# 16. Dezember: Christmas an Ground Zero


Judith Francis meidet “Ground Zero”, der Baugrube am Areal der am 11. September zerstörten Twin-Towers, obwohl sie ihren Arbeitsplatz direkt davor hat. Über einen Seiteneingang betritt sie morgens das Bürohochhaus, ignoriert tagsüber die Aussicht aus dem 22. Stock auf die sieben Geschosse tiefe Baustelle, abends geht sie rasch zur Subway. Nun steht sie am frisch errichteten Zaun vor einem Weihnachtsbaum und dem aus Stahlträgern-Resten geformten Kreuz – binnen Minuten kullern Tränen über ihre Wangen. Aus dem 102. Stock des Südturms war sie an jenem Terror-Horrortag geflüchtet, der zweite Jumbo hatte zehn Stockwerke über ihr eingeschlagen. Wie das gleichzeitige “Losbrüllen zehntausender Elefanten” habe sich das angehört. 20 ihrer engsten Arbeitskollegen bei der “AON Corporation” starben im Flammeninferno oder späteren Kollaps des Towers – als die 40-jährige Finanz-Konsulentin bereits in einem Bus Richtung Norden saß.
Heute sind alle ihre Sympthome – Schock, Wut, Trauer, Angst – wie am ersten Tag, sie hat nur gelernt, besser damit umzugehen, “sie als Teil meines Lebens zu akzeptieren”. Wegen einer nicht heilenden Fussverletzung trägt sie orthopädische Schuhe, die bis zu dreimal pro Woche wiederkehrenden Panik-Atacken bekämpft sie mit Extrastunden um Fitness-Studio. Francis Story ist typisch für viele WTC-Inferno-Überlebende: Sie erhielt keinerlei finanzielle Kompensation, weil die bürokratischen Hürden höher sind als ihre körperlichen und psychischen Wunden tief. Vom Arbeitgeber samt ihrer ganzer Gruppe wurde sie gefeuert, weil die Umsätze nicht stimmten. “Die Jobsuche war ein Horror”, sagt sie, die Finanzindustrie schwer angeschlagen. Per Zufall fand sie eine vorübergenden Stelle bei der Scotia Bank, als Ersatz für die Karenz einer Bekannten. Viel nachgedacht hat sie über ihr Leben und ihre Karriere nach dem 11. September, im Frühjahr möchte sie nach Kalifornien übersiedeln, Unikurse nehmen und einen Neustart als “Katastrophen-Psychologin” versuchen. Denn vor allem, anderen zu helfen, lenkt sie heute am meisten ab. Am Heiligen Abend will sie bei der Heilsarmee Suppe ausschenken. Als eine Frau bei ihr an Ground Zero weinend vorbeigeht, läuft sie hinterher. “Die war aus Texas und einfach überwältigt”, sagt Francis: “Ich habe ihr dann meine Story erzählt, nicht um mich wichtig zu machen, sondern weil es mir hilft…”
Das Schicksal der Judith Francis untertreicht einen Advent voller Gegensätze in der Acht-Millionen-Einwohner-Weltmetropole New York im Monat 15 der Post-Twin-Tower-Ära, wie Gespräche mit weiteren Bürgern aus verschiedensten Professionen und sozialen Umfeldern zeigen. Und es ist das erste halbwegs normale Weihnachstfest nach der schlimmsten Tragödie in der 338-jährigen-Stadtgeschichte, die 2.807 Todesopfer forderte, die mit 417 Meter höchsten Türme der Skyline auslöschte, ganz Lower Manhatten samt dem Finanzbezirk rund um die Wall Street devastierte und New York mit bis zu 100 Milliarden Dollar Gesamtschaden in eine schlimme Wirtschaftskrise führte. Ermutigend empfinden die Einwohner hingegen die Anzeichen einer stetigen Normalisierung nach dem Horror-Herbst 2001, sind sogar froh über typische News aus der so hektischen wie chaotischen Welthauptstadt: ein drohender Subway-Streik, die Debatte über die Unterbringung von Homeless in einem Ex-Luxus-Kreuzfahrtsschiff, Proteste gegen das Rauchverbot in zehntausenden Bars und Restaurants.
Doch andere befürchten einen Rückfall in die düsteren Zeiten, als in den 70igern in der de fakto bankrotten Stadt in der Bronx täglich ganze Häuserblocks in Flammen standen (meist Brandstiftung), oder im Jahr 1990 2.246 Menschen ermordert wurden und die Bevölkerung wegen der Fluchtbewegung aus dem urbanen Alptraum schrumpfte. Bürgermeister Michael Bloomberg kämpft gegen ein Sechs-Milliarden-Dollar-Budgetloch und 7,8 Prozent (deutlich über dem US-Schnitt von sechs Prozent): Praktisch heisst das weniger Cops, weniger Firefighters, langsamere Müllabfuhr – sinkende Lebensqualität samt geringerer Anziehungskraft als Wirtschaftszentrum. Die Krise – zum Teil Nachbeben des 11. September aber auch Echo der stotternden US-Wirtschaft – trifft die Ärmsten der Metropole zuerst:
37.100 obdachlose Männer Frauen und Kinder wurden im Oktober gezählt, 76 Prozent mehr als 1998. “Viele New Yorker und Touristen denken sich wohl”, sagt Margaret Shafer, Leiterin des Homeless-Projektes der “Fifth Avenue Presbyterian Church”, “dass es das Problem nicht gibt nur weil man es nicht sieht”. Aber wo sind sie? Viele seien in ärmere Viertel anderer Boroughs wie der Bronx, Brooklyn oder Queens abgewandert, andere ziehen sich immer tiefer in versteckte Schächte, abgelegende Winkel oder Subway-Passagen zurück. “Je mehr sie von der Polizei gejagt werden”, sagt Shafer, “desto besser werden sie, sich im Labyrinth der City zu verkriechen”. Zehn Homeless dürfen jede Nacht im Keller der Pracht-Kirche schlafen, in einem Sammelpunkt werden sie ausgewählt und dann mit einem Bus zur Kirche gebracht. Die Kirche steht im Zentrum des brutalsten Obdachlosen-Showdowns zwischen der Stadtverwaltung und Hilfsorganisationen, nachdem sie vor Gericht zogen, da die Cops auf den Kirchestufen und am Gehsteig schlafende Homeless Nacht für Nacht vertrieben. “Die haben uns natürlich im Visier wegen unserer exklusiven Lage”, sagt Shafer. Keine Frage: Gleich um die Ecke reihen sich die weltexklusivesten Luxus-Shops der Fifth Avenue aneinander – alles von Luis Vitton bis Tiffany´s. New Yorks Ärmste sollen den Spass shoppender Hollywood-Stars, Touristen und Yuppies nicht trüben – besonders nicht beim Weihnachts-Shopping. Die Presbyterian hat per einstweiliger Verfügung den Homeless die Stiegen als Ruheplatz garantiert. Die 54-jährige ist sichtlch stolz darauf: “Wir haben sie wegen ihrer verfehlten Homeless-Politik bloßgestellt”. Anfängliche Hoffnungen auf die neue Bloomberg-Administration sind rasch verflogen, da die notdürftige Unterbringung in desolaten Herbergen (“Shelters”) das Ziel und nicht die Eliminierung der Ursachen explodierender Obdachlosigkeit war.
Craig ist seit 20 Jahren Homeless. In einem Shelter war er noch nie. “Bad” sind die, “very bad”, Kumpel berichteten ihm von Raub, Prügel und gar Morden. Er steht gegenüber des weltberühmten Peninsular Hotel an der 55. Straße im strömenden, eiskalten Winterregen. “Radioman” nennt er sich, einen kleinen Ghetto-Blaster um den Hals gehängt, mit einem Plastiksack geschützt. 50 Jahre ist er jetzt, glaubt er jedenfalls. Er redet ein wenig wie Dustin Hoffman in “Rainman”. Genau verfolgt er die Stars im gegenüber liegenden Hotel, das preiswerteste Zimmer pro Nacht kostet so viel wie sein Notstandshilfescheck von 500 Dollar monatlich. Leonardo DiCaprio ist gerade rausgekommen, “der geht wahrscheinlich einkaufen”, sagt Craig. Viel los, Weihnachts-Shopping, wie jedes Jahr. Manchmal bekommt er Autogramme von den Stars: Jennifer Lopez, Ben Affleck, Madonna. Meist drängen ihn die Bodyguards jedoch rüde ab. Mit den Autogrammen macht er ein paar Extra-“Bucks”, zieht von einem Premierenkino zum nächsten. Wie ein Hollywood-Reporter rattert er brandneue Filme und ihre Stars herunter, “Gangs of New York”, “Maid in Manhatten”, Leonardo Dicaprio, Cameroon Diaz, “Two Weeks Notice”, Sandra Bullok, Hugh Grant. Und wenn es wirklich kalt wird? “Dann ist die U-Bahn oft die letzte Rettung”, sagt er: “Oder die Abluftschächte – wenn uns die Cops nicht in den Arsch treten…” Er freue sich auf die Wiehnachtsfeier, die die Presbyterian jährlich organisiere – gutes Essen gebe es da, und die Chance, mit den Kumpel ein paar gemütliche Stunden zu verbringen.
An der Südspitze Manhattans wiederholt sich um Punkt 16 Uhr das tägliche Ritual des stummen Abmarsches der Händler am “Floor” des New York Stock Exchanges – diesmal sind die Gesichter besonders grimmig, der “Dow” ist 110 Punkte gestürzt. Fröhlich wirkt im Mekka des globalen Aktienhandels nur der prächtige Weihnachtsbaum in der Wall Street und die patriotisch in Stars-and-Stripes-Dekko gehüllte Säulenfront der Börse. “Die Bonus-Zahlungen sind heuer im Keller”, schüttelt Broker Manny Ferrae von der Firma “CCH, Inc.” den Kopf: Alle hofften auf ein Durchstarten der Wirtschaft in nächsten Jahr, “aber so recht überzeugt davon ist niemand”. Der 11. September habe aber auch die hartgesottenen Wallstreet-Broker weicher gemacht, behauptet Ferrae: “Nicht mehr nur das reine Geldverdienen ist jetzt wichtig, viele fokusieren auch auf Familie und Urlaub – gehen früher nach Hause”. Geringere Einkommen bei den Spitzenverdienern drücken bereits auf den Immobilienmarkt: Die Durchschnittsmiete aller Manhattan-Appartments unterhalb der 96. Straße sank vom Peak in 2000 von 3.150 Dollar auf 2.800 Dollar heute.
Zur Ungewissheit dieses Weihnachtsfestes gehören auch Sorgen über weitere Terror-Akte, aber vor allem einen drohenden Krieg gegen den Irak. Das “Recruiting Office” der US-Armee auf einer Verkehrsinsel der Werbetafel-Glitzerwelt des “Times Square” erfreut sich hingegen regen Zulauf. “Die meisten müssen wir wieder nach Hause schicken”, sagt Sergeant Andrew Holland: “Sie wirken zu kriegslüsternd, während sie die allgemeinen Aufnahmebedingungen wie gute Fitneß und Highschool-Abschluss klar verfehlen”. Immer noch sei er wütend, sagt der Veteran des ersten Golfkriegs, wenn er an den 11. September denke – und stolz, dass sich Amerika gewusst hat zu wehren. Ob das Sich-Wehren jetzt übertrieben werden könnte, etwa in Irak? So genau darf er dazu laut Dienstvorschrift keine Privatmeinung abgeben, aber er vertraue in die Leadership der USA, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Insgesamt müsse das Vertrauen in die Armee groß sein, sagt er beim Abschied: Hunderte Touristen pro Tag scheuten nicht die Überquerung des dichtbefahrenen Broadways, um ausgerechnet in der Armee-Stelle nach Auskunft zu fragen.
Die Weihnachstpause sollen die New Yorker auch für Gedanken an die Zukunft des am 11. September so schwer devasierten Finanzbezirks von Lower Manhatten nützen: Diese Woche präsentierten nach dem Fiasko der hingeklotzen Erstentwürfe sieben internationale Stararchitekten-Teams ihre Vision für die Post-Twin-Tower-Ära des 6,4 Hektar großen Areal, in der Vorwoche präsentierte Bloomberg seine Ideen für eine Wiederbelebung besonders der Waterfront entlang des East Rivers, samt Transport-Knotenpunkt, grandioser Parks und direkter Anbindung an die Airports JFK und La Guardia. “Wir müssen Lower Manhattan neu erfinden”, warnt der Ex-Medien-Tycoon, “um New Yorks Führerschaft der Weltwirtschaft zu erhalten”. Nach spekatkulären Aufräumungsarbeiten, wo in acht Monaten 1.642.698 Tonnen Schutt und Stahl weggeschaft worden waren, ist der Wiederaufbauprozess ins Stocken geraten. Jetzt soll ein erster verbindlicher Masterplan bis spätestens 31. Jänner fertig sein. “Die große Chance einer urbanen und architektonischen Renaissance New Yorks ist schon jetzt allein wegen der Konstellation zum Wiederaufbau Ground Zeros vertan”, warnt der Architekt Alberto Foyo in seinem Loft-Studio am Hudson River. Die verantwortliche Hafenbehörde Port Authority und Immobilien-Kaiser Larry Silverstein, der das Grundstück für 99 Jahre geleast hat, verfolgen rein kommerzielle Interessen, so Foyo – ein Rezept, dass New Yorks seit Jahrzehnten “Dritt-Welt-Land”-Architektur beschert hat. Mit einem Finger deutet er aufgeregt auf einen Hochhaus-Klotz am Horizont, ein Development des Promi-Baumeisters Donald-Trump: Letztklassige Arichtektur verkauft als Luxus-Conduminium, sei das. Trump würde “das Wort Architektur nicht einmal buchstabieren können”. Die öffentliche Hand in New York hätte kaum Geld und Einfluss um Architektur und Urbanismus zu fördern, die Privatfirmen kein Interesse, sagt der aus Spanien eingewanderte Architekt: “Das alles ist ein alarmierendes Zeichen des kulturellen Verfalles der Metropole – und es könnte sich beim Wiederaufbau Lower Manhattans fortsetzen”.

# 9. Dezember: Der tiefe Fall der Whitney Houston

Überrascht hat es niemand nach einem Inferno an Drogen-Enthüllungen über Sänger-Superstar Whitney Houston: Trotzdem ging es unter die Haut, als die 39-jährige, nervös, heiser, unkonzentriert, konfus zwischen Themen hin- und herspringend erstmals ihre Sucht zugab. “Ist es Alkohol? Ist es Marijuana, Kokain, Pillen?” fragte ABC-Star-Interviewerin Diane Sawyer: “So war es, zeitweise”, antwortet Houston mit gesenktem Kopf, ihre Stimme wegen einer Verkühlung kaum hörbar. “Alle auf einmal?”, setzt die verblüffte Sawyer nach. “Zeitweise…” Vehement bestreit Houston lediglich den Konsum der Horror-Droge Crack, die viel zu billig sei und dessen Kosum sie mit ihrem Millionen-Verdiensten nicht nötig hatte.
21 Millionen Amerikanern verfolgten die Prime-Time-TV-Enthüllung des Jahres über den Jahrhundert-Pop-Star (170 Millionen verkaufte Platten, sechs “Grammys”, zwei “Emmys”) mit der, so Branchenkenner vielleicht besten Stimme in der Musikgeschichte, gebannt mit, obwohl TV-Kritiker wegen Houstons angeschlagenem Zustand das Interview als “Unfall” bezeichneten. Dabei braucht Houston, deren Drogenprobleme und turbulente Ehe mit dem ebenfalls drogensüchtigen Skandal-“Rhythm&Blues”-Sänger Bobby Brown in den letzten Jahren der Dauerbrenner in den US-Tabloids war, gerade jetzt gute PR für ihr Comeback: Gerade erschien ihr erstes Album seit vier Jahren, “Just Whitney” – fast zeitgleich mit dem Combackversuch einer weiteren gefallenen Diva, Mariah Carey, die auf “Rehab” und den Rausschmiss von ihrer Platten-Firma zurückblickt (beide hoffen auf mehr Erfolg, als Michael Jacksons desaströser Comebackversuch mit dem Album “Invincible” vor einem Jahr).
Die Story der Whitney Houston ist die des kometenhaften Aufstieges aus dem tristen Suburbs von Newark, New Jersey – gefolgt vom fast vollständigen Zerbrechen unter dem Druck ihrer enormen Berühmtheit und dem knallharten Musik-Business. Als junges Mädchen, Tochter der Gospel-und Blues-Größe Cissy Houston, machte sie einfach die Augen zu – und sang. “Als ich die Augen öffnete”, sagt sie, “waren die Menschen derart in Ekstase, als wären sie vom heiligen Geist getroffen”. Der Durchbruch kam 19-jährig, in kürzester Zeit stieg sie zum Megastar auf. Doch plötzlich war alles, “no fun anymore”, sagt sie: Es ist die Industrie, alles gehe “nur ausschließlich ums Geld – und wie man es schnellst-möglichst verdient”. Es kommt zu immer mehr Konzertabsagen, die allesamt globale Headlines provozieren, am spekatkulärsten wird ihr No-Show bei den “Oscar´s 2000”, wo sie, wie sie jetzt behauptet, gefeuert wurde, weil sie sich – “zu recht” – über das Management beschwerte.
Noch mehr Schlagzeilen macht ihre Ehe zu Starkstrom-Sänger Bobby Brown: Sie trägt ein 40.000-Dollar-Hochzeitskleid, doch die 800 geladsenen Gäste und die Nation fragen sich: Warum ihn? Warum den Bad Boy aus einem Gangbezirks von Boston? “Sexy und sanft wie ein Gentleman”, sagt sie: “Und ein netter Kerl”. Doch bald titeln die Zeitungen mit angeblichen Prügel-Exzessen: Brown bestreitet im Interview vehement, Houston jemals geschlagen zu haben. Doch zweimal sind sie getrennt – sie kehrt zurück, weil er Macht über sie ausübt, so die Tabloids, weil er “wie ein Magnet der Liebe auf sie wirkte”, so Houston jetzt. Unbestritten bleibt der Drogenkonsum und Dauerprobleme mit den Behörden: Brown raucht Marijuana, weil es ihn als “pipolare Persönlichkeit beruhigt”, wie er sagt; Houston nimmt alles von Alkohol, Marijuana, Cocain und Pillen (dass sie 730.000 Dollar dafür ausgibt, bestreitet sie). “Ich arbeite in einer Branche aus Sex, Drugs und Rock´n Roll”, stellt sie fest: “Und ich war ein Party-Girl”. Dazu kommt emotionaller Stress. Doch es sei alles mehr “eine schlechte Angewohnheit als eine Sucht gewesen, beteuert sie. Wirklich süchtig sei sie nur nach Sex.
Anfang September 2001 erscheint Houston derart abgemagert bei einem VH1-Michael-Jackson-Tribut-Konzert, dass kurz darauf Gerüchte über ihren Tod nach einer Heroin-Überdoses im Internet kursieren. Sayer hält ihr das Bild, wo sie digital sogar “aufgefettet” worden war, vor und versucht sie festzunageln: “Ist es Magersucht?”, fragt sie. “No way!”, antwortet sie. “Bulemie?” “Keinesfalls!” “Drogen?” Sie zögert, gibt wieder Drogenkonsum zu, doch führt ihre gespenstische Statur auf “emontinalen Stress” und furchtbare Essgewohnheiten zurück. Dennoch sei der Auftritt ein Wendepunkt gewesen: “Als die sagten ich wäre gestorben”, sagt sie, “bin ich es wirklich: Das hat mich aufgeweckt”.
Geklagt wird sie inzwischen selbst von ihrem eigenen Vater auf 100 Millionen Dollar: Der schwerkranke John Houston, 82, behauptet, seine Tochter hätte einen Vertrag mit ihm als Manager gebrochen. Nach einer Tränenpause im Interview sagt Houston, dubiose Geschäftspartner hätten ihn dazu gedrängt – und sie liebe ihn immer noch. Weniger konziliant zeigte sich John Houston selbst: In einem dramatischen TV-Interview am Krankenbett am Folgetag des Whitney-Geständnisses polterte er: “Zahl mir endlich das Geld, dass du mir schuldest!”

# 2. Dezember: Klum goes wild!

Millionen Männern rund um den Erdball durften nur wenige Tage träumen: Das deutsche Supermodell Heidi Klum – Alter: 29, Maße: 89-62-90, Größe: 1,76 –nach ihrer völlig überraschenden Trennung in der Vorwoche von Star-Frisör Ric Pipino wieder Single? Doch bereits am Wochenende kamen schlechte Nachrichten aus Sydney, Australien: Am weltberühmten “Bondi Beach” hätten sie Augenzeugen in der frühsommerlichen Pazifik-Brise ausgerechnet mit dem Skandal-Rocker Anthony Kiedis, Leadsänger der Kultband “Red Hot Chilly Peppers” (zuletzt mit dem Hit “Californication”) schmusen sehen, berichteten “Bild” und “Bunte” unisono. Später wurde sie bei einer Stadtrundfahrt auf einer schweren Harley-Davidson erblickt, sich eng an die Lederjacke von Kiedis klammernd. Klum habe es “voll erwischt”, so das deutsche Medien-Konklusio. Der örtliche “Daily Telegraph” sah währenddessen jedoch eine zehn Jahre jüngere Heidi, skandinawischer Abstammung, beim Turteln backstage in Brisbane: Kiedis wollte nur bestätigen, dass er jemanden gefunden habe, “der mit mir liebevoll umgeht”.
Es sind plötzlich recht turbulente News aus dem Privatleben des deutschen Modells, dass zuvor als recht bieder beschrieben worden war: Klum lebte in einem für ihre Stargage von bis zu 50.000 Dollar pro Tag recht bescheidenen Zwei-Zimmer-Apartment in Midtown Manhattan, gemeinsam mit dem um 14 Jahre älteren Top-Hairstylist Ric Pipino (der in seinem Salons in New York und Miami Hollywoodstars von Liza Minelli bis Brooke Shields frisiert), raucht kaum, trinkt nichts, meidet Parties, geht wandern und trinkt drei Liter Wasser ohne Kohlensäure pro Tag (“Schönheit kommt von innen”, so ihr Rezept). Doch Freunde hatten zuletzt berichtet, dass kaum mehr Romantik zwischen dem Star-Pärchen auszumachen war. Dann kam das offizielle Statement, dass sie sich nach fünfjähriger Ehe trennen werden. “Auf gegenseitigen Einverständnis” basierte der Split, sagte Spokesperson Desiree Gruber: Und sie blieben Freunde. Mit “Chilly”-Rocker Kiedis, von der Abstammung “Apache”-Indianer, stünden für Klum jedenfalls aufregendere Zeiten als mit dem graumellierten Haar-Stylisten ins Haus: Kiedis war jahrelang heroinsüchtig, saß wegen angeblicher sexueller Belästigung einer Studentin 60 Tage im Gefängnis, bei Konzerten spielt er splitternackt, verdeckt die intimste Stelle mit einer Socke.
Für Klum – Spitzname in der New Yorker Szene: “Frolleinwunder” – kommen die privaten Turbulenzen am Höhepunkt ihrer Karriere: Als Aushängeschild des Wäsche-Konzerns “Victoria´s Secret” gehört sie zu den auf internationalen Magazin-Covers meistpublizierteste Modells, dazu kommen Rollen in Filmen (“Blow Dry”) und TV-Serien (“Spin City” an der Seite von Michael J. Fox), dazu kommen eine Parfum-Linie in Europa (“Heidi Klum One”) und eine für Ende des Jahres geplante “Sandalen-Kollektion”. Ein eigene Marke sei sie geworden, sagte sie selbstbewußt einem US-TV-Magazin. Mitte November agierte sie gar, inwzischen mit akzentfreiem Englisch, als Gastgeberin der “Victoria´s Secret Fashion Show”. Der Aufmarsch der spärlichst mit Unterwäsche bekleideten “Who is Who” der Modell-Elite sorgte prompt im prüden Amerika gar für eine Pornografiedebatte – und lockte bei der Live-Übertragung am TV-Sender CBS 10,5 Millionen Zuseher an (die TV-Kritikerin der “Washington Post”, Lisa de Moraes, forderte jedoch nach Klums “Blah,blah,blah, ich bin so wundervoll, blah, blah, blah”-Auftritt ein generelles “Redeverbot für Supermodells”).
Klums Aufstieg ist wie ein amerikanisches Erfolgsmärchen: 1992, knapp vor der Matura, gewann die 18-jährige aus Bergisch-Gladbach bei Köln unter 25.000 Mitbewerberinnen als “Model ´92” einen Auftritt bei Thomas Gottschalk. Schließlich landet sie bei der New Yorker Agentur “Metropolitan” in einer desolaten Wohnung in der 18. Straße zwischen First und Second Avenue – samt undichtem Dach und Karkerlaken in der Küche. Am Höhepunktes des Kultes um die Supermodells – Naomi Campbell, Kate Moss, Cindy Crawford etc. – hatte sie einen schweren Karrierestart, doch nach Abtreten der Großen, aus Alters- oder Alkoholproblemen, suchten die großen Werbe-Firmen an der Madison Avenue nach frischen Gesichtern – und finden Klum, die sich mit perfekter Traumfigur, makellosem Gesicht gepaart mit deutschem Fleiß und persönlicher Durchsetzungekraft hinaufarbeitet. Der Durchbruch gelingt, bereits für die Top-Agentur “Elite”arbeitend, mit der Werbekampagne für Victoria´s Secret und einem Cover für “Sport´s Illustrated” 1998, wo sie im Badeanzug bekleidet 55 Millionen Käufer bewunderten – bald jodelt sie sich bei Star-Talker David Letterman ins Herz der sonst barschen New Yorker, ist bei Jay Leno in L.A. verblüffend schlagfertig.
In ihrer schwierigen New-York-Zeit lernte Klum auch den bereits als Celebrity-Frisör etablierten Pipino kennen, eine Bilderbuch-Romance mit Heiratsantrag auf der Aussichtsterasse des Empire State Building, und einer Traumhochzeit im September 1997 in Stone Ridge ausserhalb der Metropole. Pipino, von Kopf bis Fuß in Prada gestylt, folgte einer Reihe, vor allem deutscher Bräuche: Er kletterte eine Holzleiter hoch und holte eine Puppe aus einer Storchennest-Atrappe für potentiellen Kindersegen, dann zersägte das Paar einen Baumstamm, symbolisch für ewiges Teamwork als Ehepaar. Genützt haben alle Rituale letztendlich nichts.

# 11. November: Saddam in Visier

Das zehnjährige Katz- und Mausspiel des Irakischen Diktators Saddam Hussein mit der Weltgemeinschaft über seine Arsenale an Massenvernichtungswaffen endete vergangenen Freitag um exakt 10:41 amerikanischer Ostküstenzeit: UN-Generalsekretär Kofi Annan überreichte dem irakischen Aussenminister eine Kopie der soeben 15 : 0 im Sicherheitsrat einstimmig verabschiedeten Resolution Nr. 1441 – der Blaupause eines strikten Konzeptes zur Offenlegung der bisher versteckten Arsenale an chemischen, biologischen Waffen, oder gar Komponenten atomarer Entwicklungslabors. “Die verabschiedete Resolution stellt einen Test für den Irak dar”, polterte US-Präsident george Bush, der mit der UN-Einigung nach dem Republikaner-Sieg bei den Midterm-Kongresswahlen gleich den zweiten politischen Triumph in einer Woche feierte, bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz im “Rose Garden” hinter dem White House. Mit Aussenminister Colin Powell an der Seite setzte er beschwörend nach: “Es ist der letzte Test…”
Die UN-Resolution, der ein diplomatischer Beratungs-Marathon seit Bushes Rede am 12. September voranging und die weitgehend alle wichtigen US-Positionen enthält, gleicht laut Experten einem Protokoll zum Kriegs-Countdown. Nach dem Geheimdienste seit Jahren Saddams Giftarsenale detailiert auflisten und kaum jemand glaubt, dass der Irakische Diktator nun plötzlich ohne Widerstand alle Geheimnisse preisgibt, könnte das strenge Deadline-Regime der UN-Resolution jederzeit den Waffengang auslösen:
# Bis Freitag muss Hussein die Resolution akzeptieren;
# Kommenden Montag soll UN-Chef-Waffeninspektor Hand Blix und der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde Mohamed El-Baradei mit zwei Dutzend Technikern in Bagdad eintreffen und mit dem Aufbau der Logistik – Kommunikation, Transport und Labors – beginnen;
# Zwischen 25. und 28. November trifft ein erstes Waffeninspektoren-Vorausteam ein und beginnt mit ersten Inspektionen;
# Am 8. Dezember muss der Irak eine “vollständige, akurate und komplette Liste” aller seiner Waffenprogramme an das Security Council im UN-Headquarter am New Yorker Eastriver übermittlen.
# Am 23. Dezember sollen 80 bis 100 Inspektoren mit ihrer Arbeit beginnen und
# am 21. Februar ihren Report vorlegen.
“Ich wünschte ich hätte eine deratige Resolution gehabt”, sagt Ex-Waffeninspektorenchef Richard Butler, dessen Team vor vier Jahren zuletzt aus dem Irak hinausgeschmissen worden war, fast wehmütig. Doch anders als in der Hauptphase der Waffeninspektoren, wo zwischen 1991 und 1998 immerhin 48 Langstreckenraketen, 14 konventionelle und 30 chemische Sprengköpfe, 690 Tonnen chemischer Kampfstoffe, sowie gesamte Waffenlabors wie “Al-Hakam” aufgespürt und vernichtet worden waren, kann es diesmal nach nur kurzen Vorbereitungs- und inspektionszeiten maximal Stichproben geben. “Tatsächlich geht es mehr um einen Test des irakischen Kooperationswillen und Aufrichtigkeit, als dem echten Aufspüren von ABC-Waffen”, sagt ein hoher UN-Beamter. Allein die Tatsache, dass Saddam Hussein die Existenz von Massenvernichtungswaffen in Geheim-Bunkern, Verstecken in den insgesamt 42 seiner Prunkpaläste, Höhlen oder beweglichen Labors eingestehen und sich selbst als Lügner demaskieren müsste, um einen Anfriff zu entgehen, wird als härtester Test in seiner 26-jährigen Diktatur gesehen.
Die Weltgemeinschaft wolle dem Irak diesmal “Null Toleranz” gewähren, sagte die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice. Doch Thomas Friedman, weltberühmter Nahost-Kolumnist der “New York Times” beschreibt ein realistischeres Szenario der nächsten Wochen: “Saddam wird anfangs kooperieren”, sagt er, “doch je näher die Inspektoren an eines seiner Geheimnisse herankommen, desto widerspenstiger werden sich die Iraker verhalten”. Praktisch könnte das bedeuten, dass Saddam etwa die Inspektion eines Gebäudes untersagt, und die Welt dann tagelang debatiert, ob ein Irak-Krieg wegen dieses einen Gebäudes wirklich zwingend sei.
Obwohl das Scheitern der Waffeninspektionen nicht, wie von den Amerikanern gewünscht, automatisch eine UN-Kriegsautorisierung bedeutet, wäre ein Alleingang der USA doch “rechtlich abgedeckt”, sollten neuerliche Konsultationen des Sicherheitsrates im Sand verlaufen. “Der Irak wird entwaffnet”, lautet inwzischen der Lieblingssatz des durch Kriegs-Rhetorik hochpopulären US-Präsidenten.
Teil der ersten Phase eines regelrechten Psychokrieges schien das gezielte Durchsickern des Angriffplanes des Pantagon in die US-Medien zu sein, der von Bush bereits lange vor der UN-Einigung genehmigt worden war. Insgesamt 200.000 bis 250.000 Soldaten stehen General Tommy Franks für einen Angriff aus der Luft, am Boden und der See zur Verfügung. Zusätzlich sollen 265.000 Reservisten der Nationalgarde mobilisiert werden – etwas mehr wie beim ersten Golfkrieg, die andere Aufgaben der dann an zahllosen globalen Schauplätzen gleichzeitig agierenden US-Streitkräfte einnehmen. Zu Beginn steht ein kürzeres (weniger als die 43 Tage in Golfkrieg I) aber weit intensiveres Bombardement irakischer Infrastruktur, sowie ziviler und militärischer Kommandozentralen. Nur sechs Prozent der Bomben vor elf Jahren waren satellitengesteuerte Präzisions-Ordination, diesmal wird, wie beim Afghanistan-Krieg, mit 60 Pozent High-Tech-Bomben-Einsatz gerechnet: Dadurch soll die verhehrenden Zerstörungen des ersten Golfkrieges verhindert und “der Zivilbevölkerung der Eindruck eines Befreiungskrieges vermittelt werden”, wie es ein Militärstratege formulierte. Im Erstluftschlag werden B-2-Tarnkappenbomber mit je 16, einer Tonne schweren satellitengesteuerten Präzisions-Bomben eingesetzt, sowie B-1-Bomber mit 24 gleichartigen Sprengsätzen.
Wegen mangelnder Kooperation in der Region – zuletzt hatte sogar das angeblich befreundete Saudi Arabien eine Benützung seiner Militärbasen für einen Irak-Feldzug verboten – sollen rasch Randterritorien im Süden, Westen und Osten des Irak für den Ausbau von Stützpunkten besetzt werden. “Special-Op”-Elitesoldaten erkunden bereits jetzt innerhalb des Irak das Terrain, mit teils offener Unterstützung der kurdischen und schiitischen Opposition. Rasch wollen die US-Bodentruppen bis an die Kapitale Bagdad vorrücken und hoffen, der so umzingelte Diktator könnte von seinem eigenen Militär gestürzt werden (eine Hoffung, die sich im ersten Golfkrieg 1991 nicht erfüllte). Denn als Worst-Case-Szenario, ausser einem früheren Verzweiflunsgsschlag mit chemischen oder biologischen Waffen, fürchten die Amerikaner eine Entscheidungsschlacht in der Vier-Millionen-Einwohner-Metropole Bagdad. Dann könnten, anders als die 146 im Kampf und 145 bei Unfällen gefallenen GI´s 1991 diesmal mehr als 5.000 US-Soldaten sterben – mit noch weit größeren Verlusten unter der Zivilbevölkerung.
Die größte Hoffnung der Kriegsplaner: Das Husseins weit abgespeckte und desolate Armee frühzeitig das Handtuch wirft – oder den High-Tech-Waffen der Amerikanern wenig entgegenzusetzen hat:
# Die Truppenstärke wird anstatt einer Million 1991 nur mehr auf 424.000 Mann eingestuft;
# nur mehr 316 der einst 689 MIG-Kampfjets sind startklar, deren Piloten schlecht ausgebildet;
# Selbst im ersten Krieg waren Iraks T-72 Panzer den amerikanischen M-1 weit unterlegen, jetzt haben sie davon nur mehr ein Drittel.
Inzwischen wird als das unwahrscheinlichste Szenario eine irakische Kooperation gehandelt: “Was ist, wenn Saddam spurt?” fragte “Time” fast verängstigt. Dann bleibt Bushes sehnlichster Wunsch nach Regime-Wechsel vorerst unerfüllt. Und Saddam an der Macht – sein oberstes Ziel seit nunmehr 26 Jahren.

# 6. November: GOP-Triumph zu den Midterms

Kaum später als 22 Uhr begibt sich US-Präsident George W. Bush zu Bett, doch dieser Abend war viel zu aufregend. Bis weit nach Mitternacht gratulierte er per Handy 30 Republikanischen Kandidaten zu ihrem Sieg, die Stimmung in sein Wohnzimmer, der “West Sitting Hall” im Weißen Haus, war unter den geladenen Kongress-Führern immer ausgelassener geworden. War in den Midterm-Kongresswahlen wegen der fast perfekten politischen Zweiteilung Amerikas zwischen Demokraten und Republikanern eine “Nägelbeisser-Nacht” mit Wahlchaos, Anfechtungen und Endergebnissen erst in Tagen oder Wochen gerechnet worden, zeichnete sich plötzlich ein historischer Republikaner-Triumph ab. Immer ausgelassener agiert vor allem Bush: Er hatte mit 90 Wahlkampfauftritten und 70 Fundraiser, wo er 144 Millionen Dollar für republikanische Wahlkassen sammelte, sein gesamtes politisches Gewicht in die Waagschale geworfen – und, anders als der ähnlich wahlkämpfende Vorgänger Bill Clinton 1994, gewonnen. “Bushes Nacht”, titelten ein Großteil der Morgenzeitungen. CBS-Anchor Dan Rather sprach sogar von der “Bushifikation Amerikas”.
Tatsächlich staunten viele Politologen über die republianischen Gewinne: Nicht nur wurde die Führung im 435-köpfigen Repräsentantenhaus (“House”) ausgebaut, sondern auch der 100-köpfigen Senat von den Demokraten zurückerobert. Damit ist die Konstellation einer republikanischen Triumphirates (Präsident, Senat und “House”), die in den ersten sechs Monaten von Bush II bis zum Absprung des Senators Jim Jeffords herrschte, wieder hergestellt. So gut war es der “Grand Old Party” (GOP) nur ein halbes Jahrhundert zuvor gegangen, als 1953 Dwight Eisenhower Präsident wurde. Dazu sind Gewinne der Präsidentenpartei bei Midterm-Wahlen überaus selten: Zuletzt passierte das 1934 in einer ersten Präsdientschafts-Perdiode, Clinton schaffte es 1998 in seiner zweiten Amtszeit – doch die Wahl war eher ein Protest gegen den Republikaner-Kreuzzug in Sachen “Monicagate”-Sexskandal. “Präsident Bush und die Republikaner haben Geschichte geschriebe”, freute sich White-House-Sprecher Ari Fleischer. Darunter schaffte Bush-Bruder Jeb überlegen die Wiederwahl als Gouverneur von Florida, den Demokraten als Top-Angriffsziel auserkoren haben, auch um die Niederlage Al Gores im Nachwahlkrieg 2000 zu rächen.
Doch warum wurden die Republikaner gewählt, bei dümpelnder Wirtschaft, Angst vor Terror und Rechtsaussen-Politik des Weißen Hauses? Durch die Polularität des Präsidenten, die durch den Terror-Krieg gegen Al-Qaida anhält, konnte offenbar die republikanische Basis enorm motiviert werden. “Bush hat die längst-anhaltenden, hohen Zustimmungswerte in der modernen Präsidentschaftgeschichte”, räumte Demokraten-Chef Terry McAuliffe ein. Dadurch wurde durch das Kriegsgetrommle gegen den Irak und die Debatte um Nationale Sicherheit im langen Schatten des 11. September erfolgreich von der Wirtschaftsflaute abgelenkt, eine “Wag-the-Dog”-Strategie, die Bushes Top-Politstrategen Karl Rove erdacht hatte, der seine Finger in fast allen Belangen hatte – von der Kandidatenauswahl bis zu lokalen Themen. Dazu hatten die Demokraten außer dem Lamentieren über den Verlust von zwei Millionen Jobs, düsteren Aktienmärkten und neuer Budgetdefizite keine überzeugenden Wirtschaftsplan vorgelegt. “Den Demokraten fehlt eine klare Führungspersönlichkeit”, urteilt Ron Faucheux vom Magazin “Campaign & Election”. Auch den energetischen Wahlkampfauftritten des Polit-Genies Bill Clinton und dem zuletzt die Bush-Politik prügelnden Al Gore erteilten die Wähler ein Abfuhr. Gerne hätte die Parteibasis massiveren Widerstand gegen den Irak-Kriegs oder Bushes Steuergeschenke für Superreiche gesehen, “doch das hätte das Uralt-Klischee der Demokraten als Militärfeinde und Steuerfans aufleben lassen”, so CNN Analyst Bill Schneider.
In drohenden Krieg gegen den Irak wurde Bush jedenfalls nach dem Kongress nun auch von den Bürgern der Rücken gestärkt. Mit dem Kapitol Hill auf seiner Seite kann Bush auch innenpolitisch durch ein Furioso an Gesetzesinitiativen an einem “politischen Vermächtnis” arbeiten, auf dem die Präsidentschaft-Kampagne 2004 basieren kann; Bush will seine umstrittene, und jetzt nur für zehn Jahr genehmigte Steuersenkung für Reiche permanent machen, das Sozialversicherungssystem teilweise privatisieren – und mehr erzkonservative Richer ernennen, die den Rechtsruck für Jahrzehnte einzemetieren könnten. Die siegreiche doch aggressive Wahltaktik könnte auch zum Eigentor werden: Viele Demokraten, die im Dienste der nach dem 11. September so populären “Überparteilichkeit” in Sachen Irak oder Steuersenkung brav mit Bush gestimmt haben um dann im Wahlkampf brutal attackiert zu werden, haben eine weit aktivere Oppositionspolitik angekündigt.

# 4. November: Haider und Hussein

Wenige der US-Bürger, die die TV-Hauptnachrichtensendungen der TV-Networks Sonntag abends verfolgten, haben den Politiker mit breitem Grinsen und breiter Krawatte an der Seite des irakischen Aussenministers Naji Sabri auf Anhieb erkannt. Der TV-Bericht fokusierte eher auf die Hasstirade des Irakers über die “kriegswütenden Amerikaner mit dem Wunsch zu töten und der ,evil´ Regierung in Washington, deren Resolutionen man niemals akzeptieren würde”. Der brav im Interview daneben hernickende Jörg Haider blieb namentlich unerwähnt. Immerhin: Im Hintergrund war deutlich das “A” der österreichischen Außenhandelsbewerbung zu sehen. Doch mit dem Treffen mit Saddam Hussein schaffte Haider am Montag doch noch den Sprung in die internationalen Medien: Haider gegenüber hätte nämlich Hussein seine Bereitschaft kundgetan, eine Kompromiss-UN-Resolution zu Waffeninspektoren zumindest zu prüfen, berichtete die britische BBC.
Die USA nehmen Haider/Hussein, Folge Zwei, noch gelassen – man habe vorerst “keinen Kommentar” zu dem Treffen, teilte das “State Department” auf Anfrage mit. Zuvor hatte Aussenamtssprecher Philip Reeker keinerlei Interesse an einer allfälligen Vermittlertätigkeit des Kärtner Landeshauptmannes in Sachen Irak erkennen lassen. “Die Irak-Reisen Haiders demonstrieren nur seine eigene Dummheit”, polterte er. Zu einer diplomatischen Krise zwischen Wien und Washington sollte auch das zweite Haider-Treffen mit Saddam vorerst nicht führen. “Die Reisen Haiders wurden bisher weitgehend ignoriert”, sagt Botschafter Peter Moser, der sich an das Haider-Medieninferno im Winter 1999/2000 als oberster Krisenmanager noch gut erinnert.

Riess-Passer
FPÖ-Chefin Riess-Passer in D.C.: Durch Haider-Reise blamiert

Nachdem man sich beim ersten Irak-Tripp im Februar in der US-Kapitale noch wunderte, warum Haider seine gerade Washington besuchende Parteichefin Susanne Riess-Passer derart blamierte, spielte das State Department den Ball damals an Österreich weiter: Austria solle prüfen, sagte Sprecher Richard Boucher, ob UN-Irak-Sanktionen verletzt worden sind, und dann notfalls “berichten”. Ob Haiders Ausfuhr medizinischer Güter für seine “Hilfsaktion” gegen österreichische Gesetze und/oder UN-Sanktionen verstossen haben, prüft nachwievor das Zollamt in Klagenfurt. Das Irak-Sanktionskomitee der UNO hat sich nie “offiziell” mit dem Fall beschäftigt. Man habe intern zwar beraten, ist in der norwegischen UN-Mission zu erfahren (Norwegen führt den Vorsitz): Aber der Fall wurde nie auf die offizielle Tagesordnung gesetzt.
Normalerweise schicken Firmen, die in den Irak exportieren wollen, ihr Ansuchen an die österreichische UN-Mission in New York, die an das Sanktionskomitee weiterleitet. Dort prüfen Gesandte der 15 Sicherheitsratsmitgliedsstaaten, ob die Export-Produkte “dual” – zivil als auch militärisch – verwendet werden können. Wenn Haider im Irak auch als Propagandist österreichischer Firmen auftaucht, sagt ein Diplomat, könnte das “kontraproduktiv sein”: Das Komitee könnte jedenfalls bei diesen Firmen den Ermessens-Spielraum, den es bei Dual-Verwendung immer gibt, sehr eng auslegen. Die österreichische UN-Mission war jedenfalls nicht über den Haider-Tripp informiert worden, stellte die Vertretung fest.

# 27. Oktober: Psychogramm eines Snipers

Bullett
Bauernebel vor dem ersten Einschussloch des Sniper

Gesucht wurden ein weißer Lieferwagen, ein weißer Serienmörder, ein Einzelgänger sicher, aber genial, mit einer Strategie. In tausenden Stunden an Experten-Analysen in den TV-Nachrichtenkanälen von Profilern, Ex-Polizeichefs, pensionierten FBI-Beamten wurde das Psychogramm eines mörderischen Supermannes weitergeschmiedet: Er müsse sich gut auskennen in der Gegend, wechsle wohl oft die Fahrzeuge, reagiere penibel auf alle Aussagen im Fernsehen, sei so eine Art “interaktiver Killer”. Wie sonst hätte der Washington-Sniper 21 Tage lang der Polizei entkommen können – nach 13 Schussattentaten, zehn Toten, drei Schwerverletzen, Großfahdungen tausender Polizisten, einer “Taskforce” mit über 1.000 ermittelnden “Feds”, Bundesbeamten des FBI, des “Bureau for Alcohol, Tobacco and Firearms” (ATF), sogar einem Aufklärungsflugzeug des Pentagon und höchstem Interesse bis hinauf zu den täglichen Security-Briefings von US-Präsidenten George W. Bush.
Die Wahrheit scheint nun nach der Festnahme schmerzhaft peinlich für die Staatgewalt der Supermacht USA:
# Die Killer sind zwei Schwarze – der 41-jährige John Allen Muhammad, ein zum Gammler abgestiegener Golfkriegs-Veteran, der gemeinsam John Lee Malvo, einem 17-jährigen Kid aus Jamaica, das er als Stiefvater “adoptierte”, die Mordserie exekutierte;
# Das Flucht- und Tat-Auto war nicht ein weißer Kasten- oder Kleinlieferwagen, von den die Polizei liebevoll zwei Fahndungsbilder zusammenstellte, sondern ein völlig desolater, dunkelblauer “Chevrolet Caprice”, Baujahr 1990, gekauft um 250 Dollar – der prompt von der Polizei im Oktober zehn Mal (!) gestoppt oder registriert worden war. “Na ja, alle haben nach weißen Leuten in einem weißen Kleinlaster gesucht”, sagte eine Polizistin, die die Killer in Baltimore am 8. Oktober wegen Pennen im Wagen abmahnte.
# Und die schlimmsten Serienkiller in einer Generation agierten derart tölperhalft, dass die nach fünf Anrufen bei der Polizie-Hotline immer noch als Scherzbolde ignoriert wurden, schließlich bei Priestern Hilfe suchten – und am vorletzten Tatort einen von Malvo geschriebenen, dreisten Brief voller Rechtschreibfehler, aussichtsloser Lösegeldforderungen von 10 Millionen Dollar, sowie jamaikanischem Pupertätsjargon von Bands und “Charokee”-Fabeln.
“Wenn dieses Paar Washington und die USA vor Angst paralysieren kann”, schreibt “Newsweek” fassungslos, “was können dann echte Profis anrichten?” Nach Tagen des kollektiven Aufatmen im Großraum Washington, wo zehn Millionen Menschen nun wieder ohne Todesangst ihre Kinder zur Schule schicken, in Supermärkten ohne Zickzackschritt beim Gang über den Parkplatz einkaufen, ihre Autos ohne hinter den Wagen geduckt auftanken, liegt der Krimi des mörderischsten Killer-Paares der jüngtern US-Geschichte in allen schaurigen und oft für die Behörden blamablen Details vor.
Muhammad – aufgewachsen in einem desolaten Suburb in Baton Rouge, Louisiana und einem ebenso chaotischen Leben mit drei Frauen, fünf Kindern, mehrmaligen Armeeservice inkusive dem Golfkrieg und mehrfach gescheiterten Geschäftsversuchen – hatte seine Familie zuletzt diesen Spätsommer aufgesucht. Im Schlepptau hatte er den Teenager Malvo. Sie waren verwahrlost, hungrig, und Muhammad redet wirres Zeug: Sie seien Teil der “Special Forces”, um “undercover” C-4-Sprengstoff aufzuspüren, erzählte er der verdutzten Cousine Charlene Anderson. Und zeigte ihr stolz eine “Bushmaster XM15”, der zivilen Version des Armee-Sturmgewehres, fragte, wo er Munition des Kalibers “.223” kaufen könne. Das Morden beginnt dann eigentlich bereits am 21. September vor einem Spirituosenladen in Montgomery, Alabama. Zwei Frauen werden bei einem Raubmord von hinten niedergeschossen (eine stirbt, die zweite überlebt schwerst verletzt), die Polizei findet einen Fingerabdruck von Malvo auf einem zurückgelassenen Waffenmagazin, ein die Killer zu Fuss verfolgender Polizeirekrut liefert ein Phantombild.
Die Sniper-Killer verweigern noch jede Kooperation mit der Polizei, damit ist ungewiss, warum sie schließlich die Washington-Vororte für ihr Gemetzel auswählten (ein Verdacht: Muhammads Ex-Frau Mildred, der er im Sorgerechtsstreit um deren drei Kinder mit “der Zerstörung ihres Lebens” drohte, lebt in Clinton, Maryland bei Washington). Am 3. Oktober, um 17:20 Uhr knallt eine Kugel in eine Auslagenscheibe des “Michael Craft´s Store”, verfehlt jedoch ihr Ziel. 40 Minuten später beginnt das Morden – bis zum späten Vormittag des Folgetages sind im “Montgomery County” fünf Menschen tot, stets von einer Kugel getroffen, beim Shoppen, Rasenmähen, Tanken. Im Chaos der hektischen Ermittlungen wird Polizei-Chief Charles Moose zum Medienstar, zahreiche Augenzeugen wollen einen weissen Lieferwagen beim Verlassen der Tatorte gesehen haben. Am Abend wird im angrenzende Washington D.C. ein 73jähriger an einer Straßenecke erschossen, ein Zeuge sieht jedoch diesmal das wirkliche Fluchtfahrzeug, den dunkelblauen “Chevy Caprice”. Bevor es Muhammad um 250 Dollar kaufte und in eine Mordmaschine umbaute wurde es vom FBI als Undercover-Fahrzeug eingesetzt. Doch die Washington-Polizei, national berühmt wegen ihrer Unfähigkeit, braucht vier Tage, um den Zeugenbericht weiterzugeben – zu einem Zeitpunkt, wo alle Einsatzkräfte der zusammengestellten “Sniper Task Force” nur mehr nach weißen Lieferwagen und, so auch die einhellige Meinung der Profiler, weißen Serienmörders suchen. Am 4. Oktober wird 80 Kilomter südlich von Washington auf einen Parkplatz eine 47-jährige Frau angeschossen (auch dort wird der Wagen gesehen), und – als Schock für die Nation – drei Tage später vor der “Benjamin Tasker Middle School” in Bowie, Maryland, ein 13-jähriger Schüler (eine Frau berichtet später, dass sie einen dunklen Mann mit “irrem Blick” aus einem dunkelblauen Chevy habe starren sehen). Muhammad und Malvo haben nun nicht nur erstmals auf ein Kind geschossen, sie beginnen auch einen bizarren Dialog, Teil eines möglichen Erpressungs-Komplottes. “Lieber Mr. Polizist – Ich bin Gott” war auf eine zurückgelassene Tarot-Todeskarte gekritzelt, samt dem Hinweis: “Geben sie das nicht der Presse”. Als die Information am Folgetage doch durchsickert, explodiert Moose: “Ich glaube nicht, dass die Bürger von Montgomery County wollen, dass CNN den Fall löst”, poltert er, hauptsächlich um den Vertrauensbruch auf andere abzuwälzen. Dabei hätte an diesem Tag bereits alles aus sein können: Polizisten finden die Killer, wie sie in ihrem bereits völlig vergammelten Auto in Baltimore schlafen. Die Polizisten checken die Nummerntafeln, in den Kofferraum, wo das Sturmgewehr und Liegematte sind, schauen sie nicht. Das Morden geht am Folgetag weiter, zwei Tage später stirbt Opfer Nummer Zehn, drei Tage darauf eine FBI-Agentin in einer “Home Depot”-Parkgarage (diesmal will ein Zeuge einen chremefarbenen Lieferwagen gesehen haben, doch später gibt er zu, “alles erfunden zu haben”). Das Killer-Paar versucht inzwischen den Dialog mit der Polizei aufzunehmen, ohne dass es den Behörden bewusst ist: Am 17. Oktober, es kreisen bereits RC-7-Militäraufklärungs-Flieger über dem Ballungsraum Washington, rufen sie bei der FBI-Hotline an: “Ich bin Gott”, stellte er sich vor, und als ihn die Beamtin als Scherzbold verwechselt, beginnt er zu prahlen – mit jenem Verbrechen, dass den Fall schließlich lösen soll. “Wissen sie nicht, mit wem sie es zu tun haben?”, fauchte Muhammad: “Checken Sie den Raub-Mord in Montgomery!” Doch niemand dachte an Montgomery, Alabama, alle an Montgomery County, wo es nur Heckenschützen-Attentate, aber keine Raubmord gab. Bei 1.000 täglichen Anrufen kam der Call in die Scherzbold-Lade. Frustriert über die Ignoranz der Behörden, wenden sich die Killer am Folgetag an den Priester William Sullivan in Ashland, Virginia: “Ich bin Gott”, hinterlässt er eine Nachricht und deutet diesmal klar auf Montgomery, Alabama. Doch auch der Priester glaubt an einen dummen Witz.
Am 19. Oktober beginnt das Finale des Thrillers mit dem Anschlag auf einen 37-jährigen Mann vor einem “Ponderosa”-Steakhouse und einem an einen Baum genagelten, dreiseitigen Brief der Killer. Übertitelt wieder mit “Nenn mich Gott” beschweren sich die Killer in schlechtem Englisch über die “Inkompetenz” der Polizei, die Anrufe nicht ernst nimmt und für “fünf Todesopfer” verantwortlich sei. Zehn Millionen Dollar sollten auf das Konto einer Bankkarte überwiesen werden, und die Polizei sich bis zum Folgetag 6 Uhr früh unter einer angegeben Telefonnummer melden. Um ihre Drohung zu verdeutlichen, hatten sie als “P.S.” angeführt: “Eure Kinder sind zu keiner Zeit an keinem Ort sicher!” Doch die Spurensicherung des Umschlages dauert so lange, dass der Brief erst nach Verstreichen der Deadline geöffnet wird. Chief Moose entschuldigt sich via Pressekonferenz: “Wir wollen mit Ihnen reden”, signalisiert er. Sie melden sich tatsächlich, am Montag dem 21. Oktober. Der Anruf wird rückverfolgt zu einem Münzautomaten an einer Tankstelle in Richmond, doch die eilig zusammengezogenen SWAT-Einsatzkräfte kommen um Minuten zu spät und verhaften in einem Inferno aufgeregter TV-Live-Berichterstattung stattdessen zwei unbeteiligte Lations. Endlich werden, nachdem sich bei einer Routine-Polizeibefragung auch Priester Sullivan an den mysteriösen Anruf erinnert, die Polizeiakten des Raubmordes in Alabama angefordert. Über einen von der Einwanderungsbehörde INS früher wegen illegalen Aufenthaltes im Bundesstaat Washington an der Westküste aufgenommenen Fingerabdruck wird Malvo identifiziert. Rechecherchen dort ergaben rasch, dass Malvo zuletzt mit Muhammad in einer Homeless-Herberge lebte. Am 22. Oktober stirbt das letzte Opfer, ein 35-jähriger Busfahrer – wieder nahe der Tatorte der ersten, blutigsten Phase der Mordserie. Doch während Moose seinen bizarren Pressekonferenzen-Dialog fortführt, machen weitere Zeugenaussagen von der Westküste plötzlich Sinn: Jemand in Tacoma berichtete über Schussübungen vor einem Haus, in dem Muhammad lebte. Mit News-Helikoptern über ihren Kopfen, sägten FBI-Beamte einen Baumstumpf, der als Ziel diente ab, flogen den Beweis mit einer Air-Force-C-17-Maschine ins Taskforce-Headquarter in Rockville. Nach einer Serie vertaner Chancen fallen die Puzzlesteine nun rasch zusammen, das größte Millionenpublikum seit dem 11. September verfolgt das Drama im Fernsehen: Zuerst kommt die Fahrzeugbezeichnung, dann die New-Jersey-Nummerntafel “NDA 21Z”, die Namen, erste Bilder. Lastwagenfahrer Ron Lantz sieht den Wagen auf einem Parkplatz nördöstlich von Washington schließlich, eine FBI-Sondereinheit stürmt den Wagen, schlägt die Fenster ein, überwältigt die Serienmörder im Schlaf. Doch die Pannenserie scheint sich auch nach dem Triumph bei der Anklage fortzusetzen: Beim Verhör war Malvo von FBI-Beamten allein in einem Raum zurückgelassen worden, prompt durchschlug er die dünnen Decke und wollte durch den Luftschacht flüchten. Und im Gerangel um, welche Staatsanwaltschaft die Killer anklagen kann, wurde der von Maryland-Detektiven verhörte und bereits gesprächsbereite Muhammad plötzlich von den “Feds” abgeholt, um ihn einen Bundes-U-Richter vorzuführen. Danach hatte er einen Anwalt – und verweigert seither alle Aussagen. “Auch ohne Al-Qaida-Connection wurde uns vorexeziert”, brachte es Senator John McCain auf den Punkt, “wie verwundbar wir nachwievor sind”.

# 19. Oktober: Terror-Panik um Al-Kaida


Kaum zuvor hat George Tenet, Chef des US-Geheimdienstes CIA (3,72 Milliarden Euro Jahresbudget), so sein Poker-Face abgelegt wie zuletzt bei einem Kongress-Hearing im Kapitol in Washington: Die Stimme bebend, den Zeigefinger auf den Tisch tippend, warnte er, dass neue Al-Qaida-Terror-Attacken auf die USA nun unmittelbar bevorstünden – trotz der nunmehr 13 Monate relativer Ruhe nach dem Jumbo-Horror des 11. September mit 3.018 Toten. “Die Bedrohungs-Umgebung, in der wir uns heute befinden”, begann er in sperrigen Geheimdienst-Jargon, “ist so beunruhigend wie im Sommer 2001”. Und dann drohend: “Es ist ernst, sie stellen uns nach, sie wollen ihre Attacken-Pläne exekutieren.” Doch Details über spezifische Ziele und Methoden der drohenden neuen Al-Qaida-Terror-Welle blieb die CIA, sowie auch die beiden anderen durch eine Pannenserie vor dem 11. September arg in Bedrängnis geratenen US-Mega-Dienste FBI (11.264 Agenten, 3,6 Milliarden Euro Budget) und die Abhör-Behörde NSA (4,6 Milliarden Euro Budget, 37.000 Mitarbeiter) schuldig.
So bleibt dem meist wenig Vertrauen ausstrahlenden Homeland-Security-Direktor Tom Ridge nichts anderes übrig, als allgemeine Überwachungs-Direktiven an die Lokalbehörden zu versenden. Der Bedrohungslevel auf der von ihm eingeführten Terror-Farben-Skala blieb auf “Gelb” (“signifikantes Risiko für Terror-Anschläge”), der dritthöchsten Stufe nach “Orange” (“hohes Risiko”) und “Rot” (“enorm hohes Risiko”) – doch die Skala ist nach hunderten Fehlalarmen und einer vorübergehénden Hinaufsetzung auf “Orange” mehr Gegenstand von Witzen der Fernseh-Talkmaster als sie der Beruhigung der Bevölkerung dient. In New York City, das nach der Zerstörung der World-Trade-Center-Twin-Towers neuerlich Ziel eines spektakulären Anschlages sein könnte, werden seit kurzen wieder alle Tunnel und Brücken nach Manhattan verstärkt kontrolliert. Das pausenlose Sirengeheule und Helikopter-Geknatter erreicht neuerlich Dimensionen wie bei der fast hysterischen Anspannung rund um den Jahrestag des 11. September. Für Aufregung sorgte zuletzt auch das Ausheben angeblicher Schläferzellen im Nest Lackawana im Bundesstaat New York, wo fünf US-Bürger jemenitischer Abstammung verhaftet wurden, da ihnen Aufenthalte in Al-Qaida-Trainingscamps in Afghanistan nachgeweisen wurden, sowie einer ähnlichen Zelle im Bundesstaat Oregon, wo sechs Schusstraining in einer Sandgrube abhielten.
CIA-Chef Tenet führte vor allem den Terror-Anschlag in Bali mit 183 Toten und das Schussattentat auf US-“Marine”-Soldaten (ein Toter) in Kuwait als Signale für die erfolgte “Neugruppierung Al-Qaidas” an. “Vielfache Anschläge, dazu versuchte und verhinderte Attentate, sowie häufigere Botschaften aus der Führungsriege lassen den Schluss zu”, so Tenet, “dass sich Al Qaida wieder in der Exekutionsphase befindet und uns treffen will – in Übersee und zu Hause”. Der jüngst aufgetauchte, angebliche Brief von Staatsfeind Osama bin Laden wird zwar als Fälschung bezeichnet. Doch für regelrechte Panik unter den Geheimdiensten sorgt ein Tonband von Al-Qaidas Nummer Zwei, dem Ägypter Ayman Al-Zawahiri. Die der Nachrichtenagentur APTN zugespielte Tape enthält nicht nur aktuelle Referenzen zu aktuellem Al-Qaida-Terror (etwa den Anschlag auf deutsche Touristen in Tunesien oder französische Ingenieure im pakistanischen Karatschi), es wurde von US-Diensten auch als identisch eingestuft. Al-Zawahiri geht darin auch auf den drohenden Irak-Krieg ein und warnt, dass “die USA für ihre Verbrechen bezahlen werden”.

24. September: Das tolle Leben des Dennis Kozlowski

Die Gäste wurden empfangen am Eingang der pompösen Villa an der Costa Smeralda im italienischen Sardinien von zwei Gladiatoren. Später erfreuten sie sich an einer riesigen Eis-Skulptur Davids, durch dessen Penis Vodka fliesst. Die Kellner tragen antike Togas, die Gäste sind meist von der US-Ostküste, das Jahr zuvor haben sie noch auf einer schlossähnlichen Palast im Urlaubsparadies Nantucket gefeiert. Die Party ist für Karen, Gemahlin des “Chief Executive Officer” (CEO) des Mischkonzerns Tyco, L. Dennis Kozlowski. Die Kosten: Zwei Millionen Dollar – für eine rauschende Nacht voller Kaviar, mit Musik synchronisierter Dia-Shows, meterhoher Geburtstagstorte und Feuerwerk. Details der Party, die am 14. Juni 2001, stattfand sind heute Teil der Gerichtsakten, im Verfahren gegen den vielleicht korruptesten Firmenchef der Menschheitsgeschichte.
Nur in Superlativen können das Betrugs-Ausmaß und die Extravaganz durch Kozlowski beschrieben werden: 170 Millionen Dollar soll der in den 90igern in fast allen Fachpublikationen gehuldigte Wirtschaftsheld, so Anklageschriften der New Yorker Staatsanwaltschaft und der Börsenaufsicht, von Tyco (270.000 Angestellte weltweit, 36 Milliarden Dollar Jahresumsatz) über ein, als steuerschonendes Aktienverkaufs-Modell für Top-Manager erdachtes System für Eigen-Luxus abgezweigt haben, 430 Millionen Dollar an nicht genehmigten Aktienverkäufen verdient haben. Gesamtwerte von 600 Millionen Dollar waren eingefroren worden, Kozlowski ist nur deshalb noch auf freiem Fuss, weil Ex-Frau Angie (nicht Karen, dessen 40. Geburtstag noch so pompös auf Sardinien gefeiert wurde) zehn Millionen Cash als Anzahlung der 100-Millionen-Dollar-Rekordkaution hinterlegte.
Kozlowski hatte, gemeinsam mit den Mitangeklagten, dem Ex-CFO Mark H. Swartz und Ex-Firmenanwalt Mark A. Belnick ein ausgefeiltes System zur Ausplünderung seiner eigenen Firma entwickelt, “den Gold-Standard für Vergehen durch ein Management-Team gesetzt”, so die “New York Times”: Sie testeten, wie weit sie ohne effektive Kontrolle durch den Aufsichtsrat gehen konnten.
Das so depürte “Board” präsentierte nun eine 234-Seiten-Report über Kozlowski & Co´s imperiales Lifestyle, dass sogar die an Reichtum und CEO-Kult gewohnten Amerikaner schockierte: Neben großzügogen Umsiedlungs-Kompensationspaketen zweigte Kozlowski das meiste Geld über das “Key Employee Corporate Loan Programm” (KELP) ab, über das sich Topmanager Firmenkredite für Steuerzahlungen bei Aktienverkäufen selbst geben können – doch 85 Prozent der zahllosen Millionenkredite wurden sinnwidrig für Luxus ausgegeben, kaum einer der zinsfreien Kredite jemals zurückgezahlt. 43 Millionen “spendete” der 55jährige, der im Juni nach einer ersten Anklage wegen Steuerhinterziehung von einer Million Dollar zurücktrat, an wohltätige Organisationen – unter seinem Namen, obwohl alles aus der Tyco-Firmenkasse kam. Kozlowski entwickelte ein Faible für Luxus-Immobien und deren so geschmacklose wie sündteure Einrichtung: Auf Firmenkosten, so der Report, kaufte er ein 7-Millionen-Dollar-Apartement an der Manhattaner Park Avenue (das er später seiner Ex-Frau überließ…), dann ließ er Tyco 264.000 Dollar Jahresmiete für eine Wohnung an der nicht weniger noblen Fifth Avenue zahlen, kaufte schließlich eine zweite Bleibe ebendort um 16,8 Millionen Dollar, gab 14 Millionen zusätzlich für die Inneneinrichtung aus – darunter der inzwischen in den US-Medien legendäre Regenschirmständer in Hundeform um 15.000, ein Duschvorhang um 6.000 und ein Näh-Set um 6.300 Dollar. Die unter der New Yorker Schickeria besonders beliebten Sommerparties hielt Kozlowski in seinem 5-Millionen-Dollar-Strand-Palast auf der Ferienparadies-Insel Nantucket vor der Massachussetts-Küste ab, gerne wohnte er auch beim Skiurlaub in seinem 743-Quadrat-Meter Chalet in Beaver Creek, das jetzt um 11,5 Millionen Dollar zum Verkauf angeboten wird. Kozlowski, der stylisch mit 17.100-Dollar-Toilette-Box und 1,650-Dollar-Schreibblock reiste, bestellte vor seinem eigenen Untergang in Bridgeport, Connecticut, die mit 46 Meter längste in den USA gebaute Aluminium-Jacht in Auftrag – dessen halbfertige Hülle jetzt als Ruine der CEO-Exzesse der 90iger beschrieben wird.
Der Schock über Kozlowskis Raffgier und Dekadenz vertieft die Kapitalismus-Vertrauenskrise, Enthüllungen über andere CEO-Kollegen dominieren in den USA längst die Wirtschafts-Berichterstattung. Nach Enron-Ex-Boss Ken Lay (dessen Energieluftschloss in einer 60-Milliraden-Dollar-Rekordpleite kolabierte) oder WorldComs Bernie Ebbers (dessen Telekomgigant die Bücher um über sechs Milliarden Dollar fälschte) geriet zuletzt auch noch Jack Welch, die Ikone des imperialen Firmenlenkers und Ex-CEO von General Electric (GE) ins Kreuzfeuer der Kritik: Ausgerechnet Scheidungspapier enthüllten ein irres Pensionspaket samt 15-Millionen-Manhattan-Penthouse, Boeing-737-Jumbo, einem Helikopter und Limousinen (neben neun Millionen Jahrespension). Fortan will Welch GE einen Scheck über 2,5 Millionen Dollar pro Jahr für seine “Perks”, so der US-Fachjargon, ausstellen – die Wut unter Kleinanlegern und Entlassenen wird damit aber kaum kleiner. Die Aufsichtsräte hatten in den Boom-90igern befürchtet, ihre CEOs zu verlieren, falls sie nicht die immer absurder werdenden Forderungen erfüllen, sagt ein Tyco-Aufsichtsratmitglied offen: “Damit ist jetzt wohl Schluss”.

# 29. Juli: Dow-Dog-Days in New York

Für einen Tag sah es so aus, als hätte die Regierung in Washington im letzten Moment die Supermacht USA und die Weltwirtschaft vor einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes bewahrt. Mit dem Aktienindex “Dow Jones” bereits weit unter den Tiefstwerten der Wochen nach dem Terror-Horror des 11. September eskalierend nach unten krachend, schlugen die “Feds” erstmals zu: John Rigas, der 78jährige Gründer der Kommunikations-Firma “Adelphia”, die er gemeinsam mit seinen Söhnen um zwei Milliarden Dollar ausgeplündert haben soll, wurde in Handschellen vor wartenden Reporterhorden in ein Bundesgebäude abgeführt. Minuten später verkündete Vizejustizminister Larry Thompson an der Seite von mehreren bulligen Anklägern der neuformierten, schnellen Eingreiftruppe “Corporate Fraud Task Force” – fast wie einst der unbestechliche Eliott Ness im Chicago der 30iger-Jahre – weitere Schläge gegen korrupte Firmenchefs. Und Präsident George Bush, der mit desinteressiertem Herumstottern einen “Dow”-Kursrutsch von 1.500 Punkten mitzuverantworten hatte und politisch am Abgrund stand, fand erstmals klare Worte: “Diese Regierung”, betonte er jedes Wort, “wird alle das Recht brechende Firmenchefs ausforschen, verhaften und anklagen”. Die Händler am “New York Stock Exchange” in der Wall Street waren erstmal seit Monaten beeindruckt: Der Dow kletterte um 489 Punkte, der zweitbeste Tag in seiner Geschichte.
Die mit dem 60-Milliarden-Dollar-Kollaps des Energiehändlers Enron im Dezember des Vorjahres begonnene Serie von Bilanz-, Korruptions- und Polit-Skandalen und schlimmste Kapitalismus-Krise seit den 30igern ist auch durch jüngste Börsen-Ralleys kaum abgewendet. Zu morsch scheinen plötzlich die Grundpfleiler des US-Wirtschaftssystems:
# “Chief Executive Officers” (CEOs) einstiger Firmengiganten, die mit teils kriminellen Methoden Umsätze in die Höhe schraubten, um sich an den Optionen überbewerteter Aktien selbst zu bereichern;
# Wirtschaftsprüfer, die, wie die einst hochangesehenen “Arthur Andersson”, selbst die plump um 3,9 Milliarden Dollar gefälschten Bücher des nun bankrotten Telekomgiganten “WorldCom” abstempelten;
# Wallstreet-Analysten, die Kleinanlegern zu Aktien-Käufen rieten, oft nur weil ihre Bank Provisionen einstreifte, und obwohl die Papiere im internen Email-Verkehr offen als “Ramsch” bezeichnet wurden, wie etwa der gefallene Merrill-Lynch-Star Henry Blodget;
# Und ein durch Rekord-Wahlkampfspenden von über 100 Millionen Dollar allein für den Bush-Wahlkampf korrumpiertes Polit-System, wo sich Big Business teils seine eigene Regeln schreiben durfte.
Andreas Kailich von der Investmentbank “Bear Stearns” glaubt in einer Umfrage unter österreichischem Finanzexperten in New York, an weitere spekatkuläre Enthüllungen bis Mitte August: “Ab dann werden Firmenchefs für die Richtigkeit der Bilanzen persönlich haftbar gemacht”, sagt Kailich. Am Montag meldete sich prompt der Telekomgigant “Quest” mit dem Eingeständniss, durch kreative Buchhaltung zwischen 1999 und 2000 die Umsätze um 1,1 Milliarden Dollar hochgetrickst zu haben. Im steten Skandal-Trommelfeuer und den durch fallende Aktienkurse schmelzenden Investment-Portfolios haben einige der 80 Millionen amerikanischen Kleinanleger das Handtuch geworfen. “Nach den Gewinnen der 90iger werden jetzt die Verluste für viele real”, sagt Kailich: Es gäbe bereits Panikverkäufe etwa unter älteren Arbeitnehmern knapp vor der Pension, “die noch retten wollen, was zu retten ist”. Allein in der Vorwoche flossen laut “AMG Data Services” 12,2 Milliarden Dollar aus Aktien-Fonds ab.
Dazu hätten in den Boom-Jahren viele Kleininvestoren, gelockt durch den Goldrausch der “New Economy” und Investmentgewinne von Nachbarn und Arbeitskollegen, ihr Geld ohne jeglichem Verständnis der Grundregeln investiert, so Günter Mathis, New-York-Büroleiter der “Quadriga Investment Group”, die 250 Millionen Dollar verwaltet: “Hier ist fast eine ganze Generation von Anlegern herangewachsen, die Investieren für weitgehend risikofrei hielt”. Jetzt könnte es noch im vieles weiter hinunter gehen, 20 Prozent, oder gar auf Börsenstände der 80iger, warnt Mathis: “Die Amerikaner sind sehr emotionell – sie könnten jetzt auch nach unten hin übertreiben”. Doch nicht nur Kleinanleger sondern auch internationale Investoren kehren Wall Street den Rücken: “Durch fallenden Dollar und schwächelnde Aktien verlieren die gleich doppelt”, sagt Kailich, der Großkunden aus Deutschland und Österreich beruhigen muss.
Doch wachsen sich die Turbulenzen an der Wall Street zu einer veritablen Weltwirtschaftskrise aus, gar ähnlich der Depression in den 30igern nach dem ebenfalls Kapitalismus-Exzessen folgenden “Schwarzen Freitag” 1929? Im schlimmsten Bärenmarkt seit Generationen sind seit dem All-Time-High am 24. März 2000 7.000 Milliarden Dollar (immerhin zwei Drittel aller jährlich produzierten Güter und Dienstleistungen der ökonomischen Hyperpower USA) aus den Anleger-Portfolios verschwunden – inklusive Investments zur Altersvorsorge oder zur im Schnitt 100.000 Dollar hohen Uni-Kosten für die Kids. Der “negative Wohlstandseffekt” droht die Konsumentenausgaben zu drosseln, dem neben dem noch intakten Immobilienmarkt zweiten, und zu zwei Drittel für das US-Wirtschaftswachstum verantwortlichen Pfeiler der US-Wirtschaft. “Dann könnte die USA in eine zweistellige Rezession stürzen – und die ganze Weltwirtschafts mitreißen”, warnt Kailich.
Bei einem Lokalaugeschein in der durch bereits durch das Twin-Tower-Inferno vor knapp einem Jahr schwer getroffenen Acht-Millionen-Einwohner-Metropole New York sind erste Anzeichen des drohenden Niedergangs unübersehbar. “Ein halbes Jahr lang habe ich keinen einzigen Deal unterzeichnet”, klagt Stephen Tarter, mit 20 Jahren Erfahrung ein Immbilien-Veteran im Nobeldistrikt SoHo, während er die Renovierungsarbeiten in einem Geschäftslokal in der Crosby Street überwacht und auf das “For Rent”-Schild deutet. Und jetzt, wo der Markt nach der Tristesse des 11. September wieder etwas in Schwung gekommen sei, werden viele seiner hauptsächlich europäischen Klienten für Luxus-Läden wegen der Finanzkrise nervös. “Um 25 Prozent sind die Preise schon gefallen”, sagt Tarter, der freilich einen spektakulären Boom des einst verfallenden Künstlerviertels durchlebte. Mitte der Achtziger hatte er einen Shop um ein Zehntel der heutigen Preise vermietet, “und die Provision waren ein paar Schuhe”, lacht Tarter.
Im Büro des Investment-Giganten “Fidelity” nahe der Wall Street starrt der New-York-City-Beamte Erwin Goodman in einen TV-Monitor, wo CNBC die Marktturbulenzen live überträgt. “Das letzte Monat war schmerzhaft”, schüttelt er den Kopf: “Dabei lese ich jeden Tag stundenlang die Wirtschaftszeitungen und investiere sehr vorsichtig.” Der 62-jährige hat noch 300.000 Dollar Ersparnisse, mit seiner Pension sollte es sich ausgehen. “Der Aktienmarkt ist wie eine Kalte Dusche”, sagt er: “Geh schnell hinein, und schnell hinaus”. Viele seiner Arbeitskollegen hätten jedoch teils auch aus Gier nun fast ihre ganze Pensionskasse verloren. “Bessere Verkäufer als Broker” laufen an der Wall Street herum, ist er überzeugt.
Rekordumsätze erfreut sich währenddessen der Shopping-Paradies “Century 21”, das größte Diskont-Store New Yorks gleich gegenüber der Ex-WTC-Baugrube “Grund Zero”. “Heute schaue ich genau, was ich wofür ausgebe”, sagt Christie Shin vor dem Kaufhaus. Ihre Investments seien um ein Drittel geschmolzen. Und als die 30ig-Jährige vor zwei Jahren ihren Web-Designer-Job verlor und erst mit viel Glück nach einem halben Jahr einen neuen fand, weiß sie auch über die Instabilität des Job-Markts bescheid. “Warum die Leute noch so shoppen wie früher ist mir unbegreiflich”, sagt sie. Tatsächlich zeigt die Verbrauchernachfrage keinen Knick. Ein wenig härter kalkulieren muss auch Topkoch Kurt Gutenbrunner, der mit dem Restaurant “Wallsé” und Café “Sabarsky” zur Gourmet-Siptze New Yorks zählt: Garade als sich das Geschäft nach dem 11. September wieder stabilisiert hat, durchtaucht er nun einen langen, heissen und flauen Sommer. Eingebrochen sei vor allem das Geschäft mit den Touristen, meint Gutenbrunner: “Viele haben sich übernommen und mussten bereits zusperren”.
Seine Stunde gekommen sieht in diesem tristen US-Börsensommer lediglich der Vorsitzende der New Yorker kommunistischen Partei Bill Davis. Mit roten Hosenträgern, darauf ein Sticker “Capitalism Sucks!” sitzt er vor einerm lebensgroßen Lenin-Poster in der schmuddeligen Parteizentrale in Chelsea und freut sich über regen Zulauf. “Vor allem Junge wollen der Partei betreten und sind völlig desillusioniert”, erzählt er und freut sich auch auf die nun häufigen Besuche von Medien-Teams. Jahrhundertelang hätte die herrschende Klasse den amerikanischen Arbeiter ausgebeutet, nun kollabiere das System. Doch nicht alle US-KP-Funtionäre werden der historischen Stunde gerecht – fast alle seien auf Urlaub, gesteht Davis ein.

# 15. Juli: Bush investigated

Der Präsident verstand die Welt nicht mehr. “Warum fokisieren alle so vehement auf diese Business-Skandale”, wollte George W. Bush am Rande eines Auftrittes in Minneapolis wissen. Hatte er doch fest geglaubt, dass die bitteren Stunden des 11. September die Sicht der Amerikaner auf ihre eigenes Leben nachhaltig geändert haben. “Die Menschen fragen doch jetzt”, eröffnete Bush seinen verdutzten Beratern: “Dieser ganze Corporate Stuff, ist das wichtig? Oder ist es der feste Glauben, deinen Nachbarn so zu lieben wie du gerne selbst geliebt werden möchtest…” Ein sprichwörtlich frommer Wunsch angesichts von 80 Millionen US-Bürgern, die Teile von Vermögen oder Pensionsvorsorge in Aktien investiert haben und seit Tagen die Börsen-Indizes durch immer neuere Tiefstwerte krachen sehen. Geduldig haben sie zugesehen, wie zunächst lediglich die Gewinne während der boomenden 90iger zunichte gemacht wurden. “Doch jetzt werden die Verluste plötzlich real”, schreibt die “New York Times” in einem mit “Orkan-Warnung” getitelten Editorial: “Die Baby-Boomer haben erstmals Angst vor ihrer Zukunft”.
Die sollte auch der Bush haben. Die Welle an Firmen-Korruptions-Skandalen, die im Dezember mit dem Kollaps des Energiehändlers Enron begann und nun fast mit täglichen Enthüllungen immer neuer US-Großfirmen eskaliert, ist längst zum schwersten Polit-Erdbeben in der Ära Bush II geworden: Durch die Vertrauenskrise der Investoren an der “Wall Street” stürzen die Aktien, die sich durch ihre Verluste ärmer fühlenden Bürger könnten weniger ausgeben und den erhofften Wirtschaftsaufschwung in eine Rezession verwandeln. Und Bush Junior, das weiss er durch das Schicksal von “Daddy”, der trotz Golfkriegs-Triumph wegen stotternder Wirtschaft gegen Underdog Clinton 1992 verlor, kann sich einen weiteren Verfall der US-Wirtschaft politisch nicht leisten. Auf 68 Prozent fiel zuletzt die Zufriedenheitsrate mit Bush, mehr als 20 Prozent weniger als die Rekordwerte noch vor wenigen Monaten.
Doch anstatt der mit der vom erfolgreichen Antiterror-Krieg gewohnten Authorität und ernstzunehmender Reformversprechen die Märkte zu beruhigen, herrscht im “White House” plötzlich Amateur-Stunde: Vergangenen Montag wollte Bush bei einer überraschend einberufenen Pressekonferenz die Stories über Unregelmässigkeiten in seiner eigenen Karriere als Firmenlenker stoppen, verblüffte stattdessen mit Aussagen wie “Ich verstehe bis heute nicht, was da schiefgelaufen ist” oder “Wenn es um Bilanzfragen geht, sind die Dinge in der Wirtschaft oft nicht eindeutig schwarz oder weiss”. Am Folgetag sollte in einer, von seinem Pressestab als “historisch” angekündigten Rede an der New Yorker Wall Street mit dem Einmahnen von “Charakterstärke” und “Ethik”, sowie der Drohung, Korruption “aufzudecken” und “auszurotten” das Vertrauen in den US-Kapitalismus wiederhergestellt werden. Doch nachdem Bush seit Monaten Reformen schuldig ist, hatten die Händler am “New York Stock Exchange” wenig über für die schöne Worte seines Redenschreibers: Der “Dow”-Aktienindex verlor 170 Punkte an diesem Tag, 695 Punkte, 7,4 Prozent, waren es die ganze Woche. Als das Börsengemetzel zu Wochenbeginn fortgesetzt wurde, tauchte Bush plötzlich mit einer weiteren auf Kabel-Kanälen übertragenen Beruhigungs-Rede aus Birmingham, Alabama, auf, daneben eingeblendet der rote “Dow”-Abwärtspfeil mit minus 300 Punkten. “Kein Präsident sollte am späteren Vormittag an einem angekündigten schwarzen Börsentag eine politische Rede halten”, schüttelte CNN-Finanz-Kommentator Lou Dobbs den Kopf.
Vor allem erscheint Bush nach ganzseitigen Dossiers in der “Washington Post” über fragwürdige Geschäftspraktiken in seiner eigenen 18-jährigen, nicht sonderlich erfolgreichen Business-Karriere als Scheinheiliger – mit gleich mehrere potentielle Fehltritten:
# Am schwersten ist der Verdacht des “Insider Trading”: Demnach hatte Bush am 22. Juni 1990 212.140 Aktien der Firma “Harken Energy Corp.”, in deren Aufsichtsrat er saß, zu $4 abgestossen – und mit dem Erlös von 848.560 Dollar einen Kredit zum Ankauf eines Anteils des Baseball-Teams der “Texas Rangers” zurückzahlen können. Zwei Monate später sollte “Harken” bekanntgeben, dass für das Quartal ein Verlust 23 Millionen Dollar anlief, viermal so viel wie erwartet, die Aktien stürzten auf unter zwei Dollar. Bush überdies informierte die Börsenaufsichtsbehörde SEC erst 34 Wochen später über seinen Aktienverkauf: In Wahlkampagnen zuvor hatte er behauptet, die SEC hätte das Formular verschlampt, jetzt hieß es, ein Harken-Anwalt habe es nicht weggeschickt, und Bush slebst, wie er in der Pressekonfernz enthüllte, habe “überhaupt keine Ahnung”, wie sich das alles zugetragen habe. Doch entscheidend für Insider-Trading-Anklagen ist, was Bush an nicht-öffentlichen Infos über Harkens Troubles vor dem Aktien-Abstossen wusste: Als Mitglied des überprüfenden “Audit-Kommitees” erhielt er 16 Tage vorher einen “Weekly Flash Report”, der für das Quartal ernste Verluste ankündigte. Auf neun Millionen Dollar habe Bush nach Studium des Dokuments geschätzt, immerhin vier mal so viel wie im Quartal zuvor (der letzten erhältlichen Quote für aussenstehende Harken-Investoren), doch weniger als der tatsächliche Verlust von 23 Millionen. Die SEC stellte schließlich ihre Voruntersuchungen ein, ohne Bush jedoch explizit freizusprechen und mit der Drohung, bei neuer Faktenlage die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Kaum jemand in Texas wundert, dass der zuständige SEC-Anwalt James R. Doty Bush auch bei seinem Kauf der Texas Rangers unterstützte. Der jetzige SEC-Chairman Harvey Pitt, zuletzt wegen enger Verbindungen zur Accounting-Industrie heftigen Rücktrittsforderungen ausgesetzt, verweigert die Freigabe der SEC-Bush-Akten. Der Präsident stellte sich prompt hinter Pitt.
# Dass der Aufsichtsrat seine Rolle als Firmen-Kontrolleur verstärkt wahrnehmen muss, plädierte Bush zuletzt. Er selbst saß jedoch 1989 im “Board”, als Harken seine Bilanzen auffrisierte: Beim Verkauf der Tankstellenkette “Aloha Petroleum Ltd” wurde anstatt der eingezahlten Rate von einer Millioen Dollar sofort der Gesamtpreis von 7,9 Millionen verbucht – und durch diesen nun “Enron-Trick” genannten Engriff der Jahresverlust auf 3,3 Millionen Dollar gedrückt. 1991 musste Harken nach neuerlicher SEC-Investigation seine Bilanzen nachjustieren. Was wusste Bush? “Aufsichtsratsmitglieder hatten dem Firmenmangement die Flexibilität zur Detailverhandlung gegeben”, sagte Bush-Sprecher Dan Bartlett. Kaum die aktive Kontrolle, die der Präsident jetzt von anderen Aufsichtsräten einfordert.
# Zuletzt wollte Bush auch noch jene Firmenkredite an Mitarbeiter zu Traumkonditionen verbieten lassen, von denen er selbst einst profitierte: 500.000 Dollar hatte Harken dem zuvor oft erfolglosen Öl-Bohrer Bush (ironische Eigendefinition: “Nur Name, keine Kohle”) zum Kauf von Firmenaktien zu niedrigerem Zinssatz und dürftiger Besicherung geborgt. Diese sogenannten “Sweet-Heart”-Kredite gerieten zuletzt beim Skandal um den gestürzten Telekomriesen “WorldCom“ ins Rampenlicht, als Ex-CEO Bernie Ebbers einen Privatkredit von 400 Millionen Dollar (!) erhalten hatte.
Doch während die möglichen “Leichen im Keller” des US-Präsidenten wahrscheinlich bloss gute Wahlkampf-Munition für die wieder Tritt fassenden oppositionellen Demokraten bei den Halbzeitswahlen im November ohne rechtliche Konsequenzen sind, ist sein Stellvertreter Dick Cheney in weit schlimmere Turbulenzen geraten: Die texanische Öldienstleistungsfirma Haliburton soll teils unter CEO Cheney die Umsätze gleich um 445 Millionen nach oben angesiedelt haben, da sie strittige Forderungen bereits als gebuchte Einnahmen in die Bücher aufnahmen. Die SEC leitet prompt Ermittlungen gegen Haliburton ein, die Aktivistengruppe “Judical Watch” nahm Cheney selbst mit einer Schadenersatzklage in Millionenhöhe ins Visier. Aufgeregt wird in der Kapitale Washington vermerkt, wie wenig der ultra-konservative Fädenzieher des Bush-Team in der Öffentlichkeit auftauchte. Dennoch soll er Schuld am Fiasko der Bush-Rede sein: Er habe den Präsdienten dazu gedrängt mit dem Einsatz seiner Popularität die Märkte zu beruhigen – um den US-Kongress von zu strenger Gesetzgebung gegen Firmenlenker abzuhalten.

# 2. Juli: Inside Al-Kaida

Irgendwie scheint Schwung in die Ermittlungen gegen Al-Qaida, das tödlichste Terror-Netz aller Zeiten, gekommn zu sein – oder die Fahndung ist für die Weltöffentlichkeit transparenter geworden: Verblüfft stellten zuletzt die deutschen Fahnder fest, das der von ihnen gesuchte Deutsch-Syrer Mohammed Haydat Zammar seit Monaten im Knast in Damaskus sitzt. Der mit 140 Kilo schwergewichtige Islam-Fanatiker mit dem Spitznamen “Bruder Haydar” hat inzwischen umfassend auf die von seinen sicher wenig zimperlichen syrischen Verhörexperten vorgelegten Fragebögen der US-Fahnder geantwortet: Demnach habe er die Rädelsführer des Elften-September-Terrorangriffs auf “World Trade Center” (WTC) und Pentagon (3,048 Tote), die sogenannte “Hamburger Zelle” um Mohammed Atta angeworben, sie auch zu Trainingskursen in den Terror-Camps Afghanistans überredet. Die Amerikaner hoffen, dass Zammar unter etwaiger Folter auch Details laufender Operationen preisgibt.
Selbst an einem streng geheim gehaltenen Ort verhört die USA einen noch höherrangigen Al-Qaida-Offizier, den nach einer wilden Schiesserei Ende März in pakitanischen Faisalabad verhafteten Chefstrategen Abu Zubaydah. Keinesfalls werde der gefoltert, sagen US-Fahnder, aber man habe doch eine Reihe von Methoden, die ihm zum Auspacken “ermutigen” könnten: Typische militärische Verhörpraktiken sehen Schlafentzug, künstliche Temperaturschwankungen in der Zelle, und “modulierte Kalorienaufnahme” vor – Miltärjargon für das Zurückhalten der Essensrationen und späteres Auftischen als Belohnung. Zuerst verwirrte Zubaydah mit dem Verkünden aller jemals von Al-Qaida erdachten Terror-Angriffe die Fahnder und versetzte die USA in Dauer-Alarmzustand: Im Visier seien die Brooklyn-Bridge, die Freiheitsstatue, Apartments, Atmomeiler, Häfen, U-Bahnen. Doch jetzt scheinen die an ihn gewöhnten Verhör-Offiziere wichtige Informationen zu erhalten: Zuletzt wurde in Chicago Zubaydahs Fluchtgefährte aus Afghanistan, der zum Islamfanatiker konvertierte Kleinkriminelle José Padilla mit dem “Künstlernamen” Abdullah al-Muhajir, verhaftet, der einen Anschlag mit einer mit radioaktivem Material vollgepaqckten “schmutzigen Bombe” auf Washington geplant haben soll.
Und zuletzt erteilte Zubaydah etwaigen Hoffnungen auf einen Zufallstreffer während des US-Bombardements vergangenen Dezember in der Bergregion Toro Bora einen Dämpfer, wo Superterrorist und Al-Qaida-Führer Osama bin Laden in die Enge getrieben war: Französische Ermittler erzählten dem US-Magazin “Time”, dass Zubaydah einen handschriftlichen Brief gezeichnet von bin Laden von Ende Dezember bei sich hatte, wo er zum Fortführen des Dschihad aufgefordert wurde – falls ihm, Bin Laden, oder seinem Vize, dem Ägypter Ayman al-Zawahiri (“Al-Qaidas Dick Cheney”, so Time), etwas zustoßen sollte. Trotz aller Gerüchte, Bin Laden könnte danach seinem chronischen Nierenleiden erlegen sein, und gegenteiliger Beteuerungen ist für US-Präsidenten George W. Bush ohne der Gefangennahme oder Tötung des Staatsfeindes die erste Phase des Antiterror-Krieges nicht gewonnen (laut jüngsten Umfragen glauben nur mehr 31 Prozent der US-Bürger, die USA befinde sich auf Siegeskurs gegen Al-Qaida): Spätestens bis zum ersten Jahrestag des Terror-Horrors in zwei Monaten soll das US-Militär oder die Geheimdienste Klarheit schaffen, befahl Bush eine neue Offensive.
Doch wie geschwächt ist Al-Qaida mehr als neun Monate nach der Kriegserklärung, dem Verlust von Afghanistan samt Trainingscamps und Terrorplanungs-Infrastruktur und der Verhaftung von 1.600 Verdächtigen in 95 Staaten? Und wie gerechtfertigt sind die Ängste, bin Ladens Terror-Netz könnte den Jumbo-Horror des 11. September mit nuklearen, biologischen oder chemischen Massenvernichtunsgwaffen sogar noch übertreffen? “Al-Qaida hat seine Netzwerke weiter dezentralisiert”, warnt Rohan Gunarantna, britischer Terror-Experte und Autor der nach 200 Interviews mit Terroristen und fünfjähriger Recherchearbeit nun als Buch “Inside Al-Qaida: Global Network of Terror” (“Columbia University Press”, 271 Seiten) erschienen, vielleicht intensivsten Studie über bin Ladens Terror-Netz: “Trainingscamps wurden eingerichtet in Algerien, Tschetschenien, dem Pankishi-Tal in Georgien, sowie im Norden Pakistans”. Al-Qaida sei zwar geschwächt, keine Frage, sagt der an der St-Andrews-Uni in Schottland vortragende Gunaratna, doch ihr Wille zur Vernichtung ihrer Feinde ist ungebrochen. Dazu gäbe es in Europa und einer entlegenden Region Südamerikas noch funktionierende “Schläfer-Zellen”. Und, so Gunarantna: “Zu jeder Zeit konzeptionalisiert, plant und vorbereitet Al-Qaida an gut 100 verschiedenen Terror-Plänen”.
Gegründet 1988 von Abdullah Azzam, den Bin Laden 1991 liquidieren liess, ist Al-Qaida al-Sulbah (“Solide Basis”) konzepiert als rasch adaptierende Schattenorganisation kooperierend mit dutzenden Terror-Gruppen. Der Name Al-Qaida taucht, selbst im internen Schriftverkehr, niemals auf. Wie in einem Agenten-Film wurden alle Botschaften nach dem Studium verbrannt, Telefonate sollten mit schrulligem Vokabular unverdächtig erscheinen, meist wurde auf menschliche Kuriere vertraut – besonders nachdem die NSA Bin Ladens Satellitentelfon mit der Nummer 00-873-682505331 abhört (unter den Agenten wurden Tapes mit Konversationen mit seiner Mutter ausgetauscht). Ohne sich jemals zu Anschlägen zu bekennen dauerte es bis zu den blutigen Simultan-Bombardierungen der US-Botschaften in Dar es Salaam und Nairobi (257 Tote), bis Al-Qaidas Terrorspur für eine breitere Weltöffentlichkeit sichtbar zu werden schien – und bin Laden von Geheimdiensten und Politikern ernst genommen wurde. Und das obowhl nach der Entdeckung der 7.000 Seitigen (!) “Enzyklopädie des Afganischen Dschihad”, dem umfassensten Terror-Manual aller Zeiten, alle Alarmglocken schrillen hätten können. Da hatte der einer steinreichen Saudifamilie entstammende Islam-Fanatiker in Afghanistan bereits ein Terrorreich geschaffen, mit vier “Divisionen”: Eine pyramidenartig durchstrukturierte Denkschmiede für Strategie und Taktik, ein globales Terror-Netz organisiert in “reginoalen Familien”, eine Guerrilla-Truppe namens “055 Brigade” zum Schutz Bin Ladens und eine an der Seite der Taliban in Afghanistan kämpfende 1.500 Mann starke Elite-Einheit sowie eine loose Koaltion mit internationalen Terror-Gruppen. Nach verschiedenen westlichen Geheimdienstquellen sollen zwischen 10.000 und 110.000 Rekruten in Terror-Camps ausgebildet worden sein, im Schnitt drei Prozent wurden durch strenge Ausscheidungskriterien und Prüfungen für tatsächliche Terror-Pläne ausgewählt, schreibt Gunaratna. Selbst wenn 1.000 Al-Qaida-Kämpfer während des Afghanistan-Krieges im Herbst getötet wurden und bisher 434 ins US-Internierungslager “Camp X-Ray” in Guantanamo Bay geschafft wurden, seien selbst nach konservativen Schätzungen Zehntausende Radikalislamisten oder potentielle Terroristen auf der Flucht, warnt der Autor. Dazu hat Al-Qaida vor allem im Europa und den USA ein Fünftel aller islamischer Hilfs-NGOs unterwandert, ein ausgeklüngeltes Agenten-Netz zur Waffen- und Geldbeschaffung, sowie Terrorplanung geschaffen, samt Infrastruktur wie “Safehouses”, darunter die berühmte Terror-WG in der Hamburger Marienstraße, wo Mohamed Atta mit Mitstreitern lebte. Als schwerstes Versäumnis der US-Geheimdienste sieht Gunaratna das Unverständnis der Geheimdienste über die “Verlust-und-Lern-Doktrie”: “Al-Qaida war bereit, Terroristen wie den Drahtzieher des ersten WTC-Anschlages Ramzi Ahmed Yousef zu opfern, um aus seinen Fehlern zu lernen”, sagt er: “Und es hätte allen klar sein müssen, dass man die Idee, die WTC-Türme zu Fall zu bringen niemals aufgeben würde”.
Erschwert wird der Krieg gegen Al-Qaida auch durch seine reiche Fluchterfahrung: Von Afghanistan nach Pakistan in den Sudan (1991), wieder nach Pakistan (1996), Afghanistan (1997) und jetzt wahrscheinlich erneut Pakistan verlegte Bin Laden sein Terror-Headquarter – dazu kommt Untergrund-Erfahrung von Al-Qaida-Terroristen in ihren Islamisten hart verfolgenden Regimen Ägyptens, Saudiarabiens oder Algeriens. “Die haben gelernt schnell zu denken und zu handeln, um zu überleben”, schreibt Gunaratna. Nachdem die Kommunikations-Infrastruktur beschädigt ist, wurden die jüngsten Anschläge von unabhängig arbeitenden Zellen exetutiert: Am 14. Juni detonierte vor dem US-Konsulat in Karatschi eine Autobombe und tötete 12 Pakistani, ein Monat zuvor riss eine Autobombe ebendort einen Bus auf, 14 Menschen starben darunter elf Franzosen. Ein LKW-Bombenanschlag auf eine Synagoge in Dscherba, Tunesien, kostete 19 Menschenleben, unter den Toten 14 deutsche Urlauber. Doch wirklich Angst macht den US-Ermittlern, wie wenig Spuren etwa die Elfter-September-Bomber selbst innerhalb Al-Qaidas hinterlassen hatten: Auf keinem der zehntausenden in Afghanistan gefundenen Dokumente gibt es Hinweise of Atta & Co. “Als würde es sie gar nicht geben”, so ein Ermittler frustriert. Das Horror-Szenario: Dass ähnliche geheim operierende Zellen den nächsten Großschlag planen. Dazu wird wieder von der US-Super-Abhöragentur NSA dieses ohrenbetäubende “Chatter” in den Kommunikationskanälen festgestellt – Geplapper in enormer Intensität aber ohne konkrete Anhaltspunkte, wie in den Monaten vor dem 11. September.
Doch durch die nach heftiger Kritik nun verstärkt kooperierenden US-Dienste FBI und CIA, eine besser koordinierte internationale Jagd nach Terroristen (samt enormen US-Druck auf sonst kaum kooperative Nationen wie Sudan, Jemen oder Syrien) und Infos von Zubaydah und anderen Gesprächigen in Guantanamo Bay gibt es auch unbestrittene Erfolge im Kampf gegen Al-Qaida: Zuletzt wurden in Saudi-Arabien der Sudanes Abu Husifa und zwölf mutmassliche Terroristen verhaftet, die nahe der “Prince Sultan Air Base” einen fehlgeschlagegen Angriff auf US-Kampfbomber mit Boden-Luft-Raketen des Typs SA-7 durchführen; in Marokko wurden drei Saudiarabier aufgegriffen, die Schlauchboote für einen Anschlag auf US-Kriegsschiffe ähnlich dem auf die “USS Cole” in Jemen im Oktober 2000 kaufen wollten. Auch Abu Subeir ging ins Netz der Fahnder: Hoch angesiedelt in der Al-Qaida-Hierarchie soll der Saudi-Araber Anschläge im Mittelmeerraum geplant haben. Immerhin, Al-Qiada hat ein ganzes Land als Terrorbasis und Trainingsstätte verloren: Anstatt von ihren Terror-Büros in Kandahar aus planen flüchtige Al-Qaida-Kämpfer in öffentlichen Internet Cafés. Auch wurde, so Experte Gunaratna, zunächst der Reichtum Bin Ladens und die Finanzstärke Al-Qaida überschätzt: “Nur” 25 bis 30 Millionen Euro hätte er geerbt, das frühere 50-Millionen-Jahresbudget der Terrororganisation wurde durch Spenden oder Kleinkriminalität aufgebracht – viele Anschläge schienen unterfinanziert: Die WTC-Bomber von 1993 forderten ihre 400-Dollar-Einsatz bei der LKW-Mietfirma zurück und wurden deshalb verhaftet, Ahmed Ressam, der 1999 verhaftete sogenannte Millenium-Bomber, der den L.A.-Flughafen bombardieren wollte, finanzierte seinen Anschlag mit Kreditkartenbetrug. Selbst beim 11. September, der mit 500.000 Euro Budget teuersten aller Anschläge, wurden selbst kleine Restbeträge von den Todesfliegern per Banktransfer rückerstattet. Einige Terror-Experten deuten auch als Schwäche, dass Al-Qaida zuletzt westliche Amateure einsetzte: Richard Reid, ein etwas tölpelhaft agierender, britischer Kleinkrineller, versuchte Ende Dezember American-Airlines-Flug 63 von Paris nach Miami mit einer Schusohlenbombe vom Himmel zu holen; “Schmutziger Bomber” Jose Padilla war vor seiner Islamisierung als Gangmember in Chacago aufgefallen.
Dazu ist die alte Führungsriege von Al-Qaida auf der Flucht oder ausgeschaltet: Bin Laden und al-Zawahiri sind, wenn am Leben, als Führungskräfte wenig tauglich, “Personalchef” Mohammed Atif wurde in einem Bombardement getötet, so wie auch der Logistiker Abu Jafar al-Jaziri. Insgesamt soll Al Qaida 16 ihrer 25 wichtigsten Führungskräfte verloren haben. Gunarantna glaubt, dass die geschwächte Al-Qaida die Kooperationen mit anderen Terror-Gruppen verstärken will. Zuletzt beschrieb die renomierte “Washington Post” sogar eine entstehende Allianz mit der libanesischen und vom Iran unterstüzten Hizbollah. Auch islamische Polit-Parteien wurden in Sachen Propaganda bereits um Hilfe gebeten. Trotz aller Warnungen gibt der Autor nach all seinen Recherchen auch Grund zur Hoffnung: Jede Terror-Organisation habe eine “Lebensspanne” – so auch die bisher tödlichste. Und wie die Nazi-Ideologie weitgehend mit Hitler starb, könnte auch Radikalislamismus der blutigen Al-Qaida-Sorte mit dem Tod Osama bin Ladens enden.