# 16. Februar: Comeback-Kerry


Als Senator John Kerry vor vier Jahren seine ganze Kraft hinter die Kandidatur von Vize Al Gore investierte, hatte er niemals daran gedacht, schon bald selbst für das Oval Office antreten zu können: „Ich hatte voll erwartet, Al wird mit Leichtigkeit zum Präsidenten gewählt und das Erbe von acht Demokraten-Jahren im Weißen Haus fortgeführt werden“, erinnert sich der schlacksige, 1,90 Meter große Senator mit markanten Gesichtszügen und auffälliger Föhnfrisur während einer Wahlkampf-Pause: Es kam anders, und Kerry will aus den Fehlern seines Vorgängers gelernt haben: Gore verlor, da die Leute glaubten, er stünde für nichts wirklich“, reflektiert er. Es sei eine Frage der Vision, das Charakters. „Die Bürger wollen wissen, ob jemand ihr Leben ändern kann und ob sie ihm vertrauen können“, sagt er schnell und hetzt zum nächsten Auftritt.
Mit seiner spektakulären Siegesserie in den Demokraten-Primaries (Vorwahlen) scheint John Forbes Kerry – getauft JFK II, wie das legendäre Original ein Katholik aus Massachusetts – als Gegenkandidat zu Präsident George W. Bush im Kampf um das Oval Office am 2. November praktisch festzustehen. Und die Schlacht ist offener, als viele US-Politkommentatoren noch vor Wochen angenommen hatten: Bush ist durch das sündteure und tödliche Irak-Debakel, dem Skandal um fehlende Massenvernichtungswaffen, einem 520-Milliarden-Dollar Rekord-Budget-Defizit und Lücken in seiner eigenen Militärvergangenheit in eine Glaubwürdigkeits- und Popularitätskrise geschlittert. Und Kerry selbst konnte das Image eines abgehobenen, etwas steifen, mit der milliardenschweren Heinz-Ketchup-Erbin Teresa verheirateten Jetset-Senators ablegen – und Wähler bei Wahlkampfstopps mit deftigen Anti-Bush-Tiraden begeistern. Mit 52 zu 43 Prozent würde laut einer Umfrage Kerry heute den selbsternannten „Kriegspräsidenten“ schlagen. Im Weißen Haus schrillen die Alarmglocken. Der Befehl zum Beginn einer Schlammschlacht wurde prompt gegeben.
Dabei könnte Kerry ausgerechnet mit einem potentiellen Sex-Skandal aus der Bahn geworfen werden: Seit der rechte „Drudge Report“ am Internet eine Affäre mit einer Praktikantin verlautete, jagen hunderte Journalisten der potentiellen Polit-Bombe hinterher: Stürzt Kerry über die 27-jährige Alex Polier, wie Einst-Frontrunner Garry Hart 1988 über ein Foto mit einer Blondine auf einer Yacht namens „Monkey Business“ oder Bill Clinton 1992 fast über Liebesbänder mit der Nachklubsängerin Geniffer Flowers?
Dabei wollte sich der bisher meist nur Polit-Fans bekannte Senator gerade jetzt der 290-Millionen-Einwohner-Nation vorstellen: Geboren am 11. Dezember 1943 in Denver, Colorado, verbringt Kerry – dessen jüdischer Großvater in Mödling lebte und 1904 nach einer Namensänderung von Kohn auf Kerry in die USA auswanderte – als Diplomaten-Sohn seine frühe Jugend in Berlin. Er absolviert eine Internatsschulen in der Schweiz und später in New Hampshire. Wie Bush promoviert er von der Elite-Uni Yale.
In der auch sonst herausragenden Karriere sorgten zwei Aspekte für Schlagzeilen:
# Als Kommandant eines schnellen Patroillienboots (Swift Boat PCF-94) in Vietnam sammelte er vier Verdienst-Orden ein, rettet das Leben dutzender Kameraden: Legende ist die Story als der Navy-Leutnant 1969 im Scharfschützenfeuer den gekenterten Soldaten Jim Rassmann rettet und selbst dabei verletzt wurde. Die tränenreiche Umarmung der beiden Männer bei einem Wahlkampfauftritt in Iowa gilt als Wendepunkt der damals noch aussichtslosen Kerry-Kampagne. In den Kampfpausen begann Kerry am Sinn des Militärabenteuers in Südostasien zu zweifeln als in sogenannten „Freien Feuerzonen“ auf alles verdächtige geschossen werden durfte (1969 beschwerte er sich über die Taktik bei seinen Vorgesetzten). Auch schrieb er berührende Tagebücher: „Sein Kopf war zurückgeneigt“, beschrieb er etwa den Anblick eines Vietnamesischen Soldaten: „Seine Augen halb geöffnet, nach etwas suchend, ein Moment völliger Einsamkeit. Aus seinem ganzen Köper quoll Blut und ich fragte mich: Wie absurd, ein Mann, der ganz allein in seinem eigenen Land stirbt?“ Nach seiner Entlassung 1970 ließ sich Kerry die Haare lang wachsen und wurde zum energischen Kriegsgegner: „Wie können sie einen Mann fragen, für einen Fehler sein Leben zu lassen“, klagte er bei einem Kongress-Hearing 1972, wobei er erstmal national bekannt wurde.
# Für Aufsehen sorgte auch 1996 seine Heirat zur geschätzten 660 Millionen Dollar schweren Erbin des Heinz-Nahrungsmittelkonzerns Teresa (die 1988 geschiedene Ehe Nummer Eins mit Julia Thorne, aus der er zwei Töchter hat, ließ er annullieren, um wieder kirchlich heiraten zu können). Das Leben der, von der Klatschpresse unhöflich als „Ketchup-Queen“ titulierten 65-Jährige Ex-Frau von Pennsylvania-Senator John Heinz ist spannende wie ein Hollywood-Drehbuch: Aufgewachsen in Mozambique, studiere sie in Südafrika, Ex-Mann Heinz lernte sie als Übersetzerin in Genf kennen (sie spricht fünf Sprachen). Nach dessen Tod fokusierte sie auf das mit zwei Milliarden Dollar gefühlte philanthropische Netzwerk, mit der Umwelt als Hauptanliegen. 1992 fungierte sie als Delegierte am Rio-Gipfel. Jetzt hilft sie Gatten Kerry bei der Kampagne als so professionelle wie engagierende Sprecherin, mit einer rasch wachsenden eigenen Fangemeinde. Klargestellt hat sie neben einem detaillierten Ehevertrag, dass sie Affären nicht dulden und ihn „zum Krüppel schlagen“ würde, wie sie in einem „Elle“-Interview bekannt gab.
Im Zentrum der Bush-Attacken gegen Kerry steht das „Hippie“-Image als „weltfremder Massachusetts-Liberaler“, wie Republikaner-Parteichef Ed Gillespie auf den unter Südstaatlern verhassten, aufgeschlossenen Neu-England-Staat nimmermüde anspielt. Kerry ist für Waffenkontrolle, Schwulen-Rechte (wenn auch gegen „Heirat“), höhere Benzinsteuern aus Umweltgründen, gegen die Todesstrafe – ein wichtiger Unterschied zum Verfechter der zentristischen „New Democrats“, Ex-Präsident Bill Clinton. „Ich weiß etwas über das Töten“, ruft er seine Vietnam-Tage in Erinnerung: „Ich mag Töten nicht“. Inzwischen macht er jedoch ein Ausnahme: Terroristen sollten durchaus auf „Death Row“ landen.
Bush & Co. hoffen auf eine Wiederholung des Waterloo von Michael Dukakis, dem Massachusetts-Gouverneur, der den Showdown mit Bush senior 1988 verlor, nachdem er mit dem Liberalen-Image so lange bombardiert wurde, bis es bei den Wählern hängen blieb. Kerry war noch dazu damals „Lieutanant Governor“ unter Dukakis, sein Vize.
„Verglichen mit Kerry ist Dukakis geradezu ein Moderater“, so Experten, „immerhin hat er als Gouverneur ausgeglichene Budgets verabschiedet“. Republikanische Kerry-Hasser publizierten bereits ein Foto, das den jungen Kerry 1970 bei einer Anti-Vietnam-Demo gemeinsam mit Sängerin Jane Fonda (als Hanoi Jane wegen ihres Tripps 1972 nach Nord Vietnam ein besonders rotes Tuch für Veteranen) inmitten recht bärtiger und langhaariger Männer zeigt. Sogar eine plumpe Fotomontage mit Kerry und Fonda Seite an Seite wurde angefertigt.
Tatsächlich ergibt sich aus Kerrys 19 Jahren und 6.500 Abstimmungen im Senat, dem 100-küpfigen Oberhaus des US-Kongresses, eine für den Showdown mit Bush sehr zwiespältiges Billanz: Als „Junior Sentor“, der Nr. 2 hinter Polit-Legende Ted Kennedy, blieb Kerry wenig Raum, seinen Namen mit vielen erinnerungswerten Gesetzen in Verbindung zu bringen. Das Weiße Haus, aber auch seine Gegner in den Demokraten-Vorwahlen, warfen ihm vor, „als Parlamentarier nichts zustanden gebracht zu haben“. „Senats-Karrieren produzieren für Präsidentschaftswahlkämpfe wegen der komplizierten Politrituale aus Selbstdarstellung, Kompromissen und einer Fülle an später leicht aus dem Zusammenhang zu reißenden Reden und Abstimmungen wenig brauchbare Lebensläufe“, sagt „Columbia“-Politologe Bob Shapiro: „Deshalb kamen alle der jüngsten Präsidenten aus diversen Gouverneurs-Büros“. Zuletzt schaffte es JFK von der Senats-Bank ins Oval Office.
Hinweisen wird Kerry jedoch auf sein Erbe als Aufdecker und Kämpfer, nicht nur im Senat: 27-Jährig sorgte er mit seinen frechen Aussagen vor einem Vietnam-Senats-Komitee für Furore, dann brachte er als ehrgeiziger Staatsanwalt Mafia-Figuren hinter Gitter. Im Kongress deckte er mit einer 36-Stunden-Factfinding-Mission in Nicaragua den „Iran-Contra“-Skandal auf, der dem damaligen Präsidenten Ronald Reagan viel an Reputation kostete. Auch gegen Drogenboss und Panama-Präsident Manuel Noriega ermittelte Kerry. Ende der 80iger hatte der kämpferische Senator mehr Feinde als Freunde, doch war mit dem Spitznamen „Live Shot“, da er sein Gesicht in jede Live-Kamera steckte, national bekannt. In den 90igern konzentrierte sich Kerry auf Außenpolitik, setzte sich gemeinsam mit Ex-Vietnamkriegs-Gefangenen John McCain für eine Normalisierung der Beziehungen zu Vietnam ein. „Kerry hat enorme diplomatische Fähigkeiten“, attestiert sogar ein ungenannt bleiben wollender Republikaner. Darauf will Kerry im Wahlkampf in der martialischen Post-Elfter-September-Welt aufbauen, besonders wenn er Bush einer „rücksichtlosen, arroganten, ideologische Außenpolitik“ bezichtigte, die Amerikas Image rund um die Welt ruiniert hätte. Dazu kann er auch auf eine Reihe unter Demokraten umstrittenen, doch bei Wechselwählern populären Vorschläge zurück greifen: Die Rasterfahndung unterstützte er bereits vor dem 11. September, kritisierte Schwächen des Schwarzen-Gleichstellungsprogrammes „Affirmative Action“ und unbedingtes Lebenslang für Sex-Wiederholungsstraftäter. „Es wäre ein fataler Fehler, Kerry als liberales Leichtgewicht abzutun“, warnt der Republikaner-Senator Chuck Hagel. Kerry gibt sich in Anbetracht der anrollenden, durch die 100-Millionen-Dollar-Bush-Kriegskasse finanzierten „Auseinandernehmens“ seine Karriere gelassen: „Ich kann mich gut verteidigen“, sagt er gut gelaunt bei jedem Wahlkampfstopp.
Schon die ersten Angriffswellen hat er gut überstanden: Zuerst kursierte die Story vom eitlen Senator mit einem 150 Dollar teuren Haarschnitt und „Botox“-Faltentherapien. Sofort konterten seine Berater mit der sportlichen und leutseeligen Seite des Kandidaten: Als Biker of seiner Harley Davidson, als Eishockeyspieler, Pilot, Windsurfer und Snowboarder. Doch ganz abschütteln konnte er das Image des pickfeinen Multimillionärs (Kerrys Reichtum wird auf 160 Millionen Dollar geschätzt) nicht. Senats-Kollege Ted Kennedy hält ihn für ein wenig oberflächlich, jemand, der sich beim Konsum einer 400 Dollar teuren Weinflasche oder einen Tripp nach Davos wohler fühlt, als in einem Feuerwehrhaus in New Hampshire. Unterstützt hat ihn Kennedy als „Landsmann“ dennoch: „Wenn Kerry gewinnt, kann er das Kennedy-Erbe zu Ende führen“, so sein Argument.

# 2. Februar: Auftakt zum Arnie-Jahr

Arnold Schwarzenegger filmt wieder. Der Gouverneur von Kalifornien saß letzte Woche auf dem ihm so vertrauten Filmsessel mit Gattin Maria Shriver am Strand der Millionen-Metropole Los Angeles. Es ist kein Rückfall in seinem alte Karriere als Hollywood-Action-Star, sondern die Starrolle in einem 30-Sekunden-Werbespott für Kalifornien, der in den nächsten Monaten rund um den Erdball gezeigt wird: Der tief verschuldete Westküsten-Riesenstaat kann Arnies Starpower gebrauchen. „Wäre Vorgänger Gray Davis in einem TV-Spot in Sydney aufgetaucht, hätte ihn wohl niemand erkannt“, erklärt „Außenminister“ Alexander Downer: „Schwarzenegger hingegen kennen selbst die Babies in den Kinderwägen“. Manchmal nützt Schwarzenegger seine Jetset-Verbindungen direkt aus: Richard Branson, Milliardär und Gründer der Kultfluglinie Virgin Atlantic, überzeugte Arnie im Small-Talk, sich mit seinem US-Hauptquartier in San Francisco niederzulassen.
Fast 100 Tage regiert der Governator nach seinem spektakulären „Recall“-Wahltriumph im Herbst jetzt den 38-Millionen-Einwohner-Bundesstaat und die fünfgrößte Volkswirtschaft der Erde – mit einer gemischten, doch überwiegend positiven Bilanz: Die Zahlungsunfähigkeit des nur mehr am Papier „Golden State“ konnte er durch die Vorlage eines 15-Milliarden-Dollar-Kredits zur Volksabstimmung vorerst abwenden, der Fallout von den Vorschlägen für sein erstes 70-Milliarden-Dollar-Budget blieb trotz beabsichtigter, drastischer Einsparungen im Sozial-, Bildungs- und Kommunalbereich politisch verkraftbar. Und die Kalifornier haben sich mit ihrem ungewöhnlichen Gouverneur angefreundet: 64 Prozent sind mit seiner Amtsführung zufrieden, wahrlich stratosphärische Werte verglichen mit dem desaströsen Herumdümpeln seines Vorgängers Davis im Zwanzig-Prozent-Bereich. „Er strahlt nach wie vor diesen unglaublich aggressiven Optimismus aus“, sagt Hauptstadt-Polit-Veteran Bob Fairbanks: „Er ist eine Berühmtheit und reitet geschickt auf dieser, nicht abebben wollenden Welle der Euphorie“.
Doch es warten politische Minenfelder allerortn:
# Die 15-Milliarden-Dollar-Staatsanleihe, mit der Arnie mehr Zeit zur Budgetsanierung gewinnen will, muss am 2. März von den Kaliforniern per Volksentscheid erst gebilligt werden. Doch noch ist laut Umfragen mit 44 gegenüber 33 Prozent eine Mehrheit gegen den Kredit, und fast die Hälfte ist der Ansicht, Arnie solle lieber die Steuern erhöhen – was er im Wahlkampf kategorisch ausschloss –, als derart brutal den Rotstift anzusetzen: Kürzen will er im laufenden Budget 250 Millionen Dollar, inklusive Sozialausgaben für Alte und Arme (darunter das Streichen der Krankenversicherung von 700.000 Kindern bedürftiger Eltern), AIDS-Hilfeprogramme (prompt sitzen ihm Schwulen-Lobbygruppen im Nacken) oder Zuschüsse an Kommunen. Die Studiengebühren sollen gleich zehn bis 40 Prozent steigen.
# Trotz mutiger Reformen im sündteuren, kalifornischen Strafwesen inklusive völlig neuer Regeln bei Begnadigungen und der möglichen Freisetzung von 500.000 nicht gewalttätigen Straftätern (darunter Drogendelikte) überschattet die Todesstrafe Arnies erste Tage im Amt, besonders im Ausland: Am Freitag lehnte er erstmals per Unterschrift das Gnadengesuch eines Todeskandidaten ab, der vierfache Mörder Kevin Cooper soll damit nächsten Dienstag per Giftinjektion hingerichtet werden. Und bald landet das Gnadengesuch des wegen guter Führung sogar als Nobelpreisträger nominierten Stanley Williams am Gouverneurs-Schreibtisch, ein Todesbefehl könnte für Arnie zum globalen PR-Desaster werden.
# Arnies im Wahlkampffinale für Headlines sorgende Grapsch-Affäre ist, trotz einer Verleumdungsklage eines Opfers gegen ihn, weitgehend eingeschlafen, doch sorgte zuletzt ein Wahlspenden-Skandal für Aufsehen: Ein Bezirksrichter hatte einen, im Wahlkampfendspurt aufgenommenen 4,5-Millionen-Dollar-Kredit aus Arnies Privatkasse als Verstoß gegen das strenge, kalifornische Wahlspendengesetz befunden. Er werde den Kredit rasch persönlich zurückzahlen, sagte Arnie kleinlaut bei seinem Debüt vor den knallharten Reportern des „Sacramento Press Clubs“. Bei einem geschätzten Privatreichtum zwischen 200 und 800 Millionen Dollar dürfte das zu keinerlei finanziellen Engpässen führen.
Arnies Starpower generiert auch abseits der Polit-Gefechte einen konstanten Nachrichtenstrom: Mehrmals wöchentlich pendelt er im Privat-Learjet zwischen seinem Villen-Areal in Brentwood und der Kapitale Sacramento, wohnt dort immer noch lieber in der 185 Quadratmeter großen Suite des „Hyatt Regency Hotel“ gegenüber dem Kuppelbau des Kapitols. Längst ist er das inoffizielle Wahrzeichen der sonst eher schläfrigen 400.000-Einwohner-Stadt: Gesichtet wurde er beim Armdrücken im „Athletic Club“-Fitness-Studio, im Nachtlokal „Simon´s Café“ oder beim schlürfen seines Lieblings-Getränks, entkoffeinierter Espresso“. Seine demokratische Frau, JFK-Nichte Maria Shriver, sorgt wegen ihrer intensiven Beraterrolle vor allem bei Arnies republikanischen Parteifreunden für Unmut – und für eine Debatte bei ihrem Arbeitgeber NBC, ob das Fortführen ihres TV-Reporterjobs mit ihrer Rolle als First Lady vereinbar sei. „Die Kalifornier haben sich per Erdrutsch für einen unkonventionellen Gouverneur entscheiden“, sagt Fairbanks: „Und sie wurden nicht enttäuscht“.

# 20. Jänner: Belindas Politkarriere

Das Rampenlicht jedenfalls ist Belinda Stronach, 37, Tochter des Austro-kanadischen Tycoons Frank, gewöhnt: Als sie von Dad den Autoteilriesen „Magna International“ mit Headquarter in Aurora bei Toronto als „Chief Executive Officer“ (CEO) übernahm, schaffte sie es rasch zu Jubelstories in Hochglanz-Wirtschaftsmagazinen. Furtune kürte sie gar zur Nummer Zwei weiblicher Power-Manager, in Kanada war rasch keine Geschäftsfrau mächtiger als sie. Als die Frank-Tochter mit blondem Haarschopf auch noch mehrmals an der Seite des (S)Ex-Präsidenten Bill Clinton gesichtet worden war, überschlug sich die Klatschpresse: Wie eine jüngere Hillary sehe sie aus, schwärmte etwa die New York Post, und nach ihrer Scheidung mit dem norwegischen Eiskunstlauf-Olympiasieger Johann Olav Koss, sei sie auch nach zwei gescheiterten Ehen noch „single“.
Doch die dicke Medienmappe dürfte nur ein Vorgeschmack sein, was Mrs. Stronach, Mutter zweier Kinder aus Ehe Eins, durch ihren jüngsten Schritt an Euphorie auslösen wird: Am Dienstag gab sie ihr Amt als CEO an Vater Frank zurück, der Magna gründete, das heute 13 Milliarden Dollar pro Jahr umsetzt. Der Schritt ebnete ihren Einstieg in die kanadische Politik: In einer prall gefüllten Pressekonferenz am Magna-Firmenareal verkündete sie ihre offizielle Kandidatur für das Amt des Führers der „Conservative Party“, einer internen Ausscheidung mit bisher zwei Gegenkandidaten Ende März. Zusätzlich wahlkämpft sie um einen Parlamentssitz als Vertreterin eines Distrikts nördlich der Millionen-Metropole Toronto. Stronachs Polit-Bombe ist das zweite Erdbeben am nordamerikanischen Kontinent mit Österreich im Rampenlicht: Arnold Schwarzenegger wurde im Oktober zum Kalifornien-Gouverneur gewählt, nun könnte es Mrs. Stronach bis zum Premier des weitläufigen 28-Millionen-Einwohnerstaates schaffen.
„Nun es ist nicht leicht, sich selbst zu fragen: Was würde ich tun als Premierminister von Kanada?“, erzählte sie kürzlich gut gelaunt einer Gruppe von Studenten bei einem von Magna gesponserten Vortrag am „Parlaments Hügel“ in der Kapitale Ottawa. Um Geld braucht sich Stronach trotz insgesamt zweier Scheidungen wenig Sorgen zu machen, selbst wenn Frank Stronach nicht aushelfen sollte: Ihr Gehaltsscheck von Magna belief sich im Jahr 2002 auf insgesamt 5,5 Millionen Euro. Doch mit Geld allein kann sie ohnehin den Vorsitz über Kanadas Konservative nicht gewinnen: Laut strenger Wahlgesetze dürfen nur maximal eineinhalb Millionen Euro in die Schlacht um den Parteivorsitz geworfen werden.
Als Geheimwaffe könnte ihre „Freundschaft“ zu Bill Clinton, wie bei jedem Tabloid-Beben ihr Sprecher Jim Warren beteuerte, herhalten: Bill und Belinda waren gesehen worden im August 2001, als die Stronachs Clinton zu einem Benefiz-Golftournament an den Lake Ontario luden, dann bei einer starbeladenen Geburtstagsparty von Kanadas Rocklegende Ronnie Hawkins in Toronto, letzten Sommer gleich ein paar Mal hinter einander: Bei einem Dinner am Rande der demokratischen Gouverneurskonferenz in Baltimore wurden sie erspäht, einem „Fundraiser“ in Kalifornien und in der Loge des berühmten „Preakness“-Pferderennens? Da brodelte die kanadische Gerüchteküche rasch über: Eine anonyme Belinda-Freundin berichtete dem Nachrichtendienst „CanWest“ bereits von „ihrer Bewunderung“ für den einst mächtigsten Mannes des Planeten.
Die Freundschaft zu Schwerenöter Clinton, wie immer nützlich der Demokrat bei ihrem Job als Konservativen-Chefin politisch auch sein kann, wird ihr im verglichen mit der prüden USA weltoffeneren Kanada niemand verübeln.

# 20. Jänner: Deans Sturz

Was ihm über ein Jahr lang nicht gelang, wurde für Senator John Kerry binnen Tagen wie durch ein Wunder Wirklichkeit: Nicht mehr lustlos musste er vor leeren Hallen predigen, nun brüllte er in eine tobende Menge von 1.800 Menschen in einer Kirche – Veteranen, Feuerwehrleute, Lehrer, Arbeiter, an seiner Seite Senatorenlegende Ted Kennedy. Seine Berater, die noch vor Wochen mehr an ihren Lebensläufen als der Kerry-Botschaft feilten, arbeiteten plötzlich fieberhaft. So turbulent waren die letzten Tage in Iowa – der ersten Station des Vorwahlmarathons der Demokraten zur Bestimmung des Präsidentschaftskandidaten – verlaufen, dass Kerry am letzten Wahlkampftag die Stimme versagte.
Die blieb dann nach den Resultaten vom Montag praktisch auch allen Polit-Experten weg: Mit 38 Prozent triumphierte Kerry, vor Wochen noch vom Polit-Establishment als steif und „senatoral“ abgeschrieben, belächelt, da er eine Hypothek auf sein Eigenheim aufnehmen musste, um den Wahlkampf fortzuführen. „Comeback Kerry“ taufte sich der strahlende Politprofi selbst, in Anlehnung an „Comeback Kid“ Bill Clinton. Rasch gingen den TV-Kommentatoren die Superlativen aus: „Eine der größten Polit-Sensationen zumindest der letzten zehn Jahre“, nannte es Judy Woodruff von CNN, „wahrlich erstaunlich“, Journalistenlegende Bob Woodward.
Fast noch sensationeller ist der Aufstieg der Nummer Zwei in Iowa, Senats-Kollege John Edwards mit 32 Prozent: Der dümpelte vor wenigen Wochen mit ein paar Prozent in den Umfragen überhaupt in völliger Obskurität. Doch Edwards, ein 50-Jähriger, jugendlich aussehender Senator – er bräuchte eher das Gegenteil von Botox, ätzt „Time“-Kolumnisten Joe Klein –, ließ bei Wahlveranstaltungen den Funken überspringen, bald wirkten sie wie Popkonzerte. „Edwards ist der beste Wahlkämpfer, den ich jemals gesehen habe“, staunte Demokraten-Strategen-Guru James Carville: „Sogar besser als Clinton…“ Was Edwards noch fehlt im paranoiden Post-Elfter-September-Amerika sind außenpolitische Sicherheitskonzepte.
Mit dem dramatische Absturz des bisherigen Frontrunners Howard Dean so kurz vor dem Ziel, als er in Iowa seine Sensationskampagne mit einem ersten Sieg krönen wollte, scheint die Demokraten-Parteibasis die Courage zu verlassen: Deren Abneigung, oft glatter Hass auf US-Präsident George W. Bush hat den wortgewaltigen Kriegsgegner aus Vermont zunächst an die Spitze gebracht und die Rekordsumme von 40 Millionen Dollar in seine Wahlkampfkasse gespült. Doch nach einem Bombardement durch seine Gegner sowie einer Serie von Fehltritten und Enthüllungen kamen Zweifel auf, ob Dean das Zeug hat, Bush tatsächlich schlagen zu können. „Es war lustig, ihn einen Weile zu unterstützen und der Frustration Luft zu lassen“, so CNN-Kommentator Tucker Carlson, „doch jetzt gilt die Kernfrage: Welcher Kandidat hat die besten Siegeschancen?“
Zu Früh ist es, Dean mit seiner gut geölten Wahlmaschinerie abzuschreiben – und er beharrt auf seinem Haupt-„Verkaufsargument“: Nur er könne jene Euphorie erzeugen, um mögliche Wahl entscheidende Neuwähler zu den Urnen zu locken. In New Hampshire, spätestens seit dem Clinton-Sex-Drama 1992 legendären Primaries nächsten Dienstag, hat Dean trotz einem Abstieg von 35 auf 28 Prozent noch einen respektablen Vorsprung auf Iowa-Sieger Kerry mit 19 Prozent. Doch der Zug scheint für jene Kandidaten abzufahren, die Bush in Sachen „Nationaler Sicherheit“ mit glaubwürdigen Lebensläufen entgegentreten können – der erfahrene Vietnam-Veteran Kerry etwa, der zentristische, jüdische Senator Joe Liberman oder der telegene Ex-NATO-General Wesley Clark. Clarks Kampagne ist in den letzten Wochen in Schwung gekommen, im letzten Quartal nahm er zehn Millionen Dollar an Spenden ein, fast so viel wie Dean.
Richtig charmant sei er bei seinem Wahlkampfauftritten, schwärmt Klein: Der General habe als Quereinsteiger des Politgeschäft rasch gelernt. Und seit er im bitter kalten New Hampshire meist mit kariertem Pullover auftritt, sollen auch Frauenherzen höher schlagen, haben seine Berater befunden. Clarks Anti-Bush-Tiraden haben durchaus Dean-Qualitäten: „Das ist die imperialistischste, narzistischste Regierung aller Zeiten“, polterte er einmal: „Sie sind schlimmer als Nixon, eine Bedrohung für alles, was diese Nation groß machte“. Mit 20 Prozent liegt Clark, der Iowa fernblieb, bereits auf Platz Zwei in New Hampshire. Am 3. Februar, wo aus sieben Bundesstaaten mit South Carolina, Arkansas und Oklahoma erstmals auch im Süden gewählt wird, will Clark (wie Clinton in Arkansas geborener Südstaatler) seinen Heimvorteil erstmals vor allem gegen Kerry und Dean ausspielen.
Während die Demokraten ihren Vorwahlthriller begannen, übte deren Gegner am 2. November an seiner absichtlich für den Iowa-Folgetag vorverlegten State-of-the-Union-Rede (um, mit der Weltpresse in Iowa, doch für ein wenig News zu sorgen, veröffentlichte das White House ein Foto mit dem übenden Bush am Redepult). Obwohl der durch den Saddam-Coup ausgelöste Popularitätsschub wieder verpufft ist, verbleibt er laut einer „New York Times/CBS News“-Umfrage in einer starken Position: 50 Prozent Popularität ist zwar weit bescheidener als die stratosphärischen 90 Prozent nach dem 11. September, doch Clinton hatte bloß 47 Prozent im Jänner 1996 und gewann die Wiederwahl überzeugend. Eine satte Mehrheit vertraut Antiterrorkrieger Bush in Sicherheitsfragen, dem laut Klein „wahlentscheidenden Thema“. Angreifbar bleibt Bush in seiner Wirtschaftspolitik – die Steuersenkungen meist für Reiche haben die Mittelschicht nicht in vollem Umfang erreicht.
Sein möglicher Gegner in der Wahlschlacht 2004, John Kerry, hatte bei der Siegesfeier in Iowa letztendlich seine Stimme wieder gefunden: „Das ist der Beginn vom Ende der Bush-Ära“, rief er in den Saal tobender Anhänger.
Doch wer ist John Kerry? Seit 1985 bereits vier Mal wieder gewählter Senator des Neuenglandstaates Massachusetts gilt er im Oberhaus des US-Kongresses als gewichtige Stimme des Liberaleren Nordostens – abseits davon sorgte der 59-Jährige für Aufsehen als passionierter Jäger, Harley-Davidson-Motorradfahrer, Eishockeyspieler, Snowboarder oder Windsurfer. Gerne fliegt der über 1.90 Meter groß gewachsene Politiker mit markantem Profil und kunstvollem Haarschnitt (als einer der ersten Rufmordversuche wurde gestreut, er gebe dafür 150 Dollar aus…) mit seiner privaten, doppelmotorigen Cessna. Gut für den Wahlkampf, dachte sich auch Werber Jim Margolis: „Er ist jedenfalls kein Weichei!“, sagte der zu Beginn von Kerrys Kandidatur.
Kerry wuchs auf im Nachkriegs-Europa, sein Vater ein in Berlin stationierter Diplomat. 11-jährig landete er in einem Schweizer Internat. Die Bahnfahrten von Zürich durch den ostdeutschen Korridor hat er bis heute nicht vergessen: „Die Soldaten draußen vor dem Zug“, erzählt er, „so richtig gespenstisch“. Er trampt durch Frankreich, Norwegen England – landet als Teenager im Internat St. Paul´s in New Hampshire, als viel gereister, weltoffener Katholik fühlt er sich unter den Großteils protestantischen Republikaner-Kinder als Außenseiter – sein Idol natürlich JFK (übrigens auch wegen dem Mittelnamen sein Spitzname: John Forbes Kerry). Frühe Ambitionen für Politik sind sichtbar: 1962 arbeitet er als Freiwilliger für den Senatswahlkampf von Edward Kennedy. Nach dem Studium an der Elite-Uni „Yale“ landet er im Vietnamkrieg, aus dem er mit Bronze Star“-, „Silver Star“- und drei „Purple Heart“-Tapferkeitsorden hochdekoriert als Kriegsheld zurück kehrt. Einigen Kameraden hatte er das Leben gerettet. „Ich war wirklich auf einem Flugzeugträger“, donnerte er in dem Menge in Anspielung auf Bushes Landung im Mai in Fliegeruniform.
1971 sorgt er vor einem Senats-Komitee mit beißender Kritik am Vietnamkrieg für Furore. „Wie können sie von diesem jungen Männern verlangen, für einen Fehler zu sterben?“ rief er in den Saal. Schon im Folgejahr-Jahr kandidiert er als „Friedenskandidat“ für den Kongress und verlor. 1984 wurde er in den Senat gewählt und sorgte als Antikorruptions-Kämpfer für Aufsehen. 2000 hatte ihn Al Gore fast zu Running Mate gemacht. Kerry hat durch seine Heirat Teresa Heinz, Erbin des Nahrungsmittelimperiums „Heinz“, kaum persönliche Finanznöte: 164 Millionen Dollar soll er selbst schwer sein, haben von ihm bereit gestellte Finanzdokumente ergeben.

# 12. Jänner: Abrechnung mit Bush


Die Männer mochten sich nicht wirklich, und einmal wurde das in der Öffentlichkeit sogar in aller Peinlichkeit offensichtlich: Als eine Frau bei einem Wirtschaftsforum, zwischen US-Präsident George Bush und Finanzminister Paul O´Neill sitzend, das Wort ergriff, und sagte, sie sei flankiert „von ihren beiden Helden“ – beugte sich Bush plötzlich hämisch, grinsend vor: „Was, O´Neill, das meinen Sie ja nicht ernst!“ Den Spitznamen „Big O“ hatte ihm Bush gegeben, doch der blitzgescheite, biedere, etwas schrullige Wirtschaftsfachmann hatte das nie als witzig empfunden, eher als eine Art des Abkanzeln. Nach 23 Monaten im Amt wurde er schließlich abserviert.
Jetzt hat sich O´Neill gerächt – und es ist ein Rundumschlag der Superlative: Was er dem Pulitzer-Preisträger und Ex-Wallstreet-Journal-Reporter Ron Suskind in dem Bestseller „The Price of Loyalty: George W. Bush, the White House and the Education of Paul O´Neill“ in fast täglichen Gesprächen über ein Jahr lang erzählte, ist
# das brutalste Auspacken
# des höchstrangigsten Regierungsmitgliedes
# zum in einem Wahljahr ungünstigsten Termin: Die Buch-Bombe zerrüttet das von Bush & Co gerne verbreitete und selbst von Starpublizisten wie Watergate-Aufdecker Bob Woodward detailreich nacherzählte Bild eines resoluten Leaders, der seinen hochprofessionellen Beraterstab mit einem Stakkato knallharter Fragen traktiert, um bestmögliche Entscheidungen zu treffen. Laut O´Neill ist Bush hingegen meist ahnungslos, desinteressiert, abgehoben, getrieben von Ideologie und Politik – Fakten, die Wahrheit, rationale Argumente oder ein ehrlicher Ideenaustausch verkommen zu lästigem Ballast, der bei bereits getroffenen Entscheidungen bloß im Wege stehe. Den arroganten Stil von Bush beschreibt er abschätzig: „Er hat gar nicht die Lebenserfahrung, um ein derart hohes Maß an Selbstsicherheit zur Schau zu stellen“. Was das White House mehr nervös macht als üble Nachrede: O`Neill hat seine Enthüllungen auf 19.000 Seiten an Sitzungsprotokollen, internen Memos und „top secret“ Geheimdienstunterlagen während der 23 Monate im Amt aufgezeichnet – kurz vor seinem Ausscheiden, ließ er noch extra Material anfordern. „Was O´Neill vorlegte, ist der Traum jedes Journalisten“, strahlt Autor Suskind: „Das ist explosives Material“.
Für drei Präsidenten hatte O´Neill zuvor gearbeitet, Richard Nixon, Gerald Ford und George Bush Senior, als er euphorisch das Schlüsselressort Finanz für Junior übernahm. Doch das erste Vieraugengespräch war gespenstisch: Ein Stunde lang hätte O´Neill, zuvor CEO des Aluminium-Riesen Alcoa, seine Ideen zur Reform des Sozialversicherungswesen oder des komplizierten Steuercodes ausgebreitet – doch Bush keine einzige Frage gestellt. „Es war ein Monolog“, sagt er und fügt an: „War er zu ahnungslos, um die richtigen Fragen zu stellen? Zu desinteressiert? Oder wollte er die Antworten nicht hören“. In größeren Meetings ergibt sich ein ähnliches Bild: Kein Hinterfragen, kaum Debatten – wie ein „Blinder in einem Raum voller Tauber“, so O´Neills Zitat, dass rund um die Welt für Furore sorgte. Regierungsmitglieder der Supermacht USA verbringen mehr Zeit, zu Erahnen was Bush gerne hören wolle, als zum Argumentieren ihrer Vorschläge. Einige agierten manchmal in einem regelrechten Akt der Verzweiflung: Außenminister Colin Powell spielte seine Furcht vor einer Atommacht Nord Korea der Presse zu, „um eine Reaktion zu bekommen“. Ex-Umweltministerin Christine Todd Whitman verfolgte eine ähnliche Strategie in Sachen Klimaschutz. Es nützte wenig: Bush ließ ihren Mitarbeitern einen Plan zu Kohlendioxid-Emission ausarbeiten und platzte mitten in deren Arbeit mit der Ankündigung, sein Wahlversprechen von Treibhausgas-Reduktionen zu ignorieren und aus dem Kyoto-Klimaschutzprotokoll gänzlich auszusteigen. Whitman trat später frustriert zurück.
Doch die spektakulärste O´Neill-Enthüllungen kommen in Sachen Irak: Da hatte Bush in einer Wahldebatte mit Al Gore im Oktober 2000 noch erklärt, keinesfalls werde sich die USA in Militärabenteuern rund um den Globus entblößen und in teuerem und riskanten „Nation Building“, dem Aufbau von Staaten nach Kriegen á la Bosnien oder Kosovo, verirren. Doch zehn Tage nach der Angelobung und acht Monate vor dem Terror-Horror des 11. September, der stets offiziell als Rechtfertigung für eine „Neubewertung des Bedrohungspotentials durch Saddam Hussein“ herhielt, wurde die Beseitigung des Saddam-Regimes als Top-Priorität diskutiert. „Klar gestellt war auch worden, dass die USA das Recht habe, das auch im Alleingang durchzuführen, so O´Neill. Mehr noch: Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ließ im bereits März 2001 (!) detaillierte Nachkriegs-Pläne für den Irak vorlegen, Militär-Sektoren für die Besatzer, Aufteilung der Ölfelder, Peacekeepers, Militärtribunale etc. Stolz hält Autor Suskind die brisanten Dokumente in einem Beitrag für das CBS-Aufdecker-TV-Sendung „60 Minutes“ in die Höhe.
Alle weiteren Anstrengungen dienten dann bloß der Strategie, wie der Krieg US-Bürgern und der Welt erklärt werden soll. „Der Befehl lautete, so der Ex-Minister: „Fein! Findet einen Weg, wie wir das Durchsetzen!“ Und niemand in den Meetings hätte jemals ernste Fragen gestellt.
O´Neill, der im höchsten Sicherheitsrat – des von der engsten Bush-Vertrauten Condoleezza Rice geleiteten „National Security Council“ (NSC) – als Art Schriftführer agierte, sah jedenfalls niemals irgendwelche Beweise für Massenvernichtungswaffen oder Saddam-Al-Qaida-Verbindungen, den zwei wichtigsten Kriegsgründen für Bush & Co. „Alles, was es gab waren Mutmaßungen“, sagt O´Neill zu Time: „Ich bin lange genug im Geschäft, um den Unterschied zu wissen zwischen Beweisen und Annahmen und Illusionen oder Schlussfolgerungen auf im vornhinein bestimmter Annahmen“. Bush-Berater ätzten, O´Neill hätte gar keinen Zugang zu den wichtigen Unterlagen gehabt. Suskind widerspricht: „Debatten im Nationalen Sicherheitsrat, dem O´Neill angehörte, sind so hochrangig wie es nur geht.
Beim Rest der Bush-Politik, besonders der nationalen, triumphiere stets Ideologie oder Parteipolitik über rationale Entscheidungen, wie der Insider enthüllt: Dabei gebe der erzkonservative Vize Dick Cheney den Ton an, der von O´Neill als Anführer einer „Prätorianer-Garde“ beschreibt, um widersprüchliche Meinungen von Bush abzuschirmen; „Politiko“ Karl Rove und zu Beginn Bushes Langzeit-Helferin Karen Hughes klopften Entscheidungen des Oval Office auf ihre Polit-Tauglichkeit bei Wechselwählern oder in Schaukelstaaten ab. Gegen jede Vernunft, so O´Neill, wären etwa Extrazölle auf ausländischen Stahl beschlossen worden, um die Belegschaften der Hochöfen in den wiederwahlwichtigen Staaten Ohio, Pennsylvania oder West Virginia (nach einer internationalen Verurteilung, musste Bush zuletzt die Zölle wieder streichen). Der größte Unterschiede zwischen damals und heute, vergleicht der verärgerte Ex-Minister seine Tätigkeit für frühere Präsidenten, wäre, dass einst über Faktenlagen und Analysen gebrütet wurde – unter Bush jedoch alles von Karl, Dick und Karen genehmigt werden muss.
O´Neills Exit schien besiegelt, als er sich gegen die zweite Runde an Steuersenkungen auflehnte. Ein Projekt, dem sogar auch Bush in einem Meeting anfangs skeptisch gegenüber stand. Ausnahmsweise hätte der Präsident eine Frage gestellt. „Haben wir nicht in der ersten Runde die Reichen bevorzugt“, fragte er verwundert: „Warum tun wir es wieder?“ Schnell hätte Cheney erklärt, so Autor Suskind, dass die wohlhabenderen Steuerzahler die wichtige Klasser der Entrepreneurs sei. O´Neill machte im Herbst 2002 einen letzten Anlauf, die, wegen dem unter anderem horrender Kriegskosten explodierenden US-Budgets laut ihm folgenschweren „Tax Cuts“ abzuwenden. Doch Cheney winkte ab: „Reagan hat bewiesen, dass Defizite nichts ausmachen – wir haben die Midterm-Wahlen gewonnen, wir ziehen das jetzt durch“. Keine Angst hat O´Neill vor Repressalien des bei jeglicher Form von unloyalem Verhaltens bekannt rachsüchtigen Bush-Stabes, obwohl ihn Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, einmal anrief und „ersuchte“, das Buchprojekt „aufzugeben“: „Ich bin alt, ich bin reich, was sollen sie mir antun?“

# 5. Jänner: Dean gegen Bush?

Geht es nach TV-Prediger Pat Robertson könnte sich die USA die heurigen Präsidentschaftswahlen gänzlich sparen: Gott persönlich nämlich habe ihm verraten, dass US-Präsident George W. Bush per Erdrutsch im Amt bestätigt und die 290-Millionen-Einwohner-Supermacht bis 2009 regieren werde. „Gott hat ihn gesegnet“ schwärmt der stramme Evangelist über den vielleicht gottesfürchtigsten Präsidenten der US-Geschichte. Es mache auch keinen Unterschied, ob er Gutes oder Schlechtes mache, fährt der Prediger über seine „Offenbarung“ in intensiven Gebeten zum Jahresausklang fort: „Gott hat ihn ausgewählt, weil er ein Mann des Gebetes ist“.
Tatsächlich jedoch steht der USA in 2004 eine recht irdische Wahlschlacht bevor: 220 Millionen Wahlberechtigte entscheiden am 2. November die Verteilung von insgesamt 538 Wahlmännerstimmen in 50 Bundesstaaten – trotz neuer Wahlspenden-Reformen wird es der teuerste Showdown zwischen Amtsinhaber und Antiterror-Krieger Bush und einen in den nächsten Wochen in den demokratischen „Primaries“ (Vorwahlen) zu bestimmenden Gegenkandidaten, am ehesten der wortgewaltige Bush-Basher, Ex-Vermont-Gouverneur Howard Dean oder der telegene Ex-NATO-Kommandant Wesley Clark. Bush hat bereits 120 Millionen gesammelt, insgesamt 200 Millionen will er für die Wiederwahlkampagne ausgeben. Dean sammelte bisher 40 Millionen, meist von einfachen Bürgern über eine High-Tech-Internet-Sammelmaschinerie. „Und es wird, mit dem Wahlvolk polarisiert wie noch nie, vielleicht der längste und brutalste Kampf um das Oval Office aller Zeiten“, sagt „Columbia“-Politologe Bob Shapiro.
Nach einem Tief im September des Vorjahres, als Bush selbst seine Fans mit einem 87-Milliarden-Dollar-Preiszettel für die Irak-Invasion schockte, haben sich durch Wirtschaftsaufschwung und Saddam-Hussein-Verhaftung seine Popularitätswerte etwas stabilisiert: Sie nähern sich wieder der 60-Prozent-Marke, weit unter den stratosphärischen 90 Prozent zu Beginn des Anti-Terrorkriegs nach dem Terror-Horror des 11. September, doch deutlich über den 50 Prozent noch vor wenigen Monaten. Doch laut der jüngsten CNN/Time-Umfrage ist der Texaner keineswegs unschlagbar, wie konservative Medien im Hype nach dem Saddam-Coup suggerierten: Mit 51 zu 46 Prozent würde Bush Dean heute schlagen, doch liegen die Werte bereits in der statistischen Schwankungsbreite und signalisieren ein knapperes Rennern als noch der 13-Prozent-Vorsprung vor einem Monat. „Es wäre ein fataler Fehler, Dean als einen chancenlosen, liberalen Pazifisten in Birkenstock-Sandalen abzuschreiben“, warnt der neokonservative Kommentator Bill Kristol die Republikaner: „Dean wird nach den Primaries in die politische Mitte steuern und durch seinen unkonventionellen Stil Neuwähler anlocken“.
Bush gab sich zum Beginn des großen Wahljahres betont locker, ging sogar vor Mitternacht schlafen, um am Neujahrstag gut erholt, früh morgens mit Dad zur Wachtel-Jagd aufzubrechen (er schoss vier, ließ sein Pressestab ausrichten). Seine Wiederwahl wird vor allem ein Referendum über die Bilanz seiner bisherigen Amtszeit, eine der turbulenteren Epochen der 228-jährigen US-Geschichte: Ohne Mandat nach dem Florida-Nachwahlskandal ins Oval Office eingezogen, fiel Bush anfänglich eher als Dauerlieferant humoriger Sprach-Stilblüten („Bushismen“) auf. Doch nach dem Al-Qaida-Jumboanschlag auf das World Trade Center und Pentagon (3.000 Tote) stieg er plötzlich zum populären und resoluten Anti-Terrorkrieger auf.
Der Kampf gegen Osama bin Laden, Al-Kaida und andere „Bösewichte“ ist seither Leitmotiv der Bush-Ära II: Die Doktrin der Präventivkriege (eine Attacke gegen Staaten, die künftig eine Bedrohung für die USA darstellen) ließ Bush als Verteidigungskonzept festschreiben und per Invasion gegen den massiven Widerstand des Großteils der Weltbevölkerung im Irak-Krieg exekutieren. Die aggressive Außenpolitik zunehmender Machtausübung und Alleingänge des hochgerüsteten Amerikas demolierte samt Ausstieg aus dem Kyoto-Klimaschutzprotokoll und dem Fernbleiben vom Internationalen Strafgerichtshof die UNO und führte das „globale Image der USA auf historische Tiefstände“, so Andrew Kohut vom „Pew Research Center“, der 38.000 Interviews in 44 Nationen durchführte (in Ägypten etwa wollen gerade sechs Prozent die USA heute in einem positiven Licht sehen). Bush hätte den 11. September für politische Zecke missbraucht und führe die USA und die Welt ins verderben, wetterte zuletzt Milliardär George Soros: „Die Spirale der Gewalt dreht sich immer schneller“.
Für zunehmenden, internationalen Unmut sorgen auch die fast hysterischen Maßnahmen nach Ausrufung der Terror-Alarmstufe „Orange“ durch das Heimatschutz-Ministeriums: 12 Flüge, darunter aus Paris, Mexiko City und London, ließen die US-Behörden wegen Verdacht auf ein Terror-Komplott streichen, andere wurden von F-18-Kampfjets eskortiert, die Passagiere stundenlang verhört. Peinlich waren Namensverwechslungen von angeblichen Terroristen mit einem Kleinkind, einer chinesischen Großmutter oder einem walisischen Versicherungsagenten. Seit Montag werden von allen Visumspflichtigen – ausgenommen sind Urlauber aus 27, meist europäischen Staaten – bei der Einreise in die USA Fingerabdrücke genommen.
Bushes Antiterror-Feldzug hat auch in den USA durch die Installierung des „Patriot Act“ zu massiven Beschneidungen der Bürgerrechte geführt: Die Bundespolizei FBI darf Rasterfahndungen und Abhör-Methoden in unbekannten Ausmaß einsetzen, überwacht werden der Verkauf „verdächtiger Bücher“, sogar komplette Gästelisten wurden zuletzt von allen Hotels in Las Vegas angefordert. Zwei terrorverdächtige US-Bürger landeten in einem Militärgefängnis ohne Zugriff auf einen Anwalt. Amerikas Intellektuelle sprechen bereits offen von einem Polizeistaat, den Bushs bigotter Justizminister John Ashcroft unter dem Vorwand der Terrorabwehr installiert habe.
Doch der weltweite Anti-Amerikanismus oder Intellektuellen-Kritik an Polizeimethoden sollte Bushes Wiederwahlchancen nicht massiv schmälern, so Shapiro: „Nur wenige Bürger kümmert, was die Welt über die USA denkt – und wenige wirklich kommen in Kontakt mit Fahndungs-Exzessen“. Ein erster Wahlkampfspott signalisiert, dass Bush sich in 2004 weiterhin als martialischer Hüter nationaler Sicherheitsinteressen verkaufen wird: „Die Demokraten kritisieren unseren Präsidenten, weil er mit Härte gegen die Terroristen vorgeht“, ist eine mahnende Stimme zu hören. Der Republikaner-Parteitag („Convention“) findet ausgerechnet in New York statt und fällt mit dem dritten Jahrestag der Twin-Tower-Infernos zusammen. Die Übergabe der Souveränität an die Iraker im Juni soll die tödliche Post-Invasions-Misere und ein Tribunal gegen Saddam Hussein den geplatzten Kriegsvorwand der Massenvernichtungswaffen vergessen machen.
Doch gewonnen wird die Wahl zu Hause, mit der Wirtschaft als wichtigsten Faktor, das weiß Bush spätestens nachdem sein Daddy, Präsident Nr. 41, nach einem Triumph im Golfkrieg I 1992 nach nur einer Amtsperiode über die stotternde Wirtschaft stolperte. Unter Bush gingen drei Millionen Jobs verloren. „Er ist der erste Präsident seit Herbert Hoover mit einem Netto-Arbeitsplatz-Minus“, so Kristol: „Das könnte alle guten Nachrichten vom Wirtschaftsaufschwung überschatten“. Steuersenkungen, von denen meist Wohlhabende profitierten, und das „Geld-Rauswerfen des Kongresses wie betrunkene Seeleute“, so Senator John McCain, ließen das Budget-Defizit auf fast 500 Milliarden Dollar explodieren. Die Wirtschaft wurde dadurch jedoch angekurbelt: Mit 8,2 Prozent wuchs sie im dritten Quartal, ein regelrechter Bush-Boom sei das, freuten sich konservative Kommentatoren. Kevin Bannon von der „Bank of New York“ relativiert: „Wenn ein Umkehren von Budgetüberschüssen in Rekorddefizite innerhalb weniger Jahre die Wirtschaft nicht ankurbelt, dann wäre ohnehin alles verloren“.
Mit seiner massiven Kritik am Irak-Krieg und der Wirtschaftpolitik, von der stets „Corporate America“ profitierte und kaum einfache Bürger, wurde Howard Dean zum Shooting Star unter den demokratischen Bush-Herausforderern: Bei marginalen drei Prozent lag der in New York aufgewachsene, von Stockbroker zum Landarzt im Bergland Vermonts, letztendlich zum Politiker mutierte Hitzkopf vor einem Jahr – heute führt er mit 22 Prozent, einer Wahlempfehlung von 2000-Kandidaten Al Gore, Heerscharen begeisterter, jugendlicher Wahlhelfer und 40 Millionen Dollar in der Kriegskaste vor den erster Vorwahlen in zwei Wochen in Iowa das Feld an. Zurückgelassen hat er Polit-Profis wie die Senatoren John Kerry und Joe Lieberman, Kongress-Veteran Dick Gephardt und Ex-General Wesley Clark, der von Parteiguru und Ex-Präsident Bill Clinton massiv unterstützt wird. Ein Lokalaugenschein bei einem Auftritt in New York verdeutlich die Anziehungskraft des gedrungenen und schlagfertigen Liebling der demokratischen Parteibasis: Bei jeder Anspielung auf Fehlschläge im Irak oder Kriegsgewinnler wie Vize Dick Cheneys Ex-Firma Halliburton springt die Menge mit tosendem Applaus von den Sitzen. Diese Woche schaffte er es bereits zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres gleichzeitig auf die Cover von „Time“ und „Newsweek“.
Doch Deans loses Mundwerk könnte ihm leicht um alle Chancen bringen – zuletzt verbrachte er mehr Zeit mit Schadensbegrenzung als Verbreitung seiner Botschaften: Die Verhaftung Saddams tat er als irrelevant für die Sicherheit Amerikas ab, Osama bin Laden wollte er nicht „vorverurteilen“, seine Kritik an den Bush-Maßnahmen in Sachen Heimatschutz wurde von der Enthüllung überschattet, dass er als Gouverneur in Vermont über laxe Sicherheitsvorkehrungen bei einem Atomreaktor Bescheid wusste und nichts unternommen hatte. Bush Chefstratege verbreitet bereits das Image des „Mean Dean“, eines zornigen, Hass erfüllten Mannes, der nicht das Zeug zum „Commander in Chief“ habe. Nervös über den Aufstieg Deans ist auch die demokratische Parteiführung: Gerne wird an den Liberalen George McGovern erinnert, der 1972 die Vorwahlen gewann jedoch gegen Richard Nixon mit einem Sieg in nur einem einzigen Bundesstaat heillos unterging.
Eine besonders brutale Wahlschlacht droht nicht nur wegen Deans Temperament (sollte er die Vorwahlen tatsächlich gewinnen), sondern auch wegen Bush als polarisierendsten Präsidenten vielleicht aller Zeiten: Time coverte kürzlich sein Gesicht mit einem blauen Auge auf einer Seite und Lippenstiftresten auf der anderen, als „Love Him, Hate Him“-Präsident. 47 Prozent würden ihn laut einer Umfrage „sicher wählen“, 48 Prozent „sicher nicht“. Während ihn die eine Hälfte des politisch geteilten Landes mit den Attributen „entscheidungsfreudig“, „bestimmt“ und „stark“ versieht, verachtet ihn die andere als „eitel“, „arrogant“ und „dumm-dreist“. Besonders die offen zur Schau getragene Gottesfürchtigkeit treibt Bush-Gegner auf die Barrikaden: Religiöse Fundamentalisten gelten als engster Berater, die Welt ist eingeteilt in Gut und Böse, offen spiegelt sich sein Glaube in politischen Entscheidungen wieder. Gerne redet er von der Kraft des Gebets und nennt die Freiheit ein „Gottesgeschenk“. Die wachsende Gruppe von regelrechten Bush-Hassern machte prominente Kritiker wie den Provokateur Michael Moore zu Superstars. Anderen wird sogar ein Art Krankheitsbild attestiert: Sie würden den Fernseher ausschalten, wenn Bush zu sehen ist.

# 2. Jänner: Kerkorian vs. Daimler

Eitel ist Kirk Kerkorian. Als der 86 Jahre alte Multi-Milliardär in einem schlichten Gerichtssaal in Wilmington, Delaware, herausgeputzt in grauem Sakko, weißem Hemd und blauer Krawatte als Zeuge aussagte, hatte ihn der Gerichtsaalzeichner derart jugendlich und vorteilhaft portraitiert, dass er fünf Bilder durch einen Mitarbeiter kaufen ließ. Doch insgesamt geht es für den MGM-Casino-Mogul aus Las Vegas und größten Aktionär des internationalen Autoriesen DaimlerChrysler um weit mehr als Wandschmuck für eines seiner Eigenheime: Kerkorian hat die Firma auf eine Milliarde Dollar Schadenersatz verklagt, da er bei einer der größten Fusionen moderner Wirtschaftsgeschichte 1998 zwischen Chrysler, Auburn Hills und Daimler, Stuttgart, von Konzernboss Jürgen Schrempp „betrogen“ worden wäre, als der einen „Merger of Equals“ (Zusammenschluss unter Gleichen) versprochen doch eine „schlichte Übernahme“ geplant und exekutiert hatte.
Mit 14 Prozent des Aktienkapitals hat der stolze US-Geschäftsmann beim Absturz der Aktien von 108 auf heute 46.74 Dollar (Stand: Freitag) viel Geld verloren. Doch der nach zweijähriger Vorbereitung ablaufende Justizshowdown offenbart mehr als ein unglückliches Investment: In hunderten Kartons wurde von den Anwälten eine erstaunliche Insight in den Merger und die gesamte Autobranche samt dem brutalen Konsolidierungsprozess von 50 bis 60 Autoherstellern in den Sechzigern auf 17 1998 und bloß zehn heute zusammengetragen. Schrempp hatte die US-Klage lange unterschätzt, jetzt kann sie ihm ähnlich dem Verfahren zweier US-Ex-Mitarbeiter gegen den Medienriesen Bertelsmann in Kalifornien, wo Geschworene zwischen 255 Millionen Dollar und 1,02 Milliarden Schadenersatz anordneten, teuer zu stehen kommen. Einzig gute Nachricht: Anders als Bertelsmann ist DaimlerChrysler keinen unberechenbaren Geschworenen ausgesetzt – Bundesrichter Joseph Farnan Jr. wird den Fall selbst entscheiden.
Zuletzt hatte das Auftauchen von 61 Seiten interner Unterlagen von Ex-Chrysler-Manager Gary Valade während der Verhandlungen zu dem 36-Milliarden-Dollar-Merger für eine juristische Bombe gesorgt, just zum Zeitpunkt der letzten Zeugenaussagen vor Weihnachten. Jetzt ordnete Farnan eine Untersuchung über des späten Auftauchen der Dokumente an – der Prozess geht damit vorerst weiter. Kerkorian hatte die Verhandlung im Dezember mit einer blumigen Litanei an Vorwürfen an die „machthungrigen Deutschen“ eröffnet, die eine Musterautofirma namens Chrysler „ruiniert“ hätten. Vor dem Zusammenschluss wäre sie die profitabelste Firma Amerikas gewesen, so Kerkorian, 1996 wählte sie „Forbes“ mit fünf Milliarden Dollar Gewinn zur „Firma des Jahres“. Heute sind 26.000 Stellen abgebaut, die Belegschaft demoralisiert, Marktanteile geschrumpft. Im Jahr 2000 setzte es einen Verlust von 1,5 Milliarden Dollar, im Folgejahr gar 4,5 Milliarden.
Doch wirklich wütend hatte den Großanleger, der über seine Investment-Firma „Tracinda“ 89 Millionen Aktien besitzt, ein Interview von Schrempp mit der „Financial Times“ in 2000 gemacht: Darin hatte Schrempp geprahlt, dass er wie ein cleverer Schachspieler, der seine Züge vorausplant, den Begriff „Merger of Equals“ bloß als „psychologischen Gründen“ verwendete, in Wirklichkeit jedoch stets eine Chrysler-Einverleibung als „Division“ der Weltfirma geplant hatte. Plötzlich hätte alles Sinn gemacht, so Kerkorian mit dröhnender Stimme: Die Übernahme von 58 Prozent des Aktienkapitals, die Inkorporierung der neuen Firma in Deutschland, das Zusammenstreichen des Aufsichtsrates von 18 Mitgliedern (zehn Deutsche, acht Amerikaner) auf zehn, mit Thomas Sidick als „einsamen Chrysler-Vertreter“. Und vor allem die Ablöse von CEO James Holden und Installierung des Ex-Merzedes-Manager Dieter Zetsche nur wenige Wochen nach dem brisanten Interview.
„Ich fühlte mich in die Irre geführt“, wettert Kerkorian. Die „üble Trickserei“ hätte auch monitäre Konsequenzen für die Chrysler-Aktionäre gehabt: Ihnen war bei der Fusion 28 Prozent des aktuellen Aktienpreis aufgeschlagen worden, bei einer deklariertem „Übernahme“ hätte die Prämie viel höher sein müssen, argumentieren die Anwälte des streitbaren Milliardärs. Tatsächlich hatte DaimlerChrysler im August eine Sammelklage von vergraulten Anlegern um 300 Millionen Dollar verglichen.
Doch warum hatten die Manager der angeblichen Musterfirma dem Daimler-Deal 1998 dann überhaupt zugestimmt, will Schrempps Advokaten-Team wissen: Experten stimmen überein, dass Chrysler kaum eine Wahl hatte – zu klein wäre die Firma gewesen, um im Wettbewerb gegen immer globalere Auto-Imperien zu bestehen. Chryslers ehemaliger Glanz stammt aus seiner Pionierleistung im Segment der heute so populären „Sport Utility Vehicles“ (SUVs) und Minivans. Doch genau dort war die Firma in den letzten Jahren vor allem von den „Großen Drei Japanern“, Toyota, Honda und Nissan, regelrecht überrollt worden: „Zetsche hatte wenig Spielraum in diesen entfesselten Marktkräften“, sagt Experte David Healy: „Er hat sich so gut gehalten, wie man von ihm erwarten hatte können“. Die Entamerikanisierung Chryslers wird verteidigt mit dem Mangel an „talentierten Managern in Cleveland“. Kerkorians späten Grant mit dem Merger will bei den Deutschen niemand recht verstehen: Immerhin sei alles in Verträgen festgehalten worden – und der Großanleger hatte damals dem Deal zugestimmt. Schrempp selbst gab sich in seiner Aussage als Unschuldslamm: „Ich denke“, sagt er in Akzent beladenen Englisch, „dass ich gar nicht fähig bin, irgendjemanden zu betrügen“.