# 23. September: Killer Isabel


Selbst Tage nach dem Landfall des Killersturmes Isabel regiert in den großflächigen Vororten rund um die US-Hauptstadt Washington das Chaos. Zu hören ist das Knattern von Motorsägen, die umgefallene Bäume zerkleinern, das Summen der hydraulischen Hebebühnen für die Arbeiter der Stromgesellschaften, die mühsam von Haus zu Haus Stromkabel und Verteilerkästen neu montieren; zu riechen ist übler Gestank von sich ansammelnder Fäkalien durch den Ausfall von Kanalpumpen; zu sehen die Ungerechtigkeit, wie die Naturgewalt in einer Straße ein Haus völlig unversehrt ließ, dem nächsten einen Baum im Wohnzimmer bescherte, einem weiteren das Dach auf die Straße blies. Ungerecht erscheint vielen auch die Zufälligkeit der Wiederherstellung der Stromversorgung: In der gleichen Straße strahlen grell erleuchtete Häuser neben dem orangefarbenen, schwachen Schein der Kerzenbeleuchtung des Nachbarn. 262.000 Menschen hatte selbst vier Tage nach dem Sturm im Großraum Washington keinen Strom. „Ich halte es nicht mehr aus“, sagte Lou Zimmerman, als er mit seiner Familie die verfaulenden Speisereste des Kühlschrankes entsorgt und in ein Hotel zieht.
Die Bilanz von Hurrikan Isabel, benannt nach der vor jeder Saison vorbereiteten, alphabetischen Liste von Sturmnamen, lässt den Sturm in die Reihe der großen US-Naturdesaster aufsteigen:
# 39 Menschen kamen ums Leben, starben, in vom Sturm verursachten Verkehrsunfällen (darunter ein Mann und seine Tochter der traditionellen, in Gründerzeiten verharrenden „Mennonites“, deren Pferdegespann an einer Brücke weggespült wurde). Viele ertranken im reißenden Flutwasser, andere wurden durch herabhängende Stromkabel getötet (darunter auch Mitarbeiter von Stromfirmen bei Reparaturarbeiten), von umstürzenden Bäumen erschlagen. Doch einige starben völlig unnötigerweise an Kohlenmonoxidvergiftung, da sie Notstromaggregate neben sich im Keller laufen hatten. „Ein Irrsinn“, schüttelte Dan Schmidt von der Fairfax-County-Feuerwehr den Kopf: „Das Gerät darf niemals im Haus untergebracht sein“.
# Eine erste Hochrechnung beziffert den Gesamtschäden auf fünf Milliarden Dollar, damit dürfte Isabel nach dem Katastrophensturm Andrew 1992 in Florida mit 26,5 Milliarden und Hugo 1989 mit sieben Milliarden zum drittteuersten Wirbelsturm seiner Geschichte werden – noch vor Floyd, der vor vier Jahren in der gleichen Region ebenfalls eine Schneise der Verwüstung durch die Mittel-Atlantik- und Nordost-Bundesstaaten zog.
US-Präsident George Bush, der in der Vorwoche das ebenfalls mit Holzplanken verbarrikadierte White House verlassen hatte, kehrte am Dienstag in die Region zurück, munterte 250 Nothelfer in Richmond, Virginia, auf: „Der wahre Charakter dieser Nation zeigt sich in Momenten des Stresses und des Notstandes – und wir waren einmal mehr der Aufgabe gewachsen“, sagt er schwülstig, als wäre das Aufräumen nach dem Sturm Teil des Post-Elfter-September-Antiterrorkrieges. Millionen Amerikaner werden die Horrorstunden vergangene Woche niemals vergessen, als die entfesselten Naturgewalten des metereologischen Monsters von der Größe Colorados die Ostküste heimsuchten. Zum Ground Zero wurden die der Küste vorgelagerten Inseln in Cape Hataras, North Carolina. „Der Wind peitschte den Regen wagrecht vorbei, es war stockdunkel, die Sicht null, nur das Röhren des Windes und das Dröhnen der See war zu hören“, sagte Pub-Besitzer Buffy Warner auf „Ocracoke Island“. Meterologen registrierten hier die höchsten Windböen von 256 Stundenkilometern, dauerhaft blies der Wind mit 160 km/h. Und dann plötzlich hellte der Himmel auf, Sonnenstrahlen beleuchteten die zerfurchte Landschaft, der Wind stoppte – das gespenstisch stille und ruhige Auge des Hurrikans, der Mittelpunkt des rotierenden Sturmes, war über die Insel gezogen. Gemeinsam mit 15 anderen hatte Warner die Evakuierungs-Anordnungen der Behörden ignoriert. Auf einer Sperrholztafel daneben war trotzig gesprüht worden: „Trau dich Izzy“, eine Herausforderung samt niedlichem Spitznamen für den Killersturms.
Stunden später erreichte Isabel, bereits zum Tropensturm „degradiert“ (Windstärke über 60 Stundenkilometer), mit der US-Kapitale Washington eine regelrechte Geisterstadt: Bürgermeister Anthony Williams hatte alle öffentlichen Verkehrsmittel stilllegen lassen, 5000 Sandsäcke sollten gegen den durch Flut und Regengüsse anschwellenden Potomac River schützen, hunderttausende Bundesbeamte hatten bereits den Tag zuvor freibekommen, historisch bedeutende Gebäude waren ebenfalls mit Holztafelungen geschützt worden. Die TV-Anchor der großen Nachrichtenkanäle hatten ihren Sendeplatz da bereits auf die Dächer verlegt, CNN´s Wolf Blitzer raportierte etwa seine Show gegen einen sich zusehens verdüsternden Himmel und dem Einsetzen der ersten peitschenden Regenschauer. „Verheerend waren vor allem die Sturmböen“, sagt Christoph Meran von der Austro-Botschaft: „Die kamen aus allen Richtungen, völlig plötzlich und knickten uralte Bäume wie Streichhölzer“.
100 umgestürzte Bäume und 308 kaputte Ampeln waren in Washington D.C. gezählt worden, die Boulevards glichen einem Sperrmüll-Ablageplatz: Baumäste, Zeitungsboxen, Mist, Straßenschilder alles wild zusammengemixt. Bürgermeister Williams warnte prompt Bürger vor etwaigen Desaster-Sight-Seeing: „Belassen sie ihre Hintern bitte zu Hause“, polterte er nach ersten Berichten von Schaulustigen-Ansammlungen. Der Stromausfall führte zu zahllosen Konsequenzen: Im Großraum Washington fielen 100 Pumpstationen für die Wasserversorgung aus, serienweise mussten Kläranlagen den Betrieb einstellen. Die Verwalterin des Bezirks Anne Arundel, Janet Ownes, formulierte ihre Bitte so: „Bitte verzichten sie auf die Klospülung für eine Weile – des würde uns enorm helfen“. Besonders schlimm erwischt hatte es den historischen Hafenbezirk der Millionenstadt Baltimore erwischt, als die angeschwollene See in der „Chesapeake“-Bucht binnen Stunden den Stadtteil teils bis in den zweiten Stock überflutete und in ein unfreiwilliges Venedig verwandelte. Der sonst stille Potomac-Fluss bescherte ein ähnliches Desaster der Altstadt von Alexandria.
Trotz all dem Chaos machen sich Kritiker bereits über die Medien lustig: Die hätten aus einem Kategorie-2-Sturm einen Kategorie-5-Hype gemacht, mit tagelangen Vorberichten über den Killersturm („in dessen Bahn 22 Millionen Kinder leben“, wie CBS-Radio aufgeregt berichtet) und dann hunderten, vom Wind und Regen hin und her gebeutelten „Live“-Reportern an den Küstenstreifen. Dabei hatten 65 schlimmere Stürme der Kategorien 3, 4 und 5 das Festland der USA im letzten Jahrehundert getroffen, relativierte die US-Wetterbehörde NOAA. Auch die Horror-News über Milliardenschäden versuchen einige Medienkritiker zu relativieren: Immer mehr Menschen wohnen in Küstenregionen in immer teureren Häusern, schrieb Greg Easterbrook in der Zeitschrift „Washington Monthly“.
Meterologen waren bereits vor einem eskalierenden Bombardement durch große Hurrikans in den nächsten Jahrzehnten. Es habe sich durch die Bildung besonders warmen Wassers zwischen den Cape Verde Islands und Zentralamerika eine regelrechte Brutstätte für mächtige Wirbelstürme etabliert, sagt Stanley Goldenberg von der NOAA: Erwartet wird eine Verdopplung der Aktivität, die an die besonders Rege Zeit zwischen 1941 und 1970 erinnert, als 24 große Wirbelstürme die USA trafen. Verantwortlich für das Anwachsen von Monsterstürmen ist auch die Abwesenheit von massiven Luftströmungen, die mit den Meeresphänomenen El Nino und La Nina im tropischen Pazifik zusammen spielen und der Eskalation eines Hurrikans entgegenwirken. „Das hatte Isabel etwa erlaubt“, so Goldenberg, „im Atlantik innerhalb kurzer Zeit in einen Sturm der Höchstkategorie fünf mit Windspitzen von 368 Stundenkilometer und einem perfekt geformten Auge heranzuwachsen“.
Das sind keine guten Nachrichten für die Betroffenen von Isabel, von denen einige auf das „Todesurteil“ der Behörden für ihr Zuhause warten. Die Beamten inspizieren dabei die Struktur eines beschädigten Hauses und kleben rote Zettel an den Türstock – falls das Gebäude abgerissen werden muss.

# 22. September: Ein General fürs White House?

Gerne plaudert General Wesley Clark über ein Kapitel amerikanischer Außenpolitik, wo mit Diplomatie, der Formierung einer internationalen Koalition und schließlich der Anwendung von Gewalt eine geostrategische Zeitbombe entschärft hatte – mit erstaunlich wenig amerikanischen Todesopfern und kaum Kosten für US-Steuerzahler. Clark, damals NATO-Befehlshaber in Brüssel, meint die NATO-Luftkampagne gegen Serbien nach dem Völkermord im Kosovo. „Sehen Sie sich die Resultate an“, sagt er genüsslich und in Abspielung zum tödlichen und bisher 150 Milliarden Dollar teueren Irak-Fiasko von Präsident George Bush: „Serbiens Diktator Slobodan Milosevic steht vor einem Internationale Tribunal, die Region ist stabilisiert, durch eine breite Koalition nur wenige tausend US-GIs zur Friedenssicherung abgestellt“.
Kein Wunder, dass „The General“ – wie der pensionierte Viersterne-General und Klassenbester in der Militärakademie West Point ehrfürchtig genannt wird – über Nacht zum demokratischen Top-Bush-Herausforderer für die Präsidentschaftswahlen Anfang November 2004 wurde. Clark, der den Irak-Krieg und das Wiederaufbau-Chaos heftigst kritisiert hatte, könne als Kriegsheld (Silberner Stern in Vietnam) und Militärmann Bush in seiner stärksten Post-Elfter-September-Domäne der „National Security“ am glaubhaftesten entgegentreten – besser als der bisherige Frontrunner der Demokraten-Ausscheidung (Primaries), Ex-Vermont-Gouverneur und liberalen Friedensapostel Howard Dean oder John Kerry, der zwar ebenfalls als Vietnam-Kriegshelden Statur hat, doch als Senator Bushs Irak-Krieg zuvor absanktioniert hatte. „Die Faktoren Militärhintergrund, Südstaatler und außenpolitischer Glaubwürdigkeit machen ihn zum derzeit attraktivsten Kandidaten“, sagt „Columbia University“-Politologe Bob Shapiro. Eine Newsweek-Umfrage unterstreicht das: Sofort setzte er sich mit 14 Prozent an die Spitze, vor Dean und Senator Joe Lieberman mit je 12 Prozent, sowie Kerry mit zehn Prozent.
Und dann gibt es noch den Clinton-Nostalgie-Faktor unter Demokraten: Wie Ex-Präsident Bill Clinton ist Clark aus dem kleinen Süd-Bundesstaat Arkansas, verlor früh seinen Vater, ist enorm ehrgeizig und strebsam, erhielt das prestigeträchtige „Rhodes“-Stpendium und studierte in Oxford. „Und gut sieht er aus“, jubelte eine Anhängering bei einer der ersten Wahlveranstaltungen, schränkte dann ein wenig ein: „Nicht ganz so hübsch wie Clinton, aber ausreichend…“. Tatsächlich verdient Clarks Karriere den Stempel Herausragend: Geboren am 23. Dezember 1944 studierte er an der „United States Military Academy“ in West Point, holte sich weitere „Master“-Titel (Magister) in Philosophy, Politik und Wirtschaft von der britischen Eliteschmiede Oxford. Nach dem Einsatz in Vietnam 1969 bis 70 begann innerhalb des Militärs Clarks kometenhafter Aufstieg – wobei Kameraden sich auf seine enormen „politischen Fähigkeiten“ zum Ausbremsen potentieller Gegenspieler erinnern (einmal wusste er sogar den Cholesterin-Spiegel aller Gegenkandidaten für eine Beförderung).
1994 wurde er zum Chef von „Southern Command“ als einer der Vorgänger von Irak- und Afghanistan-Kriegs-General Tommy Franks bestellt, 1997 NATO´s „Supreme Allied Commander“. Beeindruckt zeigten sich Beobachter über seine Rolle bei den „Dayton“-Bosnien-Friedensgesprächen, als er Milosevic mit einem Inferno an Hightech-Aufmarschkarten und persönlichem Charisma zum Einlenken brachte. Doch auch finsterere Momente seiner Karriere werden nun aufgerollt:
# Mit Kriegsverbrecher Radko Mladic hatte er etwa 1994 eine Flasche Zwetschkenschnapps getrunken;
# als die Russen bei Kriegsende im Kosovo den Flughafen in Pristina besetzten, wollte er sie mit US-Soldaten die Landebahn blockieren lassen, wo bei ihm ein britischer General offen den Befehl verweigerte: „Sir, ich werde wegen ihnen nicht den Dritten Weltkrieg provozieren“, hatte der gesagt;
# Legendär auch der Befehl vom damaligen US-Verteidigungsminister William Cohen an seinen, täglich bei Pressekonferenzen auftauchenden Kosovokriegs-General: Er solle sein „fucking Face“ von den TV-Schirmen verschwinden lassen.
Dabei wäre Clark beinahe zum Republikaner geworden, enthüllte Newsweek. Nach dem Terror-Horror des 11. September hatte er sich als „Spezialist“ bei der Bush-Regierung angedient, doch Bushs Consiglieri Karl Rove rief nie zurück und ließ Clark wutschnaubend zurück – sollte er im nächsten Jahr Bush schlagen, ein Faux Pass von historischem Ausmaß. Ähnlich in den Fettnapf trat auch Dean, als sein für Clark „degradierender“ Plan, ihn zu seinem „Running Mate“ (möglichen Vizepräsidenten) machen zu wollen an die Medien durchsickerte und seine Entscheidung zu einer eigenen Kandidatur „erleichtert“ hatte, wie Freunde süfisant anmerkten.
Mit dem General im Rennen werden die demokratischen Vorwahlen (Primaries) – die nächsten Jänner in Iowa beginnen, in New Hampshire vorentschieden und am „Super Tuesday“ am 2. März wohl entschieden sind – zum spannendsten Polit-Thriller unter dem Titel „Drei gegen Bush“ der jüngeren Geschichte. Clarks Herausforderer haben zur Generalmobilmachenung geblasen:
# Howard Dean, Ex-Gouverneur Vermonts und Landarzt, ist als scharfzüngiger Kriegsgegner der Liebling der Bush-hassenden, demokratischen Parteibasis – meist über das Internet sammelte er mehr Spenden als alle anderen Kandidaten. Doch die Demokratenzentrale befürchtet ein Schicksal ähnlich George McGoverns, der die Primaries gewann doch wegen zu liberaler Ansichten 1972 hoffnungslos gegen Richard Nixon verlor (er gewann nur einen einzigen Bundesstaat (!), seinen Heimatstaat Massachusetts);
# John Kerry, etwas abgehoben wirkender Gentleman-Senator aus Massachusetts, will vor allem mit seiner mit „Silver Star“- und „Purple Heart“-Tapferkeitsmedailien hochdekorierten Vietnam-Kriegsvergangenheit als „Gun Boat“-Kommandant im Mekong Delta punkten. Seine Kandidatur kündigte er vor einem Flugzeugträger an, als Signal der Stärke an durch Al-Qaida-Terror eingeschüchterte Wähler.
Nach Clarks Quereinstieg tauchten prompt Stories eines Polit-Komplottes der Clintons auf. Man habe Clark überredet, schreibt etwa der Konservative Kolumnist der „New York Times“, William Safire, um vor allem Dean zu stoppen: Die Clintons befrüchteten, dass Dean die Partei zu sehr nach links ziehen würde und sie selbst allen Einfluss innerhalb der Partei verlieren könnten. Und sollte Bush durch eine weitere Eskalierung der Irak- und Arbeitslosenkrise reif für die Ablöse scheinen, so Shapiro, könnte Clark noch am ehesten überredet werden, das Feld für eine der attracktivsten Kandidatinnen zu räumen: Senatorin Hillary Clinton.

# 1. September: 9/11 +2

Es sind die Stimmen aus dem brennenden „World Trade Center“ (WTC), regelrechte Protokolle des Grauens des 11. September, dem vielleicht perfidesten und blutigsten Terroranschlag der Menschheitsgeschichte. „Ich habe einen ganze Reihe von Leichen“, ruft ein Unbekannter die das WTC vermietende Hafenbehörde „Port Authority“ (PA) an, dessen Abschriften aus insgesamt 260 Stunden Funkverkehr erst jetzt veröffentlich wurden: „Die Leute springen von ganz oben aus dem Turm!“ „Sir, was sagen sie, springt von Gebäuden?“, fragt die Frau in der Zentrale verdattert. „Menschen! Körper fallen aus dem Himmel…“ Ein anderer Anrufer bestätigt: „Überall liegen Leichenteile, in der ganzen Gegend“. Die transkribierten Anrufe, Funkgespräche und Email-Botschaften geben den bisher intensivsten Einblick in das Chaos der Retter, die Todesangst der Opfer und die Hilflosigkeit ihrer Angehörigen. Eine Frau im 106. Stock des Nordturms berichtet, dass ihnen der Sauerstoff ausgeht und fragt, ob sie die Fenster einschlagen darf; ein PA-Beamter empfiehlt Anrufern, das Gebäude nicht zu evakuieren und auf Hilfe zu warten, ein tödlicher Irrtum; und ein im Restaurant „Windows of the World“ am Top von Turm Eins eingeschlossener Geschäftsmann verschickt von seinem BlackBerry-Minicomputer drei Minuten vor dem Kollaps eine Email an seine Familie: „Wir sitzen in der Falle. Der Raum füllt sich mit Rauch! Ich habe Angst“.
Mit dem Vorlesen der Namen von 2,792 Opfern aus 79 Nationen durch Halbwaisen begehen die New Yorker den zweiten Jahrestag von 9-11, wie die Amerikaner den Attacke der 19 Al-Quaida-Terroristen mit vier Jumbos (zwei in die 414 Meter hohen Twin Towers, eines in das Washingtoner Pentagon und der vierte vor dem Ziel von Passagieren in einen Acker in Pennsylvania gelenkt) nennen. Doch neben der Trauer wird dieses Jahr auch verstärkt die Bilanz des durch den Terror-Horror ausgelösten Anti-Terror-Feldzug und der massive außenpolitische Schwenk einer nun aggressiven Supermacht USA diskutiert:
# Der Afghanistan-Krieg wurde zunächst militärisch gewonnen, doch die in den letzten Wochen aufflammenden Gefechte mit Taliban- und Al-Kaida-Resten sowie der Dominanz von Warlords über ganze Regionen lassen Regierungschef Hamid Karzai wie den „Bürgermeister von Kabul“ erscheinen, wie es Ex-Außenministerin Madelaine Albright formulierte. Dazu fehlt jede Spur von Superterroristen Osama bin Laden, den US-Präsident George Bush damals ganz in Wildwest-Manier „tot oder lebendig“ haben wollte.
# Im Irak versinkt die Besatzungsmacht USA immer tiefer im Sumpf aus tödlichen Terror gegen ihre GIs, der UNO und religiöse Führer. Allein die Stationierung der zur Sicherung des Iraks keineswegs ausreichenden 140.000 US-Soldaten kostet eine Milliarde pro Monat, Summen für den Wiederaufbau seien zuletzt laut Zivilverwalter Paul Bremer „unmöglich nach obenhin zu übertreiben“, wie er der Washington Post gegenüber zugab – die benötigten doppelstelligen Milliardensummen sind jedenfalls nicht in Bushes Irak-Budgets bisher untergebracht.
# Hugo Portisch bezeichnet zwar die Tatsache, dass seit dem 11. September kein großer Terrorschlag gegen die USA geführt wurde, als Erfolg, „vielleicht weil das Al-Kaida Netzwerk organisatorisch und finanziell entscheidend geschwächt wurde“. Doch dort warnen Experten, dass die USA an der Heimatfront trotz der Schaffung eines Homeland-Security-Megaministeriums, der Bewaffnung von Piloten oder Reformen innerhalb der Geheimdienste nach blamablen Fehlleistungen vor 9/11 keinesfalls sicherer vor künftigen Attacken sei. Dazu haben die meisten Bundesstaaten wegen klaffender Budgetlöcher kaum Ressourcen zur Sicherung von Brücken, Tunnel oder Bahnhöfen.
Die am 11. September in den 102-Horrorminuten (8:46 Uhr: Einschlag von American-Airlines-Flug 11 in den Nordturm; 9:02 Uhr: United-Airlines-Flug 175 kracht in den Südturm, 9:59 Uhr: Kollaps des Südturms; 10:28 Einsturz des Nordturms) so schwer getroffene Acht-Millionen-Metropole New York ist heute ein Barometer für die Aufarbeitung der Tragödie und den neuen Alltag im Zeitalter des globalen Terrors. „Der 11. September ist Fixbestandteil des New Yorker Lebens geworden“, sagt Dr. John Draper, Chef von „Lifenet“, der wichtigsten Hilfsadresse für das psychologische Nachbeben hunderttausender nach dem Anschlag: „Das zeigte sich bei den folgenden Krisensituationen wie dem totalen Blackout, wo die Menschen zuerst panisch reagierten, doch auch in dem spontanen Gefühl des Zusammenstehens und der Hilfsbereitschaft – 9/11 war auch die Geburtsstunde einer sehr widerstandsfähigen Kommune“. Immer noch gehen doppelt so viele Hilferufe bei seine Organisation ein als vor dem Anschlag, „in den letzten zwölf Monaten waren es sogar um 20 Prozent mehr als im ersten Jahr“, sieht Draper noch kein Ende post-traumatischer Probleme. Darunter sind Menschen, die in der U-Bahn eine rote Handtasche sehen, die Erinnerungen an eine Szene während ihrer Flucht aus dem Turm wachruft, und Jahre später das Trauma auslöst. Andere, so Draper, gehen immer noch ungern unter Menschen, werden geplagt von Albträumen, fliegen nicht mehr, haben Flash-Backs, Wahnvorstellungen, schlaflose Nächte, Eltern rufen an, da ihre Kids immer noch die brennenden WTC-Türme aufzeichnen oder nicht wollen, „dass Mummy oder Daddy mit der U-Bahn zur Arbeit fahren“. Ein Abebben der Trauma-Epedemie erwartet der Psychologe erst in ein paar Jahren. Völlig zerstört jedenfalls hat der 11. September das Leben der Sekretärin Marci Borders, 29, die mit dem berührenden Foto als völlig staubverkrustetete Überlebende weltberühmt wurde. Kaum mehr würde sie ihr abgedunkeltes Miniappartment in jenseits Manhattan gelegenen Schlafstadt Bayonne, New Jersey, verlassen, sagt sie: „Ich habe nicht die Kraft, der Abwärtsspirale zu entkommen“.
Doch so will sich New York nicht unterkriegen lassen, und der spektakuläre Wiederaufbauplan für die insgesamt sechs ausgelöschten Bürobauten soll sichtbares Zeichen sein: Bereits 2006 soll die 551 Meter hohe Nadel des von deutschen Wettbewerbsgewinner Daniel Libeskind designten „Freedom Towers“ zumindest als Rohbau in den Himmel Lower Manhattans ragen. Libeskind, der in Berlin mit dem Bau des Jüdischen Museums berühmt wurde, musste in einem Kompromiss mit Leaseholder Larry Silverstein, den eher Umsätze als Esthetik freuen, Abstriche machen, doch rettete er seinen kühnen Masterplan für das neue World Trade Center. Die Verpflichtung des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava für den Bau des Regionalzug-Bahnhofes löste unter Kritikern einen Freudensturm über einen „architektonischen Neubeginn in New York“ los. Ob die geschaffenen 929.000 Quadratmeter Bürofläche leicht zu vermieten sind, entscheidet das Comeback der hart getroffenen New Yorker Wirtschaft. Doch nach einem geschätzten Schaden von über 100 Milliarden Dollar und einem durch Steuererhöhungen und Service-Streichungen notdürftig gestopften Vier-Milliarden-Dollar-Budgetloch gibt es auch ermutigende Anzeichen. Die Arbeitslosigkeit ist mit 6,1 Prozent unter dem nationalen Schnitt gefallen, durch den Aufschwung an den Aktien-Indezes Dow Jones und Nasdaq wird in der Finanzindustrie wieder mehr verdient. Und gefeiert: Bis zu 20 Prozent mehr Parties würden in der „Bubble Lounge“, einem Szenetreff der Wallstreet-Broker am West Broadway, veranstaltet, freut sich Miteigentümer Eric Benn: Auch die Rechnungen seien um 30 Prozent höher, der Durchschnittspreis konsumierter Chamapgner-Flaschen inzwischen auf 270 Dollar geklettert.
Juan Sierra hat hingegen wenig zu feiern. Der Bautischler steht auf den Holzplanken des gerade zusammen gezimmerten vierten Stocks des neuen „Building Number 7“, dem ersten auf Ground Zero in die Höhe wachsenden Skyscrapers (als Ersatz des am Nachmittag des 11. September nach stundenlangem Feuerinferno implodierten 47-stöckigen Hochhauses, in dem auch das New Yorker High-Tech-Emergency-Center pulverisiert wurde). Sierra hatte sofort nach dem Twin-Tower-Kollaps seine Baustelle verlassen und sich als Helfer gemeldet, wo er eine Woche lang nach Verschütteten suchte. Er hat einen hohen Preise bezahlt: „Bei jedem Doktor-Besuch ist die Diagnose eine andere – zuerst ist es Emphisema, dann Bronchitis, dann wieder Asthma“, sagt er, während er vom Hochklettern auf den Holzleitern noch völlig außer Atem ist. In Griffweite ist stets eine Sauerstoffflasche, falls die Lungen völlig versagen sollen. Er blickt hinunter in die sieben Stockwerke tiefe Grube, deutet an die Stelle, wo er vor zwei Jahren mit einer einfachen Staubmaske durch den hochgiftigen Staub wühlte.
„Ground-Zero“-Husten nennen New Yorker die Krankheit, an der tausende, vor allem Helfer in der apokalyptischen Trümmerhalde, laborieren. Für ohnmächtige Wut sorgte dann ein Report der Umweltbehörde EPA, wo der Chefprüfer enthüllt, Bushes White House habe die EPA unter Druck gesetzt, trotz widersprüchlicher Testresultate die Luft in Lower Manhattan als „grundsätzlich sicher“ einzustufen. Die Rückkehr in Appartements und Büros wurde deraufhin empfohlen. New Yorks Senatorin Hillary Clinton forderte eine Untersuchung und polterte: „Niemals hätten wir uns vorstellen können, dass unsere Regierung uns derart offen belügt, bei etwas so Heiligem, wie die Luft die wir einatmen“. Untersuchungen des pulverförmigen, weißen Staubes – alles von zermahlenen Büroeinrichtungen, Stahlträgern, Leichen bis Asbest-Feuerdämmschutz – ergaben später dutzendfache Grenzwertüberschreitungen zahlloser Substanzen. „Niemand hätte dort ohne Sauerstoffmasken arbeiten sollen“, sagt Sierra bitter, mit seiner nun ständig heiseren Stimme: „Doch die kosten 2000 Dollar, nur wenige hätten nach den Vermissten suchen können“.
Ground Zero, wie das 6,4 Hektar große Ex-WTC-Areal berühmt wurde, zieht heute als „Jahrmarkt der Trauer“ fast doppelt so viele Touristen an wie die Aussichtsplattform im 110. Stock des ausgelöschten WTC-Nordturms. Es sind meist amerikanische Touristen, viele, wie das Pensionistenehepaar Rick und Judy Krider aus Rochester, Illinois, sind nur deshalb nach New York gekommen. Sie würden die New Yorker bewundern, sagen sie nach Besichtigung der berühmten St- Paul´s Chapel gleich hinter dem Schauplatz der mit 2.792 Toten schlimmsten Terrorattacke in der US-Geschichte: „Sie haben zusammengehalten“, sagt Rick, der fast noch verblüffender ist, „wie so viele Menschen auf so engsten Raum überhaupt miteinander auskommen“. Gekauft hat er ein Video mit Interviews von Helden, Überlebenden und Helfern. Einige Touristen stehen immer noch weinend vor einer am Baustellen-Zaun befestigten Fototafel, die das Inferno nach dem Einsturz zeigt. Andere haben sich, trotz strenger Verbote, verewigt: „Gil, Shirley, Francis, Duck, Markus – God Bless America, 8-22-03“ wurde mit Filzschreiber unter das Bild gekritzelt.
Insgesamt ist die Stimmung fast heiter, belanglos: Man deckt sich an den Souvenierständen mit Twin-Tower-Poster, Feuerwehr- und Polizei-„Helden“-T-Shirts und –kappen ein (besonders beliebt sind Kristallwürfel mit der eingravierten Silhouette der Twin Towers um fünf Dollar), stärkt sich beim doppelstöckigen Burger King an der Ecke vor der Baustellenzufahrt, zieht dann weiter zu anderen Attraktionen New Yorks, Guggenheim Museum, Empire State Building, Freiheitsstatue, Brooklyn Bridge.
Spätestens seit der spektakulären Massendemonstration gegen den Irak-Krieg am 15. Februar, als zehntausende Cops von 500.000 Menschen praktisch überrannt worden waren, ist New York auch zum Mekka der erstarkten US-Friedensbewegung geworden. „New Yorker haben den Horror am eigenen Leib verspürt und wollen gleiches Leid nicht anderen durch die Kriege zugefügt sehen“, sagt Leslie Cagan, Mitgründerin der Friedensplattform „United for Peace an Justice“, die die Irak-Riesendemo organisierte. Am Vorabend des zweiten Jahrestages sollen Zehntausende Angehörige und Freunde der WTC-Terror-Opfer mit Kerzen den Broadway zu Ground Zero prozessieren, als Signal, so Cagan, „dass sie die Tragödie nicht weiter von Politikern für ihre eigenen Zwecke missbraucht sehen lassen wollen“. Dabei steht der große Showdown der örtlichen Friedensaktivisten mit dem White House noch bevor, wenn im nächsten Jahr der Republikaner-Parteitag zur Bush-Wiederwahl in New York und fast zeitgleich mit dem dritten 9/11-Jahrestag abgehalten wird. Die erste Demo ist schon jetzt angemeldet worden.
Die Skepsis gegenüber der Regierung ist auch seitens der Opferfamilien gestiegen: Von den mit den Anschlägen auf das Pentagon und dem Crash des vierten Jumbos in Pennsylvania 3.016 Opfern haben bisher nur 1.240 Familien beim mit drei Milliarden Dollar gefüllten Bundes-Entschädigungsfonds angesucht, mit einer rasch näher rückenden Deadline Ende des Jahres. Fondsverwalter Kenneth Feinberg befürchtet, dass viele die US-Regierung und Airlines verklagen wollen. Nach Enthüllungen über das Versagen der Geheimdienste und Sicherheitsmängel der Fluglinien sehen Rechtsexperten gute Chancen vor Gericht – und die Entschädigungen könnten astronomische Summen erreichen.

# 10. August: Go Arnie, go!


Das „Harry L. Hufford Building“, ein schlichtes Verwaltungsgebäude im Los-Angeles-Bezirk Norwalk, einem eher tristen Teil der Metropole, den man niemals in Hollywood-Filmen oder TV-Shows zu Gesicht bekommt, wird plötzlich belagert von tausenden Fans, hunderten TV-Teams und Horden von Security-Leuten. Die Szene erinnert nicht an einen Ort, wo man unter der Hand fiktionale Geschäftsnamen registrieren lassen kann, sondern eher an eine bizarre Billigvariante der „Oscars“: Am Schalter im Raum 2013 steht einer der größten Hollywoodstars aller Zeiten, Arnold Schwarzenegger, an seiner Hand Maria Shriver, seine Frau, NBC-TV-Journalistin und Nichte des 1963 ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy. „Sind sie aufgeregt?“, fragt die pummelige Beamtin mit schwarzen Schneckel und Nickelbrille, als sie „Arnie“ oder „Ahhnold“, wie die Amerikaner den Actionstar liebevoll nennen, die Papiere zur Anmeldung einer Kandidatur für das Amt des Kalifornien-Gouverneurs zuschob. Ihr unsicheres Kichern verdeutlichte, dass sie wohl selbst am Aufgeregtesten ist.
Am Schauplatz des Beginns der Polit-Karriere des in Thal nahe Graz geborenen Ex-Bodybuilders Arnold Schwarzeneggers gaben seine Fans den Ton an: Einige haben sich seit 2 Uhr in der Früh die besten Plätze gesichert, es sind einfache Leute, ihre Kinder sitzen auf den Schultern. „Ich hoffe, er wird als Gouverneur die Homosexuellenehe erlauben“, stellt der wartende Computerspezialist John Glascock gleich detaillierte Anforderungen. Dann wieder Sprechchöre: „Arnie, Arnie!“ Der signiert alles von T-Shirts bis Babyköpfe, das weiße Hemd ist offen, blauer Blaser. Er agiert, als wäre er Politiker seit langer Zeit: Niemanden lässt er beim Handshake aus, er ist charmant, lächelt strahlend, dazwischen redet er in die vor ihm gehaltenen Reportermikrophone Platitüden aller Art. Und dennoch scheinen viele zu fragen: Arnold als „Governator“, als Chef des mit 35 Millionen Einwohnern größten US-Bundesstaat und der weltweit sechstgrößten Wirtschaft, gleich hinter Frankreich?
Tatsächlich hat er alle Chancen, bei den so genannten „Recall-Wahlen“ am 7. Oktober – einer Volksabstimmung zur Absetzung des amtierenden Gouverneurs Gray Davis mit gleichzeitiger Wahl seines Nachfolgers – zu triumphieren:
# Politologen erwarten, dass mehr als 50 Prozent der Kalifornier Gray Davis wegen Wirtschafts-, Energie- und 38-Milliarden Dollar-Budgetloch-Misere aus dem Amt haben wollen. „Selbst bei den Demokraten ist er unbeliebt“, sagt Shaun Bowler, Politologe an der „University of California Riverside“: „Und gegen Davis wirkte selbst Al Gore charismatisch“.
# In einer ersten CNN/Time-Umfrage führt Arnold bei jetzt abgehaltenen Wahlen mit 25 Prozent der Stimmen das Feld der 120 Kandidaten an – mit zehn Prozent deutlich vor Cruz Bustamente, dem nun einzigen demokratischen Gegenkandidaten falls Davis abberufen wird. Dazu ist der Wahlkampf mit weniger als 60 Tagen kurz, so Experten: „Sollte Schwarzenegger keine schweren Fehler begehen, dürfte ihn sein enorm hoher Bekanntheitsgrad und populistische, teils aus Filmen bekannte Oneliners über die Ziellinie bringen“.
Der „Recall“, ein Gesetz, dass in Kalifornien (und 17 weiteren US-Bundesstaaten) seit 92 Jahren existiert, wurde ausgelöst von einer mit 2,6 Millionen Dollar vom Autoalarmmilliardär und erzkonservativen Republikaner Darrell Issa bezahlten Unterschriftensammelaktion, wo 1,6 Millionen unterschrieben: Jetzt gleicht die kalifornische Politik einem absurden Karneval und einem Gouverneurs-Kandidatenfeld in dem der Terminator als Favorit gilt: Am langen Stimzettel stehen Pornozar Larry Flynt, Mary Carey, Star der Branche, die TV-Polemikerin Arianna Huffington (die sich bei Arnolds Auftritt ins Blitzlichtgewitter drängte und die Mikrophone umschmiss…), der zwergenhafte TV-Star Gary Coleman.
Doch die Welt blickt nur auf Arnie, dem mit dem Thriller um seine Kandidatur gleich zu Beginn ein Polit-Coup glückte: Nach Wochen des Rätselraten, die als PR zur Promotion von „Terminator 3“ abgetan wurde, hatte er eine endgültige Entscheidung im Rahmen der „Tonight Show“ von Talkmaster Jay Leno angekündigt. Doch längst hatten seine Berater gestreut: Er werde nicht kandidieren.. Schwarzenegger brauchte jede Minute dieses Hinter-den-Szene-Polit-Thrillers, um seine Frau Maria zu überzeugen: Als Kennedy ist sie mit dem Schicksal von Politikerfrauen bestens vertraut, der Amtssitz des künftigen Gouverneurs, die isolierte, wüstenheiße Kapitale Sacramento ist eine Flugstunde von den Zwei-Hektar-Villenareal im wohltemperierten Westhollywoods entfernt. Doch wohl zentraler Gegenstand der bis spätnachts geführten Debatten: Die Konsequenzen einer Politkarriere auf die vier Kinder des Powerpaares, Katherine Eunice (13), Christina Maria Auriela (12), Patrick (9) und Christopher Sargent (5). Und mehr noch: der Fallout einer Schmutzkübelkampagne für die Ehe, über die Schwarzenegger Anfang 2001, als er ebenfalls eine Kandidatur überlegte, einen Vorgeschmack erlebte: Unter dem Titel „Arnold the Barbarian“ hatte das Filmmagazin „Premiere“ enthüllt, Arnie hätte Reporterinnen in seinem Trailer belästigt und begrapscht. Ein Augzeuge berichtete dem Magazin gar, dass er ihn bei einem „bestimmten Sexakt“ erwischt hätte und Arnie den Vorfall lachend mit den Worten „Eating is not Cheating“ (Essen ist kein Betrug) vom Tisch wischte. Nachdem das Klatschmagazin „National Enquirer“ weitere Arnie-Sex.Enthüllungen ankündigte, warf er damals das Handtuch – kein Geheimnis ist auch, dass Mitarbeiter von Gouverneur Davis bei den Recherchen gerne behilflich waren. In London soll er im Jahr 2000 obendrein die Journalistin Anna Richardson auf seinen Schoss gezogen und ihre Brüste „auf Echtheit“ abgetastet haben. „Es muss wohl ein paar klärende Worte gegeben haben“, sagt ein Insider“. Denn bereits vor seiner Entscheidung hatten die knallharten US-Tabloids Sex-Stories vorproduziert in der Schublade liegen, auch ein Foto von ihm mit einer nackten Frau kursierte am Internet. „Ich würde den Eltern in Kalifornien raten, ihre TV-Geräte in den nächsten 60 Tagen abgeschaltet zu lassen“, warnte der Demokraten-Politiker Bob Mulholland.
Mittwoch Früh, dem Tag der Jay-Leno-Bekanntgabe, habe Maria schließlich nachgegeben: „Ich unterstütze dich voll, was immer du entscheidet“, fielen die entscheidenden Worte am Frühstückstisch. Doch selbst engste Berater blieben uninformiert. Journalisten tippten deshalb eher gelangweilt im Pressezentrum des NBC-Studios bei der Showaufzeichnung in ihre Computer-Terminals, einen Kandidaturverzicht erwartend. Sogar Jay Leno hatte Schwarzenegger vor der Show verraten, enthüllte „Time“, das er „nicht kandidieren werde“. Sein Top-Politberater George Gorton hatte ein Statement in der Tasche, das die Nichtkandidatur erklärt. Doch plötzlich begann Arnold, Davis heftig zu attackieren: „Die Politiker dilettieren, stolpern und versagen“, sagte er in seinem dicken, österreichischen Trademark-Akzent. Einige Reporter blickten verwirrt auf, seine engsten Berater starrten sich fragend an. Arnie fuhr fort, die Faust bereits geballt: „Und der Mann, der die Bürger am meisten im Stich läßt, heißt Gray Davis. Er versagt fürchterlich und deswegen müssen wir ihn Absetzen – und deshalb werde ich für das Amt des Gouverneur kandidieren“. Im Presseraum gab es einige Sekunden Totenstille, den Chaos wie in einem Tollhaus. Gorton brauchte die ganze Werbepause, um die News zu verdauen – per Handy unterrichtete er schließlich den Arnie-Stab. Um 20.10 Uhr Ortszeit flashten die „Breaking News“ über die Bildschirme der Newskanäle,. Und während die CNN-Anchor Jeff Greenfield und Judy Woodrof in die Studios hetzten, war sofort klar: Arnold hatte alle depürt, besonders die Demokraten mussten sich an die Irak-Demoralisierungskampagne Shock-and-Awe erinnert haben, da nur Stunden zuvor die populärste Alternativkandidatin, Senatorin Dianne Feinstein, ein Antreten, keine Arnie-Kandidatur erwartend, ausschloss. Ein „Arnold-Manöver“ bezeichnete George Butler, Co-Regisseur der Kult-Doku „Pumping Iron“ (1977), den Trick, den er bereits in Bodybuildertagen einsetzte, wo er Gegnern glauben ließ, er würde einem Wettbewerb fernbleiben. „Wir haben es hier mit den gewieftesten Strategen Amerikas zu tun“, warnte Butler.
Es ist ein langer und spektakulärer Weg vom kleinen steirischen Nest Thal bei Graz (in dem es zuletzt vor US-Reportern auf „Arnies Spuren“ wimmelte) bis zum möglichen Statehouse“ in Sacramento: Arnold Schwarzenegger sieht sich selbst geprägt durch seine Jugend in den bescheidenen Nachkriegszeiten Österreichs und dem strengen disziplinären Drill seines Vaters Gustav, ein Gendarmiepostenkommandant und während der Nazizeit Parteimitglied (Arnie ließ 1990 das Simon-Wiesenthal-Center in L.A. ausforschen, dass sich Gustav im Krieg nichts zu Schulden kommen hat lassen). „Ich fühlte stets, dass ich nicht gut genug war“, schildert Schwarzenegger gerne sein angespanntes Verhältnis zu seinem Vater. Sein Begräbnis 1972 versäumte er wegen einer „Knieverletzung“ (Playboy-Interview 1988) oder weil er sich „mental stählen wollte“ zwei Monate vor einem Wettbewerb (Doku „Pumping Iron“). Wöchentlich musste Arnold seitenlang Aufsätze schreiben, später korrigierte der Vater sogar Briefe auf grammatikalische Fehler. Zum Bodybuilding hatte ihn – unbeabsichtigt – Gustav selbst gebracht, als Aufbautraining für eine Karriere als Fußballer. Rasch fand Arnold das Ventil gegen seinen strengen Vater und die, wie er sagte, Tristesse des ärmlichen Nachkriegsösterreich (kein Fernsehen, kein Radio, kein Telefon). Wie ein „tagelanger Orgasmus“ sei das Gewichtheben, vertraute er einem Freund an. In der Schule währenddessen würden am Elternsprechtag die Väter kurz mit dem Lehrer konferieren, zu ihren Söhnen marschieren und ihnen eine runterhauen. Mit 15 bekam er ein amerikanisches Magazin in die Hand, am Titel Reg Park, ein Bodybuilder, der Filmstar wurde. Das Cover hängt in seinem Fitnessstudio, wo er sechsmal pro Woche vier Stunden lang seine Muskeln stählte – und von Amerika träumte, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, weit weg vom strengen Vater und der „erstickenden Atmosphäre Österreichs“. Als „Mr. Universum der Amateure“ lud ihn der Bodybuilding-Mogul Joe Weider nach Kalifornien ein, 1968 gewann er den Titel, diesmal unter Profis, dominierte als laut Guiness-Buch-Eintrag „bestgebauter Mann aller Zeiten“ (Brustumfang: 144 Zentimeter; Bizeps: 56; Wettkampfgewicht: 106 Kilo) die nächsten zehn Jahre den Sport. Daneben ging es Arnold vorerst nicht um eine Filmkarriere sondern dem Geldscheffeln: Mit seinem sardinischen Bodybuilding-Kumpel Franco Columbo baute er Terrassen und Ziegelkamine, seine Firma „European Brick Works“ unterbot stets Mitbewerber und lukrierte Aufträge. Durch geschickte Immobilien-Deals verdiente er bis Mitte der 70iger eine Million Dollar, „fast hätte ich mich damals schon zur Ruhe setzen können“, erinnert er sich und legte damit den Grundstein eines doppelstellige Millionen-Beträge schweren Immobilien-Imperium – von seinen Traumhaus in Brentwood, einer Shoppingmal in Columbus, Ohio bis einem Neubau namens „Stadium Walk“ in Denver. „Arnold ist fast ein Medium“, sagt sein Freund, Gösser-Bier-Generalimporteur Georg Linder: „Er sieht voraus, was zu Geld zu machen ist.“ Auf eine Filmlaufbahn hatte sich Schwarzenegger nach dem Flop 1969 mit „Hercules in New York“ kaum verlassen können: Unter dem Künstlernamen „Arnold Strong“ (Schwarzenegger hielten die Regisseure für dem Publikum unzumutbar) bewies er bloß, weder englisch sprechen noch Schauspielen zu können. Unübersehbar schien jedoch für alle: Arnolds enormer Wille, Selbstdisziplin und teils trickreiche Taktik, um zum Erfolg zu kommen. Einen „Nietsche-Mann“, bezeichnete John Millus, Regisseur des Streifens „Conan der Barbar“, mit dem Arnold 1981 den Durchbruch als Hollywood-Star schaffte: „Eine Mixtur aus Stahl, Stärke und Willenskraft“. Bodybuilderkollege Lou Ferrigno hingegen erinnert sich gegenüber Newsweek nicht so gerne an Schwarzenegger: Ein „arroganter Mann“ sei gewesen, der Gegner manipulierte und „dem jedes Mittel zum Sieg recht war“. In der Kultdoku „Pumping Iron“ aus dem Jahr 1977, der den 28-jährigen Schwarzenegger bei seinen Vorbereitungen für den siebenten „Mr. Olympia“-Titel zeigt, ist die immer noch plakativste Einschau in den Menschen Arnold – um Kontrolle darüber zu haben kaufte er alle Filmrechte samt den 80 Stunden unveröffentlichtem Filmmaterials (Outtakes) auf – darunter Szene, die ihm beim Marihuana-Rauchen zeigt, dem Eingeständnis, Steroids genommen zu haben (seine Herzklappenoperation 1997 wurde von einigen Medizinern damit in Verbindung gebracht) und Gerüchte über rassistische Witze und sogar einem Nazi-Gruß. Anstatt das Material einzustampfen ließ er den Film, ohne freilich dem Rohmaterial, im Vorjahr neu aufführen – inklusive dem Zitat, wonach er Menschen bewundere, die etwas verändern könnten, „Diktatoren und so…“. Als 1983 ein völlig unbekannter Regisseur namens James Cameron mit einem obskuren Sci-Fi-Filmprojekt an den in diesem Jahre gerade Eingebürgerten herantrat, griff Schwarzenegger zu: „The Terminator“, mit einem von keinem Studio gedeckten Minibudget von 6,4 Millionen Dollar hergestellt, spielte 100 Millionen ein – und Arnie hatte nicht nur den Durchbruch zum Weltstar geschafft sondern auch seinen Stil gefunden: Als schwer bewaffneter, herwütender, unbesiegbarer Actionheld sind seine Gefechte gegen das Böse aufgelockert mit kurzen, witzigen „One-Linern“ wie „I´ll be back“, „Hasta La Vista, Baby“ oder „Betrachte das als Scheidung“, nachdem er Co-Star Sharon Stone im Sci-Fi-Thriller „Total Recall“ eine Kugel in den Kopf jagte. Doch Arnold, dessen 26 Blockbuster-Filme – darunter zwei weitere Terminator-Sequels, Predator, Running Man, True Lies und sogar Komodien wie Twins oder Kindergarten Cop – insgesamt 1,88 Milliarden Dollar am Box-Office einspielten, managte stets seine Karriere selbst. Und kein anderer Hollywoodstar würde derart viel Energien in die weltweite Vermarktung der Film stecken. Doch Top waren im Filmgeschäft zuletzt nur mehr Schwarzeneggers Gagen, zuletzt 30 Millionen für den jetzt laufenden Terminator 3 (T3): Nach einer Serie mittelmäßiger bis floppender Kinofilme (End of Days, The Sixth Day, Colateral Demage) dürfte auch T3 nach einen guten Opening Weekend keinesfalls zur Geldmaschine werden, bei dem größten in Hollywood jemals genehmigten Budget von 178 Millionen Dollar hat der Streifen im US-Box-Office bisher 144 Millionen Dollar eingespielt. „Schwarzenegger weiß jedenfalls“, so Newsweek: „Es könnte seine letzte große Stargage gewesen sein…“
Doch sein erster, chaotischer Tag als Politiker ließ die Härte des Politgeschäfts erkennen: Gerne wollte er Allgemeinplätze wie „Jeder braucht fantastische Jobs“, „Ich werde für die Umwelt kämpfen“, „Ich kann führen“, „Ich bin ein Einiger nicht Spalter“ (Copyright: George W. Bush) verstreuen und mit Film-Slogans wie „Hasta la Vista, Davis“ oder „Pump up Sacramento“ auflockern. Dann focusierte er derart oft auf seine einzigen Polit-Erfahrungen mit Kinderprogramme, als kandidiere er für das Amt des kaliformischen Landesschulinspektors. Die Journalisten hatten jedoch plötzlich ernste Fragen: Ob er bezahlte Karenz, dem einzigen derartigen Gesetz in der Nation und Beschwerdepunkt der Wirtschaft abschaffen werde, wollte Matt Lauer in der NBC-Today-Show wissen. „Das werde ich mir ansehen“, stotterte Arnie, der offenbar noch nichts über das Gesetz gehört hatte. Familien seien ihm „jedenfalls sehr wichtig“. Als Lauer über die Veröffentlichung seiner Steuererklärung nachfragte, zogen Mitarbeiter den Mikrophonstecker – angeblich um das nächste Interview um exakt 7:08 Uhr bei ABCs „Good Morning America“ zu beginnen. Auch tauchten in linken Onlinemagazinen wie „Slate“ die ersten Stories mit Fragen über die NS-Mitgliedschaft seines Vaters und seiner Unterstützung für Kurt Waldheim, dem Amerika nach wie vor via Watchlist die Einreise verwehrt. Bald war auch ausrecherchiert, dass er bei den letzten 13 Kalifornien nur sechs Mal wählte. „Er wird sich in dem kurzen Wahlkampf nicht viel in Details verstricken“, so Politologe Bowler: „Und die Wähler wird es nicht stören – ein Gouverneur hat gar nicht genug Befugnisse, um wirklich verheerendes anzurichten“. Zudem hat Schwarzenegger ein effektives Wahlteam aus Ex-Mitarbeitern des letzten Republikaner-Gouverneurs Pete Wilson zusammengestellt, mit George Gorton an der Spitze, einem Politguru, der sogar 1996 Boris Jelzin zur Wiederwahl verhalf. Reisen wird Arnold meist mit seinem privaten Learjet. Den doppelstelligen Millionenaufwand, den Experten durch teure TV-Spots erwarten, kann Schwarzenegger aus eigener Tasche bezahlen, doch hat er schon zuvor Stärken beim Fundraising (Spendensammeln) gezeigt.
Zum Republikaner war Schwarzenegger bei der Debatte zwischen Demokraten Hubert Humphrey und Richard Nixon geworden, die 1968 ein Freund noch übersetzen musste. Humphrey habe gefordert, die Regierung müsse alle Probleme lösen. Arnie fühlte sich dadurch frappant an Österreich erinnert. Nixon sagt, die Leute müssten selbst ihr Schicksal in den Hand nehmen. 1988 half er George Bush senior beim Wahlkampf, der ihn später zum Vorturner der Nation machte, nach dessen Abwahl hatte er eine ähnliche Rolle in Kalifornien unter Wilson, zusätzlich tourte er durch 50 Bundesstaaten und predigte in Sachen Körperertüchtigung zu den Kids in heruntergekommenen Stadtzentren. Im Vorjahr erstritt er per Volksabstimmung („Proposition 49“), dass 500 Millionen Dollar an Steuergeldern in Nachschulaktivitäten von Jugendlichen investiert werden – und geriet deshalb prompt ins Sperrfeuer der meist ultrarechten, kalifornischen Republikaner.
Hauptverantwortlich für Schwarzeneggers „liberale“ Republikaner-Politik – während der Hatz auf Präsident Bill Clinton während des Impeachment-Dramas um die Oralsexaffäre mit Monica Lewinsky habe er sich sogar „geniert, Republikaner zu sein“, wie er dem Magazin George 1999 anvertraute – ist seiner Frau Maria, Mitglied des demokratischen Kennedy-Clans zuzuschreiben. Verliebt hatte sie sich in den hühnenhaften Zuwanderer 1977 bei einem Charity-Tennistournier in Mutter Ethels Haus. Fasziniert habe sie seine Gabe, „so zu reden, wie es ihm passte und völlig unbeeindruckt vom Status und Macht seiner Gesprächspartner zu bleiben“, sagte die erfolgreiche NBC-TV-Journalistin, die sich jetzt wegen der Kandidatur freistellen ließ, einst zum Magazin „Us“. Ihrer Mutter vertraute der junge Mann aus Österreich bald an, dass Maria ein „großartigen Arsch“ habe, enthüllte Maria in einer Bio selbst. Jetzt könnte die kurvige Kennedy an Schwarzeneggers Seite die Entscheidung bringen. Von den Fans vor dem Huffolk-Gebäude in L.A. erhielt die 47-jährige, mit braunem Dress und coolen, schwarzen Sonnebrillen ebenso viele Zurufe wie ihr Gatte. „Er ist der geborene Leader“, sagte sie stolz, „und er wird Demokraten wie Republikaner gleichermaßen vertreten“. Doch obwohl Maria als Arnies Managerin gilt, lässt der er keinen Zweifel daran, wer die Hosen anhat – zumindest als Stilfrage. „Ich hasse Hosen an Frauen vertraute er dem Magazin „Marie Claire“ an: „Das habe ich von meinem Vater geerbt – weder meiner Mutter noch Maria habe ich erlaubt, an meiner Seite Hosen zu tragen.“

# 21. Juli: Der Irak-Horror an der Heimat-Front

Seit vier Monaten wohnt „Spezialist“ Pedro Sanches jr., 22, am Vordersitz seines Militärfahrzeuges der Type „PLF“ in verschiedenen Örtlichkeiten des Irak, zuletzt in Anaconda nahe des internationalen Flughafens in Bagdad. Am Armaturenbrett hat er kleine Polaroids seiner Frau Amanda, 21 und seiner beiden Söhne Jack, 18 Monate alt und dem jüngsten Robert, gerade vier Monate alt. Als sich Pedro am 17. Februar tränenreich verabschiedete, war Amanda – sie kennt ihn schon seit dem Kindergarten – hochschwanger. „Ich wollte nicht, dass er geht“, sagt sie zusammengekauert am Wohnzimmerboden ihres Hauses in der „Militärstadt“ Hinesville, Georgia, nahe der Kaserne Fort Stuart. „Bitte, Bitte, sag nicht ´Good Bye´“, flehte sie ihn an: „Sag ´See you later…´“ „Ich liebe dich“, antwortete er schließlich, küsste seinen Sohn auf die Stirn, sie auf den Mund, drehte sich um und stieg in den Bus. Dreieinhalb Wochen dauerte es dann, bis er die Nachricht von der Geburt erhielt, erzählt Amanda. Ihren Kindern gaukelt sie täglich eine Normalität vor, als wäre Pedro nur im Nebenzimmer.
Die Angst, Ohnmacht und Verzweiflung, das Adrenalinschübe durch den Brustkorb, immer wenn im TV weitere US-Opfer vermeldet werden, gießt sie in Briefe, zwei bis drei die Woche. Wann Pedro wiederkommt, kann sie nicht mehr sagen. „Zu oft hat uns das Militär falsche Hoffnungen gemacht“, sagt sie enttäuscht, das Nachrichten-Bombardement über das tödliche Chaos im Post-Saddam-Irak hat sie verunsichert. „Ich weiß nicht mehr recht, was ich glauben soll“, schüttelt sie den Kopf: „Vielleicht war es gut, dass Pedro jetzt kämpft, sodass es seinen Söhne in Zukunft erspart bleibt“. Eine Freundin habe das gesagt, gibt sie nach einer Pause zu. Sie ist nicht überzeugt. Vor zwei Tagen hat Amanda mit ihrem Pedro telefoniert, man habe, wie üblich, „nicht viel über seine Arbeit geredet“. Seine Frustration klang jedoch durch als Mechaniker der 396. Transport-Einheit der „3rd Infantry“: Seit Wochen hat er nicht geduscht, seit zehn Tagen hängen sie ohne Auftrag herum, nie weiß er, wer ihm von der Zivilbevölkerung freundlich grüßt, oder ihm aus nächster Nähe in den Kopf schießt. „Es ist absurd und unfair“, sagt Amanda, „dass es keinen Plan für den Wiederaufbau gibt – und man ihren Mann offenbar „in der Wüste vergessen hat“.
Mit solchen Schicksalsgeschichten hat in den USA das Irak-Nachkriegsdebakel eine menschliches Gesicht bekommen – das US-Präsident George W. Bushs schwerste politische Krise weiter eskalieren ließ. Dabei will die als „Irakgate“ ausufernde Kriegslügen-Affäre um angebliche Urankäufe des Irak im Afrikastaat Niger, wie Bush in seiner Rede an die Nation – aus heutiger Sicht völlig zu unrecht – ausführte, nicht wie von Bush erhofft, einzuschlafen. „Er habe die Schnauze voll vom Heudreschen in dieser Causa“, enthüllte ein Mitarbeiter dem Magazin „Time“. Trotz mehrmaliger Warnungen, die Beweise in der Uran-Niger-Connection seien ein plumpe Fälschung, habe der Bush-Stab die nun 16 berühmten Worte eingebaut, genauso wie den falschen Vorwurf, der Irak können innerhalb von 45 Minuten chemische- und biologische Waffen einsetzen.
„Die Vorwürfe sollten das Gefühl der Dringlichkeit vermitteln – und die Frage beantworten, warum man Diplomatie und UN-Waffeninspektoren nicht mehr Zeit gewähren hätte können“, sagt „Columbia-Politologe“ Bob Shapiro. Gepaart mit der vergeblichen Suche nach irakischen Massenvernichtungswaffen und keinerlei Beweisen einer Verbindung zwischen Osama-bin-Ladens El-Kaida und Saddam Hussein (von Bush angeführt, um den Irak-Krieg mit dem Terror-Horror des 11. September zu verknüpfen), wird in den US-Medien immer aufgeregter gefragt: Hat Bush absichtlich gelogen, um einen Krieg zu rechtfertigen, der längst beschlossen war? Und der demokratische Präsidentschaftsanwärter, Florida-Sentor Bob Graham verwendete erstmals das Wort „Impeachment“: Wenn man sich erinnert, das Vorgänger Bill Clinton wegen einer Sex-Affäre des Amtes enthoben werden solle, wetterte Graham, müsste wegen der Angabe falscher Kriegsgründe noch eher einschreiten.
Doch für die US-Bevölkerung wichtiger als die für die oppositionellen Demokraten willkommene Politisierung des Irak-Krieges: „Ihre Jungs“, wie sie die US-Truppen nennen, sterben weiterhin täglich im Irak, 38 waren es am Wochenbeginn seit Bush wahlkampfvideotauglich in Pilotenuniform am 1. Mai am Flugzeugträger USS Abraham Lincoln das Ende der Hauptkriegshandlungen verkündete. Insgesamt ist nun auch die US-Opfergesamtzahl über die von Golfkrieg I gestiegen, das tödliche Chaos im Zweistromland hat für immer mehr alle Symptome eines „Quagmire“, dem seit dem Vietnam-Debakel bestens bekannten Morast, in dem auch eine Supermacht versinken kann: Statt als Befreier gefeiert werden die 148.000 im Irak stationierten GIs als Besatzer gehasst: Sie sind homesick, ihr Einsatz wurde mangels Ersatztruppen und bei wöchentliche Kosten von einer Milliarde Dollar fehlenden Budgetmittel bereits mehrmals verlängert, Versprechungen einer baldigen und triumphalen Heimkehr ebenso oft gebrochen.
Völlig gebrochen habe ihr Mann Jeffrey, 32, geklungen, sagte Sylvia Eden, 38, eine weitere bangende Soldatenfrau in Hinesville. Was er denn gerne geschickt bekommen würde, habe sie ihn gefragt: „Nothing, nothing, nothing“, kam zurück. Sein Kampfgeist sei gebrochen, sagt sie, jeder wolle nur raus. Bagdad hatten die US-Truppen in einem imposanten, 21-tägigen Blitzkrieg eingenommen, jetzt wollen die meist blutjungen Kids nur mehr nach Hause – frustriert durch brütende Sommerhitze und Polizeiarbeit, für die sie nicht trainiert und die, hätte die USA in Sachen Irak echte Verbündete, längst internationale UN-Truppen übernehmen würde. Die Moral ist derart katastrophal, dass ein Soldat im Frühstücksfernsehen des Senders ABC vor laufender Kamera den Rücktritt von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld forderte, andere zugaben, sie hätten am berühmten Kartenspiel mit den Köpfen der Top-Irak-Bösewichte, die Bilder der Asskarten von Saddam und Söhnen längst mit denen von Bush, Rumsfeld, dessen Stellvertreter Paul Wolfowitz und Vize Dick Cheney ersetzt.
Das Pentagon hofft, Bestrafungen können militärische Disziplin durchsetzen. Sechs der im TV klagenden Soldaten der „Zweiten Brigade“ werden nach der Irak-Rückkehr aus der Armee entlassen, sagte ein Kommandant einer US-Zeitung, diesmal anonym. Das White House hingegen nahm den Reporter der Story, Jeffrey Kofman, ins Visier: Der sei nämlich schwul und Kanadier, wurde dem Internet-Klatschdienst „Drudge Report“ zugespielt. Soldatengattin Eden, die mit drei Kindern seit Jänner auf die Rückkehr wartet, ist ebenfalls eingeschüchtert, einen Fototermin sagt sie in letzter Minute ab. Die Wut in der Gemeinde ist jedoch ungebrochen: Als das Militär die versprochene Heimkehr der von Jeffreys „3-7 Cavalry“-Einheit wieder verschob, kam es unter den Frauen zu tumultartigen Protesten, Militärsprecher wurden angebrüllt und mit Papierbechern beworfen. „Viele Soldaten wollen aus der Armee aussteigen“, habe sie gehört. Für sie ist das Warten kaum mehr erträglich: Wenn immer sie zu Hause ist, schielt sie in den Garten zum Eingang. Dann bildet sie sich ein, zwei Soldaten in weißer Prachtuniform zu sehen: Die würden ihr mitteilen, dass ihr Jeffrey gefallen ist. Das Armeeregulativ sieht vor, dass die engsten Angehörigen niemals angerufen werden. Anders als viele Soldatenfrauen verfolgt sie ständig die Nachrichten, fast wie ein Sucht sagt sie, als wollte sie ständig checken: „Wer ist heute im Irak gestorben?“ Nachsatz: „Ich bin völlig erschöpft, ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalten kann“
Für Bush kommt der Guerilla-Krieg im Irak, so wie er erstmals vom neuen „Southern Command“-Kommandant John Abizaid (dem Nachfolger von Irak- und Afghanistan-Kriegsgeneral Tommy Franks) hochoffiziell genannt wurde, zum ungünstigsten Zeitpunkt: Genau in seiner, nach dem 11. September größten politischen Stärke der „Nationalen Sicherheit“ ist er fünfzehneinhalb Monate vor dem nächsten Präsidentschaftswahlkampf plötzlich verwundbar, sein „Teflon-Schutzschild“, an dem sich die Opposition trotz armseliger Wirtschafts- und ultrarechter Sozialpolitik die Zähne ausbiss, „zerbröselt“, so Politologe Shapiro. Auf 55 Prozent ist Bushes Popularität laut einer Time/CNN-Umfrage gestürzt, schneller und tiefer als sein Stab nach dem Irakkrieg erwartet hatte. Und die bisher so disziplinierte und gut geölte PR-Maschinerie von Bush II entpuppte sich als Dilettantentruppe: Während seiner Afrikareise geriet Bush sogar derart durcheinander, dass er meinte, Saddam hätte den Krieg verhindern können, hätte er Waffeninspektoren ins Land gelassen (was Saddam natürlich tat…). Sein neuer Pressesprecher Scott McClellan ratterte gebetsmühlenartig, dass in Sachen Irakgate „alles geklärt sei“. Trotzdem deklassifizierte das Weiße Haus einen Geheimdienstbericht, in dem das US-Außenamt vier Monate vor der Bushrede die Urankauf-Story als „höchst dubios“ einstufte, doch diese „Fußnote“ von Bush nicht gelesen worden sei. „Es scheint als wollten sie Öl ins Feuer gießen“, schüttelte Newsweek-Star Howard Fineman den Kopf.
„Der Krieg kommt nach Hause“, titelt Time und meint Menschen wie Kim Ramos, die sich mit ihren beiden „Boys“ Christian, 9, und Ryan, 5 bereits mehrmals auf die versprochene Heimkehr ihres Gatten, „Motor Sargent“ Efrain, vorbereitete, und bitter enttäuscht wurde. „Ich will ihn endlich zurück“, sagt sie verzweifelt. 12 Wochen in einem Stück (!) habe sie gar nichts von ihm gehört, am Ende nicht mehr gewusst, was sie ihren Kindern erklären soll. „Für die ist es am härtesten“, sagt sie: „Sie vermissen ihn sehr – ein Tag ist wie ein Jahr“. Der Fernseher bleibt meist abgeschaltet, fügt sie hinzu: „Sonst würde ich verrückt werden“. Unerträglich ist das warten auch für Julie Galloway, die Fotos und Armeesymbole ihres Gatten Michael sogar auf ihr Kopfkissen drucken ließ. „Jeder Tag ist ein Horror für mich“, sagte sie: Wie können die erwarten, dass wir so leben weiterleben?“

# 7. Juli: Was passierte während dem Todesflug von JFK jr. wirklich?

Carolyn Bessette, Gattin des JFK-Sprosses John Kennedy jr., fokusierte an diesen Nachmittag des 16. Juli 1999 auf die perfekte Maniküre ihrer Zähennägel. Während der Stylist Colin Lively in einem noblen Salon in Manhattan an ihren Zehen pinselte läutete immer wieder ihr Handy. Wo sie so lange bleibe, muss der Anrufer, am wahrscheinlichsten Gatte John, gefragt haben – immerhin wollte er mit ihr und Carolyns Schwester Lauren in seiner privaten „Piper Saratoga“ an diesem Abend noch zum Familien-Sitz des Kennedy-Clans in Hyannisport fliegen. „Ich habe dir gesagt“, schnappte Carolyn, „dass ich heute meine Maniküre bekomme“. Bei einem weiteren Anruf fügte sie sichtlich genervt hinzu: „Je öfter du mich anrufst, desto länger wird es dauern…“ Da musste Lively ihre Nägel bereits zu dritten mal anstreichen, da sie nicht zufrieden war. Am „Essex County Airfield“ in Fairfield, New Jersey, tauchte sie deshalb erst nach 20 Uhr auf – mitten in der rasch fortschreitenden Dämmerung. Kennedy, nur ausgebildet für den Sichtflug, verlor im dichten Sommerdunst der angebrochenen Nacht um 21:40 kurz vor der Ferieninsel Martha´s Vineyard die Kontrolle über die Maschine – mit 412 Stundenkilometer schlägt die Maschine auf der Meeresoberfläche auf.
Enthüllt hat das bisher makaberste Detail des Todesfluges des Amerikanischen Prinzen JFK jr. – Sohn des 1963 in Dallas erschossenen US-Präsidenten und Hoffnungsträger der als „American Royals“ bezeichneten Kennedys – der „Vanity Fair“-Journalist Edward Klein in dem rechtzeitig zum vierten Todestag erschienenen Skandal-Buches „The Kennedy Curse“ (Der Kennedy-Fluch; St. Martin´s Press, 256 Seiten). Dazu tischt Klein spektakuläre Insider-Aussagen über den desolaten Zustand der Kennedy-Bessette-Ehe auf, ihrer Tob- und Kokainsucht, JFK´s eigenen Troubles mit „Attention Deficit Disorder“ (A.D.D.), Tollkühnheit und seinem crashenden Polit-Magazin „George“. Kleins Knüller hat amerikanische Kennedy-Fans und Freunde ins Mark getroffen. „Hier werden Leute in den Schmutz gezogen, die tot sind und sich nicht wehren können“, klagte Johns Freund John Perry Barlow auf CNN.
Laut Klein stand für den Kennedy-„Thronfolger“ kurz vor seinem Tod sowohl Ehe als auch Geschäftskarriere vor dem Ruin: Von Carolyn hatte er sich kurzfristig getrennt, logierte im schicken Stanhope Hotel am Central Park während sie in der Loft in Tribeca blieb. „Ich möchte Kinder, doch jedes Mal wenn ich das Thema bei Carolyn anspreche dreht sie sich weg und verweigert den Sex“, klagte er laut Autor Klein einem Freund am Telefon: „Dabei geht´s nicht nur um Sex, es ist unmöglich mit ihr auch nur über irgendwas zu reden“, fuhr er stockend fort, setzt wütend nach: „Ich habe die Schnautze voll mit ihr! Es muss aufhören, andernfalls endet es mit einer Scheidung.“
Carolyn, deren Schönheit und Style die New Yorker Kult- und Modeszene in regelrechte Ekstase versetzte, zerbrach an der 1995 geschlossenen, von den Papparazzi zur Chefsache erkorenen Ehe mit „Amerika´s berühmtesten Mann“ (New-York-Post Kolumnistin Liz Smith). Laut Freunden hätte sie klassische Anzeichen einer klinischen Depression entwickelt. „Sie sperrte sich tagelang in der Wohnung ein, heulte unkontrolliert drauf los und erging sich in Selbsmitleid“, schreibt Klein. Einmal faxte sie John in die Goerge-Redaktion: „Ich brauche dich!“ Rasch fand sie durch Kokain-Konsum Ablenkung: Einmal hätte sie John in deren Apartment am Boden vor der Couch ausgebreitet vorgefunden: Sie schnupfte Kokain mit einer Handvoll schwuler „Fashionistas“, so Klein, ihre Augen eingesunken. „Du bist ein Cokehead!“, hätte sie John angebrüllt. Untermauert wird die Gewohnheit von einem George-Mitarebiter, der sie ausführte als John mit Grippe im Bett lag. „Sie machte ein halbes Dutzend Trips aufs Klo und kehrt stets mit weißen Ringen rund um ihre Nasenflügel zurück“, erzählte er Klein: Danach hätte er während des exzessiven Bar-Hopping Carolyn mit Mühe überreden können, um 3 Uhr morgens zu ihrem grippösen Gatten zurückzukehren.
Ehekämpfe wurden in der JFK-jr.-Haushalt durchaus gewalttätig ausgetragen, zitiert Klein Freunde: Einmal wäre John sogar in der Notaufnahme mit einem eingeklemmten Nerv gelandet, „Hausunfall“, lautete seine offizielle Erklärung, „doch alle tippten prompt auf Carolyn“, schreibt Klein. Den Hang zum Jähzorn konnte ihr Ex, Calvin-Klein-Unterhosen-Modell und späterer Baywatch-Star Michael Bergin, nur bestätigen: Einmal hätte sie in einer Bar eine Blondine, die ihm um ein Feuer bat, einfach weggestoßen, bei einem Streit in Bergins Wohnung flog der schmiedeeiserne Kerzenständer durchs Wohnzimmer, danach stampfte Carolyn auf dem zu Boden beförderten Videorekorder. Dennoch: Mit Bergin hatte sie noch Sex, als sie bereits mit John zusammenlebte – schließlich beendete er die Beziehung, als Respekt zur Ehe mit JFK jr. Der hatte einmal seine extravagante Gattin aufgefordert, einen Psychiater aufzusuchen.
Doch auch die Laufbahn des berühmtesten Kennedy-Erben, dem Experten trotz erster Gehversuche in Justiz und Publizistik eine glorreiche Polit-Karriere vorhersagten, war kaum ohne Probleme: Er litt unter der „Grave Desease“, ein Drüsen-Fehlfunktion, die Energie aus dem Körper saugt, gepaart mit dem Drang, sich stets in den Mittelpunkt zu stellen (dafür wurde er einmal zum Kinderpsychiater geschickt) und den für die Kennedies typischen, für „Adrenalin-Schübe sorgenden Sportarten“, so Klein, darunter Rollerbladen, Kajakfahren oder Para-Gleiten, wo er sich prompt einen Knöchel brach. Mutter Jacky hatte ihn vor ihrem Tod dringend vor zwei Dingen gewarnt: Vor der Gründung des Magazines „George“ und der Fliegerei. „George“ stand, so Klein, knapp vor seinem Tod vor dem Ruin, und die Selbstüberschützung, trotz wegen Carolyns Verspätung angebrochener Dunkelheit zu Starten, kostete ihm das Laben.