# 29. Juni: Aufregung um Clintons Bestseller


Die Geschichte wollte Ex-Präsident Bill Clinton, 57, mit seinen Sensationsmemoiren „My Life“, seit der Vorwoche im US-Buchhandel (in Österreich ab 8. Juli), neu schreiben – doch schnell versank er wieder im Sumpf aus Sex, Lügen und schriller Frauen: Monica Lewinsky konterte in, mit bis zu 175.000 Dollar bezahlten Interviews mit der Britenpresse, dass er ihr „Leben praktisch zerstört“ hätte, Nachtklubsängerin Jennifer Flowers strengte wegen angeblicher Unwahrheiten in der Bill-Bio eine Verleumdungsklage an. Das angebliche Sexopfer Paula Jones ließ der Provinzpresse ihre Wut ausrichten. Schmerzlich für Clinton: Auch die großen US-Medien verweigerten eine Neubewertung der so erfolgreichen Clinton-Ära – in Clintons Serieninterviews wurde stets zuerst nach seine privaten Fehltritten gefragt.
Der Medien-Blitzkrieg hat den Verkauf jedenfalls in für Sachbücher völlig unbekannte Dimensionen getrieben: 400.000 Bücher gingen allein ersten Verkaufstag über die Ladentische sagte Verleger „Alfred A. Knopf“, der zur Rekordstartauflage von 1,5 Millionen Exemplaren bereits 700.000 nachdrucken lässt. Auch folgte auf die Welle erster, harscher Buchkritiken wohlwollendere Betrachtungen über „My Life“, die New York Times nennt das Werk nach einer regelrechten literarischen Hinrichtung nun doch die „beste Präsidenten-Bio seit langem“.
Details über die Aussöhnung mit Hillary, seinem gleichzeitigen Kampf gegen Superterroristen Osama bin Laden und der Abrechnung mit Bush sr., Sonderermittler Kenneth Start und der Rechten sind Tagesgespräch in den USA: Nach seiner Lewinsky-Beichte und während des Medien-Irrsinns nach der Veröffentlichung des detaillierten Starr-(Sex)Report schlief Clinton monatelang auf der Couch, während Hillary über den Ehe-Fortbestand sinnierte. „Die Pastoren, die ich um Hilfe gebeten hatte, würden ins Weiße Haus kommen, manchmal zusammen, oft separat. Dann beteten wir gemeinsam, lasen aus der Schrift, diskutierten Dinge, über die ich nie in meinem Leben zuvor diskutiert hatte“, schreibt Clinton. Die Kirchenmänner hätten auch regelmäßig seine „spirituelle Gesundheit“ getestet.
Nach der Therapie war Clinton rasch klar geworden, dass er zum Zeitpunkt der Lewinsky-Affäre in zwei „titanische Kämpfe“ verwickelt war: „Einen mit dem Kongress über die Zukunft des Landes, einen privaten, um meine alten Dämonen im Zaum zu halten“, so Clinton: „Den öffentlichen habe ich gewonnen, den privaten verloren“. Dadurch, setzt es späte Selbsterkenntnis, habe er nicht nur Familie und Mitarbeiter „verletzt“, sondern auch das Amt des US-Präsidenten und sein eigenes Erbe „demoliert“. Während der Therapie lernten die Clintons aber auch viel neues: „Hillary und ich lernten uns fast neu kennen, weit über unsere Arbeit, unsere Ideen und die gemeinsame Liebe zu unserer Tochter hinausgehend“. Er habe Hillary immer „sehr geliebt“, aber oft nicht „gut geliebt“, sagt der reuige (S)Ex-Präsident: „Doch ich war sehr dankbar, dass sie tapfer genug war, die Therapie-Sitzungen durchzustehen. Bald hatte ich Hoffnung, dass wir unsere Ehe retten können“. Am Ende war Clinton sogar seinem Feinden und rechten Polit-Folterern dankbar gewesen: Der Kampf gegen den rechten Putsch hätte Hillary und Bill zusammengeschweißt – „und sie waren die einzigen, die sogar mich gut aussehen ließen“, beschreibt Clinton voll Häme des eheliche Happy End: „Letztendlich konnte ich sogar die unbequeme Couch verlassen“.
Vielleicht geschichtlich fatal erscheint die Tatsache, dass Monicagate die folgenschwersten Entscheidungen der Clinton-Ära (1993 – 2001) überschattet, wenn nicht beeinflusste: Die Jagd auf Superterroristen Osama bin Laden, der nach dem Doppelschlag auf die Botschaften in Kenia und Tanzania (257 Tote, darunter zwölf Amerikaner) erstmals voll im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit stand. „Wir hatten Bin Laden zu diesem Zeitpunkt jedoch schon seit Jahren verfolgt, besonders als er vom Sudan aus nach Afghanistan zog und dort von Taliban-Führer Mullah Omar herzlich aufgenommen wurde“, rechtfertigt sich Clinton gegen die nach dem Terror-Horror des 11. September verlautete Kritik, er sei nicht energisch genug gegen Bin Laden vorgegangen: „Er war vergiftet von dem Glauben, die absolute Wahrheit zu besitzen und dadurch Gott spielen und unschuldige Menschen töten zu können“, so Clinton. Nach den Botschaftsbomben hätte es nur mehr ein Ziel gegeben: Die Gefangennahme oder Tötung des Terrorchefs und die Zerschlagung seines Netzwerkes Al-Qaida.
Nachdem die CIA mitteilte, dass sich Bin Laden am 20. August 1998 in einem bestimmten, afghanischen Trainingslager aufhalten hätte sollen, plant er einen Vergeltungs-Schlag mit Cruise Missiles. Das Problem: Am 17. August ist sein Verhör vor den Starr-Anwälten, der Militärschlag würde als „reines Ablenkungsmanöver“ kritisiert werden, weiß Clinton: Dennoch versprach er seinen Beratern, notfalls trotzdem loszuschlagen. Nach der Hillary-Beichte finden fortan alle Gedanken über die Terrorvergeltung „auf der Couch statt“, wie er schreibt: „Um 3 Uhr morgens gebe ich Sandy Berger (seinem „National Security Advisor“ – Red.) den Befehl, mit dem Angriff zu beginnen. U.S. Navy Zerstörer feuern Cruise Missiles Raketen für die Ziele in Afghanistan ab, andere Raketen nahmen eine Chemiefabrik im Sudan ins Visier. Die Raketen treffen das Lager genau, doch Bin Laden hatte es womöglich nur wenige Stunden zuvor verlassen“, rekapituliert Clinton. Während Clinton die Welt informiert, dass die Militärschläge dem „wichtigsten Finanzier und Organisator des globalen Terrorismus“ und nicht der Ablenkung von seinem eigenen Sex-Polit-Waterloo dienten, war die Jagd auf Bin Laden für Clinton eröffnet: „Mit Order 13099 verordnete ich wirtschaftliche Sanktionen gegen Al-Qaida und später auch die Taliban, ich bat Generalstabschef Shelton und meinem Terror-Zaren Dick Clarke einen Plan auszuarbeiten, wie Kommando-Einheiten in Afghanistan abgesetzt werden könnten“. In einem „Memoranda of Notification“ (MON) autorisierte Clinton die CIA für den Einsatz „tödlicher Gewalt“ gegen Bin Laden. Für eine Invasion von US-Bodentruppen in Afghanistan hätte er vor dem 11. September jedoch weder in den USA noch in Übersee genügend Unterstützung gefunden, sagt Clinton.
Clinton führt die Wut der Konservativen auf ihn darauf zurück, dass er mit seinem Wahltriumph 1992 deren Fundamente, wonach das Regieren quasi ihr Erbrecht sei, zerstörte. Ihr Werkzeug zur Rache wäre Sonderermittler Kenneth Starr geworden, gegen den Clinton in seiner Bio mit teils offenem Hass abrechnet: Nie hatte er ein Hehl aus seiner Abscheu vor dem Emporkömmling Clinton gemacht, mit seiner 70 Millionen Dollar teueren Untersuchung nichts hervorgebracht, Ethik und Gesetze gebrochen und Unschuldige hinter Gitter gebracht, wütet Clinton an mehreren Stellen des 957-Seiten-Wälzers.
Abgerechnet wird auch mit dem vor ihm regierenden Mann der „alten Ordnung“, George Herbert Walker Bush, Dad des jetzt amtierenden „Kriegspräsidenten“: 1988 punktet Bush sr. mit einer punktgenauen Rede, wo er sich als Vertreter eines „netteren, freundlicheren Reaganismus“ verkauft – und sein Team Gegenspieler Michael Dukakis mit einer Schmutzkübelkampagne in den Boden fährt. In Wahl-TV-Spots wird Willie Horton, einen farbiger Killer gefeatured, der durch ein Programm des Staates von Massachusetts-Gouverneur Dukakis, frei kam. Dukakis sei „weich gegen Verbrecher“, lautete die Botschaft. „Dann ließ sich Dukakis auch noch in einem Panzer fotografieren, mit Stahlhelm am Kopf, wo er eher aussah wie MAD-Magazins Alfred E. Neuman als der potentielle Commander-in-.Chief der US-Streitkräfte“, schreibt Clinton. Und: „Bush hat die brutale Negativkampagne eingesetzt, weil sie funktionierte – doch gut für Amerika war das nicht“. Die Bush-Attacken trafen Clinton vier Jahre später selbst voll, als er 1992 gegen den Golfkriegspräsidenten in die Schlacht um das Oval Office zieht (bereits ein Jahr zuvor hatte Bush-Mann Roger Porter Clinton vor einem Antreten gewarnt: „Wir werden sie fertig machen!“). Bush greift Clinton vor allem an, da der sich nicht nur vor dem Vietnam-Krieg gedrückt hätte sondern in Oxford, England, sogar gegen die US-Politik demonstriert hätte: „Ein Bush-Mitarbeiter ordnete bei der Botschaft in London eine ,besonders intensive Suche´ nach meinen Dokumenten an“, schreibt Clinton: „Sogar nach den Pass-Unterlagen meiner Mutter wurde gesucht. Es war kaum vorstelbar, dass selbst die paranoidesten Rechtsaußen glauben konnten, das ein einfaches Landmädchen aus Arkansas subversiv sein könnte“. Und dann musste Clinton noch einen Trip nach Moskau erklären und Bush hinterfragte sogar „meinen Patriotismus“. Doch es gelang Bush nicht, bei den TV-Duellen den direkten Draht mit den Bürgern herzustellen – bei einer Debatte, so Clinton, „verschlimmerte Bush eine schlechte Situation noch mehr, als er nervös auf seine Armbanduhr blickte“. Je näher die Bush-Niederlage rückte, je brutaler wurden die Angriffe, bei einem Auftritt bezeichnete er Clinton und seinen Running Mate Al Gore als „Bozos“, „quasi dahergelaufene Deppen. Doch alle Macht, Arroganz und Einfluss des Bush-Clans hatte gegen das „wundersame Mysterium der Demokratie“ nichts ausrichten können: Clinton 43 Prozent, Bush 37,4 Prozent, 19 Prozent Rechts-Milliardär Ross Perot lautet das Endresultat – „Clinton habe kein Mandat“, war die erste Reaktion von Republikaner-Senats-Führer Bob Dole. Knapp vor Bushs Auszug aus dem White House, begnadigte er Ex-Verteidigungsminister Caspar Weimberger, der von Sonderermittler Lawrence Walsh gerade im Irak-Contra-Skandal angeklagt worden war. „Bush sr. wäre in dem Verfahren sicher als Zeuge geladen worden“, schreibt Clinton nicht ohne Häme. Walsh protestierte wütend: Es sei ein einziger Cover-up und es verletze das Prinzip, das niemand über dem Gesetz stehe.

# 22. Juni: Michael Moore schießt auf Bush

US-Präsident George W. Bush im gestreiften Polohemd, hat seine Golfpartie für ein paar Momente unterbrochen. „Ich fordere alle Länder auf“, sagt er mit gerunzelter Stirn leicht dümmlichen Grinsen, „diese Terroristen-Killer zu bekämpfen“. Er dreht sich um, sagt: „Und jetzt guckt euch mal diesen Abschlag an“. Er zieht das Golfeisen voll durch, die Erholung geht weiter. Nächste Szene: Dramatische Bilder der mit gestrandeten Jumbos verstopften Airports gleich nach den Terror-Horror des 11. September. Eine sonore Stimme erklärt: „Während alle Flugzeuge auf den Pisten stehen werden die Mitglieder der Bin-Laden-Familie aus dem Land geflogen!“
Schnitt: Kids aus desolaten Verhältnissen des Mittlerer-Westen-Nestes Flynt erläutern, dass sie vor allem der Traum nach einer Ausbildung und besser bezahlten Jobs zur Armee zieht. Dann taucht der Star des Streifens auf, Kultfilme-Macher Michael Moore: Vor dem Kapitol läuft er Senatoren und Repräsentanten hinterher, um deren Kinder als GIs für den Irak-Krieg zu rekrutieren, mit einem Lautsprecherwagen fährt er umher und verliest via Megafon Passagen des „U.S. Patriot Acts“, dem rasch in der Terrorangst von Bush & Co durchgepeitschten, Bürgerechte massive beschneidenden Gesetz, das keiner der Parlamentarier vor der Abstimmung gelesen hatte.
Kein Wunder, dass die provokanten Szenen von Moores, zuletzt beim Filmfestival in Cannes mit der goldenen Palme („Palme d´Or“) ausgezeichneten Doku-Hits „Fahrenheit 9/11“ die USA in Atmen hält wie vielleicht noch kein Streifen zuvor: Moore durchleuchtet die Verbindungen zwischen den Bush- und Bin-Laden Clans und andere verschwörerische Aspekte des Antiterror- und Irakkrieges. Linke wie rechte Gruppen haben zum millionenschweren Showdown mobilisiert – hinter Moore sich Hollywood-Stars, Internetgruppen und Ex-Politstrategen von Al Gore geschart, gegen die angebliche „Anti-Bush-Propaganda“ ziehen patriotische Republikaner-Aktivistengruppen in die Schlacht.
Immerhin könnte der Streifen die Präsidentschaftswahl am 2. November beeinflussen: Moore möchte, dass 9/11 als erster wahlentscheidender Film in die 228-jährige US-Geschichte eingeht. „Wir haben es an einer Test-Gruppe im Schaukelstaat Michigan ausprobiert“, erzählt Moore: „Potentielle Wechselwähler zeigten nach dem Konsum des Streifen ein erhöhtes Interesse, Bush aus dem Amt zu treiben“. Ex-Clinton-Stratege Mark Penn gibt ihm recht: „Selbst wenn Moore nur eine kleine Schicht der Wechselwähler beeinflusst, kann das Bush die Wahl kosten“. Dabei gerät Bush auch an einer zweiten 9/11-Front unter Druck: Die Kommission zur Untersuchung des 11. September („9/11-Kommission“) enthüllte zuletzt das Chaos während und nach den Anschlägen auf New York und Washington (3.000 Tote) – und entzog mit der Feststellung, Saddam hätte keine „operativen Verbindungen“ zu Bin Ladens Terrornetzwerk Al Quaida unterhalten, den zweiten Irak-Kriegsgrund.
Der 50-Jährige, hühnenhafte, pummelige Midwesterner, stets mit wucherndem Bart und Baseballkappe, ist durch Talent, Zivilcourage, heiterer Polemik, provokantem Aktivismus zum Helden der amerikanischen und – vor allem – globalen Anti-Bushbewegung geworden: „Stupid White Man“ wurde mit drei Millionen verkauften Büchern zum weltweiten Megaseller, „Volle Deckung Mr. Bush“ dominierte ebenso die Bestsellerlisten für Monate, „Bowling for Columbine“ wurde mit 25 Millionen Einspielergebnis zum profitabelsten Dokustreifen aller Zeiten und erhielt einen Oscar.
Viel des Erfolges verdankt Moore auch den tölpelhaften Zensurversuche seiner Gegner – genüsslich listet er auf seiner Website „Michaelmoore.com“ auch diesmal den regelrechtem Spießrutenlauf von 9/11 von der Finanzierung bis auf die Kinoleinwände auf, bewertet sie als Bestrebungen „dunkler Mächte“, die jegliche Kritik an den Bush-Kriegern abwürgen wollen:
# Die erste Firma, die den Film finanzieren hätte sollen, wäre nach Anrufen von „republikanischen Freunden“ abgesprungen.
# Nachdem Miramax, Tochter des Entertainment-Riesen Disney, die Film finanziert, verwehrte Disney den Vertrieb. Moore verlautet rasch, dass es sich Disney wegen Steuergeschenken für seinen Vergnügungspark in Florida mit Gouverneur und Präsidenten-Bruder Jeb nicht verscherzen habe wollen. Autsch. „Glatte Lügen“ ließ Ober-Disney Michael Eisner ausrichten.
# Dann dauerte es, entgegen aller Prognosen, ein qualvoll langes Monat, bis sich endlich „Lions Gate“ und „IFC Films“ zum Kinovertrieb bereit erklärten, nachdem, so Moore, ein Reihe bekannterer Firme nach „Drohungen“ abgesagt hatten.
# Zuletzt verhängte die „Motion Picture Association of America“ über den Streifen ein strenges „R“-Rating, dadurch wird allen unter 17 Jahren der Zutritt verweht, außer sie kommen mit ihren Eltern. Wegen brutaler Szenen, die Folterungen eines Irakers durch US-GIs zeigen, wäre die Beschränkung zu Stande gekommen, so die Behörde.
„Sie wollten von Beginn diesen Film verhindern“, schreibt der Bush-Sei-Bei-uns an seine globale Fangemeinde. Doch mit dem Countdown zur Kinopremiere am Freitag (Mittwoch in New York) sind Hurrapatriotengruppen so in Fahrt gekommen, wie in den Tagen nach dem Irak-Kriegsausbruch: Die rechte Gruppe „Move America Forward“, die zuletzt mit einer Email-Kampagne einen „zu kritischen“ TV-Film des TV-Senders CBS aus dem Programm kippte, deckt Kinobesitzer mit Protestschreiben ein. „Immerhin sind wir auch Konsumenten der Kinos und wollen deren Eigentümer darauf aufmerksam machen“. Moores Film sei „schlichte Propganda“, so Sprecherin Slobhan Guiney. „Citizens United“, eine weitere Republikaner-Hardliner-Gruppe, macht sich um Bush & Co Sorgen: „Michael Moore möchte die Wahl beeinflussen“, sagte Ex-Kongress-Republikaner David Boisse. Die Kampagne ist nicht ohne Erfolg geblieben: Der Film startet in bloß 475 Kinosälen in den USA, ein Bruchteil der Säle bei Blockbusters.
Mehrmals in der Vergangenheit geriet der Provokateur mit schlecht recherchierter Faktenlage oder zweifelhaften Behauptungen ins Schussfeld selbst liberaler Kritiker. „Die Kraft der Rhetorik trumpfte oft über die der Akkuranz“, schreibt etwa die „New York Times“. Diesmal hat Moore einen ganze „Fact Checking“-Redaktion eingerichtet, die „jedes Wort, wirklich jedes einzelne Wort auf dessen Wahrheitsgehalt prüfte“, so Anwältin Joanne Doroshow. Darunter die provokantesten 9/11-Kernthesen:
# Wie viele Texas-Ölleute unterhält der Bush-Clan engste Beziehungen zu prominenten Saudis, darunter auch der steinreiche und weit verzweigte Bin-Laden-Clan, der Superterroristen Osama verstoßen hatte. Moore dokumentiert die Verhältnisse von James R. Bath, einem Finanzberater der Bin Ladens, als Investor in Bushs „Arbusto“-Energiefirma – ein in der texanischen Lokalpresse bestens dokumentierter Tatbestand.
# Moore fokusiert auch auf den langen Bush-Urlaub im Sommer vor dem Terror-Horror: 42 Prozent der ersten acht Monate seiner Amtszeit habe Bush geurlaubt, so Moore. Die Fakten hat er von Kalkulationen der renommierten Zeitung „Washington Post“.
# Etwas schwammiger ist die Moore-Behauptung, die Saudis würden sechs bis sieben Prozent an den USA besitzen und sie hätten insgesamt 1,4 Milliarden Dollar in Bush-Familien-Interessen investiert. Moore verweist auf eine Analyse von Medienberichten, sagt aber nicht, wie er die Zahlen exakt errechnete.
# Umstritten ist die Filmpassage, wo Moore das geheime Ausfliegen von Saudis und Mitgliedern der Bin-Laden-Familie in den Tagen nach dem Anschlag beschreibt – ein Vorwurf, der von der 9/11-Kommission in einem Zwischenbericht nicht bestätigt werden konnte.
Der Bush-Clan hat den Film bereits ausführlich verdammt, Bush Senior, Präsident Nr. 41, beschimpfte den Filmemacher bereits als „Schleimbeutel“, als „skandalös falsch“ bezeichnete Bush-jr.-Kommunikationsdirektor Dan Bartlett den Streifen. Doch auch Moore hat in seinem Kampf gegen die Bush-Krieger hochgerüstet: In einem eigens eingerichteten „War Room“ nach dem Vorbild der Clinton-Kampagnen zieht der gefürchtete Demokraten-Stratege Chris Lehane die Fäden, der einst für Vize Al Gore Gegner teils mit brutalen Schmutzkübelkampagnen eindeckte. Und diesmal warnt er unverblümt: „Wir klagen jeden, der ehrrühriges gegen Mr. Moore verbreitet“.

# 22. Juni: Bill Clintons My Life

US-Präsident Bill Clinton hatte eine schlaflose Nacht vor Anbruch eines Samstag, der 17. August 1998, zugebracht. Bald sollte er vor den knallharten Anklägern des Sonderermittlers Kenneth Starr erscheinen – die ganze Wahrheit seiner Beziehung zur Praktikantin Monica Lewinsky bekannt geben. Bewiesene Falschaussagen hätten ihm diesmal nicht nur die Präsidentschaft gekostet, sondern ihn auch in den Knast bringen können. Dem Verhör hatte der 42. Präsident des 290-Millionen-Einwohner-Supermacht USA nur zugestimmt, da auf einem blauen Kleid der Praktikantin, dem fortan weltberühmten „Gap Dress“, Spermaspuren entdeckt worden waren, die mit seiner DNA übereinstimmten.
Die Oralsex-Affäre, die zwischen 1995 und 1997 zu zwölf sexuellen Begegnungen, meist in einer Art Besenkammer gleich hinter dem Oval Office führte, hatte ihren ersten Sachbeweis und war nicht mehr zu leugnen. Starrs Anwälten musste der mächtigste Mann der Welt seinen Seitensprung gestehen, der Nation in einer geplanten TV-Ansprache zur Prime Time – und vor allem Gattin, First Lady Hillary Rodham Clinton und Tochter Chelsea. Tatsächlich hatte Hillary all die Monate seit Losbrechen des „Monicagate“-Jahrhundertsexskandals am 21. Jänner 1998 die Dementis ihres Gatten geglaubt: Ja, geflirtet habe er mit der jungen Frau, sie sei sehr anhänglich gewesen, Geschenke habe er ihr gemacht – passiert sei sonst nichts.
Jetzt sitzt er plötzlich an der Bettkante im Privatgemach des Ostflügels des White House, 1600 Pennsylvania Avenue, Washington D.C., und beichtet der schlaftrunkenen Hillary die wahre Natur seiner Beziehung zu Ms. Lewinsky. „Sie sah so aus, als hätte ihr jemand in den Magen geboxt“, schreibt Clinton in „My Liife“: „Sie war fast wütender wegen meinen Lügen als für das, was ich getan hatte. Alles, was mir blieb war, ihr zu sagen, wie leid es mir tut – und ich dachte, es ihr und Chelsea nicht sagen zu können, da ich mich so schämte”.
Seit Dienstag wird die 957-Bio-Bombe „My Life“ des so schillernden wie polarisierenden, so brillanten wie selbstzerstörerischen Ex-Präsidenten William Jefferson Clinton, 57, inmitten eines medialen PR-Blitzkrieges in den USA um je 35 Dollar verkauft. Vorbestellungen von zwei Millionen Exemplaren überstiegen selbst die optimistischsten Prognosen des Verlegers „Alfred A. Knopf“ (Bertelsmann), der mit einer nun zu knappen Startauflage von 1,5 Millionen Exemplaren bereits Tag und Nacht nachdrucken lässt.
Damit hat der „Clinton Sommer“ voller Nostalgie über die boomenden, friedlicheren 90iger voll begonnen – und überschattet zur Zeit den Präsidentschafts-Showdown zwischen George W. Bush und Demokraten-Herausforderers John Kerry. Nur einmal geriet die PR-Maschinerie des Verlages ins Stocken, als Clinton bei einem BBC-Interview nach einer Serie harter Lewinsky-Fragen sichtlich ausrastet – und die US-Medien dem Tape hinterherhetzten. Passagen des Buches sind Tagesgespräch in den USA – trotz teils vernichtender Kritiken wie etwa von der gefürchteten Michiko Kakutani in der „New York Times“, wonach das Buch „schlampig, schwülstig und teils unfassbar fad…“ sei. Clinton selbst wollte inmitten des Trommelfeuers im US-TV neu entflammter Debatte zwischen alten Feinde und seinen „FOBs“, „Friends of Bill“, vor allem drei zentrale Punkten in seiner Bio herausarbeiten – als Versuch einer Geschichtsneuschreibung:
# Eine ehrliche Beichte über seine „moralisch völlig verwerflichen, privaten Verfehlungen“ in der Lewinsky-Affäre soll, wohl vor allem Frauen versöhnlicher stimmen: Clinton will keine Entschuldigungen auftischen, sondern Verständnis schaffen für die ihn verfolgenden „Dämonen“, gegen die er verlor. Und seine brutale Kindheit, wo er lernte „parallele Leben“ zu führen: Eines nach außen, alles fein, alles unter Kontrolle, ein zweites, dunkles und geheimes, voller Fehltritte und Schwächen.
# Eine brutale Abrechnung mit Amerikas Rechten und vor allem Eiferer Kenneth Starr soll seinen Kampf nun nicht als Peinlichkeit, sondern heldenhaften Kampf und „Teil seines Polit-Erbes“ definieren“, schreibt Clinton-Kenner Joe Klein in „Time“: „Wie ein Anwalt baut er im Buch eine kraftvolle Anklage gegen Starr auf“, so der Bestsellerautor. Ohne bei irgendeinem der angeblichen Skandale (Whitewater, Travelgate, Filegate etc.) fündig zu werden, weitete Starr seine Ermittlungen ständig aus, bis er endlich im Lewinskyfall „einen Fuß in die Türe bekam“, so Clinton. Für das überstehen der Odyssee samt „Impeachment“ gehöre ihm eine Verdienstmedaille: „Ich wollte dieser rechten Operation, die mich als Usurpator verachteten, nicht weichen“, sagt er kämpferisch: „Und darauf bin ich sehr stolz“.
# Und dann fügt Clinton neben dem Anerkennen von Flops natürlich eine Litanei politischer Triumphe im In- und Ausland auf: Vom Schaffen von 22 Millionen Jobs, Durchbrüchen im Welthandel, dem längsten Wirtschaftsboom der 228-Jährigen US-Geschichte – dazu internationale Erfolge, vom Kosovokrieg bis zum ersten Nahostgipfel zwischen Yasser Arafat und Yitzhak Rabin, den er als „aufregendsten Moment“ seiner Präsidentschaft in Erinnerung hat.
Trotz aller Imagekorrekturversuche suchten viele der ersten Buchkäufer aber sofort im Index nach der Stelle der Clinton-Beichte zu Hillary: Furchtbar sei der Moment gewesen und der Beginn der „dunkelsten Stunden“ seiner Präsidentschaft, seiner Karriere – und seines Privatlebens. Die Beichte zu Tochter Chelsea war ebenso schlimm: „Ich dachte, den Respekt und die Liebe meiner Tochter zu verlieren. Das wäre das Schlimmste gewesen, das mir widerfahren könnte“, sagte er ein einem Aufsehen erregenden Einstunden-Interview auf CBS Sonntag Abends vor 15,4 Millionen Zusehern. Nach Starr-Kreuzverhör und TV-Beichte vor der Nation flog die tief getroffene Familie am Folgetag unter dem Blitzlicht-Gewitter der Weltpresse zu ihrem Urlaubsdomizil, der Promiinsel „Martha´s Vineyard“ vor der Küste von Massachusetts. Historisch die Szene als Hillary und Bill, mit Chelsea als „Puffer“ in der Mitte über den Südrasen des White House zum wartenden Präsidentenhubschrauber „Marine One“ schreiten.
Die kommenden Monate musste er auf der Couch schlafen, rekapituliert der Ex-Präsident: „Hillary musste erst mal entscheiden, ob sie mit mir verheiratet bleiben will“, so Clinton. Als sie diese Frage nach einer endlos erscheinenden Nachdenkzeit mit Ja beantwortet hatte, begann das Paar mit einer, ein Jahr dauernden Ehe-Therapie. Das Programm war für Clinton ein Hit: “Erstmals in meinem Leben”, schreibt er, “konnte ich offen über meine Gefühle, meine Erfahrungen, meine Meinungen und die Natur von Beziehungen sprechen”. Nicht, dass ihm alles über sich selbst gelernte gefiel: “Es war schmerzhaft zu realisieren, dass meine Kindheit viele Dinge in meinem späteren Leben verkompliziert hatte”. Und er lernte, dass er, wenn “erschöpft, wütend, isoliert oder allein”, die Chancen auf eigensinnige, selbstzerstörerische Fehler dramatisch ansteigen. So dankt er am Ende sogar noch fast zynisch seine Feinden für die „Rettung seiner Ehe“.
Gleich zu Beginn des Buches stellt Clinton klar, dass viele Erklärungen zu seiner Person in seiner Kindheit in der tiefen Südstaatenprovinz von Arkansas zu suchen sind. Geboren wird er am 19. August 1946 im 6.000-Einwohnernest Hope, des Zufall eines Geburtsortes mit den Namen Hoffnung wird er sein ganzes politisches Leben zu seinen Gunsten einsetzen. Sein leiblicher Vater, William Jefferson Blythe III, war zuvor bei einem Verkehrsunfall gestorben. „Er wurde in einen Straßengraben geschleudert“, so Clinton: „Seine Verletzungen waren gar nicht so schlimm, doch er ertrank“. Seine Mutter, Virgina Clinton, „eine lebenslustige Frau, die fünf Heiraten mit vier Männern zurückblickte“, so der Sohn, ehelichte Roger Clinton, Spitzname „Dude“, ein gewaltbereiter Alkoholiker. Einmal feuert er seine Pistole ab, verfehlte Virginia nur knapp. 14-Jährig setzt sich Bill, der den Familiennamen seines Stiefvaters angenommen hatte, erstmals zur Wehr: „Daddy hatte eines Abends die Schlafzimmertüre geschlossen und begann Mutter anzubrüllen“, erinnert sich Clinton. Nicht mehr ertragen hätte er den Gedanken können, dass seine Mutter verletzt würde: „Ich stieß mit dem Golfschläger die Türe auf. Meine Mutter lag auf dem Boden“. Sein Vater wäre über ihr gestand und hätte auf sie eingeschlagen: Er habe ihn angebrüllt: „Wenn du nicht sofort aufhörst, prügle ich dir die Seele aus dem Leib!“ Roger habe inne gehalten, ihn irritiert angesehen und sei kraftlos in einen Sessel gefallen.
Geblieben von dem familiären Alltagshorror sei Clinton, „diese dunkle, verborgene Seite unserer Familie als normalen Bestandteil meines Lebens zu akzeptieren“, schreibt er. Und er hätte es stets geheim gehalten. Fortan führt Bill „parallel Leben“, eine strahlende Fassade nach außen, dazu jedoch ein ständiger Kampf gegen seine Dämonen, „deren Bewältigung zu einer Lebensaufgabe wurde“, wie er schreibt.
Bill Clinton, „übergewichtig und keinesfalls im Visier der Frauen“, so seine Eigendefinition, fällt jedoch durch Brillanz, gute Noten und Ehrgeiz auf. Er wird zum prestigeträchtigen „Rhodes“-Stipendiaten, studiert an der Georgetown-Uni, im britischen Oxford, wo er, so einer seiner berühmtesten Sager „Marihuana rauchte, aber nicht inhalierte“. Dabei ist er so tollpatschig, dass er erst in Oxford erstmals ohne Stützräder Rad fährt. Doch keiner seiner Studienkollegen bezweifelt, dass der oft fast als Streber agierende Sunnyboy eine stiele Polit-Karriere vor sich hat. JFK trifft er, als er in der Schule einen Staatsbürgerschaftswettbewerb gewinnt. Er jobbt während des Studiums im Kongress. An der „Yale Law School“ sieht er plötzlich eine Studentin, die ihm noch nie zuvor aufgefallen war. „Anscheinend gibt es Studenten, die noch weniger zu Vorlesungen gehen als ich selbst“, witzelt er in seiner Bio.
Dichtes, dunkelblondes Haar hatte sie, eine Brille, keine Spur von Make-up und sie hätte eine kaum von Bill zuvor erlebte „Stärke und Selbstbeherrschung ausgestrahlt“. Als sich in der Bibliothek wieder ihre Blicke trafen, kam sie schließlich selbst bewusst auf ihn zu und sagte: „Wenn du mich weiterhin so anstarrst und ich zurückstarre, sollte ich zumindest den Namen des anderen kennen: Ich bin Hillary Rodham. Und du?“ Fast wortgetreu hatte auch die Ex-First-Lady und heutige New-York-Senatorin in ihrer Bio „Living History“ (mit 1,8 Millionen verkauften Exemplaren hält sie zur Zeit den Sachbuchverkaufsrekord) erinnert. Bald waren die beiden „unzertrennlich“.
Hillary stellte ihre Karriere als Juristin hintan, nachdem sie bei den Vorbereitungen für das Amtsenthebungsverfahren gegen Richard Nixon mithalf – und folgte Bill nach Arkansas zur Verwirklichung seiner angepeilten Politkarriere: In Little Rock wird geheiratet, Bill, 32-Jährig, zum jüngsten Gouverneur in der US-Geschichte – und nachdem er, wie er zurückblickt, „zu viele Sachen in zu kurzer Zeit durchboxen wollte“ nach der Abwahl auch gleich zum jüngsten Ex-Gouverneur. Er schafft sein erstes Comeback, fällt beim Nominierungs-Parteitag 1988 für Michael Dukakis auf, als er eine mit 32 Minuten derart langatmige Rede hält, dass der Applaus erst losbranded, als er die Wort „zum Schluss“ formuliert. Einige nicht wohlwollende US-Kritiker verglichen „langatmige, beweihräuchernde Passagen in My Life genau mit dieser Rede“.
Im Juli 1991 erreichte Clinton ein Anruf aus dem Weißen Haus, wo Bush-Senior-Berater Roger Porter, mit dem Clinton bei Bildungsprojekten zusammenarbeitete, wissen wollte, ob der Gouverneur 1992 bei den Präsidentschaftswahlen antreten werde. Clinton drückte herum, dass er noch keine Entscheidung getroffen habe doch nicht ganz zufrieden sei, dass Bush seine Popularität nach Triumph im Golfkrieg nicht verstärkt einsetze, um wichtige Probleme des Landes in Angriff zu nehmen. „Hören Sie doch auf mit dem Quatsch“, hätte Porter plötzlich geschnappt: „Sie“ hätten alle möglichen Gegenkandidaten bereits durchleuchtet, der wirkungsvollste Redner, Gouverneur Mario Cuomo, könnte leicht als zu liberal kategorisiert werden, sämtliche Senatoren könnte man mit deren Abstimmungsverhalten diskreditieren, fuhr der Bush-Mann mit seiner Belehrung fort. Nur bei ihm, Clinton, bliebe wohl nichts anderes übrig, als sein Privatleben zu durchforsten: „Die Medien brauchen vor der Wahl jemanden, auf den sie sich stürzen können – und wir werden sie ihnen zum Fraß vorwerfen“, drohte Porter offen. Clinton, kochend vor Wut, hätte laut der Bio gekontert: „Ihr glaubt, die Parkplätze vor dem Westflügel des Weißen Hauses gehören euch, aber sie gehören dem Amerikanischen Volk und ihr müsst euch das Recht verdienen, sie zu benützen“. Clinton machte Porter nach dessen plumpen Drohungen klar, dass ihn seine Äußerungen zur Kandidatur ermutigt hätten. Und dann schreibt Clinton: „Roger stellte fest, dass er mich als Freund angerufen habe, um mich zu warnen: Wenn ich bis 1996 warte, könne ich Präsident werden. Sollte ich 1992 antreten, würden sie mich zerstören“.
Und so schien es dann auch zu kommen, obwohl, wie so oft in Clintons Karriere eigene „Dummheiten“ den Anlass lieferten. Clinton hatte sich von der aussichtslosen letzten Stelle des Demokratenfeldes voll auf die Primaries in New Hampshire gesetzt. Bei den kleinen Bürger-Versammlungen konnte Clinton seine Wahlkampfstärken voll einsetzen, Klein beschreibt in den Bestseller „Primary Colors“ eindrucksvoll das Phänomen des Vollblutpolitikers. Knapp vor der Zielgeraden platzte die Story von der Affäre mit Jennifer Flowers. In einer Pressekonferenz posaunte sie die Existenz von Tonbändern aus, inmitten eines Mediensturmes begann Clinton in den Umfrage zu sinken. „Wir entschlossen uns, an einem Interview für 60 Minutes teilzunehmen“, so Clinton: „Wir wollten uns gegen die Skandalberichte zur Wehr setzen und die eigentlich wichtige Fragen wieder in den Vordergrund rücken – ohne uns zu erniedrigen oder jener Politik der persönlichen Zerstörung Vorschub zu leisten, die ich schon beklagt hatte lange bevor sie mich selbst traf“. Interviewer Steve Kroft tormentierte Clinton mit konstanten Fragen nach der Flowers-Affäre und anderen Frauengeschichten, die während den Arkansas-Jahren Legende waren (über 100 Affären hatten die Tabloids gezählt). Dann provozierte Kroft die Clintons mit der Andeutung, ihre Ehe sei ein „Arrangement“: „Ich hätte ihn ohrfeigen können!“, erinnert sich der Ex-Präsident. Er schoss gefasst aber verärgert zurück: „Sie haben hier zwei Menschen vor sich, die sich lieben – das ist keine Abmachung sondern eine Ehe“. Hillary fügt an: „Ich bin zu diesem Interview gekommen, weil ich meinen Mann liebe, und weil ich weiß, was er durchgemacht hat und was wir gemeinsam durchgemacht haben. Wenn das den Leuten nicht reicht, dann sollen sie ihn eben nicht wählen“. Clinton rettete sich mit einem dritten Platz in New Hampshire über die Runden, gewann die Demokraten-Nominierung und stürzte den Golfkriegspräsidenten im November mit einem Sensationssieg. „Für mich haben Wahltage immer das Mysterium der Demokratie verkörpert“, schwärmt Clinton in seiner Bio: „Es ist dieser eine Tag, an dem der einfache Bürger genau so viel Macht hat wie der Präsident oder der Millionär“.
Das junge Präsidentenpaar und die Schar brillanter Kids, die mit Pizzaschachteln und Nachtschichten des White House in kreatives Tollhaus verwandeln, schlittern in den ersten 100 Tagen im Amt im brutalen Scheinwerferlicht der skandalhungrigen Hauptstadt-Presse rasch in eine Serie peinlicher Flops und politischer Rückschläge: International steht Clinton mit dem eskalierenden Bosnienkrieg vor einer humanitären Katastrophe: Briten und Franzosen verwehren die Bewaffnung der Moslems, die Serben hätten die Schwäche ausgenützt, um ihre ethnischen Säuberungen fortzusetzen. „Am Ende sollte sich die Bosnische Tragödie noch zwei Jahre weiter hinziehen“, lamentiert Clinton: 250.000 hätten ihr Leben lassen müssen, 2,5 Millionen verloren ihre Heimat. Erst NATO-Luftschläge und eine Niederlage der Serben am Boden brachten die Wende. Clinton wäre mit dem „größten, kollektiven Versagen der westlichen Sicherheitspolitik seit den 30iger Jahren“, wie es Chefverhandler Dick Holbrooke bezeichnete, konfrontiert.
In einem ersten Showdown mit den Republikanern bringt Clinton sein Wirtschafts-Stimulusprogramm durch, der Startschuss zu einer spektakulären Boomphase der US-Wirtschaft ist gesetzt. 1993 feiert er mit dem Abkommen zwischen Yasser Arafat und Yitzhak Rabin seinen größten Nahosterfolg – wenn auch ein kleines Detail fast unlösbare Probleme auslöste (außer, das Arafat in Uniform mit Dienstpistole erschienen wollte). Lange hatte Clinton auf Rabin eingeredet, dass er Arafats Hand schütteln sollte. „O.k., Ich mach es“, sagte der mit seiner charakteristischen, tiefen Brummstimme: „Aber ich werde ihn nicht küssen!“ „Ich wusste, dass der große Schauspieler Arafat versuchen würde Clinton zu küssen“, erinnert sich der Vermittler. Mit Yitzhak hätten sie dann einen Trick einstudiert, wo durch das festhalten der linken Hand beim Handshake ein Kuss praktisch verhindert werde (ein Arafat-Kuss hätte für Rabin in Isreal das politische Ende bedeutet). Alles ging glatt, etwas steif schüttelten die Ex-Feinde vor der Weltpresse die Hände.
Nach einer verheerenden Niederlage bei den Midtermwahlen 1994. als Newt Gingrich die Republikaner zum Triumph führte, schaffte Clinton mit einer Kurskorrektur in die politische Mitte die Wiederwahl gegen den Republikaner-Altgardisten Bob Dole. Doch mitten im Triumph holten Clinton alte Dämonen wieder ein. Paula Jones, eine Landesangestellte, die Clinton 1991 in einem Hotel in Little Rock traf und die in einem Artikel des rechten Schrift „American Spectator“ genannt worden war, klagte wegen sexueller Belästigung auf 700.000 Dollar Schadenersatz. Clinton lehnte einen außergerichtlichen Vergleich in der Höhe von 50.000 Dollar mit den Jones-Anwälten ab. „Zusätzlich hätte ich ihr und ihrem Gatten Steve, der noch dazu ein Clinton-Hasser war, zu Jobs in Hollywood verhelfen sollen“, schreibt er: „Natürlich zahlte ich nicht, ich hatte sie nicht sexuell belästigt und ihre jede Gehaltserhöhung zukommen lassen“.
Ein Fehler, denn die Jones-Anwälte erhalten vom US-Höchstgericht überraschend die Zusagen, den sitzenden Präsidenten zivilrechtlich in der Causa klagen zu können – und machen sich auf die Jagd nach weiteren möglichen Affären, um ein „Muster sexueller Belästigungen“ zu etablieren. Am 17. Jänner wird er von den Jones-Anwälten einvernommen. Nachdem ihm der Eid abgenommen wird, hagelt es plötzlich in dem stundenlangen Verhör ein Stakkato an Fragen über eine Praktikantin, namens Lewinsky (für Paula Jones bleiben gerade 15 Minuten): Wie gut kannten sie Lewinsky? Hatten sie ihr Geschenke gegeben? Hatten Sie sexuellen Kontakt mit ihr? Da der Begriff „sexuellen Kontakt“ juristisch zu schwammig definiert war, antwortete Clinton mit „Nein“.
Die Chronologie der Monicagate-Affäre beschreibt Clinton wesentlich summarischer, als andere Dokumente, die jeden kleinste Detail beinhalteten, inklusive Zigarrenspielen. Während der Regierungs-Shut-Down 1995, als nur wenige Mitarbeiter zur Arbeit gekommen waren, rafft Clinton den Fehltritt zusammen, hätte er eine „unangebrachte Begegnung“ mit Monica Lewinsky gehabt, die sich bis in den April einige Male wiederholt hatte – dann wechselte die dralle Praktikantin aus Beverly Hills, Kalifornien, ins Pentagon. In Februar 1997 trafen sie sich wieder am Rande einer Clinton-Radio-Ansprache, wo er 15 Minuten mit ihre alleine gewesen sei: „Ich war angewidert über mich selbst“, schreibt Clinton, „und im Frühjahr, als ich sie wieder sah, sagte ich ihr, es sei falsch für mich, meine Familie, für sie selbst – und ich könnte es nicht mehr tun“. Später habe ihr Clinton bei der Jobsuche in New York geholfen und ihr, nachdem sie eine Zeugenvorladung im Jones-Verfahren erhielt, zur Abgabe einer eidestattlichen Aussage geraten, wo sie die Affäre ebenfalls abstritt. „Was ich mit Monica Lewinsky getan hatte, war unmoralisch und dumm“, stellt Clinton in „My Life“ klar: „Ich schämte mich sehr dafür und wollte nicht, dass jemand davon erfuhr“.
Doch Clinton war bei seiner Zeugenaussage in die Meineidfalle getappt – die Jones-Anwälte arbeiteten längst mit den Starr-Ermittlern zusammen, die Lewinsky stundenlang in einem Hotelzimmer festhielten. Der Skandal bricht mit einer Vehemenz los, die Washington seit Watergate nicht mehr erlebt hatte. Clinton ruft seinen Anwalt David Kendall an und versicherte ihm, dass er beim Abstreiten der Affäre keinen Meineid schwor – eine juristische Haarspalterei über die Sex-Definition, die in der Öffentlichkeit lächerlich wirkte, Clinton jedoch letztendlich vor einer Anklage bewahrte. „Es war uns beiden klar“, schreibt Clinton, „dass Starr einen gigantischen Feuersturm entfachen wollte um mich aus dem Amt zu jagen: Doch wenn ich zwei Wochen überstehen könne, würde sich der Rauch verziehen und Starrs Taktiken offensichtlich werden“. Clinton wusste, einen „schrecklichen Fehler begangen zu haben“, doch er wollte sich nicht aus dem Amt jagend lassen.
So stritt er ab: Gegenüber seiner Frau, Chelsea, allen Mitarbeitern, der Nation. „Was ich noch mehr bedaure als den Fehltritt selbst, ist alle in die Irre geführt zu haben“, so Clinton: „Es war mir peinlich und ich wollte die Wahrheit vor meiner Frau und Tochter verborgen halten. Ich lebte inmitten eines Alptraumes, die parallelen Leben der Vergangenheit waren zurückgekehrt mit Vehemenz“. Und als ihn Hillary dann auch noch im TV vor der großangelegten, rechten Verschwörung verteidigte, habe er sich für seinen Taten „noch mehr geschämt“. Clinton werkt weiter, trifft Tony und Cherie Blair Anfang Februar, zur Ablenkung wird „viel gelacht“, Hillary berichtete, dass selbst Rechts-Außen Newt Gingrich, die Anschuldigungen für „unverfroren“ hielt. Ein Reporter fragt ihn bei einer Pressekonferenz, ob er unter dem Druck an Rücktritt denke? „Niemals“, schmetterte Clinton ab: „Ich werde die Menschen, die so viel Vertrauen in mich investiert haben, nicht im Stich lassen – und weiter, jeden Tag an meinem Arbeitsplatz erscheinen“. Kraft habe sich der belagerte Clinton auch bei Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela geholt, schreibt er: Der hätte seine einstigen Wärter zu seiner Inaugurationsfeier eingeladen. „Haben sie die, die sie einsperrten, nicht grenzenlos gehasst?“, wollte Clinton wissen. Natürlich habe er sie gehasst, antwortete Mandela, doch sie hätten ihm alles genommen außer seinem Gewissen und Herz: „ich entschied, das niemals herzugeben“. „Dann lächelte Mandela“, erinnert sich der Ex-Präsident, „und sagte: „Und Sie sollten das auch nicht tun“.
„Comeback Kid“ Clinton überlebte schließlich im Sommer sein Geständnis, die langsame Heilung seiner Ehe brachte ihn durch die Odyssee des Starr-Sex-Reports und dem Amtsenthebungsverfahren. Auch wollte seine Tochter schließlich, so Clinton, „dass ich mich nicht unterkriegen lasse”. Genauso wichtig wäre gewesen, dass auch Hillary an seiner Seite stand: Vom ersten Tag an liebte ich ihr Lachen”, so Clinton: “Und es war erfrischend, dass wir inmitten all dieser Absurditäten wieder so richtig herzlich lachen konnten”. Fast wäre er seine Verfolgern dankbar gewesen, da sie ihn gegenüber Hillary besser aussehen ließen. Jetzt ist Clinton von der Therapie so begeistert, dass er sich fast zum Eheberater aufschwingt: “Es ist es sicher wert, eine Rettungsversuch zu unternehmen”. Clinton schließt mit einer Hillary-Liebeserklärung: “Vielleicht ist mehr über unsere Ehe geschrieben worden, als irgendeine andere in Amerika – ich war immer erstaunt über die Leute, die sich so frei fühlten, unsere Ehe zu analysieren oder zu kritisieren”. Nach fast 30 Jahren Ehebund habe er fast alles über den Zauber und die Schmerzen gelernt. Nachsatz: “Ich bin stolz auf unsere Beziehung: Sie ist nicht perfekt ist, aber dafür auch nie langweilig”.

# 15. Juni: Die Clinton-Offensive

Fernsehende Amerikaner könnten in den nächsten Tagen wohl glauben, Ex-Präsident Bill Clinton hätte sich per Putsch wieder an die Macht gebracht: Das Wochenende über liest er auf „Infinity Broadcasting“-Radiostationen Passagen aus seinem Leben vor, am Sonntag setzt er sich zur Hauptsendezeit zum Exklusiv-Interview in der CBS-Sendung „60 Minutes“ mit Star-Journalisten Dan Rather zusammen. Nächsten Dienstag ist er bei Talkqueen Oprah, dann durch Aufzeichnungen Zeit und eines Wunders gleich in der „Today Show“ (NBC) und „Good Morning America“ (ABC). Danach CNNs Larry King, Auftritte bei weiteren Nachrichtenkanälen „Fox News“ und MSNBC, auch Interviews mit lokalen Sendern sind geplant. Von zahllosen Magazinen wird der 56-Jährige Präsident Nr. 42 (1993 – 2001) lachen. Das Medien-Inferno ist der Teil der Promotion eines wahrhaft einzigartigen Rekord-Buches: Die Clinton-Bio „My Life“ soll zum meistverkauften Politbuch in der US-Publishing-Geschichte werden, Schockwellen bezüglich des explosiven Inhalts könnten sogar die Wahlschlacht 2004 um das Oval Office zwischen Amtsinhaber George Bush und Demokraten-Herausforderer John Kerry entscheiden.
Es ist ein spektakuläres Comeback des so legendären wie unter Konservativen verhassten und verfolgten Politgenies William Jefferson Clinton: Er führte die USA durch den spektakulärsten Wirtschafts-Boom aller Zeiten – doch auch mit „Monicagate“ in die Abgründe von Amerikas bizarrstem Sexskandal, samt detaillierten „Starr-Report“ über Oralsex, dem Spermakleid und Zigarrenspielen. Während am Dienstag im wuchtigen „Metropolitan Museum“ am New Yorker Central Park 1.000 Superprominente die offizielle Veröffentlichung des 957-Seiten-Wälzers feiern, ist ein erster Höhepunkt der Clinton-Nostalgie in den trüben Zeiten des Irakschlamassel und Terror-Alarmen erreicht: Inzwischen sei er laut „USA Today/CNN/Gallup“-Umfrage der drittbeliebteste Präsident der 228-Jährigen US-Geschichte – hinter Abe Lincoln und JFK. Für seinen ersten Auftritt zum Signieren der Bücher am ersten Verkaufstag ist die Absperrung ganzer Straßenblöcke rund um den „Barnes & Noble“-Buchladen im Rockefeller Center geplant. Im Vorjahr hatten sich beim Start der mit 1,8 Millionen verkauften Exemplaren bisherigen Rekord-Politbio, „Living History“ von Gattin und New-York-Senatorin Hillary Clinton, zehntausende Menschen die Nacht über angestellt.
„So einen Hype habe ich noch nie gesehen“, schüttelte ein Buchhändler in New York den Kopf. Allein wegen der Vorbestellungen klettert Clintons Bio an die Spitze der Bestsellerlisten. Der Verlag „Alfred A. Knopf“ (Bertelsmann) lässt trotz der Rekordstartauflage von 1,5 Millionen bereits nachdrucken. Für den ganzen Verkaufszyklus hat Knopf 3,4 Millionen Bücher geplant. „Händler protestieren bereits, dass ihnen der Verlag zu wenige Bücher schickt“, sagt Buchvertreiber Howard Reese. Und in zahllosen Verlagen in Staaten rund um den Globus wird die Zeit knapp zum Übersetzen: Bloß 600 Seiten habe man zu Wochenbeginn etwa bei „Econ“ in die deutsche Sprache übersetzt – 1200 sollen es auf deutsch werden. Die Nerven lägen schon etwas blank, wurde eingestanden. Immerhin: Am 8. Juli ist Startschuss für Clintons „Mein Leben“, und die Vorbestellungen stapeln sich.
Clinton selbst hat sich zum „Promoter in Chief“ ernannt, durch 40 US-Städte und dutzende Überseemetropolen wird ihn seine Buch-Tour die nächsten sechs Monate führen. Vor der „Book Expo America“ war er zuletzt wie ein Popstar von 900 Managern empfangen worden: „Die meisten Präsidenten-Bios sind fad und dienen bloß den eigene Interessen“, scherzte er: „Ich hoffe meine ist spannend – und dient meinen Interessen…“. 12 Millionen Dollar hatte er an Vorschuss eingestreift, mehr als der Pabst und Gattin Hillary (beide acht Millionen). Wenig ließ er über dem vom Verlag strengst gehüteten Inhalt durchblicken, nur, als er die Kapitel über Sonderermittler Kenneth Starr beginnen wollte, habe ihn eine derartige Wut ereilt, dass er vier Stunden pausieren habe müssen. Clinton demonstrierte auch, wie er seine Buchtour auch für Seitenhiebe gegen Nachfolger-Hardlliner George W. Bush nützen will. „Politik ist nicht Religion“, setzte er unter tosendem Beifall bei seinem Chicago-Auftritt an: „Und wir sollten regieren auf der Basis von Fakten und nicht Theologie“.
Wahlkämpfer Kerry, dessen Nominierungs-Parteitag („Convention“) Ende Juli in Boston eine Vorentscheidung bringen soll, hatte zunächst mit Bangen auf den „Clinton-Sommer“ („Drudge Report“) gestarrt. „Clinton ist der größte Narzist, den ich jemals getroffen habe“, warnte Ex-Mitarbeiter und heutiger Clinton-Kritiker Dick Morris: „Er wird den Sauerstoff aus der Kerry-Kampagne saugen“. Doch nun wollen Clinton und Kerry ihre Aktivitäten koordinieren, der schillernde Ex-Präsident seine Tour für Kerry-Wahlwerbung und zum Spendensammeln verwenden. Anders als Al Gore, der Clinton vom Wahlkampf ausschloss und prompt verlor, will Kerry das Polit-Genie gerne einspannen. „Clinton kann jedermann in zwei Sätzen erklären, warum Bush weg muss“, sagte der Politologe Shaun Bowler.
Den Inhalt des Jahrhundertbuches hütet der Verlag wie ein Staatsgeheimnis, besonders nachdem im Vorjahr Passagen des Hillary-Knüllers fast eine Woche vor dem Verkauf, durchsickerten – und Magazine, die sich Vorabdrucksrechte gesichert hatten, einen mächtigen Rabatt einklagten. Die erste Buchhälfte beschreibt, soviel wollte Clinton verraten, den unglaublichen Aufstieg des am 19. August 1946, in desolaten Familienverhältnissen im Nest Hope im ärmlichen Südstaat Arkansas geborenen, „Rhodes“-Elitestipendianten und Oxford- wie Yale-Absolventen zum US-Präsidenten. Mit jugendlichem Charme, brillanter Rhetorik („Es ist die Wirtschaft, verdammt!“) und politischer Genialität katapultierte der Underdog 1992 den Golfkriegspräsidenten George Bush Senior aus dem Amt. Mit dem Übertauchen des Sexskandals mit der mächtig dauergewellten Nachtklubsängerin Gennifer Flowers manifestierte er sein Talent als „Comeback Kid“, jedoch auch seine Schwäche, die steile Politkarriere mit leichtsinnigem Womanizing aufs Spiel zu setzen.
In der zweiten Buchhälfte beschreibt Clinton seine acht turbulenten Jahre im White House: Weder sich selbst noch seinen Gegnern wollte er „die Wahrheit“ ersparen, kündigte er indirekt dramatische Passagen in „My Life“ an. Die Drehbuch-Vorlage für Clintons „West Wing“ hätten sich auch die fantasievollsten Hollywood-Regisseur kaum ausdenken können – als „die Story zweier Präsidenten“ bezeichnete Stabschef Leon Panetta die Clinton-Ära:
# Als eine Art „Pop Präsident“ definierte er das Amt völlig neu, ließ Erinnerungen an den JFK-Glamour aufkommen, steuerte die Demokraten als „bester taktischer Politiker seit Generation“, wie selbst Gegner Newt Gingrich eingestand, in die politische Mitte und die Nation durch den längsten Wirtschaftsboom ihrer Geschichte (am Ende gab es Budgetüberschüsse, einen verdreifachten „Dow“-Aktienindex und einer Miniarbeitslosigkeit von vier Prozent). Die USA positionierte nach dem Ende des Kalten Krieges er als „wahre Supermacht in fast allen Bereichen“, so Ex-Botschafterin Swanee Hunt, und propagiert den Welthandel und das „Global Village“. Am internationalen Parkett war der schillernde Clinton anders als Präventiv-Krieger Bush gerne gesehen.
# Doch gehasst und verfolgt von Amerikas Erzkonservativen wie kein Präsident zuvor, verstrickte sich Clinton in Affären, die so Newsweek, „jenseits von dämlich“ anzusiedeln sind. 1998, Clinton hatte die Wiederwahl locker geschafft, flog der Jahrhundertsexskandal „Monicagate“ auf, der durch die fanatische Verfolgung des Sonderermittlers Kenneth Starr zu Enthüllung aller erdenklichen Details der Oralsexaffäre mit der jungen Praktikantin Monica Lewinsky führte – vom Blowjob während eines Telefonates mit einem Senator in Sachen Bosnienkrieg, dem berühmten Spermafleck auf Lewinskys „Gap“-Kleid, dem Einführen einer Zigarre. Der Skandal führt zum Amtsenthebungsverfahren, das scheiterte, doch Clintons Errungenschaften überschattete.
Gattin Hilary hatte offen in ihrer Bio über die Schreiduelle, Weinkrämpfe und der fast fatalen Familienkrise nach seiner Monicabeichte berichtet. Sechs Mal hat er ihr Buch gelesen. Seine Sicht der Dinge sollte nicht minder detailliert und plastisch ausfallen, rechnen Clinton-Kenner.
Doch wie lebt der berühmteste Polit-Pensionist der Erde heute? Er tourt vor allem den Globus und scheffelte mit Vorträgen in den ersten beiden Ex-Oval-Office-Jahren im Schnitt 9,35 Millionen Dollar. Zweimal besuchte er Österreich, tourte durch Asien, Australien, Neuseeland, Südafrika, ist stets der Star in Davos. Mitunter tourt er in einem Stück in 25 Tagen durch 17 Staaten. Selbst Hillary scherzt oft: „Oh, es ist jetzt 11:25 Uhr“, demonstrierte sie einem britischen Reporter: „Jetzt ist Bill gerade in Afrika“. Zuletzt engagierte sich Clinton vor allem auch in Sachen globaler AIDS-Epidemie, erreichte einen Deal mit US-Pharmagiganten für billigere Imitationsmedikamente für die Dritte Welt.
Genauso rastlos ist sein Privatleben: Die Clintons besitzen eine 1,7-Millionen-Villa im New-York-Nobelsuburb Chappaqua, eine weitere, mit 2,85 Millionen Dollar noch teurere in der feinen „Embassy Row“ in Washington D.C.. Bescheidener ist Clintons Büro im 15. Stock eines schlichten Bürogebäudes in der 125. Straße – der wichtigsten Street des Schwarzenbezirks Harlem. Symptomatisch für die Sucht nach gutem Nightlife, ist eine in Vanity Fair beschriebene Szene: Bei einer Cocktail Party in Manhattan nahm er zögernd die Einladung der Gastgeber zu einem Dinner an, meinte er werde bloß eine Nachspeise einnehmen. Dann hielt er einen Monolog bis nach Mitternacht, bis die Zuhörer ihn höflich mit den Worten „Es ist spät, wir müssen morgen arbeiten…“ praktisch hinauskomplimentierten. Er reagiert geschockt, berichtet ein Zeuge: Mit einem Gesichtsausdruck „Was mache ich jetzt?“.
Gerne tourt er durch die Promiszene des Big Apple an der Seite des bloß 36-Jährigen Magazin-Königs Jason Binn, der in der TV-Doku über die Schickstrandenklave der „Hamptons“ zur Kultfigur wurde. Bei einer von Binns turbulenten Magazin-Parties umarmte er Supermodell Heidi Klum und musste vor einer Schar „BILL-EE!“ kreischender Sekretärinnen flüchten. „Kein Mensch, weiß was er dort verloren hat“, ärgert sich einer seiner seriösen Top-Mitarbeiter. Clinton liebt Stars und Glamour – eine Sucht, der er besonders nach dem Abtritt als Präsident nachkommt: Eine Kollage in Vanity Fair zeigt ihn mit den Stones. Mit Anthony Hopkins, Sex-and-the-City-Star Kim Cattrall, Kevin Spacey, Sänger Sheryl Crow und Bono.
Oft hängen auch weibliche Fans regelrecht an dem, abgemagerten, agiler und fescher denn je sich präsentierenden Clinton, der vor und während der Zeit im Oval Office oft mehr mit Affären als politischen Errungenschaften Furore machte – am berühmtesten die mit der Nachtklubsängerin Jennifer Flowers, die 1992 aufflog, und natürlich der Oralsex mit Praktikantin Monica Lewinsky, der ihn 1998 fast das Amt kostete („Impeachment“) Jedes neue Sighting provoziert prompt seitenlange Spekulationen in den Tabloids: Gesehen wurde er mit der britischen Bisex-Beauty Saffron Burrows an der Bar des Hudson Hotels, mit Supermodell Naomi Campbell in einer Schihütte in Ischgl, dinierte mit der kurvige Neuseeland-Talkshow-Queen Charlotte Dawson, wurde flankiert von Frank-Tochter und kanadische Neo-Polithoffnung Belinda Stronach oder „Socialite“ Lisa Belzberg, deren Scheidung von „Seagram“-Schnappsimperium-Milliardär Mathew Bronfman gleich zu noch heftigeren Spekulationen führte (siehe Kasten).
Vielleicht ist an den Seitensprung-Gerüchten weniger dran, als angenommen – und der sexsüchtige Clinton habe sich tatsächlich gebessert, wie er Hillary zur Rettung seiner Ehe in den dunklen Stunden des Monicagate-Dramas hoch und heilig versprechen musste. Zuletzt berichtete der „Globe“, Nachbarn hätten Bill und Hillary beim „Fangen spielen“ im Wald hinter ihrer Villa erspäht. „Sie sind das ultimative politische Power-Paar“, sagt Gail Sheehy, Autorin der Bio „Hillary´s Choice“. Obwohl sie sich wegen der vollen Terminkalenders einer mächtigen Senatorin und eines globalen Vortragsreisenden kaum sehen, telefonieren sie meist sechsmal pro Tag. Es sei auch anzunehmen, so Clinton-Kenner, dass sie ihm beim Verfassen der Jahrhundert-Bio unter die Arme griff. „Als junger Mann hatte ich immer den Traum, ein gutes Buch zu schreiben“, sagte er bei seinem Chicago-Auftritt und fügte an. „Ich weiß nicht, ob es ein gutes Buch ist, aber es ist sicher einer verdammt gute Geschichte“.

# 14. Juni: Bush im Schleudern

Eigentlich hatte George W. Bush schon lange keine so gute Woche gehabt: Im Irak war nach langem Querelen eine neue Regierung samt Premier und Präsidenten gekürt worden, der UN-Sicherheitsrat segnete am New Yorker East River den Übergabe-Plan ungewohnt vereint mit 15 zu Null Stimmen ab. Beim 60-Jahr-Jubiläum der Normandie-Invasion durfte Bush seinen Antiterrorkrieg mit dem epischen Kampf gegen die Nazis vergleichen – dann fuhr er mit den Staatschefs der wichtigsten Industrienationen als Gastgeber beim G8-Gipfel im Luxus-Ressort „Sea Island“ im Bundesstaat Georgia gut gelaunt mit Golfwägelchen durch das gepflegte Grün. Während der Trauer um Vorgänger Ronald Reagan ließ sein PR-Stab auch bei jeder Gelegenheit die Parallelen zwischen Bush und Reagan herausarbeiten: Bush der Leader, der Visionär, der Bezwinger der Terror-Bösewichte – so wollte er sich den Amerikanern in den letzten Tagen nach den Horrorwochen des Irak-Debakels und Folterskandals zeigen.
Doch am Ende hatte es doch nur eine Abfuhr von Frankreichs Jacques Chirac über mehr NATO-Truppen im Irak gesetzt, hämische Anmerkungen, dass es ihm zum Vergleich mit dem „Great Communicator“ Reagan an Statur fehle (als Reagans „Stunt Double“ bezeichnete ihn gar New-York-Times-Kolumnist Frank Rich) – und eine Umfrage der „L.A. Times zeigte Demokrat John Kerry im Zweier-Duell mit 51 zu 44 Prozent erstmals deutlich in Führung, der den Bush-Untergang ohne jegliches Zutun aus der Ferne verfolgte. „Wären heute Wahlen, würde Bush haushoch verlieren“, sagt Politologe Bob Shapiro von der New Yorker „Columbia“-Uni. Konnte Bush einst als Teflon-Politiker nichts falsch machen, kann er jetzt selbst aus positiven Nachrichten besonders in Sachen Wirtschaftsaufschwung und 1,4 Millionen kreierten Jobs seit dem Vorsommer nicht profitieren. „Der Irak-Krieg überschattet alles“, sagt Shapiro: „Er hat die Heimatfront verloren – und viele sehen die ganze Invasion als teuren und tödlichen Fehler“. In der „Times“-Umfrage sagen nur mehr 43 Prozent, dass der Krieg gerechtfertigt war.
Zwei Möglichkeiten gäbe es im Generellen für Präsidenten, schreibt E.J. Dionne Jr. bereits fast einen Nachruf auf Bush: Große Risiken einzugehen, auf breite Koalitionen und zu viele Meinungen zu verzichten – um dann bei einem Erfolg allein den ganzen Gewinn einzustreifen. Das plante Bush im Irak, so der Autor, „ohne eine Versicherungspolizze abgeschlossen zu haben“: Im Vorfeld der Irak-Invasion hätte er internationale Bündnispartner wie Kongress-Mitglieder mit arroganter Rhetorik vergrämt – jetzt bezahlt er den Preis für das Irak-Fiasko: Fast 900 GIs sind gefallen, fünf Milliarden Dollar kostet die Stationierung der 138.000 Truppen pro Monat. Grund zum Feiern hätte die Machtübergabe und Installierung der Post-Saddam-Regierung Ende des Monats sein sollen. Jetzt versinkt der als blühendes Demokratie-Vorzeigeland inmitten des Nahen Osten konzipierte 25-Millionen-Einwohnerstaat immer tiefer in einer Gewaltorgie – zuletzt mit gezielten Attentaten auf Mitglieder der neuen Regierung.
Im Kerry-Wahlkampfbüro nahe dem glitzernden Times Square in Midtown Manhattan herrscht trotz dem am diesem Freutag stattfindenden Reagan-Begräbnis Hochbetrieb. Die 30 Mitarbeiter nehmen Telefonate entgegen, malen Organigramme auf eine riesige Tafel im Konferenzimmer. „Hier geht es vor allem ums Spendensammeln“, sagt Heike Warmuth, Pressesprecherin der Wiener Grünen und jetzige Kerry-Helferin. Noch hat Bush den finanziellen Vorteil, der zu Jahresbeginn mit einer Wahlkampfkasse von fast 200 Millionen Dollar in die Schlacht ums Oval Office zog. Doch die Sehnsucht der Demokraten, den Bush-Spuk am 2. November zu beenden, führt zu Rekordsummen: 43 Millionen Dollar erhielt Kerry im März, 30 Millionen im April – jeweils deutlich mehr als Bush.
Und Kerry attackiert Bush frontal bei jenem Thema, mit dem er eigentlich die Wahlen gewinnen hatte wollen: Nationale Sicherheit. Der Irak-Feldzug sei ein totaler Murks, wettert der schlaksige Senator bei jedem Wahlkampfstopp: „Und die Amerikaner sind weniger sicher als zuvor“. Hilfe erhält Kerry nun auch von Ex-Präsident Bill Clinton: Der will mit der Werbe-Tour für seine nächsten Dienstag erscheinende „Mutter aller Polit-Bios“, „My Life“ den Sommer über auch Kerry helfen. Das könne dem nur recht sein, so TV-Kommentatoren: „Clinton kann in zwei Sätzen erklären, warum Bush abgewählt werden muss“.
Doch Wahlbeobachter warnen vor frühzeitiger Euphorie bei den Demokraten: Bush sitze immer noch auf einem riesigen Geldberg, so Shapiro: „Und sollte sich die Lage im Irak stabilisieren sowie die Arbeitslosigkeit rasant sinken, sind Bushes Chancen wieder völlig intakt. Doch ebenso wahrscheinlich ist, dass der Texaner noch tiefer in den Irak-Strudel aus Enthüllungen, Skandalen und Flops gezogen wird: Im Abu-Ghraib-Folterskandal recherchieren führende Medien immer tiefer hinein – und enthüllen die Befehlskette bis hinein ins Oval Office. Unter Aktenzahl 18 U.S.C. 2340-230A ließ Bushs Chef-Anwalt Alberto Gonzales Verhörmethoden neu regeln und die Standards für Folter auflockern. Zuvor war bekannt geworden, dass Irak-Truppenchef, General Ricardo Sanches 32 fragwürdige Praktiken zur Info-Gewinnung im Horrorknast abgesegnete – darunter der Einsatz von Hunden, Aushungern, Hitze und Schlafentzug.
Lange ist es her als Bush nach dem Sieg gegen die Taliban in Afghanistan und dem Höhepunkt seiner Macht (90 Prozent Popularität) seine „Kriegskabinett“ im Oval Office in aller Geschlossenheit von Star-Fotografin Annie Leibovitz für „Vanity Fair“ ablichten ließ. Im Chaos des Irakkriegs-Fallout kämpft in den Korridoren der Washingtoner Machtzentren längst jeder gegen jeden – „in dem so disziplinierten Team kommen die Räder von den Achsen“, sagte Newsweeks Kolumnistin Eleonor Clift:
# Außenminister Colin Powell wollte von CIA-Chef George Tenet zuletzt wissen, warum er mit glatten Lügen vor die UNO geschickt wurde, um die Welt vor Saddams Horrorarsenal an Massenvernichtungswaffen (WMD) zu warnen und für einen Präventivkrieg gegen den Irak zu gewinnen. Statt eine Antwort zu erhalten, musste er Tenets überraschenden Rücktritt verfolgen. Bei einem Powell-Live-Interview flippte seine Pressesprecherin Emily Miller nach einem Stakkato harter Fragen derart aus, dass sie die Kamera einfach wegstieß.
# Insider rund um den durch den Abu-Ghraib-Folterskandal selbst hart am Rücktritt vorbei geschrammten Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bezeichnen Powell postwendend als „Verräter“, da er Starjournalisten Bob Woodward die für Bush & Co. peinlichsten Pannen für sein Insider-Buch „Plan of Attack“ zugeflüstert haben soll. „Jetzt will er sich so darstellen“, ärgerte sich einer, „als hätte er immer alles schon besser gewusst – und er schadet dem Präsidenten“. Genossen mussten die dann die Blamage des Außenamtes haben: Das hatte in einem Terror-Bericht für das Jahr 2003 eine Abnahme der Anschläge um 45 Prozent geortet und als Indiz, dass die USA den Anti-Terrorkrieg gewinne. Erst nach einer Anfrage eines Demokraten stellte sich heraus: In Wirklichkeit war es eines der blutigsten Jahre, der falsche Bericht kam wegen einem „Fehler“ zustande, musste Powell kleinlaut einräumen – und wäre keinesfalls als Propaganda misszuverstehen.
# Vize Dick Cheney, einst als Bushs „Fels in der Brandung“ von der Regierungs-PR-Maschinerie gehypt (während in Gegner lieber als „Babysitter“ verspotteten) wird nun immer mehr zum Klotz am Bein des wahlkämpfenden Texaners: Das US-Magazin „Time“ enthüllt zuletzt ein Email, das belegt, wie Cheney als Vize für seine Ex-Firma Haliburton sich für Irak-Wiederaufbauverträge einsetzte. Im Skandal um das Outing der Frau von Bush-Kritiker Joseph Wilson als geheime CIA-Spionin wurde Cheney zuletzt von den Ermittlern des installierten Sonderermittler Patrick Fitzgerald verhört. Wilson selbst vermutet, dass Cheneys Stabschef Lewis Libby den Namen seiner Frau an einen Reporter weitergab (die Enttarnung von CIA-Spionen wird in den USA als schweres Verbrechen geahndet): Die Aktien galt als Rache für Wilsons Anschuldigungen, Bush hätte Saddam des Urankaufes aus dem Afrikastaat Niger bezichtigt – obwohl Wilson nach einer Factfinding-Tour lange zuvor den Verdacht auf einer plumpe Fälschung basierend entkräftete.
# Bush selbst musste zuletzt wegen der Ermittlungen mit Jim Sharp einen Staranwalt anheuern. Plötzlich wurden Erinnerungen an den Skandalreigen von Vorgänger Bill Clinton wachgerufen, genau gegen die Bush als bigotter Saubermann und Ehrretter des „entweihten“ Oval Office angetreten war. Als „reine Routinemaßnahme“ wiegelte das White House ab. Dann platzte die Nachricht, dass 27 mit Verträgen in Afghanistan und Irak überhäufte Firmen 500.000 Dollar in seine Wahlkampfkasse 2000 einzahlten.
# Und am allerpeinlichsten für die fanatischsten Irakkriegstreiber – der einflussreichen „Schattenregierung“ der Neokonservativen („Neocons“), die US-Militärmacht zur Durchsetzung seiner Werte in Übersee favorisiert – ist der Spionageskandal um Lieblings-Dissidenten Achmad Chalabi: Der soll Teheran verraten haben, dass die US-Geheimdienste den Code des iranischen Spionagenetzes geknackt hatten. Ein „besoffener Amerikaner“ habe ihm das verraten. Jetzt ist Chalabi, den Bush-Kriegern alles von tödlichen WMD-Arsenalen bis die Invasoren umjubelnden, dankbaren Irakern versprochen hatte, ebenso in Ungnade gefallen wie die Neocons, die prominentesten Pentagons Nr. 2, Paul Wolfowitz, Nr. 3 Douglas Feith, sowie Libby, Cheneys Stabschef: Gegen den windigen Exil-Iraker ermittelt das FBI und in den einst so mächtigen Think-Tanks beben voller Schuldzuweisungen. „Dabei beginnt die wirkliche Abrechnung mit uns, sollte Bush die Wahl verlieren“, sagte ein lieber anonym bleibender Neokonservativer: „Es wird bitter, brutal und grauenhaft…“ Vielleicht auch für Bush.

# 7. Juni: Beim Begräbnis nur Jubel über Ronald Reagan

Kaum war der Leichenwagen mit dem toten Ex-Präsidenten Ronald Reagan aus deren 2,5-Millionen-Dollar-Villa im L.A.-Nobelstadtteil Samstag Nachmittag gerollt, hatte Reagans Nachfolger als Kalifornien-Gouverneur Arnold Schwarzenegger seine Trauer via Email in die ganze Welt verbreitet: „Ich bin zutiefst traurig über seinen Tod“, schrieb der Governator: „Er war ein großer amerikanischer Patriot. Ich habe ihn nicht nur bewundert, sonder hatte auch das Glück, ihn zu kennen. Er war mein Held“. Arnie hatte damit nicht nur prompter auf den Tod des zweimaligen Präsidenten (1981 – 1989) und nach langem Alzheimer-Leiden, 93-Jährig verstorbenen Helden der Konservativen als andere, inklusive George W. Bush, reagiert – er hatte auch für die meistzitierteste Headlines und denkwürdigsten Zitate gesorgt. Es sei sehr leicht zu erkennen, schrieb er weiter, wie grundlegend Präsident Reagan die Welt verändert hatte: Er machte sie sicher, freier – und gab Millionen neue Hoffnung und Chancen“.
Während in den USA Staatstrauer ausgerufen wurde (die Fahne über dem White House ist auf Halbmast gesetzt) und der Reigen an Gedenkfeiern sich von der „Rotunda“ des Kapitols, der „National Cathedral“ in Washington D.C. und der finalen Ruhestätte vor seiner Präsidentschaftsbibliothek im kalifornischen Simi Valley erstreckt, werden auch die Parallelen zwischen dem „großen Reagan“, so seine Verehrer, und dem nach einem halben Jahr in Sacramento so erfolgreichen Austro-Amerikaner aufgerollt.
Reagan, geboren am 6. Februar 1911 in der Illinois-Kleinstadt Tampico, brachte es in Hollywood zum B-Movie-Star (50 Filme), sorgte danach als Sprecher des Kühlschrank-Riesen „General Electric“ mit regelrechten Polit-Manifesten für Furore. Mit sonnigem Gemüt und Optimismus, sowie simpler Rhetorik gegen Steuern, Beamte, Kommunisten und faule Wohlstandshilfeempfänger gewann der vom Demokraten zum erzkonservativen Republikaner mutierte Reagan zwei Amtsperioden als Kalifornien-Gouverneur (1967 – 1975) und stürzte 1980 den durch das Iran-Geisel-Drama demolierten Jimmy Carter. Mit 70 Jahren wurde er zum ältesten Oval-Office-Bewohner der US-Geschichte. Wie Arnie wurde Reagan vom Polit-Establishment zunächst als „Hollywood-Leichtgewicht“ abqualifiziert, doch sein strahlender Optimismus, Hurra-Patriotismus samt simplifizierter, erinnerungswürdiger Statements („Amerika ist die strahlende Stadt am Hügel“, „Mr. Gorbatschow, reißen sie diese Mauer nieder!“) hatten ihn acht Jahre später zum populärsten, abdankenden Präsidenten gemacht. Doch sein Erbe bleibt umstritten: Für Fans ist er der Vater der „Konservativen Revolution“, Bezwinger der Sowjetunion („Zentrum des Bösen“) und mächtiger US-Gewerkschaften – die „Reaganomics“ wurden Amerikas Rechten als Triumph des freien Marktes über Auswüchse des sozialen Netzes gefeiert. Doch Reagan hatte durch das Wettrüsten (am berühmtesten sein Träume vom Raketenschirm „Star Wars“ mit Moskau das Staatsdefizit auf 3,000 Milliarden Dollar verdreifacht, trotz seinem regelrechtem Krieg gegen Arme und aller Anti-Almosen-Rhetorik die Regierung keineswegs verschlankt (22 Prozent am Bruttosozialprodukt gab der Bund bei seinem Amtsantritt aus, 21 Prozent waren es 1989…) – in der zweiten Amtszeit versank er im Iran-Contra-Waffenskandal und gespenstischen Stories über völlige Entrücktheit und First Lady Nancy mit totaler Kontrolle über das White House. Einmal erklärte er seinen Job so: „Sie sagen mir, was ich zu tun habe. Jeden Tag bekomme ich ein Papier, dass mir mittelt, was ich machen muss…“.
Politologen und Historiker sind sich daher einig, dass Reagan mit Schwarzenegger nur die gemeinsame Hollywood-Karriere und den hemdsärmeligen Anpack-Optimismus teilen. Als „Un-Reagan“ war Arnie zuletzt sogar von Lou Cannon, Verfasser von fünf Reagan-Bios, bezeichnet worden: „Tatsächlich enden die Vergleiche mit dem Tag der Inauguration“, so der Autor: „Schwarzenegger ist in kürzester Zeit zu einem Meister-Politiker geworden, der durch geschickte Deals mit der Opposition eine Serie spektakulärer Erfolge feiert“. Reagan hingegen habe sich erst in seiner zweiten Amtszeit zu Kompromissen mit den Demokraten „herabgelassen“, so Cannon. „Und obwohl fiskalisch konservativ ist Schwarzenegger samt Demokarten-Gattin sozial moderat und ein neuer Typus Republikaner, der leicht zum Zukunftsmodell für die Konservativen werden kann“, so Politologe Shaun Bowler. Nachsatz: Besonders wenn Bush die Wahl verliert.

# 16. Mai: Bush gegen Kerry wird härter


Stunde der Wahrheit“, titelte das US-Magazin „Time“ auf dem jüngsten Cover, dazu ein Schnappschuss des erstarrten Gesichtes von US-Präsident George W. Bush. Seine Polit-Karriere könnte leicht zum Kollateralschaden seiner Irak-Invasion werden. Lange waren die Vorwürfe an Teflonpolitiker Bush abgeprallt: Das Fehlen der Kriegsgründe Massenvernichtungswaffen und Saddams Al-Qiada-Verbindungen, das blutige Nachkriegschaos mit nun über 730 Toten GIs, die mit nun bereits über 200 Milliarden Dollar horrenden Kosten für US-Steuerzahler (weitere 50 Milliarden wird es im nächsten Jahre kosten). Doch seit die Bilder durch ihre angeblichen „Befreier“ gefolterter Iraker seit Wochen über die TV-Schirme laufen, rutscht Bush rasant seinem möglichen Ende bei den Präsidentschaftwahlen am 2. November zu: Nur mehr 42 Prozent sind laut „Newsweek“ mit seiner Amtsführung zufrieden – die letzten beiden Präsidenten, die ähnliche Schwächen im Frühjahr zeigten, Bush senior und Jimmy Carter, hatten beide die Wahlen verloren. Und fast noch schlimmer: 61 Prozent der US-Bürger sind unzufrieden, wie die Dinge im Inland laufen – schlechte Noten bekommt Bush vor allem auch bei so Wahl entscheidenden Wirtschaftfragen.
„Bush hat seine politische Zukunft auf den Antiterrorkrieg samt Irak gesetzt“, sagt „Time“-Kolumnist Jo Klein: „Jetzt scheint er damit unterzugehen“. Bushs Gegenkandidat, Demokraten-Senator John Kerry, hat zögernd begonnen, Bush für das Irak-Debakel persönlich verantwortlich zu machen. Die Arroganz von Bush & Co sei für den Abu-Ghraib-Folterskandal „mitverantwortlich“, sagte er nach einer Privatvorführung hunderter unveröffentlichter Skandal-Bilder. Wenn er Präsident wäre, hätte er Verteidigungsminister Donald Rumsfeld längst gefeuert, ließ Kerry verlauten. Auch erste alarmierende Berichte des Roten-Kreuzes wegen offenbar weit verbreiteter Misshandlungen im Gulag des Antiterrorkrieges hätte er ernst genommen. Doch Kerry kann laut Umfragen von den massiven Bush-Troubles noch kein Kapital schlagen: Das Duell ist nach wie vor ein Kopf-an-Kopf-Rennen innerhalb der statistischen Schwankungsbreite. Demokraten machen sich bereits Sorgen über die Kerry-Schwächen: Wenn er nicht einmal während „dieser Horror-Wochen für Bush“ davonzieht, wann dann?“, ließen sich Strategen zitieren. Andere sehen ein rosigeres Bild: Bushs 50 Millionen Dollar teure teuere Schmutzkübelkampagne, die Kerry wie 1988 den ebenfalls aus Massachusetts stammenden Bush-Senior-Gegner Michael Dukakis als „weltfremden Liberalen“ zerstören hätte sollen, blieb weitgehend wirkungslos. „Kerrys Chancen für ein Comeback im Sommer sind völlig intakt“, sagt Shawn Bowler, Politologe an der „University of California“ in Riverside.
Für Aufsehen sorgte das Gerücht, Kerry könnte sich als Symbol einer Regierung der „Nationalen Einheit“, den Republikaner-Senator und Vietnam-Kriegshelden John McCain als „Running Mate“, als Vize, vorstellen. McCain hat Bush die widerliche Angriffe während der Republikaner-Vorwahlen in South Carolina in 2000 nie verziehen: Die Bush-Kampagne hatte gestreut, McCain sei durch seine fünfeinhalbjährige Kriegsgefangenheit „geistig behindert“. Den Irak-Krieg befürwortete er zwar noch, doch nun prangert er die Bush-Krieger in Hearings wegen der tödlichen Mixtur aus Sturheit, Überheblichkeit und blanken Dilettantismus wortgewaltig an. McCain hat zwar ausgeschlossen, an Kerrys Seite in die Schlacht um das Oval Office ziehen zu wollen – der Begeisterung unter den Demokraten über eine mögliches Kerry-McCain-Dreamteam tut das keinen Abbruch.
Noch steht Bush felsenfest hinter seinem „großartigen Verteidigungsminister“ Rumsfeld, doch trotz einer selbstsicheren Blitzvisite zum Tatort des Folterskandals versinkt der Pentagon-Chef nach neuen Enthüllungen immer tiefer im Sumpf des „Interro-Gate“, wie US-Medien die Folterskandal bereits nennen:
# Enthüller Seymour Hersh hat im dritten Kapitel einer Serie spektakulären Aufdeckungsjournalismus im „New Yorker“ Rumsfeld sogar explizit als Auftraggeber der Folter-Praktiken geoutet: Zunächst habe Rumsfeld nach dem 11. September ein geheimes „Sonderzugriffsprogramm“ samt Tolerierung gewaltsamer Verhörmethoden gegen Terroristen genehmigt – und dieses im Vorjahr auf den Irak ausgedehnt. Die Regeln des Programms waren einfach, so Hersh: „Schnappt euch, wen ihr braucht! Macht, was ihr wollt!“ Das Pentagon dementiert wütend, doch die wichtigsten US-Medien recherchieren weiter unter Hochdruck gegen Rumsfeld.
# Ein nun enthüllter Horror-Report des Roten Kreuzes dokumentiert die Missstände in einem weiteren Irak-Internierungslager, „Camp Croper“, nahe dem Bagdad-Airport: Ein Gefangener berichtete, er wäre geschlagen, angepisst, mit dem Tod bedroht worden, man habe ihm einen Baseball in dem Mund gestopft. Ein Arzt stellte Prellungen, Blut im Urin, Orinetierungslosigkeit, gebrochene Rippen und eine halb gelähmte Hand fest.
Inzwischen zeigt das einst so geschlossenen Bush-Kriegsteam erste Anzeichen des Zerfalls: Außenminister Colin Powell ließ zuerst durchblicken, dass die Amerikaner einen Truppenabzug nach einem dementsprechenden Wunsch der Irak-Regierung ebenso nachkommen wie selbst die Etablierung eines Gottesstaates tolerieren würden. Bush muss ihn wohl prompt zurückgepfiffen haben, denn kurze Zeit später bestätigte Powell, die Truppen würden bleiben. Bei einem Powell-Interview mit dem knallharten NBC-Reporter Tim Russert stieß nach einer Serie provokanter Fragen die Powellmitarbeiterin Emily Miller die Kamera zur Seite. Live konnten Millionen Zusehen folgenden Dialog hören: Miller: „Sie sind nicht mehr auf Sendung“; Powell: „Ich BIN noch auf Sendung!“ Miller: „Nein dass können sie nicht verwenden, das müssen sie raus schneiden“. Powell: „Emily, geh aus dem Weg, bring die Kamera zurück“.

# 10. Mai: Der Horror von Abu Ghraib

Sein Bruder war selbst Präsident, als die USA Hoffnung und Vorbild des Westens war – jetzt rechnete Ted Kennedy, Senatsveteran und Patriarch des Kennedy Clans mit den Bush-Kriegern ab: Nicht mehr die Freiheitsstatue im Hafen New Yorks sei das Symbol Amerikas, sagte er beim historischen Hearing von Donald Rumsfeld im Irak-Folterskandal vor einer millionenfachen, globalen Weltaudienz: „Sie wurde abgelöst durch einen Mann mit einer Kapuze über den Kopf, der auf einer Holzkiste steht, Drähte an seinen Händen fixiert, in Todesangst, da man ihn glauben machte, jede Bewegung würde zu seiner Elektrifizierung führen“. Rumsfeld, der sich zuvor erstmals für die Katastrophe entschuldigte, ratterte eine Litanei von Ausreden herunter – Kennedy, sein Gesicht angewidert erstarrt, konnte ihm nicht einmal in die Augen sehen.
Während Rumsfeld, von Gegnern als „Chefarchitekt des Irak-Desasters“ verdammt, um seinen Job kämpft, ist die 290-Millionen-Supermacht USA in den vielleicht größten Image-Super-GAU ihrer 228-Jährigen Geschichte geraten: Gegen den Willen der UN und zahlreichen seiner sonst engsten Verbündeten hatte sich US-Präsident George W. Bush die Irak-Invasion ertrotzt, dann Technokraten des Pentagon mit planlosem Herumdilettieren Besatzung und Wiederaufbau ins blutige Chaos schlittern lassen, während sich die zwei wichtigsten Kriegsgründe (Saddams Massenvernichtungswaffen und Querverbindungen zu Al-Qaida) nicht auffinden ließen – und nun nach dem Auftauchen der Horrorbilder aus Abu Ghraib der Irak-Feldzug wohl verloren scheint.
Bush quälte sich mit einem Entschuldigungsmarathon (sogar auch der First Lady Laura tat es sehr leid) fünfeinhalb Monate vor der Präsidentschaftswahl durch die schlimmste Woche seiner Amtszeit – und es soll noch viel ärger kommen: Fotos und Videos, die Mord und Vergewaltigung zeigen, seien im Umlauf, sagte Rumsfeld, bisher veröffentlichte Fotos verglichen damit sogar eher harmlos. Eine Computer-Diskette mit dem komprimierten Horror ist eingeschlossen in Senatszimmer S407 am Kapitol. Schon jetzt bekannt ist:
# Vom Magazin „New Yorker“ veröffentlichte Fotos zeigen den Einsatz von Kampfhunden gegen Gefangene: Auf einer Sequenz vom 12. Dezember 2003 ist auch das Zubeißen eines Schäferhundes zu sehen, samt den tiefen Bisswunden. Das Bild stammt von einer Soldatengruppe, die noch nicht einmal angeklagt ist. Auch außerhalb des Gefängnisses wurden Hunde eingesetzt: In Ramadi waren bei einer Razzia Hunde in einem Raum voller Zivilisten freigelassen – und mehrere Menschen gebissen worden. „So was habe ich noch nie gehört“, wird ein Militärveteran zitiert;
# Militärs ließen gegenüber dem TV-Sender NBC bereits den Inhalt des noch geheimen Bildmaterials beschreiben: „Ein Gefangener wird fast zu Tode geprügelt, Sex mit einer Gefangenen, ,unangebrachter Umgang mit einer Leiche´. Dazu gibt es Video, das irakische Wärter bei der Vergewaltigung junger Buben zeigt“.
# Untersuchungen der Militärs und der CIA sind zusätzlich bezüglich 23 mysteriöser Todesfälle angelaufen. Durchleuchtet soll auch die Praxis der „Geister-Gefangenen werden“, von denen jegliche Unterlagen fehlen und die von CIA-Beamten vor Kontrollen verstecket worden waren. Nicht zimperlich waren die Militärs auch bei Aufständen in der mit 7.000 Häftlingen völlig überbesetzten Anstalt: Am 24. November schossen Truppen in die Menschenmenge – drei Häftlinge starben, 12 wurden teils schwer verletzt.
„Das ist ein Krieg, den Amerika wohl nur mehr verlassen kann“, brachten Meinungsforscher den weltweiten Entrüstungssturm auf den Punkt. Favorit für die Schlacht um das Oval Office am 2. November sei nun eindeutig Demokrat John Kerry. Für Swanee Hunt, Ex-Botschafterin in Wien, ist ein Aspekt besonders tragisch: „Schwer vorzustellen, wie viel Gutes Amerika mit all dem Geld in der Welt machen hätte können – von Aids- und Hungerbekämpfung bis zur Stärkung internationaler Organisationen im Kampf gegen Unterdrückung von Milliarde Menschen“.
Dabei möchte es Bush & Co so aussehen lassen, dass ein handvoll, sadistischer Kids, „schwarze Schafe“, so Bush, für den Jahrhundertskandal verantwortlich ist – prompt belagerten hunderte Journalisten die kleinen Heimatnester der Folter-GIs in der Provinz von West-Virginia, Virginia oder Pennsylvania. „Meinem Sohn wurde angeschafft, diese Fotos zu machen“, protestiert Daniel Sivits, Vater des 24-Jährigen Wehrmanns Jeremy in Hyndman, Pennsylvania: Sivits ist der erste von sieben wegen „Grausamkeit und Misshandlungen“ an Gefangenen angeklagter Soldaten der 372. Militärpolizeikompanie, gegen den bereist am 19. Mai in einem „Court Martial“-Militärprozess Anklage erhoben wird. Das Verfahren ist für die Presse zugänglich und findet im Messezentrum Bagdads statt – für die Arabische Presse wird es wohl ein weit spektakulärerer Medienevent als selbst der Michael-Jackson-Prozess in den USA. Das Pentagon prüft zur Zeit sogar die Möglichkeit von Live-TV-Übertragungen.
Wie Sivits nun zum ersten Gesicht der berühmtesten Militärverfahren seit den Nürnberger Prozessen geworden ist, will in Hyndman, Bevölkerung 1.005, niemand verstehen. Ein netter Junge sei Jeremy gewesen, sagt Familienfreund und Ex-Bürgermeister Thomas Cunningham: „Höflich und voll Respekt, eine guter Mechaniker – und zuletzt ein stolzer Reservist“. Er habe wohl nur Befehle ausgeführt und muss als „Sündenbock“ herhalten, ist die einheitliche Meinung im Ort. Sivits Vorgesetzter Donald Reese (39), ein Jalousienverkäufer im Privatberuf, hat inzwischen eine „Zurechtweisung“ erhalten – auch ihm könnte noch eine Anklage drohen. „Er hat mir versichert, keine Ahnung über die Vorfälle in dem Zellenblock gehabt zu haben“, sagt seine 34-Jährige Gattin Sue in ihrem schmucken Haus in New Stanton, Pennsylvania, die fünf Kinder des Paares im Alter zwischen 16 Monaten und zehn Jahren. Kaum zu glauben: Reese arbeitet immer noch im Abu-Ghraib-Gefängnis. Die Armee hat inzwischen strikt verboten, via Telefon oder Email über den Folterskandal zu reden. Vorher hatte ihr Donald jedoch immer wieder geklagt, wie wütend er über die mehrmaligen Verlängerungen seines Irak-Aufenthaltes gewesen sei. Die Aussage passt ins Gesamtbild: Untersuchungen des Falles zeigen, dass der Frust der GIs über „gebrochenen Versprechen der Armee über die Einsatzdauer“ zur Gewaltbereitschaft im „Foltertrakt“ 1A beigetragen hat.
Vielleicht am schockierendsten in den Folter-Bildern von Abu Ghraib ist neben den Kapuzen, Drähten, Menschenpyramiden und Kampfhunden das freche, lachende Gesicht der Soldatin Lynndie England (21) – ein richtiges Mädel von nebenan, „eine Fehlversion von Jessica Lynch“, schrieb „Newsweek“ in Anspielung auf die ebenfalls in Westvirginia beheimatete befreite Ex-Geisel und Kriegsheldin aus glorreicheren Tagen des Irakkrieges. In den Serieninterviews, die Mutter Terry bis zu ihrer Flucht vor dem ärmlichen Wohnwagen-Zuhause an einer Schotterstraße außerhalb des Nestes Fort Ashby gab, weiß die Welt, dass Lynndie recht eigenwillig war: Einmal rannte sie während eines Tornados in den Garten, um zu fotografieren (sie wollte einmal Tornado-Jägerin werden…), dann heiratete sie 19-Jährig plötzlich einen Schulfreund, um sich zwei Jahre später wieder scheiden zu lassen – zuletzt meldete sie sich gegen den Widerstand der Eltern als Armee-Reservistin, um „Geld für die Uni zu sparen“, obwohl ihre Eltern ihr „dabei sicher geholfen hätten“, wie sie beteuern.
Jetzt verrichtet „Private First Class“ (eine Art Zugführer) England einfachen Dienst in der Kaserne Fort Bragg, North Carolina, und wartet auf ihr eigenes Militärverfahren: Sie ist im fünften Monat schwanger – das Kind von ihrem Irak-„Boy Friend“, dem Folterer mit der finstersten Vergangenheit, „Spezialist“ Charles Graner: Graner war als Wärter im Pennsylvania-Staatsgefängnis zwei Mal wegen Misshandlungen angeklagt, mangels an Beweisen jedoch freigesprochen worden. Ex-Frau Stacy, mit der er zwei Kinder hat, erwirkte eine gerichtliche Verfügung, nachdem er nach der Trennung in das Haus einbrach, sich hinter einem Kasten versteckte und Stacy plötzlich in den Rücken sprang. Auch Todesdrohungen hagelt es. Sein Vater, im Pittsburgh-Suburb White Hall kontaktiert, schlug wütend die Türe zu: „Reden Sie mit seinem Anwalt“, schnappte er. Der Pickup-Truck Garners parkt vor dem Haus, das Kennzeichen lautet „Jesus“ samt Kreuz.
Doch wie weit reicht Verantwortung über den Folterskandal die Kommandokette hinauf? Aufdecker Seymour Hersh vom Magazin „The New Yorker“, hat nach seinem Coup der Vorwoche – der Enthüllung des „Taguba“-Armeehorrorreports – in einem neuen Dossier, Titel: „Kommandokette“, Rumsfeld & Co noch weiter in Bedrängnis gebracht. Es mag als Ironie der Geschichte erscheinen, das es ausgerechnet Hersh vor 36 Jahren war, der ein für die US-Armee ebenso folgenschweres Verbrechen aufdeckte: Dass Massaker von My Lai in Vietnam, wo US-GIs 500 Dorfbewohner niedermetzelten – die Horrorbilder der Leichenberge von Frauen und Kinder im Magazin „Life“ gilt als Wende im Vietnamkrieg. Gemeinsam mit den Recherchen anderer US-Starjournalisten erschüttern neue Enthüllungen die Mauern des Pentagon:
# Das „Komitee des Internationalen Roten Kreuzes“ (ICRC) hatte sich über ein Jahr lang (!) mehrmals beim Pentagon über Misshandlungen von Häftlingen beschwert: Einmal wurden zwar drei Militärpolizisten wegen einer Attacke auf eine weibliche Gefangene zu 500 Dollar Geldstrafe verurteilt, doch meist wurden die Beschwerden ignoriert. Die erste ICRC-Beschwerde kam am 1. April 2003 noch vor dem Sturz Saddams, die detailierteste im Oktober des Vorjahres: In einem, dem Wall Street Journal zugespielten, internen Report decken sich die ICRC-Vorwürfe frappant mit der von den Militärs in Auftrag gegebenen Taguba-Untersuchung: Militär- und andere Geheimdienste, sowie Privatfirmen würden die Militärpolizisten zum „Aufweichen“ anstiften, „Erniedrigungen, Misshandlungen, physische und psychologische Methoden, die hart an Folter grenzen“ seien an der Tagesordnung, schrieb das ICRC: Beobachtet waren auch „nackte Gefangene oder Häftlinge mit Frauenunterhosen“ worden. „Ein Gefangener im Isolationsblock hatte eine Herzschlagsrate von 120 und war unansprechbar“, heißt es in dem Report: „Es wurde eine geistige Behinderung diagnostiziert, wahrscheinlich wegen Misshandlungen während eines Verhörs“. Das seien alles „grobe Verletzungen der Genfer Konvention für Kriegsgefangene“, so die Organisation. „Das sei Teil des Systems“, erteilten die Geheimdienstler dem ICRC ein glatte Abfuhr. Doch erst mehr als drei Monate später, als ein angewiderter Soldat, Joe Darby, Vorgesetzten die Horrorbilder zeigte, nahm das Pentagon die Vorwürfe ernst. Nicht viel besser als dem Roten Kreuz erging es selbst Iraks Zivilverwalter Paul Bremer mit Beschwerden wegen Übergriffen in Iraks desolaten Knast-System: Im Herbst soll er Rumsfeld regerecht angebrüllt haben, um die Freilassung tausender Häftlinge zu erreichen, die niemals angeklagt worden waren. Auch Außenminister Colin Powell habe das desolate Haftsystem bei „Ministerrats“-Treffen angesprochen, sickerte durch.
# Ins Zentrum des Skandals rückt immer mehr General Geoffrey Miller, Ex-Leiter des Anhaltelagers in Guantanamo Bay, Kuba. Ausgerechnet Miller soll nun das desolate Knastsystem der US-Besetzer reparieren. Ich traf das texanische Raubein bei einem Lokalaugenschein in Guantanamo Bay: Vor Interviews legt er Wert auf einen zweiminütigen Small-Talk, dann legt er dröhnend, mit bebendem Kinn gegen die Terroristen los, die von der US-Armee „zerquetscht“ gehören. Miller war es auch, der im Herbst des Vorjahres den für den Folterskandal als entscheidend eingestuften Strategiewechsel in Abu Ghraib vorschlug: „Wärter müssten als Helfer für die Gewinnung von Erkenntnissen durch Verhöre verwendet werden“, schlug Miller vor, die Anstalt unter die Führung der Geheimdienste gestellt werden. Der Druck auf die US-Besatzer war damals groß: Aufständische schlugen immer öfter und dreister zu, keine Spur von Massenvernichtungswaffen oder Saddam. Haftleiterin Janis Karpinkski leistete zuerst Widerstand, bis sie Miller niederbrüllte und droht: „Wir können es die harte Tour machen oder meine…“. Irak-Truppenchef General Ricardo Sanchez stellte sich hinter Millers Ideen – ob Rumsfeld darüber informiert wurde ist Teil der Untersuchungen. Nach Millers „Expertenhilfe“ glich der Verhörblock in Abu Ghraib dem Wilden Westen: Zivilisten der Privatfirmen liefen in unmarkierten Armeeuniformen umher, Geheimdienstler schwer bewaffnet in Zivilkleidung – sie alle gaben Befehle an die M.P.´s. Ex-Militäragent Torin Nelson berichtete über einen eklatanten Personalmangel: Sogar Köche und Taxi-Fahrer wurden als „Verhör-Agenten“ rekrutiert. Miller, der gerne PR-Tours für Presseleute organsiert, wollte bei einem Presse-Termin den Neustart in Abu Ghraib demonstrieren: Die Tour wurde jedoch zu einem Fiasko: Gefangene flehten die Journalisten in Sprechchören um ihre Freilassung an – sofort musste der Haftblock geräumt werden.
Die Augenzeugenberichte der Gefolterten in Bagdad decken sich frappant mit den enthüllten Alltagshorror in Abu Ghraib:
# Haider Sabbar Abd (36) Häftling Nr. 13077, ein fünffacher Familienvater war sechs Monate inhaftiert, wurde später als unschuldig entlassen: Durch eine Narbe am Bauch ist er leicht als einer der nackten, mit Kapuze verhüllten Folteropfer zu erkennen. „Eine Wärterin, Miss Maya, wie wir sie nannten, forderte mich auf, zu masturbieren“, erzählte er Journalisten: „Sie lachte und massierte ihre Brüste. Natürlich konnte ich es nicht tun, so schlugen sie mich in den Magen“. „Tu es!“, hätten sie ihn angebrüllt. „Ich habe dann meinen Penis berührt und nur so getan“, erzählt er. Nachsatz: „Ich habe während der ganzen Odyssee nicht geglaubt, dass wir das überleben werden“.
# Dhia al-Shweiri (30) ist auf einem Bild mit Händen am Rücken auf eine Bettgestell gefesselt zu sehen. Al-Shweiri war auch unter Saddam mehrmals inhaftiert, doch die Taktiken der Amerikaner, in nackt auszuziehen und zu erniedrigen, waren schlimmer als Elektroschocks und Prügel in Husseins Irak.
# Suhaib Badr al Baz (35) Kameramann des Arab-TV-Newskanals Al-Dschasira war 74 Tag inhaftiert und berichtet über Folter-Taktiken in einem weiteren US-Gefängnis nahe dem Bagdad Airport. Endlos lange Schmerzschreie habe er dort gehört, ihn selbst hatten Wärter vorgegaukelt, man werde ihn töten.
Während sich der Großteil der US-Bevölkerung in Umfragen und TV-Sendungen bestürzt und beschämt über den Folterskandal äußert, dominiert nur mehr die Frage: „Hat sich der Irakkrieg ausgezahlt?“ Der harte Kern der Patrioten schart sich um ultrarechte Radio-Kommentatoren wie Rush Limbough: Der hatte zuletzt behauptet, man solle sich nicht aufregen über die Folterei. „Die GIs haben bloß ein wenig Dampf abgelassen“, sagte er.

# 3. Mai: Lausiger Sex der Kennedies?

Spektakulär sind die Enthüllungen der Bestsellerautorin über das Sex-Leben des First Couples: Lausig und unbefriedigend wäre der Geschlechtsverkehr mit dem US-Staatsoberhaut gewesen, lamentierte Jackie gegenüber einer Freundin – und machte sich sogar Vorwürfe, ob es an ihr liege. „Er machts viel zu schnell und fällt dann genauso flott in den Tiefschlaf“, vertraute sie dem Arzt Dr. Frank Finnerty an, einem Freund und Nachbarn von JFK-Bruder Bobby. Der Arzt versuchte sie, mit der Verwendung möglichst klinisch-wissenschaftlicher Terminologie nicht noch mehr zu verstören: Um den Sex interessanter zu gestalten, soll sie doch mal ein wenig Vorspiel anregen, so Finnerty. „Niemand hat mit ihr jemals so geredet“, erinnert sich der Arzt heute. Gemeinsam brüteten die beiden dann einen Schlachtplan aus, wie sie mit JFK ihr Sexleben diskutieren können ohne seine Maskulinität zu beleidigen. Jackie würde es so darstellen, dass sie sich im sexuellen Erlebnis „nicht voll miteinbezogen“ fühle und würde vor schlagen, so der Plan, wie er ihr dabei helfen könne. Später berichtete sie Finnerty über „ein erfolgreiches Gespräch beim Abendessen“, das den Sex des Präsidentenpaares erheblich verbessert habe.
Kennedys Affären waren in Washington Legende, auch wenn das Mediencorps sie als „Privatsache“ damals nicht als berichtenswert erachtete sondern eher als willkommenes Tratschthema beim Zuwarten in den Korridoren des Weißen Hauses. Es gab zwei Sekretärinnen namens „Fiddle“ und „Faddle“, Hollywoodstar Marilyn Monroe, die von Starautor Robert Dallek im Vorjahr geoutete, 19-Jährige Praktikantin Mimi Fahnestock, die bildhübsche, 27-Jährige Helen Chavchavadze, Mary Pinochet Meyer, die Schwägerin von „Washington Post“-Chefredakteur Ben Bradlee – „und dann noch Kanonenfutter wie eine Pam, eine Priscilla, Jill, gleich zwei davon, eine Janet, eine Kim und eine Diana“, so White-House-Pressekorps-Veteran Hugh Sidney. „Jackie musste rasch herausfinden, dass ihr Mann ein Serien-Ehebrecher war“, sagte Freundin Jessie Wood: „Doch sie entschied, es durchzustehen – sie muss ihn wohl sehr geliebt haben“. Sie erduldete die Dauerdehmütigung entweder durch aktives Wegschauen (meist gab sie dem White-House-Stab eine Vorwarnung über ihre baldige Ankunft, „um ihnen Zeit zu geben, die Kennedy-Freundinnen zu verstecken“, so Autor Dallek) oder sarkastische Kommentare: Als sie einen Reporter des französischen Magazins „Paris Match“ die Räume der Präsidentenresidenz zeigt und sie auf Sekretärin Fiddle stoßen, sagt sie gelassen auf französisch: „Das ist die Frau, die mit meinem Mann schläft…“ Doch knapp vor JFKs Tod im Herbst 1963 schien ihr der Geduldsfaden zu reißen: Zeugen berichten etwa, wie Geliebte Mary Meyers bei einer Party den Tränen nahe in den Garten lief, nachdem JFK offenbar die Beziehung beendete. Auch die Trauer um den Tod des dritten Kindes, Patrick, der nur zwei Tage alt wurde, hatte den Ehebund intensiviert. Erstmals hielt er ihre Hand beim Verlassen der Präsidentenmaschine, „sie war so verliebt in ihn wie niemals zuvor in der ganzen Zeit im Weißen Haus“, so Jackie-Freund Ed Klein, Autor einer weiteren Jackie Bio („Farewell Jackie“).

# 25. April: Die 9/11-Komission gegen Bush & Co

Der Moment ist so historisch, wie geheim, wie brisant und politisch explosiv. US-Präsident George W. Bush und Vize Dick Cheney sitzen in einem abhörsicheren Raum des Weißen Hauses (im Kürzelfanatischen Amerika benannt als „SKIF“ – secure-conference intelligence facility) den zehn Mitgliedern der Untersuchungskommission über den Terror-Anschlag des 11. September, kurz 9/11-Kommission gegenüber. 3000 Menschen starben im Jumbo-Horror in New York und Washington, die Attacke diente als Grundlage für die Bushs Antiterrorkrieg in Afghanistan und Irak. Doch nun muss „Kriegspräsident“ Bush hochnotpeinliche Fragen beantworten.
Vor allem: Warum etwa hat er nicht auf das inzwischen deklassifizierte Geheimdienst-Memo vom 6. August 2001 reagiert, in dem vor Al-Qaida-Attacken innerhalb der USA und möglichen Flugzeugentführungen gewarnt wurde? Warum brach er seinen fast zweimonatigen Urlaub auf seiner Ranch in Crawford, Texas, nicht ab, trommelte Geheimdienstchefs und Top-Berater zu eiligen Krisengesprächen zusammen? Und warum ließ er sein Team über „Starwars“-Raketenschirm und Neuordnungen der Beziehungen zu Russland und China träumen, obwohl sie vom scheidenden Clinton-Stab eindringlich gewarnt wurden: „Osama bin Ladens Al-Qaida ist die größte Bedrohung für Amerika“, hatte Clintons Nationaler Sicherheitsberater Sandy Berger seiner Nachfolgerin Condoleezza Rice unmissverständlich mitgeteilt.
Die 9/11-Kommission mit ihren fünf demokratischen und fünf republikanischen, teils inquisatorisch wie in einem Hollywood-Film Zeugen ausquetschenden Ermittlern ist in der US-Kapitale Washington zur packendsten Story des Frühjahres geworden – mit den Zeugen Bush und Cheney hat die Untersuchung ihren Höhepunkt erreicht. Verantwortlich für den Mediensturm war vor allem der spektakuläre Auftritt des Ex-„Antiterror-Zaren“ Dick Clarke: „Die Regierung hat Sie im Stich gelassen“, entschuldigte er sich bei den anwesenden, schluchtzenden Opferfamilien: „Und ich habe Sie im Stich gelassen“. Dann enthüllte er, wie niemand in Weißen Haus seine eindringlichen Warnungen vor einem Anschlag in den USA mit „hunderten Toten“ ernst nahm (und untermauerte seine Bush-Abrechnung mit dem Bestseller „Against all Enemies“).
Dabei mussten sich die teils aktivistischen Familien der Opfer des Infernos der New Yorker Twin-Tower (2.700 Opfer), der Washingtoner Pentagon (184 Tote) und dem Jumbo-Crash in Pennsylvania (?? Tote) mit rührenden Serienauftritten im US-TV erst erkämpfen: „Es wird keine Kommission geben, keine Hearings, und ganz sicher keine öffentlichen Aussagen von Top-Beratern“, hatte Bushs Oval Office noch vor einem Jahr den „9/11“-Familien ausgerichtet. Doch die ließen nicht locker, bombardierten den Kongress mit Herz zerreißenden Briefen, der die Untersuchung genehmigte. Seither sind Bush & Co am Rückzug: Zunächst wurde einer öffentlichen und beeideten Aussage von Rice zugestimmt (von allen TV-Networks life in Millionen Haushalte übertragen), dann rückte Bush von seiner Bedingung ab, bloß drei Kommissionsmitgliedern und nur maximal eine Stunde Rede und Antwort zu stehen. Einer Welle der Empörung folgte: Der so gerne Urlaub machende Präsident werde ja wohl mehr Zeit für die Untersuchung des größten Terror-Anschlag auf die USA aller Zeiten übrig haben, kritisierte etwa Präsidentschafts-Wahlgegner John Kerry. Übrig blieben zwei Bedingungen: Bushs Aussagen sind nicht unter Eid und Vize Cheney bliebt im 9/11-Verhör als „Babysitter“, wie Kolumnisten spöttelten, an seiner Seite.
Die politischen Konsequenzen des spektakulärsten U-Ausschusses seit der Untersuchung über den ebenso überraschenden Japaner-Angriff auf „Pearl Harbor“ und der „Warren“-Kommission über Hintergründe der JFK-Todesschüsse sind im US-Superwahljahr 2004 mit der Präsidentschaftswahl am 2. November noch nicht absehbar: „Es scheint paradox, doch Bush scheint die Kommission zur Zeit sogar zu helfen“, wundert sich Shaun Bowler, Politologe an der Uni „UCLA Riverside“, im NEWS-Gespräch: „Sie dominiert die Nachrichten, Sendezeit, die Kerry fehlt. Sie hat den Sauerstoff aus der Kerry-Kampagne gesaugt“. Und die Bürger glaubten nicht wirklich, dass Bush 9/11 verhindern hätte können, argumentiert der Politologe: Zuletzt hängte Bush Kerry in einer CNN-USA Today-Umfrage wieder deutlicher mit 50 zu 44 Prozent ab. Doch der Abschlussbericht ist für Ende Juli fällig, knapp vor dem Beginn der Demokraten-Wahl-„Convention“ in Boston. „Können die Demokraten die Bush-kritische Passagen richtig ausnützen“, so Bowler, „steht Bush in der wichtigen Wahlphase den Sommer über am Pranger“.
„Sind sie sich sicher?“, hatte das Bodenpersonal die Stewardess Betty Ong an Board des ersten Todes-Jumbo, American Airlines Flug Nr. 11, gefragt, als sie eine Entführung meldete. „Sie haben ihr nicht geglaubt“, sagte der scharfzüngige, demokratische Kommissions-Star Bob Kerrey: „Die Leute am Boden waren nicht vorbereitet für eine Flugzeugentführung“. Amerikaner und Weltbevölkerung teilten die Fassungslosigkeit, als um 8:46 Uhr mit dem Jumbo-Einschlag und der Explosion im 89. Stock des World Trade Center der Terror-Horror des 11. September begann. Der Anschlag schien aus dem Nichts zu kommen, völlig überraschend und unvorhersehbar. Die Arbeit der Kommission hat an diesem Mythos nun bereits heftig gerüttelt: Nach wochenlangen, öffentlichen Hearings, dem Durchforsten tausender Memos und Sitzungsprotokolle geht eindeutig hervor, dass sehr deutliche und detaillierte Warnungen vor einem dramatischen Al-Qaida-Schlag in den USA in den höchsten Kreisen der US-Regierung kursierten – und wie Politiker und Geheimdienste eklatant versagten.
Die Warnungen gipfelten in einem nun weltberühmten Memo, das Bush am 6. August erhielt: „Bin Laden zu einem Schlag in den USA entschlossen“, lautete der Titel des nun nach enormen Druck nun doch veröffentlichen Dokuments: Darin wird spezifisch vor einem von der Bundespolizei FBI vermeldeten, „verdächtigen Aktivitäten“, die auf „die Vorbereitung zu Flugzeugentführungen“ hindeuteten. Sogar von einem Gebäude in Lower Manhattan ist die Rede. Die Warnung hätte trotzdem „zu wenige Informationen über Zeitpunkt und Ort der möglichen Anschläge beinhaltet“, rechtfertigt sich Bush.
Doch der größte Fallout für Bush durch die 9/11-Enthüllungen wird wegen dem völligen Ignorieren der Bedrohung durch Al-Qaida und nun absurd anmutenden Prioritäten in den ersten acht Bush-Regierungsmonaten erwartet. Entlarvend ist der durchgesickerte Text einer Rede über Bedrohungsszenarien, die Rice am Abend des Terrorhorror-Tages geben hatte wollen: Darin schwadronierte sie etwa über den „Starwars“-Raketenabwehrschirm zum Schutz vor Schurkenstaaten á la Nordkorea – das Terrornetzwerk Al Qaida und Osama bin Laden wurde mit keinem Wort erwähnt. Alle Vorarbeit des Clinton-Teams, die 1998 Bin Laden bei einem Cruise-Missile-Schlag gegen ein afghanisches Trainingslager knapp verfehlten und ihn dann von der CIA auf die Todesliste hatten setzen lassen, wurde überheblich ignoriert: „ABC“, „Anything But Clinton“ (alles außer Clinton) lautete das arrogante Motto des neuen Bush-Teams: Rice definierte China als neue Bedrohung, Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gaben den Startschuss für einen Raketenabwehrschirm im Weltall, Bush verbrüderte sich deshalb sogar mit Russlands Wladimir Putin, um eine Aufhebung des, „Starwars“ verbietenden ABM-Vertrages aus dem Jahr 1972 zu erreichen. Rice ließ sich bis zum 4. September Zeit eine Al-Qaida-Strategie zu formulieren, die sich völlig mit dem Plan deckte, den ihr Terror-Zar Clarke bereits im Jänner übergeben hatte. Jetzt verteidigt Rice den Präsidenten, wonach er sich in insgesamt 40 Treffen mit CIA-Chef Tenet über Al Qaida informieren hatte lassen.
Doch selbst ein Inferno an Terror-Alarmen und das unüberhörbare Summen („Chatter“) in den abgehörten Al-Qaida-Kommunikationskanälen schien das selbstsichere Bush-Team nicht aus ihrer Lethargie zu reißen – dazu kommen haarsträubende Misskommunikationen und Pleiten, Pech und Pannen der Geheimdienste CIA und FBI:
# Bereits im Mai teilte CIA-Superspion Cofer Black Rice mit, dass die Terrorbedrohung bei 7 auf einer zehnteiligen Skala stehe, verglichen mit acht vor der Jahrtausendwende 2000, wo zwei Wochen zuvor tatsächlich ein geplanter Al-Qaida-Anschlag auf den L.A.-Airport aufgeflogen war. Das System „blinkte rot“, sagte Tenet aus.
# Am 5. Juli verbringt Tenet laut Eigenangaben bereits schlaflose Nächte wegen „Hinweisen auf einen bevorstehenden, massiven Terrorschlag“, Rice und Stabschef Andrew Card ordnen den heimischen Behörden, höchste Wachsamkeit. Auch an die Flugbehörde FAA geht ein Memo, ihr Chef, Verkehrsminister Norman Mineta bleibt jedoch uninformiert.
# Am 10. Juli schickt der FBI-Beamte Kenneth Williams ein Memo an das Headquarter in Washington und ans New-York-Büro, wonach er in Arizona auffallend viele Flugschüler mit Verbindungen zu islamischen Extremisten ortete. Bin Laden könnte seine Schüler in die USA zum Flugunterricht geschickt haben, schließt Williams. In Washington verschwindet das Memo in der Schublade, in New York schließen die Agenten, Bin Laden brauche wohl Piloten für seine Privatjets… Das Computersystem des FBI ist zudem so veraltet, dass in der FBI-Datenbank nicht einmal zwei Suchbegriffe wie etwa „Islamische Extremisten“ und „Flugschulen“ verknüpft werden können.
# Nach der Präsentation des Al-Qaida-Memos an Bush am 6. August gibt sich Bush mit der Tatsache zufrieden, dass die FBI in 70 Einzeluntersuchungen die Aufspürung von Terrorzellen im Land verfolge.
# Am 13. August wird in Minnesota der Franzose Zacharias Moussaouri verhaftet, nachdem er am Flugsimulator nur Fliegen, jedoch keine Starts und Landungen erlernen will. Die CIA verfasst daraufhin ein Memo mit dem Titel „Islamischer Extremist lernt fliegen“. CIA-Chef Tenet verzichtet, Bush darüber zu unterrichten. Das FBI-Headquarter lehnt den Antrag der örtlichen Agenten nach einer Abfrage von Auslands-Geheimdienstdaten ab. Die Abfrage hätte eine Verbindung zu anderen Figuren des 9/11-Komplotts gezeigt. Ein FBI-Agent warnt seine Bosse verzweifelt, Moussaoui könnte „ja die Kontrolle über einen Jumbo erlangen und ihn ins World Trade Center steuern“.
# Erst ab 23. August wird nach Khalid al-Midhar und Nawaf al-Hamzi, zwei der späteren Flugzeugentführer gesucht: Die beiden Männer waren der CIA seit der Überwachung eines 9/11-Planungstreffen im malaysischen Kuala Lumpur 2000 bekannt, doch weder FBI noch die Einwanderungsbehörde waren darüber unterrichtet worden, noch deren Al-Qaida-Verbindungen genau durchleuchtet worden.
Die Empfehlung einer völligen Neustrukturierung der in- und ausländischen Geheimdienste und die Etablierung eines neuen, CIA und FBI vorstehenden Super-Geheimdienstchefs hat die Kommission bereits durchblicken lassen. Ob es auch einen Neustart im Oval Office gibt, müssen die US-Wähler am 2. November entscheiden.

# 19. April: Bob Woodward: Inside Bushs Krieg

Ob US-Präsident George W. Bush jemals seinen Vater und Vorgänger Nr. 41 im Oval Office um Rat in Sachen Irak-Krieg gefragt hatte, wollte US-Staraufdecker Bob Woodward wissen. „Mein Vater ist nicht die geeignete Person, um nach Stärke zu suchen“, verblüffte Bush den Journalisten: „Ich wende mich da lieber an einen höheren Vater…“ So marschierte der fromme Präsident vor einem Jahr, Minuten nachdem er den Angriffsbefehl gegen Saddam gegeben hatte, am Jogging-Weg rund um das White House und betete: „Ich ersuchte um Stärke, um Gottes Willen zu vollstrecken“, erzählte Bush Woodward in einem der zwei, insgesamt dreieinhalb Stunden dauernden Interviews: „Nicht, dass ich meine Entscheidung auf meinen Gottglauben basieren ließ – dennoch bete ich, dass ich SEIN bestmöglicher Bote auf Erden sein kann. Und dann betete ich natürlich auch um Vergebung“.
Die kann der selbst-deklarierte „Kriegspräsident“ im tödlichen Irak-Debakel ein Jahr nach dem Sturz Saddam Husseins auch brauchen (99 GIs und über tausend Iraker starben allein in den ersten beiden April-Wochen). Dazu hat Woodwards Inside-Buch „Plan of Attack“ (Simon & Schuster, 467 Seiten) in der US-Kapitale Washington wie eine Bombe eingeschlagen: Der einstige Watergate-Aufdecker beschreibt nach Interviews mit 73 Key Players detailreich die geheimen Kriegsvorbereitungen, portraitiert Vize Dick Cheney als „mächtige Dampfwalze“, der wie im Wahn von Saddam-Ausschaltung besessen schien; einen technokratischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, dessen Detailplanungen sich auf die Invasion und nicht die Besatzung konzentrierten; einen skeptischen, warnenden, doch letztendlich loyalen Außenminister Colin Powell und einen meist daneben hauenden CIA-Chef George Tenet, der Bush die Existenz vom Massenvernichtungswaffen garantierte und nach dem Erstschlag euphorisch sogar den Tod Saddams vermeldete.
Begonnen hatten die Irak-Kriegsplanungen 72 Tage nach dem Terror-Horror des 11. September, als Bush Rumsfeld nach einem Treffen des „Kriegsrates“ physisch „am Ärmel nahm“, so Woodward, und ihn unter vier Augen in einem Nebenraum nach bestehenden, laut Rumsfeld überalterten Kriegsplänen gegen den Irak befragte. „Lass uns sofort damit beginnen“, ordnete Bush an. General Tommy Franks, der damals in Afghanistan Krieg führende US-Armeechef solle ausarbeiten, „was es bedarf, um Amerika durch die Ausschaltung Saddam Husseins sicherer zu machen“. Alle Aktivitäten sollten möglichst geheim gehalten werden, um keine „Angstzustände“, so Bush, im In- und Ausland zu provozieren. Franks, gerade auf der Jagd nach Osama bin Laden und den Taliban in Afghanistan, ließ zuerst eine Litanei an Obszönitäten los – und machte sich prompt an die Arbeit. Am 28. Dezember 2001 briefte der großgewachsene Militärhaudegen Bush in seiner Ranch in Crawford, Texas, über den Irak-„War Plan“. Nur über Afghanistan hätten die beiden geplaudert, log Franks die Journalisten nach dem Treffen an.
Der Zug war jedenfalls abgefahren und je mehr er in Schwung kam, desto „unausweichlicher“ wurde der Krieg, beschreibt Woodward die kommenden, fast 15 Monate bis zum ersten Missile-Schlag am 19. März 2003. Highlights des Buches haben die Skandalmaschinerie in Washington in Bewegung gesetzt – zahlreiche Ungereimtheiten haben einen Mediensturm in den USA entfacht. Mögliche Untersuchungen drohen bei zwei gravierenden Vorwürfen:
# 700 Millionen Dollar hatte Bush aus dem Afghanistan-Kriegsbudget für die Irak-Planungen abgezweigt – ohne Genehmigung des Kongresses, behauptet Woodward. Rund um das Oval Office rotieren seither die Bush-Berater: Der Präsident habe einen „gewissen Spielraum“ bei der Zuordnung von Kriegs-Geldmittel, wurde behauptet. Experten sind jedoch skeptisch.
# Bush hätte mit dem saudiarabischen US-Botschafter, Prinz Bandar, einem guten Freund des Bush-Clans, laut Woodward einen Deal abgeschlossen, wonach die Saudis die Benzinpreise just knapp vor den US-Präsidentschaftswahlen senken würden, um die US-Wirtschaft anzukurbeln. Als „ungeheuerlich“ bezeichnete der demokratische Bush-Gegenkandidat John Kerry pormpt die Vorwürfe.
# Bereits Mitte Jänner habe Bush die Entscheidung zum Waffengang getroffen, während der Welt noch zwei Monate lang diplomatische Bemühungen vorgegaukelt worden waren. „Ziehen sie ihre Soldaten-Uniform an“, sagt Bush zu Ex-General Powell. Als eine Art Zirkustrick will Stabschef Andrew Card die Doppelstratgie schönreden: Mit zwei Pferden sei Bush los geritten, einen Fuß um Sattel des „Kriegs“-Pferdes, den anderen im „Diplomaten“-Pferd – beide in Richtung Regimewechsel. Als ihn das Diplomatenpferd nicht dorthin brachte, hätte er einfach umgesattelt.
# Der Präsident unterstützte laut Woodward Rumsfeld Faszination für einen Discount-Krieg: Franks Originalplan „OP Plan 1003“ sah noch 400.000 Truppen vor, letztendlich zogen bloß 150.000 los. Genug für die Invasion, doch nicht für die Besatzung, wie zuletzt Vietnamheld Anthony Zinni über den „Billigkrieg“ wettert, der jetzt allen teuer zu stehen komme.
Andere Passagen lösen – besonders durch das eskalierende, blutige Chaos im Irak – fassungsloses Kopfschütteln über die Selbstsicherheit und Arroganz des „Commander in Chief“ aus, und beschreiben noch dramatischer als die zwei Polit-Bestseller des Jahres, Ex-Finanzminster Paul O´Neill und Ex-Terrorabwehrchef Dick Clark die regelrechte Faszination von Bush & Co über einen gewaltsamen Saddam-Sturz. Viele der wichtigsten Mitglieder des Kriegsrates wurden niemals um ihre Meinung gefragt, „weil er ohnehin wusste, was sie dachten“, outete sich Bush als Gedankenleser. Kein einziges Treffen (!) behandelte mögliche Konsequenzen eines Saddam-Sturzes, der folgenden Besatzung und die Auswirkungen auf den Antiterrorkrieg samt der Jagd auf Osama bin Laden. Schockierend scheint auch die Rolle von CIA-Chef George Tenet: Zuerst musste er zugeben, bloß fünf Spione im Irak zu haben. Nachdem er die Zahl auf 75 erhöhte, ihnen den poppigen Codenamen „ROCKSTARS“ verlieh, garantierte er bei einem Treffen Ende 2002 Bush die Existenz von Massenvernichtungswaffen. Zuerst hatte eine Präsentation mit Luftaufnahmen und Abhör-Protokollen selbst Bush nicht überzeugt. „Ist das alles was wir haben“, fragt der Präsident enttäuscht. Tenet sprang auf und versicherte Bush mit dem Händen fuchtelnd, dass der Fall wasserdicht sei. Die meisten Spione waren mit so vielen 100-Dollar-Banknoten gekauft worden, dass in Städten Kurdistans plötzlich das Wechselgeld fehlte, da zu viele selbst ein Tasse Kaffee mit Großgeld bezahlen hatten wollen. Tenet wird von Woodward neben Cheney als größter Kriegstreiber geschrieben.
Ausführlich dokumentiert Woodward Powells einsamen Widerstand: „Sie werden stolzer Besitzer von 25 Millionen Menschen“, warnte er Bush im Sommer 2002: „Sie werden Eigentümer ihrer Hoffnungen, ihrer Träume und ihrer Probleme“. „Sind Sie sich der Konsequenzen bewusst?“, wollte Powell im Jänner neuerlich wissen. Doch Bush wollte in dem 12 Minuten Gespräch nur wissen, ob er auf die Loyalität des populären Stabschef des ersten Golfkrieges 1991 zählen könne. Powell war als letzter über die Bush-Kriegsentscheidung informiert. Zwei Tage zuvor hatte Rumsfeld den detaillierten Kriegsplan mit dem Top-Secret-Stempel „NOFOR“ („No Foreign“, nicht für Ausländer) sogar Saudibotschafter Bandar präsentiert. Powells Verhältnis zu Vize Cheney sei durch das Irakzerwürfnis derart demoliert, schreibt Woodward, dass beide kaum mehr ein Wort miteinander wechseln. Powell habe den Cheney-Stab als „Gestapo Office“ bezeichnet, ein gefährliches Schattenkabinett mit direktem Draht ins Oval Office.
Die Bush-Falken inmitten des Buchbebens Powell als rachesüchtigen Chef-Woodward-Einflüsterer und „Verräter“ diskreditieren. „Powell hat sich um seinen Job geredet“, tobte ein anonymer Bush-Berater. Ein hohle Drohung: Kaum jemand rechnet bei einer Bush-Wiederwahl mit einer zweiten Powell-Amtsperiode.

# 8. März: Gibsons „Passion“

Die Studioboss des Filmriesen „20th Century Fox“ hatten abgewunken – einige sich vielleicht nach dem Meeting kichernd auf die Stirn geklopft. Ihr Gesprächspartner Mel Gibson war zwar als Hollywood-Star durchaus ernst zu nehmen, doch sein Vorschlag klang so, „als hätte er bei seinem vorigen Filmschlachten in Braveheart, The Patriot oder Lethal Weapon zu oft eine auf den Deckel bekommen“, wie es Filmkolumnist Geoff MetCalf formuliert: Ein Film über die letzten 12 Stunden im Leben von Jesus Christus, obwohl religiöse Filme zuvor oft zu peinlichen Flopps am Box-Office wurden? Dann alle Dialoge in gleich zwei toten Sprachen – Latein und Aramäisch – versehen mit Untertiteln? Als Gibson nach der Fox-Absage schwor, den Film in Eigenregie zu realisieren, schüttelten noch mehr Brancheninsider den Kopf. Der in Australien aufgewachsene Filmheld hätte damit gleich zwei der wichtigsten Grundregeln Hollywoods missachtet: Stecke niemals den eigens Geld in Produktion (gleich 25 Millionen in Gibsons Fall); und mache niemals Filme nach eigenem, persönlichem Geschmack (Gibson ist ein ultrafrommer Katholik, der das Zweite Vatikanische Konzil zur Kirchen-Modernisierung ablehnt).
Jetzt, zwei Jahre später, hat Gibsons religiöse Blutorgie „The Passion of the Christ“, wo er als Produzent, Regisseur und Ko-Drehbuchautor fungierte, nach einem fulminanten Start in 3.006 US-Kinos am Aschermittwoch bis zum Wochenbeginn sagenhafte 212 Millionen Dollar eingespielt – der Großteil der Profite fließt über die Firma „Icon Distribution, Inc.“ nun in Gibsons eigene Tasche. Und es könnte einer der profitabelsten Streifen aller Zeiten werden: Nach den 83,8 Millionen Dollar am ersten Wochenende demonstrierten Umsätze von 51,4 Millionen, dass „der Filme Beine hat“, so der Hollywood-Jargon: Dazu zählt lange anhaltendes Interesse, das einen Platz für in den Kinos garantiert – und ein erheblicher Teil von Fans, die sich das cineastische Leiden Jesu gleich mehrmals ansehen (diese Gruppe hatte etwa Titanic mit zum erfolgreichsten Kinohit aller Zeiten gemacht).
Gibson ereichte die Umsätze trotz eines für Hollywood mickrigen Werbebudgets von 15 Millionen Dollar (darunter ein Aufkleber auf einem „Nascar“-Rennauto) – großteils durch Gratis-Propaganda durch die seit einem Jahr (!) geführte Debatte in allen führenden US-Medien über historische Akkuranz, unterschwelligen Antisemitismus und der kuriosen Sektiererei Gibsons selbst. Als Geniestreich erwies sich jedoch die Taktik, den Streifen auserwählten Kirchenführern zuerst zu zeigen (inklusive dem Papst, der ihn angeblich wohlwollend goutierte, was dann dementiert wurde), die mit ihrem Netzwerk aus Radiotalkshows, Kirchengruppen und Websites für „The Passion“ als neues „Evangelisierungs-Instrument“ die Werbetrommel rührten. „Die beste Chance zur Konvertierung seit 2000 Jahren“, fassten Christen-Web-Sites das Phänomen zusammen. Kirchengruppen hatten 800 Kinosäle für Vor-Premiere gemietet, tausende zogen in regelrechten Prozessionen samt Kreuzträgern zu den Cineplex-Zentren. Mit Kinostarts nun rund um den Globus (Österreich: 18. März; Vertrieb: Constantin) rechnen Experten mit dem Sprung über die Milliarden-Dollar-Schallmauer.
Doch noch mehr verdient als durch Kinokartenverkäufe könnte beim begleitenden Merchandising werden – wo mehr auf Umsätze als auf Geschmack geachtet wurde: Mit Jesus-Nägeln in Originalgröße als Halskette ($ 16,99), verkaufen des Neuen Testaments mit dem blutenden Jesus-Schauspieler Jim Caviezel am Cover ($ 49,50), von der die „International Bible Society“ in den ersten Tagen 132.000 Stück absetzte. Erhältlich sind natürlich auch T-Shirts, die Filmmusik auf CD, „Erlebniskarten“ mit blutigen Bildern und weisen Sprüchen in aramänisch. Eine weitere Cash-Cow sind Rechte für DVDs und Videos – die letztendlich doch noch Fox ergatterte. Insgesamt könnte das Geschäft mit Jesus an die vier Milliarden Dollar erwirtschaften, glauben Branchenkenner in Los Angeles.
Grell scheint das Licht auch auf den frommen Schauspieler und Regisseur Mel Gibson: Erleuchtet sei der in New York geborene und Australien aufgewachsene, 47-Jährige, laut Eigenangaben therapierter Alkoholiker 1991 worden. „Ich musste die Passion drehen, um meine eigenen Wunden zu heilen“, erklärte er dem Magazin „New Yorker“. Gibson ist Teil einer erzkonservativen, in den USA 100.000 Mitglieder zählenden Katholiken-Bewegung, die alle Reformschritte zur Kirchenmodernisierung in den Sechzigern ablehnen (verbannt wurde Latein als Messe-Sprache oder offiziell dem Glauben widersprochen, die Juden als „Gottesmörder“ hätten Jesus gekillt). Seit 23 Jahre ist er mit Robyn Moore, Mitglied der epsikopalischen Kirche, verheiratet, sieben Kinder im Alter zwischen vier und 23 tummeln sich in seiner Malibu-Villa (Kleinkind Thomas darf den Film nicht sehen, das nächstälteste Geschwister, Milo, 14, sehr wohl). In Malibu baute Gibson auch die Traditionalisten-Kirche „Holy Family Chapel“. Mehr als der Film hatten Gibsons eigene Ansichten die Antisemitismus-Debatte um die Passion entfacht. Den Holocaust „verharmloste“ er, so seine Gegner, einmal, als er in einem Interview losdonnerte: „Ja, natürlich gibt es Massaker. Der Krieg ist furchtbar. Der Zweiten Weltkrieg hat Millionen Menschen hinweggerafft, darunter eben Juden in den Konzentrationslagern“. Mit solchen Statements verwende Gibson „die klassische Sprache zeitgenössischer Holocaust-Leugner“, polterte einer seiner erbitternsten Gegner, „New York Times“-Kolumnist Frank Rich. Gibsons Vater, der 85-Jährige Bibelforscher Hutton, hält den Holocaust gleich „großteils für Fiktion“, wie er in einem TV-Interview Tage vor der Passion-Premiere Öl ins Feuer goss.
Hollywood-Legende Steven Spielberg, der nach seinem Hit „Schindler´s Liste“ die „Shoa Foundation“ von Holocaustüberlebenden gründete, hat bisher jeden Kommentar zu der Gibson-Kontroverse verweigert. Doch seine jüdischen „Dreamworks“-Partner David Geffen und Jeffrey Katzenberg äußerten sich negativ, sogar das Wort „ruiniert“ kursiert im Zusammenhang mit der weiteren Gibson-Karriere in den Gängen der großen Filmstudios. Das war zumindest bevor die Millionen rollten: Jetzt lässt Gibson das Studio Fox wegen einer Vertragsverlängerung mit seiner Firma „Icon Productions“ zappeln und lässt andeuten, dass die Hollywood-Linke einen riesigen Markt vernachlässigt habe: 80 Millionen streng gläubige Christen allein in den USA. Und 60 Prozent aller Amerikaner halten sogar die Bibel für historisch bahre Münze. „Hollywood kann es sich bei sinkenden Kinoumsätzen nicht leisten, diesen Markt weiter zu vernachlässigen“, so „New York Times“-Kritiker A. O. Scott. Kein Wunder, dass Gibson weitere biblische Filmepen in Aussicht stellte.

# 2. März: Teresa Heinz – Fluch oder Segen für Kerry?

Teresa Heinz Kerry (65) verdeutlichte ihrem zweiten Ehemann eher drastisch, dass sie kein Hillary-Clinton-Schicksal als Politikergattin dulden werde: Sie werden ihn, sollte der fünf Jahre jüngere John Kerry jemals aus dem Ehehafen ausbrechen, zwar nicht umbringen, doch zumindest signifikant „verstümmeln“, wie sie einer Elle-Reporterin im Small-Talk anvertraute. Als vor einigen Wochen erste Gerüchte über eine Affäre mit der 27-Jährigen Praktikantin Alex Polier auftauchten, muss Kerry wohl ordentlich um die Sicherheit bestimmter Körperteile gebangt haben. Polier ließ schließlich dementieren – die angebliche „Affäre“ verschwand rasch wieder aus der Klatschpresse.
Auch sonst ist die Gattin von Demokraten-Frontrunner John Kerry eine außergewöhnliche Frau: Sie ist so elegant wie dezent gekleidet und zurecht gestylt, hat eine leise Stimme, mit der sie mitunter provokante Thesen verbreitet, ist Erbin eines Vermögens von 550 Millionen Dollar, Verwalterin des mit 1,2 Milliarden Dollar dotierten Wohltätigkeitsfonds des Heinz-Food-Imperiums. Dazu spricht Teresa fünf Sprachen, sie ist weltoffen, hat die Welt gesehen, ist weit liberaler als ihr Gatte, engagiert sich für die Umwelt und ist eine Kämpferin gegen den Klimakollaps. Alles irgendwie fast zu viel für das paranoide Amerika nach dem 11. September. „Eher wird sie zur Belastung als zum Trumpf für Kerrys Wahlkampf gegen George W. Bush“, warnt die „New York Times“: Die oft zu undiplomatische Powerfrau mit ihrem Faible für Alternativ-Medizin á la „Tai Chi“, die mit täglich drei Wahlkampf-Stopps mehr rackert als der Kandidat selbst, könnte leicht ins Visier der Bush-Schmutzkübel-Experten geraten.
Teresa wuchs auf als Tochter eines portugiesischen Arztes im Afrika-Staat Mozambique. Sie studiert in Südafrika und der Schweiz. Während der Ausbildung als Dolmetscherin in Genf lernte sie Mr. John Heinz kennen, der sich als Sohn eines Suppenherstellers – ein Understatement, denn Heinz macht nicht nur Ketchup und Suppen sondern setzt heute als „H. J. Heinz Company“ mit 38.900 Mitarbeitern pro Jahr 8,2 Milliarden Dollar um.
25 Jahre war sie mit Heinz verheiratet, zog drei Söhne groß. Als Heinz für die Republikaner in den Senat gewählt wurde, begann auch ihre Laufbahn als Politikergattin. 1991 klingelte das Telefon, die Maschine ihres Gatten sei mit einem Helikopter kollidiert, ihr Mann sei tot. Zuvor war John Kerrys Ehe mit Frau Nummer Eins, der an Depressionen leidenden Julia, gescheitert: Zwei Töchter hatte das Paar großgezogen. Kerry gilt in Washington und seinem Heimatstadt Boston zu dieser Zeit als Hallodri – bevor er beim Klimagipfel in Rio de Janeiro die Witwe Teresa in einer Kirche wieder trifft. „Er fiel mir auf, da er bei den portugiesischen Chorälen mitsang“, erinnert sie sich. 1995 wird geheiratet, legendär ist bis heute der mehrer hundert Seiten starke Heiratsvertrag („Pre-Nup“), der die Vermögensverhältnisse penibel regelt. Kerrys ließ seine erste Ehe annullieren, um eine kirchliche Heirat der beiden Katholiken zu ermöglichen.
Gerne erzählen das Powerhaus aus Politik und Reichtum – T.H.K & J.F.K, so ihr Kürzel in der US-Presse – über ihre Liebesgeschichte, besonders natürlich die Anekdote, wo ihm Teresa „das Leben rettet“: Als Kerry 2002 von einem Routine-Doktor-Checkup heimkam und über seine niedrigen Cholesterinwerte prahlte, studierte die Arzttochter den Befund sorgfältig und entdeckte, anders als Kerrys Arzt, auffallend hohe Werte eines C-reaktiven Proteins: Und die deuteten tatsächlich auf ein Frühstadium von Prostatakrebs hin, der dann durch eine rasche Operation entfernt werden konnte.
Jetzt könnte sie erste Immigrantin als First Lady seit 1829 werden, wenn sie ihr „politisches Fettnapf-Treten“, so ein Kerry-Kampagnen-Insider einstellt, das meist auf schlichte Ehrlichkeit zurückzuführen ist: „Die USA sind wie ein Baby“, sagt sie einmal, „anders als viele europäische Staaten gäbe es nach nur 227 Jahren nicht so tief verwurzelte Institution“. Sicher richtig, doch provokant für stolze US-Patrioten. Ihren Mann verglich sie mit einem „Wein, der im Alter immer besser werde“. Auch eher harmlos, doch die Republikaner nahmen die Aussage zum Anlass, die Kerrys als Weintrinker zu deklarieren. Dann plauderte sie offenherzig über ihre „Botox-Spritzen“ zur Faltenbeseitigung und löste ein skurrile Debatte am Internet aus, ob sich auch John Kerry während des Vorwahlkampfes einen der Schönheitsinjektionen verpassen hatte lassen. Ihr Talent für Kontroverse ist nicht neu: Den Nachfolger ihres Senatorgatten Eins, John Heinz, hatte sie „Forrest Gump“ geheißen, einen Vollidioten.
Der Kerry-Heinz-Clan sorgt inzwischen für Glanz- und Glamour-Stories in der Klatschpresse: „Kerry Camelot“ taufte die New York Post die mögliche „First Family“, berichtete aufgeregt über das Geburtstagsfest „on Bord“ des Kerry-Kampagnen-Fliegers seiner Tochter Alexandra zum Dreißiger, einer Filmstudentin in Los Angeles. Links von der Torte stand ihre Schwester Vanessa, 27, die in Boston Medizin studiert. Bereits Legende ist die Beziehung von Teresas Sohn, dem „JFKjr.-Look-a-Like“ Chris Heinz zu Hollywood-Star Gwyneth Paltrow. Chris liebt die Politik, bereits vor dem Einstieg seines Stiefvaters in den Präsidentschafts-Wahlkampf 2004 war eine Kongress-Kandidatur prognostiziert worden. „Jetzt werden die Kids massiv John und Teresa unterstützen“, freut sich ein Kampagnen-Manager: „Sie werden sicher Wähler bringen“.
Teresa Heinz-Kerry, die im „Gulfstream II“-Privatjet (verziert mit „Ketchup-Rot“, wie Gegner ätzen) in Sachen Wahlkampf durch die Bundesstaaten düst, wird auch innerhalb des Kerry-Teams eine große Rolle zugeschrieben, ähnlich der von JFK-Nichte Maria Shriver bei der Polit-Karriere Arnold Schwarzeneggers in Kalifornien. Im Herbst soll sie die treibende Kraft hinter dem Rauswurf von Kerrys ersten, glücklosen Wahlmanagers gewesen sein – ein Schritt, der die Kampagne vor dem Untergang bewahrte. Auch als Senatoren-Gattin war Teresa politisch hoch aktiv: Ihre Stiftung förderte frühe Bildungsprogramme für Kids, oder Arzneimittel-Förderungen für Alte – beide Programme wurden jetzt von Kerrys für seinen Wahlkampf adaptiert. „Teresa verursacht durch ihr Charisma bei jedem Gegenüber ein Prickeln“, schwärmt ihr Freund, der Immobilienkönig Sam Grossman. Und der Politiker Bob Cranmer fügt an: „Sie hat echte natürlich Klasse, als First Lady würde sich Vorgängerin Hillary Clinton wohl massiv bedroht fühlen“.

# 1. März: Bush in Bedrängnis

Ein wenig klang es, als wollte sich US-Präsident George W. Bush selbst Mut zu reden. „Die Gruppe meiner demokratischen Gegner ist eine Gruppe mit recht unterschiedlichen Ansichten“, sagte der Texaner vor den versammelten, republikanischen Gouverneuren in Washington: „Für Steuersenkungen und dagegen, für harte Terrorabwehrmaßnahmen, und dagegen, für die Befreiung des Irak, dann dagegen“. Dann pausiert Bush, sein Gesicht verzieht sich zum verschmitzen Grinsen, einer Art Trademark, die oft herablassend, mitunter schlicht dämlich wirkt. „Und das ist bloß ein Senator aus Massachusetts…“. Gelächter im Saal. Doch insgesamt fühlt sich kaum wer rund um den Präsidenten zum Scherzen aufgelegt: Gemeint hat Bush natürlich den Vietnam-Kriegshelden John Kerry, Spitzname „Neuer JFK“, der mit einer Siegesserie in den Demokraten-Primaries zum Hoffungsträger der US-Opposition wurde, die geschlossen, engagiert und motiviert wie vielleicht nie zuvor dem selbstdeklarierten „Kriegspräsidenten“ am 2. November wie seinen Vater einen Hinauswurf aus dem Oval Office nach nur einer Amtsperiode bescheren will. Und seit der großgewachsene, schlacksige, 60-Jährige in einigen Umfragen mit 52 zu 43 Prozent führt, schrillen im Bush-Wiederwahl-Hauptquartier, einem schlichten Zweckbau in Arlington, Virginia, die Alarmglocken: Bei den letzten Wiederwahl-Kampagnen hatte etwa Präsident Bill Clinton 1996 acht Monate vor der Wahl bereits deutlich gegen Herausforderer Bob Dole geführt, Ronald Reagan sogar doppelstelligen Prozent-Vorsprung 1984 gegen Walter Mondale. „Wir werden wohl bis in den Sommer hinein hinter den Demokraten zurückliegen“, schraubt ein Bush-Kampagnen-Stratege die Erwartungshaltungen bereits deutlich nach unten.
Tatsächlich schaffte es Bush vom haushohen Favoriten nach der Saddam-Verhaftung und kräftigen Lebenszeichen der US-Wirtschaf zum Underdog in bloß ein paar Wochen. Die hatten es in sich, fast alle Blamagen passierten genau bei Themen, die Politologen als wichtigste Schlager der 2004-Wahlschlacht erachten:
# Zuerst depürte ihn sein eigener Irak-Waffeninspektor David Kay mit der frustrierenden Einsicht, dass Saddam keine der als wichtigsten Kriegsgrund genannten apokalyptischen Arsenale an Massenvernichtungswaffen (WMD) vor der Invasion besessen hatte und „alle irgendwie richtig daneben gelegen sind“, wie Kay wörtlich bei einem Hearing vor staunenden Senatoren verkündete;
# Dann lässt sich die boomende Wirtschaft trotz Börsenfeuerwerk und wachsenden Firmenprofiten Zeit, die für Bush so herbeigesehnten Arbeitsplätze zu kreieren. In einer bunten Hochglanzbroschüre hatte das Weiße Haus noch von 2,6 Millionen neuen Jobs allein in diesem Jahr geträumt – doch schon am nächsten Tage zogen Wirtschaftsminister und Bush-Chefökonomen die eigenen Zahlen in Zweifel. Eine Blamage. Und Bush wird als erster Präsident seit Herbert Hoover in die Geschichte eingehen, unter dem Arbeitsplätze vernicht wurden (dabei steuerte Hoover Amerika durch die Große Depression der Dreißiger);
# Als Bush per einstündigem Fernseh-Interview ausgerechnet mit dem knallharten TV-Reporter Tim Russert versuchte, wieder Fuß zu fassen, blamierte er sich stotternd, uninformiert, schlecht vorbereitet und überzeugte wenige. Dabei wollte sich Bush als „entschlossener Macher“ präsentieren, der die USA vor Terroristen schützte und durch schwierige Wirtschaftszeiten steuerte;
# Und zuletzt regte auch noch Währungshüter Alan Greenspan wegen dem Rekord-Budget-Defizit von 521 Milliarden Dollar heuer und prognostizierten 2,7 Billionen für die nächsten zehn Jahre an, die Pensionsbeiträge für die Generation der Babyboomer zu kürzen – ein Wahlschlager, auf den der Amtsinhaber wohl gerne verzichtet hätte.
„Ich wundere mich, dass wir nicht noch weiter hinten sind“, sagt ein Bush-Insider. Eine nüchterne Aussage, bei den zur Zeit desaströsen Umfragewerten für Bush: Seine Popularität sackte auf den Tiefststand von 48 Prozent ab, bloß 43 Prozent wollen ihn wieder wählen. „Die Stärke von Bush war stets ein gut zusammen arbeitender, loyaler Stab, der Entscheidungen rasch und professionell umsetzte“, analysiert Watergate-Aufdecker Bob Woodward: „Jetzt ist das Team etwas außer Tritt geraten“, fügt der Starjournalist an, der gerade an einem weitere Bush-Buch werkt. Der diesmal besonders spannende Primary-Saison garantierte den Demokraten wochenlange, umfassende Medien-Reports und eine Plattform, die Bush-Fehlschläge auszuschlachten:
# Durch seine arrogante, aggressive Präventivkriegspolitik wäre die USA im sündteuren und blutigen Irakschlammassel gelandet, hätte die Welt gegen sich aufgebracht;
# zu Hause rücksichtlose Steuergeschenke für die Reichen das Budget gesprengt und ein Amerika der zwei Gesellschaften – „eines für eine kleine Schicht Mächtiger und Wohlhabender, das andere für den Rest von uns“, wie es Seantor John Edwards formuliert.
Und Kerry fand in dem langen und harte Vorwahlkampf ein ideales Umfeld für die Generalprobe für einen Showdown gegen Bush. Während er im Herbst noch hölzern, steif, abgehoben und politisch orientierungslos knapp dem vorzeitigen Ende entronnen ist (ein mit seiner Riesenvilla besicherter Privatkredit von sechs Millionen Dollar rettete die Kampagne), hat die damals angeheuerte Ex-Clinton-Stretegin Mary Cahill eine dramatische Kehrtwende geschafft. „Comeback Kerry“, wie er sich nach seinem Sensationssieg in Iowa taufte, zieht fortan im Flanellhemd und einer Schar amputierter Kriegsveteranen durchs Land, erzählt gerne, dass er als, mit dutzenden Tapferkeitsorden dekorierter Ex-Soldat mehr Ahnung habe vom Leben als Flugzeugträgern, als der im Mai in Fliegeruniform „verkleidete“, auf der USS Abraham Lincoln gelandete Präsident – dessen Verdacht auf „Drückebergertum“ während des Vietnamkriegs zuletzt die Washingtoner Skandalpresse zum Rotieren brachte. Und, was die demokratische Parteibasis hoffnungsfroh macht: Kerry schwört, sich von der republikanischen Schmutzkübel-Maschinerie nicht fertig machen lassen zu wollen – wie der Zauderling Al Gore 2000 oder der als „Liberaler“ und „aktiver Gewerkschafter“ stigmatisierte Michael Dukakis 1988. Bei Kerrys Kampfschrei „Bring it on!“ grölen oft 2000 mit. Übersetzt: Traut euch doch! Ich lasse mir nichts gefallen!
Nationale Umfragen sind interessant, doch alles andere als entscheidend: In Amerikas byzanthinischem Wahlsystem werden 536 Wahlmännerstimmen in 50 Bundesstaaten vergeben – und die Nation ist so gespalten wie 2000, wo Al Gore trotz einen nationalen Überhang von 200.000 Stimmen nach einer Niederlage im Florida-Nachwahl-Thriller mit drei Wahlmännerstimmen unterlag. Jetzt räumt Bush neuerlich im Süden, den Rockies und den Mittleren Westen ab, Kerry führt an der Nordost- und Westküste. „Wie immer werden die Wahlen von wenigen Unentschlossenen in einigen Schaukelstaaten entschieden“, sagt „Columbia“-Politologe Bob Shapiro. Und die Schicht der begehrten Wechselwähler wird in dem Land immer dünner, weniger als zehn Prozent können noch für Bush oder Kerry begeistert werden. Kunstvolle Namen haben die Tüftler in den Kampagnen-Zentralen den Wechselwählern gegeben, „Soccer Mums“, Hausfrauen in den Vorstädten, die ihre Kids zwischen Fußballfeld, Klavierunterricht und Schule herumkutschieren, oder „Nascar Dads“, Fans der im Süden populären Autorennen – grantige Weiße mit meist miesen Jobs, großteils Bush-Anhänger, wo durch den Job-Frust Kerry-Überläufer zu holen sind.
Zentral für den Erfolg des Massachusetts-Senators im Herbst sind die nächsten Monate, wenn er für die lange Wahlschlacht des Sommer und Frühherbstes rüstet: Im „Fundraising“, dem Spendensammeln, liegt Kerry mit seit Beginn des Jahres aufgestellten zehn Millionen Dollar gegenüber der nun mit über 150 Millionen dotierten Bush-Kriegskasse weit zurück. Neue, strengere Wahlgesetze limitieren zudem die Spenden auf 2.000 Dollar pro Person, und der keinen Vorwahlen ausgesetzte Bush hatte das ganze Vorjahr Zeit derartige Einzelspender zu finden. Kerry zu Hilfe kommen aktionistische Gruppen names „527“ (nach ihrem Steuerbefreiungs-Code), die wie die Irakkriegsgegner-Gruppe „moveon.org“ mit provokanten TV-Spotts gegen Bush wettern. Der milliardenschwere Währungsspekulant George Soros ist die Abwahl des für „USA und Erdball gleichermaßen brandgefährlichen Bush“ ein derartiges Anliegen, dass er gleich zehn Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen spendete.
Kerrys Chefstrategin Cahill muss vom Headquarter in Downtown Washington aus Kerrys derzeitige Schwächen bei Wechselwählern und Südstaatlern ausbügeln und sich auf die wichtigsten Wahlkampfthemen konzentrieren: In der Vorwoche attackierte Kerry den Präsidenten frontal in Sachen nationaler Sicherheit, dem laut Umfragen stärksten Ass in Bushes Ärmel: Der Antiterrorkrieg hätte den Hass auf Amerika vergrößert, engste Verbündete vor den Kopf gestoßen, während an der Heimatfront das Geld zur Antiterrorabwehr fehle, polterte der Senator und versprach eine „effektivere, stärkere und verständlichere Strategie“ gegen Al Qaida und Schurkenstaaten. Heftig attackiert wird auch die Wirtschaftspolitik von Bush & Co, wo Firmen gar Steuergeschenke erhalten, wenn sie Jobs in Entwicklungsländer verfrachten. Und überhaupt, so Kerry, hätte Bush, der 2000 noch als großer „Uniter“, als Vereiniger, antrat, das Land polarisiert wie niemand zuvor. Das US-Magazin „Time“ bildete ihn zuletzt am Cover mit einem Kuss-Abdruck und blauem Auge ab und nannte ihn „Liebe-in-Hasse-ihn“-Präsidenten.
„Das Imperium schlägt zurück“ heißt hingegen der Slogan für diese Woche unter den allesamt glatt rasierten, stets mit Anzug und Krawatte gelassen vor sich hin werkenden Bush-Wahlhelfern (ein starker Kontrast zum oft turbulenten „War Room“ unter Clinton, wie sich Time mokierte). Beeindruckend ist die Organisation der „Bodentruppen“, ein Netzwerk aus Wahlhelfer in allen 1.189 Bezirken in den wahlwichtigsten 18 Bundesstaaten. 800.000 Anrufe sollen bis Juni abgewickelt werden. Auch die erste Staffel an TV-Spotts wurde diese Woche losgelassen, die Bush als „entschlossenen, Prinzipien folgenden Führer“ darstellen, der die Wirtschaft ankurbelt und Terror-Bösewichten das Fürchten lehrt.
Kerry hingegen sei ein liberaler, wankelmütiger Ostküsten-Aristokrat, der in seinen 19 Senatsjahren in 6.500 Abstimmungen seine Fahne stets in den Wind gehängt hätte (inzwischen füllen ganzen Regalreihen an Aktenordnern über Kerry-Votes das Bush-Quartier). „Und dann gibt es noch die unoffizielle, üble Mundpropaganda“, so „Time“-Kolumnist und Bestsellerautor Joe Klein. Zuletzt war ein Zitat von Kerrys Frau, der 500 Millionen Dollar schweren Heinz-Ketschup-Erbin Teresa, per Email an Bush-Fans verschickt worden, wonach sie ihren Mann mit einem „alten Wein“ verglich. „Das soll suggerieren, dass die Kerrys Wein trinken“, so Klein, „französischen vielleicht sogar“.
Irgendwie sehe Kerry auch „französisch“ aus, wird gerne bei Republikanertreffen erzählt. Gerne hält er sich auf in den Promi-Ressorts von Nantucket, Idaho oder Davos – einen starken Kontrast will Bush-Polit-Guru Karl Rove jedenfalls zum kumpelhaften, das Gestrüpp seiner Texas-Ranch zurchtstutzende Hobby-Ranger Bush herausarbeiten. Bush selbst macht sich keine Illusionen, dass seine Wiederwahl alles andere als garantiert sei. „Es wird sehr knapp werden, aber ich werde gewinnen“, sagte er vier zum deftigen Dinner geladenen Republikaner-Gouverneuren, darunter auch Bruder Jeb. Kerry hingegen beendet jede Wahlansprache: Mr. President, stoßen sie sich den Kopf nicht an der Türe beim Abgang aus dem Oval Office“.