# 18. Dezember: Arnies Jahr


Fast wie in der Szene aus „Kindergarten Cop“ scharte Arnold Schwarzenegger die Parlamentarier in seinem eher schlichten Gouverneurs-Büro im Kapitol zu Sacramento um sich: Alle klopften sich gegenseitig auf die Schulter, Demokraten und Republikaner fröhlich vereint. Durch einen Kompromiss in letzter Sekunde hatte Arnie mit Politikern beider Kongress-Kammern einen Budgetdeal durchgebracht, der 36-Millionen-Einwohner-US-Riesenstaat und die sechstgrößte Volkswirtschaft der Erde waren haarscharf am Bankrott vorbeigeschrammt. „Heute bin ich ein happy Gouverneur“, sagte der Polit-Shootingstar des Jahres mit seinem schweren Trademark-Austro-Englisch: „Es ist ein neuer Tag für Kalifornien“. Vergessen schien in der Freude der sichtliche Mangel an Genialität beim Arnies Budgetsanierung: 15 Milliarden Dollar sollen per Anleihe als neuer Kredit aufgenommen werden, die Ausgaben der Regierung sollen nach oben begrenzt werden – und sollte es jemals wieder Überschüsse geben, landen die in einem „Schlechtwetter-Topf“.
Für Arnie hatte das für ihn und Kalifornien historische Jahr mit einem weiteren Triumph geendet, kaum zu glauben, dass er sich zu Beginn von 2003 maximal Sorgen über Details der Vermarktung seines Action-Streifen „Terminator 3“ (T3) gemacht haben muss. Dann kam plötzlich die Recall-Bewegung mit über 1,6 Millionen Unterschriften ins Rollen, ein Volksbegehren zur Absetzung des farblosen und unpopulären Gouverneurs Gray Davis. Plötzlich geriet Arnies T3-Promotion-Tour zur globalen Rätselstunden, ob er den angedeuteten Sprung vom Drehset aufs Politparkett wagt. Bei Talkmaster Jay Leno schließlich, ließ er am 6. August die Bombe einschlagen: „Die Politiker eiern, fummeln und versagen“, polterte der Action-Filmheld: „Deshalb werde ich als Gouverneur für den großartigen Staat Kalifornien antreten!“
Die Mediensensation des Jahres war perfekt: Als gleichzeitiger Coverboy von „Time“ und „Newsweek“ wurde der spektakuläre Aufstieg des in Thal bei Graz geborenen, zum weltbesten Body-Builder, höchstbezahltesten und einem der erfolgreichsten Hollywood-Star und cleveren Entrepreneur mit einem geschätzten Privatvermögen von 250 bis 600 Millionen Dollar aufgestiegenen Austro-Amerikaners ausgewälzt. Arnie ließ, trotz sich in ersten TV-Auftritten offenbarender, politischer Ahnungslosigkeit, kaum Zweifel an seinem unbändigen Siegeswillen und Biss, die ihn schon in Karriere Eins (Bodybuilding) und Zwei (Filmstar) an die Weltspitze führten: 100 Mitarbeiter, 17 Freuwillige, ein High-Tech-Wahlkampf-Hauptquartier und Medienzentrum („jedes Telefon musste nach dem ersten Klingeln abgehoben werden“, so ein Helfer), knallharte Wahlkampf-Strategen und ein hochkarätiges Beratergremium gepaart mit allen Tricks aus der Unterhaltungs-Branche garantierten einen 61-tägigen Recall-Blitzkrieg. 7,35 Millionen Dollar spendete Arnie aus seiner eigenen Tasche, 4.067 weitere Spender bezahlten den Rest des insgesamt 18,1 Millionen Dollar teuren Wahlkampfes.
Obwohl Medien und Politestablishment viele Arnie-Aktionen in Frage stellen, sollte sein konservatives Strategen-Team recht behalten: Er stellte sich nur einer einzigen TV-Debatte, wo er den Bürgern wenig Detailwissen dafür umso mehr Ehrgeiz und Leadership demonstrierte. „Entscheidend zeigte sich, dass Arnies Starpower die frustrierten Kalifornier wieder für Politik begeistern hatten können“, so UCLA-Politologin Lynn Vavrick. Jeder Wahlkampf-Stopp geriet zu einer „faszinierenden Mischung aus Politik und Entertainment“, wie sich selbst die nüchternde „New York Times“ begeistern hatte können. Eine viertägige Bustour mit 220 Medienvertretern aus 36 Nationen knapp vor dem Wahltag war bereits als Triumphzug durch den „Golden State“ designed, doch wurde sie überschattet von den Grapsch-Anschuldigungen von 16 Frauen, ausgewälzt in einem dreiteiligen Dossier in der L.A. Times. Arnie entschuldigte sich sofort, seine Kampagne konnte nicht mehr zum Entgleisen gebracht werden.
Am 7. Oktober stand der Republikaner strahlend im Konfetti-Regen im Ballsaal des legendären „Century Plaza Hotel“, die hohe Wahlbeteiligung hatte Davis aus dem Amt gefegt und Arnie per Erdrutsch zum Polit-Chef des bevölkerungsreichsten US-Bundesstaates gemacht. Sein Triumph schickte als Art Bürgeraufstand gegen den politischen Status-Quo Schockwellen durch die USA – Demokraten machten sich sogar Hoffnungen, dass wegen der Arbeitsplatz-Misere frustrierte Wähler 2004 auch Präsident George Bush abwählen könnten. Bei der festlichen, doch wegen der kalifornischen Budgetkrise nicht zu pompösen Inaugurationsfeier am 17. November legte der Immigrant, live in alle Welt übertragen, die Hand auf die Bibel – und präsentierte erstmals seine Kinder der Öffentlichkeit: Da schritten neben Gattin, JFK-Nichte Maria Shriver die Töchter Katherine (13) und Christina (12), sowie die Buben Patrick (10) und Christopher (5) über den Linoleumboden des Ganges vor seinem Gouverneurs-Büro.
Als Polit-Neuling hat Arnie, so die vorherrschende Meinung unter Sacramento-Veteranen, eine respektablen Start hingelegt:
# Mit den Worten „Action, Action, Action, Action“ löste er Wahlversprechen Nummer Eins ein und annullierte die Autosteuer, obwohl er sich dadurch per Federstrich seine eigene Budgetnöte um vier Milliarden Dollar vergrößerte – und den Kommunen die wichtigste Einkommensquelle für Polizei und Feuerwehr wegnehme.
# Mit dem Durchboxen des Budgetdeals demonstrierte er, dass er als Persönlichkeit beide Parteien zusammenbringen und „zum Wohl der Bürger etwas weiterbringen kann“, wie er nach der Unterzeichnung strahlte.
Dabei wäre er mit einer, von seinem Wahlkampfstrategen angeratenen, zu kämpferischen Taktik fast auf die Nase gefallen: Als sich ihm Kongress-Abgeordnete widersetzten, veranstaltete er in dessen Bezirken wahlkampfähnliche Auftritte, wo er in Supermärkten vor tausenden die „Verantwortungslosigkeit der alten Politikergarde“ anprangerte. Die, sichtlich verärgert, stimmten prompt gegen sein Budget-Gesetz und Politologen merkten bereits hämisch an, der Wahlkampf sei vorbei und er hätte lieber verhandeln sollen. Doch im Neuanlauf zeigte Arnie seine Qualitäten als Politiker: Mit der Hilfe von Demokraten-Gattin Maria, die unter seinen Beratern wie im Wahlkampf eine Schlüsselrolle einnimmt, brachte er die Verhandlungen wieder in Gang, „sperrte“ Anführer beider Fraktionen um 22 Uhr in den Räumen rund um sein Büro zusammen, stellte „Pinot Noir“- und „Chardonnay“-Wein bereit, und verhandelte einen Streitpunkt nach dem anderen weg. Um 1 Uhr erschienen die Runde mit einem Deal, erschöpft aber erleichtert.
„Das war der überparteilichste Kraftakt, den ich meinen 25 Jahren als Politiker jemals gesehen habe“, zeigte sich der Oppositionsführer John Burton begeistert. Mehr Widerstand für Arnie kam ironischerweise von seiner eigenen Partei, den Republikanern. In den Gängen des Kapitols tuschelten besonders die Erzkonservativen über das „aufbürden der Schulden auf kommende Generationen“ und „wie sich der unerfahrene Gouverneur über den Tisch ziehen haben lassen“. Doch für mehr Gesprächsstoff in Sacramento sorgt der persönliche Stil des Governator: Gerne wird vom Armdrücken in Meetings erzählt, den exklusiven Pendeln im „Gulfstream“-Privatjet zwischen dem Villenareal der Schwarzeneggers im LA-Stadtteil Brentwood und Sacramento, vom Fitnessfahrrad in seiner Übergangsresidenz im 15. Stock des „Hyatt Regency“. Doch am deutlichsten macht die neue angebrochene Ära das neuerliche Medien-Interesse an dem einst so verschlafenen Hauptstadt-Nest: „Das ist wie damals als Ronald Reagan kam“, erinnert sich Bob Fairbanks, Polit-Reporter seit 45-Jahren und Herausgeber des Newsletters „Capitol Morning Report“: „Und wie der nützt Arnie die Euphorie zum schnellen Durchboxen seiner Kernpunkte“.
Anfang März sollen die Bürger über Arnies Budget-Paket abstimmen, dadurch hätte er Zeit gewonnen, um den Haushalt mit langfristigeren Maßnahmen in Ordnung zu bringen. Der in den USA beginnenden Wirtschaftsaufschwung könnte auch in Kalifornien, besonders in Silicon Valley, dem Mekka der New Economy, zu mehr Steuereinkommen führen. „Haben die Bürger dann bei den nächsten Wahlen das Gefühl, dass Arnie die Wende gelungen ist und wieder Aufbruchstimmung herrscht, ist seine Wiederwahl 2006 praktisch gesichert“, so Fairbanks. Aufgegeben in diesem dramatischen Jahr hat Schwarzenegger hingegen seine Filmlaufbahn, doch die Fülle gedrehter Filme bleibt er zumindest im TV erhalten. Als Demokraten-Führer Burton etwa nach dem Deal um 1:30 Uhr nach Hause kam und sich vor dem Fernseher noch etwas entspannte, lief der Schwarzenegger-Streifen „Twins“. „Da musste ich irgendwie herzlich lachen“, sagte er später.

# 15. Dezember: Saddam im Erdloch

Den wilden, grauen Bart hatten sie ihm abrasiert, gebückt saß er auf einer Militär-Metallpritsche. Er wirkte noch etwas benommen von einem kurzen Nickerchen. Dazu trug der irakischen Ex-Diktator Saddam Hussein frische Socken und schwarze Schlapfen. Er kannte die vier Männer kaum, die man zu ihm vorgelassen hatte – doch sie kannten ihn, und das war genau der Zweck des Treffens: Eine Identifikation des gerade aus einem Erdloch geholten Despoten durch vier Mitglieder des provisorischen, irakischen Regierungsrates. Doch rasch wurde ein Verhör aus dem Meeting, stakatoartig, wie die ersten, in US-Medien aufgetauchten Protokolle zeigen, prasselten die Fragen auf Saddam ein – und der zeigte keinerlei Reue: „Er wollte sich nicht beim irakischen Volk entschuldigen“, sagt Ahmad Chalabi: „Er bestritt seine Verbrechen nicht einmal ab – er verteidigte sie sogar noch!“ Ein strenger Herrscher sei er gewesen, sonst gar nichts.
Mowaffak al-Rubaie, den Saddam selbst einst in den Kerker warf, geriet gleich in eine heftige Debatte mit ihm, wo Saddam „sehr derbe Schimpftiraden“ losließ. Sogar beißenden Sarkasmus schien Hussein keinesfalls im Erdloch zurückgelassen zu haben. Als ihn Rubaie fragt, warum er 1980 Schiiten-Führer Ayatollah Muhammad Bakr al-Sadr exekutieren ließ, und 1999 Ayatollah Muhammad Sadiq al-Sadr, antwortet er mit einem Wortspiel. Das Wort Sadr klingt ähnlich wie „Brustkorb“, und Saddam spöttelte: „Wie in sidr or rijl“, übersetzt „die Brust oder den Fuss?“ Fast skurril wird die Szene, als Adnan Pachachi, Außenminister vor Saddam Machtübernahme, in ein Schreiduell mit dem Ex-Diktator gerät und sein Handy bimmelte: Am anderen Ende US-Präsident George Bush, der dem irakischen Politiker gratulieren hatte wollen.
So blieben in den ersten Verhörprotokollen viele Fragen unbeantwortet, doch Saddams mit Schimpfworten durchsetzte Tiraden (einmal bezeichnete er die Iraker als „ignorante Diebeshorde“) sind ein makabrer Vorgeschmack auf sein Tribunal: Warum er 5.000 Menschen im Dorf Halabja mit Giftgas töten ließ, wollten die Männer wissen. Das hätte der Iran zu verantworten, so Saddam. Wer ist für den Tod der Tausenden in Massengräbern verantwortlich? „Fragt deren Verwandte“, schnappte Saddam zurück: „Sie waren entweder Diebe oder sind von den Schlachtfeldern im Iran oder vor Kuwait davon gelaufen“. Warum griff er 1990 Kuwait an. Der Staat sei rechtmäßiger Bestandteil des Irak, behauptet er. Dann prahlt er, hinter der Angriffswelle gegen US-Soldaten zu stehen. „Ich sagte, die Amerikaner können unser Land überrollen, aber nicht besetzen“, polterte Saddam, „Und ich sagte, wir werden sie mit Pistolen bekämpfen – und das habe ich getan“.
Die vier Männer werfen wütend ein: „Sie behaupten, sie sind ein tapferer Mann! Warum haben Sie keinen einzigen Schuss abgefeuert? Sie sind ein Feigling!“ Da hätte er nur drauflos geflucht, berichteten sie. Zum Abschied des ersten Treffens zur Aufarbeitung eines nationalen Traumas hatte Rubaie das letzte Wort: „Möge sie Gott verdammen“, rief er: „Was wollen sie Gott sagen über Halabja und die Massengräber, über den Iran-Irak-Krieg, die abertausenden Exekutierten?“ Saddam reagierte mit weiteren dumpfen Schimpftiraden.
Auch bei den ersten Verhörversuchen der US-Armee zeigt sich Hussein noch wenig kooperativ, seine Aussagen, wie ein dem US-Magazin „Time“ zugespieltes Verhörprotokoll zeigt, grenzen teils an glatte Verhöhnung: Schon auf die harmlose Frage beim der ersten Vernehmung am Flughafen in Bagdad „Wie geht es ihnen?“ antwortete der 66-Jährige: „Ich bin traurig, weil mein Volk versklavt ist“. Als ihm ein Glas Wasser angeboten wurde, kam: „Wenn ich das trinke, muss ich aufs Klo gehen, und wie kann ich aufs Klo gehen, wenn mein Volk versklavt ist“. Was ist mit Captain Scott Speicher passierte, ein seit dem ersten Golfkrieg vermisster Kampfpilot? „Keine Ahnung“, so Saddam, „wir haben niemals Kriegsgefangene gehabt“. Und hatte der Irak jemals Massenvernichtungswaffen, eine Frage, die als Hauptkriegsgrund für Bush die ganze Welt am brennendsten interessiert: „Natürlich nicht“, kam blitzschnell die Antwort: „Die USA haben das erfunden um einen Kriegsgrund gegen uns zu haben“. Und warum durfte dann die UNO nicht alle Anlagen inspizieren? „Ich wollte die Privatsphäre meiner Paläste bewahren“, so Hussein lapidar. Auch beim zweiten Kriegsgrund – einer Allianz mit Superterroristen Osama bin Laden – enttäuscht Hussein die Verhörspezialisten bisher.

# 15. Dezember: Aufregung um Skandal-Bio über Julia Roberts

Liebessüchtige Teenager schicken sich SMS-Nachrichten, Studenten treffen sich in Single-Chat-Foren, andere in Bars – Hollywoodstars hingegen kritzeln anzügliche Aufforderungen ins Drehbuch, und händigen es zu einem sichtlich erstaunten Kameramann. Angespornt hatte sie der durch einen Auftritt ohne T-Shirt bei großer Hitze, seinen Muskel bepackten Oberkörper präsentierend. So jedenfalls hätte Superstar Julia Roberts ihre Affäre zu Danny Moder begonnen, dem Feschak hinter der Kamera am Set zum Blockbuster-Hit „The Mexican“. Obwohl beide verbandelt – sie mit Star Benjamin Bratt, er mit Gemahlin Vera – trafen sie sich rasch zum Tet-a-Tet in eine Apartment-Komplex. Fast paralysiert vor Liebe und mit vor Begierde strotzenden Augen hätte sie den gut gebauten Ehebrecher angesehen, berichtete eine Bewohnerin des Ad-Hoc-Liebesnestes. Und wenn die Aufmerksame selbst beim Mistkübelausleeren mit Danny plauderte, schritt „Pretty Woman“ Roberts prompt ein. „Sie muss wohl sehr eifersüchtig gewesen sein“, erinnert die sich heute.
Während die 36-Jährige, mit dem Oscar gekrönte Hollywood-Traumfrau Filmerfolge in Serie feiert und Top-Gagen von 25 Millionen Dollar pro Streifen kassiert (in Kürze kommt „The Mona Lisa Smile“ in die Kinos), sorgt die Inside-Bio des Top-Autors James Spada „Julia – Her life“ schon vor Erscheinen für Aufregung: Spada, der bereits Jackie O. und Marilyn Monroe durchleuchtet hatte, recherchierte monatelang neue Details á la Aufriss via Drehbuch. „Julia ist voller Widersprüche“, sagt Spada: „Hinter der strahlenden Kulisse verbirgt sich eine unsichere Frau, die, kaum zu glauben, enorme Probleme mit ihrem Selbstbewusstsein hat“.
Das sei vor allem in ihrer turbulenten Jugend in völlig dysfunktionalen Familienverhältnissen begründet, wie Spada sagt: „Mutter und Vater ließen sich scheiden als sie vier Jahre alt war, es gab schlimmen Streit, ihr Vater Walter war ein sehr komplizierter Mann, er hatte jungen Schauspielern in einem Workshop geholfen, war und – das hat bisher noch niemand veröffentlicht – bisexuell – und machte sich an die jungen Schauspieler heran.“ Die Mutter wollte nicht, das er die Kinder jemals wieder sieht. Jeden Besuch hätte er sich erkämpfen müssen. Selbst seine Geschenke behielt sie zurück. Julia dachte deshalb, „dass ihr Dad sie nicht liebt“, so der Autor. Als ihr Vater, sie ist gerade neun Jahre alt, an Krebs stirbt, wusste sie nicht mal, dass er die Monate zuvor mit schwerem Krebsleiden im Spital im Sterben lag. „Die Mutter hat ihr das glatt verschwiegen“, so Spada. Ihr Stiefvater Michael Motes, so berichtete jedenfalls ihr Bruder Eric, hatte ihn misshandelt – und wahrscheinlich auch Julia. Spada: „Sie hat niemals ein Wort über ihren Schwiegervater verloren, eine Indikation, dass ihr Verhältnis zu ihm mehr als unangenehm war“. Ähnliches berichtete auch Julias Vater, wie Scheidungspapiere zeigen: Motes habe stets im Haus mit Betty geschlafen, „mit dem Wissen und der Anwesenheit aller minderjähriger Kinder“. Einmal habe, so Julias Vater, Motes Eric „grundlos geprügelt“ und „aus dem Haus geworfen“.
Aus dem Familien-Horror entlässt sich Roberts per Flucht nach New York, zeigt aber böse Nachwirkungen, „regelrecht, wirres Verhalten“ und so richtig „Boycrazy“, so Spada: „Eine Zimmerkollegin, während sie einen ihrer erste Filme drehte sagte, dass sei eine Nacht mit einem der Szenen-Beleuchter verbrachte, die nächste mit einem Soundtechniker.“ Bei ihrem ersten Star Liam Neeson im Bett muss sie wohl der Ähnlichkeit zu ihrem Bruder erlegen sein, sagt Spada: „Ein ernsthafter Schauspieler, gut gebaut und wie Eric mit einer gebrochenen Nase, die seinem Gesicht Charakter verlieh“. Weniger Glück hatte sie in der Serie beginnender Liebschaften mit führenden Hollywood-Männern mit Kiefer Sutherland: Seine Affäre kurz vor der geplanten Hochzeit gelangte durch die Aussage seiner Gespielin Amanda Rice ins Boulevardblatt „The Sun“: Demnach habe ihr Kiefer gesagt, Julia sei ichbezogen und fordernd, es mangle an Selbstbewusstsein und sie nage sich die Fingernägel bis zum Bluten ab. Zusätzlich habe Kiefer geklagt, Julia habe zu kleine Brüste, keinen Hintern und sei im Bett kalt wie ein Eisprinzessin. Kein Wunder das die beiden nicht zum Traualtar schritten, sondern Julia wegen Fieber, Schwindel und Austrocknung im „Cedars Sinai Medical Center“ in West Hollywood landete.
Der Grund für das frühe Beziehungspech könnte laut Spada ebenfalls von den emotionellen Narben ihrer Kindheit herrühren: „Ihr wurde niemals gezeigt, dass Beziehungen gut sind und lang anhalten können“. Erst mit Schauspieler Benjamin Bratt schien sie in einer ersten festen Beziehung zu landen. „Er war auch völlig anders, kein Bad Boy, fast konnte man glauben, sie habe ihren Mann fürs Leben gefunden“, sagt der unoffizielle Biograf. Doch dann hab die „alte Julia wieder zugeschlagen“ und Affäre mit Kameramann Danny Moder begonnen, ihrem heutigen Gatten. Dass sie dessen Ehe zerstört hatte, stritt sie kürzlich in einem Interview mit Talkqueen Oprah Winfrey glattweg ab – und wurde prompt im Klatsch-Oberorgan National Enquirer der Lüge bezichtigt. Spada fand widersprüchliche Details: „Danny hat Julia erklärt, dass seine Beziehung praktisch gescheitert sei, doch zur gleichen Zeit schenkte er Vera einen Ring und schwor ewige Liebe. Die Frage ist, ob eine gesunde Beziehung durch jemand anderen zerstört werden kann? Wahrscheinlich nicht.“ Dass es Julia ernst meinte, musste Danny-Frau Vera erkennen, als sie nicht gleich in die Scheidung einwilligte.
„Plötzlich nutzte Julia die ihr so verhassten Medien für sich und trug vor den Paparazzi-Linsen das T-Shirt ,AlowVera´, doppeldeutig für den Namen einer Pflanze oder ,eine tiefe Vera´ für die Taktik von Dannys Frau.“, so Spada: Vera musste das als Warnung verstanden haben – da kämpft dieser mächtige, reiche Hollywood-Star gegen mich, die mich in der Öffentlichkeit fertig machen kann.“ Den Preis für die unsaubere Gangart scheinen sie jetzt zu bezahlen, so Spada: „Beide habe wohl so ihre Probleme, sich gegenseitig in Sachen Treue zu trauen“. Der Autor ist sich nicht sicher, ob die Welt jemals mit „Pretty Baby“ rechnen kann: „Ich fand keine Beweise, dass sie unfruchtbar ist, aber es scheint wahrscheinlich. Sie ist jetzt fast 37 Jahre alt und hatte trotz mehrmals geäußerten Babywunsch niemals eine Schwangerschaft. Ein Frau die zweimal verheiratet ist und andauernd den Wunsch nach einer Familie äußert, lügt entweder oder ist unfruchtbar.“ Wohin kann sie ihre Karriere noch führen? Mit dem Trend, ernstere Filme á la Erin Brockovic oder Mona Lisa Smile zu machen, liege sie richtig, so Spada: Um in die Liga der Hollywood-Göttinnen aufzusteigen, muss sie weg von den Popcorn-Filmen, wo sie sich selbst spielt“.

# 1. Dezember: Arnie startet durch

Die Geschichten machten blitzschnell die Runde in der einst so verschlafenen Kalifornien-Kapitale Sacramento: Vom Armdrücken des neuen Governator Arnold Schwarzenegger in ersten Verhandlungsrunden mit Parlamentariern wurde erzählt; vom Fitnessfahrrad, dass sich Arnie in seine Übergangsresidenz im 15. Stock des „Hyatt Regency“ schaffen hatte lassen, um frühmorgens beim Strampeln die Briefing-Papiere zu studierten, vom Chaos der Übergangstage, wo Arnies Kommunikationschef Rob Stutzman ohne Telefon auskommen musste und sein Anrufbeantworter immer noch hartnäckig auf „Willkommen zur Kommunikationsabteilung von Gouverneur Gray Davis“ programmiert war.
Tatsächlich ist ein neues Zeitalter in der Beamten-Metropole angebrochen mit einem aufregenden Mix aus Politik und Entertainment. „Und die ganze Welt schaut auf uns“, freut sich Politveteran Bob Fairbanks: „So viele Journalisten haben wir hier nicht mehr seit dem Einzug von Ronald Reagan in das Kapitol gesehen“. Arnie hat inmitten des Medien-Blitzlichtgewitters jedenfalls einen Blitzstart hingelegt – mit jedoch gemischten Reaktionen:
# Mit der Aufhebung der von Vorgänger Gray Davis zum Budgetlochstopfen eingeführten Autosteuer (mit der Arnie seine eigenen Budgetprobleme per Federstrick gleich wieder um vier Milliarden Dollar vergrößerte) und der Rücknahme eines weiteren Davis-Gesetzes, das illegalen Einwanderern die Führerscheinprüfung erlaubt (ein Signal an die rechte Wählerbasis) erfüllte er blitzschnell zwei Wahlversprechen – und wollte demonstrieren, dass Aktion statt Stagnation fortan die Kalifornien-Politik bestimmt;
# Doch die Reaktion auf Arnies erste Maßnahmen zur Reparatur des Katastrophen-Budgets des 36-Millionen-Einohner-Staates zeigten, dass die, Neuligen traditionell gewährten „politischen Flitterwochen“ kurz sein könnten. Bei einer an den Wahlkampf erinnernden Veranstaltung am Dienstag in einem Shopping-Zentrum warb er bei den Bürgern um seinen „Recovery Plan“: In dem will er mit der Aufnahme einer 15-Miliarden-Dollar-Anleihe mehr Zeit gewinnen und teils harte Einsparungsmaßnahmen (darunter die Streichung von Kunstprogrammen geistig Behinderter, Transportzuschüsse für Alte und Behinderte, samt Rotstift im Gesundheits- und Bildungswesen) durchsetzen. Während Konservative die Anleihe als bloßes weiteres Schuldenmachen bezeichnen, stürzen sich die oppositionellen Demokraten auf die Kürzungen, die eher Arme und Schwache treffen. „Das ist keine zentristische überparteiliche Sicht der Welt“, wetterte die Abgeordnete Jackie Goldberg: „Es ist eine radikale Sicht der Welt – und sicher ein Schritt in die falsche Richtung“.
Aus der Sicht der Bürger hat Arnie dennoch einen Traumstart hingelegt, sagt Dick Rosengarten, Herausgeber des Magazins „California Political Review“: „Seine Wert sind hier eine elf bis bestmögliche 12 auf der Skala“. „Action, Action, Action, Action“, sagte er bei jeder Gelegenheit, um schnell einen Kontrast zum so farblosen wie zögerlichen Gray Davis herauszuarbeiten. Dazu zeigte Arnie Totaleinsatz: Er verbrachte weit mehr Zeit als angenommen in Sacramento, versuchte First Family und Job bestmöglich unter einen Hut zu bekommen: An einem Tag servierte er um 6 Uhr Früh Gattin Maria-Shriver das Frühstück im Bett, radelte eine Stunde, brachte eines der vier Kinder höchstpersönlich in die Schule, und hetzte in sein Büro in Santa Monica – inzwischen eines von vier Arbeitsstätten des Austro-Amerikaners – für das Governor-Business. Shriver, die an ihren alten Job als NBC-TV-Reporterin zurückkehrte, hilft Arnie hauptsächlich beim „Verkaufen“ harter, budgetärer Einsparungsmaßnahmen. „Niemand will Einschnitte, auch Arnold will sie nicht“, sagt sie mit der 12-jährigen Tochter Christina an der Seite beim karitativen Suppenausschöpfen am Thanksgiving-Wochenende: „Aber wir können uns viele Programme nicht leisten und es ist wichtig, dass wir Kalifornier zusammenstehen“.
Weniger spektakulär, „eine 6,5 auf der Skala“, laut Rosengarten, ist Arnies Start mit oppositionellen Politikern in Sacramento, die beide Kammern des Kongresses kontrollieren: Seine Finanzministerin Donna Arduin sprang in einem Meeting mit Budgetausschussmitgliedern plötzlich auf und rannte aus dem Raum, hetzte zu einem Termin mit Schwarzenegger. „Ein katastrophale Vorstellung“, urteilte der mächtige Senatspräsident John Burton, dann vergrämte Arnie auch noch „Speaker“ Herb Wesson, indem sein Stab verbreitete, der Führer der Unterhauses hätte, um seinen Rat gefragt, „nichts zu sagen gehabt“. „So möchte ich die Beziehung sicher nicht beginnen“, schnappte der zurück. Symptomatisch für den Alltag im Polit-Minenfeld Sacramento scheint ein Treffen mit Staat-Senatorin Martha Escutia zu sein. Als die sagte, sie hätte Bürgerunmut im Fitness-Zentrum gehört, unterbrach sie Arnie aufgeregt: „Welches Fitness-Zentrum?“ Dann griff er über den Tisch auf die Bizeps der Senatorin und drückte mit wohlwollendem Kopfnicken zu. Escutia war von Arnies Scharm und Stil beeindruckt, doch politisch konnte er sie noch nicht überzeugen: „Er will wohl zu viel zu schnell“, sagt sie.

24. November: George vs. George

George Soros konnte nicht schlafen. Um 3 Uhr früh sprang der weltberühmteste Investor und Währungsspekulant aus dem Bett in seiner Villa in „Westchester County“ nördlich von New York City und kritzelte hastig die Gedanken, die ihn aufweckten, auf ein Blatt Papier: Die aggressive Politik des US-Präsidenten George Bush samt Präventivkriegen á la Irak führe die USA ins Verderben, fasst der 73-jährige, in Budapest geborene und vor den Nazis geflüchtete zusammen: Bush hätte die Terror-Tragödie des 11. September als Ausrede für einen permanenten Anti-Terrorkrieg „missbraucht“, der Amerikas Image in der Welt ruiniert hätte, die Supermacht selbst in den Bankrott treibt – und die Spirale der Gewalt nur noch viel schneller drehen lässt.
Soros (laut Forbes sieben Milliarden Dollar schwer), der einst mit einer Pfund-Spekulation eine Milliarde Dollar verdiente und die „Bank of England“ sprengte, hat seither einen einzigen „zentralen Focus in seinem Leben“, wie er der Washington Post anvertraute: Der Abwahl von Bush & Co im November 2004. Das Ziel, für ihn „eine Frage von Leben und Tod“, verfolgt er mit zwei Strategien:
# Sein frühmorgendliches, wütendes Gekritzel ist inzwischen ausformuliert und erscheint im Jänner als Soros Polit-Manifest zum Bush-Sturz unter dem Titel „The Bubble of Americas Supremacy“ (Verlag: Public Affairs), wo er den Größenwahn der Anti-Terror-Präventivkriege mit den spekulativen Luftblasen der Finanzwelt vergleicht.
# „Amerika unter Bush ist eine Gefahr für die Welt“, warnt Soros weiter und öffnet sein prall gefülltes Scheckbuch für die oppositionellen Demokraten für ihre Wahlkampagne gegen Bush: Zehn Millionen Dollar spendete der Organisation „America Coming Together“ (ATC), die Bürger in den 17 wichtigsten Schaukelstaaten zum Urnengang bewegen soll, fünf Millionen spendete er für die Antikriegsplattform „MoveOn.org“, die über das Internet Millionen mobilisiert, drei Millionen gab er Ex-Clinton-Stabschef John Podesta für einen neuen Think-Tank. Dazu nahm Soros vergangenen Sommer auch noch an Strategiebesprechungen von Demokraten-Gurus teil, wo Konzepte für den Bush-Sturz erörtert wurden.
Doch für Furore sorgt das Soros-Buch, nachdem ein erster Vorabdruck im Monatsmagazin „Atlantic Monthly“ erschien: Der 11. September hätte den Kurs der Geschichte kaum so verändert, wenn ihn Bush nicht so schamlos ausgenützt hätte, argumentiert Soros: „Er erklärte den Anti-Terrorkrieg um die Implementierung eine radikalen, außenpolitischen Agenda zu verschleiern, deren Prinzipien schon vor der Tragödie festgeschrieben waren: Internationale Beziehungen basieren auf Macht und nicht Gesetzen“. Diese Außenpolitik sei Teil des Gedankenguts der Neokonservativen, so Soros, doch lieber bezeichnet er es als eine „rohe Form des sozialen Darwinismus“, wo sich die Starken durchsetzen: „Ich bezeichne es als Rohform, weil es die Rolle der Kooperation zum Überleben der Stärksten ignoriert und voll auf den Wettbewerb fokusiert: In der Wirtschaft ist es der Wettbewerb zwischen Firmen, in internationalen Beziehungen der zwischen Staaten. Wirtschaftlich nimmt der soziale Darwinismus die Form von Markt-Fundamentalismus an, in der Außenpolitik führt es jetzt zur Verfolgung amerikanischer Vorherrschaft“.
Mit der „Bush Doktrin“ hätte der Kriegsherr, dessen erster Kampagnen-Spott klar machte, dass er mit der Leadership im Anti-Terrorkrieg seine Wiederwahl schaffen will, die militärische Vorherrschaft einzementiert und das Recht auf Präventivkriege festgeschrieben, nach innen sei „ironischerweise die erfolgreichste offene Gesellschaft der Erde in die Hände von Menschen gefallen, die alle Grundgesetze einer offenen Gesellschaft missachten, wie Justizminister John Ashcroft, der den Krieg als Ausrede zur Beschneidung persönlicher Freiheiten verwendet“, so Soros. „Die Annahme, dass die USA besser dran ist, ihre Macht zur Durchsetzung ihrer Wert und Interessen einzusetzen, ist eine glatte Fehleinschätzung: Genau der Verzicht auf den Machtmissbrauch brachte Amerika in seinen jetzige Position.“ Mit dem 11. September hätte Bush auch mit den Prinzipien früherer Außenpolitik gebrochen, zur Normalität gehöre jetzt „das Abnormale, das Radikale, das Extreme“. Und genau hier vergleicht Soros mit den gefürchteten Blasen der Finanzmärkte: Der Glaube in eine Fehleinschätzung werde zunächst durch schnelle Erfolge verfestigt – doch letztendlich wachse die Kluft zwischen der Realität und den falschen Annahmen, bis der Bubble „mit devastierenden Konsequenzen“ zerplatze. Der schnelle Militär-Triumph bei der Irak-Invasion schien etwa den Glauben von Bush & Co in ihre aggressive Präventivkriegspolitik zu unterstreichen. Jetzt im blutigen Besatzungsfiasko sei für Soros „die Stunde der Wahrheit gekommen“, wo die Vorherrschafts-Blase platzen könnte oder, sollte die USA die Lage in den Griff bekommen, der Trend noch weiter eskalieren. „Es ist schwer an eine andere Militäraktion zu denken, die derart schief gelaufen ist“, schreibt Soros: „Unsere Soldaten werden zur Polizeiarbeit gezwungen, dabei getötet, ihre Moral ist am Boden, wodurch wir die Kampfmoral unsere Streitkräfte gefährdet hätten. Die Kosten des permanenten Kriegszustandes belasten unser Wirtschaft schwer. Wenn wir einen Beweis brauchen, dass der Traum von Amerikas Vorherrschaft fehlgeleitet ist, dann ist er in der Irak-Besatzung zu finden“.
In Interviews argumentiert der „wütendste Milliardär der Erde“ (Fortune) noch schärfer gegen Bush: „Bush glaubt“, wetterte er etwa in der „Post“, „dass ihn Gott nach dem 11. September auserwählt hatte – und jetzt führt er die Welt in einen Teufelskreis immer weiter eskalierender Gewalt“. Und sogar mit den Nazis will er Bush, vor allem wegen der „kalkulierten Verbreitung von Angst und Schrecken im Inland“ und der Verfolgung von Kriegsgegnern, vergleichen: „Wenn immer ich höre ,Ihr seit entweder mit uns oder gegen uns!´ erinnert mich das an die Deutschen – mein Leben unter Nazi- und Sowjet-Herrschaft hat mich sensibilisiert“, sagt er. Bereits vier Milliarden Dollar hat Soros deshalb vor allem in Demokratie fördernde Projekte in Osteuropa investiert – jetzt will er den Spuk in seiner Wahlheimat USA beenden.

# 24. November: M. Jackson – Here we go again…

Rubba“ hat er ihn genannt, von einem Spiel namens „Rubba, Rubba“, sich aneinander reiben. Der damals 12-jährige Gavin Arvizo wäre sein „Rubba-Rubba“-Freund gewesen, soll der 45-jährige Pop-Mega-Star Michal Jackson in regelrechten „Liebesbriefen“ an die Buben festgestellt haben. Und Arvizo erinnert sich genau, wo die Briefe und auch von Jackson verfasste Gedichte in seinem kalifornischen Privatschloss zu finden sind. 14 Stunden lang durchstöberten 60 Polizisten schließlich in einer spektakulären Haussuchung das zehn Quadratkilometer große Areal der „Neverland Ranch“ mit handgekritzelten Lageplänen: Kartonweise schafften sie die Korrespondenz und Videokassetten aus dem Haus, Tags drauf strahlte Santa-Barbara-Staatsanwalt Tom Sneddon jr. nicht ohne Grund in die Phalanx der TV-Kameras. „Wir haben einen sehr starken Fall“, sagte er triumphierend.
Mit dem Knattern der News-Helikopter über der Neverland-Ranch war Amerika und die Welt in Folge Zwei der Sex-Akte Michael Jackson geschlittert: Ein Haftbefehl gegen den so schrillen wie abgetakelten „King of Pop“ wegen vielmaligen Kindesmissbrauch; die Story des angeblichen Opfers, ein heute 14-jähriger Krebsüberlebender aus tristen und gewalttätigen Familienverhältnissen; die Rückblende zu Folge Eins der Kindesmissbrauchs-Saga, wo Jackson 1993 20 Millionen Dollar an den 13jährigen Jordy Chandler bezahlte und ohne Anklage davon kam; die wütenden Proteste des Jackson-Clans gegen den medialen, „modernen Lynchmord“, wie Bruder Jermaine per Schimpftirade samt verbotenen „Fuck“-Wort live auf CNN klagte. Sogar ein Todesopfer war zu beklagen: Ein Kameramann der lokalen TV-Station KEYT-TV brach nach einem Sprint um den besten Sendeplatz über einen stielen Gehsteig nahe der Ranch zusammen und starb später an einem Herzanfall.
Und Amerika erlebte eine Seifenoper aus tagelangem Live-TV, wie seit dem Jahrhundert-Doppelmord-Prozess um O.J. Simpson nicht mehr: Ein Millionenpublikum sah zu, als Jacksons Privatjet am Airport von Santa Barbara einschwebte, beim Aussteigen die Schnauze der Maschine durch die halbgeöffnete Türe eines Hangars ragte, der Konvoi zum Gefängnis fuhr – dann Jackson in Handschellen, Jackson mit dem Ausdruck eines erschrockenen Clowns am offiziellen Haftbefehl, Jackson mit Victory-Handzeichen beim Verlassen des Gebäudes, Jackson beim Rückflug zu Videodreharbeiten in Las Vegas, gespenstische Bilder, als seine Kinder zum Schutz vor den TV-Kameras in Decken gehüllt werden oder Jacksons schwarzer SUV bei einer dreistündigen Irrfahrt von Fans umringt wird.
Jacksons neuester „Thriller“ beginnt im „Children Hospital“ von Los Angeles. In der Intensivstation liegt Gavin Arvizo, er hat einen reisigen Tumor in seinem Bauch, Nierenkrebs, gerade mal zwei Wochen zu Leben, so die Ärzte. Der Wohltäter Jamie Masada, der Sommer-Trips für unterprivilegierte Kids organisiert und Gavin dort kennen gelernt hatte, fragt ihn nach seinem letzten Wunsch: „Ich würde gerne Chris Tucker, Adam Sandler und Michael Jackson treffen“, sagte der. „Es war nicht leicht Jackson zu erreichen“, erinnert sich Masada. Am Telefon spricht er endlich mit jemanden in der Neverland Ranch und bittet, Michael soll ihn anrufen. Jackson, bekannt für seine Hilfsbereitschaft bei Kindern, meldete sich, nimmt sich Gavin an, befreundet auch die Eltern, seinem Vater, ein LKW-Fahrer schenkt er ein Auto, bezahlt auch alle Krankenhausrechnungen. Während sich Gavins Zustand bessert, zerbricht die Ehe der Eltern in einem brutalen Rosenkrieg: Der Vater, David Arvizo, erhält eine bedingte Haftstrafe wegen Gewalt gegen seine Tochter (plus acht weiterer Anklagepunkte, darunter Vergehen gegen Gavin), die Mutter Janet Ventura das Sorgerecht für Gavin und seine zwei Geschwister Star, heute 12 und Davelin, 17 Jahre alt. 2001 wird er auch wegen Brutalität gegenüber seiner Frau Janet angeklagt und die Ehe geschieden. Janet erstreitet sogar einen Gerichtsbefehl, wonach sich ihr Ex-Mann von ihr fernhalten muss.
Gavin hingegen verbringt immer öfter die Nächte in Neverland, wie hunderte Kinder auch, fast alle Buben im Alter zwischen acht und zwölf Jahren. Viele Teenager, wie Ahmed Elatab aus New Jersey, beschreiben die Besuche als harmlos und den Gastgeber als charmant: Die Kids toben durch Haus und Garten, dürfen mit selbst wertvollsten Vasen und sündteurem Mobiliar spielen, überhaupt gebe es „keine Regeln“, so der heute 17-Jährige: Jacksons Schlafzimmer sehe aus wie das eines Teenagers, ein primitives Sofabett, darum herum seien ausziehbare Extra-Sofas platziert, dort verbringen Jackos jugendliche Gäste auch die Nacht.
Doch Jackson hat sich auch ein „geheimes Schlafzimmer“ eingerichtet: Die bloß 2,5 mal drei Meter große Kammer erreicht man – fast wie in einem billigen Agententhriller – durch eine verborgene Türe in einem Kleiderschrank (!) und ein enge, mit Teppichboden verlegte Stiege. Drinnen steht ein Bett mit Pölstern, bedruckt mit Peter Pans Gesicht und dem Wort Neverland. In dem, einem US-Kanal zugespielten Video ist am Bett eine rote Puppe zu sehen, am Nachtkästchen ein Mickey-Mouse-Telefon. Auch ein Portrait von Allein-zu-Hause-Star Macauley Culkin ist zu sehen, ein guter Jackson-Freund während seiner Kinderstartage. Gast Elatab schwärmt auch besonders von Jacksons Heimkino, wo die aktuellsten Hollywoodstreifen auf eine Riesenleinwand projeziert werden: „Wir sahen Star Wars, man sitzt auf bequemen Ledersofas, es gibt eine Pop-Corn-Maschine, Softdrinks, Hot Dogs, alles was es auch in einem regulären Kino gibt“. Jackson trage jeden Tag die selben Kleider, sammle neben Musikpreise vor allem Spielzeug, darunter eine lebensgroße Figur des Starwars-Bösewichts Darth Vader, Roboter R2D2, Pinocchio, E.T., „einfach alles“, so Elatab.
Dem Buben ist nichts „unanständiges“ aufgefallen, doch mehr Zeugen melden sich mit gegenteiligen Beobachtungen zu Wort: Kinder hätten ihn regelrecht angeschrieen, er solle sie in Ruhe lassen, erzählte Jacksons Ex-Sicherheitschef zwischen 1990 und 1993, Robert Wegener, den Tabloids: Immer wieder hätte der Popstar sich an seine jugendlichen Gäste – 300 zählte Wegener in drei Jahren – angeschmiegt, immer wieder Körperkontakt gesucht. Einmal soll es eine Party im Privatkino mit einem dutzend Kindern gegeben haben, Jackson habe Pölster und Betten in den Raum gebracht und seinem Personal den Zugang untersagt, so Wegener. Unter ihnen Culkin, der ihn einmal anschreit: „Verpiss dich Michael, lass mich in Ruhe!“, einem Jungen, dem, wie Wegener durch ein Fenster beobachtet haben will, Jackson beim Videospielen den Nacken massierte und sich von hinten an ihn herandrückte – und einen gewisser Jordy Chandler (13), dessen Story in einer Zivilklage gerichtsanhängig und inzwischen weltberühmt ist, da der erste Kinderschänder-Skandal vor zehn Jahren Jackson beinahe hinter Gitter brachte: „Während unserer Beziehung hatte Michael Jackson mehrmals sexuellen Kontakt mit mir“, gab Chandler zu Protokoll: Graduell wäre die körperliche Annäherung eskaliert, von Umarmungen, Küssen auf die Wange, Küsse auf den Mund, so Chandler: „Dann steckte er die Zunge in meinen Mund, und ich sagte ihm, dass ich das nicht mag“, so die veröffentlichte Gerichtsakte: „Michael Jackson begann zu weinen, sagte, es wäre nichts verkehrt daran, andere seiner Freunde würden das auch tun und ich würde ihn nicht so lieben, wie seine anderen Freunde“. Chandler ließ es zu, bald nahmen beide ein Bad zusammen, Jackson sich selbst masturbiert und dann Chandler. „Danach masturbierte mich Jackson mehrmals mit einem Händen und seinem Mund“, sagte der Bub aus. Jackson verglich den Fall damals mit kolportierten 20 Millionen Entschädigung an die Chandler-Familie.
Stimmen die Anschuldigung von Gavin Arvizo, muss sich ähnliches im Februar diesen Jahres abgespielt haben. Laut ersten durchgesickerten Details habe Jackson dem Buben Rotwein und Tabletten verabreicht, um ihn gefügig zu machen. Jackson musste er „Daddy“ nennen, sagt die Mutter. Dabei sah die Welt Gavin Hände haltend an Jacksons Seite bereits zu dieser Zeit, in der Dokumentation „Living with Michael Jackson“ des britischen Journalisten Martin Bashir, der ein halbes Jahr lang den bizarren Jackson-Alltag dokumentierte. Darin erzählt Gavin, wie er, und manchmal auch sein jüngerer Bruder bereits seit Monaten „das Bett mit Jackson teilen“. Jackson erläutert daraufhin den harmlosen Charakter der „Übernachtungen“: „Warum kann ich mein Bett nicht teilen? Der größte Liebesbeweis ist es, sein Bett mit jemanden zu teilen, es ist nicht sexuell, alle kuscheln, es gibt warme Milch für die Kinder. Es ist Liebe. Was die Welt braucht ist Liebe!“ Als in den Medien ein Sturm der Entrüstung losbricht, verteidigt Gavins Mutter den Popstar öffentlich in einem Statement. Und panische Jackson-Berater erahnen bereist das zerstörerische Potential der Beziehung: Auf einem Videoband stellen sowohl Mutter Janet als auch Gavin klar, das niemals etwas anrüchiges vorgefallen wäre. Jacksons Anwälte hatten sogar Reisepässe angeboten und vorgeschlagen, die Familie soll in Südamerika vor dem „Medienansturm“ zuflucht suchen. „Die haben versucht, sie mundtot zu machen“, sagt ein Familienfreund dem Magazin „Newsweek“. Jackson heuert auch zu diesem Zeitpunkt bereits Staranwalt Mark Geragos an, sowie Privatdetektiv Bradley Miller, dessen Büro von der Polizei ebenfalls durchsucht werden sollte.
Die Mutter bricht den Kontakt zu Jackson ab, heuert selbst einen Staranwalt, Larry Feldman, an, der den Buben zu einem Therapeuten schickt und die Behörden über die Sex-Affäre verständigt. Der Bub verspricht volle Kooperation, erzählt den Kriminalbeamten über Liebesbriefe, Gedichte und Videos, und wo genau die in Neverland zu finden sind. Der knallharte Staatsanwalt Sneddon mit dem Spitznamen „Mad Dog“, der vor zehn Jahren den Fall aufgeben musste, hat nun reichlich Munition gegen Jackson: Erst nächste Woche – nach dem langen „Thanksgiving“-Wochenende – will er seine Anklage einbringen, der erste Prozesstag wurde für den 9. Jänner festgelegt. Es bleibt genug Zeit für den Jackson-Clan, ihre Version der Dinge darzulegen – zuletzt wurde dafür sogar eine eigene Website (www.mjnews.us) eingerichtet: Demnach handle es sich um eine „Große Lüge“, einen Erpressungsversuch, nachdem Jackson mit dem Ausstellen großzügiger Schecks an die Familie aufgehört hatte. Zu Hilfe kommt ausgerechnet Gavins Prügel-Vater, der per Anwalt Russell Halpern die Story von Mutter Janet anzweifelt: „Sie verdreht gerne die Dinge“, sagte der, „und sie scheint mental nicht besonders stabil, es würde mich nicht wundern, wenn sie das alles erfunden hätte“. Als „heruntergekommene Kellnerin“ bezeichnet sie ihr Ex-Gatte, die „Kapital aus der Sache schlagen will“. Professionelle „Court Watchers“ prognostizieren, dass sich Geragos „auf die Frau stürzen wird“, da der Junge als mögliches Sexopfer vor einer Geschworenenbank für die Verteidigung schwer angreifbar ist.
Wie freiwillig der Gerichtsvergleich mit Jordy Chandlers Familie war, wird inzwischen immer offener diskutiert: Laut Gerichtsakten aus dem Zivilverfahren, hatte Jackson Jordy gedroht, im Jugendgefängnis zu landen, sollte er jemals die Sex-Affäre ausplaudern. Für Jackson arbeitete damals Privatdetektiv Anthony Pellicano, eine finstere, mafiaähnliche Figur, die seit zehn Tagen wegen unerlaubtem Besitz von Sprengmittel und dem Verdacht des Abhörens prominenter Klienten selbst im Knast sitzt. Die Chandler-Familie lebt bis heute in Terror, wechselte mehrmals Identität und Wohnort, sein Vater, ein einst erfolgreicher Hollywood-Dentist veränderte sogar sein Aussehen per chirurgischen Eingriff.
„Da waren ernste Drohungen, wir nahmen sie sehr ernst“, erzählt ein Onkel der „New York Post“: „So ernst, dass wir Pistolen mit uns führten“. Jordys Vater wurde einmal sogar angefallen und verprügelt, das FBI riet der Familie sich für ein paar Jahre „zu verziehen“, während die Staatsanwaltschaft die Aufnahme in ein Zeugenschutzprogramm ablehnte. Überhaupt werden die Fragen immer lauter, warum Gil Garcetti, Staatsanwalt des zuständigen Distrikts von Los Angeles Jackson wegen Kindesmissbrauch nicht anklagte: Für die den Fall bearbeitenden Kriminologen schien die Sache sonnenklar. „Sie hatten von Jordy exakte Beschreibungen besonderer Merkmals an Jacksons Körper erhalten“, sagt Ernie Rizzo, damals Privatdetektiv für Mr. Chandler: „Und die decken sich haarscharf mit Fotografien von Jackson“. Besagte Prozedur war vom Popstar in einer damaligen, weinerlichen Verteidigungsansprache „live“ aus Neverland als besonders „erniedrigend“ angeprangert worden: „Niemand sollte so etwas jemals durchmachen müssen“, piepste Jackson. Doch Garzetti zeigte zu viel Respekt vor dem Megastar, damals noch am Zenit seiner Karriere, wollte „andere Opfer“ und wartete so lange, bis die Chandlers Jacksons 20 Millionen Dollar eingestreift hatten und der Bub für eine Zeugenaussage nicht mehr zur Verfügung stand (deshalb wurde jetzt sogar das Gesetzt geändert, wie Staatsanwalt Sneddon, hämisch anmerkte, wo Opfer in Promi-Fällen zur Aussage gezwungen werden können). Jordy Chandler ist heute ein Student und leidet, so New-York-Post-Kolumnistin Linda Stasi am „Monica-Lewinsky-Syndrom“, als „jemand, den man für immer mit einem Sexskandal in Verbindung bringen wird“.
In Hollywood mag sich diesmal nicht gerade eine imposante Unterstützungswelle für den angeklagten Star breit machen, wie auch zu den globalen Mahnwachen nur meist eine handvoll Personen erschien: Eine Riege schwarzer Stars angeführt von P. Diddy gab zwar Durchhalteparolen an „Jacko“ aus, seine mütterliche Freundin Elizabeth Taylor erklärte ihn bereits jetzt für „unschuldig“, doch Sängerkollegin Cher etwa attackiert Jackson als jemanden, der seine Opfer einfach „auszahlt“: „Wenn ich Michael Jackson wäre, hätte ich mir schon ein Kugel durch den Kopf gejagt, ich könnte die Schande nicht ertragen“. Und Jacksons eigene Kinder, Prince Michael I (6), Tochter Paris (5) und Prince Michael II (1)? Promianwältin Gloria Allreed, die bereits einschritt, als er sein damals achtmonatiges Baby über den Balkon eines Berliner Hotels hängte, und von Jackson als „blöde Schlampe“ verhöhnt wurde, fordert neuerlich, dass ihm das Sorgerecht entzogen wird. Jacksons ehemaligen Freund und Biograf Randy Taraborrelli glaubt nicht, das Jackson einen Gang ins Gefängnis überleben wird. „Ich würde ihn Tag und Nacht bewachen, dass er sich nichts antut“.

# 9. November: Bush-Schreck Michael Moore


Kaum würde einem Michael Moore im amerikanischen Straßenalltag auffallen: Durchschnittliche Körpergröße, übergewichtig aber nicht außerordentlich fettleibig, ausgetragene Jeans, eine abgewetzte Wildlederjacke, rundlich-freundliches Gesicht mit Vollbart, darüber stets eine Baseball-Kappe. Trotzdem ist der 49-jährige Midwesterner aus Michigan eines der größten Ärgernisse für George W. Bush, US-Präsident und mächtigster Politiker der Erde: Als einsamer „Regimekritiker“ im paranoiden Post-Elfter-September-Amerika leistet er den Bush-Kriegern mehr Opposition als Kongress, Demokraten und Mainstream-Medien zusammen. Und Overseas, wo Bush das Image Amerika auf historische Tiefststände führte, ist der Dokumentar-Filmer und Autor spätestens seit dem Irak-Krieg ein Superstar.
Moores neuestes Werk, „Dude, where is my Country“, wo er in bewährter provokant-aktivitischen-wütenden Stil den einstigen Schlachtruf vor dem Irak-Krieg umdreht und „Regime Change“ in Washington fordert und einmal mehr mit Bush & Co. Abrechnet, wurde von Verleger „Warner Books“ mit einer Startauflage von einer Millionen Büchern ausgeliefert. Seit drei Wochen ist es prompt Nummer Eins in der „New York Times“-Bestsellerliste, der wichtigsten im US-Buchhandel. Nur Hillary Clintons Bluckbuster-Memoiren hatten eine ähnlich hohe Auflage.
Niemand unterschätzt mehr das Erfolgspotential des Polit-Provokateurs: Seine erste literarische Bush-Hinrichtung „Stupid White Men…“, mit der es Moore während der weltweiter Anti-Irakkriegs-Proteste zum regelrechten „Anti-Bush“ schaffte, wurde vier Millionen mal verkauft, die Hälfte davon Overseas. Seine Kult-Doku „Bowling for Columbine“, die mit dem mörderischen US-Waffenwahn abrechnet, wurde mit 26 Wochen in den Kinos zum größten Dokumentarfilmerfolg in der Geschichte Hollywoods, führte in Cannes zu den mit 15 Minuten längsten Standing Ovations („Das war richtig peinlich, so lange einfach nur dazustehen“, erinnert er sich) und spielte bei einem Minibudget von vier Millionen Dollar im US-Box-Office 21,2 Millionen ein.
Inzwischen wollen in den USA Bush-Fans und Konservative das Phänomen Moore nicht mehr kampflos hinnehmen: Ins Kreuzfeuer ist der Entertainment-Riese Disney geraten, der via Miramax Moores nächste Doku „Fahrenheit 911“ über Verbindungen zwischen den Bush- und Bin-Laden-Clans produzieren will. „Wir werden doppelt hart nachdenken, Geld für eine Firma auszugeben, die so jemanden wie Moore unterstützt“, rief Steve Wood von der Republikaner-Aktivistengruppe „GOPUSA.com“ offen zum Boykott von Disney-Themenparks und anderen Produkten des Konzerns auf. Disney solle keine „Anti-Familien- und Anti-Konservativen Aktivitäten“ fördern, schrieb Tom Perrault von einer Christengruppe. Chris Cox von der Waffen-Lobby „National Riffle Association“ verdammte „Bowling…“ als „anti-amerikanische Propaganda“. Wenig Freunde hat Moore im bigotten Bibel-Gürtel, bei „Red Necks“, die mit rassistischen Konföderationsfahne am Pick-up-Truck durch die Provinz donnern, oder beim Millionenpublikum rechter Radio-Talker wie Rush Limbough.
In Hollywood hatte Moores Brandrede nach der Oskar-Verleihung („Schämen Sie sich Mr. Bush!“) am Höhepunkt des Hurrapatriotismus während der Irak-Invasion zu gemischten Reaktionen und lautstarken Buh-Rufen im Auditorium geführt. Den Kultstatus des schrulligen Filmemachers konnte das nur noch vergrößern – und Hollywood-Linke wie Susan Saradon oder Spike Lee verteidigten Moores „Recht auf Meinungsfreiheit“. Sogar „Madam Secretary“, Ex-Außenministerin Madeleine Albright, fand Gefallen an Moore, obwohl er auch während der Clinton-Jahre in dem Buch „Downsize this!“ mit der Kultur von Firmen-Gier und Jobvernichtungen abrechnete: „Er ist ein wenig kantig“, sagte Albright, „aber er spricht für viele Menschen, die sich verloren fühlen“.
Kontroverse und Provokation ziehen sich wie ein Roter Faden durch das Leben des Michael Moore, der am 23. April 1953 im Nest Flint, Michigan, geboren wurde. Sein Vater montiert Zündkerzen in einem Werk von „General Motors“ (GM), Moore wächst auf in einem für den Mittleren Westen typischen Arbeiterklassen-Athmosphäre. 16-jährig verdammte er in einem Redewettbewerb die Elk-Burschenschaft für ihre schwarzenfeindliche Aufnahmepolitik: Jung-Moore gewann den Preis, gab Interviews auf CBS und die bloß gestellten Elks ließen plötzlich Farbige in ihren Reihen zu. Zwei Jahre später wurde er zum jüngsten Politiker in der US-Geschichte, als er in den örtlichen Schulausschuss gewählt wurde. Er landete beim Linken-Magazin „Mother Jones“, das er nach wilden Streitereien verlässt und vor Gericht 8.000 Dollar Abfertigung erstreitet – das Startkapital für seine erste Doku „Roger and me“: Darin dokumentiert er in aufwühlender Weise, wie die Schließung der GM-Fabrik seinen Heimatort Flint in eine düstere Geisterstadt, typisch für die Reagan-Achtziger, verwandelt. Roger ist GM-Boss Roger Smith, den er gnadenlos verfolgt und ihm schließlich selbst vor Augen führt, wie seine Werksstilllegungs-Entscheidung Flint in den „schlimmsten Ort des Landes“ verwandelt hatte.
„Roger and me“, in das er 250.000 Dollar investierte (Teil des Budgets kam aus Bingo-Spielen in seinem Privathaus) und das von „Warner Bros.“ um drei Millionen gekauft wurde, macht Moore 1989 über Nacht national bekannt – der schrille Aktivismus steht fortan an der Spitze von Moores Repertoire bei TV-, Film- und Buch-Produktionen: In der TV-Serie „TV Nation“ etwa reist Moore nach Russland, macht Nuklear-Interkontinentalraketen ausfindig, die auf Flint gerichtet sind und versucht die Russen von einer Umprogrammierung zu überzeugen; im Film „Canadian Bacon“ will ein in den Umfragen darniederliegender Präsident seine Popularität durch anti-kanadische Rhetorik heben, bis ein Gruppe von Gendarmen aus Eigeninitiative in den Krieg zieht; in „Downsize this!“ verschickt er Spenden-Schecks von „Satan-Anbetern“, und freut sich, als Rechts-Kandidat Pat Buchanan sie einlöst; in „The Awful Truth“ löst er einen Mann im Hendel-Kostüm gegen Wirtschaftsverbrechen ankämpfen.
Doch erst die Bush-Präsidentschaft und seiner Abrechnung mit den Republikaner-Machenschaften während des Florida-Nachwahlkrieges 2000 machte Moore zum internationalen Superstar: Dabei hätte der Terror-Horror des 11. September das Buch fast gekillt, nachdem es am Vortag fertig gedruckt worden war. „Die Verleger riefen mich an“, erinnert sich Moore, „und forderten, dass ich das halbe Buch umschreiben, die kritischsten Bush-Passagen streichen und ihnen 100.000 Dollar für die bereits gedruckten Exemplare geben sollte“. Moore weigert sich, der Skandal geriet an die Öffentlichkeit – drei Tage später ist das Buch Nummer Eins in vielen Bestsellerlisten. Und das „mit einem Werbebudget von exakt zero Dollar“, wie sich Moore über die Macht der Mundpropaganda selbst wundert: Die längste Zeit wurde Moore keine TV-Show eingeladen, 90 Prozent der Zeitungen, inklusive die liberale New York Times verweigerten eine Buch-Rezension. Doch bei einer 47-Städte-Lesetour tauchen im Schnitt 2.000 Menschen auf, in Portland, Oregon, mussten 5.000 abgewiesen werden, nachdem ebenso viele das Auditorium bis zum letzten Platz füllten. Im Internet wuchs der Kult um Stupid White Men zum Massenphänomen – Moores eigene Website „Michaelmoore.com“ wurde zur Schaltstelle des anderen Amerika.
Doch Ruhm und Reichtum würden Moore zum Heuchler machen, werfen ihm seine Feinde vor: Während er sich als Robin Hood der Entrechteten ausgäbe, residiere er mit seiner Frau Kathleen Glynn, die „Bowling..“ und andere Dokus produzierte, selbst in einem 1,9 Millionen Dollar teueren Apartment an der feinen New Yorker Upper West Side und schicke seine Tochter Natalie in eine Privatschule. Gerne griff die rechte Patriotenpresse auch einen Bericht das Magazins „Radar“ auf, wonach Moore „TV Nation“-Schreibern untersagt haben soll, der Autorengewerkschaft „Writers Guild“ beizutreten. Penibel haben Moore-Gegner auch inzwischen den Wahrheitsgehalt seiner Dokumentationen nachrecherchiert: Als er in der Startszene von „Bowling…“ etwa ein Gewehr nach Eröffnung eines Kontos erhält, sagte die Bankangestellte, dass sie ihm klar machte, er müsse wegen eines „Background Checks“ sechs Wochen auf das Gewehr warten, schreibt Kay Hymowitz im Magazin „City Journal“: Auch die in Littleton – dem Schauplatz des mit 15 Toten blutigsten US-Schulmassakers in der „Columbine Highschool“ – ansässige „Lockhead Martin“-Fabrik produziere nicht, wie von Moore behauptet, Massenvernichtungswaffen sondern Kommunikationssatelliten – und die Columbine-Killer wären vor dem Massaker keinesfalls Kegeln gegangen, somit der ganze Titel „Bowling for Clumbine“ hinfällig. Moore nimmt seine Gegner gelassen, freut sich insgeheim über die zusätzliche Publizität. Sein Selbstvertrauen ist jedenfalls inzwischen gewachsen: Sein neuer Film „Sicko“, einer Abrechnung mit dem desolaten US-Gesundheitssystem, soll „zu einem zentralen Themen das Präsidentschaftswahlkampfes im nächsten Jahr werden“, sagt er fast drohend.

# 10. November: Arnies Inauguration

Wohl wie in einem Film-Trailer werden in Arnold Schwarzeneggers Gehirn die Bilder der letzten turbulenten Wochen ablaufen, wenn er kommenden Montag um Punkt 11 Uhr Ortszeit an den West-Stiegen des Kapitol-Gebäudes in Sacramento Aufstellung nimmt. Die linke Hand auf der Bibel, die rechte hochgehoben, schwört der 56-jährige Austro-Amerikaner, die Gesetze des Landes hochzuhalten. Dann ist es vollbracht: Nach der Sensationsankündigung bei der Talk-Show Jay Leno am 6. August, einen 61-tägigen, für weltweite Headlines sorgenden Recall-Wahlkampf-Blitzkrieg und einer eineinhalbmonatigen Vorbereitungsphase („Transition“) ist Arnold Alois Schwarzenegger 38. Gouverneur des US-Riesen-Bundesstaates Kalifornien, damit Herr über 36 Millionen Einwohner und der fünfgrößten Volkswirtschaft der Erde.
Ohne Pomp sollte seine „Inauguration“, seine Einschwörungs-Zeremonie ablaufen, hat Governator Arnie „wegen der Budgetkrise“ geschworen: Kein Roter Teppich, keine der langen „Strech-Limos“, keine Glitzergewänder – unter keinen Umständen soll die Feier der Polit-Version der Oskars gleichen. 7.500 Eherngäste sind eingeladen, darunter Kampagnenunterstützer, Behördenvertreter, die Parlamentarier-Delegation und andere Würdenträger. Bezahlt soll der ganze Event nicht von den Steuerzahlern, sondern einem eigens eingerichteten „Swearing-in“-Komitee.
Danach hat Arnie wenig Zeit zu verlieren, er muss rasch die Probleme lösen, die seinen Vorgänger Gray Davis das Amt kosteten und den Polit-Quereinsteiger aus Hollywood in das Kapitol von Scaramento spülten:
# Nach dem notdürftigen Flicken eines gigantischen 38-Milliarden-Dollar-Budgetloch klafft im 100-Milliarden-Dollar-Budgets des laufenden Finanzjahres bereits wieder ein Loch von bis zu 20 Milliarden auf;
# die schlimmsten Waldbrände in der Kaliforniengeschichte hatten 3.007 Quadratkilometer vernichtet, eine Fläche fast so groß wie das Burgenland, 3.570 Häuser wurden zerstört, 22 Menschen kamen ums Leben – und der Gesamtschaden wurde auf über zwei Milliarden Dollar beziffert;
# Missmanagement und mutlose Politik der vergangenen Jahre haben das einstige Paradies an der West Coast verlottern lassen, das sonnige Gemüt und der grenzenlose Optimismus seiner Bürger ist einem generellem Granteln, Streiks und der Flucht von Kleingewerbetreibenden in die Nachbarstaaten gewichen.
Schwarzenegger hat immerhin ein schlagkräftiges wie schillerndes Team zusammengestellt: Einer der Stars ist Ex-Los-Angeles-Bürgermeister, Arnies Freund und Nachbar im LA-Stadtteil Brentwood, Richard Riordan als Bildungsminister: Der 73-jährige, symphatische und politisch moderate Ex-Anwalt, war 2002 bei den republikanischen Vorwahlen gescheitert und wäre in den Recall-Ring gestiegen, hätte Arnie abgesagt. Riordan, der darüber schwärmte, dass Arnie bereits im Wahlkampf bewiesen hat, „dass er Kalifornien regieren und aus der Krise führen kann“, hat jetzt selbst die Chance, das für den Governator wichtigste Ressort zu leiten: „Gott hat mich auf diesen Planeten gebracht, um jedem armen Kind das Lesen und Schreiben spätestens in der zweiten Klasse beizubringen“, hatte Riordan seine Lebens-Mission etwas schwülstig 2002 bereits ausgedrückt. Bereits vor seiner Polit-Laufbahn hatte er als Anwalt und Risiko-Kapital-Investor gespendet, als Bürgermeister von LA hatte er zur „Bildungs-Revolution“ aufgerufen und den bestehende Schulrat aufgelöst. Doch John Perez von einer LA-Lehrergewerkschaft sagte, dass sich Riordans Beziehung zu den Lehrern über die Jahre „massiv verschlechtert hatte“, besonders als er sich gegen eine Lehrer-Gehaltserhöhung, die besser qualifiziertes Personal angezogen hätte, aussprach. Der Chef der „California Teacher Association“, John Hein, trat aus Protest gegen die Riordan-Nominierung sogar aus Arnies 68-köpfigen Transition-Komitee zuürck: Die 335.000-Mitglieder-Gewerkschaft wollte den Bildungsminister-Posten gänzlich freilassen.
„Das sind erste Reality Checks in Sachen Pulverfass Kalifornien-Politik“, sagt die Politologen von der Uni „UC Riverside“ Lynn Shaun Bowler: Doch noch schwieriger wird sein, die durch den Wahltriumph erzeugten, enormen Hoffnungen zu erfüllen“. Widerstand unter den nun oppositionellen Demokraten formiert sich auch gegen Arnies Wahl eines zweiten Schlüsselressorts, die resolute, ehemalige Budget-Direktorin unter Floridas Gouverneur Jeb Bush, Donna Arduin: Arnie hatte die 40-jährige Finanzexpertin gleich nach der Wahl zur Durchsicht der Bücher, jetzt soll sie das Budgets balanzieren trotz Arnies Wahlversprechen, keinesfalls die Steuern zu erhöhen, und sogar die Autosteuer in der Höhe von vier Milliarden Dollar wieder zurück zu nehmen. Ardiuns Bilnaz in Florida ließ unter Demokraten die Alarmglocken schrillen: Dort hatten etwa ihre brutalen Einsparungsprogramme 60.000 Kinder auf eine Gesundheitsversicherungs-Warteliste gesetzt.
Doch viele Nominierungen sorgten in der Polit-Kapitale für Applaus und Begeisterung, da Arnie sein Versprechen eines breit gestreuten, alle Kalifornier einschließenden Regierungs-Team verwirklichte: So machte er etwa die linke Entertainment-Anwältin Bonnie Reiss zu seiner Chefberaterin. Reiss, 48, leitete 1980 den Präsidentschaftswahlkampf von Arnies „Schwieger-Onkel“ Ted Kennedy, lange kämpfte sie als Hollywood-Umweltaktivistin mit einer weitgehend „Anti-Markt- und anti-Eigentum-Agenda“, so die „California Political Review“, gegen Großprojekte, einmal propagierte die Demokratin den Einsatz von Stoffwindeln. „Bei einigen konservativen Republikanern muss sich wohl der Magen umgedreht haben“, sagt Vavreck, doch das Signal an Kaliforniens Liberale war unmissverständlich. Dazu machte Arnie eine weitere Frau, Marybel Batjer zur Stabschefin, den parteilosen Peter Siggins zum Justizminister und den echten Farmer, A.G. Kawamura, zum Landwirtschaftsminister.
Unmissverständlich durch die Nominierungen ist auch Arnies Signal an die Umweltbewegung: Terry Tamminem, der Anführer einer Ökogruppe in Santa Monica und Held innerhalb der Grünbewegung, wird die Umweltbehörde Cal/EPA leiten. Tamminen hatte Arnie bereits im Wahlkampf bei einem Ökokonzept geholfen, dass Umweltschützer wegen der offenen Symphatie für ihre Anliegen völlig überraschte. Widerstand kam sogar aus Schwarzeneggers engsten Beraterkreis, als sein Transition-Chef, Repräsentant David Dreier, vehement gegen die Nominierung argumentierte. Ein weiteres Signal an Kaliforniens Grüne bedeutete die Einberufung des beliebten Bürgermeisters von Newport Beach als künftigen Chef der Wasser-Kommission. „Eine guten Start“, nannte die sonst recht Arnie-kritische LA Times die Auswahl seiner Team-Player: „Er hat sein Versprechen eingelöst, dass die Leute, die er nominiert, die Bevölkerung Kaliforniens repräsentieren“. Politologe Bowler ist pessimistischer: „Viele der Leute sind eher für Showzecke aufgestellt worden“, sagt er: „Für ein Team mit einer derart weiten Palette an Sichtweisen ist es fast unmöglich, eine effektive Politik zu gestalten“. Die würden eher, so Bowler, ihre Meinung sagen und wenn sie aus dem Raum gegangen sind, Arnies eingespieltes, durchaus konservatives Team die wirklichen Entscheidungen treffen.
Gibt es Signale an Österreich? Eine Auflauf steirischer Landespolitiker und gar Vertreter der Bundesregierung hat sich Arnold verbeten, indem er der per Sondermaschine Graz-Sacramento geplanten Austro-Delegation brüsk keinen Termin geben wollte.
Die Spezialinteressen mächtiger Lobbygruppen in Sacramento hätten Kalifornien ins Verderben geführt, wetterte der Qutsider während des Wahlkampfes gegen Berufspolitiker Davis, stehen die gleichen Gruppen vor seinem schlichten Gouverneurs-Büro im Kapitol-Zubau Schlange:
# In die Neuerschließung von Vororten involvierte Baufirmen, die hunderttausende Dollar für Arnies Wahlkampf spendeten, mobilisieren bereits jetzt gegen den „Smart Growth“-Plan des Gouverneurs, der lieber für die 600.000 neuen Kalifornier pro Jahr auf die Wiederbelebung urbaner Zentren als weiterer Zersiedelung setzen will;
# Eine Friedenspfeiffe wollen offenbar auch Kaliforniens, durch Casinos äußerst liquide Indianerstämme mit dem neuen Mann in Sacramento rauchen: Allein der „Viejas“-Stamm hatte zwei Millionen Dollar investiert, um Arnie zu besiegen, alle Stämme zusammen 12 Millionen. Denn der hatte behauptet, die Indianer würden keinen „fairen Anteil“ an ihren Millionengewinnen in der Staatskasse abliefern. Schwarzenegger braucht wegen der Budgetmisere neue Einnahmequellen – wie viel aus den Reservaten kommen soll, werden harte Verhandlungen zeigen.
# Auch Arnies Ex-Arbeitsplatz, die Filmfabrik Hollywood, hofft auf den Ex-Filmhelden: Der soll sich in Washington verstärkt für Steuererleichterung für die großen Studios einsetzen, um die Abwanderung von Filmproduktion ins billigere Kanada oder Mexiko zu verhindern. Der Gesamtschaden für die US-Wirtschaft belaufe sich auf zehn Milliarden Dollar pro Jahr, haben die Studiobosse vorgerechnet.
Doch neben dem Medien-Hype um Arnies schillerndes Team, bliebt „Kennedy-Frau“ Maria Shriver als First Lady wie bereits im Wahlkampf seine Geheimwaffe: Zwar wird sie vorerst mit den vier Kids im Familien-Villenareal in L.A. bleiben und auch ihren Job als TV-Reporterin bei NBC wieder aufnehmen. Doch wird auch ihr Einfluss bei Arnies wichtigsten Entscheidungen erwartet und notfalls eine Rolle als effektive Krisenfeuerwehr – wie etwa bei der Grapsch-Affäre im Wahlkampf-Finale. „Ich sehe meine Rolle als die einer Bürgerin“, sagte sie kürzlich: „Es soll keine spezielle First-Lady-Rolle sein – wichtig für mich ist, was ich erreichen kann“.
Der scheidende Gouverneur Gray Davis verbringt seine letzten Tage in Sacramento mit der Dokumenten-Verpackung und reflektiert in einem Interview mit der Associated Press bereits melancholisch über seine gescheiterte, 30-jährige Polit-Laufbahn und das Recall-Drama. Besonders an den Moment als ihm bei Arnies Kandidaturankündigung „regelrecht das Herz stehen geblieben, und er irgendwie sein Ende bereits als fix ansah: „Der Grund, warum Menschen zu Superstars werden, ist, dass die Bürger ihnen unendlich viele Vorschusslorbeeren zukommen lassen“, philosophiert Davis: „Ich habe in meiner Karriere schon viele Reiche geschlagen, doch die sind vergleichsweise Sterbliche. Im Recall musste ich gegen einen Megastar antreten“.

# 3. November: Bush gerät ins Schleudern

Es hätte der Video-Klipp zur Wiederwahl werden sollen: US-Präsident George Bush am Rednerpult in der warmen Nachmittags-Sonne vor der Pazifik-Küste Kaliforniens am Flugzeugträger „USS Abraham Lincoln“ vor hunderten Soldaten und Seeleuten am Rückweg vom Irak. In nur 21 Tagen hatte die US-Hightech-Kriegsmaschinerie Saddam Hussein vertrieben, Kritiker im In- und Ausland wären eines besseren belehrt, ein riesiges Transparent „Mission Accomplished“ (Mission vollendet) prangte hinter Kriegsherrn Bush. Zuvor war er in voller Fliegermontur als Kopilot im Kampfjet gelandet. Jetzt, nachdem im Krieg nach dem Krieg (von einigen bereits „Dritter Golfkrieg“ genannt) mit 219 GIs bereits weit mehr starben starben als die 138 Soldaten während der Invasion, wird eher der demokratische Gegenkandidat bei den Präsidentschaftswahlen in genau einem Jahr das Filmmaterial einsetzen: Als Zeichen der Überheblichkeit von Bush und seiner Truppe aggressiver Präventiv-Krieger.
Der Präsident will sich heute nicht einmal mehr erinnern, wer das Transparent überhaupt aufgehängt hat. Die Seeleute hätten das Weiße Haus um die Anfertigung gebeten, ließen Bushes PR-Leute verlautbaren. Doch niemand will wissen, wer das genau gewesen sein soll. „Bannergate“ heißt die Affäre inzwischen – und ist symptomatisch für die Misere der Bush-Regierung im Irak, wo selbst konservative Medien bereits fragen: Hat Bush mit zu geringer Truppenstärke und zu wenigen Alliierten die Nation in einen ungewinnbaren Krieg geführt? Und selbst sonst unaufgeregte Polit-Reporter wie David Broder von der renommierten „Washington Post“ verwenden das für jeden US-Präsidenten gefürchtete V-Wort – Vietnam. 52.000 Amerikaner waren in dem „Quagmire“ (Sumpf) Südostasiens gestorben, Lyndon Johnsons Polit-Karriere wurde zerstört, die überlegene US-Armee in die Flucht geschlagen. Verglichen wird jetzt vor allem der Realitätsverlust des White House, das mit einem Strom guter Nachrichten die blutige Realität vor Ort kaschieren möchte. Johnson-Biograf Robert Caro erinnere das alles „frappant an die frühen Tage Vietnams“, wie er in einem Vortrag kürzlich anmerkte.
Mit 51 Prozent hat sich erstmals laut einer ABC-Washington-Post-Umfrage eine Mehrheit der Bürger gegen die Bush-Irak-Politik ausgesprochen. Nicht nur spektakuläre Attacken wie der „Chinnook“-Helikopter-Abschuss oder Terror-Massaker an UNO, Roten Kreuz und Religionsführer lassen die Amerikaner an der Irak-Mission zweifeln, sondern vor allem der stetige Strom an „Boydbags“ (Leichensäcken) aus dem Irak. Wegen der „Normalität“ fast täglicher Anschläge schafft es der Tod einzelner GIs oft nicht mehr in die Nachrichten-Sendungen der großen TV-Networks, doch die lokale Presse berichtet ausführlich und berührend: Über Seargant Aubrey Bell etwa, ein gutmütiger, 120 Kilo, schwerer, Majonaise-Sandwich liebender Nationalgardist aus Alabama, erschossen vor einer Polizeiwache; Private Rachel Bosveld, eine 19-jährige Polizistin, die gerne Waldbilder malte und von einer Granate zerfetzt wurde; Seargant Paul Johnson, ein Fallschirmspringer, der am liebsten in den dunkelen Nachthimmel sprang und an Verbrennungen nach einem Bobenanschlag starb.
Bush & Co wollen dem Horror mit einer PR-Kampagne entgegen treten: Zuerst wurden die Medien abgekanzelt, sich anstatt auf den „stetigen Fortschritt“, so Bush, nur auf die Gewaltorgien zu konzentrieren. Dann setzte es eine Infoflut über frisch gestrichene Schulen, asphaltierte Straßen, verbesserte Stromversorgung und neue Jobs. Doch selbst die von Bush frisch ernannte „Irak-Chef-Koordinatorin“ Condoleezza Rice rattert ihren Redetext der Jubelmeldung bei einem Auftritt vor internationalen Reportern in New York derart lustlos herunter, als würde sie selbst nicht daran glauben.
Trotz des Irak-Chaos sind für Bush die Chancen zur Wiederwahl noch intakt. Seine Popularitätswerte haben sich mit 56 Prozent wieder etwas stabilisiert, eine Rekordsumme von 250 Millionen Dollar könnte er in die Wahlschlacht 2004 werfen. „Doch durch die anhaltende Irak-Misere scheint Bush plötzlich angreifbar“, sagt „Columbia University“-Politologe Bob Shapiro: „Und der Irak-Krieg kann in einer nach wie vor politisch gespaltenen Bevölkerung zum wahlentscheidenden Thema werden – sollte sich die Wirtschaft, wie letzte Indikatoren signalisieren, erholen“. Die Demokraten zeigen sich in Sachen Irak aber noch zerstritten: Im Feld der neun Präsidentschaftsbefürworter tummeln sich Kriegs-Befürworter wie Gegner. Während einige bereits sogar den totalen US-Abzug forderte, verlangte hingegen der mächtige Senator Joe Biden Truppen-Aufstockungen. Sollte der Irak noch tiefer im Chaos versinken, werden die besten Chancen gegen Bush dem telegene Ex-NATO-General Wesley Clark eingeräumt, der gleich nach dem Helikopter-Crash Bush neuerlich Planlosigkeit vorwarf: „Diese Regierung hat keinerlei Antworten für die eskalierende Gewalt im Irak“. Vor allem wegen seiner knallharten Anti-Kriegs-Rhetorik wurde der wortgewaltige und hemdsärmelige Ex-Vermont-Gouverneur Howard Dean zum Senkrechtstarter unter den demokratischen Kandidaten für die Rückeroberung des White House. Hilfe erhalten sie dabei auch von Investoren-Legende George Soros: Der Multi-Milliardär, dessen Spekulationen einst die Bank of England fast in den Ruin stürzten, ist derart erzürnt über Bush, dass er den Demokraten mit Rat und vor allem Cash zur Seite steht: Im Sommer lud er Chefstrategen in sein Sommerhaus nach Long Island, zehn Millionen Dollar investiert er für Wählerwerbung in Schaukelstaaten, zuletzt hielt er einen Fundraiser für Dean ab. Warum er das macht, will Soros in seinem im Jänner erscheinenden Buch „The Bubble of American Supremacy“ – einer Abrechnung mit Bushs Antiterror-Krieg – ausführlich erklären. Sein Konklusio: Bush habe den Terror-Horror des 11. September missbraucht, um die Welt unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung zu dominieren – dadurch werde sich die Spirale der Gewalt nur noch schneller drehen, so Soros.

# 13. Oktober: Maria Shriver: Arnies Kennedy

Es war ein Kennedy-Moment wider Willen: Da hielt Maria Shriver die Hand ihres Gatten Arnold Schwarzeneggers triumphal im Konfetti-Regen im „Grand Ball Room“ des schicken „Century Plaza Hotels“ in Los Angeles in die Höhe – Mutter Eunice, eine der Schwestern des ermoderten John und Bobby, sowie dem Patriarchen und Senator Ted Kennedy, strahlte daneben, als wäre nicht ihr republikanischer Schwiegersohn gerade zum Kalifornien-Gouverneur gewählt worden, sondern ein Kennedy. Durch Marias Kopf müssen wohl die Gedanken der Ironie ihres Lebens gegangen sein, die die erfolgreiche TV-Journalistin einmal so formuliert hatte: „Mit meiner Heirat zu einem aus Österreich stammenden Body-Builder hatte ich geglaubt, so weit vom Kennedy-Familien-Business der Politik wie möglich geheiratet zu haben“, hatte sie sich gewundert.
Jetzt ist Maria Shriver, 47, „First Lady“ des 36-Millionen-Einwohner-US-Bundestaates Kalifornien – und sie ist ihrem austro-amerikanischen Gouverneurs-Gatten in Sachen Energie und Starpower durchaus ebenbürtig: Als Nichte John F. Kennedys ist sie Teil der berühmtesten Polit-Dynastie der USA, als Journalistin schaffte sie es an die Spitze des TV-Networks NBC, schrieb drei Bestseller und zieht vier Kinder groß. Dazu kommt eine mit 17 Jahren in Hollywood rekordverdächtige Ehe, die laut Arnies Ex-Publizistin Charlotte Parker „immer noch eine große Liebesgeschichte ist“. In der Liga ihre Frauen küssender Politiker wirkten das öffentliche Schmusen während der Kampagne zwischen Arnold und Maria durchaus authentisch.
Doch Shriver glaubt längst nicht mehr, alles in totaler Perfektion unter einen Hut zu bekommen. „Die Superfrau ist tot“, schrieb sie in ihrer Kurz-Bio „Ten Things I Wish I´d know – Before I Went Out in the Real World“ (Warner Books, 2000): „Ein Frau kann nicht gleichzeitig die erfolgreichste Karriere, gepaart mit den Preisen für ´Mutter des Jahres´ und ´Lover extraordinaire´ haben“. Jetzt versucht sie ihre neue Zukunft an der Seite ihre Gouverneurs-Gatten zu regeln:
# Kaum Schwierigkeiten werde sie haben, eine großartige First Lady abzugeben, glaubt Cousine Kathleen Kennedy-Townsend, ehemalige Vize-Gouverneurin des Bundesstaates Maryland: „Alles war sie braucht, hat sie von Kindesalter an in ihrer Familie gelernt – sie weiß, wie man als öffentliche Figur eine guten Eindruck macht“.
# Insider glauben, dass die frisch gebackenen Mr. und Mrs. Governor ihr Familien zentriertes Leben auch trotz der Polit-Geschäfte in der Kalifornien-Kapitale Sacramento fortführen werden: Schon während des Wahlkampfes hatte Maria die vier Kids – Katherine Eunice (13), Christina Maria Auriela (12), Patrick (9) und Christopher Sargent (5) – selbst zur Schule gefahren, Arnie selbst jettete von jedem noch so entfernten Kamagnen-Job zurück in deren Riesenvilla im LA-Stadtteil Brentwood. Eine komplette Übersiedlung in die wenig mondäne Beamten-Metropole Sacramento nordöstlich von San Franzisko halt niemand für wahrscheinlich: Arnold werde eher per „Gulfstream“-Privatjet die 50 Flugminuten als Pendler zurücklegen, und dass auch locker aus seiner eigenen Tasche bezahlen können.
# Maria, die sich als Top-TV-Reporterin des NBC-News-Programmes „Dateline“ wegen Interessenskonflikten während des Wahlkampfes freistellen ließ, will, so berichten Kollegen wie Staranchor Tom Brokaw, so schnell wie möglich in ihren Beruf zurückkehren: Der Sender zeigte sich aufgeschlossen, sehr sensibel werde man künftig jedoch sein müssen, welche Stories sie zur Bearbeitung erhält und ob sich diese in irgendeiner Form mit der neuen Polit-Karriere Arnolds kreuzen.
Polit-Beobachter und Freunde des Powerpaares schreiben Maria eine außerordentlich Rolle am Schwarzenegger-Triumph im zuletzt nur mehr als Name bestehenden „Golden State“ zu: „Sie hat Frauen und Demokraten angelockt“, sagt Ex-LA-Bürgermeister und Arnie-Top-Berater Richard Riordan: „Dazu hat sie hinter den Kulissen die Fäden gezogen und mit eigenen Wahlkampf-Auftritten Wählerinnen mobilisiert“. Gerettet hat sie ihren Mann auch, als sie gegen die Vorwürfe von 16 Frauen, Arnie habe sie zwischen 1975 und 2000 sexuelle belästigt, anredete, ihren Gatten als liebevollsten und respektvollsten Muster-Familienmenschen pries. Freilich schien der unglaubliche Druck physische Spuren zu hinterlassen: Abgemagert hatte sie, echte Horror-Bilder, wo sie mit eingefallenen Wangen und tiefen Augenringen zu sehen war, kursierten, wie auch Stories von angeblichen Fast-Ohnmachtsanfällen.
Vielleicht hat sie sich in diesen bitteren Stunden der Polit-Schlammschlacht an ihren frühen Widerstand gegen die Polit-Träume ihres Mannes erinnert – den sie vor allem wegen der Kinder einlegte. „Ich war die Nichte von…, die Tochter von…, die Frau von…, die Cousine von jedem erdenklichen politischen Kandidaten“, sagte sie dem Magazin „People“: „Doch in all diesen schwierigen Rollen ist die schwerste, ,ein Kind von…´ zu sein“. Besonders wütend wäre sie gewesen, wie Freundin Bonnie Reiss erzählte, weil die Anschuldigungen von Leuten verbreiten wurden, die „keine fünf Minuten jemals mit dem Paar verbracht hatten“. Ein Geheimnis der für Hollywood-Verhältnisse enorm stabilen Ehe ist, sagt Arnies bester Freund als Body-Builder-Tagen, Franco Columbu, dass sie alle Probleme sofort besprechen. „Maria ruft ihn an und sie reden augenblicklich über Probleme“, sagt der Muskelmann-Kollege: „Nichts wird auf die lange Bank geschoben“.
Shriver wurde in Chicago als Tochter der wohltätigen Peace-Corps- und Behindertenolympiade-Gründer Sargent und Eunice Shriver geboren. Eunice ist Schwester der beiden später ermordeten Brüder John und Bobby, sowie dem heutigen Senator Ted Kennedy. „Die Shrivers sind die Kennedys ohne den schmierigen Beigeschmack“, sagt ein Clan-Beobachter. Übersetzt: Soziales Engagement statt Skandale. Maria entscheidet sich für eine Karriere im Journalismus, „obwohl ich meine ganze Jugend Politik eingeatmet und politische Debatten wie Kartoffelpüree zum Abendessen serviert bekam“, wie sie schreibt. Als ein Nachrichtenveteran sie bei der TV-Lokalstation KYW-TV als reiches, verwöhntes Kid, „das bis zur Heirat gerne ein wenig mit den Kameras spielen will“, niedermacht, endet ihr erster Tag als Fernsehreporterin in einem Heulkrampf am Klo. Mit Totaleinsatz schafft sie es 29-jährig zur Nachrichtenmoderatorin der „CBS Morning Show“, doch wird wegen furchtbarer Zeitungskritiken und mieser Quoten gefeuert. „Ich fühlte mich zum Sterben“, erinnert sie sich: „Wie konnte das MIR passieren? Leute behandelten mich, als wäre ich ansteckend. Mein Traumjob war weg, ich war sicher, meine Karriere, sogar mein Leben ist vorbei“.
Dabei hatte sie gerade den nach einer Filmkarriere trachtenden Bodybuilder aus Austria geheiratet, der ihr 1977 bei einem Benifiz-Tennistournier vorgestellt worden war. Fasziniert an ihm hätte sie vor allem seine Fähigkeit, sich nicht zu scheren, was Leute von ihm halten und genau zu wissen, was er wolle. Und: „Wie er in seinem holprigen Englisch Sachen sagen konnte, die niemand sonst heil überstanden hätte.“ Der künftigen Schwiegermutter Eunice gegenüber etwa pries er Maries „großartigen Arsch“, wie die Gepriesene in ihrer Bio selbst enthüllte. Eine Love-Story sei es gewesen, sagt sie: „Vielleicht wäre es einfacher gewesen, den Mann von nebenan zu heiraten, doch ich habe mich in den Burschen aus Österreich verliebt, der kaum unterschiedlicher hätte sein können als alles, was ich mir jemals von einem Ehemann vorgestellt hatte.“
Für ihre Karriere hat die Ehe jedoch einen Preis: Angeheuert von NBC weiß sie, dass der Weg ganz nach oben nur im New Yorker Headquarter möglich ist – Arnie besteht jedoch auf seiner Filmlaufbahn und den für ihn logischen Wohnort L.A. Eine zeitlang moderiert sie – aus L. A. pendelnd – die Shows „Nightly News“ aus New York und „Sunday Today“ aus Washington. Dazwischen Trips zu Interviews mit Fidel Castro oder König Hussein. 34-jährig kommt das erste Kind, und der Traum, alles unter einen Hut zu bekommen zerplatzt. „Nichts funktionierte, weder Mutter zu sein, noch der Job“, schreibt sie: „Fokusieren auf das eine, erzeugte Schuldgefühle, das andere zu vernachlässigen – und umgekehrt“. Die NBC-Bosse wollen ihr nicht mehr entgegenkommen, verweigern ihre Idee, eine Show aus L.A. zu moderieren. Sie schreit im Büro herum, gibt jedoch nach und sich mit einer Karriere beim NBC-Nachrichtenmagazin „Dateline“ zufrieden – die sie nicht in die Liga der ganz großen US-TV-Damen á la Diane Sawyer oder Barbara Walters aufsteigen lässt.
Die Kinder haben fortan Vorrang, ein Interview mit Fidel Castro verschiebt sie einmal, da der Termin mit den ersten Schultag ihrer Tochter zusammengefallen wäre. Von 16 bis 20 Uhr bleiben die Telefone abgeschaltet. „Kein Nachhaken bei Interview-Anfragen also“, so Shriver. Nachsatz: „Bye, bye Jelzin-Interview…“. Texte für TV-Features schreibt sie oft zwischen 21 Uhr und Mitternacht. Die Kids werden so „normal wie möglich“ erzogen, berichtet „People“: TV-Verbot gilt während der Wochentage, die älteren Kids müssen trotz reichlichem Hilfspersonal in dem Zwei-Hektar-Anwesen im L.A.-Stadtteil Pacific Palisades Wäschewaschen und Zimmeraufräumen selbst machen. Job und Familie sind jetzt ausbalanciert, „ihr Engagement passt jetzt für NBC und ihrem Privatleben“, attestiert NBC-News-Präsident Neil Shapiro in „Time“.
Vor Arnies Kandidatur soll Maria lange Widerstand geleistet haben, berichten Freunde. Groß war die Sorge über das Politikerleben wegen der Sicherheit der Familie – die Erinnerungen über die Ermordung ihrer Onkel John und Bobby unauslöschbar. Befürchtet wird auch eine Flut an Sex-Enthüllungen über Arnies angebliche Seitensprünge und Journalistinnen-Belästigungen (die britische TV-Journalistin Anna Richardson hatte behauptet, der Terminator habe 2000 ihre Brüste begrapscht und sie auf seinen Schoß gezogen). Doch wenn Arnold ihr glaubhaft versichern konnte, dass sie sich keine Sorgen machen muss, sagt Bruder Bobby, seien die Kennedy-Frauen „abgebrüht, wenn einer von ihnen als Womanizer geoutet wird“. Sonst hat Maria ein durchaus gesundes Verhältnis zum Sex: „Vergib mir Mommy“, sagte sie während einer Rede vor katholischen Uniabsolventinnen: „Aber der größte Beitrag der Frauen für die Menschheit ist fantastischer, kreativer Sex“.
Kurios, dass die so weit weg von der Politik gedriftete Maria, nun dem zuletzt durch Tragödien und politischen Rückschlägen geplagten, Kennedy-Clan einen Triumph bescherte. Als die 82-jährige Eunice plötzlich bei Arnolds letztem Wahlkampfstopp unter Surfern am Huntington Beach auftauchte, wurde sie von einem lokalen TV-Reporter prompt gefragt, was den so viel Spaß daran mache, einem Republikaner zu helfen. „Zu gewinnen“, antwortet sie mit einem teuflischen Grinsen.