. Ich engagiere mich täglich auf der Baustelle, messe nach. Doch ich kann Fehler nur der General-Firma melden, und fordern, dass die einer Korrektur zustimmen und das an den Subunternehmer weitergeben. Das dauert oft Wochen, inzwischen wird weitergebaut. Mir wird nach fünf Stockwerken klar: Die Betonfirma ist unfähig, das Gebäude zu bauen. Wenn die weitermachen, müsste man es nach dem 15. Stockwerk wieder abreißen.
Zuvor war – beim Beginn der Aushubarbeiten im Jänner 1999 – noch ein Eröffnungstermin Juli 2000 bekanntgegeben worden. Die BIG nennt nun 22,4 Millionen Euro Gesamtkosten. Im Juli kommt es zum Baustillstand.
Wir feuern die Betonfirma. Die behauptet, ich hätte ungenaue Pläne vorgelegt. Mit den gleichen Plänen sollte das Gebäude jedoch von einer anderen Firma fertiggestellt werden. Jetzt meldet sich jedoch die “La Familia”: Wenn eine Firma gefeuert wird, verhindert die New Yorker Baumafia als Solidarität die Vergabe an andere Firmen – unterbindet sogar die Anlieferung von Beton. Wir haben Glück: Skanska baut gerade am Kennedy-Airport die Monorail und stellt eine Extra-Mannschaft samt eigenem Beton für den Fertigbau zur Verfügung.
Im Jänner 2000 wird der Rohbau zügig vorangetrieben, nun soll im Mai 2001 eröffnet werden, dann fünf Monate später der Termin auf den 4. Oktober 2001 korrigiert. Direktor Christoph Thun-Hohenstein entwickelt das Eröffnungsprogramm “Transforming Modernity”.
Die Glasfassade wird aus Österreich angeliefert, währenddessen mit angepeilten Eröffnungsterminen Druck gemacht. Die beruhen jedoch auf Aussagen der Baufirma und der BIG, ich stelle sie stets in Frage. Auf der Baustelle beginnen die Probleme beim Montieren der Glasfassade. Frustriert denke ich: Drei Jahre lang Ärger… Ich spüre die Feindseeligkeiten auf der Baustelle. Ich agiere oft zu emotional, muss mich einbremsen. Sonst habe ich vor der Eröffnung einen Herzinfarkt. Unser Panelsystem, Fassadenteile direkt auf der Baustelle zu montieren, verlangt wesentlich höhere Genauigkeit. Die Firma hat soetwas noch nie gemacht. Allein diese Probleme verzögern den Bau um neun Monate.
In Österreich wird im Jänner 2000 die Koalition mit Jörg Haiders FPÖ gebildet, “Nazi-Austria” dominiert die Headlines in den US-Medien.
Ich halte das für eine Entwürdigung der Geschichte der Republik Österreichs, Haider in die Regierung zu nehmen. Ich überlege. Welche Möglichkeiten des Protests habe ich eigentlich? Während meinen 30 Jahren in den USA habe ich meine österreichische Staatsbürgerschaft behalten, nun werde ich sie ablegen. Eine symbolische Geste. Es ist eine Gewissensfrage, ich will kein Politikum erzeugen. Dabei hänge ich an Österreich und stelle fest: Wenn Haider verschwunden ist, werde ich die Staatsbürgerschaft wieder zurückverlangen.
Im April 2001 schätzt die BIG die Gesamtkosten auf 25,5 Millionen Euro, hält am Eröffnungstermin 4. Oktober fest. Am 11. September zerstören zwei von Al-Qaida-Terroristen entführte Jumbos die Türme des “World Trade Centers“. New York stürzt ins Chaos.
Viele Arbeiter verlassen die Baustelle, helfen auf “Ground Zero”. Ich halte sie nicht auf. Ich habe den Einsturz der Türme vom Dach meines Wohnhauses gesehen. Es ist unwirklich. Es wirkt fast ästhetisch. Großartig. Erst als ich an einem Feuerhaus vorbeigehe, wo elf Firefighters tot sind, breche ich zusammen. Ich begreife, was wirklich passiert ist. Menschlich. Ich denke sehr wenig an mein Gebäude. Es ist wie im Krieg. Andere Dinge scheinen jetzt wichtig als Architektur.
Als endgültig gültiger Eröffnungstermin wird der 18. April 2002 bekanntgegeben, die Kosten mit 33 Millionen Euro.
Langsam beginne ich mich zu freuen. Noch immer gibt es kleine Probleme, aber die sind leicht lösbar. Zehn Jahre harte Arbeit haben sich ausgezahlt. Es ist wie ein Wunder, dass dieses Gebäude erschaffen wurde. Es gibt immer noch ein paar Details über die ich unglücklich bin, aber schon weit weniger als zum Zeitpunkt wo ich sie entdeckt habe. Die Radikalität der Architektur hat sich nicht der Bewohnbarkeit verweigert. Es ist kein Formalismus, sondern man spürt, dass das Gebäude eine Einheit ist. Es ist ein Moment des Glücksgefühls. Ich bin auch für Österreich froh, dass es ein auch in den Medien als bedeutend erkanntes Gebäude hier in New York besitzt.

# 2. April: Black Water vor Florida

So etwas hatte Profi-Taucher Ken Nedimyer in seinem Lieblings-Tauchort vor der Küste der Key-West-Inseln in Florida noch nie gesehen: Kurz zuvor abgestorbene “Gehirn-Korallen”, die Lebewesen, die sie aufbauen, verwesend in den Spalten. Andere Korallen, normalerweise gold-braun, waren überzogen mit einer weißen Kruste. Und dann immer wieder ein paar kleine, tote tropische Fische dazwischen. “Ich habe diese Korallen unter jeden denkmöglichen Umständen gesehen”, erzählte er aufgeregt der örtlichen “Naples Daily News”: “Von 15 Grad kühlen Wasser bis 30 Grad warmen im Spätsommer, bei ruhiger See, stürmischer, Sonne oder Regen – jetzt sind sie plötzlich abgestorben und es ist ein Tragödie”. Seit 1970 hat Nedimyr den Niedergang der Korallenbänke vor Florida miterleben müssen – doch seit ein mysteriöser Flecken von pechschwarzem Wasser über die Riffe zog und den Meeresboden regelrecht verwüstete, schrillen bei ihm seinen Berufskollegen und der gesamten Tourismusindustrie Südfloridas die Alarmglocken.
Unter dem Codewort “Black Water” ist das Phänomen – ein bis zu 700 Quadratmeilen großes Gebiet mit schwarzem Wasser entlang der Westküste der Floridahalbinsel im Golf von Mexiko – in die internationalen Schlagzeilen gelangt. Das “Schwarze Loch” ist gleichzeitig zum meeresbiologischen Krimi geworden, um dessen Aufklärung sich inzwischen die weltbesten Wissenschaftler bemühen. Entdeckt wurde das Phänomen – am ehesten zurückzuführen auf explosionsartiges Algenwachstum – bereits im Jänner, als Fischer Tim Daniels mit einem Flugzeug nach Kingfish-Schwärmen suchte und kilometerlang über pechschwarzes Wasser flog. Andere Fischer berichteten von einer übelriechenden Brühe, “wie Abwasser”, und dem Verschwinden, jedoch nicht Absterben der Fischbestände. “Der Ozean ist krank”, hatten sie den Behörden zunächst verdutzt gemeldet.
Satelliten-Aufnahmen bestätigten bald die Entdeckung: Der Fleck explodierte in ein riesiges Fläche, die langsam entlang der Küste südwärts driftete. Doch jede entnommene Wasserprobe und Unetrsuchung scheint mehr Fragen aufzuwerfen, als zu beantworten. Einigen konnten sich die Experten, die sich am Donnerstag der Vorwoche im “Florida Marine Research Institute” in St. Petersburg (Florida) zu einer Krisensitzung trafen, lediglich darauf, dass nicht die sonst üblichen Algenwucherungen sondern ein übernatürliches Wachstum von pflanzlichem Plankton, “Diatom” im Fachjargon, die Wasserverfärbung auslöst. Cynthia Heil, Expertin der Südflorida-Uni für “Marine Sience”, beobachtete einen geringen Anteil an Stickstoff und das Fehlen von Nitraten – “das als Nähstoff dienen könnte, für was immer hier wächst”, wie sie erklärte. Alarmierend seien kleine Mengen von Ammonium in den Proben, das auf eine “exterene Quelle von Stickstoff” hindeutet – Umweltverschmutzung durch einen verseuchten Fluss im Klartext. Doch einigen sind sich die Experten bisher nur, dass keine der Theorien schlüssig erscheine. Das Mysterium könnte auch durch Partikel absterbender organischer Matrie hervorgerufen werden. “Wir durchstöbern die Asche nach einem Feuer nach der Brandursache”, sucht Heil nach Vergleichen. Erfolgreicher sind die Wissenschafter beim Eliminieren von Möglichkeiten: Demnach habe “Black Water” nichts zu tun mit der Florida seit dem Herbst des Vorjahres heimsuchende “Red-Tide”-Plage, einer mikroskopisch kleinen, Gifte absondernden Alge namens “Karenia brevis”, die das zentrale Nervensystem von Fischen lahmlegt (an einigen Florida-Stränden verpesteten Tonnen von verwesenden Fischen die Luft). Weder Salz- noch Sauerstoffgehalt im “Schwarzen Loch” hätten auffällige Abormalitäten gezeigt, ebensowenig der Nährstoffgehalt. Immerhin: Das Wasser sei keinesfalls giftig oder für Menschen gefährlich, Fische würden die Gegend eher meiden als an dem Phönomen zugrundegehen.
Für Jean-Michel Cousteau, Sohn des legendären französischen Meeresforschers, ist das Rätsel eine “Warnung der Ozeane”, wie er via CNN diese Woche verkündete: “Die Sache zeigt, wie wenig wir über das Funktionieren der Meere wissen”, sagt der in Santa Barbara lebende Ökologe: “Und trotzdem missbrauchen wir die See als Mistkübel und Abwasserkanal”. Unmittelbar gefährdet wären die Korallen-Riffe, die auf ausreichend Sonnenlicht angewiesen sind, so Cousteau. Und: “Die ganze Episode ist wie ein sterbender Kanarien-Vogel im Bergwerk, eine Warnung, dass hier etwas sehr ernstes passiert”. Die Behörden, allen voran Florida-Gouverneur Jeb Bush, Bruder des US-Präsidenten, wollen das Phänomen lieber totschweigen. Immer lautstärker beklagen Meeresbiologen die mangelnde Kooperation der Regierung in Talahassee. Die weißen Tropenstrände machen Florida zum internationalen Tourismusmagneten, allein die jetzt betroffene, 126 Meilen lange Inselkette der “Keys” erwirtschaftet pro Jahr mit drei Millionen Besuchern 1,3 Milliarden Dollar. Dabei sind seit 1975 über 90 Prozent der Korallen-Riffe bereits abgestorben – das Black-Water-Phänomen könnte “jetzt die letzten verblieben Rest dieses einstigen Unterwasserparadieses vernichten”, befürchten Taucher wie Ken Nedimyr.

# 2. April: Citizen Clinton

Clinton
Clinton, Bodyguard: Populär mehr denn je

Er lebt gut, tourt den Globus, scheffelt Millionen – und will die Welt verändern. Bill Jefferson Clinton, ehemals 42. Präsident der USA, kämpft, 55jährig gegen den (Früh)Pensionsschock mit einem Inferno an Aktivitäten und einem rasanten wie pompösen Livestyle: In der Vorwoche dinierte er mit den Hollywoodstars Robin Williams und Billy Crystal in einem Nobelrestaurant in Manhattan, flog am nächsten Tag schnurstracks in die Riesenvilla seines Freundes, Fashiondesigner Oscar de la Renta in Punta Cana im Osten des Tropenparadieses Domenikanische Republik. Zusammen mit Gattin Hillary, Tochter Chelsea und deren Boyfriend Ian Klaus saß er beim Diner mit Schnulzensänger Julio Iglesias. Ein kurze Erholung vor einer Vortragstour durch acht amerikanische Städte – bevor sich Clinton am 13. April in einem Glaskobel im österreichischen Skiort Ischgl gemeinsam mit Swatch-Uhrenguru George Hayek und MTV-Präsentatorin Catherin Mühlemann an die Jugend Europas wendet. Cool. Und lukrativ. 200.000 bis 300.000 Dollar kassiert der erste amerikanische “Pop-Präsident” overseas pro Auftritt.
Nach acht enorm erfolgreichen aber auch von Oralsexskandalen samt Impeachment-Politdrama überschatteten Jahren im White House hat “Citizen Clinton” 14 Monate nach seinem Abgang wieder Tritt gefasst: In 200 Vorträgen in 30 Staaten wurde er mit Gesamteinkünften von 15 Millionen Dollar seine Anwaltsschulden aus dem Skandal-Inferno (5 Millionen) locker los – samt dem 12-Millionen-Dollar-Rekord-Vorschuss für seine Memoieren und vollen Vortrags-Buchungskalender könnte es der in bitterer Arkansas-Armut aufgewachsene, vielleicht talentierteste Politiker aller Zeiten in den ersten drei Jahren auf 40 Millionen Dollar bringen. “Das Leben ist kurz”, sagt er dem Magazin “Newsweek” in der dieswöchigen Coverstory: “Ich habe keine Zeit zu verlieren – ich bin 55 Jahre alt und es wirkt wie gestern als ich 20 war…”. Dabei ist der Start in sein Privatleben, ganz Clinton, in einem weiteren Skandalfeuerwerk untergegangen: Wochenlang verschanzte er sich in der 1,7-Millionen-Dollar-Villa im Nobel-Suburb Chappaqua mit Hilfskraft Oscar und Hund Buddy (im Herbst von einem Auto überrollt) vor Reporter-Horden: Durch die Pardonnierung des Millionenbetrügers Marc Rich (ein Fehler, wie er heute betreuert: “Es war den Schaden für meine Reputation nicht wert…”) und der Mitnahme von Geschenken rollte nochmals die Skandalpresse über ihn drüber. “Nach all dem, was sie mir angetan haben, war ich besonders wütend, sogar bei meinem Abtritt noch überfallen zu werden”, sagt er bitter. Wenn er darüber spricht, steigt immer noch die Zornesröte ins Gesicht. Whitewater, Travelgate, Filegate, Monicagate, Pardongate – alles eine “rechte Verschwörung”: “Wir leben in einer Epoche, wo der Fanatismus auf der rechten Seite des Politspektrums beheimatet ist”, sagt er trotzig: Die wären wütend gewesen, weil er ihnen ihr angebliches “Recht zu Regieren” geraubt hatte. Und das Anti-Clinton-Gebrüll geht auf den rechten TV-Kanälen, allen voran “Fox News”, weiter. Als Clinton seine Assistentin Julia Payne eines nachts um 1 Uhr anruft und wild draufloskeppelt, sagt sie knapp: “Sir, haben sie schon wieder Fox geschaut?” Zuletzt hatten die diversen Sonderermittler ihre siebenjährige Untersuchung ohne irgendwelche Schuldbeweise abgeschlossen. Gesamtkosten: 73 Millionen Dollar. “Die teuerste Rehabilitierung der Menschheitsgeschichte”, kommentiert Ex-Anwalt David Kendall. Mehr ramponiert hat jedoch das Erbe der goldenen Clinton-90iger der Terror-Horror des 11. September: Durch den Werteverlust und die Oberflächlichkeit im letzten Jahrzehnt wären echte Bedrohungen ignoriert worden, sagen seine Kritiker. Da wehrt sich Clinton vehement: Mehrmals habe er versucht, Superterroristen Osama bin Laden zu killen, ein halbes dutzend Terroranschläge sei verhindert worden – und viele seiner vorgeschlagenen Anti-Terrormasnahmen habe der Republikaner-Kongress verhindert. “Insgesamt interessierten sich auch die Medien mehr für die Details seiner Oralsex-Affäre mit Intern Monica Lewinsky als der Ausschaltung von Al-Qaida-Trainigscamps in Afghanistan”, sagt “Primary Colors”-Bestsellerautor und “Clinton-Biograf” Joe Klein (sein jüngster Clinton-Bestseller “The Natural” ist ein positive Bilanz).
Wenn er nicht um den Globus rast, steht Clinton zwischen 8 und 9 Uhr in Chappaqua auf, jogged, lest die Zeitungen arbeitet ein wenig an seinen Memoiren; gegen 11 Uhr wird er vom Secret Service in einem pechschwarzen SUV in sein Office in der 125. Straße im Schwarzenviertel Harlem chauffiert. Dort telefoniert, plant und werkt er, umgeben von 14 Mitarbeitern, bis sechs, gefolgt von Abendterminen bis zehn und abarbeiten des Papierkrams wieder zu Hause. Für Nachteule Clinton geht das Licht meist erst um 1:30 aus – dreieinhalb Stunden nach seinem Nachfolger George W. Bush, der meist um 22 Uhr schlafen geht. Clintons Humor ist intakt: Witzig sei es, dass sein Freund, der farbige Lobbyist Vernon Jordan in einem Traumbüro im sündteuern Midtwon residiert, während er in Harlem werkt. Und sogar den TV-Prominentenboxkampf auf Fox-TV zwischen Skandal-Eiskunstläuferin Tonya Harding und Paula Jones, der Hausfrau, die er angeblich 1991 sexuell belästigt haben soll und deren Anwälte Clinton später im Lewinsky-Sexskandal in die Meineidfalle lockten. “Tonya ist ein harte Nuss”, lachte er nachdem Jones nach den erste Treffern wie ein Holzstab umfiel.
Die nach wie vor jede Woche veröffentlichte Orgie an angeblichen Sex-Skandalen in den Supermarkt-Tabloids nimmt er gelassen – die Ehe mit Hillary ist selbst für die engsten Freunde nachwievor ein Mysterium. “Ich glaube inzwischen alles”, sagt etwa Klein: “Ich glaube, er geht fremd, ich glaube, sie streiten wie die Gockel, ich glaube, sie sind verrückt nacheinander”. Denn politisch gäbe es jetzt keinen Grund mehr für das Zusammenbleiben, so Klein. Zu oft laufen sie sich ohnehin nicht über den Weg: Hillary, die als New Yorks Senatorin ihre eigene Polit-Karriere begonnen hat, ist meist in der Kapitale Washington, er oft auf Achse. “Doch wenn immer es geht, verbringen sie Zeit miteinander”, berichtet ein Freund.
Verbissen werkt Clinton an seinen Zukunftsprojekten:
# Den Demokraten hilft er als Stratege und Spendensammler bei der geplanten Rückeroberung des Präsidentenamtes;
# Er macht Lobbyarbeit für seine nationalen Anliegen, wie Waffenkontrolle und den Kampf gegen die Armut;
# International ist er engagiert bei der Bewältigung der AIDS-Krise oder parliert mit Saudi Arabiens Kronprinz Abdullah über den Nahost-Friedensplan.
Die meiste Energie investiert der rastlose Ex-Präsident in seine Memoiren (Erscheinungstermin: Herbst 2003), wo er die Ära Clinton historisch ins rechte Licht rücken will. Doch zwei Dinge machen ihm zu schaffen: Wegen der Skandal-Dauerermittlungen wurden während der letzten Amtsjahre im Weißen Haus keine schriftlichen Aufzeichnungen mehr geführt, viele Details gingen dadurch verloren. Und Gattin Hillary veröffentlicht vor ihm ihre Erinnerungen an die turbulenten Jahre an der Seite des Sex-Präsidenten, inklusive ihrer Version von Monicagate (ihr Honorar: Acht Millionen Dollar). “Ich hoffe sie lässt mich die Passagen lesen”, sagt Clinton kleinlaut: “Wenn nicht wäre es das erste mal, dass wir in einem wichtigen Projekt nicht unser Wissen ausgetauscht hätten”.

# 5. März: Lewinskys wirrer Auftritt

Ich wünschte, ich hätte einen eigenen Make-Up-Spezialisten, für jedes mal, wenn ich weine”, sagt Monica Lewinsky vor einer Schar von Studenten in der “Cooper Union Hall” in New York, die prompt draufloslacht. Die durch ihre Oralsex-Affäre mit Ex-Präsidenten Bill Clinton ehemals berühmteste White-House-Praktikantin hat wieder viel Anlass für Tränenausbrüche: Bitter, sei es gewesen, als sie von den Spinn-Doktoren als männersüchtiger Vamp hingestellt worden war; Clinton in seinen Zeugenaussagen behauptete, sie nie berührt zu haben und sie praktisch als Sexdienerin hinstellte; sie von ihrer vermeintlich besten Freundin, der Pentagon-Beamtin Linda Tripp, verraten wurde; von den Schergen des Ex-Sonderermittlers Kenneth Starr in ein Hotelzimmer gesperrt und mit 27 Jahren Haft bedroht wurde – bis zu den einsamen Tagen in ihrem Apartment im “Watergate”-Komplex, belagert von der entfesselsten Medien-Meute in der Geschichte der USA.
Stockend erzählt Lewinsky, 28, ihre ultimative Version des schon vorher so detailreich dokumentierten Jahrhundertsexskandals “Monicagate”, der Clinton beinahe als dem Amt fegte. In der 1:35-Stunden-Doku “Monica in Black and White”, ausgestrahlt vergangenen Sonntag am US-Bezahlfernsehsender HBO wollte sie “historische Irrtümer” ausräumen und Missverständnisse, vor allem über ihre Rolle, zurechtrücken. Geholfen hat auch, dass alle Auflagen des Immunitätsdeal mit Starr nun abgelaufen sind und der TV-Sender für ihren Auftrittt bar bezahlte (ihr erstes TV-Interview mit ABC-Star Barbara Walter 1999 war für die US-Audienz “gratis”, für die globle Vermarktungsrechte kassierte sie 700.000 Dollar). Die Doku wurde zur bizarten Selbstinzinierungs-Show: Oft pausiert sie, bittet um ein Glas Wasser, verlässt einmal sogar die Bühne, um sich wieder zu fassen, erhält kaum kritische Fragen – dafür umso mehr aufmunternde Zwischenrufe der ausgewählten Audienz wie “Monca, wir sind auf deiner Seite!”. Die Aufwärm-Runde zu “Monica´s ergänzter Story” absolvierte sie, neu durchgestylt, bei CNN-Talkmaster Larry King.
Gerne erinnert sie sich an den Moment, wo sie, gerade 21jährig als unbezahlte Praktikantin im Nervenzentrum der Supermacht USA begonnen hatte, Bill Clinton bei einem Empfang erstmals sah. “Er sah mich an”, sagt sie, hätte ihr den “vollen Clinton” gegeben. Nur eine Frage der Zeit wäre es von da an gewesen. Im November 1995 signalisierte sie durch keckes Rockanheben (Lewinsky legt heute wert darauf, dass sie keinesfall die Strapse auffällig herzeigte, sondern ihre versteckte Geste in einem Raum mit 20 Personen nur Clinton bemerkte…) ihre Bereitschaft, Clinton bittet sie zum Oralsex ins Besenkammerl gleich hinter dem Oval Office. Irgendwie cool wäre das gewesen, sagt sie: “Unverantwortlich – aber cool…”. Verliebt habe sie sich in den Menschen Clinton, nicht den Präsidenten. Habe sie jemals an Clintons Gattin Hillary gedacht, damals First Lady heute New Yorks Starsenatorin? “Natürlich, schon”, stottert sie, eine Affäre mit einem verheirateten Mann wäre immer “unangebracht”, aber mehr für ihn als für sie. Dann fragt sie frech: “Und wer hat jemals Clinton gefragt, ob er Verständnis gegenüber ihr und ihrer Familie zeigen sollte?” Hat sie geglaubt, dass er Hillary verlässt? Not really, und wenn, dann erst nach dem Ende seiner Amtszeit. War auch er verliebt? “Manchmal habe ich das geglaubt”, sgat sie, “aber ich hätte mein Leben nicht drauf verwettet!” Wenig möchte sie den Details des pornografischen Starr-Reports hinzufügen, der alle Sex-Begegnungen, Telefonsex-Episoden und Sex-Spiele etwa mit einer Zigarre auf 536 Seiten ausgebreitet hatte – und damals von der ganzen Weltbevölkerung via Internet gelesen wurde.
Im November 1996 wird Clinton wiedergewählt, holt sie entgegen früherer Versprechen jedoch nicht zurück ins Weiße Haus. An ihrem öden Arbeitsplatz, dem Pentagon trifft sie die ältere Kollegin Linda Tripp, die sie bemuttert, ihr neue Hoffnung für das Fortführen der Clinton-Affäre gibt (“Ich war wie eine Süchtige, und Linda war die Droge!”), ihr die Reinigung des mit Clintons Sperma bekleckerten, blauen “Gap”-Kleides ausredet, 20 Stunden ihrer privaten Telefonate aufzeichnet, die Anwälte der Clinton wegen sexueller Nötigung klagenden Hausfrau Paula Jones informiert – schlussendlich auch Sonderermittler Starr, der sie verkabelt Lewinsky ausfragen lässt. Im Jänner 1998 wird sie schließlich in der Cafeteria des Ritz Carlton von acht FBI-Beamten aufgegriffen und in einem Hotelzimmer stundenlang verhört. Wegen Meineid – sie hatte in einer schriftlichen Zeugenaussage für das Jones-Verfahren die Clinton-Affäre bestritten – wird sie mit 27 Jahren Haft bedroht. “Ich bestand darauf, dass Linda Tripp an meiner Seite bleibt”, sagt sie nach einer neuerlichen Tränenpause: “Diese Schlampe sollte sehen, was sie angerichtet hat”. Von einer Toilette ruft sie Clinton-Sekretärin Betty Currie an: Der Präsident werde am nächsten Tag, nicht wissend über die FBI-Ermittlungen und die Tripp-Tapes, vor den Jones-Anwälten die Affäre bestreiten. “Das war eine perfekte Meineidfalle”, sagt sie. Doch Betty Currie hob nicht ab. “Ich wollte sogar einer Frau mit Kinderwagen Bettys Nummer geben und sie beauftragen, den Präsidenten zu warnen…”
Als Clinton mit wachelndem Zeigefinger die Affäre abstreitet sind ihr Gefähle gespalten: “Natürlich wollte ich nicht, dass er seinen Job verliert”, sagt sie. Doch die “Bimbo-Stories” taten weh. Lewinsky sollte von den White-House-Strategen diskreditiert werden. Berater Sidney Blumenthal sagte aus, Clinton habe ihm erzählt, Lewinsky habe sich an ihn rangeworfen, ihm sogar gedroht – er habe sie aber zurückgewiesen. Ganz allein wäre sie gewesen: “Während die Rechten zu Linda Tripp hielten und die Liberalen zu Clinton, gab es keine Partei, die sich mit ihr assoziieren wollte…”. Im Sommer bricht nach Lewinskys Zeugenaussage und übereinstimmender DNA am Sex-Dress Clintons Lügengebäude zusammen. Doch gegenüber Starrs Ermittlern, bestreitet er, Lewinsky jemals an Brüsten oder Genitalien berührt zu haben – wie eben Sex im Jones-Verfahren definiert war. Demnach hätte Clinton keinen Meineid geschworen, als er eine “sexuelle Beziehung” zuvor abgestritten hatte. “Das tat wirklich weh”, sagt Lewinsky heute: “Er hat das so dargestellt, als hätte ich ihn regelrecht bedient, wie eine Hure – doch die Beziehgung beruhte auf Gegenseitigkeit”. Wie lebt man eigentlich mit dem Image als Amerikas Oral-Sex-Königin, wollte plötzlich ein Stunden wissen. Es liege wohl an unserer von Männern dominierten Gesellschaft, gibt sich Lewinsky sozialkritisch, dass die Story auf Blowjobs reduziert wurde. Ihr wichtigster Vorsatz für die Zukunft: Keine verheirateten Männer mehr.

# 4. März: Hedgefonds-Manager Michael Berger MIA


Richter, Ankläger und Anwälte warteten im Säulengebäude des “U.S. District Courts” in Lower Manhattan vergeblich auf den Angeklagten: Michael Berger (30), gebürtiger Salzburger und Ex-Hedge-Fondsmanager in New York, sollte vergangenen Freitag schlussendlich das Strafausmaß für das Verzocken von insgesamt 400 Millionen Dollar samt Wertpapierbetrug erfahren. Berger, seit seiner ersten Verhaftung am 24. August 2000 gegen 75.000 Dollar Kaution auf freiem Fuss, wäre wohl an diesem Tag in den US-Knast gegangen. Doch statt dem Klicken der Handschellen folgte eine kleinlaute Aussage seines Anwalts, Joseph Bondi: Er wisse nicht, wo sich sein Klient aufhalte – zum letzten Mal telefoniert habe er mit Berger am 21. Februar.
Der Anwalt macht sich nun ernste Sorgen: “Ich hoffe, wir finden ihn lebend”, sagt er. Die Polizei überprüfte sein Haus in West Hampton Beach auf Long Island, 150 Kilometer östlich von New York. “Ich habe mit seiner Mutter in Österreich telefoniert, und seiner Verlobten”, sagt der Anwalt: “Natürlich ist jeder vor der effektiven Urteilsverkündung nervös – aber das Untertauchen war ein schwerer Fehler”. Neben den von Bondi erwarteten 8,5 Jahren unbedingt drohen nun für “Jumping Bail”, so der Rechtsfachterminus, zusätzliche fünf Jahren Haft. “Berger done” (“Berger erledigt”) fasste die Zeitung “New York Post” den endgültigen Absturz des ehemals hochfliegenden Techno-Investors in einer Kurzmeldung zusammen.
Tatsächlich stand der 1993 von der Salzburger Sparkasse ins Weltfinanzzetrum New York übersiedelte Berger im Zentrum eines der spektakulärsten Investment-Debakel der jüngeren US-Finanz-Geschichte. Im 1995 gegründeten “Manhattan Investment Fund” lukrierte er in fünf Jahren von 300 Großinvestoren (meist Banken wie die Bank Austria, Credit Suisse, UBS, BNP S.A. oder Pensionsfonds, sowie reiche Einzelinvestoren) 593 Millionen Dollar. Berger spekulierte per “Short Selling” auf den Crash der Internet- und Technlogie-Aktien, der jedoch erst im März 2000 eintraf. Die rasch eskalierenden Verluste verschwieg er gegenüber seinen Klienten und fälschte Unterlagen für die Wirtschaftsprüfer von “Deloitte & Touche”. Seine Brokerfirma “Bear Stearns”, die pro Jahr bis zu zwei Milliarden Dollar an Aktien-Volumen abwickelt und Provisionen kassierte, will den Schwindel ebenso nicht entdeckt haben wie die Fondsverwalter von “Ernst & Young”. Als das Kartenhaus im Jänner 2000 zusammenkrachte waren gerade mal 36,5 Millionen Dollar in der Bank – nach offensichtlichen Insider-Tipps wurden knapp vor dem Kollaps 143 Millionen Dollar an einige Investoren zurückgezahlt. “Die Party hat zulange gedauert”, sagte Berger im August 2000 über seine Fehleinschätzung. Doch auch die Großfirmen Bear Stearns, Ernst & Young sowie Deloitte & Touche seien Mitschuld an dem Drama, man habe ihn sogar “über den Tisch gezogen” und “seine Jugend und Unerfahrenheit ausgenützt”, klagte Berger damals. Das Wirtschaftsmagazin “Forbes” hinterfragt in einem Report tatsächlich, wieso etwa Bear-Stearns-Managing-Direktor Fredrik Schilling der Berger-Behauptung, der Fonds sei 1998 um 20 Prozent gewachsen. Glauben schenken konnte, wenn die Summen auf den Broker-Konten ein völlig gegenteiliges Bild ergaben. Und wäre “Bear” nicht verantwortlich gewesen, die Börsenaufsicht SEC zu informieren?
Im festen Glauben, dass es hauptsächlich den Großen an den Kragen gehen wird, bekannte sich Berger in seinem Strafverfahren (Nr.: 00 Crim. 0877) 27. November 2000 für schuldig und versprach seine volle Kooperation mit den Bundesstaatsanwälten für ein vermindertes Strafausmaß von 6,5 Jahren unbedingt. Einen “lausigen Deal” hätten Bergers Ex-Anwälte da ausgehandelt, ärgert sich Bondi heute, der die Verteidigung des Österreichers im Vorjahr übernommen hatte. Die großen Finanzfirmen verglichen jedoch rasch die unter Aktenzahl “00 Civ 2498” zusammengefassten Zivilklagen der geprellten Investoren (der Fall füllt am Bundesgerichtsgebäude in 500 Pearl Street zwölf, mehrere Kilo schwere Ordner). Die Vergleichssummen wurden nie veröffentlicht, nur Berger wurde von Richterin Denise Cote zur Rückzahlung der von seiner Firma “Manhattan Capital Mangement” verrechneten Provisionen in der Höhe von 20 Millionen Dollar verdonnert.
Im Strafverfahren führt Berger einen aussichtslosen Kampf gegen die Verurteilung: Er wollte sein Schuldgeständnis (“Guilty Plea”) zurückziehen, da ihn seine Ex-Anwälte “schlecht beraten” und sogar “unter Druck” gesetzt hätten, steht in Gerichtsunterlagen. Neben Inkompetenz seiner Anwälte wurden auch psychologische Troubles angeführt: Eine “Borderline Personality Disorder” sowie “Narzistische Persönlichkeitsstörung durch eine traumatische Kindheit” attestierte sein Psychiater Joshua Dorsky. Und immer wieder wurde um Verschiebung der Gerichtstermine ersucht, obwohl Anwalt Bondi das keineswegs als Verzögerungstaktik gelten lassen will: Ein Termin am 14. September wurde etwa wegen Bergers “persönlichen Betroffenheit als Augenzeuge der Terror-Bombardierung New York Citys am 11. September”, so eine Anwaltsbrief, verschoben. Letztendlich verweigerte Bundesrichter Victor Marrero in einer 64 Seiten starken Rechtsmeinung Bergers Ansuchen auf Rückziehung seines Schuldgeständnisses und Wiederaufnahme des Verfahrens.
Wegen Bergers Flucht, konnte Richter Marrero das Strafausmaß vergangenen Freitag nicht verkünden – die Verfassung schreibt die Anwesenheit des Verurteilten vor. Damit kann Bondi auch nicht die geplante Berufung beim “Appeals Court, 2nd Circuit” einbringen, für die er sich gute Chancen ausgerechnet hat. Doch wo ist Berger? “Ich hoffe, er ist noch in den USA”, sagt Bondi. Seinen Reisepass hat Berger den Behörden bereits im Jahr 2000 ausgehändigt. Richter Marrero ließ einen Haftbefehl ausstellen und schrieb Berger zur internationalen Fahndung aus, inklusive Information für alle Flughäfen und Grenzstationen. Bundesankläger Jay Mustoff sagt frustriert: “Nachdem er seit einer Woche verschwunden ist, hoffe ich, dass es nicht schon zu spät ist”.

# 25. Februar: 9/11 unplugged

GroundZero
Aufräumarbeiten auf „Ground Zeror“

Die Langeweile wurde unerträglich. Den ganzen langen, schwülen New Yorker Sommer hatten die französischen Dokumentarfilmer Jules (31) und Gedeon Naudet (28) in der Feuerstation der “Engine 7/Ladder 1” in der Duane Street, Tribeca, sieben Blöcke nördlich des “World Trade Center” auf einen spektakulären Einsatz gewartet. In dem ehrgeizigen Filmprojekt, für das sie vom Firedepartment FDNY eine “Carte Blanche”, eine erstmals in dessen Geschichte ausgestellte, allumfassende Drehgenehmigung erhielten, wollten die Naudet-Brüder die Ausbildung des 21jährigen Feuerwehranfänger Tony Benetatos dokumentieren. Als sie den Firefightern gegenüber ihren Frust über mangelnde Einsätze durchklingen ließen, warnten die: “Nach einer langen Phase, wo es keine Feuer gibt, passiert immer etwas furchtbares…”. Am 11. September, um exakt 8:45 Uhr, schreckt Jules beim Filmen eines Routineeinsatz der Feuerwehrleute wegen eines Gasgebrechens das Röhren eines tieffliegenden Jumbos auf. “Ich schaute nach oben und sah ganz deutlich, dass es eine American-Airlines-Maschine”, erinnert er sich in einem Interview mit dem US-Magazin “Vanity Fair”: “Nach einer Schrecksekunden richte ich die Kamera auf das Flugzeug, sehe wie es kerzengerade in den Nordturm fliegt, filme, wie es explodiert. Ich höre den Knall, zeitverzögert”.
O.k., die Firefighters hatten recht, denkt der Franzose: “Doch das Ausmaß der Katastrophe ist überwältigend – ich fühlte mich völlig überfordert”. Wie ganz New York in diesen bittersten Stunden seiner Geschichte. Die Brüder filmen so gut sie können: Die angstverzerrten Gesichter der sonst furchtlosen Firefighters in der Lobby des Nordtowers beim Dirigieren ihrer Truppen, den Kolapps beider Türme, die brennenden und zerplatzten Körper der Todesspringer. Obwohl nur wenige das Material gesehen haben, genießt der noch namenlose Film bereits Kultstatus – ähnlich dem weltberühmten “Zapruder-Film” über die Ermordung John F. Kennedys 1963 in Dallas. Am 10. März, am Vorabend des Elfter-September-Halbjahrestages, strahlt die US-TV-Station CBS das Horrorvideo des WTC-Infernos als Weltpremiere aus – mit einer Einleitung der New Yorker Filmlegende Robert De Niro. Eine längere Kinoversion des Films soll auf in den kommenden Monaten auf Welt-Tournee gehen. Experten rechnen bereits mit Rekordzuseherzahlen von über 50 Millionen, doch haben einige Hinterbliebene der insgesamt 2.838 Todesopfer des Terror-Horrors massive Einwände gegen die Ausstrahlung erhoben. Es sei, als “würden wir nochmals zu Opfern werden”, schrieb etwa Robert MacLesh von einem 9/11-Familienfonds in Boston.
Tatsächlich sind es wahre Schreckensbilder, die von den seit 1989 in New York lebenden Franzosen-Brüderpaar auf Film gebannt wurden. Jules rast mit dem Firetruck, angeführt vom 49-jährigen Battalion-Chef Joseph Pfeifer, zum WTC-Nordturm. “Beim Eintreten in die Lobby sah ich zwei brennende, am Boden liegende Körper”, so Jules: “Ein Frau schrie. Der Flugzeugsprit war durch die Lift gekommen und hatte einen Feuerball erzeugt. Die Zeit stand still. Es war das erste Mal, dass ich jemande sterben sehe.” Die Marmorverkleidung war von den Wänden gebrochen, die Fenster alle zerborsten. “Dann hören wir sowas wie kleine Explosionen”, sagt Jules. “Wir haben Springer”, schreit ein Feuerwehrmann. Die Körper, so Jules, wären durch die enorme Höhe des Falles aus den 96. bis 110. Stock der insgesamt 414 Meter hohen Twin Towers mit derartiger Wucht aufgeprallt, dass “sie sich auflösten”. Bei jedem Aufprall zuckten die Firefighter zusammen.
Bruder Gedeon hat sich auf eigene Faust zu den Twin Towers durchgeschlagen. Er filmt den Einschag des zweiten Jumbos, der nach letzten Berchnungen der US-Luftfahrtbehörde FAA um rund 160 Stundenkilomter schneller als der erste Flieger und mit einem Höllentempo von 940 Stundenkilometer (das Tempolimit der Boeing 767 für unter 3.000 Meter ist 450 km/h) in den Südtower krachte. Chief Pfeifer schickt inzwischen die Teams den Turm hinauf, für einen aussichtslosen Kampf. Darunter ist auch sein Bruder Kevin, 33, der das Inferno nicht überlebt. Jules bemerkt, dass seine Hände beim Filmen zittern. “Als ich die Angst in den Gesichtern der Firefighter sah, wurde ich selbst panisch”, sagt Jules: “Sowas habe ich noch nie in ihren Augen gesehen: Unsicherheit, Unglauben. Was zur Hölle ist hier los?” Dann kracht der Südtower zusammen, in der Lobby des Nachbarturms wird es pechschwarz. In dem Chaos liegt zu seinen Füssen plötzlich der Feuerwehr-Kaplan, “Father” Mychal Judge. “Er hatte wohl eine Herzattacke erlitten oder ihm ein herabfallendes Stück das Genick gebrochen”, so Jules. Nun gibt Chief Pfeifer den Befehl zum Rückzug, rettet dadurch dutzende Feuerwehrleute. Laut einer internen NYPD-Untersuchung (500 Interviews) haben ähnliche Befehle anderer Kommandanten, nachdem sich die Indizien für einen Tower-Kolapps häuften, viele Firefighters wegen zusammengebrochener Führungsstruktur und Kommunikation nicht mehr erreicht. Als Tower Eins um 10:28 Uhr einstürzt, sind unterhalb des Jumbo-Feuers praktisch nur mehr Feuerwehrleute im Gebäude. Insgesamt 343 sterben an diesem Tag. Gedeon läuft vor dem zusammenkrachenden Tower um sein Leben, Chief Pfeifer wirft sich schütztend auf ihn. Sein Bruder überlebt einen Block entfernt, indem er sich gemeinsam mit einem FBI-Beamten unter einen Feuerwehr-Truck wirft. Beide Brüder glauben, der jeweils andere sei tot. Jules stoppt erstmals die Filmkamera, irrt weinend 25 Minuten durch die staubbedeckten Straßen: “Ich glaubte, meinen Bruder und meinen besten Freund verloren zu haben – und die gesamte Company ist auch verloren…” Im Feuerhaus in der Duane Street treffen sie sich wieder. Auch alle 13 im Dienst befindlichen Firefighters der “Engine 7/Ladder 1”, sowie 43 ihnen zu Hilfe Geeilte, überlebten wie durch ein Wunder – “Lucky 7” heißt die Truppe heute.
Doch wie tief die Wunde in New York, und vor allem ihrem Fire-Dapartment, auch sechs Monate nach dem Horror-Stunden noch ist, zeigt sich am Stützpunkt der “Engine 40/Ladder 35” in der 131 Amsterdam Avenue, drei Blocks westlich des “Central Park”: Nur einer der 13 Männer überlebte an diesem Tag. “Engine” sind die Feuerwehrleute mit den Schläuchen, “Ladder” ihre Kollegen, die das Gebäude durchsuchen oder absichern. US-Starautor David Halberstam beschreibt sogar dessen Drama in im April erscheinenden Buch. “Niemand von meinen verstorbenen Kolllegen kann ersetzt werden, einige hatten über 20 Jahre Erfahrung”, sagt Mike Kotula aus Staten Island, selbst 19 Jahre im Dienst: “Für ganz New York ist der Verlust unbeschreiblich, es ist fast wie ein Neubeginn”. Als Kotula am “Ground Zero” eintraf, der 6,4 Hektar großen Desasterzone, die Bautrupps nach sechs Monaten Dauer-Aufräumungsarbeit in eine sechs Stockwerke tiefe Grube verwandelt hatten, reagierte er wie gelähmt. Die größte Enttäuschung ist für ihn, dass keiner der Kollegen lebend geborgen werden konnte. Einer wurde gefunden Ende September, der zweite am Neujahrstag. “Der Körper war fast intakt, wir erkannten ihn an seinem Tatoo”, sagt Kotula. Insgesamt konnten in dem halben Jahr nur 733 Leichen indentifiziert werden, 1.939 haben Todesurkunden ohne Funde beantragt, 166 Personen gelten immer noch als vermisst. Wirklich Zeit zum Trauern hat Kotula erst jetzt. Zu beschäftigt war er zuletzt beim Helfen der Hinterbliebenen und auch Interviews (“Media-Mike” hänseln ihn seine Kollegen). “Wir waren wie eine Familie, es ist, als hätte ich einen Bruder verloren, und das zwölf mal”, schüttelt er den Kopf: “Mein Leben ist nicht mehr wie vorher – und ich nehme nichts mehr auf die leichte Schulter, auch wenn es wie ein Routineeinsatz aussieht”. Welche Lehren können aus der Tragödie gezogen werden? “Wir waren nicht drinnen, um das Feuer zu löschen sondern um Menschenleben zu retten”, sagt er trotzig: “Wir würden es wieder ganz genauso machen…”
Jules und Gedeon Naudet arbeiten nun rund um die Uhr an der Fertigstellung ihres Films, die vom Portrait eines Anfänger-Feuerwehrmannes zu einem der erschütternsten Dokumente der Zeitgschichte wurde. Im Juni wollen sie nochmals in den Ziegelbau des alten Feuerhauses zurückkehren: Jules will dort seine Langzeitfreundin Jacqueline Longa heiraten.

# 4. Februar: Woodward enthüllt Bush

Der emotianale Zustand des Präsidenten machte US-Aussenminister Colin Powell zunehmens Sorge. Den Tag zuvor waren George W. Bush nach einem Telefonat mit dem Bürgermeister New Yorks, Rudy Giuliani, vor laufenden TV-Kameras im Oval Office die Tränen über das Gesicht gelaufen. Zwar keine Überraschung angesichts neuer Opferzahlen und dem unvorstellbaren Horror nur zwei Tage nach dem Terror-Angriff mit Jumbos auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September (3,100 Tote). Doch die Gegner, allen voran Superterrorist Osama bin Laden, könnten Emotionen des “Commander in Chief” als Schwäche auffassen, hatte sich Powell gewundert. Als nun am Freitag, dem 14. September, das gesamte Regierungsteam den eintretenden Präsidenten mit “Standing Ovations” bedachte, kullerten wieder Tränen. Powell, der laut Tradition, stets neben dem Präsidenten sitzt, kritzelte sein eigenes Anti-Tränen-Rezept auf ein Stück Papier – drückt es, wie einst auf der Schulbank, Bush in die Hand. “Dear Mr. President”, stand da: “Wenn ich eine Rede gebe, vermeide ich Worte, von denen ich weiß, dass sie mir sehr Nahe gehen – wie Mama und Pappa…” Bush las still, lachte hielt es in die Höhe: “Ich muss Ihnen sagen, was mir mein Aussenminister gerade geraten hat”, posaunte er vor versammelter Runde aus: “Mr. President, brechen sie nicht zusammen!”
Bush fand tatsächlich an diesem Tag seine Stimme: Als Sieger der knappsten und umstrittensten Präsdientschaftswahl aller Zeiten fast als eine Art Demokratie-Unfall ins Weiße Haus gerutscht und seither oft als herumstotternder Tölpel verlacht, beeindruckte nun Bush jr. das völlig geschockte 280-Millionen-Einwohner-Volk durch eine kraftvolle Rede beim Trauergottesdienst in der “Washington National Cathrdral”, seinem legendären Auftritt mit Megafon und dem Arm um einen Feuerwehrmann auf einer Schutthalde in “Ground Zero”, sowie einfühlsamen Worte bei einem Treffen mit Hinterbliebenen der Terror-Opfer. In einem spektakulären Dossier erzählt Watergate-Aufdecker und Star-Reporter der “Washington Post” Bob Woodward, nun die Story hinter den Kulissen: In “Ten Days in September”, einer achtteiligen Serie der renommierten US-Zeitung, zeichnet Woodward ein überraschend positives Portrait des Antiterror-Kriegsherren – der, anfangs zwar völlig überfordert und oft in unangebrachter Wild-West-Rhetorik (“Dead or Alive”; “Kreuzzug…”), den Rat seines hochkarätigen “Kriegskabinetts” in effektive Siegerstrategien verwandelte, von blindwütigen Vergeltungsschlägen absah und mit lebhafter Polit-Verkaufsstratgie an die US-Bürger den Grundstein für eine erfolgreiche Präsidentschaft legte (mit 78 Prozent erfreut sich Bush einer der längstanhaltenden Popularitäts-Höhenflüge aller US-Präsidenten).
Als Kabinettschef Andrew Card dem Präsidenten während eines Auftrittes in einer Volksschule in Sarasota, Florida, die Nachricht vom Crash des ersten Jumbos in Ohr flüsterte, dachte der noch an einem Unfall. Aber wie? Ein Pilotenfehler? “Der Pilot muss wohl einen Herzinfarkt erlitten haben”, erinnert sich Bush an seine erste Reaktion in einem Interview mit Woodward. Das Kriegsteam war in diesen beginnenden bittersten Stunden der US-Geschichte in aller Welt verstreut: Vize Dick Cheney und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice werkten in ihren Büros im “West Wing” des Weißen Hauses, Powell hatte in Lima ein Frühstück mit Perus Präsidenten, CIA-Direktor George Tenet frühstückte im St. Regis, Washington, General-Truppenchef Henry Shelton in einem Jumbo halb über dem Atlantik am Weg nach Europa, Rumsfeld in seinem Büro im Pentagon, in das in wenigen Minuten ein weiterer Jumbo einschlagen sollte. Woodward protraitiert ein unvorstellbares Chaos, in dem die Regierung der Supermacht USA aufhörte zu funktionieren: Cheney wird von Security-Leuten in einen unterirdischen Bunker gezerrt, andere Angestellte rennen nach einem Jumbo-Alarm mit Aktenstößen unter dem Arm aus dem Gebäude, angefeuert von Polizisten mit “Rennt so schnell ihr könnt!” Nach einem Inferno von falschen Bombendrohungen und Meldungen nicht existierender Terror-Anschläge (“Explosion im Kapitol”, “Feuer in der Washingtoner Mall”) flüchteten hunderte Abgeordnete aus den Kongreß-Gebäuden, doch niemand weiß wohin: Dick Gephardt geht nach Hause, Tom Daschle flüchtet in eine Polizeistation. Schließlich werden sie eingesammelt und an einen geheimen Ort ausserhalb der Kapitale gebracht. Dort bricht nach kurzer Zeit ein Rebellion aus: Die Kongreß-Mitglieder wollen nicht als Feiglinge gelten und zurück, Don Nickles protestierte in einem Telefonat bei Cheney. “Wir lassen uns vom Weißen Haus nichts vorschreiben”, so Nickles. “Don”, antwortete Cheney trocken: “Wir kontrollieren die Helikopter”.
Der Bunker war keinesfalls eine ideale Kommandozentrale, sogar die TV-Geräte funktionierten. Cheney forderte von Bush in einem Telefonat mit “Airforce One” einen Schießbefehl für die Luftwaffen gegen weitere entführte Jumbos. Bush traf seine erste Entscheidung: “Nach einer kurzen Debatte stimmte ich zu”, so Bush heute: “Wir hatten keine Wahl”. Doch bevor der vierte Jumbo von F-16-Kampfjets abgeschossen wird, hatten Passagiere die Maschine zum Absturz gebracht. Eine, wie sich später zeigen sollte, falsche Drohung gegen die Präsidentenmaschine mit dem Codenamen “Angel” zwingt den Präsidenten zu einer Odysee quer durch die USA mit ein paar heruntergestotterten Presseerklärungen dazwischen. Gegenüber Cheney dringt am Telefon immer mehr blanke Wut durch: “Wir werden rausfinden, wer dafür verantwortlich ist”, sagt er einmal: “Dann werden wir sie in den Arsch treten!” Gegenüber Rumsfeld kündigte Bush an: “Wir werden diesen Saustall ausmisten – und der Ball liegt bei dir!” Dazwischen telefonierte er mit seinem Vater, 41. Präsident der USA: “Wo bist du?”, fragte Junior. Milwaukee, antwortete der. “Was machst du in Milwaukee?” “Du hast mein Flugzeug gestrandet”, sagt Senior.
Von einer Militärbasis aus hält Bush via Video-Link das erste Meeting mit dem “National Security Council” ab. CIA-Boss Tenet nennt bin Laden als Verantwortlichen, drei der Todespiloten waren als Al-Qaida-Mitglieder in den Fahndungsdateien. Dann will Bush die New Yorker am Folgetag zurück an den Arbeitsplatz schicken. “Und die Banken sollen auch aufsperren”, ordnet er an. Am frühen Abend fliegt Bush mit seinem Diensthelikopter “Marine One” über das rauchende Pentagon hinweg zurück zum Weißen Haus. Bereits bei der Vorbereitung seiner Rede an die Nation entsteht die später als “Bush-Doktrie” bekannte Generalstrategie: Krieg nicht nur gegen die Terroristen, sonder auch Staaten die ihnen Zuflucht bieten. Der erste Entwurf seines Redenschreibers Mike Gerson mit den Worten “tolerieren” und “ermutigen” war Bush zu schwammig. Im Bunker umarmt er erstmals sein Frau Laura. Nach Bushs siebenminütiger TV-Rede wird weiter über den Gegenschlag debattiert. Powell, gerade zurück aus Lima, sagt: “Pakistan und Afghanistan muss klar sein, dass es jetzt Showtime ist”. Cheney wundert sich, was in Afghanistan nach zwei Kriegsjahrzehnten noch zu treffen sei. Und sind die Taliban und Al-Qaida überhaupt gleichzusetzen? Tenet bejaht: Bin Laden habe sich mit Millionen-Zuwendungen das Land als Terror-Basis gekauft. Rumsfeld will wissen: Was ist mit anderen “Terror-Staaten”? “Die müssen jetzt eine Wahl treffen”, sagt Bush. Nach dem Treffen wird Bush und seine Frau vom Secret Service geweckt und wieder in den Bunker geleitet. Dort steht Bush nach seinem längsten Tag verdattert in T-Shirt und Boxer-Shorts. In sein Tagebuch trägt er ein: “Das Pearl Harbor des 21. Jahrhunderts hat heute stattgefunden”; “Wir glauben es ist bin Laden”.
Am Folgetag, dem 12. September, kämpfte Bush gegen den Instinkt auf frühe Rachegelüste, die vor allem in Europa gefürchtet wird, schreibt Woodward. Doch der erfolglose Cruise-Missile-Vergeltungsschlag seines Vorgängers Bill Clinton gegen bin Laden 1998 dient als abschreckendes Beispiel. “Wir wollen mit Millionen Dollar teuren Waffen keine Sandlöcher schlagen”, sagt Bush in einem Telefonat mit Briten-Premier Tony Blair (in späteren Debatten hat Bush seine Bedenken rhetorisch weiterentwickelt: “Ich möchte keine Million-Dollar teuere Missile auf ein Fünf-Dollar-Zelt werfen…”). Aus dem weltweiten Entsetzen sollte die Unterstützung für einen langfristigen, globalen Feldzug gegen den Terror erwachsen – getragen von einer breiten internationalen Koalition. Powell wird damit beauftragt, erteilt den Taliban ein Ultimatum, Pakistan einen umfassenden Forderungskatalog und telefoniert täglich mit bis zu 50 Staatschefs. Doch Bush macht klar, dass die USA vor einem Alleingang keineswegs zurückscheuen würden: “Vielleicht sind wir am Ende als einzige übrig. Für mich ist das auch o.k. – wir sind Amerika!”
Bush erhöht die Rhetorik, spricht erstmals öffentlich vom Kriegszustand. Doch innerhalb des Teams kommt es zu Debatten über die Breite der Kriegsmission: Gehe es jetzt nur gegen Al-Qaida, so wie es Bushs Stufenplan vorsah, argumentierte Rumsfeld, würde die Koalition nach dem Ende der Mission und bei künftigen Militärschlägen etwa gegen Saddam Husseins Irak auseinanderfallen – was nun tatsächlich droht. Insgesamt kämpft Rumsfeld Vize, der Hardliner Paul Wolfowitz, sechs Tage lang um Militärschläge gegen den Irak. Nach bereits 36 Stunden zeichneten sich wichtige Konturen der Kriegsstrategie ab: Ein langfristiger, allumfassender Krieg mit allen, nicht nur militärischen Ressourcen. Die internationale Kolation ist wichtig, doch nicht tonangebend. Das Ziel sei Al-Qaida, begonnen wird in Afghanistan.
Am Folgetag wird Bush der andauernden Terror-Warnungen überdrüssig. Als ihn Stabschef Card wieder in die Bunker geleiten will, bellt er in ihn an: “Ich gehe nirgendwo hin! Und übrigens: Ich bin hungrig, ich will einen Hamburger!” Gestärkt hört er im “Situation Room” ersten Details der später kriegsentscheidenden Undercover-Operationen der CIA zu. Tenet, von Clinton nominiert doch erst von Bush wirklich gemocht, hatte Cofer Black mitgebracht, der für die Verhaftung des Terroristen Carlos verantwortlichen Chefs der Gegenspionage. Wild gestikulierend plädierte er: Mittels Geheim-Aktionen von Agenten und Paramilitärkommados innerhalb Afghanistans, sowie Aufrüstung und Training der Nordallianz hätten Amerikas Feinde bald “Fliegen auf ihren Augäpfeln” sitzen, Spionage-Jargon für Leichen. Bush war beeindruckt.
Doch während hinter den Kulissen professionell geplant wird, wirkt Bush auch drei Tage nach dem Horror in der Öffentlichkeit noch völlig hilflos. “Riecht ihr etwas?”, sagt Kommunikationsdirektorin Karen Hughes im Helikopter im Anflug auf New York. Der Anblick der brennenden WTC-Ruine schockt Bush, “sehr, sehr, sehr unheimlich”, wie er Woodward erzählt. Die Arbeiter auf Ground Zero sind emotionell, wollen Rache, skandieren “USA! USA! USA!” (unter ihnen sogar New Yorks Erzbischof, Kardinal Edward Egan). Schließlich ergreift Bush ein Megafon, umarmt Firefighter Bob Beckwith. “Ich höre euch”, schreit er von dem Schuttberg: “Die ganze Welt hört euch! Und unsere Feinde werden auch bald von uns zu hören bekommen!” Innerhalb weniger Tage schnellte seine Popularität auf Rekordwerte von über 90 Prozent – Bush hatte seine Stimme gefunden.
Am Wochenendsitz Camp David sollte der Gegenschlag fein-getuned werden. Tenet erscheint mit einer strenggeheimen “Worldwide Attack Matrix”, der Blaupause für Massnahmen in 80 Staaten – mit Details für den Krieg in Afghanistan. Shelton erläuterte die militärischen Optionen, von Cruise Missiles, Bombern und “Boots on the ground” (Bodentruppen). Nach dem Mittagessen verschwindet Bush im Fitnessraum, hebt Gewichter. Nach einer letzten Debattenrunde veranstaltet das Kriegskabinett einen regelrechten Heimatabend: Justizminister John Ashcroft, Mitglied der “Singenden Senatoren”, trägt amerikanische Schnulzen vor, Rice spielt am Piano – Bush sitzt daneben und spielt mit eine Holz-Puzzle. Am folgenden Montag sollte er per “Memorandum of Notification” dem CIA die größte Vollmacht für weltweite Operationen aller Zeiten erteilen, Rumsfeld mit der militärischen Planung beauftragen – und die nächsten Tage an seiner historischen Rede für beiden Kammern des Kongress feilen. Obwohl es, wie er betont, bei der Rede “um seine Präsidentschaft” geht, nimmt er es gelassen. Wenige Stunden vor seinem Auftritt hält er seelenruhig ein Nickerchen.

# 7. Februar: Castros Freundin

“Mein ganzes Leben passt in diese Seemannskiste”, sagt Marita Lorenz und kramt nach einem Fotoalbum. Die Hunde bellen aufgeregt – sechs hat sie, dazu zwei Katzen. “Platz! Kusch!”, ruft sie: “Ich brauche ein Haus und einen Garten”. Die kleine Wohung ist vollgerammelt. 50 Quadratmeter im zweiten Stock eines Ziegelbaues in Flushing, Queens, dem biederen Arbeiterbezirk am Rande der Metropole New York. Stolz zeigt Marita endlich an paar der Schwarz-Weiß-Bilder her: Fidel Castro beim Abendessen am Schiff ihres Vaters, der venezuelische Ex-Dikator Marco Pérez Jiménez, Vater ihrer Tochter, der mutmaßliche JFK-Killer Lee Harvey Oswald, als verwegener Rebell mit Maschinenpistole. Zwei Jahrzehnte des Kalten Krieges liegen nun aufgeblättert auf einer abgewetzten Couch. “Ich habe gelernt, mir alles aufzuheben”, sagt die nun 62-jährige gebürtige Bremerin, die sich in Castro verliebte – dann von der CIA einer Gehirnwäsche unterzogen und zur Attentäterin ausgebildet worden war. “You need proof”, sagt sie jetzt wieder auf English. Niemand würde ihren Geschichten ohne Beweise glauben.
Tatsächlich hatte der deutsche Filmemacher Wilfried Huismann, inzwischen als “Willie” Familienfreund, zwei Jahre lang ihre phantastisch wirkenden Behauptungen penibel nachrecherchiern müssen, bevor er die Doku “Lieber Fidel, Maritas Geschichte” drehte, die jetzt auch in Österreichs Kinos gezeigt wird. Viel denkt die Tochter des Bremer Schiffskapitäns Heinrich Lorenz und der Amerikanerin Alice June (die als Widerstands-Kämpferin samt der fünfjährigen Marita das KZ Bergen-Belsen überlebte) darüber nach, wie ihr Leben ohne jenem fatalen Augenkontakt an der Reling des Kreuzfahrtschiffes “Berlin” am 27. Februar 1959 im Hafen von Havanna abgelaufen wäre. “In dieser Sekunde war mein Leben beendet”, schüttelt sie den Kopf. In einem Boot kommt Fidel Castro an Board, der 33-jährig sieben Monate zuvor Diktator Batista gestürzt hat: Die 19-jährige führt ihn durch das Schiff. “Im Fahrstuhl am Weg in den Maschinenraum hat er meine Hand genommen”, sagt sie: “Zwischen den Rettungsbooten haben wir uns geküsst”. Castro ruft Marita in New York an, holt sie im März per Flugzeug nach Kuba. Ganz alleine sei sie in der Maschine gesessen. Achteinhalb Monate lebt die schöne Deutsche mit Castro im Zimmer 2408 des Rebellen-Headquarters “Havanna Hilton”. “Alemanita mía”, meine kleine Deutsche, nennt er sie, sie ihn “mi cubano barburito”, mein bärtiger Kubaner. Im Nebenzimmer wohnt Che Guevara.
Es ist ein Leben wie im Film: “Hektisch, Crazy”, sagt Marita: “Fidel musste alles erlernen, er war ja kein Politiker”. Die Ministerien wurden per Castros Fingerzeig eingeteilt: “Du kümmerst dich um die Banken, du um das Militär”. Marita, in enger grüner Militäruniform mit Pistole am Gürtel, sammelt Spenden ein, verbrennt eifersüchtig die tausenden Liebesbriefe kubanischer Frauen an Fidel. “Niemand hatte Geld”, erinnert sie sich: “Alles war im Besitz der Amerikaner und der Bastitianos, alles Gauner, die vor ihrer Flucht nach Miami das ganze Land leergeplündert haben. Und Havanna war ein riesiges Hurenhaus!” Castro will das alles ändern, auch wenn er nicht einmal gut schießen kann, sich von “Doktor Che” behandeln und von anderen Ministern den Bart trimmen und die Haare schneiden läßt. Es fließt Blut auf beiden Seiten. Bei günstiger Windrichtung hätte man die Erschießungskommandos gehört. Sie habe ihn damit konfrontiert: “Er wurde richtig böse, ich konnte nur warnen, nur ja keine Amerikaner zu töten. Don´t piss them off!” Er führt sie in Krankenhäuser und zeigt ihr kubanische Folteropfer amerikanischer Söldner.
Marita wird von den Mitrevolutionären akzeptiert, weil sie Stabilität bringt. “Besser er hat eine Freundin als 20”, hätten die sich gedacht. Andere wurden, wie Che, von den “Mädchenproblemen” enorm abgelenkt. Bald wird sie schwanger. Er freut sich auf den deutsch-kubanischen Sohn, stellt nur bange Fragen, ob Maritas Vater nicht der Schlag treffen werde. “Niemand kann sich mein Glück vorstellen”, sagt sie und blickt auf ein großes, am Kühlschrank befestigtes Schwarzweissbild der beiden: “Da hält er meine Hand und fragt mich nach meiner Telefonnummer – ich hätte ihn auch geliebt, wenn er ein Garagenwächter gewesen wäre”. Die Beziehung bringt sie ins Fadenkreuz der CIA, ist sie überzeugt, ihre Beziehung droht durch die amerikanische Mutter zum “internationalen Zwischenfall” zu werden. Sie ist im siebenten Monat schwanger, als man sie entführt. Zu spät für eine Abtreibung, mussten sie wohl die Wehen eingeleitet haben, sagt sie. “Frank Stirches war das”, ist sie sich sicher, einer der späteren Watergate-Enrecher: “Dieses Arschloch! Er ist auch nicht mehr am Leben, weil er seine Klappe nicht halten konnte”. Erinnerungs-Fragmente sind geblieben: Eine Autofahrt, grelles Licht, die Stimmen streitender Männer. Zwei Tage später wacht sie auf im Hotel, halb verblutet, “der Bauch flach”. Ein Castro-Mitstreiter findet sie, alarmiert ihren Bruder und läßt sie nach New York bringen.
Dort beginnt im Roosevelt-Krankenhaus die Gehirnwäsche der CIA, wie sie behauptet. Vier Männer mit Anzug und Krawatte reden auf sie ein: Er hat dein Kind getötet! Nimm Rache! “Sie haben Psycho-Drogen an mir ausprobiert”, sagt Marita: “Einmal ging ich in eine Ambulanz und weiß bis heute nicht, wie ich wieder rauskam – sie machten einen Roboter aus mir”. Nach sieben Monaten ist sie ready, sitzt mit ein paar Schellfischgift-Tabletten in einer Linienmaschine nach Havanna, um Castro zu töten. Sie streift ihre Uniform über, sperrt mit dem behaltenen Hotelschlüssel die Suite auf. Alles ist wie vorher. Er umarmt sie: “I missed you!” Vorher hat sie das Gift im Bidet runtergespült. Mit ihren Armen macht sie aufgeregt kreisende Bewegungen, lacht: “Eine Tablette ist mehrmals wieder hochgekommen, bevor sie verschwand.” “Bist du gekommen, um mich zu töten?”, fragt Castro. “Ja”, antwortet sie: “Dann machten wir love”. Die CIA-Leute bringen sie zurück nach Miami. Gerade als sie aus dem Flugzeug steigt, beginnt Castro in Kuba mit einer Rede. Der Anschlag ist gescheitert, weiss nun auch der Geheimdienst.
Marita bleibt in den Fängen der CIA: Sechs Wochen Isolation, dann Ausbildung im Guerilla-Krieg als Vorbereitung für die Schweinebucht-Invasion. “Weil du versagt hast”, heißt es immer wieder. Sie agiert als Drogenkurier, “Bag Lady”, lernt dabei Jiménez kennen – die daraus resultierende Tochter Monica lebt heute als Schauspielerin in L.A. (Sohn Mark, der im selben Haus zwei Stockwerke ober ihr wohnt, entstammt der Ehe mit einem FBI-Mitarbeiter). 1963 nimmt sie Sturgis auf eine Autofahrt nach Dallas mit: Im Kofferraum sind Waffen, mit dabei ist Lee Harvey Oswald. Auch Jack Ruby sei bei diesem Unternehmen aufgetaucht, der Barbesitzer, der Oswald später erschießt. Als Präsident John F. Kennedy getötet wird, hat sie die Reisegruppe schon verlassen. Marita will aussteigen, der CIA versucht ihre Beseitigung. “Sie haben mich angeschossen, Hamburger vergiftet, eine Brandbombe in mein Haus geschmissen”, fuchtelt sie aufgeregt mit den Händen. Als sie ihre Kinder bedrohen, marschiert sie 1978 im Hauptquartier in Washington ins Büro des Direktors: “Ich trat die Türe auf”, erzählt sie:”Stopp this f…. shit!” Sie droht mit Presseveröffentlichung, die Attentats-Versuche hören auf. Sie bekommt jedoch keine Pension, die fünf Millionen Dollar, die Jiménez für sie beiseite geschafft hat, werden nach seiner Deportation beschlagnahmt. Verarmt lebt sie heute von monatlich 440 Dollar “Social Security” und einer Entschädigungszahlung wegen des KZ-Aufenthalts. Fidel Castro liebt sie noch immer, über die kubanische Mission nahe des UN-Headquaters versucht sie, Kontakt zu halten.
Erfolg und Medienecho über den Film sowie die gleichnamige, im Münchner List-Verlag erschienene Bio freuen Marita enorm. Wenn sie nur Geld hätte, würde sie weg aus dem “Shitland”, sich ein Bauernhaus nahe ihrer Heimatstadt Bremen kaufen. Sie wartet auf eine Entscheidung von Kult-Regisseur Oliver Stone, der Interesse an der Verfilmung ihrer unglaublichen Lebensgeschichte zeigte. Ob sie ihr Buch nicht auch eine Chancen am US-Markt hätte? “Die Amerikaner sind zu f… stupid, um das überhaupt alles zu kapieren”, winkt sie ab.

# 7. Jänner: Young Osama

Charles Bishop bereitet das 180.000 Dollar teure, einmotorige Sportflugzeug der Type Cessna 172R für den Start vor. Er checkt, ob die Park-Bremse gut befestigt war, die Zündung abgeschaltet, oder ob genug Sprit in den Tanks war für den beabsichtigten Trainingsflug. Die Schlüssel hat ihn sein Fluglehrer ein paar Minuten kommentarlos übereicht. Dass Bishop erst 15 Jahre alt war, macht niemanden in der “National Aviation Flight School” am Internationalen Flughafen von St-Peterburg-Clearwater, ausserhalb der Florida-Metropole Tampa, nervös. Er galt als höflich, verlässlich, talentiert. Sechs Flugstunden hatte er seit März des Vorjahres absolviert, oft reinigte er zur Finanzierung seiner Ausbildung die Flugzeuge. Natürlich wunderten sich Mutter Julia Bishop und Großmutter Karen Johnson, die ihn am späten Samstag Nachmittag, am Flugfeld ablieferten, über seine eigenartige Verabschiedung: “Wenn mir etwas zustößt, lasst meine Feinde nicht zu meinem Begräbnis kommen”, hatte er mit ernster Mine gesagt. Zitierte er aus einem Film? Hatte er einen Polit-Krimi gelesen? Keine Ahnung. Kids sagen manchmal komische Dinge.
Nach dem Pre-Flight-Check startet der Teenager plötzlich die Maschine, rollt flott zur Landebahn “35-right”, hebt ab – sein Fluglehrer war hilflos ein paar hundert Meter laut schreiend hinterhergelaufen. 12 Minuten später kracht er mit dem 1.100 Kilo schweren Viersitzer in den 28. Stock des Towers der Bank of America in Downtown Tampa – und die Supermacht USA samt dem Rest der Welt hält wieder kurz den Atem an: Die Bilder des aus dem Gebäude herausragenden Hinterteil wirken wie die Miniaturausgabe des Jumbo-Horrors des 11. September, der die beiden Towers des Worldtrade Centers in New York auslöschte (2,940 Tote), sowie das Pentagon in Washington demolierte (189 Tote).
Und genau das hatte Bishop auch beabsichtigt: Der erste echte Elfter-September-Nachahmungstäter hatte in einem sechs Absätze langem Abschiedsbrief seine Syphatie für Superterroristen Osama bin Laden samt seinem Killer-Network Al-Qaida ausgedrückt, sowie den blutigen Terrorschlag gegen die USA begrüßt. “Unter Berücksichtigung seiner Aktion können wir heute davon ausgehen, dass der junge Mann große Schwierigkeiten hatte”, suchte Tampa-Polizeichef Bennie Holder in schrulligem Amtsdeutsch nach Erklärungen für die Wahnsinnstat. “Osama Schüler” benannten lokale Medien den stillen, aber seht höflichen und blitzgescheiten Einzelgänger. Seinen Klassenkameraden hatte er zuletzt angeraten, “die Nachrichten genau zu verfolgen”.
Die News über den Selbstmordpiloten erinnerten die Amerikaner dramatisch an die Schwachstellen bei der “Homeland Defense”: US-Präsident George W. Bush wurde prompt von seinen Top-Sicherheitsleuten gebrieft, besonders als innerhalb weniger Stunden nach dem Crash in Tampa ein Kleinflugzeug in Puerto Rico abstürzte (5 Tote), ein weiteres in Fullerton, Kalifornien, auf einem Parkplatz zerschellte (ein Toter) und ein drittes nahe Boulder, Colorado, in einen Berghang raste (ein Todesopfer). Später wurde entwarnt: Alle anderen Crashes waren nicht Teil einer zweiten Propellerflieger-Terror-Angriffwelle sondern passierten zufällig.
Das Protokoll des Todesfluges des jungen Osama-Fans verdeutlicht jedoch, dass die USA an diesem Tag haarscharf an wesentlich größeren Tragödien vorbeischrammte: Um 4.50 Uhr hebt Bishop ab, macht eine scharfe Rechtskurve. Die Fluglotsen am “Tampa International Airport” warnen den Piloten einer gerade gestarteten Boeing 737 der “Southwest Airlines” mit 129 Passagieren an Bord vor dem Geisterflieger. “Ich sehe ihn”, antwortet der. Der Jumbo unterbricht den Steigflug und rast 300 Meter unterhalb der Cessna vorbei. Bishop fliegt unbeirrt kerzengerade in Richtung dem gesperrten Luftraum über der 16 Kilometer entfernten “MacDill Airforce Base” weiter – wo ausgerechnet des Nervenzentrum (“Central Command”) von General Tommy Franks Krieg in Afghanistan untergebracht ist. Leutnant-Colonell Rich McClain sagte nachher, man habe ihn informiert als die Maschine 4,8 Kilometer entfernt war: “Sie habe keinerlei bedrohlichen Manöver durchgeführt”. Ein Glück, denn der Militärstützpunkt hat keinerlei Kampfjets, sonder bloss C-130-Tank-Flieger sowie ein paar 50-Kaliber-Maschinengewehre zur Verteidigung. Hilflos sehen die Generäle in nur 300 Meter Höhe die Cessna über ihre Landbahn fliegen. Sie rufen einen Helikopter der “Coast Guard” zur Hilfe und fordern F-15-Kampfjets von der 320 Kilometer (!) entfernten “Homestead Air Reserve Base” südlich von Miami an. Die Küstenwachen-Helikoter holt Bishop ein, der Pilot funkt, winkt und gestikuliert wild. Bishop hat über der Militärbasis fast eine komplette Kehrtwendung durchfegührt. Um 5.05 Uhr lenkt er die Maschine ins Büro der Rechtsanwaltsfirma “Shumaker, Loop & Kandrick” im 42-stöckigen Skyscraper, wo eine Stunde zuvor noch ein Mitarbeiter werkte. Bishop stirbt sofort beim Aufprall, die Tanks in den Flügeln der Cessna explodieren nicht – wie der Schüler vielleicht geplant hatte, um seinen Akt noch ähnlicher dem WTC-Inferno zu machen. Die F-15-Kampfjets stehen in Miami zu diesem Zeitpunkt noch immer auf der Startbahn. “Die Regierung reagierte, als das Flugzeug des Gebäude traf”, sagte Flugindustrie-Konsulent Mihcael Boyd am TV-Sender MSNBC frustriert: “Es bleibt bei solchen Vorfällen einfach zu wenige Zeit”.
Wer war der scheue Bub, mit blitzblauen Augen und braunem, leicht gekräuseltem Haar, der langsam zum gewaltbereiten Fan des Massenmörders Osama bin-Laden wurde? Mitschüler in der “East Lake Highschool” beschreiben den von seiner Mutter und Großmutter großgezogenen, in Massachusetts geborenen und 1998 nach Florida gesiedelten Teenager als Musterschüler, doch Eigenbrötler: keine Freunde, den Kopf stets zu Boden gerichtet, stets mit dunkler Sonnebrille, beim Busstopp abseits stehend. Sein Lieblingsfilm war “Man of Honor”, der Story um Kampf des erstens schwarzen Navytauchers um Anerkennung, in der Schule tat er sich bei durchaus patriotischen Wettbewerben hervor, wo er “meist Spitzenplätze errang”, wie Direktor Dale Porter attestiert.
Nach dem Horror des 11. September beteuerte er vor der Klasse seine Wut über die Attacke gegen Amerika und den Abscheu vor Osama bin Laden. Die Lehrerin seiner Lieblingsklasse Journalismus erinnert sich jedoch, als Bishop sich bei ihr für ihre Kommentare bedankte, auch nach dem Terror-Attacken keine Vorurteile gegenüber der Arab-Americans zu zeugen. Denn soviel er weiss, könnte auch er halb-arabischer Herkunft sein, erzählt er ihr. FBI-Ermittler suchen nach seinem Vater, in öffentlichen Archivdaten taucht auch der Familienname “Bishara” auf. Niemand hatte etwas bei der tickenden, jugendliche Zeitbombe bemerkt –wie auch vor knapp drei Jahren, als die Schüler Dylan Klebold, 17, und Eric Harris, 18, unbemerkt den Massenmord an 13 Mitschülern in der „Columbine Highschool“ bei Denver vorbereiteten.
Bishop scheint jedenfalls die dramatische Offenlegung der Schwächen bei der Abwehr potentieller Terroristen gelungen zu sein: Aufgeregt wird auf US-Talkshows gefragt, was ein mit Sprengstoff vollgepacktes Kleinflugzeug hätte anrichten können? 200.000 derartige Propellermaschine gibt es in den USA, “viel zu viele, um das Risiko durch Selbstmordpiloten auszuschalten”, wie Billie Vincent, Ex-Sicherheitsschef der Luftfahrtbehörde FAA, warnte. Flugschulen wie die des Todespiloten Bishop waren nach dem 11. September für drei Monate geschlossen, hauptsächlich aus Furcht für möglichen Bio-Terror-Angriffen mit Sprühflugzeugen. Jetzt werden weit strengere Sicherheitsauflagen gefordert.
Der Amoklauf von “Osamas Schüler” reiht sich auch in die jüngste Serie spektakulärer Zwischenfälle in der Luftfahrt-Industrie ein, die verzweifelt um eine Comeback kämpft: Knapp vor Weihnachten hatten eine Stewardess und Passagiere den mutmaßlichen Terroristen Richard Reid auf dem American-Airlines-Transatlantikflug von Paris nach Miami überwältigt, als er in seinen Turn-Schuhen versteckten Plastiksprengstoff zünden wollte. Dann blamierte sich American Airlines, als einer seiner Piloten einem Leibwächter des Präsidenten arabischer Abstammung den Mitflug auf einer Linienmaschine untersagte.

# 6. Jänner: New New York

Zwischen Design-Palast und Massengrab liegen nur ein paar Häuserblocks. An der Ecke Broadway/Prince Street im feinen Shopping-Bezirk Soho hatte knapp vor Weihnachten die Megafiliale der Modekette Prada eröffnet, Designer Rem Koolhaas insgesamt 40 Millionen Dollar verpulvert – inklusive einer Schuhausstellungsfläche in Größe und Form einer Skateboard-Halfpipe oder Umkleidekabinen mit Video-Installationen. Gelobt von Architekten, hinterfragten strengere Zeitungs-Leitartikler die Signalwirkung des neuen Luxus-Tempels, der genau die Oberflächlichkeit der Zeit vor den Elfter-September-Terroranschlägen symbolisiere. Durch die enorme Verspätung bei der Fertigstellung sei das Prada-Store maximal ein „Wahrzeichen des schlechten Timings“, merkte Architekturkritiker Herbert Muschamp in der „New York Times“ an. „Ich kann mir die Sachen zwar nicht leisten“, sagt die Computer-Programmiererin Sharon Girard nach der ersten Inspektion, „doch die Architektur ist großartig“. Frivol in einer Stadt, wo um tausende Todesopfer getrauert wird? Sie zuckt mit den Schultern: „New York war immer einer Ort extremer Gegensätze“.

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Shopperin Sharon Girard vor dem Prada-Flagship-Store: „Krasse Gegensätze…“

Zur Verdeutlichung reichen zehn Gehminuten am Broadway nach Süden. Dort beginnt eine Menschenschlange, die sich fast um einen ganzen Häuserblock windet und auf einer neu errichteten Holz-Aussichtsplattform an der Ecke Fulton/Church Street endet. Von dort starren New Yorker und Touristen in die riesige Grube von „Ground Zero“, dem 6,4 Hektar Großen Katastrophenareal der ausgelöschten Türme des „World Trade Center“ – wo am 11. September nach offiziellen Angaben 2,936 Menschen (inklusive der Passagiere der beiden Jumbos starben). Alle stehende Strukturen sind längst weggerissen, inklusive der teilweise noch intakt gebliebenen Begleitgebäude des Komplexes. Bagger und Suchtrupps werken bereits im vierten Untergeschoß. Die Feuer wurden nach exakt 100 Tagen endgültig gelöscht, Leichen werden immer noch gefunden. Gleich 13 waren es am Mittwoch. 2:45 Stunden hat sich der Geschäftsmann Mike Lawson im eisigen Wind angestellt. Als New Yorker, der nun im kalifornischen San Diego lebt, erinnert er sich an ein Hochzeitstags-Essen vor fünf Jahren im Restaurant „Windows of the World“ im 106. Und 107. Stock des WTC-Nordturms. Er ist geschockt und traurig, aber vor allem halb erfroren und hungrig. Die Pilgerfahrt beendet Lawson mit einer Pizza und heißer Schockolade.

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Ground-Zero-Besucher Mike Lawson: „Trauer“

Groß ist auch die Diskrepanz zwischen dem Helden-Mythos knallharter New Yorker, die sich hemdsärmelig nach dem Fast-K.O.-Schlag durch Osama Bin Ladens Al-Kaida-Terroristen aufrappelten – und der bitteren Realität einer der größten wirtschaftlichen Herausforderungen in der 338-jährigen Geschichte der Weltmetropole. Dazu kommt die Sehnsucht, im neuen Jahr 2002 nach den endlosen Monaten des Schocks, der Trauer und der Angst vor weiterem Terror endgültig die Normalisierung des täglichen Lebens zu erreichen. Samt den Glauben an die unverwüstliche „Comeback City New York“. Trotzig versammelten sich in der Silvesternacht am weltberühmten Timessquare bei klirrender Kälte und den strengsten Sicherheitsauflagen aller Zeiten 500.000 Menschen. Die „New York Times“ beendete am gleichen Tag ihre meist doppelseitige Rubrik „Portraits of Grief“, Kurz-Bios der Opfer der WTC-Anschläge. 1.800 wurden insgesamt veröffentlicht, viele Leser vermissten keine einzige Zeile – eine Art Massen-Theraphie für die Stadt und die Nation. Auch der eigene Zeitungsteil „Eine Nation herausgefordert“ wurde wieder in die normale, internationale Berichterstattung eingegliedert.
Eine Metropole zwischen Aufbruch und Abgrund wird nun ausgerechnet von einem Polit-Anfänger, den Milliardär und Wirtschaftsdaten-Tycoon Michael Bloomberg, regiert. Auch hier könnte der Unterschied zu seinem Vorgänger kaum größer sein – dem lautstarken Law-and-Order-Haudegen Rudy Giuliani, der durch seine Leadership nach dem Terror-Inferno zum nationalen Helden und vom Magazin „Time“ prompt zur Person des Jahres gekürt worden war. In seinem größten Moment, der Angelobung vor dem Rathaus nur wenige Blocks von „Ground Zero“ entfernt, wirkte er klein und einsam auf dem Podium vor einer riesigen US-Flagge und der versammelten Polit-Prominenz des Empire States New York. In monotonem Ton spulte er seine Vision für die angeschlagene Metropole ab, viele der Gäste wurden ungedudig – trotz der mit 14 Minuten knappsten Inaugurationsrede aller Zeiten. Nur einmal hob er seine Stimme: „Die Fakten sind klar“, dröhnte der Quereinsteiger, der seit 1981 als Entrepreneur ein Mediumimperium mit 8.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 2,5 Milliarden Dollar aufbaute und aus seiner Privatkasse eine Rekordsumme von 67 Millionen Dollar für den Wahlkampf bezahlte: „Wir werden uns nicht alles leisten können, was wir wollen“.
Innerhalb seiner ersten beiden Amtsjahre als 108. Bürgermeister könnte sich ein Budgetloch von vier Milliarden Dollar auftun – ein tiefer Fall von Budget-Überschüssen während der Boomjahre von zuletzt 600 Millionen Dollar. Allein im Oktober des Vorjahres hatte das WTC-Inferno 44,000 Jobs vernichtet, über 100.000 könnten es bis 2002 sein. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 6,7 Prozent in der City bereits deutlich über dem US-Schnitt. Neben deutlich weniger Steuereinnahmen auch durch Einbrüche beim Shopping (geschätzte Ausfälle von 30 Milliarden Dollar bis Ende des Jahres) und im Tourismus kommen Ausgaben von 30 Milliarden Dollar allein für die Aufräumungsarbeiten an der WTC-Ruine. Von den mit 20 Milliarden Dollar Bundessoforthilfe vollmundigen Versprechen des Präsidenten George W. Bush in den dunklen Tagen nach dem Anschlag sind aufgrund nationaler Budgetengpässe und den horrenden Kriegskosten in Afghanistan (eine Milliarde Dollar pro Monat) jetzt gerade die Hälfte übrig geblieben.
Zwar ist New York weit besser gerüstet für die wirtschaftliche Herausforderung als Mitte der 70iger Jahre, als die Stadt mit Massenarbeitslosigkeit, einer Verbrechenswelle und exorbitanter Energiekosten beinahe in den Bankrott schlitterte und aufgegeben wurde (nach der Ablehnung eines weiteren Kredits an New York durch den damaligen Präsidenten Gerarld Ford titelte die Tageszeitung „Daily News“ legendär: „Ford to City: Drop Dead!“). Doch muss Bloomberg nun unpopuläre Budgetkürzungen durchboxen und gegen starke Interessensgruppen antreten: Die Stadtverwaltung werde mit gutem Beispiel vorangehen und 20 Prozent ihres Personals abbauen, sagte Bloomberg (mit Einsparungen von 34 Millionen Dollar wohl nur ein symbolischer Schritt). Von seinen „Comissioners“ verlangte er drastische Einschnitte von bis zu 20 Prozent, mit den geringsten Kürzungen bei Cops, Firefighters und Lehrern. Förderungen für die Renovierung des Kultur-Wahrzeichens „Lincoln Center“ an der Upper West Side wurden auf die lange Bank geschoben, für andere Museen der Kunst-Weltkapitale gekürzt. Die Cityhall verwandelte er in eine Großraumbüro-Kommandozentrale, wo er – wie einst in seinem Ex-Office der „Bloomberg LP“ an der Park Avenue – in einem schlichten Kobel inmitten seiner Mitarbeiter werkt. Auf sein 195.000-Dollar-Bürgermeisterjahressalär hat der laut Forbes vier Milliarden Dollar schwere, frischgebackene „C.E.O. of N.Y.C“ („New York Times“) verzichtet, ebenso auf die Dienstvilla „Gracy Mansion“ (er residiert weiter in seinem weit luxuriöseren Townhouse in der noblen Upper East Side). Der 59jährige erhielt Vorschusslorbeeren von der einflussreichen „New York Times“ wegen seiner Kontakte zu Minderheitenvertretern der Stadt (im starken Kontrast zu seinem streitbaren Vorgänger Giuliani) und dem hochpoplären Ex-Bürgermeister Ed Koch. „Er kann viel unabhängiger als alle seine Vorgänger agieren“, sagte Koch: „Er schuldet niemanden etwas“. Zur Aufmunterung verdeutlichte Koch zumindest einen gravierenden Unterschied zwischen dem New York während seiner ersten Angelobung und dem heute: Bloomberg sei mit der Subway zum Rathaus gefahren, Koch kam damals mit dem Bus – in die U-Bahn hätte er „sich damals nicht getraut…“
Die größten Anstrengungen Bloombergs gelten dem „Financial District“ in Lower Manhattan rund um die weltberühmte Wall Street, Adresse der wichtigsten Weltbörse „New York Stock Exchange“ (NYSE). Trotz der Vernichtung von 1,25 Millionen Quadratmeter Bürofläche stehen jetzt mehr Towers leer als vor der Attacke. Firmen wie Lehman Brothers, American Express oder Goldman Sachs, deren Türme im „World Financial Center“ oder „One Liberty Plaza“ beschädigt wurden, bleiben nun in ihren Ausweichquartieren in Midtown oder New Jersey – ihre bald reparierten Ex-Büros kommen auf den Markt. Auch von den mit 45.000 Anrainern ohnehin spärlichen Wohnbevölkerung sind viele bereits weggezogen. Battery Park City am Hudson River, einst ein Magnet für New Yorks Yuppies, wirkt nächstens wie eine Geisterstadt. Die Krise der Finanzindustrie erschüttert ganz New York – immerhin war „Wall Street“ zwischen 1992 und 2000 verantwortlich für 39 Prozent des Wirtschaftswachstums und der persönlichen Reichtumsvermehrung. „Der Zustand der Finanzservice-Industrie spiegelt die Gesundheit der gesamten Wirtschafts New Yorks wieder“, so Experte Mark Zandi von „Economy.com“.
Makabere Strahkraft hat derzeit in Lower Manhattan bloß „Grund Zero“. Rund um die nun riesige Baugrube hat sich eine eigene Trauer-Tourismus-Industrie gebildet. Auf Ständen werden WTC-Bilder, Statuen oder Kitschgemälde ebenso verkauft wie Snacks und NYPD-, FDNY-oder sogar „Ground Zero“-Basball-Kappen. Und der Menschenandrang wird jeden Tag größer: Inzwischen musste vor der mit Andenken heftig dekorierten St. Paul´s Chapel eine Fahrspur des Broadway für die Fussgänger freigemacht werden. „Hier zeigt sich deutlich der natürliche Prozess der Aufarbeitung“, sagt Charles Traub, der als Organisiator der Ausstellung „Here is New York“ das Phänomen kennt. Seine Sammlung von Bildern der WTC-Tragödie von Profis und Amateuren wurde über Nacht zum Sensationserfolg. Vor der Minigallerie in Soho stehen seit Ende September die Menschen Schlange. „Wir wurden zur ersten virtuellen Gedenkstätte“, sagt er: „Mit verbessertem Zugang folgen nun die Massen direkt zum Ort des Tragödie“.
Die Memorialfrage dominiert auch die Debatte um den Wiederaufbau des World Trade Centers. Immobilien-König Larry Silverstein, der ausgerechnet zwei Monate vor dem Terror-Horror einen 100-jährigen Lease-Vertrag abgeschlossen hatte, will vier 50-stöckige Bürotürme errichten. Eine Kommission sucht zusätzlich nach besserer Durchmischung des ganzen Stadtteils mit Büros, Geschäften und Apartments, sowie eine bessere Verkehrsanbindung. Giuliani, nun Privatmann mit dem Ehrentitel „America´s Mayor“ plädierte zuletzt, das gesamte Areal als Gedenkstätte und „Heiligen Grund“ zu respektieren. „Mit dieser Philosophie hätte man nach dem zweiten Weltkrieg ganz Dresden freilassen müssen“, winkt Raimund Abraham ab, der österreichische Stararchitekt in New York, dessen von Kritikern hochgelobtes Gebäude für das „Austrian Cultural Forum“ am 18. April eröffnet wird. Man brauche keine „künstliches Denkmal“, sondern „eine Verschmelzung der Erinnerung mit der Fortsetzung des Lebens“. Über einen Neubeginn wegweisender Architektur ist Abraham skeptisch: „Architektur ist selten geworden, es geht meist ums Geld – oder man verwendet sie als Werbung, wo Star-Architekten spektakuläre Bilder schaffen.“
Doch das neue Jahr beginnt auch mit dem spürbaren, legendären New Yorker Optimismus. Selbst in einem Industriezweig, der am schwersten beschädigt worden war: der mit 37 Milliarden Dollar Jahresumsatz wichtigen Tourismus-Branche. „Alle vergleichen die Zahlen mit 2000“, sagt Herbert Pliessnig, Managing Director des Top-Hotels „St. Regis“: „Das war ein Traum, zu gut um wahr zu sein“. Ausgeblieben sind zuletzt vor allem die Gäste aus Europa, die nur teilweise durch Amerikaner als „patriotische Touristen“ wettgemacht wurden. Doch New York sei kulturell und wirtschaftlich in der Welt derart führend, meint Pliessnig, dass „die Leute wiederkehren müssen“. Für heuer erwartet er bereits ein Anknüpfen an die Ergebnisse von 1998/99.
Stolz und als Zeichen der Unverwüstlichkeit verweisen New Yorker Medien auch auf die enormen Fortschritte bei der Beseitigung der apokalyptischen Trümmerlandschaft: In knapp vier Monaten wurden, Stand vergangenen Donnerstag, 944.192 Tonnen Schutt beseitigt, die Umgebung der Baugrube ist asphaltiert – Baufirmen haben mit der Errichtung einer Temporären, schrägen Brücke zum weiteren Abtrransport der in den Untergeschoßen enorm verdichteten Stahl-Trägern begonnen. Als letzte stehende Struktur ragt das Fundament einer Rolltreppe heraus, die sich in der Lobby des Gebäudes 5 befand. Völlig in Vergessenheit geraten ist der wohl makaberste Ort der Erde: Seit September läuft in der Ex-Mülldeponie Fresh Kills der Schutt über mehrere Förderbänder. Detektive des NYPD in weißen Schutzanzügen und mit Gasmasken fischen Privatgegenstände und „Beweismittel“ heraus. Lippenstift, eine abgerissene Konzertkarte, Menschenknochen, Polizeianstecker, Fotos. Alle hoffen auf die letzte Schuttladung, die stets in Lastkähnen über den Hudson River angeliefert wird. Irgendwann im Frühjahr, so die Schätzungen. Ein Arbeiter schüttelt den Kopf: „Erst dann gibt es einen echten Neubeginn“.