Stories 2003-Q2


# 23. Juni: Bill und Belinda?


Fast hätten die Blockbuster-Memoiren der Ex-First-Lady und New-York-Senatorin Hillary Clinton zu einer Verklärung über bewiesene und angebliche außereheliche Eskapaden ihres Gatten, Ex-Präsident Bill Clinton, geführt. Ausführlich berichtete sie nur über Schrei- und Weinkrämpfe in Sachen Monica Lewinsky (ein samt präsidialer DNA am Kleid der Praktikantin und Amtsenthebungsverfahren hochamtlicher Seitensprung); nichts lernten die exakt 438.701 Bürger, die Hillarys „Living History“ in der ersten Woche kauften, über Bills 12 Jahre mit der Nachklubsängerin Jennifer Flowers (inklusive der Abschieds-Sexnacht im Keller vor der Reise zur Angelobung nach Washington als 42. US-Präsident), nichts über die grotesken Szenen, wo der jüngere Arkansas-Gouverneur im Wahlkampf-Büro seine Freundinnen bei der Hintertür rausschob, wenn vorne Hillary hereinspazierte. Laut Hillary habe sie ihm vergeben, weil sie ihn liebe, definitiv „alt werden mit ihm“ wolle sie.
Die Medien wollen sich mit einer derartigen rührenden Geschichtsneuschreibung nicht abfinden: Mitten im Buchtrubel platzte wieder die „besondere Freundschaft“ des mit Vorträgen Millionen scheffelnden Polit-Pensionisten Bill Clinton (56) mit Belinda Stronach (36), Chief Exekutive Officer des Autoteil-Riesen „Magna International“ und Tochter von Magna-Gründer Frank. Viermal hätten sich Bill und Belinda nun bereits getroffen, berichtete der kanadische Nachrichtendienst „CanWest“ und ließ eine anonyme Belinda-Freundin bereits von deren Bewunderung für den ehemals mächtigsten Mannes der Erde berichten. Die Sehnsucht der US-Presse nach dem Stakkato an Sex- und Skandal-Stories der Clinton-Ära ist in Gegenwart düsterer Terrorwarnungen und erfolglosen Suchen nach Osama bin Laden, Saddam Hussein und irakischer Massenvernichtungswaffen unübersehbar: Nach Clintons Umzug vom Washingtoner White House in die 1,7-Millionen-Dollar-Villa im New Yorker Suburb Chappaqua wurden Treffen mit Hollywoodstar Demi Moore, Lisa Belzberg (Frau des „Seagram´s“-Schnapps-Imperiums-Erben Matthew Bronfman) bis zu Patricia Duff (Ex-Gattin des Kosmetik-Milliardär Ron Perlman) durchleuchtet.
Belinda hingegen wird von der Yellow Press bereits als hübschere Kopie der jungen Hillary gefeiert, Fotos der Senatorin – 37-jährig – aktuellen Schnappschüssen Stronach gegenübergestellt. Mrs. Stronach mit den österreichischen Wurzeln, die es im Vorjahr auf Nummer 2 der Fortune-Liste weiblicher Power-Manager schaffte (Magna International Inc. setzte 2002 mit 73.000 Mitarbeitern 12,9 Milliarden Dollar um), absolvierte zuletzt ihre 37-jährigen Geburtstagspartie solo – nach der Trennung ihres norwegischen, eisschnelllaufenden Gatten Johann Olav Koss (es war Ehe Nummer Zwei, sie hat zwei Kinder aus Nummer Eins) – mit einer Bar-Hoping-Tour durch Toronto mir „Perignon“-Chapamagner-gefüllten Flöten“, wie die „New York Post“ aufgeregt berichtete.
Die ersten beiden Bill-und-Belinda-Meetings unterstützten der übereinstimmenden Version der Clinton- und Stronach-Büros einer „geschäftlichen Beziehung“: Am privaten Magna-Golfplatz im Headquarter-Ort Aurora spielten sie vor zwei Jahren Golf und redeten über Stronachs Spenden für die Clinton-Präsidentenbibliothek in Little Rock, Arkansas, letzten Juli wurden diese Gespräche bei einer starbeladenen Geburtstagsparty von Kanada-Rocklegende Ronnie Hawkins in Toronto fortgeführt (einem Fotografen gelang damals der erste, und bisher einzige Schnappschuss des Paares. Doch was gab es bei einem Dinner am Rande einer demokratischen Gouverneurskonferenz in Baltimore, einem Fundraiser in Kalifornien und in der Loge des berühmten „Preakness“-Pferderennen zu besprechen?
Für Kandas Massenblatt „National Post“ gab es kein Halten mehr: Immer öfter telefonieren die beiden miteinander, treffen sich zu Golfrunden und Abendessen. „Ich habe noch keine Frau getroffen, die sich nicht von Clinton angezogen fühlt, doch das heißt nicht, dass sie ihn heiratet“, erzählte eine Stronach-Freundin „CanWest“. Eine romantische Beziehung sähe sie nicht, doch schwärme Mrs. Stronach, „dass Clinton sehr smart ist und über viele Dinge Bescheid weiß“. Insider hätten auch berichtet, Bill würde sich zurückhalten, während seine Frau ihr Buch vermarktet. Was die denn tun würde, wollte TV-Talk-Diva Barbara Walters, wissen, wenn er ihr frühmorgens an der Bettkante noch eine Affäre beichten würde? „Das wäre unsere Privatangelegenheit“, sagte Hillary trocken – doch ihr Gesichtsausdruck ließ wenig Zweifel an den finalen Konsquenzen für Bill.

# 9. Juni: Hillarys Bomben-Bio

HillaryBook
Ansturm auf das Hillary-Buch, Midtown

Die Stunde der Wahrheit hatte für die Ehe von Bill und Hillary Clinton am Morgen des 15. August 1998 geschlagen. Nach sieben Monaten von Clintons vehementen Abstreiten, jemals eine Sexaffäre mit der 21-jährigen Praktikantin Monica Lewinsky gehabt zu haben, wurde er etwas bleich und schmallippig an Hillarys Bettkante vorstellig. Die Lage sei doch um einiges ernster, als er bisher zugegeben habe, sagte er leise – sich wohl erinnernd, dass seine per Blutprobe Tage zuvor entnommene DNA mit dem Spermaresten auf Lewinskys Kleid übereinstimmte. Er faselte von „unangemessenen Intimitäten, die kurz und flüchtig gewesen wären“, erinnert sich Hillary an die bittersten Moment ihres Lebens. Bill fuhr fort, er werde vor den Starr-Ermittlern aussagen müssen, er habe sich zu sehr geschämt, um die Affäre früher zu gestehen, es tue ihm leid, da er wisse, wie sehr er sie verletze. „Ich konnte kaum atmen“, enthüllt Hillary jetzt: „Ich schnappte nach Luft, weinte“. Geschrieen habe sie: „Was soll das heißen?! Was redest du da? Warum hast du mich belogen?“ Ihre Wut stieg sekündlich. Bill Clinton stand nur da, wiederholte: „Es tut mir leid. Es tut mir so leid. Ich wollte dich und Chelsea schützen…“
Über fünf Jahre hatte die Weltöffentlichkeit auf die Enthüllungen der wichtigsten Kronzeugin des „Monicagate“-Jahrhundertsexskandals, der betrogenen und gedemütigten Ehefrau, warten müssen – nun veröffentlichte Hillary Rodham Clinton, 55, Ex-First-Lady und New-York-Senatorin, ihre Memoiren. „Living History“ („Gelebte Geschichte“, Econ, 400 Seiten) ist ein Buch der Superlative: Acht Millionen Dollar hat Hillary dafür erhalten, in den USA stürmten Zehntausende am ersten Verkaufstag die Buchläden, der US-Verlag „Simon and Schuster“ ließ eine Rekordstartauflage von einer Million drucken. In 36 Kapiteln und 576 Seiten in der englischen Fassung, rollt die vielleicht berühmteste Frau der Erde ihre Kindheit, Karriere, Polit-Partnerschaft mit Bill Clinton aus – und dokumentiert vor allem ihre acht turbulenten Jahre als First Lady im White House, einer wilden Hochschaubahnfahrt durch dutzende Skandale.
Der Schock über Clintons „Monica-Beichte“ sei, schreibt Hillary, so groß gewesen, weil sie Bills Erstversion monatelang glaubte. Und die lautete so: Am Morgen des 21. Jänner 1998 habe er sich frühmorgens an ihre Bettkante gesetzt und gesagt: „Da steht etwas in den Zeitungen, das du wissen solltest“. „Was redest du daher?“, wollte die First Lady wissen. Die News waren, stotterte Bill, dass er ein Affäre mit einer ehemaligen Praktikantin hatte und bei einer Zeugenaussage im Verfahren der Hausfrau Paula Jones, die ihn wegen sexueller Belästigung verklagt hatte, unter Eid gelogen haben soll. Und das Sonderermittler Kenneth Starr, der die Clintons in dutzenden Skandalen, etwa dem Grundstücksskandal Whitewater, seit Jahren verfolgte, in der Sache ermittle. „Bill erklärte mir“, schreibt sei, „er habe sich vor zwei Jahren mit einer Praktikantin namens Monica Lewinsky angefreundet, die als Freiwillige im Westflügel gearbeitet hat“. Ein paar mal habe man miteinander geredet, er habe ihr bei der Jobsuche geholfen, sie seine Aufmerksamkeit missverstanden. „Die Situation war mir derart vertraut, dass es mir nicht schwer fiel, die Anschuldigungen zu ignorieren“, hakte Hillary die Affäre vorerst ab. Auch, als die Protokolle spätnächtlicher Telefonanrufe zwischen dem Präsidenten und Miss Lewinsky bekannt wurden, die Liste ihrer zahllosen Besuche und erhaltenen Geschenke, immer noch, als die unglaubliche Story vom spermabefleckten Gap-Dress durchsickerte. Klar, Hillary hatte ihren Gatten, einen regelrechter Serienehebrecher, immer wieder ins Kreuzverhör genommen: War da was? Wie kam es zu den Tapes, die Lewinsky-Freundin Linda Tripp heimlich aufnahm? Doch sie glaubte ihm: „Ich versuchte, die Verwicklungen im Fall Lewinsky lediglich als einen weiteren fabrizierten Skandal zu sehen, den sich Bills Gegner aus den Fingern gesogen hatten. Schließlich wurde Bill mit derartigen Vorwürfen überhäuft, seit er sich zum ersten Mal um ein politisches Amt beworben hatte: Einmal hat er angeblich mit Drogen gehandelt, ein anderes Mal mit einer Prostituierten aus Little Rock ein Kind gezeugt. Letztendlich, so dachte ich, werde diese Praktikantinnen-Story eine Fußnote in der Geschichte der Klatschpresse werden“.
Clinton hatte nicht nur seine Frau in die Irre geführt: Bei seinem legendären TV-Auftritt wachelte er schulmeisterlich mit dem Zeigefinger und schwor, dass „es NIEMALS eine sexuelle Beziehung mit Miss Lewinsky“ gegeben hatte. Hillary bewältigte die Turbulenzen der ersten Tage des Lewinsky-Medien-Infernos mit der Verteidigung ihres Gatten. „Die Mitarbeiter im Westflügel liefen benommen umher, murmelten in ihre Mobiltelefone und flüsterten hinter verschlossenen Türen“, erinnert sich Hillary an den Start des Jahrhundertsexskandals: „Es war wichtig dem White-House-Stab zu versichern, dass wir die Krise meistern können, so wie wir es auch in der Vergangenheit getan haben. Jede meiner Bewegungen wurde beobachtet, denn die Mitarbeiter suchten nach Hinweisen, wie ernst die Lage einzuschätzen war. Ich hielt es in meinem eigenen und im Interesse meiner Umgebung für das Beste, meine Arbeit unbeirrt fortzusetzen“.
Doch viele rätselten, wie Hillary dem Druck standhalten konnte: Die Öffentlichkeit, formulierte sie, musste sich ja viele Fragen stellen: „Wie schafft sie es, jeden Tag in der Früh aufzustehen? Und vor allem vor die Öffentlichkeit zu treten? Und selbst wenn sie die Anschuldigungen nicht glaubte, musste es doch vernichtend sein, sie bloß zu hören. Nun, so war es. Eleanor Roosevelts Beobachtung war, dass jede Frau um politischen Leben eine Haut wie ein Rhinozeros entwicklen sollte. Ich dachte auch, dass mich Panzerung, den ich über die Jahre entwickelte, tatsächlich zu einer knallharten Karikatur werden lässt, für die mich meine Kritiker hielten“. Legendär wurde dann ihr Auftritt in der Today-Show am 26. Jänner, sechs Tage nach Losbrechen des Skandals. Mit richtiger Wut im Bauch verteidigte sie den Präsidenten, als Interviewer Matt Lauer anmerkte, der Showdown zwischen Starr und den Clintons sei wie ein Krieg, stimmte Hillary zu: „Ich glaube tatsächlich, dass es eine Schlacht ist, sehen sie nur die Personen, die daran beteiligt sind: Es ist eine umfassende Verschwörung der extremen Rechten, die seit dem Tag gegen meinen Ehemann kämpft, an dem er seine Kandidatur für das Amt des Präsidenten bekannt gegeben hat“. Ein Startsignal zum Kampf gegen Starr und Amerikas Rechte: Obwohl Hillary die wahre Natur der Lewinsky-Affäre nicht kannte, bereut sie ihre Aussagen heute nicht: „Ich wusste von den Verbindungen des Sonderermittlers Starrs zu den politischen Gegnern meines Mannes. Ich bin fest davon überzeugt, das es ein Netz von Gruppen und Personen gab (und weiterhin gibt), die vieles von dem was wir erreicht haben – von den Bürgerrechten und der Gleichberechtigung der Frau bis zum Verbraucherschutz und Umweltgesetzen – rückgängig machen wollen und zu diesem Zweck alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen: Macht, Geld, Einfluss, Medien und politische Machenschaften. In den letzten Jahren haben sie die Kunst der persönlichen Zerstörung perfektioniert – angetrieben von Extremisten, die Ideen progressiver Politiker seit Jahrzehnten bekämpfen, bezahlt von Corporations, Foundations und Individuen wie Richard Mellon Scaife“.
Offenheit und Detailreichtum der Bio haben haben die USA in einen Hillary-Taumel gestürzt: Millionen sahen Sonntag abends beim großen TV-Interview auf ABC mit Barbara Walters zu, in New York drängten sich 150 Fans Sonntag um Mitternacht vor einem extra länger geöffneten „Barnes and Nobles“-Buchhandlung. Stunden später, um sechs Uhr früh, campten New Yorker vor der Filiale an der Fifth-Avenue, um 250 Sondertickets für die Buchsignierung durch Hillary zu ergattern. Diese zog dann mehr internationale Presse an, als selbst der UNO-Showdown über den Irakkrieg. Fast erinnerte die Medienhysterie an die Höhepunkte des „Monicgate“-Skandals vor fünf Jahren: TV-Teams hatten auch vor der Privatvilla des Ex-Präsidenten in Chappaqua Stellung bezogen, oder dem Apartmentkomplex im West Village, wo Monica Lewinsky lebt.
Vor einem Lagerhaus des US-Verlages Simon and Schuster in New York hatte Wachpersonal in Sonderschichten bis zum Sonntag die Bücher bewacht – doch da hatte die Nachrichtenagentur „Associated Press“ (AP) durch das Sicherstellen eines Exemplares die ausgetüffelte Marketing-Strategie mit „exklusiven“ Vorabdrucks- und Interview-Rechten durcheinander gewirbelt gehabt: Nachdem AP die heißesten Passagen vier Tage vor dem Verkaufstag raportierte, wollte der Verlag sogar klagen – und „Time“-Magazine für die um kolportierte 100.000 Dollar erworbene Erstabdrucksrechte einen ordentlichen Rabatt. Mitten in den Hillary-Hype platzen dann auch noch die News, dass der TV-Kanal „A&E“ den früheren Bestseller „Hillary´s Choice“ (Autorin: Gail Sheehy) verfilmt – mit Sex-Göttin Sharon Stone als Hillary.
Neben der Bill-Beichte halten die Passagen die Welt In Atem, in denen Hillary erläutert, wie ihre Ehe beinahe endete (was auch Bills Präsidentschaft vorzeitig beendet hätte): „Ich hatte ihn bisher nur für töricht gehalten, dass er der jungen Frau Aufmerksamkeit geschenkt hatte, und war überzeugt gewesen, dass er das Opfer einer Verleumdungskampagne war“, schreibt sie über den Beginn ihrer schlimmsten Ehe-Odyssee: „Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass er unsere Ehe und unsere Familie aufs Spiel setzen würde. Nun war ich wie vom Donner gerührt. Ich war wütend und verzweifelt weil ich ihm geglaubt habe. Als ich Bill nach einer Weile sagte, dass er mit Chelsea reden müsse, füllten sich sein Augen mit Tränen. Er hatte mein Vertrauen missbraucht, und wir wussten beide, dass dieser Bruch vielleicht nicht mehr zu kitten war. Nun mussten wir Chelsea mitteilen, dass ihr Vater sie ebenfalls belogen hatte. Es waren schreckliche Momente, die wir alle durchmachten. Ich wusste nicht, ob unsere Ehe diesen Betrug überstehen konnte und sollte. Es war die verheerendste, schockierendste und schmerzlichste Erfahrung in meinem Leben“.
Am Tag nach Clintons stundenlangem Verhör durch die Starrs Ermittlungsteam und seiner TV-Beichte an die Nation (wie Clinton sich mehr über Starr beschwerte, als für seine Lügen entschuldigte) flogen die Clintons auf Urlaub in die idyllische Ferieninsel Martha´s Vineyard. „Hund Buddy kam ebenfalls mit, um Bill Gesellschaft zu leisten“, erklärt Hillary und fügt sarkastisch hinzu: „Er war das einzige Familienmitglied, das bei ihm sein wollte“. Weg aus dem Hexenkessel Washington ebbte der Adrenalinschub ab, schreibt sie, was blieb war tiefe Traurigkeit, bittere Enttäuschung und das Gefühl unbewältigter Wut: „Es fiel mir schwer mit Bill zu sprechen, und wenn ich es tat, wurde eine Tirade daraus. Ich las und ging am Strand spazieren. Er schlief unten im Wahnzimmer, ich oben im Schlafzimmer. Ich fragte mich, an wen ich mich wenden sollte, jetzt, da mein bester Freund, der mir in schwierigen Zeiten immer zur Seite gestanden hatte, der Mensch war, der mir so viel Leid zugefügt hat. Ich fühlte mich vollkommen allein, und für Bill galt wohl dasselbe“. Er habe immer wieder versucht, die Sache zu erklären und gebetsmühlenartig beteuert, wie Leid es ihm tue. „Doch ich war nicht einmal so weit, dass ich mich im gleichen Raum aufhalten hätte können, geschweige denn, dass ich ihm hätte verzeihen können“, so Hillary: „Ich würde tief in mich gehen müssen, um meine Beziehung neu zu definieren und einen Weg zu finden, sein Verhalten zu verstehen. Ich wusste nicht, ob es mir gelingen würde“.
Hillary, geboren am 26. Oktober 1947 im Chicagoer Suburb Park Ridge, wurde keinesfalls zur Demokratin erzogen. Vater Hugh, ein strenger und sparsamer Kleingewerbetreibender („Wenn wir Kinder etwa den Verschluss auf der Zahnpastetube verloren“, erinnert sich Hillary, „warf er sie beim Fenster raus und wir mussten sie, selbst bei Minusgraden, finden“), war stolzer Republikaner, „doch anders als viele, sich heute als konservativer Benennender verstand er fiskale Verantwortlichkeit und die Investitionen der Steuerzahler in Straßen, Schulen, Parks, kurz, das öffentliche Gut“, schreibt Hillary. Besonders als Studentin im prestigeträchtigen „Wellesley College“, und später in der Elit-Uni „Yale Law School“ setzte sie sich für Frauen- und Bürgerrechte ein, nahm an Vietnamkriegs-Protesten teil, arbeitete als junge Juristin sogar im Team, das das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Richard Nixon vorbereitete. Im Herbst 1970 traf sie in Yale schließlich auf einen „groß gewachsenen Studenten“, erinnert sie sich, „der mit seinem rotbraunen Vollbart und den langen Haaren eher an einen Wikinger erinnerte als einem Rhodes-Stipendiaten“: Bill Clinton. Immer wieder kreuzten sich ihre Wege, doch die Initiative setzte schließlich Hillary selbst: „Ehe du mich noch länger anstarrst und ich noch länger zurückstarre können wir uns gleich vorstellen: Ich bin Hillary Rodham“. Rasch verliebt sie sich in den zielstrebigen Südstaatler: „Noch heute verblüfft mich Bill mit den Verbindungen, die er blitzschnell zwischen Ideen und Worten herstellt“, schreibt sei: „Seine Sätze wirken leicht uns spontan, sein Tonfall erinnert mich an Musik. Ich liebe seine Art zu denken – seine Ausstrahlung. Das Erste, was mir damals an ihm aufgefallen ist, waren seine schmalen Hände. In unseren ersten Jahren konnte ich mich stundenlang allein am Anblick seiner Finger beim Blättern in einem Buch ergötzen.“
Nach mehrmaligen Heiratsanträgen willigte die Juristin mit Aussichten auf eine steile Karriere in die Ehe ein, folgte ihm in die Provinz nach Arkansas (Tochter Chelsea wurde 1980 geboren) und half, die Polit-Karriere des Bill Clinton voranzutreiben – die ihn über mehrmalige Amtszeiten als Gouverneur des Kleinstaates als 42. US-Präsidenten 1993 ins Weiße Haus führt. Dort klopft frühmorgens der Butler an das Schlafgemach: „Tap, Tap, Tap, Whuh? Tap, Tap“, beschreibt Hillary die Szene: „Wir hatten gerade erst ein paar Stunden geschlafen, als uns das Klopfen aufweckte. Bill schoss aus dem Bett, ich suchte meine Brillen, dachte es sei wohl ein Notfall. Plötzlich öffnete sich die Tür und ein Mann mit Frack stand im Zimmer mit einem Frühstücks-Silbertablett. So hatten die Bushes ihren Tag begonnen, mit einem Frühstück im Bett um 5:30 Uhr.“ Die ersten Worte, die der Butler vom 42. Präsidenten zu hören bekam, so Hillary, waren barsch: „Hey, was machen sie hier?!“ Noch habe sie jemanden so schnell eine Raum verlassen sehen. Es folgten das Durchboxen der Wirtschaftsreform, die half, die Boomphase der 90iger auszulösen, ihr Scheitern einer fundamentalen Gesundheitsreform. Skandale begleiteten die Clinton-Ära, Hillary selbst wurde wegen des Immobilien-Skandal Whitewater zur ersten First Lady, die vor einer Geschworenen-Rechtskammer aussagte. Über 70 Millionen Dollar hatten die Untersuchungen dreier Sonderermittler, am längste Kenneth Starr, gekostet – ein Rechtbruch konnte den Clintons in keinem der Skandale angelastete werden.
Hillary enthüllte, dass auch ihr Hass auf Starr half, die Ehe zu retten: „Je mehr ich glaubte, dass Starr seine Macht missbraucht, desto mehr sympathisierte ich mit Bill“. Klar wurde ihr auch in den einsamen Tagen im August 1998, als das Medien-Inferno nach der Veröffentlichung des Starr-Reports (den sie als „einen Tiefpunkt der US-Geschichte“ bezeichnete) mit allen Details der Oralsex-Begegnungen zwischen Clinton und Lewinsky tobte, dass sich ihre persönlichen und politischen Gefühle auf Kollisionskurs befanden: „Als seine Ehefrau wollte ich ihm den Hals umdrehen. Doch er war nicht nur mein Mann, sondern auch mein Präsident, und er führte Amerika in einer Art, die ich nach wie vor befürwortete.“ Überzeugt sei sie, dass sein Verhalten moralisch zwar verwerflich war, „besonders weil er darüber log und das amerikanische Volk in die Irre führte“. Doch das Land habe er nicht betrogen.
Bei den Gedanken an das Vergeben suchte die First Lady auch nach Halt bei internationalen Figuren, wie Südafrikas Nelson Mandela, der den Weißen, die ihn ins Gefängnis warfen, vergab: „Es war ein echte Herausforderung, Bill zu vergeben, doch wenn es Mandela schaffte, dann werde ich es versuchen.“ Eine Zeit lang sei sie mit ihren Eheprobleme umgegangen wie ein Hubstapelfahrer, schreibt sie: „Du hebst dich in der Früh auf und gehst durch den Tag“. Gerettet scheint die Ehe jedoch letztendlich ihre tiefe Liebe zu Bill, die sie in ihren Memoiren so formuliert: „Ich werde oft gefragt, warum ich und Bill, nach all dem was geschehen ist, noch immer zusammen sind. Doch wie kann ich eine Liebe erklären, die Jahrzehnte überstanden hat und stetig gewachsen ist (…). Im Frühjahr 1971 begannen ich ein Gespräch mit Bill Clinton, und mehr als 30 Jahre später reden wir immer noch miteinander.

# 3. Juni: What about Iran?

Bei ihrem Streben nach Regime-Wechsel in Staaten der „Achse des Bösen“ scheint den Hardlinern des Pentagon inzwischen jedes Mittel recht zu sein: Dissidenten-Gruppen sollten von den USA bei Anzetteln eines Regierungsumsturzes des vom zivilen Präsidenten Mohammed Chatami regierten, doch von Islamischen Mullahs kontrollierten Staates Iran unterstützt werden – sogar Gruppen wie die „Mujahideen a Khalq“ (MEK), die 1997 vom US-Außenministerium hochoffiziell auf die Terrorliste gesetzt worden war. Diese Gruppen, ersucht das Pentagon die Kollegen im State Department um die Streichung der MEK als Terror-Bedrohung, könnten wie die Nordallianz in Afghanistan, die Mullahs in Teheran stürzen, das Land „befreien“ und Schurkenstaat Nummer Zwei im Anti-Terrorkrieg des US-Präsidenten George W. Bush entschärfen. Das die MEK auf Marxismus schwört, keinesfalls eine in den USA hochpopuläre Ideologie, tut der Begeisterung unter der Welt-Neuordnern rund um Verteidigungsminister Donald Rumsfeld keinen Abbruch.
Immerhin: Der Golfkrieg II hat den Iran zum neuen Nachbarn der USA gemacht, mit 150.000 im Irak als „51. US-Bundesstaat“, so Top-Journalist Bob Woodward, stationierten US-Truppen – und Millionen irakischer Schiiten, die einen Gottesstaat á la Iran errichten wollen. In den Kapitalen Europas und des Nahen Ostens arbeiten die US-Botschafter deshalb Sonderschichten zur Aufklärung panischer Fragen: Ist der 67-Millionen-Einwohnerstaat des nächste Angriffsziel der nach dem zumindest militärisch eindrucksvollen Sieg gegen Saddam Husseins Regime selbstsicheren US-Streitkräfte und dessen Commander-in-Chief? Jedenfalls erfüllt der Iran, so die Argumente der Bush-Krieger, zumindest zwei auch vor der Irakinvasion angeführte Kriegsgründe: Unterstützung von Terror-Organisationen wie Hisbollah und, so die jüngsten Anschuldigungen, Al-Qaida, sowie die Entwicklung von nuklearen Massenvernichtungswaffen. Mit der Phrase „Regime-Wechsel“ schien Rumsfeld bereits das politische Todesurteil gegen die Mullahs ausgesprochen zu haben.
Doch die oppositionellen Demokraten wollen sich diesmal nicht so überrollen lassen wie beim Irak-Krieg. „Man soll die Rhetorik zurückfahren, um die gemäßigten Kräfte im Iran nicht vor den Kopf zu stoßen“, mahnte Senator Joseph Biden ein: Amerikanische Drohgebärden würden bloß islamische Fanatiker stärken. Andere Politologen verwaisen jedoch, dass US-Druck die Demokratisierung beschleunigen könnte: In einem offenen Brief hatten zuletzt 127 der 286 Parlamentarier den Nachfolger des Revolutionsführer Ajatollah Khomeini, Ajatollah Ali Khamenei, aufgefordert, einen „Gifttrunk“ zu nehmen, um das Land vor einer US-Attacke zu retten.
Im Iran erlebten die Amerikaner 1979 mit dem 444-Tage-Geiseldrama eines ihrer schlimmsten außenpolitischen Waterloos, als Trauma nur übertroffen durch den Vietnamkrieg. Doch nach dem Wahlsieg des moderaten Chatami kam es unter Bush-Vorgänger Bill Clinton zu einem echten Tauwetter, samt Aufhebung des Import-Verbots etwa iranischer Teppiche 2000. Doch seit Bushes Axis-of-Evil-Rede im Jänner 2002 eskaliert der Showdown, vor allem wegen dem AKW Bushehr mit zwei 1.200-Megawatt-Leichtwasserreaktoren und einer Anlage in Nataz, offiziell zur Anreicherung von Uranbrennstäben – oder zur Gewinnung von waffenfähigem Plutonium. Irritiert zeigt sich die Bush-Regierung auch über den russischen AKW-Technologie-Export an die Iraner. Teheran lehnt unangemeldete Inspektionen der internationalen Atomenergiebehörde IAEO ab.
Der mögliche Wettlauf der Iraner nach einer A-Bombe sei indirekt die Folge der aggressiven Bush-Außenpolitik, sagt Ted Carpenter, Vizepräsident des Washingtoner Think-Tank „Cato Institute“: „Sie haben gesehen, wie es Serbien und dem Irak, die beide noch keine Atomwaffen hatten, ergangen ist – und sie sehen, wie diplomatisch die Vorgangsweise vergleichsweise gegenüber Nord Korea ist, dass wahrscheinlich bereits eine Atommacht ist“. Das Kalkül sei eindeutig, so Carpanter: Nur Atombomben können die USA von einer Invasion abschrecken. Doch ist der Atomstreit ein diplomatische Dauerbernner seit Jahren, eskalieren die Spannungen zwischen Washington und Teheran nach der Irak-Invasion daramatisch: Zuerst ortete das Pentagon „iranische Geheimagenten“, die die Bevölkerung gegen die US-Besatzer aufbringen würden. Dann wurde der Iran als neuer Al-Qaida-Stützpunkt ausgemacht: Der Militärchef des Terrornetzes von Osama Bin Laden, Saif al-Adil, sowie Bin Ladens Sohn Saad hätte im Iran Zuflucht gesucht, behaupten Hardliner im Pentagon – zusätzlich hätte die den Terror-Anschlag in Saudi Arabien am 12. Mai mit 34 Toten, darunter acht Amerikanern, exekutierte Terrorzelle „ihre Befehle von aus dem Iran heraus operierenden Qaida-Kommandanten“ erhalten. Doch wie vor der Irakinvasion ist der Geheimdienst CIA weit vorsichtiger bei Qaida-Verbindungen zum Iran.
Untersuchungen über das Aufbauschen der Bush-Regierung und des Briten-Premiers Tony Blair über die Bedrohung des Irak durch Massenvernichtungswaffen könnten nach der erfolglosen Suche des US-Militärs Rumsfelds Iran-Offensive massiv in die Quere kommen. US-Parlamentarier sprechen bereits vom „größten Geheimdienstschwindel aller Zeiten“. Doch die neue geografische Nähe der US-GIs zur iranischen Armee könnte leicht zu folgenschweren Missverständnissen führen: Zuletzt hatten sich vier US-Soldaten im Shatt Al Arab im Südirak in iranische Gewässer verirrt und wurden von iranischen Militärs aufgegriffen und stundenlang verhört.

# 26. Mai: Finanzakte Jackson

In dem jüngsten Justizshowdown vor dem „Los Angeles County Superior Court“ (Verfahrensbeginn: 18. Juni) geht es um das finanzielle Überleben des Popstars: Jackson hatte, so die Anklageschrift, die südkoreanische „Union Finance Investment Corp.“ (Union) 1998 beauftragt, seine Finanzen neu zu ordnen. „Als wir den Auftrag annahmen“, sagt Union-Chef Myung Ho Lee in der Akte aus, „dachten wir, unser Klient sei unglaublich reich – doch bald mussten wir erkennen, dass ihn sein extravaganter Lebensstil an den Rand des finanziellen Ruins geführt hat“. Union fordert nun 13 Millionen Dollar an ausstehenden Rechnungen ein (drei Millionen hat Jackson den Koreanern insgesamt bezahlt). Jackson feuerte Lee im August 2001. Union half Michael Jackson beim Kauf des 50-Prozent-Anteils an „Sony ATV“, die die Rechte auf 300.000 Songs, inklusive 200 Titel der Beatles beinhaltet. Für den Deal nahm Jackson zwischen 1998 und 2000 Kredite in der Höhe von 200 Millionen Dollar von der „Bank of America-Nations Bank“ auf. Für den Entertainment-Anwalt Pierce O´Donnell ist die jüngste Jackson-Klage der Anfang vom Ende: „Was immer der Grund ist, Jackson zahlt seine Schulden nicht zurück – doch der Zahltag rückt immer näher“.
Das Verfahren bringt neue Details über die mysteriöse „Finanzakte Michael Jackson“. Laut US-Magazine Forbes hat Jackson in den letzten beiden Jahrzehnten 500 Millionen Dollar verdient – 115 Millionen allein mit dem 26 Millionen mal verkauften, zweiterfolgreichsten Musikalbum aller Zeiten „Thriller“; 100 Millionen verdiente der 44-Jährige mit Konzert-Turneen rund um den Erdball. Den Finanzwert des Popstars errechnete Forbes so:
# 100 Millionen in Immobilien (darunter seine Ranch in Kalifornien Neverland, Häuser und Apartments in Encino, Las Vegas und New York);
# 450 Millionen durch den Marktwert seiner Anteile an der Song-Kartei, inklusive Beatles;
# Minus 200 Millionen Dollar an aufgenommenen Krediten – insgesamt sei Jackson damit 350 Millionen Dollar schwer.
„Ich sehe keine Anzeichen eines sich abzeichnenden Finanz-Desasters“, versuchte Jackson-Anwalt Brian Oxman zu beruhigen. Doch durch Jacksons hemmungsloses Verprassen seines Reichtums wird selbst ein Bankrott nicht mehr ausgeschlossen: In seiner Ranch Neverland werken bis zu 120 Personen, erhalten Vergnügungspark und Tiergarten.
Zuletzt hatte Jackson den Verkauf seines Lieblingswohnortes angekündigt, vielleicht auch wegen Problemen mit der US-Steuerbehörde IRS: Den Großteil des 1050 Hektar großen Anwesens hatte er steuertechnisch als Bauernhof geführt, doch konnte der untersuchende Steuerprüfer Larry Appel wenig bäuerliches in Riesenvillen, Gästehäusern, Hochschaubahnen und Spielplätzen finden. Selbst der Verkauf von Neverland dürfte Jackson nicht aus seiner Finanzmisere befreien: Hatte er geschätzte 50 Millionen investiert, ist das Anwesen laut Immobilien-Schätz-Mann Cris Lyons in Santa Barbara 12.292.618 Dollar Wert, dazu neun Millionen an „Verbesserungen“ – im besten Glücksfall, so Branchenkenner, känner er 30 Millionen ergattern.
Jackson extravagante Ausgaben sind Legende: Als er kürzlich seine Freundin Liz Talyor im noblen Bellagio-Casino in Las Vegas besuchte, brachte er ein Perfum-Flasche im Wert von 10.000 Dollar mit. Genau so viel hatte er einst für eine Nacht im New Yorker „Four Seasons“ bezahlt. Eine sechsstöckige Mansion an der feinen Upper East Side in Manhattan ließ sich Jackson 75.000 Dollar pro Monat kosten, samt Dachterrasse und ionischen Säulen-Eingang. Laut dem Union-Verfahren gibt der dutzendfach umoperierte Jackson pro Jahr allein 25.000 Dollar für seinen Hautarzt aus. Noch teurer waren verglichene Rechtsverfahren: Eine unbekannte Millionen-Summe bezahlte er dem 13-järhigen J. Chandler 1994 zur Niederschlagung eines Gerichtsverfahrens wegen sexueller Belästigung, horrende Zahlungen soll auch Ex-Frau und Mutter zweier Jackson-Kinder, Debbie Rowe, erhalten.
Jackson hatte seine Extravaganz stets mit Krediten finanziert, die er durch seine Ranch Neverland und seinen Song-Rechten besicherte. Auch Sony streckte seinem Star Geld auf künftige Einnahmen vor. Doch Jacksons Musikkarriere, mit der er am „Thriller“-Höhepunkt bis 50 Millionen Dollar pro Jahr verdiente, scheint nach dem Debakel des Albums „Invincible“ (Unbesiegbar!) praktisch am Ende: Nur sechs Millionen CDs hatte er weltweit verkauft, 25 Millionen Dollar hatte hingegen die Produktion gekostet. In einem öffentlichen Amoklauf machte er Sony-Plattenchef Tommy Mottola, den er auf einem Plakat als Teufel darstellte, für den Flop verantwortlich. Kuriose Besicherungen neuer Kredite lassen bei US-Finanzexperten die Alarmglocken schrillen: Bei der Bank of America borgte er Geld und gab als Sicherstellung eine „King Kalla“-Uhr, hergestellt von „Vacheron Constantine“ und 1,9 Millionen Dollar wert. Die gleiche Uhr war Gegenstand eines früheren Rechtsstreits, wo Beverly-Hills-Juwelier David Orgell behauptete, Jackson habe die Uhr zuerst geborgt und nicht mehr retourniert. Immer öfter verweigern Banken Jackson neue Kredite, nun sucht er Cash bei flexibleren Geldgebern, die jedoch weit höhere Zinsen verlangen: 2001 borgte er von der „Royalty Advance Funding“ in Beverly Hills, die sich auf Musiker mit künftigen Einnahmen spezialisiert und „keine Fragen stellt“, wie ihre Website verkündet. Sein eigener Banker bei der Bank of America rechnet mit Jackson bereits ab: „Ich habe ihn seit 20 Jahren am Leben erhalten“, erzählte er Fox-Reporter Roger Friedman: „Und es ist nicht schlechte Beratung, die ihn ins Dilemma führt – er selbst ist sein größter Feind!“

# 20. Mai: Sex mit JFK

Präsident John F. Kennedy war wütend: Gerade, als er sich in der US-Botschaft in Dublin aufhielt, habe er einen Anruf von Mimi erhalten, einer 19-jährigen Praktikantin im White House in Washington, zürnte er gegenüber Pressesprecher Pierre Salinger. Mimi sei verzweifelt, brüllte JFK, weil man sie nicht nach Irland mitgenommen habe, und sie weinte, weil ihr Personal-Chefin Helen Gans den Freitag nicht freigeben hatte wollen – „diese Gans muss sofort gefeuert werden“, so der mächtigste Politiker des Erdballs. Im mitgereisten Berater- und Pressestab wunderte man sich ein wenig, wie die junge Dame, die gerade mal das Telefon abhob und Kaffee kochte und weder tippen noch stenografieren konnte, einen so direkten Draht zu Kennedy haben konnte? Und wieso tauchte sie bei einem anderen Präsidenten-Trip in Nassau auf und versteckte sich tollpatschig am Boden einer Limo der JFK-Entourage? Augenzwinkernd wurde die „großgewachsene, schlanke und bildhübsche Brünette“, so Insider-Beschreibungen, eingereiht in Trophäenliste des Serienehebrechers – „da war auch eine Pam, eine Priscilla, Jill, gleich zwei davon, eine Janet, eine Kim und eine Diana“, erinnert sich White-House-Pressekorps-Veteran Hugh Sidney.
Wenige der Affären wurden, besonders im Mythos der Kennedy-Verehrung nach dem Attentat 1963, jemals offiziell bestätigt – doch vergangene Woche marschierte eine 60-jährige Kirchenangestellte in das Blitzlichtgewitter der New Yorker Medien: Miriam „Mimi“ Fahnestock, ehemals Beardsley, gestand – 41 Jahre später – per geschriebenem Statement, von April 1962 bis November 1963 eine „sexuelle Beziehung zu Präsident Kennedy“ unterhalten zu haben, die sie all die Zeit mit niemanden diskutiert hatte. Aufgedeckt wurde der frühe Praktikantinnensex-Prolog von Präsident Nummer 35 zum Jahrhundertsex-Skandal zwischen Präsident Nummer 42, Bill Clinton, mit der 21-jährigen Kalifornierin Monica Lewinsky von Buchautor Robert Dallek in „An Unfinished Life“, der sich eigentlich auf Schlagzeilen seiner gewichtigeren Polit-Episoden der Kennedy-Präsidentschaft gefreut hatte. Dallek hatte die Assistentin von Pressesprecher Salinger, Barbara Gamarekin, überzeugt, ihre bereits 1964 festgehaltenen Erinnerungen an den West Wing unter dem sexsüchtigen Kennedy – inklusive der an JFKs Monica, so die „New York Post“ – freizugeben. Welchen Mediensturm er damit lostrat, mochte der Autor nur den neuen, puritanischeren Zeiten in den USA zuschreiben: „Alle Journalisten wussten über die Vielweiberei bescheid“, so Dallek: „Aber es war nicht die damalige Kultur, so etwas in den Zeitungen zu veröffentlichen – heute, natürlich, ist alles anders“.
So rollte im prüden Amerika, wo Clinton 1998 haarscharf wegen mehrmaligen Oralsex an der Amtsenthebung vorbeischlitterte, das wilde Leben des Demokraten-Idols Kennedy seziert. Die „Sexakte Kennedy“ enthält tatsächlich schockierende Details über angeblichen Drogenkonsum, eine unglaubliche Sexsucht und Schamlosigkeit – und der Ohnmacht der bloßgestellten Gattin Jaqueline: In von Dallek aufgestöberten Briefen des 17-jährigen Kennedy an seinen Freund Lemoyne Billings etwa, prahtl der Teenager über seinen Erfolg mit Mädchen: „Es muss an meiner Persönlichkeit liegen“, schrieb er, „ich bin nicht hübscher als viele andere“. Kennedys Casanova-Komplex, so Dallek, liegt begründet in der Vielweiberei seines Vaters Joseph – und in seinen gesundheitlichen Dauerleiden, die ihm an ein kurzes Leben glauben ließen, doch keineswegs seine sexuellen Aktivität einschränkten, die sich sogar auf Spitalsaufenthalte ausdehnten. „Die Schwestern hier sind die geilsten Frauen, die er seit langem gesehen habe“, schrieb er einmal an Billings, dann lamentiert er über einen Aufenthalt im grau-kalten Boston: „Millionen wunderschöner Misses kommen täglich in Palm Beach an, ich habe die Nase schön langsam voll von dem Fleisch hier heroben“. Als er in Harvard studierte hatte Kennedy längst das Image eines Playboys und so viele Freundinnen, das die Namen durcheinander gerieten, so Autor Dallek, als unverheirateter Kongress-Abgeordneter eine „Smorgasbord von Frauen“, meist One-Night-Stands mit Sekretärinnen und Flugbegleiterinnen. Auch nach seine Heirat zu Jacqueline Bouvier und dem Einzug ins Oval Office ließ er sich von Sex-Eskapaden nicht abhalten, die neben dem „Vergnügung“ auch einer Art Entspannung und Ablenkung von den Herausforderungen als Präsident dienten“, so Dallek. Die Gerüchte, von der nackt im White-House-Swimming-Pool badenden, angeblichen ostdeutschen Spionin Ellen Rometsch, fesselten Insider. Als andere Mistressen nennt Dallek Pamela Turnure, Jackies Pressesekretärin (!), Mary Pinchot Meyer, Washington-Post-Editor Bill Bradlees Schwägerin (Kennedy hatte große Freude daran, dass er die Affäre von dem Starjournalisten so lange verbergen hatte können), zwei Sekretärinnen mit den Spitznamen „Fiddle“ und „Faddle“ und die legendäre Mafia-Spionin Mary Pinchot Meyer. Dem damaligen Briten-Premier Harold Macmillan hatte er Kennedy 1961 gestanden, dass er nach drei Tagen ohne Sex „Kopfweh bekomme“.
Dalleks Praktikantinnen-Enthüllung ist nicht das einzige JFK-Enthüllungsbuch, dass für Furore sorgt: George Jacobs, der Ex-Butler von Frank Sinatra addiert in dem Buch „Mr. S: Mein Leben mit Frank Sinatra“ Details über ein regelrechtes Leben von Sex, Drugs und Rock-and-Roll des US-Präsidenten aus, gerngesehner Gast bei „Franky Boy“ Sinatra. Jacobs enthüllt wilde Sex-Parties mit dutzenden Huren, die Sinatra für die Kennedys schmiss, die Vorliebe JFKs für rasierte Frauen („Nacked Lunch“), oder wie Marlene Dietrich ihn als Teenager den Penis massiert hatte.
„Ob Kennedy jemals Gefühle gegenüber seine Frau gezeigt haben soll, ist unbekannt – sie half ihm jedoch indirekt, indem sie keine öffentlichen Szenen über sein Womanizing machte“, kommentiert Dallek die Rolle der dauerbetrogenen Ehefrau und First Lady – auch das ein Parallele zu Clintons Hillary, die ihre „Blockbuster“-Memoiren am 9. Juni veröffentlicht. Doch Jackie ließ ihren Schmerz durch oftmalige, sarkastische, meist in französischer Sprache verfassten Bemerkungen Luft, oft sogar bei hochoffiziellen Staatsbesuchen. Nach einer Visite in Kanada, als das Präsidentenpaar ein Spalier von Leuten die Hände schüttelte, in der auch ein „Blond Bimbo“, so Militär-Attachee Godfrey McHugh, stand, schnappte Jackie in Französisch zu McHugh: „Ist es nicht schlimm genug, dass sie meine Mann diese Frau zugeführt haben? Und jetzt beleidigen sie mich, indem ich auch noch ihre Hand schütteln muss?“ Eines Tages, als sie einen französischen Journalisten durch das White House führte und zufällig auf Sekretärin „Fiddle“ stieß, merkte sie an: „Das ist die Frau, die angeblich mit meinem Mann schläft“. Der Franzose wandte sich sichtlich verdattert an Mitarbeiter von Pressesprecher Salinger: „Was geht hier vor?“ Doch sonst lebte Jacky, wie auch Schwiegermutter Rose, in einer Welt der Selbstverleugnung: Stets ließ die Mitarbeitern des White House über ihre Ankunftszeiten wissen – damit, wie es ein Butler formulierte, der Präsident seine „Freundinnen“ aus dem Weg schaffen kann.

# 6. Mai: Das große Abzocken an der Wall Street


Millionen Kleinanleger spielten mit im großen Wall-Street-Game – doch die wenigsten kannten die Regeln, jedenfalls nicht so, wie sie nach Jahren der Untersuchungen durch den New-York-Oberstaatsanwalt Eliot Spitzer und der Bundes-Börsenaussicht “Security Exchange Commission” (SEC) auf tausenden Seiten an Gerichtsdokumenten ausgebreitet worden waren: Investmentbanker, die Analysten unter Druck setzten, mit geschönten, oft glattweg betrügerischen Reports ihren Klienten bei Börsengängen oder beim künstlichen Hochhalten von Aktienwerten behilflich zu sein; eine Management-Kette bis hinauf zum CEO, der bekannt war, dass Analysten Aktien als “reinen Mist” bezeichneten, während sie offiziell mit einer starken Verkaufsempfehlung angepriesen wurden; Analysten, viele wie Morgan Stanleys Mary Meeker, Citigroups Jack Grubman oder Merrill Lynch´s Henry Blodget regelrechte TV-Superstars, die als Verkaufsargument beim Kundenkeilen eingesetzt wurden;
Firmenchefs, die durch die Zuteilung von “heissen” Aktienpaketen zu einem, oft viel zu unausgereiften doch für die ausführende Investmentbank höchst lukrativen Börsengang überredet wurden. Und Investmentbanken, die sogar Research-Reports konkurierender Firmen bezahlten, um den Hype über die von ihnen beratenen Firmen aufrecht zu erhalten. Das Spiel funktionierte prächtig: Fette Gebühren für Börsengänge und Neuemissionen auch noch so hoffnungsloser Internet-Firmen, heftige Fees für die Beratung bei Firmenübernahmen – die oft auch durch aufgeblasene Aktienwerte zu Stande kamen. Als der Bubble platze, zahlten die Kleinanleger die Zeche – dezimierte Pensionskonten, geschrumpfte Spareinlagen für die Uni der Kids, geplatze Träume vom Eigenheim.
“Wir tun hier nichts anderes, als die Spielregeln zu ändern”, gab sich Saubermann Spitzer in seiner Sternstunde am 28. April vor der Weltpresse triumphierend: Im nachhaltigsten Justiz-Showdown der Wall-Street-Geschichte seit 1975, als Kommissionszahlungen dereguliert wurden, verdonnerte Spitzer und die SEC die zehn größten Broker-Firmen, prompt “Terrible Ten” von der Fachpresse getauft, zu Gesamtzahlungen von 1,4 Milliarden Dollar: 437,5 Millionen an Strafzahlungen, 437.5 Millionen als Restitution für geschädigte Kleinanleger, dazu 432,5 Millionen für unabhängigen Research und 80 Millionen für Investoren-Ausbildung. 400 Millionen bezahlt Citigroup, je 200 Millionen Merrill Lynch und CSFB, 125 Millionen Morgan Stanley, 100 Millionen Goldmann, je 80 Millionen UBS Warburg, Bear Stearns, Lehman Brothers und J.P. Morgan Chase, 32,5 Millionen U.S. Bancorp Jaffray. In dem Deal, durch den die Feds ihre Klagen auf Eis legen, verpflichten sich die Bankhäuser zu einer Neugestaltung des Regelwerkes zwischen Anlegern und Brokern – durch mehr Transparenz, smartere Investoren und ehrlichere Analysten soll das Vertrauen in die Industrie wiederhergestellt werden. Nicht alle sind so optimistisch. “Das ist eher ein Heftpflaster als eine radikale Reformkur”, sagt Ex-SEC-Mitglied und Anwalt der Boston-Rechtsanwaltsfirma “Robins Kaplan Miller & Ciresi” David Marder: “Die Gesamtvergleichssumme klingt hoch, doch sie entspricht bloß sieben Prozent der Gesamtgewinne im vergangenen Jahr – und das war das schlechteste seit 1995”. Auch die Bosse kommen gänzlich ungeschoren davon, ärgert sich Marder.
Da die Skandale Wallstreet bis ins Mark erschüttert haben, hoffen andere Spezialisten hingegen auf echte Reformen:
# Zwischen den einst so eng verflochtenen Abteilungen “Research” und “Investment Banking” soll die einstige “Chinesische Mauer” im Branchenjargon ehrenwertere Wallstreet-Tage wieder errichtet werden. Sie werden physisch getrennt, erhalten separate Mangementstrukturen mit eigenen Bossen, eigenen Rechtsabteilungen und Budgets.
# Analysten dürfen nicht mehr an “Verkaufsgesprächen” der Investmentbanker mit potentiellen Kunden für IPOs (Börsengänge) oder “Roadshows” zum Anpreisen von Aktien an institutionelle Investoren teilnehmen. Doch das wichtigste Fundament des Interessenkonfliktes bleibt ungeklärt: Wer bezahlt für das unprofitable Nummernzählen der Analysten? “Investmenthäuser haben bisher 500 Millionen bis zu einer Milliarde pro Jahr für Research ausgegeben”, sagt Bear-Stearns-Broker Andreas Kailich: “Durch das Ausgliedern wird das ganze Business-Modell der Wall Street auf den Kopf gestellt – und der Job der Analysten wieder langweiliger, die Bezahlung schlechter”. Bereits jetzt sei ein Exodus aus der Branche zu beobachten.
# Kleinanlegern soll künftig monatlich mitgeteilt werden, wie ihre Aktien von hausinternen Analysten bewertet wurden im Vergleich zu mindestens drei unabhängigen Aktien-Experten. Kritiker des Paktes halten den mit 432 Millionen Dollar dotierten Fonds für “unabhängigen Research” für die nächsten fünf Jahre für kaum ausreichend.
# Die Treffsicherheit von Analysten generell und das Berwertungssystem soll für alle Kunden transparenter gemacht werden, deren Bonus-Zahlungen sich künftig nach der Treffsicherheit ihrer Prognosen und nicht an Gewinnbeteiligungen beim Investmentbanking orientieren. “Einige dieser Reformen sind bereits seit Mai 2002 in Kraft”, sagt Washington-Anwalt und Wallstreet-Experte Stephen Crimmins: “Bisher sind die Anzeichen des Reformwillens ermutigend – doch niemand darf nachlässig werden mit der strikten Überwachung”.
Die im Vergleich freigegebenen Gerichtsdokumente, inklusive dem Email-Verkehr der Analysten, zeichnen ein schockierendes Sittenbild der Investment-Gemeinde New Yorks. Die Arbeit der Analysten war, wie bei UBS Warburg, gleich in die Verkaufsbroschüren aufgenommen worden, wo Klienten angeboten wurde, “dass ein bestimmter Analyst ein Firma covern wird”, so die SEC-Klage. Dazu kam eine Auflistung, wie positive Kommentare über Firmen dieses Analysten direkte Auswirkungen auf deren Aktienpreise hatten. Die wenigen “unabhängigen” Analysten, die Firmen aufrund ihrer Performance beurteilten, gerieten ins Sperrfeuer der Investmentbanker: “Die Verkaufstruppe ist enorm frustriert über Ihre Bewertungen und Preisziele”, wurde wütend ge-emailt: “Ihre Wankelmütigkeit kostet uns hunderte Millionen Dollar!”. Gewarnt vor Aktien wurde nur hausintern, während für die Öffentlichkeit rosige Statements und Kaufsempfehlungen blieben. “Hände weg von Interspeed”, mailte ein UBS-Warburg-Analyst an die Investmentabteilung: “Lausige Umsätze, inkompetentes Management, kreative Buchhaltung”. Das Buy-Rating wurde jedoch aufrecht erhalten.
Jack Grubman, Telekom-Analyst-Superstar von Citigroup Global Markets, Inc., ehemals Salomon Smith Barney, half dem Investmentarm beim Lukrieren von insgesamt 790 Millionen Dollar zwischen 1999 und 2001, er selbst wurde mit 67,5 Millionen reichlich kompensiert. Citigroup hatte der Analysten-Abteilung sogar einen Geschäftsplan ausarbeiten lassen, wie dem Investment-Bankern besser gedient werden kann. Grubmans Berichte waren eher Novellen als brauchbare Analysen über den Zustand von Firmen zu verstehen. Die Expansionspläne der Firma “Focal” etwa wurden als “sexy” bezeichnet: “Sie würden das Bruzzeln dieser Erfolgstory unterstreichen”, dichtete er. Im November 1999 verbesserte Grubman, der wie sein ebenfalls “schillernder” Merrill-Lynch-Kollege Henry Blodget nun von jeglichen Aktiengeschäften auf Lebenszeit gesperrt wurde, plötzlich das Rating für den Telekom-Riesen AT&T von “neutral” (Note 3) auf “Buy” (Note 1). Nur wenige kannten die Hintergründe: Grubmans Boss, Citigroups Chairman Sanford “Sandy” Weill, gleichzeitig Mitgllied des AT&T-Aufsichtsrats, hatte Grubman ersucht, doch einen “frischen Blick” auf AT&T´s Aussichten zu werfen. Grubman willigte ein, ersuchte jedoch im Gegenzug Weill, sich für die Aufnahme seiner Kinder in die prestigeträchtigste Pre-School Manhattans, der “92nd Y” einzusetzen (Weill stiftete dafür eine Million Dollar über fünf Jahre). Promt erhielt Citigroup auch den Auftrag, “AT&T Wireless” an die Börse zu bringen. Einziger Widerstand gegen die Allmacht des Telekom-Gurus kam von den Brokern individueller Kleinanleger: “Wie kann ein Analyst so oft falsch liegen und trotzdem seinen Job behalten?”, wurde in Emails gefragt. Oder: “Wieviele dieser Bomben können wir verkraften, bevor wir endgültig alle Glaubwürdigkeit bei unseren Kunden verlieren.”
Genau dieser Vertrauensverlust sei für die Generation der Baby-Boomer so nachhaltig, schreibt Richard Dooling, Autor des Bestsellers “Bet your Life” über Versicherungsbetrug, dass die Investmenthäuser eigentlich bereits auf “neue Generationen Undschuldiger” hoffen müssen, “die sie über den Tisch ziehen können”. Zudem hielten es einige Bosse der beschuldigten Investmentbanken für angebracht, einen Gegenangriff zu starten – mit der Kernthese, dass letztendlich die Kleinanleger selbst schuld seien. Den Grundprinzipien von risikofreudigem Verhaltem im Kapitalismus würde es widersprechen, argumentierte etwa Merrill-Lynch-Boss Stanley O´Neal in einem Beitrag im Wall Street Journal, “wenn Investoren für jedem Verlust ein automatisches Recht zur Entschädigung eingeräumt wird”. Zu echter Einsicht könnte die Flutwelle privater Sammelklagen beitragen: Der Regierungsvergleich stellt eine regelrechte Blaupause für die seit 2000 eingebrachten 1.053 Schadenersatzklagen dar. Die darin angeführten Aktien repräsentieren einen Gesamtwertverlust von 1.900 Milliarden Dollar. Star-Anwalt Melvyn Weiss hat am “Southern District” von New York eine gigantische Sammelklage gegen 55 Investmentbanken und 309 weitere, der Marktmanipulation beschuldigter Firmen liegen – Investmentbanker hätten nun plötzlich Vergleichsgespräche angeboten, heißt es: Drei bis fünf Milliarden Dollar Schadenersatz seien im Gespräch. “Mit den uns jetzt vorliegenden Dokumenten könnten wir deren Kopf auf einem Silbertablett im Gerichtssaal präsentieren”, freut sich Weiss. Serienweise steigen andere Sammelkläger, viele berühmt durch erkämpfte Riesenentschädigungen gegen Hersteller von Diät-Pillen, Brustimplantaten, Asbest-Herstellern oder Rauchwaren, in die Klagswelle gegen Wall Street ein. “Wir machen selten Fehler bei der Auswahl unserer Opfer”, sagt Anwalt Stuart Meissner. Experten siedeln das Gesamtpotetial für Kompensationen bei 20 Milliarden Dollar an. Auch Spitzer selbst hat Blut geleckt: Fieberhaft arbeite er bereits an neuen Klagsschriften gegen Einzelpersonen, sagte er kryptisch. Experte Crimmins: “Es würde mich wundern, wenn nicht am Ende doch für einige die Handschellen klicken”.

# 5. Mai: Aufregung um die Hillary-Bio

Die Hillary-Hysterie in den USA hat neue Höhepunkte erreicht: Knapp ein Monat vor der Veröffentlichung der Memoiren der Ex-First-Lady und New-York-Senatorin Hillary Rodham Clinton (55) haben die Spekulationen, was Hillary tatsächlich über ihre dunklen Tage während des Jahrhundert-Oralsexskandals ihres Gatten Bill Clinton mit der Praktikantin Monica Lewinsky zu sagen hat, weit ernsthaftere News á la Irak-Machtvakuum oder der Steuerdebatte zur Wirtschaftsbelebung weitgehend überschattet. Am Wochenende drängten sich bei einer von Hillary veranstalteten “Baby Shower” (einer Geschenkpartie für Mütter knapp vor der Geburt) für ihre Ex-Pressesprecherin Lisa Capuso die großen TV-Talk-Divas Katie Couric, Diane Saywer und Barbara Walters um die Senatorin, um das erste große Enthüllungsinterview keilend. Acht Milionen Dollar hat Hillary für ihre Erinnerungen an die acht Jahre im White House unter dem Titel “Living History” erhalten, der Verleger “Simon & Schuster” liess eine Million Exemplare drucken – eine Rekordauflauge, die nur durch den Hillary-Totaleinsatz verkauft werden kann. Übersetzung: Mrs. Clinton wird den gesamten Frühsommer dominieren.
“Der lange Schatten der Clintons“, so Newsweek-Polit-Kolumnist Howard Fineman, liegt nach wie vor über der US-Innenpolitik: Trotz der Kriegspopularität von US-Präsident George W. Bush herrscht in einem laut Umfragen nach wie vor polarisierten 290-Millionen-Einwohnerstaat bei Millionen US-Bürgern eine Art Clinton-Nostalgie, Erinnerungen an die “guten alten Zeiten” niedriger Arbeitslosigkeit, robustem Wirtschaftswachstum und eskalierender Budget-Überschüsse. Hillary könnte durch ihre “meisterhafte Performance als Senatorin für New York” gepaart mit dem Hype um ihr Buch sogar zu einer Präsidentschafts-Kandidatur 2004 verleitet werden, sagt der konservative Kolumnist Bob Novak. Das Szenario fasziniert Polit-Junkies: Wie 1991 ein Bush-Clinton-Wahlkampf nach gewonnenem Irak-Krieg doch inmitten einer stotternder Wirtschaft.
Hinzu kommt, dass die bisher deklarierten, demokratischen Bush-Herausfodrderer – darunter die Senatoren John Kerry, John Edwards, Joe Lieberman, der Ex-Vermont-Gouverneur Howard Dean oder Kongress-Veteran Dick Gephardt – so farb- und chancenlos erscheinen, dass der TV-Sender ABC ihre erste Debatte erst um 23:30 Uhr ausstrahlte. Hillary würde, sollte sie antreten, die Primaries (Vorwahlen zur Kandidatenbestimmung) aus dem Stand mit über 40 Prozent gewinnen, die besten auf den Rängen kommen auf gerademal 15 Prozent. Dabei kämpfen die Demokraten gegen einen fast übermächtigen Gegner: Bush erfreut sich im Post-Irak-Krieg-Hoch 71 Prozent Zustimmung, im Wahlkampf will er 200 Millionen Dollar ausgeben und sich als Kriegsherr und Garant der Nationalen Sicherheit verkaufen.
In der schwer angeschlagenen Demokraten-Partei ist Hillary ohnehin längst die inoffizielle Führungsfigur: Beim größten “Fundraiser” (Wahlspenden-Sammel-Veranstaltung) des Jahres, riss die Senatorin, die in nunmehr zweieinhalb Jahren 200 Gesetzesinitiativen einbrachte, 1.500 Delegierte zu Begeisterungs-Stürmen hin. “Ich habe wirklich genug von den Leuten”, rief sie in den Saal als sei es bereits eine Präsidentschafts-Wahlrede, “die einen unpatriotisch nennen, nur weil man die Politik der Bush-Regierungs kritisiert”. Rethorisch so brilliant wie ihr Gatte geiselte Hillary die “Vergeudung der Budgetüberschüsse durch Steuergeschenke an Superreiche” und der schlimmsten Wirtschaftspolitik seit Desaster-Präsident Herbert Hoover. “Noch nie war der Unterschied zwischen Republikanern und Demokraten so groß wie jetzt”, rief sie: “Unsere Partie wird sich wieder erheben und triumphieren!” Sollte Hillary im nächsten Jahr nicht antreten, gilt ihre Kandidatur 2008 unter Politikbeobachtern als fast sicher.
Gatte Bill ist inzwischen ebenfalls nicht aus der US-Innenpolitik wegzudenken: Neben dem Scheffeln von vier Millionen Dollar pro Jahr mit seinen im Schnitt mit 200.000 Dollar teuren Vorträgen ist Clinton zur “Stratgie-Kommandozantrale”, so Fineman, der Demokraten geworden: Das “größte Polit-Genie seit Generationen”, so “Biograf” Joe Klein (“Primary Colors”, “The Natural”) berät fast alle Kandidaten, schlichtet Streitereien, erdenkt Siegerstratgien und Themenschwerpunkte. Doch der 56-Jährigen, berühmteste Politpensionist der Erde versucht auch weltweit die Wogen der Empörung wegen kriegerischer Bush-Alleingänge zu glätten: Der britsche “Guardian” enthüllte drei “geheime Irak-Kriegstreffen” zwischen den Freunden Blair und Clinton, wo er den Briten-Premier beraten hatte, zuletzt marschierte er an der Seite des mexikanischen Präsidenten Vincente Fox fast wie bei einem Staatsbesuch.
Durch ihren Status als ultimatives Polit-Powerpaar sind die immer wieder in den Tabloids aufflackernde Scheidungsgerüchte zwischen Hillary und Bill vorerst verstummt. Doch während Hillarys “Monicagate”-Buchkapitel nicht zu saftig sein sollen, so stellen sie, so ihre Freundinnen, nicht bloß ein schlichtes “auf die Finger klopfen” dar. Dabei schreibt Bill Clinton ebenfalls gerade an seinen eigene Memoiren für die er den Rekordverschuss von 12 Millionen Dollar erhielt. Geplante Veröffentlichung: Herbst 2004, mitten im Endspurt der Präsidentschaftwahl – und vielleicht als Topstratege seiner eigenen Frau als Bush-Herausfordererin.

# 25. April: Steve Jobs revolutioniert die Musik-Industrie

Nur sehr selten meldet sich Steve Jobs, Gründer der Kult-Computermarke Apple, außerplanmäßig an seine Fans. Stets werden die neuen Produkte und Software-Inovationen auf den „Macworld“-Shows in San Franzisko, New York, Paris und Tokio präsentiert – einer Art Woodstock für Technologie-Fans, wo der mit 76-Millionen-Dollar Jahressalär hochbezahlte Jobs mit stets schwarzem Rollkragen-Pulli, ausgewaschenen Jeans und Turnschuhen bejubelt wird. Doch vergangenen Montag meldete sich Jobs um 10 Uhr Ortszeit aus dem Headquarter der 5,7-Milliarden-Dollar-Umsatz-Firma in Cupertino, Kalifornien, via Satelliten-Live-Schaltung direkt an die Erdenbürger mit „Breaking News“ für das digitale Zeitalter: Apple habe den Stein der Weisen gefunden, der Online-Musik auch per legalem Service zum endgültigen Druchbruch zu verhelfen.
99 Cents soll ein Song kosten, verkündete Jobs, die Downloads anders als beim CD-Kauf im Musikladen á la Carte zusammengestellt werden können (ohne monatliche Fixgebühr), am Computer im beliebten Musikbox-Programm „iTunes“ gespeichert, abgespielt, auf CDs gebrannt oder in den Apple-MP3-Player „iPod“ ausgelagert werden. Apples Kalkül: Alles cool, alles kompatibel und ausgetestet – nach dem Slogan der TV-Spots „rip, mix, burn“ (Musik aus dem Internet laden, neu zusammenmischen und auf CD brennen). Und da das Service nur mit der eigenen Apple-Hardware funktioniert, hofft Jobs auch auf ein Ankurbeln der zuletzt stagnierenden Absatzzahlen der „Rolls Royce unter den Computern“ (Jobs) mit vier Prozent Marktanteil. „Es ist wie wenn hier der Weiße Ritter einreitet und den Drachen der alten Garde von Musikindustrie-Managern attackiert, die sich die Online-Musik immer noch gerne wegwünschen“, kommentiert Wall-Street-Journal-Kolumnist Tim Branchen euphorisch.
Für Apples Erfolg im Online-Musikgeschäft ist jedoch die Breite des Angebotes und die Deals mit Musikern, „Publishern“ und Labels entscheidend – dem juristischen Quagmire (Morast) des „Digital Rights Managements“ (DRM), in dem bisher andere Bezahl-Internetmusik-Services stecken geblieben sind: Songs von allen der „Big Five“ Labels – Universal Music, Warner, EMI, BMG und Sony – sind erhältlich, verspricht Apple.
„Es scheint Bewegung in den Markt gekommen zu sein“, sagt Lee Black von der Marktforschungsfirma „Jupiter Media“. Tatsächlich deuten Entwicklungen der letzten Wochen auf einen Wendepunkt im Geschäft mit der Online-Musik hin, mit der heuer 50 Millionen Dollar verdient werden könnte, 2004 bereits doppelt so viel:
# Neben dem neuen Apple-Servive, wurde auch über die Übernahme des Musikkonzern Universal um sechs Milliarden Dollar durch die Computer-Firma spekuliert;
# Vergangene Woche kaufte der Audio-Internet-Riese „Real Networks“ die Firma „Listen.com“, die eine der bisher zumindest halbwegs erfolgreichen Online-Musik-Börsen „Rhapsody“ betreibt.
Auf der „South“, der jährlichen Konferenz der Musikindustrie, gaukelten sich Musikmanager im Vormonat jedoch nach wie vor die heile Welt der so lukrativen CD-Geschäfte vor, wo der Konsument, der meist nur ein Musikstück will, dutzende andere mitbezahlt. Im texanischen Texas wurde mit Bands, Bier und Barbecue gefeiert, keine der über 50 an Online-Angeboten arbeitenden Internetfirmen war geladen worden. Mit Verkaufseinbrüchen im CD-Handel von bis zu 20 Prozent verfolgen die Labels nach dem juristischen Triumph über den Musiktauschbörse „Napster“, die mit 70 Millionen Menschen online und 14.000 Downloads pro Minute im Jahr 2000 der digitalen Musik im MP3-Format zum Durchbruch verhalf, lieber auf aggressive Strafverfolgung – inzwischen nicht mehr nur gegen die Tauschbörsen, die ihre Rechner längst nach Übersee verlegt haben, sondern Konsumenten illegaler Online-Musik selbst:
# Der Kommunikationsriese „Verizon“ wurde als Provider auf Herausgabe der Namen von Benützern geklagt, die Downloads durchgeführt haben. In Bezirksrichter gab in erster Instanz den Labels recht, das Verfahren geht in die Berufung – zuletzt stellte sich auch das US-Justizministerium auf die Seite der Musik-Industrie;
# Einzelklagen werden gegen vier Personen an einem Uni-Campus geführt, die in die Verbreitung von Online-Musik involviert waren – „ihr Leben scheint bereits vor dem Urteilsspruch ruiniert“, schreibt „USA Today“. „Es wird zunehmend persönlich“, warnt der Online-Musik-Experte Phil Leigh.
Trotzdem bringen es die Bezahlmusik-Alternativen – darunter die größten Pressplay, MusicNet, Rhapsody, MusicMatchMX und eMusic – zusammen gerade mal auf 300.000 User – während „Kazaa“, die beliebteste der „illegalen“ Musiktauschbörsen, 214 Millionen Mitglieder (!) ausweist. Obwohl das Angebot der Plattformen, die meist eine Monatsgebühr verrechnen, breiter und das Service besser wird, schreckt bisher ein Wirrwarr von Restriktionen, Auflagen und Unkompatibilitäten die Massen von bezahlten Downloads ab: Das beliebteste Online-Musik-Format, das 1997 im deutschen Frauenhofer Institut entwickelte MP3, ist etwa bei Pressplay und MusicNet nicht erhältlich. Unterschieden wird zwischen Downlaods und „Streams“, dem bloßen Anhören der Songs, das Brennen auf CDs kostet meist extra. Bei einigen Anbietern lösen sich nach Beendigung des Service bereist abgespeicherte Werke in Luft auf, viele Bands oder Sänger sind wegen Rechtsstreitigkeiten nicht erhältlich. „Diese Unternehmen sind nicht erfolgreich, weil die Verwendung zu restriktiv ist“, sagt Leigh.
Apple könnte der Durchbruch gelingen, wie es bereits mit dem eleganten „iPod“ 2001 auf Anhieb mit 26 Prozent zum Marktführer am 500-Millionen-Dollar-Markt für tragbare Digital-Player wurde (die Nummer 2 Rio hat 13 Prozent). Erste Tester waren begeistert, ihr Tenor: Musik herunterzuladen ist nun so einfach wie ein Buch bei Amazon.com zu kaufen.

# 21. April: Supermacht USA?

US-Präsdient George W. Bush konnte offene Hähme für seine Widersacher kaum verbergen. Mit breitem Grinsen, fast kindlichem Lachen, führte nach dem Kirchengang am Ostersonnatg nahe seiner Ranch in Crawford, Texas, flankiert von zwei Helikopterpiloten, aus, wie er niemals Zweifel an seinen Kriegsplanern hatte, keine Reue, sich dem Willen der Welt widersetzt und die Irak-Invasion angeordnet zu haben, keine Sorge, dass aus dem chaotische Post-Saddam-Irak eine “blühende Demokratie” zum Vorbild des ganzen Nahen Ostens werde. Anti-US-Demos sein genau die esten Anzeichen für die neuen Freiheiten im Irak. Auch andere “Terror-unterstützende” Schurkenstaaten hätten “die Botschaft verstanden”: Nordkorea lud zu Gesprächen über sein Atomwaffenprogramm ein, Syrien versprach die Auslieferung von Flüchtigen des Saddam-Clans, Iran hatte sogar die Aufnahme von diplomatischen Bezeihungne mit dem “Großen Satan USA” vorgeschlagen. Und Saddam? “Wenn er am Leben ist, soll er seinen Kopf nicht rausstecken”, sagt Bush gutgelaunt.
Fühlt sich der nach einer umstrittenen Nachwahlshowdwon als Polit-Leichtgewicht ins Weiße Haus eingezogene, nach dem Terror-Horror des 11. September zum aggressiven Kriegsherren mutierte Texaner zu recht am Zenit seiner Laufbahn, als Art Cäsar des Imperiums USA, einer Hegomonialmacht mächtiger als das Römische Reich? Der militärische Sturz des Regimes von Saddam Hussein in nur drei Wochen und bloß knapp 100.000 Bodentruppen verblüffte selbst Gegner des “Irak-Abenteuers” (Deutschland-Kanzler Gerhard Schröder). Der “Dreiwochen-Krieg”, wie in Washington-Post-Starjournalist Bob Woodward taufte, unterstrich den Status der US-Armee als “schlicht unbesiegbar”.
Eiphorisch wird bereits eine neue Weltordnung diskutiert: Die Weltmacht könnte fortan ihre Streitkräfte in weitere Schurkenstaaten schicken, wo Terroristen und Massenvernichtungswaffen vermutet werden. Als weitere Angriffziele wurden bereits vor einem Jahr in der “Achse des Bösen” der Iran und Nordkorea ausgewiesen, Syrien gesellte sich während des Irakkrieges hinzu, da es Waffen geliefert und Flüchtlingen des Saddam-Clans Unterschlupf gewährt haben soll. Der Weltenplan neukonservativer Hardliner, die nun mehr das Ohr des Präsdienten haben denn je, ist der Unilateralismus, da “Verträge und Institutionen den Handlungsspielraum der Supermacht nur unnötig einschränken”, wie es Pentagon-Vize Paul Wolfowitz sieht. Der durch das Diplomaten-Fiasko schwer angeschlagene UN-Sicherheitsrat und das gespaltene Europa könnten künftig jedenfalls noch weniger Widerstand leisten.
Doch gleichzeitig glauben viele, darunter der französische Philosoph Emanuel Todd, dass der Sturz der Saddam-Bronzestatue am Firdoplatz in Bagdad den Abstieg eines “arroganten Imperiums” einleitete, dass sich schlichtweg übernommen hat. Der Wiederaufbau des “51. US-Bundesstaates Irak”, so Woodward, werde kompliziert und teuer. Anders als das Britische Imperium, das Überschüsse zu Haus in seine Kolonien investierte, ist der Amerikas mit 6.460 Milliarden Dollar (22.242 pro Bürger) hoch verschuldet. Über 8.000 Milliarden Dollar ist der Anteil ausländischer Investoren an der US-Wirtschaft. Und, so Ex-Präsident Bill Clinton, der in den 90igern Amerikas Einfluss via einer verstärkt globalisierten Wirtschaft vergrößern wollte, warnte: “Das Paradigma der Regierung scheint zu sein: Weil uns der Elfte September passierte, muss die ganze Welt fortan mit uns immer übereinstimmen – “und wenn nicht, können sie zur Hölle fahren”, sagte Clinton bei einem Seminar.
Als “Herren der Welt”, wie der Spiegel bereits die zweite Cover-Story innerhalb eines Jahres taufte, ist der 290-Millionen-Einbwohnerstaaat, gegründet 1776 durch die Unabhängigkeitserklärung, tatsächlich ein in fast allen Sparten unerreichter Koloss:
# Mit 379 Milliarden Dollar gibt die USA im Jahresbudget 2004 für ihre Armee achtmal so viel wie Japan aus, neunmal so viel wie Frankeich, Großbritannien oder China. Vier Prozent der Weltbevölkerung investieren 42 der weltweiten Militärausgaben, inklusive Militärbasen in 40 Staaten, 12 gigantische Flugzeugträger, mit Begleitflotillia regelrechte schwimmende Kampfstationen, am Rader unsichtbare “Stealth”-Kampfbomber samt Hochtechnologie wie aus einem Science-Fiction-Film. Die US-Streitkräfte sind verlinkt durch ein Netzwerk weltumspannender Kommunikations- und Spionage-Satelliten – und gefechtsbereit in inzwischen jeden Winkel der Erde innerhalb weniger Wochen – kurz, eine praktisch unbesiegbare Armee.
# Fast 11.000 Milliarden Dollar werden die Amerikaner heuer erwirtschaften, etwa gleich viel wie die 25 Staaten Europas, die künftig die erweiterte EU bilden werden und doppelt soviel die Nr. Zwei im Staatenranking Japan. US-Konzerne dominieren zahllose Industriezweige in der globalisierten Weltwirtschaft – von den Finanzzentren New Yorks, der New Economy des kalifornischen Silicon Valleys bis zu den Kulturexportschlagern Hollywoods. “Fakt ist”, meldet sich der konservative Kolumnist Charles Krauthammer zu Wort, “dass die USA so kulturell, wirtschaftlich, technologisch und militärisch dominant sind wie niemand seit dem Römischen Imperium mehr”.
In den 90igern war die USA jedoch eine eher gemütliche Supermacht, “eine imperiale Macht im Wartestand”, so Historiker. Die Goldgräberstimmung der Internet-“New Economy” dominierte, Ex-Präsident Bill Clinton griff militärisch eher zögernd ein, 1995 in Bosnien, 1999 im Kosovo, immer bedacht, dass keine US-Soldaten zu Schaden kommen. Während Washington-Insider nach dem Amtsantritt des Texaners im Jänner 2002 eher über seine Syntax-Probleme und frühe Bettstunden witzelten, wurde der Etablierung des konservativsten Regierungskabinetts seit Generationen wenig Beachtung geschenkt: Vize Dick Cheney, Verteidigungsminister in Golfkrieg I, hatte 1993 in im Strategie-Papier “Defense Strategy for the 1990s” die Sucht nach Weltherrschaft formuliert: Die USA solle demnach “die Welt beherrschen”, das Leitmotiv der Aussenpolitik sei der “Unilateralismus” (Alleingänge), durch Ausbau seiner überwältigenden Militärmacht sollte der Aufstieg potentieller Rivalen niedergehalten werden, der Plan ruft auf zur Dominanz über Allierte wie Freunde. Cheneys Mitautoren kehrten ebenfalls allesamt in die Regierung zurück: Colin Powell, obwohl etwas gewandelt, wurde Aussenminister, Paul Wolfowitz Vizeverteidigungsminister, Lewis “Scooter” Libby, Cheneys Stabschef. Wie Wolfowitz hatte auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld während der 90iger immer wieder auch zur “Entfernung Saddam Husseins von der Macht” aufgerufen. Unter Bush II wurde auch das “Defense Policy Bord”, ein “geheimes” Beratergremium des Pentagon, das bloß Datum und Uhrzeit seiner Treffen nicht jedoch den Inhalt veröffentlichen muss, zum einflussreichsten Zuflüsterer: Vorsitzender der Runde abgehalfteter, stockkonservativer Ex-Generäle und Polit-Grüßen (von Ex-Aussenminister Henry Kissinger bis Ex-Vize Dan Quale, Ex-“Speaker” Newt Gingrich oder Ex-CIA-Chef James Woolsey) war bis zu seinem Rücktritt wegen Interessen-Konflikten Richard Perle, der als “Prinz der Finsternis”, so Regimegegner in den USA, den Kopf Saddams forderte. Zuletzt freute sich Perle in einem Beitrag für die slowenische Zeitung “Delo”, dass nun mit Saddam auch gleich die UNO gestürzt worden sei. Die könnten sich fortan “mit guten Werken” befassen, beschimpfte er die Diplomaten im UN-Hauptquartier als “aufgeblasene Schwätzer”.
Gleich in den ersten Bush-Amtsmonaten, musste die Welt erkennen, dass fortan ein steifere Briese aus Washington weht:
# Bush zog die Unterschrift von dem 1997 von Vize Al Gore ausverhandelten Kyoto-Klimaschutzprotokoll zurück und wollte das Treibhaus-Phänomen mit mehr Studien weiter untersuchen;
# Wegen Rumsfleds Vision eines “Star Wars”-Raketenschutzschildes setzte Bush auch den 1972 mit der damaligen Sowjetunion unterzeichneten ABM-Vertrag ausser Kraft, das Kernstück der nuklearen Abrüstung für fast drei Jahrzehnte;
# Dann wurde die von Vorgänger Bill Clinton zugesagte US-Teilnahme am Internationalen Strafgerichtshof, der unterstützt von immerhin 60 Staaten ab 1. Juli in Den Haag Kriegsverbrecher zur Rechenschaft bringen soll, zurückgenommen. Die Vorstellung, dass dieser Gerichtshof auch Amerikaner ins Visier nehmen könnte, war für das Weiße Haus unvorstellbar;
Doch erst nach “Nine/Eleven”, wie die Amerikaner die Jumbo-Anschläge auf die Twin-Towers und das Pentagon nennen, fand sich für die alte Strategie von Rumsfeld & Co der gemeinsame Feind für eine aggressive Aussenpolitik – mit Grundsteinen einer neuen Weltordnung, die Alleingänge der USA auch in Zukunft wahrscheinlicher machen:
# Terror-Organisationen und – “erstmals seit über 30 Jahren Terror gegen die USA”, so Ex-Bush-Redenschreiber David Frum – Staaten, die sie beherbergen, wird der Krieg erklärt. Unter Bush-Doktrin Nummer Eins wurden in Afghanistan, noch mit Unterstützung der UNO und der Mehrheit der Weltbevölkerung, die Taliban von der Macht vertrieben;
# Mit Golfkrieg II wurde Bush-Doktrin Nummer II exekutiert, wo sich die USA das Recht auf Präventiv-Kriege gegen Staaten herausnimmt, die in der Zukunft eine Bedrohung der Nationalen Sicherheitsinteressen der Supermacht darstellen. Das wurde sogar in der “National Defense Strategy”, der offiziellen Blaupause der US-Militärs aufgenommen, mit einem Absatz über den Einsatz von Nuklearwaffen zum Penetrieren besonders tief verborgener Bunker.
Der größte Preis für die siegreichen US-Militärs im Irak ist die Etablierung weiterer Militärstützpunkte unter Duldung einer “amerikafreundlichen Regierung in Bagdad” im Herz der Moslemwelt: Eine beim Internationalen Flughafen der Irak-Kapitale, eine zweite bei Tallil nahe Nassirijah, eine dritte am Flugfeld H1 in der westlichen Wüste. Bereits durch den Afghanistan-Krieg wurden in Kandahar, Bagram und Mazar-i-Sharif neue Militärstützpunkte etabliert, dazu einer jeweils in den Ex-Sowjetstaaten Usbekistan und Kirgisien. “Dadurch wird die USA unabhängiger von zuletzt widerspenstigen Verbündeten wie der Türkei und Saudiarabien”, sagte Ex-NATO-General Wesley Clark.
Bush selbst bleibt für seine Wiederwahl im November 2004 hauptsächlich nur das Kriegsthema: “Seine Innenpolitik ist ein Witz”, schreibt Star-Autor Joe Klein in “Time”: Es gäbe kein Programm ausser Steuersenkungen für die Reichen und Aushebeln von Gesetzesstandards zugunsten von Großfirmen. Im Wahlkampf könnte Bush die Wirtschaftsflaute dem andauernden “Krieg gegen den Terror” in die Schuhe schieben und sich wie bereits erfolgreich bei den Midterm-Wahlen als Garant der Sicherheit der US-Bürger verkaufen.

# 14. April: Gerettet aus der Irak-Hölle

Der Horror des Irakkrieges erreichte Eunice and Claude Johnson in ihrem kleinen Einfamilienhaus in El Paso, Texas. Unscharfe, verwackelte TV-Bilder zeigten ihre 30-Jährige Tochter Shoshana am 23. März als Kriegsgefangene der irakischen Armee: Verstaubt von einem brutalen Feuergefecht, bei dem neun Kameraden fielen, ihre Stimme zitternd, als sie langsam ihren Namen sagt, ihre Augen voller Todesangst. Der Schock hatte die Johnsons regelrecht paralysiert: Wie sollten es Shoshanas dreijähriger Tochter Janelle beibringen? Wie sollten sie ihre eigene Hoffnung am Leben erhalten? Wie den Medienansturm bewältigen? Zeitig in der Früh um 5 Uhr, Palmsonntag, 22 endlose Tage nach der Gefangennahme der Armee-Köchin, läutete das Telefon. Im sperrigen Armee-Vokabular wurde Mrs. Johnson mitgeteilt, dass ihre Tochter am Leben sei, gerettet von dem Marines des „3. Leicht Bewaffneten Aufklärungsbatalion“ in Samarra, 35 Kilometer südlich von Tikrit. Sie sei am Weg nach Kuwait. Weinend umarmte sich die Familie, Kleinkind Janelle, die nie wirklich genau die vermeintliche Tragödie verstanden hatte, schlief noch.
„Specialist“ (Spc) Shoshana Johnson kommt, bereits an Bord eines C-130-„Hercules“-Transportflugzeuges am Telefon bei ihrer Familen zunächst kaum durch, die Leitung war von Glückwunschbringern und Journalisten ständig „besetzt“, fast bereits verärgert hinterließ sie eine Nachricht in der Handy-Mailbox ihrer Tante. Beim ersten Telefonat rollen dann die TV-Kameras im Wohnzimmer der Johnsons: Eunice stammelt „Die wirst wieder werden! Du wirst wieder werden!“. „Hi Mommy“, sagte dann die kleine Janelle, alle im Raum der beginnen zu weinen – und mit ihnen ganz Amerika. Denn neben Johnson wurden alle weiteren sechs US-Kriegsgefangenen, POWs („Prisoners of War“) im Militärjargon, in guten Zustand gefunden: James Riley (31), Joseph Hudson (23), Edgar Hernandez (21) und Patrick Miller (23) wie Johnson von der „507th“-Instandhaltungscompany, dazu die Tage später nach ihrem Crash mit einem „AH-64D Apachee Longbow“-Helikopter gefangenen Piloten Ronald Young Jr. (26) und David Williams (30). POW Nummer Acht, die 19-Jährige Jessica Lynch war in einer dramatischen Spezialkommando-Befreiungsaktion aus einem Spital in Nasiriyah gerettet wurden – ihre Story samt einem „Newsweek“-Cover hielt die USA tagelang in Atem, der TV-Sender ABC hatte sich zuletzt die Filmrechte gesichert.
Nun hat das Happy-End der Rettung aller Irakkrieg-POWs die USA in eine regelrechte Euphorie versetzt: Tagelang traten die Familien der Geretteten vor ihren Suburb-Häusern in Texas, Georgia, New Jersey und Virginia vor die TV-Kameras, priesen Gott, die Armee und die Nation. Ganze Kleinstädte wurden durch Heimkehrparties in Karnevall-Stimmung vesetzt. Fasziniert hat die Story ihrer Gefangennahme und dreiwöchigen Odyssee durch den Zentralirak. Gleich an Bord ihres Fluges aus dem Irak nach Kuwait gaben sie „Washington Post“-Reporter Peter Baker einen dramatischen Bericht. Falsch abgebogen seien sie, erzählt Johnson über den Beginn des tödlichen Fehlers des Zuges der „507th: „Plötzlich rollten wir in die Stadt Nasiriyah, die noch nicht von den Marines gesichert worden war“. Kein gewöhnlicher Hinterhalt sei das gewesen, sondern eine Todesfalle. Als hätten sie gegen „die ganze Stadt gekämpft“, so Riley: „Wir waren umzingelt, wir hatten keine funktionierenden Waffen, wir hätten nicht einmal einen Bajonett-Nahkampf geschafft. Und fügt fast als Entschuldigung hinzu: „Wir hatten keine andere Wahl, als aufzugeben, Sir – sie hätten uns niedergemäht.“ Die Truppe hätte auch nie kämpfen sollen: Sie sind Köche, Mechaniker, Nachschub-Spezialisten. Neun des Zuges starben im 15-Minütigen-Kugelhagel wo sie niedergingen, Johnson hatte ein Kugel beide Füße durchschlagen, Hernandez war im Arm getroffen, Hudson hatte drei Kugeln abbekommen, zwei in die Rippen, eine in die linke Gesäßhälfte. „Wie in einem Film“ sie die Szene gewesen, so Miller. Die Überlebenden warfen die Waffen weg, hoben die Hände, und wurden teils brutal überwältigt: Die Iraker traten sie mit Füßen, prügelten auf sie ein mit Stöcken, fesselten sie, verbanden die Augen, durchkämmten ihre Fahrzeuge und Ausrüstung. Johnson und Lynch wurden, nachdem sie als Frauen identifiziert waren, sanfter behandelt. Miller in Todesangst fragt die Iraker: „Werdet ihr uns töten?“ Sie hätten es verneint, doch er habe ihnen „kein Wort geglaubt“, sagt er. Die Gefangen werden sofort nach Bagdad transportiert, dort in Einzelzellen mit dünnem Wellblechdach interniert. Lynch, schwer verletzt, bleibt zurück in einem Spital in Nasiriyah. Die Verhöre beginnen, werden oft mit verbundenen Augen durchgeführt, wenn immer die Videokamera filmte, jedoch ohne. Immer noch wundern sich die POWs über die Freundlichkeit der Iraker: Entspannt hätten sie sich in ihren Sesseln zurückgelehnt, Zigaretten geraucht und Wasser aus Plastikflaschen getrunken. „Warum seid ihr hier?“, wird immer wieder gefragt: „Warum tötet ihr Kinder und Frauen?“ Uniformen und persönliche Sachen müssen die Gefangenen abgeben, sie tragen zerschlissene, gestreifte Pyjamas. Zwei bis drei mal pro Tag gibt es Wasser, Tee, zwei Schalen Reis, Brot und manchmal Huhn. Sie schlafen meist am Betonfußboden, dürfen weder Duschen noch ins Freie. Die durch Schusswunden verletzten werden operiert und verarztet.
Später kommen die beiden „Apachee-POWs“ im Gefängnis an: Williams und Young waren bei einem Helikopter-Angriff ins Sperrfeuer der irakischen Verteidiger geraten und abgestürzt (33 weitere Apachees mussten durchsiebt von Maschinengewehrfeuer die Flucht antreten). Die Piloten befreien sich aus dem Wrack, funken um Hilfe. Die Iraker stürmen jedoch rasch in Richtung des brennenden Helikopters, die Amerikaner laufen davon. „Wir drehten uns um und sahen die Taschenlampen-Strahlen“, erinnert sich Williams. Sie hechten in einen Kanal, schwimmen leise davon. Aus Angst vor Unterkühlung kriechen sie an Land, rennen zu einer Baumlinie. Über ihnen fliegt ein anderer Apachee, von dessen Unterseite Flammen züngeln. Im Mondscheinlicht werden sie jedoch rasch von Bauern, bewaffnet mit Gewehren, gestellt, die sie überwältigen, mit Stöcken verprügelen, ihnen ein Messer an die Kehle halten und den Soldaten später überstellen.
Während ihrer Kriegsgefangenschaft in Bagdad erleben die fortan Sieben die Bombennächte hautnah mit, erzählen sie nach ihrer Befreiung: „Manchmal hörten wir die Bombenhülsen der A-10-Kampfjets am Boden aufschlagen“, so Riley. Später erzittert das Gebäude, als eine Bombe in weniger als 50 Meter Entfernung detoniert. Je näher die US-Armee auf Bagdad vorrückt, desto öfter werden die Gefangen verlegt. Ihre Bewacher, längst keine Hardliner des Irak-Regimes mehr (zuletzt verwendeten sie ihr eigenes Geld, um den „Yankees“ Essen zu kaufen), glauben, dass sie durch ihre Gefangen selbst später ins Kreuzfeuer der US-Armee geraten würden. „Wir waren die Bastard-Kinder des Irak“, so Young: „Niemand wollte uns haben“. Andere Bewacher lassen ihren Emotionen freien Lauf: Köchin Johnson erzählen sie, ihre Mutter im TV gesehen zu haben. Ausgerechnet beim Fall von Bagdad scheint für die POW die konstante Todesangst der vergangenen Wochen zu kumulieren. „Ich dachte nur mehr, dass sie uns nie finden werden“, sagt „Single Mum“ Johnson: „Und, dass sich unsere Bewacher von uns entledigen werden, uns schließlich töten“.
Mit einem Knall öffnet sich die Türe in ihrem letzten Gefängnisort in Samarra. „Get down! Get down!“ brüllen herein stürmende Marines. Und: „Wenn ihr Amerikaner seid, steht auf!“ Mit Bärten und verwahrlost ohne Dusche seit Wochen unterscheiden sie sich kaum von den irakischen Häftlingen. Shoshana Johnson kommt in der Verwirrung fast zu Schaden, als sie aufsteht und ein US-Soldat sie dennoch für einen Iraker hält: Wieder schreit er „Get down“, den Finger nervös am Abzug. Ein anderer Soldat gibt schließlich Entwarnung: „Nein, sie ist Amerikanerin“. Johnson bricht voller Emotionen fast zusammen als sie erkennt, dass sie ihre Tochter, die in drei Monaten den dritten Geburtstag feiert, wiedersehen wird. „Oh mein Gott“, habe sie sich gedacht, „Ich fahre nach Hause!“. Beim ersten Telefonat mit ihrer Mutter hat sie sich offenbar wieder gefangen: Sorgen mache sie sich über all die TV-Bilder und Fotos, die sie mit verwahrlostem Zopfmuster in den Haaren zeigen. „Bist du verrückt“, ruft Eunice ins Telefon: „Du machst dir Sorgen um deine Frisur?“

# 15. April: Das Comeback von Monica L.?

Eigentlich ist es ja fast ein schlechter Witz, dass ausgerechnet Monica Lewinsky, 29, berühmteste White-House-Praktikantin mit der vielleicht tragikomischsten Affaire aller Zeiten, via nationales Fernsehen Tips bei der Liebesanbahnung gibt. Doch da steht die ehemalige Oralsexpartnerin von US-Präsident Nummer 42, William Jefferson Clinton, mit schicker Lederjacke in einem TV-Studio des rechten US-Patriotenkanals “Fox TV” an der Seite der hübschen Börsenmaklerin Hayley und hilft ihr bei der Suche nach “Mr. Right”. Doch nicht das Aussehen der 19 angetretenen Männer soll Miss Havley verführen, sondern Persönlichkeit und Charakter. “Mr. Personality” tauften die Fox-Manager den “Herzblatt”-Verschnitt und hoffen auf mehr Erfolg als mit ihrem letzten Liebesjoe, wo sie der Held “Joe Millionäre” als präpotenter Pleitier entpuppte. Lewinsky sei jedenfalls, sagte sie dem US-Magazin “Newsweek”, bestens gerüstet für ihre Rolle als TV-Host: “Schließlich war mein eigenes Leben eine Art Reality Show”.
Die dralle Kalifornierin steht mit der Premiere der Fox-Show am Ostermontag damit zweifellos am Höhepunkt ihrer bisher eher trist verlaufenen Post-Monicagate-Skandal-Karriere: 1999 vergoldete sie ihre Berühmtheit mit dem Blockbuster-Buch “Monica´s Story” von Diana-Biografen Andrew Morton und spektakulären TV-Interviews (das mit ABC´s Talkkönigin Barbara Walters war gratis, für ein britisches kassierte sie 700.000 Dollar). Doch dann blieben nur mehr obskure Angebote von italienischen und russischen Pornofilm-Produzenten, ein eher als Hobby zu bezeichnendes Handtaschen-Geschäft, wo sie über das Internet (www.therealmonica.com) Eigendesigns verkauft – und eine gescheiterte Abmagerungskur für den Diätriesen “Jenny Craig”. Internationale Journalisten tormentierte sie mit horrenden Preise und strengen Auflagen, keine Fragen über die elf Oralsex-Begegnungen in der Besenkammer hinter dem Oval Office stellen zu dürfen. Zuletzt wurde ein geplantes Interview für den Italienstaatsfunk RAI wegen einer Protestwelle abgesagt: 10.000 Euro hätte der Sender allein für Ms. Lewinskys Shopping und Sightseeingtour durch die Ewige Stadt bezahlt.
Eigentlich sei ihr das wichtigste im Leben ihre Privatspähre, sagt sie in ihrem aktuelles Interview mit dem US-Wochenmagazin, das sie gleich mit zwei Public-Relation-Aufpassern abhielt. Vielleicht sind es die logischen Nachwirkungen des Clinton-Jägers Ken Starr, der alle erdenklichen Details der zweieinhalbjährigen Affäre auf 530 Seiten der Weltöffentlichkeit zugänglich machte. Warum sie dann mit einer TV-Show noch mehr Aufsehen um ihre Person kreiert. “Warum ich mir das antue?”, wiederholt sie die Frage: “Weil ich so etwas noch nie probiert habe und es ist besser bei etwas zu versagen, als es nie zu versuchen”, sagt sie. Ihr Leben sei ohnehin öffentlich, bei jedem Spaziergang im sonst recht anonymen New York werde sie erkannt – manchmal schmerzen die einschlägige Witze über ihre Vergangenheit als Präsidenten-Groupie. Doch immerhin: Polit-Pensionist Bill Clinton hat es im TV bisher gerade mal zu einer langatmigen Debatte mit seinem Ex-Präsidentschaftswahlkampf-Gegner Bob Dole gebracht, dessen ebenfalls berühmt gewordenen Gespielin Paula Jones garade mal zum Damen-Boxen ebenfalls auf Fox.
Profis attestieren Lewinsky, die für die Show offenbar vom Rekordgewicht von 105 Kilogramm im vergangenen Sommer abspeckte, als TV-Star durchaus Talent. “Mr. Personality”-Produzent Brian Gadinsky: “Ich habe ihre erste Aufzeichnung gesehen und war erstaunt, wie natürlich sie ist – Leute kommen entweder am Schirm rüber oder nicht, sie hat es jedenfalls”. Lewinsky dürfte damit weiter locker die ortsübliche Horror-Monatsmiete von fast 5.000 Dollar für ihr Luxusappartment im Ziegelgebäudekomplex “Archive” im schicken New Yorker West Village berappen können. Mehrmals hatte sie zuvor auch ihren Wunsch geäußert, den einen Dauerfreund zu finden und auch eine Familie zu gründen. “Ich habe wechselnde Liebschaften”, sagt sie auf die Frage, ob sie in der Show nicht lieber selbst die unter den vielen Männern auswählende Frau gespielt hätte. Ob sie die feschen Verlierer letztendlich trösten kann, bleibt abzuwarten, nach all ihren Erfahrungen mit Sex am Arbeitsplatz. “Ich hätte mir dieses Recht in den Vertrag schreiben lassen sollen”, sagt sie lachend.

# 7. April: Urban Warfare

Die Vorstöße der US-Armee nach Downtown Bagdad kamen schnell und tödlich: Eine Kolonne aus 60 Panzer und dutzenden Kampf-Vehikel ratterten mit 40 Stundenkilometer die Boulevards hinunter – schossen auf irakische Panzer, Soldaten, Guerillakämpfer. Zivilisten gerieten oftmals ins Kreuzfeuer. Bei der ersten, vierstündigen „Testrundfahrt“ knapp am Zentrum vorbei starben mindestens 1.000 Iraker, und nur ein einziger „Marine“. Die Kriegsplaner schienen ermutigt: Schon zwei Tage später stieß ein weiterer Kampf-Konvoi direkt in den Regierungsbezirk im Zentrum vor, ratterte durch das „Parade-Feld“ und dem weltberühmten „Al-Rashid“-Hotel vorbei, Soldaten durchkämmten einen Saddam-Hussein-Palast, stürzten eine 12 Meter hohe Bronze-Reiter-Statue vom Sockel – und einige der Streitkräfte setzten sich in der Metropole fest.
Waren die Warnungen vor einem Blutbad bei der urbanen Kriegsführung á la Mogadischu, wo 1993 eine Kommandoaktion in der Somalia-Stadt in einem Fiasko mit 18 toten US-Soldaten endete, verfrüht? Ist die US-Armee Saddams Truppen auch im Nahkampf in den Häuserschluchten der Metropole so überlegen wie in dem dreiwöchigen Blitzkrieg bisher? „Wir haben die bessere Ausrüstung, totale Lufthoheit und bessere Aufklärung, die sogar den Heimvorteil der Iraker wettmachen könnte“, ist Thomas Houlahan, US-Militärexperte und Veteran der „82nd Airborne“, überzeugt. Bagdad, anders als die engen Slum-Gässchen Mogadischus, macht durch breite Boulevards den Einsatz der überlegenen M1A1-Abrams-Panzer möglich, so Houlahan, Aufklärungs-„Predator“-Dronen liefern einen „Live“-Überblick der Kampfhandlungen und Satelliten-Bilder der Stadt exakte Planungsunterlagen.
Die US-Armee greift die Sechs-Millionen-Einwohner-Stadt mit jenem Truppenmix an, der den bisherigen Vorstoß im Irak exekutierte:
# Die „101st Airborne“, 20.000 Soldaten mit ihrem Heimatstützpunkt Fort Campbell, Kentucky, ist eine Luftangriffsdivison mit 270 Hubschrauber, die meisten AH-64-„Apachee“-Kampfhubschrauber – die Einheit feuerte am 17. Jänner 1991 die ersten Schüsse von Golfkrieg I, lieferte in der „Operation Anaconda“ 2002 die blutigsten Bodenkämpfe im Afghanistan-Krieg;
# Die „3rd Infantry Division“, 15.000 Mann aus Fort Stuart, Georgia, ist eine hochmobile Eingreiftruppe mit M1A1-Abrams-Panzern, M2A2-„Bradley“-Kampfvehikel und Apachees;
# Die „1st Marine Expeditionary Force“ von Camp Pendelton, Kalifornien, ist eine gemischte Einheit aus Boden- und Lufteinheiten, sowie Unterstützungs-Truppen für die Logistik.
# Daneben operieren Eliteeinheiten für „Special Operations“ in Kommandoaktionen, etwa die Jagd auf Saddam Hussein und Schlüsselfiguren des Regimes: Eingesetzt hat das Pentagon die „Delta Force“, „Green Berets“ und „Rangers“ – sie haben den Auftrag, Mitglieder des Saddam-Clans zu finden und zu töten, Ziele für Luftschläge zu „markieren“, Brücken zu sprengen. Mit 10.000 Mann (von insgesamt 100.000 Bodentruppen) sei „der Anteil der Special Ops so groß wie in keinem Krieg zuvor“, sagte Major-General Stanley McChrystal im CENTCOM-Headquarter in Doha, Katar.
Überlegen im Häuserkampf soll die US-Soldaten ihre High-Tech-Ausrüstung machen: Jeder verfügt über Nachtsicht-Brillen, die Restlicht wie den Mond oder Stadtbeleuchtung in Neutronen umwandeln und die Bilder auf einen Phosphor-Schirm projezieren; eine GPS-Satelliten-Navigationshilfe zur exakten Standortbestimmung; einen Spiegel, für das Spähen um Häuserecken oder unter Türspalten; eine Aluminiumleiter; ein Seil mit Hacken zum Erklettern oder Abseilen von Balkonen; Farbe zum Markieren von Zielen. „Die schusssichere Weste aus Kevlar schützt zwar nicht gegen schwere Maschinengewehrkugeln, doch leichtere Angriffswaffen und Granatsplitter“, so Experte Houlahan. Die Soldaten marschieren in Gruppen zu Acht, gehen methodisch von Tür zu Tür und sichern Straßenblock nach Straßenblock.
Die Vorarbeit führen die „Abrams“-Panzer, deren Feuerkraft überwältigend doch deren Möglichkeit zu Zielerfassung durch Limitationen in der Rohrbewegung beschränkt ist, und „Bradley“-Kampffahrzeuge, ausgestattet mit einer 25-Millimeter-Kanone und Raketenwerfern, durch: Die „Tanks“ schalten gepanzerte Fahrzeuge der Iraker aus, attackieren Schützengräben und Gebäude, aus denen gefeuert wird. Für den Stadtkrieg bilden die Verbände gemischte Teams, erläutert Houlahan: „Ein Team mit einem Panzerschwerpunkt greift an mit zwei Platoons, zu je 34 Soldaten, mit je vier Panzern und einem Platoon mit Infanterie-Soldaten und zwei Bradleys“, so der Veteran. Ein Team wäre verantwortlich mit dem „Säubern“ von zwei Straßenzügen, ein methodisches Durcharbeiten durch alle Häuser – ein Prozess, der Stunden bloß für einige Straßen dauern könnte.
Überlegen sind die US-Truppen auch in der Luft: Die „Apachee“-Helekopter, bezeichnet als „fliegende Tanks“, können auch heftigem, für urbane Kriegsführung typischen Maschinengewehrfeuer widerstehen und sind ausgestattet mit „Hellfire“- und 70-Millimeter-Raketen; der „Black Hawk“-Helikopter, abgeschossen in Magadischu und durch den Film „Black Hawk Down“ weltberühmt geworden, dient zum Truppentransport, ist jedoch anfällig für RPGs („Rocket Propelled Granades“). Kampfjets wurden mit „kleineren“, 500-Pfund-Bomben ausgestattet, um strategische Ziele in der Stadt anzugreifen.
Die Verteidiger der Stadt setzen hingegen auf Guerilla-Taktiken, Hinterhalte und schnelle Hit-and-Run-Angriffe: Scharfschützen feuern von Gebäuden aus auf vorrückende Truppen. Moscheen und historische Gebäude bieten Schutz vor der Feuerkraft der Amerikaner. Soldaten verkleiden sich mitunter auch als Zivilisten, die russischen T-72-Panzer können in Garagen oder hinter Mauern versteckt werden. Straßenzüge und strategisch wichtige Gebäude können auch vermint sein, Sprengfallen an Eingängen und Fenstern montiert worden sein. Unterirdisch gibt es noch das gigantische Tunnel- und Kanalsystem Bagdads, vielleicht die letzte Zufluchtstätte kämpfender Irak-Truppen.

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