# 28. Dezember: So entkam der News-Herausgeber der Tsunami-Hölle


Das erste Anzeichen der Katastrophe kam für NEWS-Geschäftsführer Rudy Klausnitzer, der mit Gattin Isabella und Sohn Rafael im Ressort „Koko Palm“ am Traumstrand „Bang Sang“ gut hundert Kilometer nördlich von Phuket ausspannte, in der Form eines harmlos aussehenden, weißen Streifens weit draußen im Meer. Zuerst denkt er an das Brechen der Wellen an einem Riff, dass zuvor nicht bemerkt worden war. Er hält das Phänomen mit dem Fotoapparat fest. „Da sich die in der Bucht ankernden Boote nicht bewegten“, sagt Klausnitzer, „dachte ich auch nicht, dass uns Gefahr droht“. Als die Boote im letzten Moment doch hektische Ausweichmanöver starten, ist es bereits fast zu spät: „Wir starrten in diese Wasserwand“, sagen beide fast im Chor: „Wie in einem Roland-Emmerich-Katastrophenfilm“. Auch andere Touristen und das Personal stehen wie gelähmt vor der heranrasenden Riesenwelle. Isabella sagt noch zu Rafael fast scherzhaft, dass das wie eine Tsunami aussehe.
Sekunden später rennt die Familie um ihr Leben, knapp hinter ihnen die brodelnde, braune Brühe. Je mehr Material – Erde, Sand, Stühle, Gebäudeteile – die Flutwelle mitreißt, desto mehr erinnert sie an eine Mure, erinnern sie sich. Gerettet hat sie ein Hügel, auf dem sie durch dichtes Gestrüpp, so dick „wie in einem Dschungel“, so Klausnitzer, flüchten. Mit hunderten anderen Überlebenden sitzen sie zwei Stunden am Hang und starren fassungslos auf die völlig platt gewalzte, einst so kunstvoll, meist aus Holz errichtete Urlaubssiedlung. Doch nach dem Horror kommt für Klausnitzer die nächste Überraschung, diesmal eine positive: „Die Thailänder und auch die vielen Flüchtlinge aus dem nahen Burma, die als Hilfskräfte arbeiten, sind in Sachen Hilfsbereitschaft über sich hinausgewachsen“, sagt er. Obwohl sie selbst natürlich betroffen waren, um ihr Leben rannten und Kollegen in der See verschwinden sahen. Klausnitzer, in Badehose und T-Shirt, erhält Schuhe, Isabella, die Geldbörse und Handy retten konnte, einen „Bareo“, den traditionellen burmesischen Sarong.
Rasch werden die Überlebenden in ein nahes Dorf gebracht, warten in der Gemeindehalle. „Sofort gab es Wasser, Essen, weitere Kleidung, alles war enorm gut organisiert“, so Klausnitzer. Auch das Knattern der Armeehubschrauber ist bald zu hören, die nach Überlebenden suchen. Die Nacht verbringen sie im einfachen Dorfhaus der Familie ihres Zimmermädchens, werden verpflegt, erhalten Decken, „alles was die Familie erübrigen konnte“, so Klausnitzer. Dank des geretteten Handies können Tochter und Verwandte in Wien per SMS benachrichtigt werden.
Niemals vergessen werden sie aber auch die tragischen Momente: Der junge Mann aus München, der bei einer Massage von der Flutwelle überrascht wurde, sich retten konnte, doch seine Eltern vermisst; das belgische Pärchen, dass zusammengehockt und bitter weinend am Hang saß, da die Fluten ihnen ihr Kind aus dem Armen und in den Tod riss. Während des Gesprächs berichtet der Manager der Anlage, der seine Gäste letztendlich im schicken „JW Marriott“ einquartierte, dass sie an diesem Tag 15 Leichen aus dem Meer gefischt hatten. „Alle, die im Bungalow waren, und die Welle nicht kommen sahen“, sagt Klausnitzer, „hatten keine Chance“. Aber auch unglaubliche Geschichten des Überlebens gibt es: Die Frau etwa aus Hamburg, die in die brodelnde See hinaus gespült wurde, sich an einem zufällig vorbei treibenden Rettungsreifen festhalten konnte, und mit der nächsten Welle wieder den Strand erreichte. Genau vor ihrem zerstörten Bungalow ging sie an Land. „Für den Tourismus in Thailand ist das eine Katastrophe“, warnt Klausnitzer vor den wirtschaftlichen Langzeitfolgen: Hunderttausende haben ihren Job verloren. Ohne jegliches soziales Auffangnetz ist das für die eine echte Tragödie.

# 9. Dezember: Chronologie einer Wahlschlacht: So verlor John Kerry

Am Ende blieb US-Präsident George W. Bush in Sachen weltweitem Sympathiedefizit nur mehr Galgenhumor: „Ich danke den Kanadiern für ihr nettes Winken“, sagte er kürzlich beim Staatsbesuch in Ottawa: „Zumindest denen, die alle fünf Finger dabei verwendeten“. Denn Minuten zuvor hatte ihm die Menschenmenge eher den Stinkefinger entgegengestreckt. Doch globales Nasenrümpfen hatte am stets breitbeinig und mit rausgestreckter Brust marschierenden Bush noch nie Dellen im Selbstvertrauen hinterlassen. „Ich habe politisches Kapital verdient“, sagte er am Folgetag der historischen Wahlschlacht gegen Demokraten-Senator John F. Kerry, den er mit 60.608.582 zu 57.288.974 Stimmen, sowie 286 zu 252 Wahlmännerstimmen abgehängt hatte: „Und ich habe vor, es auch auszugeben“. Nach dem ersten Schock des urbanen Amerika (in Manhattan mit einem 82-Prozent-Kerry-Erdrutschergebnis wurden sogar Psychiatrie-Praxen gestürmt) und der Welt (in nur vier von 200 Staaten wird Bush von einer Bevölkerungsmehrheit unterstützt) wird bange gefragt: Was bedeuten „Four more Years“?
Bush hat jedenfalls ein Kabinett der „Ja-Sager“ um sich geschart: Der gefallene Rockstar des Kabinetts, Colin Powell, ein offener Kritiker der Irakinvasion, wird ersetzt mit der engsten Bush-Vertrauten Condoleezza Rice, deren Nähe zum Präsidenten einen „Mind Melt“, eine Verschmelzung der Ansichten, auslöste. Weiters macht Bush seinen Leibanwalt Alberto Gonzales zum Justizminister, eine enge Freundin aus Texas, Margaret Spellings, zur Bildungsministerin. Nur der durch Folterskandal und Irak-Fehlplanungen tatsächlich rücktrittsreife Minister, Pentagonchef Donald Rumsfeld, bleibt im Amt.
Fortan will Bush offenbar im totalen Gleichschritt mit einem Kabinett voller freundlicher Texaner seine „Visionen“ umsetzen:
# Im Irakkrieg hält Bush eisern an dem, „von den neokonservativen Naiven“ (Starjournalist Seymour Hersh) verfassten Drehbuch zum „Aufbau einer Musterdemokratie in Nahost“ fest. Doch sollte sich nicht rasch eine Wende im immer brutaleren Kampf gegen die Aufständischen abzeichnen (mit 136 toten GIs war der November zum blutigsten Monat des ganzen Irakabenteuers geworden), könnte wegen auslaufender Geduld der US-Bürger und der durch die mit bisher 225 Milliarden Dollar horrenden Kriegskosten eskalierenden Budgetkrise rasch ein massives Zurückstecken der Ziele samt Truppenabzug diskutiert werden. Im Streit mit weiteren Nationen der „Achse des Bösen“, Iran und Nordkorea, bleiben Bush durch den Irakkrieg militärisch praktisch die Hände gebunden. „Im Iraksumpf ist auch die Bush-Doktrin der Präventivkriege versunken“, sagt Newsweek-Autor Michael Hirsch. Trotz gelegentlicher martialischer Rhetorik neokonservativer Hardlinern rund um Vize Dick Cheney wird auf Diplomatie gesetzt.
# Im Inneren droht durch Neubesetzungen des greisen, neunköpfigen Richtergremiums des „Supreme Courts“ eine Neuauflage der Kulturkriege: Amerikas Religiöse Rechte, deren millionenfaches Auftauchen an den Wahlurnen Bush die Wiederwahl sicherte, drängen auf die Installierung rechter Richter, um Abtreibung, Homoehen und sonstiges „Gotteslästerliches Verhalten“, so der nun einflussreichste Christen-Fundi James Dobson. Gröbere Probleme als mit der demoralisierten Demokraten-Opposition drohen Bush eher vom radikalen Flügel seiner eigenen Republikaner-Partei. Arrogant und berauscht von ihrer historischen Machtfülle schert sich der Kongress immer weniger um populäre Reformprojekten: Zuletzt hatten zwei Abgeordnete die von der populären 9/11-Komission vorgeschlagene Totalreform des US-Geheimdienst-Apparat fast zum Entgleisen gebracht.
# Die Schwäche des US-Dollars signalisiert, dass Bushs Politik aus Steuersenkungen und hemmungslosen Schuldenmachen an ihre Grenzen stößt: Das Haushaltsdefizit war zuletzt auf 412,5 Milliarden Dollar explodiert, das Minus in der Handelsbilanz soll sich im nächsten Jahr auf über 600 Milliarden Dollar ausweiten. Finanziert werden die immer größeren Löcher im Schuldenland Amerika durch Staatsanleihen, großteils gekauft von Händlern in China und Japan. Auf Dauer sei das „kaum durchzuhalten“, warnte Topbanker Alan Greenspan. Doch statt Einsparungsplänen plant Bush neue Projekte auf Pump: Die Teilprivatisierung des Pensionssystems „Social Security“ etwa soll durch neue Kredite finanziert werden.
Doch immer noch wird in den USA debattiert, wie Bush in der bittersten, brutalsten und teuersten Wahlschlacht der 228-Jährigen US-Geschichte trotz Irakdebakel und magerer Innenpolitikbilanz seinen Sessel im Oval Office behalten hatte können. Reporter von „Newsweek“ durften monatelang hinter die Kulissen der Bush- und Kerry-Kampagnen sehen. Enthüllt wurden peinliche wie sehr persönliche Momente der Kandidaten, die oft haarsträubende Inkompetenz des Kerry-Teams, die Flausen seiner Millionärs-Gattin Teresa – oder die Überheblichkeit der Bush-Helfer.
Erstaunlich scheint die Dimension, mit der sich Bush und Kerry gegenseitig verabscheuten:
# Schon an der Yale-Eliteuni hasste Bush Strebertypen wie den zwei Jahre älteren Kerry, die ihr ganzes Schlaumeiertum und ihrer liberale Ideologie „gottesfürchtigen, hart arbeitenden Bürgern“, so Starautor Howard Fineman, aufoktruieren wollten. Kerry im Besonderen sei für Bush ein pseudo-intellektueller, französisch aussehender und agierender Schnösel, ein wankelmütiges Weichei.
# Kerry wiederum verabscheute die ausgelassene Clique der Söhne aus gutem Haus, zu arrogant oder engstirnig, um die Welt draußen wahrzunehmen. Für Kerry sei Bush „eine Dumpfbacke, der aufgeplustert und breitschultrig durch die Welt stapft, obwohl er den Kopf im Sand stecken hat“, wie es Fineman formuliert. Einmal, mitten in einer der vielen Kerry-Krisen platze es aus dem Diplomatensohn aus der Bostoner Schickeria heraus: „Ich kann nicht glauben, dass ich gegen so einen Idioten verlieren kann“.
Kerrys Schwächen waren rasch ersichtlich: Anders als Bill Clinton, der die Energien der Massen beim Händeschütteln richtig aufsaugte, musste sich der steife, schüchterne Einzelgänger zu jedem Wahlkampfauftritt fast überwinden. Er verabscheute es, sich in Reden zu wiederholen, fatal für Politiker. Dazu verirrte er sich in endlosen Schachtelsätzen, führte Audienzen mitunter durch einen wirren Mix an Reformideen in ein geistiges Koma, trieb seinen Stab durch das kontinuierlich Einholen von Ideen per Handy und ständigem Raunzen an den Rand des Wahnsinns: „Ich bekomme nicht genug Zeit für Sport“, beschwerte er sich, „meine Rede kam zu spät, ihr habt mir zu viele Termine aufgebrummt“. Die Kampagne vertraute Kerry Bob Shrum an, dem stets, auch im Sommer mit Schal gekleideten Polit-Profi, der jedoch die sechs letzten Wahlen für seine Klienten verloren hatte, inklusive Al Gore im Jahr 2000. Shrum hatte die fatalste Entscheidung zu verantworten, als er Angriffe gegen Bush zu lange verboten hatte: Seinen Vater hatte er gefragt, einem pensionierten Arbeiter, der gerne Kabel-TV schaut und der ihm versicherte, eine Schlammschlacht würde Wähler bloß vertreiben…
Kerrys, durch ihr „Heinz“-Ketchuperbe 800 Millionen Dollar schwere Gattin Teresa, war zudem mehr Ärgernis als Hilfe. Sie fiel auf als Hypochonder und Egomanin, die lieber über ihre Botox-Faltenspritzen redete, als ihren Gatten zu preisen. Sie kippte Abends oft zu viele Gläser Rotwein, stapfte missmutig und mit dicken Sonnenbrillen hinter Kerry her, nervte ihn selbst kurz vor Wahlkampfauftritten mit Sonderwünschen á la „Hol mir bitte Wasser“. „General! Lass uns gehen“, stöhnte Kerry oft.
Der Bush-Stab hingegen wird als effektiv, gut gemanagt, immer auf eine konsistente, simple Botschaft fokusiert beschrieben. Sie werkten in einem gesichtslosen Bürokomplex in Arlington, Virginia, stets adrett gekleidet, dazu eine verordnete Fröhlichkeit. Ihr zynischer Leitspruch lautete: „Wrong and Strong“ siegt gegen „Bright and Right“. Oft machten sie aus ihrem regerechten Mitleid mit dem hoffnungslosen Kerry-Stab kein Hehl. Den Bush-„War Room“ leitete der glatzköpfige Steve Schmidt, der aussah wie eine „Artilleriegranate“, so Newsweek, und gerne durch Großraumbüro brüllte: „Kill! Kill! Kill!“ Oft wurde Kerry in die Falle geführt: Kurz vor einer geplanten Kerry-Rede in Westvirginia ließen sie TV-Spotts laufen, die Kerry wegen seines Neins im Senat zu einem 87-Milliarden-Dollar-Paket zur Truppenfinanzierung kritisierten. Prompt wurde er von einem Bürger deshalb attackiert und verirrte sich in den fatalsten Satz des ganzen Wahlkampfes. „Eigentlich habe ich für die 87 Milliarden Dollar gestimmt, bevor ich dagegen stimmte“, wollte sich Kerry über die oft bizarren Verfahren im Kongress lustig machen. Im War Room jubelten die Bush-Schlammschlacht-Experten: Stunden später landete der Satz in einer Anti-Kerry-Werbung. Das Statement wurde fortan ausgeschlachtet für die zentrale Botschaft, Kerry sei ein rückratloser „Flip-Flopper“, zu unstet, um die USA in Zeiten des Terrorkrieges führen zu können.
Die Attacken gegen Kerry waren so präzise und skrupellos, sodass er nie davonziehen konnte – trotz der Flut an Horrornachrichten für Bush: Der Irak schlitterte im April an den Rand des Bürgerkrieges, der Abu-Ghraib-Folterskandal sorgte für weltweites Entsetzen, Michael Moores Bush-Abrechnung „Fahrenheit 9/11“ lockte Millionen in die Kinos.
Rove zeigte sich trotz alarmierend niedriger Popularitätswerte gelassen, exekutierte seinen detaillierten Vierjahresplan: Dabei sollte das Heer der frommen „Evangelicals“ mobilisierte werden, jene ihre Häuser und Autos mit Stars-and-Stripes-Flaggen versehenden Provinz-Patrioten. Bush, der asketische Ex-Trunkenbold, verlangte von seinem Stab eiserne Disziplin in seinem hektischen Alltag als Weltenführer und Wahlkämpfer. Priorität Nr. Eins: Genug Zeit für Schlaf und Fitness, sowie der pünktliche Start von Meetings. First Lady Laura spielte im Gegensatz zu der eigenwilligen Teresa ihre Rolle als Politikergattin perfekt: Sie tourte durchs Land, gab brav ihre 25-Minuten-Standardreden, paukte mit „Bushie“ Wahlkampfreden.
Mit der Nominierung des Sunny Boys John Edwards als „Running Mate“ und dem Parteitag in Boston wollte Kerry davonziehen: Doch die Politshow fokusierte zu sehr auf seine Vietnam-Heldengeschichten, als er sich bei seiner Rede „Zum Dienst meldete“ oder umringt von Veteranen auf einem Schleppkahn durch den Boston-Hafen tuckerte. Prompt nahm eine Kerry wegen seiner Kriegsproteste hassende Gruppe namens „Swift Boat Veterans for Truth“ die Legende auseinander: Kerry hätte sich seine Tapferkeitsorden erschwindelt und Verletzung zwecks raschem Heimreiseticket aufgebauscht. Die Lügen der „Swifties“, gesponsert von Bush-Freunden aus Texas, waren rasch entlarvt – doch die TV-Spotts wirkten verheerend. Kerry wehrte sich erst, als der Schaden nachhaltig war.
Bushs Parteitag in New York schien mit der schamlosen Ausnützung des Terror-Horrors des 11. September fast eine Vorentscheidung herbeizuführen: Bush als resoluter Bürger-Beschützer zog mit bis zu 13 Punkten Vorsprung deutlich davon. Kerry hatte nun nichts mehr zu verlieren, eine Truppe knallharter Ex-Clinton-Mitarbeiter versuchten per Totalangriff gegen Bush, vor allem wegen dem Irakdebakel, ein Comeback zu erzwingen. In einem der regelmäßigen zwischen alter und neuer Führung ausgebrochenen Grabenkämpfe brach Guru James Carville in Tränen aus. In den TV-Debatten macht sich die neue Strategie bezahlt: Rove verfolgte die erste Konfrontation im Wellness Center der Uni in Miami, Florida, und bekam – offenbar bereits sehr siegessicher – nicht einmal mit, dass sein Boss gerade ein Waterloo erlitt: Fast wie ein zorniges Kindes agierte er so, als würde er sich als Präsident derart kritische Fragen und Beschuldigungen gerne verbitten, so wie er dass im Umgang mit Untergebenen und zahmen Reportern gewohnt war. Kerry wirkte weit präsidialer als der Präsident. Um Langredner Kerry beizubringen, die Zweiminutenregel für Statements einzuhalten, hatten Mitarbeiter bei der Redevorbereitung sogar eine Feuerwehrsirene herangekarrt.
Trotz Millionenspenden aus Hollywood und New York für die Neuregistrierung neuer Wähler, konnten die Demokraten gegen Roves jahrelange Vorarbeit letztendlich nichts ausrichten: Besonders in ländlichen Gebieten gingen so viele wählen wie noch nie. Bushs Gegner war hingegen nie der „Comeback Kerry“, der Boxer, der in der letzten Runde Gegner niederschlägt. Die Story war ein Mythos, hochgehalten von seinen Helfern und den Medien: Bis zum letzten Wahlkampfauftritt plagten den Senator längst vergessen geglaubte Probleme wie das Fehlen einer klaren Botschaft, überlange Sätze und Redezeiten. Den Ausschlag scheint jedoch letztendlich doch pure Angst gegeben haben: Als letzten TV-Spot ließ Bush Wölfe aufmarschieren, die sich stellvertretend für die Terroristen zu Angriffen zusammenrotten. Drei Tage vor der Wahl tauchte dann auch noch Osama bin Laden per Videotape auf, ein Vorfall, den Kerry selbst für wahlentscheidend hält. „Es war Osama“, rief er Fox-News-Reporter Geraldo Rivera am Rande der Clinton-Bibliothekseröffnung Wochen später zu. Um 22:30 Uhr am Wahlabend des 2. November triumphierte Rove schließlich im Roosevelt Room des Weißen Hauses, wo sich der durch Kerry-freundliche Exit Polls nervöse Bush-Clan versammelt hatte: „Wir gewinnen Florida und Ohio – Game over für die Demokraten“.

# 6. Dezember: Kultfigur Governator am „Vanity Fair“-Cover

Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie, 21 Jahre alt, Nichte einer Legende, des 1961 erschossenen Präsidenten John F. Kennedy, Mitglied des mächtigsten Politclans Amerikas, er, 28-Jährig, Einwanderer aus Österreich, Bodybuilder mit Riesen-Bizeps. „Augenblicklich fühlte ich mich angezogen“, sagt Maria Shriver heute, „ich fand ihn attraktiv, lustig und originell“. Natürlich hätte sie, aufgewachsen in einer Umgebung, wo Onkel John und Bobby ihre Präsidentschaftskampagnen planten, am Einfachsten „Typen wie John Kerry, geschniegelte Streber aus Yale oder Harvard“ heiraten können. „Doch die mochte ich nicht, mein ganzes Leben war ich von ihnen umgeben, ich wollte ausbrechen von der Familienbürde, unter der ich zu ersticken drohte“, sagt Shriver, heute 49 Jahre alt. Da kam Arnold gerade recht: Er erzählte Maria von seinen Träumen, ein großer Hollywoodstar zu werden, samt dazu gehörenden Millionenvillen, flotten Autos und globaler Starpower. Gegenüber seiner künftigen Schwiegermutter Eunice schwärmte er gleich beim ersten Treffen, was für einen „großartigen Arsch“ ihre Tochter habe.
Während viele im Kennedy-Clan vielleicht abschätzig den Kopf schüttelten über diese rohe Naturgewalt aus den Alpen, so hat es Maria nie bereut: „Ich habe mich in Arnold selbst gefunden, wie ich wirklich sein wollte, unberechenbar, outrageous, trotz aller Konsequenzen, die nicht immer nur rosig sind“. Und nach all den Jahren fänden sie sich gegenseitig so „hot“ wie zu Beginn. Und, so Shriver: „Es gab keine einzigen Moment, wo ich mich gelangweilt habe – ich habe hart an unsere Ehe gearbeitet und es hat sich ausgezahlt“. Freunde würden das durch Kommentare á la „wir hätten gerne was du und Arnold habt“ bestätigen, sagt sie stolz.
Nach all den Meilensteinen in Schwarzeneggers Jahrhundertkarriere über Bodybuilding-Champ, Hollywoodstar und „Governator“ Kaliforniens, dem 35-Millionen-Einwohnerstaat mit der fünfgrößten Wirtschaft der Erde, schaffte der in Thal bei Graz geborenen Aufsteiger ein weiteres Highlight: In brauner Lederjacke, lässig auf einer kultigen Harley Davidson sitzend, Kaliforniens First Lady an ihn geschmiegt, prangt er vom Cover des berühmtesten US-Magazins „Vanity Fair“. Starfotografin Annie Leibovitz lieferte die berührenden Schwarzweiß-Bilder eines verliebten Paares an der schroffen Pazifikküste – inszeniert wie ein Happy End in einem Hollywood-Film. Für PR-Profi Arnie scheint der Vanity-Fair-Coup der Auftakt seiner Kampagne für das ultimative Ziel seines kometenhaften Aufstieges zu sein: Das „Oval Office“, obwohl für ihn als Einwanderer dafür erst die Verfassung geändert werden müsste.
Im Doppelinterview plaudern Arnie und Marie in noch nie gekannter Offenheit über die Geheimnisse ihrer Ehe, den Kampf der beiden Power-Partner um ihre jeweiligen Karrieren – und ihre Ambitionen für die Zukunft. Die größte Herausforderung für das Traumpaar kam durch Arnies Entscheidung, bei den „Recall“-Gouverneurswahlen 2003 anzutreten. Maria fürchtete um ihre Karriere als Star des NBC-Journals „Dateline“, um Presse-Enthüllungen über Arnies Vergangenheit, um die Privatsphäre ihrer vier Kids, Katherine (15), Christina (13), Patrick (11) und Christopher (6). Und dann hätte sie als Kennedy auch noch prompt eingeholt, von dem sie ihr ganzes Leben – und besonders durch ihre unorthodoxe Gattenwahl – davongerannt war: Eine Politiker-Ehefrau zu werden. Und alle ihre Befürchtungen bestätigten sich, auf teils äußerst schmerzhafte Weise: „Es hat sehr, sehr weh getan“, erinnert sie sich an die Enthüllungen der „L.A. Times“ im Wahlkampffinale, wonach Arnie 16 Frauen in seiner Vergangenheit sexuell belästigt (begrapscht, geküsst, oder sonst wie angemacht) haben. Es bohrten sich die Gedanken in ihr Gehirn, ob doch etwas was dran sein könnte an den Stories. „Ich musste tief in mich gehen, in meinen eigenen Erfahrungen kramen: Es ist ja mein Mann, meine Ehe, meine persönlichen Erfahrung – und es wuchs in mir die Kampfeslust, diese Anschuldigungen zu entkräften“. Fast als Ironie kamen ihre Gedanken an Hillary Clinton vor, die einst auch Bill mehrmals wegen Sex-Affären vor dem Untergang rettete. Den Kindern sagte sie bloß, dass Leute viele Dinge sagen, von denen einige wahr seien, andere nicht. „Wenn immer ihr Fragen habt, wendet euch bitte an uns“, flehte sie damals: „Und vergesst nie: Euer Vater ist ein guter Mann, und er will den Leuten nur helfen“. Arnie selbst beteuerte: „Das ist doch Unsinn. Ich weiß selbst am besten, was ich gemacht haben könnte und das jemand kommen kann, der sagt, ich hatte geflirtet, was ich mitunter ja mache! Doch das war wirklich nichts – und nach den Enthüllungen zeigten die Umfragekurven prompt nach oben“. Doch am bittersten ist Shriver darüber, dass sie tatsächlich ihren Job als NBC-Reporterin verlor. „Bob Shapiro rief mich gleich nach der triumphalen Wahlnacht an“, erinnert sie sich: „Verlängere deinen Urlaub“, hätte der kühl gesagt.
Arnold, wie die Kalifornier ihren mit 65 Prozent Zustimmungsrate hochpopulären Gouverneur ehrfurchtsvoll nennen, hat selbst aus seinen Ambitionen kein Hehl gemacht. Schon als er Ende der 70iger die Kultdoku „Pumping Iron“ über seine Bodybuilder-Karriere promotete, offenbarte er einem belgischen Publizisten: „Ich werde der Topschauspieler Amerikas sein – und eines Tages auch Präsident“. Während eine Initiative namens „Amend for Arnold“ bereits eine Kampagne zur Verfassungsänderung läuft, wodurch auch im Ausland geborene für das White House kandidieren könnten, regiert Arnie den Westküstenmegastaat mit Geschick, Charme und ohne krampfhaft seine früheren Karrieren vergessen machen zu wollen: Im Sitzungszimmer seines Gouverneurs-Büros im Kapitol-Kuppelbau in Sacramento hängt das riesige Schwert aus dem Streifen „Conan, the Barbarian“ mit dem er seinen Durchbruch in Hollywood schaffte. Erstaunte Sitzungsteilnehmer erzählten, dass er es bei festgefahrenen Verhandlungen mitunter martialisch durch die Luft schwingt und betont: „So werde ich das Budget kürzen!“ In einem Raum seiner Brentwood-Villa, wo er mitunter Stars wie Wirtschaftsguru Milton Friedman oder Ex-Außenminister George Shultz zu Beratungen lädt, hängt ein von LeRoy Neiman fabriziertes, riesiges Ölgemälde, dass Arnold splitternackt zeigt. Ausgerechnet Watergate-Präsident Richard Nixon hatte ihn zum Republikaner gemacht, ihm einst höchstpersönlich zur Polit-Karriere geraten: „Ich sollte über einen Einstieg in die Politik nachdenken, sagte er“, erinnert sich Arnie im Vanity-Fair-Interview: Ich hätte gute Instinkte und die Gabe, „mit Leuten sofort zu connecten“, so Arnie. Immer wieder versuchten ihn seine Schwiegereltern, Sargent und Eunice Shriver, seine Euphorie über Nixon zu relativieren: „Das ist kein ehrlicher Mann, den du da bewunderst“, sagten sie oft. Das knallharte Politgeschäft hat er so schnell gelernt, dass selbst enge Vertraut stauen. „Das war gar nichts“, erinnert er sich an seine perfekte Rede am Republikaner-Parteitag in New York Anfang September, als er erstmals vor einem nationalen TV-Publikum für Furore sorgte: „Ich übe solche Reden immer sorgfältig, wie alle meine Aktionen vorher geprobt werden“, lässt er Erfahrungen aus der Filmwelt durchblicken. Die phantasievollen Passagen über das „sozialistische Österreich“ und Sowjetpanzern vor seiner Haustüre passten ebenfalls ins Konzept des spannenden Drehbuches seiner steilen Einwandererkarriere.
Arnie und Maria schützen ihr Privatleben sonst wie den Goldschatz in Fort Knox, doch einige Details ließen sie jetzt durchsickern. Der Zusammenschluss des Republikaners mit der Demokratin habe mitunter auch Konsequenzen für ihr Sexualleben: „Nach meiner Rede bei der Konvention hab es keinen Sex für 14 Tage“, enthüllt Arnie ausgerechnet bei einem öffentlichen Vortrag vor Hunderten. Aus dem LA-Nobelsuburb Brentwood, wo die 1026-Quadratmeter-Millionenvilla der Schwarzeneggers liegt, kamen ebenfalls Gerüchte, wonach Maria bis wenige Stunden vor dem Abflug nicht mit ihm nach New York gehen wollte. „Zuletzt sah ich dann doch kein Entrinnen aus meiner Realität“, sagt sie: „Ich stellte klar, dass ich in New York bin, um meinen Gatten zu unterstützen und keinesfalls den Präsidenten“. Arnies Sohn Patrick verwehrte bei jedem von Daddies Seitenhiebe auf die Demokraten bewusst jeglichen Beifall.
Was wenige wussten: Den riesigen Schlafraum des Paares zieren Wasserfarbengemälde von Christbäumen, einem Schneemann und romantische Phantasiegemälde mit Herzen. Der Künstler ist Arnold himself, sogar einen eigenen Raum hat er sich eingerichtet, wo er die Bilder als „Geschenke an seine Familie“, wie er sagt, malt. Dort liegt auch einen Karte zum „Valentine´s Day“ mit der Aufschrift: „Ich liebe dich, weil du mich liebst!“. Ihr Bett ist mitunter Schauplatz von Marias kreativem Redeschwall. Die First Lady Kaliforniens sucht täglich in dutzenden Gesprächen, davon mehrmals mit ihrer Mutter, Ideen, Ansätze von Problemlösungen, Austausch von Infos. Dann bombardiert sie Arnie mit neuen Ideen, was wer wann zu wem gesagt habe, oft bis spät am Abend. „Maria, bitte“, stöhnt dann der Governator: „Ich brauche jetzt Schlaf!“ Mitunter macht sich Arnie über seine Frau und die berühmte Kennedy-Schwiegerfamilie auch lustig: „Maria, ihre Mutter und ihre Großmutter sind so geizig“, scherzt er, „dass sie immer das gleiche anhätten, wenn ich ihnen nicht dauernd Kleider kaufen würde“.
Doch gleichzeitig ist Maria auch Arnies beste Beraterin, beide sind ein eingespieltes Team: Schon während der Hollywood-Zeiten las sie jedes Drehbuch, half bei Verhandlungen und der Pressearbeit, heute hat sie ihm bei der Nominierung von insgesamt 1.600 Spitzenbeamten geholfen, wehrt zu tiefe Einschnitte in das Sozialnetz ab und half bei der Kreation eines mit drei Milliarden Dollar dotierten Fonds zur Stammzellenforschung mit – einer Initiative, mit der Arnie in direkter Opposition mit der Bush-Politik steht. Marias Chefcoachrolle offenbart sie dramatisch, als beide mit Vanity-Reporterin Marie Brenner an einem Tisch sitzen. „Was würden sie machen, wenn Kalifornien ein eigenes Land wäre und sie der Präsident“, wollte die wissen. „Mach das nicht, Arnold“, warnte Maria vor einer möglichen Falle. Arnie erläutert trotzdem, doch zu unbeholfen, wie Maria befindet: „Was Arnold eigentlich meint“, sagt sie, „ist, dass Kalifornien an vorderster Front bei wichtigen Entwicklungen steht und die ganze Welt davon fasziniert ist – und alle wollen alles wissen über Arnold“. Der Gepriesene wirkt während Marias Redeschwall abwesend, wissend, dass sie einfach viele Sachen besser erklären kann als er. Doch als sie über ihren eigenen Kampf in ihrem Leben erzählt, wirkt Arnold plötzlich verärgert. „Wer braucht die ganze Zeit nach etwas zu suchen“, protestiert er. „Es ist keine Suche“, schnappt sie zurück: „Es ist eine Lernprozess für den eigenes Leben“. Als sie dann auch noch die Story ihrer Lieblingsautorin, Schwester Joan Chittister, zitiert, seufzt Arnie leise: „Deine ganzen Stories und Theorien verwirren mich meist“, sagt er. „Lebenslektionen“, korrigiert sie ihn wieder.

# 29. November: Diana unplugged

Es ist ein insgesamt 83 Minuten langes Video. Sprachtrainer Peter Settelen nahm die Bänder in der Lounge ihres Apartments im Londoner Kensington Palace in einer 16-Monate-Priode in 1992-93 auf. Settelen hat eine langen Rechtsstreit über die Eigentümerschaft der Bänder 2003 gegen die Royals gewonnen, damals noch geschworen, sie aus „Respekt vor Diana“ niemals veröffentlichen zu wollen. Ironie: Wegen der horrenden Anwaltskosten im Streit, Dianas Willen zu respektieren, wurde er zum Verkauf der Tapes gezwungen. Wie viel NBC für die Bänder bezahlt hat, ist unbekannt.
Di über ihre „komische“ Sex-Beziehung zu Charles:
„Mein Instinkt sagte mit, dass irgendwas dabei nicht stimmte. Er gab alle drei Wochen mal vage Andeutungen, dass er Sex will. Aber es war nie eine Notwendigkeit für ihn. Und ich begann zu glauben, dass er diesen eigenartigen Rhythmus folgt. Er hatte vor unserer Hochzeit auch diese Lady (Camilla) alle drei Wochen gesehen… Nach vier Jahren gab es überhaupt keinen Sex mehr.“
Di über Camilla Parler-Bowles:
„Ich habe ihn konfrontiert wegen ihr: Warum, sagte ich, muss es sein, dass es da immer diese Lady gibt? Doch er winkte nur ab, sagte, es sei sein Geburtsrecht, Mistressen zu haben. Ich weigere mich, der einzige Prince of Wales zu sein, der keine Mistress hat, sagt er. Und dann ging ich zur Top-Lady, der Queen, und ich weinte. Ich sagte: Was soll ich tun? Ich komme zu dir um Rat einzuholen. Und sie antwortete: Ich weiß nicht, was du da tun kannst. Charles ist hoffungslos. Und das war alles. Das war ihre „Hilfe“. Deshalb habe ich mich nie wieder an sie mit persönlichen Problemen gewandt, da ich zu niemanden gehe, der mir bei meinem ersten Anliegen nicht helfen will. Und dann hörte ich sie immer sagen: ,Diese Diana, nie sagt sie was, sillly girl…`“
Di über den Tod ihres Bodyguards und Liebhabers Barry Mannakee, der 1987 bei einem Motorradunfall verstarb:
„Er war der netteste, den ich jemals hatte. Sie haben alles herausgefunden und ihn dann rausgeschmissen. Und dann wurde er ermordet. Man hat ihn wohl runtergestoßen. Wir werden es nie genau wissen. Es war der schwerste Schlag in meinem Leben“.
Di über ihren ersten Kuss mit Charles:
„Ich sagte: Du musst sehr einsam sein. Du brachst jemand an deiner Seite. Uff! Falsches Wort. Da beugte er sich plötzlich über mich und begann mich zu küssen. Überall. Ich sagte: Wohhaaa. So machen das die Leute nicht mehr. Und dann hat er mich den ganzen Abend lang richtig verfolgt, wie ein Schoßhündchen. Ich fühlte mich geehrt, aber es war auch sehr eigenartig.“
Di über Charles hofieren:
„Es gab keine Beständigkeit in seinem Hofierverhalten. Er rief mich jeden Tag an, ein ganze Woche lang. Und dann plötzlich, würde er nicht mit mir sprechen wollen – ganze drei Wochen lang. Sehr eigenartig. Und ich habe das akzeptiert. Er wusste, wo er mich finden konnte. Und dann gab es diese Aufregung, wenn er wieder mal anrief. Es war sehr intensiv. Meine Wohnungskolleginnen waren ganz verrückt nach der Story. Für mich war es, hmm, irgendwie doch sehr eigenartig. Wir haben uns nur 13 Mal vor unserer Hochzeit getroffen“.
Di über Kommentar von Charles in einem Interview am Verlobungstag:
„Ich wurde großgezogen im Glauben, dass, wenn man mit jemanden verlobt ist, man diese Person auch liebt. Und das außergewöhnlichste Ding war dieses schreckliche Interview an dem Tag, wo wir unsere Verlobung bekannt gaben. Dieser lächerliche ITN-Mann fragte: Sind sie verliebt? Wow, was für eine tolle Frage. Und ich sage: Natürlich sind wir verliebt! Und dann dreht sich Charles zu mir und sagt: Was immer Liebe heißt… Ich war völlig niedergeschlagen, seine Antwort hat mich völlig traumatisiert.“ Ob sie die Episode jemals bei Charles angesprochen hatte, wollte Settelen wissen: „Oh, nein, ich hätte mich niemals getraut!“
Di über ihre Essstörungen:
„Ich war so wütend, so am Boden zerstört, und dann wurde ich magersüchtig. Man ist völlig isoliert. Und dann haben sie meine Krankheit für die Eheprobleme verantwortlich gemacht. Und nicht umgekehrt. Sie ließen mich wissen, dass ich es nicht wert bin für die Royals. Und ich habe mir das auch noch zu Herzen genommen“.
Di über ihre Horrorleben im Palast:
„Es gibt dort niemanden, den man physisch anschreien könnte. Oder umarmen. Oder jemand, der zuhört!“
Di über ihre Eltern:
„Meine Eltern haben mir niemals gesagt, dass sie mich lieben. Keine Umarmungen, gar nichts. Nur ab und zu ein Küsschen auf die Wange. Sie haben mir immer gesagt ich sei zu fett, oder dumm und mein Bruder immer der Star.“
Di über Troubles mit ihrer eigenen Familie, besonders mit ihrer Stiefmutter, Countess Raine Spencer:
„Ich hätte diese Stiefmutter erwürgen können, weil sie mir so viel Kummer bereitete. Sie sagt andauernd zu mir: Oh, Diana, die bist so unglücklich in deiner eigenen Ehe und bloß eifersüchtig wegen der von deinem Daddy und mir. Doch Eifersucht war keinesfalls meine Agenda, es waren ihre Taten, die mich so verbitterten“.
Di über einen Streit mit ihrem Vater, nachdem er Raine heiratete:
„Ich wurde so wütend, dass ich ihm ins Gesicht schlug. Das ist von uns allen, sagte ich für alle meine Geschwister stellvertretend.“
Di über ihr neues Leben nach Charles:
„Ich wusste immer, das etwas wichtiges in meinem Leben passieren wird. Und ich nur Wasser trat, um die Zeit zu überbrücken. Ich wusste nicht einmal, was es sein wird. Und auch nicht wann, nächstes Jahr, nächsten Monat. Aber ich wusste, das ich anders als meine Freundinnen war und ich es erreichen werde. Und nach all den Jahren wusste ich: Ich habe die Royales irgendwie mit ihrem eigenen Spiel geschlagen. Wann immer ich am Boden war, habe ich mich wieder aufgerichtet“.

# 16. November: Condi – Portrait der neuen Madam Secretary

Condoleezza Rice hat eine etwas piepsende Stimme und wenn sie unter Druck – wie etwa vor dem Senats-U-Ausschuss in Sachen 11. September – Rede und Antwort steht, wirkt sie nervöser als alle anderen im Saal. Doch dabei sind ihre Argumente messerscharf (durch ihre langjährige Polit-Erfahrung als Top-Beraterin von Bush senior und junior), durchdacht (immerhin leitete die Intellektuelle die Elite-Uni Stanford), ihre Antworten sind schlagkräftig (als Farbige hatte sie während ihrer ganzen Kariere härter als andere kämpfen müssen), ihr Auftreten elegant (sie hat mehrere Ganzkörperspiegel in ihrem Büro). Doch das meiste Selbstbewusstsein kommt durch ihre Rolle als Bush-Vertraute mit der meisten „Face Time“, Vieraugenzeit mit George W. Bush – der wichtigsten Währung für Macht in der US-Kapitale: Als nationale Sicherheitsberaterin ist sie am Morgen die erste, die Bush im Oval Office empfängt, sie ist die letzte, mit der er vor der Bettruhe Probleme erörtert.
Doch die Vieraugen-Zeit geht über die übliche Job Description weit hinaus: Die farbige Power-Politikerin mit dem gewinnenden Lächeln, durchgestylten Auftreten und knallharter Durchsetzungskraft begleitet Bush meist auf den Landsitz Camp David oder seine Ranch im Texas-Nest Crawford. Dort plaudern, beraten und relaxen sie oft stundenlang, manchmal spielt „Condi“, so der Spitzname der ausgebildeten Konzertpianistin, am Klavier. Sie teilt auch mit Bush eine regelrechte Obsession mit den Nationalsport American Football. „Sie ist eine sehr aufmerksame Person“, urteilte Bush einmal, „die mich wie eine Henne ihr Küken bemuttert“.
Nun wurde Rice, die am Sonntag gerade ihren 50. Geburtstag feierte, nach dem Ausscheiden des durch seine erfolglose Rolle als Irak-Kriegsskeptiker frustrierten und im Dauerstreithahn mit Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Vize Dick Cheney ermüdeten Außenministers Colin Powell zum wichtigsten US-Kabinettsposten nominiert. Fortan vertritt sie als „Madam Secretary“ (sie ist nach Madeleine Albright die zweite Frau in dieser Position) die zusehends weltweit isolierte Supermacht nach Außen. „Die Vielfältigkeit und Tiefe der Probleme für die USA kann nur als historisch bezeichnet werden“, sagt der Außenpolitikexperte Richard Haass: „Mit fast 140.000 Truppen im Irak, Zehntausenden weiteren in Afghanistan, Atomwaffenkrisen mit dem Iran und Nordkorea sowie einem schwierigen Neustart zur Lösung des Israel-Palästina-Konflikts nach Arafats Tod werden sie wohl wenige um den Posten beneiden“.
Nach Powells Abgang als „einzige moderate Stimme des Bush-Kriegskabinett“, so Kommentatoren in Europa, kommt Panik über einen drohenden noch aggressiveren Kurs von Amerikas Antiterrorkriegern unter der auch „Warrior Princess“ getauften „Hardlinerin mit weit weniger Hang zu Multilateralismus und Diplomatie als Vorgänger Powell“, so Larry Sabato, Politologe an der „University of Virginia“: Unter Bush I werkte sie als Russland-Expertin, national bekannt wurde sie in ihrer Rolle als Beraterin des außenpolitisch völlig unerfahrenen Bush junior in 2000: „US-Soldaten sollen lieber Kriege führen und nicht Babysitten wie etwa in Bosnien“, polterte sie und schwärmte über die „Machtausübung der Amerikas zur Durchsetzung seiner Ziele“. Nach Bushs Zittersieg empfahl sie einen neuen Konfrontationskurs in der Nordkorea-Krise, pochte auf die Aussetzung einer alten Abrüstungsklausel mit Russland zur Durchsetzung des Raketenschirms „Starwars“ und empfahl sogar den Ausstieg aus dem Kyoto-Klimaprotokoll. Sie sei kein globales Strategie-Genie wie Henry Kissinger, urteilte Newsweek einst in einer Coverstory, doch sie ist gewieft, brillant und genießt in der brutalen Hick-Hack-Welt des Westflügels des White House das volle Vertrauen des Oberkommandierenden.
Die härtesten Fragen während der Senats-Hearings zur Bestätigung werden wegen ihrer Rolle vor und nach der Irakinvasion kommen: Sie setzte sich zwar Anfangs gegen die Top-Falken Cheney und Rumsfeld durch und empfahl Bush – gemeinsam mit Powell, ebenfalls ein früherer Mentor – den Gang vor die UNO. Doch fortan galt sie als engagierte Kriegstreiberin: Sie warnte vor „Atompilzwolken“ und dem Tod „Hundertausender Amerikaner“, sollte Saddams angebliche Horrorarsenale am Massenvernichtungswaffen nicht neutralisiert werden. Gegenüber den Vereinten Nationen agiert sie mitunter wie ein Gouvernante, herrschte Waffeninspektor-Chef Hans Blix in einem Telefonat an, er solle „endlich irakische Wissenschaftler für Interviews außer Landes schaffen“. Der Atomenergiechef Mohammed ElBaradei erhielt einen Anruf, nachdem er den Irakern eine „Zwei“ als Zeugnis ausgestellt hatte: „Er solle keine Noten verteilen“, belehrte ihn Rice, „sondern bloß seinen Bericht vorlegen“. Auch bei vielen der fatalen Fehlentscheidungen während des nun 19-Monatigen tödlichen Besatzungschaos soll Rice involviert gewesen sein.
Weniger umstritten als ihre Rolle als Bush-Chefeinflüstererin ist ihr kometenhafter Aufstieg: Geboren in Birmingham, Alabama, getauft Condoleezza (nach „con-dolcezza, der musikalischen Vortragsangabe), wuchs sie eher wohlbehütet in einer schwarzen Mittelklassen-Enklave auf. „Arbeite doppelt so hart wie Weiße, aber sieh dich nie als Opfer“, wurde ihr eingetrichtert. Zuerst wollte sie Konzertpianistin werden, dann Eiskunstläuferin, promovierte letztendlich aber als Politikwissenschaftlerin. Einer ihrer Mentoren wurde Joseph Korbel, der tschechische Vater der späteren Außenministerin Albright. Rice unterrichtete in Stanford, arbeitete im Pentagon für den damaligen Generalstabschef Colin Powell, dann im Nationalen Sicherheitsteam als Russland-Expertin. In ihrer Rolle als Aufsichtsratsmitglied des Ölriesen Chevron wurde ein Tanker nach ihr benannt.1993 übernahm sie als erste schwarze Frau die Stanford-Leitung, doch die Euphorie unter Bürgerrechtlern und Frauengruppen verflog bald: Unter Rice fiel sowohl der Anteil an Professorinnen als auch farbigen Studenten.
Bei einem Außenpolitik-Seminar 1998 für den damaligen Texas-Gouverneur traf sie auf Bush, zwischen den beiden „funkte es sofort“, wie sich ein Teilnehmer erinnert. Im ersten Wahlkampf vor vier Jahren paukte sie mit den Texaner Außenpolitik. Doch in den endlosen Gesprächen schienen sich Sichtweisen anzupassen. „Der Präsident hat mich in meinen Sichtweisen so beeinflusst wie ich ihn “, sagte sie in einem Interview. Und, schreibt die New York Times: „Sie wäre die Außenministerin mit der engsten Beziehung zum Präsidenten wohl aller Zeiten“.
Offenbar will Bush in seiner zweiten Amtszeit, wo er sich nun vom Volk in seinem Kurs bestätigt und mit einem Mandat ausgestattet sieht, noch weniger Widerspruch dulden – und setzt bei der großen Regierungsumbildung (sechs Rücktritte bisher) auf seine engsten Vertrauten: Neben Rice als neues US-Sprachrohr zur Welt machte er etwa seinen Leibanwalt Alberto Gonzales zum Justizminister. „Loyalität zählt nun noch mehr als vorher“, sagte Außenpolitikexperte Ivo Daalder („Brookings Institute“): „Er will seine Vision für die Welt nun ohne Störgeräusche wie etwa vom Skeptiker Powell durchsetzen“.
Für Rice beginnt nach ihrer offiziellen Amtsübernahme im Jänner gleich ein diplomatischer Mehrfrontenkrieg:
# Nur wenige glauben, dass die Parlamentswahlen im Irak im Jänner die blutige Rebellion gegen US-GIs und Irakregierung eindämmen können. Das gefilmte Abknallen eines verwundeten Aufständischen hat für weitere Bitterkeit gesorgt. Wesentliche neue Hilfe anderer Nationen ist ebenfalls kaum zu erwarten. Im Gegenteil: Immer mehr Länder der „Koalition der Willigen“ kündigen den Abzug ihrer Truppen aus der irakischen Hölle an, zuletzt Ungarn und die Niederlande;
# Unter Rice soll ein neuer Anlauf zur Befriedung des epischen Kampfes zwischen Israelis und Palästinensern nach dem Tod Jassir Arafats unternommen werden – doch soll sie sich wenig gegen die Zurückhaltung der USA in den letzten Jahren aufgelehnt haben, die von Vorgängerin Albright als „historischer Fehler“ eingestuft wurde. Zu große könnte der Hass nach Jahren des Blutvergießens sein, argumentiert sie.
# In der Atombombenkrise mit dem Iran unterstütze Rice die bisherige, von Europa angeführte Diplomatie-Strategie, wird kolportiert. Gegen Nordkorea soll die Hardline-Strategie keiner direkten Gespräche mit Diktator Kim Jong-Il fortgeführt werden.
Niemand bezweifelt jedoch, dass Rice hart arbeiten wird: Sie lebt als Single in einem schlichten Apartment im Watergate-Komplex Washingtons, engagiert zur Zeitgewinnung einen persönlichen Shopper, der Modeladen „Saks Fifth Avenue“ hält mitunter ein paar Stunden länger für sie offen, sodass sie spät abends nach Dienstschluss noch Shopping gehen kann inklusive ihrem Faible für Schuhe. „Sie hat wahrscheinlich mehr als Imelda Marcos“, scherzte ihr Freund, Stanford Professor Coit Blacker. Vielleicht kommt nun für ihre künftige Arbeit als Krisenfeuerwehr in den Kriegsschauplätzen des Nahen Ostens festeres Fußwerk hinzu.

# 7. November: Die bittere Wahlnacht für Bush-Schreck Moore

Niemand kann Bush-Basher Michael Moore vorwerfen, sein körperlicher Einsatz hätte nicht mit der Wucht seiner Polemik gegen den „Kriegspräsidenten“ mitgehalten. In 61 Metropolen hatte er vor jeweils Zehntausenden Studenten in den Wochen vor der Wahl gegen Bush getrommelt, 1.200 Kameraleute als „Wahlbeobachter“ angeheuert, um Unregelmäßigkeiten, Pannen und Betrug im desolaten US-Wahlsystem zu dokumentieren. Am Tag „der wichtigsten Wahl seit Generationen“ (Kerry) tauchte der Lackl mit dem freundlichen Vollbartgesicht und Baseballkappe am, wie er sagte „Tatort“, des letzten Wahlbetrugs im Showdown zwischen Bush und Vize Al Gore auf: Tallahassee, der Hauptstadt Floridas. Moore, stets umringt von meist ausländischen Kamerateams, überprüfte aufmerksam einige Wahllokale – bevor er durch das offenbare Ausbleiben des befürchteten Chaos überstürzt nach Ohio jettete, um dort wenigsten Augenzeuge eines neuerlichen Stimmenraubs der Republikaner zu sein. Doch nach einer Runde aufmunternder Kampfrufe in der Gewerkschaftszentrale des Schwarzenviertels in Cleveland, lautete Moores Bilanz auch hier: Er und seine Armada aus Hobbyfilmern hätten in Ohio „keine Indizien für Wahlbetrug gesehen“ – bloß die Notwendigkeit von mehr Wahllokalen um stundenlange Wartezeiten bei hohem Andrang künftig zu verhindern.
Genutzt hat es alles nichts: Nach 24 Stunden emotioneller Hochschaubahn, wo sich nach ersten Exit Polls mit dem führenden John Kerry „ein Ende des Bush-Alptraums“ (Moore) abzeichnete, war dann doch wieder Bush der Sieger – und Michael Moore, 56 Millionen Amerikaner sowie Milliarden Erdenbürger fielen in einen Zustand von Schock und Depression. „Wie können 59.054.087 Leute so dumm sein“, fasste das Britentabliod „Daily Mirror“ die weltweite Fassungslosigkeit zusammen.
Doch während Bush bei einer Pressekonferenz gut gelaunt seine „Horrorvisionen“ (Moore) für die nächsten vier Jahre offenbarte, rüstet auch Moore für „Four More Years“ eines vielleicht noch brutaleren Bush-Bashings: Auf seiner Website www.MichaelMoore-com (der längst berühmtesten Cyberspaceadresse für die Bush-Ressistance) prangte rasch das anklagende Bild, wo Künstler aus den hunderten Miniportraits der gefallenen GIs im Irak das Antlitz des Oberkommandierenden entstehen ließ. Dann fügte Moore an: „Meine ersten Gedanken nach den Wahlen…. Cpl. Roberto Abad, Sgt. Michael D. Acklin II, Spc. Genaro Acosta, Capt. James F. Adamouski …“ Endlos ging die Liste der Gefallenen weiter. 1.100 Namen, bisher. Hätte Moore die zehntausenden getöteten irakischen Zivilisten dazugenommen, hätten Besucher wohl Stundenlang durch die Seiten blättern müssen. Doch dann schien sich der Kult-Dokufilmer und Politprovokateur wieder etwas erholt zu haben – und gab unter dem Titel „17 Gründe sich nicht die Pulsadern aufzuschneiden…“ erste humorige Durchhalteparolen an das urbane Amerika aus: Immerhin, so Moore, könne Bush aus Verfassungsgründen „nicht mehr als Präsident kandidieren“, trotz dem Bush-Sieg glaube eine Mehrheit der Amerikaner, das Land steuere in die falsche Richtung, der Krieg im Irak sei die Opfer nicht wert und stimmen der Amtsführung Bushs nicht zu (Moore: „Hinweis für Ausländer: Versucht nicht das zu verstehen. Das ist so eine amerikanische Sache, wie Pop Tarts“). Dann freute sich Moore noch über die natürlichen Ressourcen des „blauen Amerikas“, Neuengland, sechs der acht „Große-Seen-Staaten“ und die ganze Westküste, die Kerry wählten: „Wir haben fast das ganze Frischwasser und Mount St. Helens. Wir können sie dursten lassen oder sie in Lava begraben“.
„Mit so etwas absurden möchte ich mich nicht beschäftigen“, hatte Moore das Szenario eines Bush-Sieges noch ignoriert. Doch was macht er jetzt, außer ein „Schlafdefizit von tausenden Stunden in einem der aufzuholen“, wie er sagte? Angekündigt war zuletzt eine Dokumentation über das desolate und mitunter mörderische US-Gesundheitssystem, wo Bürohengste in der Privatversicherungsanstalten mit der Genehmigung von Operationen oft über Tod oder Leben der Patienten entscheiden. „Wir werden dokumentieren“, kündigte Moore an, „wie viele Leben wir retten können“. Doch der Bush-Sieg wird eher die Fortführung von Moores Kampf gegen den „gefährlichsten Präsidenten aller Zeiten“ garantieren. So persönlich deprimierend die Regentschaft des Texaners für Moore und Gleichgesinnte auch sein mag, der globalen Bush-Hass machte Moore zum Multimillionär:
# Fahrenheit 9/11 dürfte mit Kino-, DVD- und dazugehörigem Buchverkauf eine halbe Milliarde Dollar einbringen, „was nicht schlecht ist“, lacht Moore, „bei sechs Millionen Dollar Produktionskosten“ (Unterhaltungsgigant Disney, der die Produktion finanzierte, hatte beim Vertrieb kalte Füße bekommen und sprang ab). Dazu kommen Erlöse aus TV-Rechten, nachdem der Streifen vor Rekordpublikum wie in Österreich am 1. November in zahllosen Staaten anläuft. Moores Pläne für eine TV-Freigabe in den USA scheiterten, nachdem der Bezahlkanal „In-Demand“ nach wilden Republikaner-Protesten eine geplante Ausstrahlung absagte. Moore vertrieb den Streifen dann via Internet-Download (CinemaNow.com) um 9,95 Dollar oder kleiner – und mutigere – Satelliten- und Kabelbetreiber.
# Auch frühere Antibush-Schriften ließen die Kasse klingeln: „Stupid White Man“ wurde mit zwei Millionen verkauften Exemplaren zum globalen Megaseller, bei der nächste Schmähschrift „Volle Deckung, Mr. Bush“ war die US-Startauflage von 806.892 Exemplaren rasch vergriffen, im deutschsprachigen Raum dominierte die Dokumentation von Teil Eins der radikalsten Präsidentschaft in der US-Geschichte wochenlang die Bestsellerlisten. Die Starpower Moores erreichte im Wahlkampf derart enorme Dimensionen, dass bis zu 50.000 Dollar Honorar für seine Auftritte bezahlt wurden, immerhin ein Drittel von dem, was der bestbezahlteste Talker der Erde, Ex-Präsident Bill Clinton, bekommt.
Auch eine mehr politischere Rolle im Kampf der Demokraten um eine Rückeroberung der Macht ist für Moore denkbar, obwohl er die Demokraten gerne als „Schlappschwänze“ bezeichnet, die sich zu oft von der aggressiven und gut geölten Republikaner-Angriffsmaschinerie überrollen lassen. Gerne würde Moore bei der Umsetzung eines linkeren, angriffigeren Stils der Demokraten helfen, doch ist seine Rolle umstritten: „Moore war Bushs größter Wahlhelfer“, so Kolumnist Jay Ambrose der Zeitung „Union Leaders“ in New Hampshire: „Er tourte durch Europa und erzählte, dass die Amerikaner alle Deppen sind – das mag zwar dort sehr gut ankommen, doch sorgt hierzulande für wenig Applaus und könnte Bush-Fans in noch größeren Zahlen zu den Urnen getrieben haben“. Die Debatte dehnt sich auf den ganzen Künstler-Kampf gegen Bush aus: Die Kampagne einer Koalition aus Hollywood-Linken (Sharon Stone, Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Sean Penn etc), Rapper wie „P. Diddy Combs“ („Vote or Die!“) oder Eminem (dessen neuer Antibush-Song für Furore sorgte) und Milliardäre wie George Soros scheint zwar für ein Plus an vier Millionen Jungwähler verantwortlich zu sein – doch schien die Gegenseite aus blanker Wut über die Flut an „Präsidentenbeleidigungen“ noch motivierter gewesen zu sein.
Der Kampf des Rechten Amerika gegen Moore hat dem Bush-Schreck zwar indirekt Rekordverkäufe beschert, doch sind die Methoden symptomatisch für die neue McCarthy-Ära des Hurra-Patriotismus zur versuchten Neutralisierung Andersdenkender: Nach Fertigstellung von „Fahrenheit 9/11“ wollte Disney den Film aus Angst lieber einstampfen, dann wurde eine Reihe anderer Vertriebsfirmen eingeschüchtert, bis endlich „Lions Gate“ den Streifen in die Kinos brachte. Dann wurden Kinobesitzer bedroht, die den Film zeigten, zuletzt scheiterte eine Ausstrahlung im Bezahl-TV „In-Demand“ nach massiven Protesten der Rechten. Auch in Hollywood gilt längst der Konsensus, dass bei zu auffälliger Bush-Kritik glatt auch Jobs verloren gehen können: Als sich etwa Johnny Depp in einem Interview mit dem deutschen Stern über die Idiotie der „Freedom Fries“ vor dem Irakkrieg lustig machte, versuchte er nach ersten Protesten prompt mit einer Entschuldigung die Wogen zu glätten: Er fürchtete um seine Karriere.

# 8. November: Bush II

Computer-Experte Andrew Veil, 25, sah nach der Wiederwahl von US-Präsident George W. Bush nur mehr einen Ausweg. Ohne wesentliches Gepäck flog er mit einem Oneway-Ticket nach New York. Irgendwann am Freitag muss er die zehn Meter hohen Zäune rund um Ground Zero, dem heutigen Baustellen-Areal und Tatort des Twin-Tower-Massakers des 11. September („9/11“), überwunden haben. Gefunden wurde er am nächsten Tag mit einem Einschussloch in der Schläfe, daneben ein Gewehr. „Sein Selbstmord war ein Protest gegen die Bush-Wahl“, sagte seine Mutter prompt: „Er hat das oft angekündigt – doch wir dachten nicht, das er es ernst meinte“. Die folgende Debatte um den Suizid des jungen Mannes, verdeutlicht auch die vergiftete Stimmung im nach der Wahl noch bitterer gespaltenen Amerika: Die rechte Boulevardzeitung „New York Post“ zitierte 9/11-Opferfamilien, die sich über die Entweihung des Ortes ärgerten und den Verstorbenen beschimpften. Und insgesamt fragen sich viele, wie der Mann überhaupt in das angeblich so abgesicherte Areal eindringen hatte können.
Wahlsieger Bush inzwischen hielt sich nicht lange mit Versöhnlichem auf – obwohl sich die Bewohner der „blauen Bundesstaaten“ Neuenglands, der Großen-Seen-Region und der Westküste, die John Kerry gewann, am liebsten Kanada anschließen wollten: Er habe „politisches Kapital verdient“, das er jetzt ausgeben möchte – und mit über drei Millionen mehr Stimmen als Kerry habe er jetzt ein Mandat für seine ehrgeizige Agenda. Die für das urbane Amerika ohnehin als „gefährliche Drohung“ aufgefassten Pläne für die Ära „W2“ wurden von Bushs wichtigsten Wahlhelfer, Amerikas Religiösen Rechten, präzisiert: „Das ist eine Revolution“, jubelte etwa Richard Viguerie, ein Bush-Freund: Ein nationales Verbot von Schwulenehen, die Rücknahme des Abtreibungsrechtes für Frauen, die Nominierung rechter Richter zum „Supreme Court“ – das alles scheint nun in greifbarer Nähe.
Die frommen Rechten haben Bush in dem Wahlthriller zum knappen Sieg verholfen – genau wie von Bushs Politguru Karl Rove, „Der Architekt“, geplant. Dazu gehören:
# Christen-Fundis, die die Bibel teils wörtlich nehmen;
# die bestens organisierten, bei Messen wie in Trance ihre Hände in die Höhe reißenden „Evangelicals“, die gegen den „moralischen Untergang“ westlicher Gesellschaften wettern und Jahrhunderte an Aufklärung rückgängig machen wollen;
# radikale Abtreibungsgegner, die auch Ärzte schon abgeknallt hatten;
# oder ultrakonservative Katholiken, die Kerry trotz rührender Ministranten-Geschichten für seine liberale Ansichten bestraften – angestiftet auch vom Vatikan, der Kerry verdammte.
Details ihrer Bush-Wahlkampfhilfe wurden nun von der „Washington Post“ enthüllt: Im Juli etwa hätte Team Bush „freundliche Kongregationen“ um die Herausgabe ihrer Mitgliedslisten gefragt, belegen durchgesickerte, brisante Dokumente. Denn Kirchen müssen auf politische Anteilnahme verzichten, sonst verlieren sie ihren Status als von der Steuer befreite Vereine. Pastoren erhielten deshalb auch von den Republikanern organisierte Vorträge von Anwälten, aber auch glatte Aufrufe, man solle „sich mal keine Sorgen machen“ über die rechtswidrige Propaganda von der Kanzel. So wetterten die Kirchenmänner gegen „eine Gesellschaft am Rand der „Selbstzerstörung“ im Allgemeinen, Schwulenehen, Abtreibung und Pornografie im Besonderen. Nach der Messe wurden Registrierungsformulare für Neuwähler ausgehändigt. Am meisten mobilisiert hatten die Fundis die Genehmigung der Homoehe durch das Höchstgericht in Massachusetts und die Verheiratung tausender Paar durch den Bürgermeister Gavin Newsom in San Francisco. Die Moralapostel beschützten Bush dann trotz Irakdebakel oder katastrophaler, innenpolitischer Bilanz vor dem Hinauswurf aus dem Oval Office: Unter den 26,5 Millionen Evangelicals erhielt er 79 Prozent der Stimmen, unter den 31 Millionen Katholiken immerhin 51 Prozent. Und geholfen schien auch die Dimension an Uninformiertheit der Bush-Wähler zu haben: 70 Prozent der Bush-Wähler glaubten laut einer Umfrage der „University of Maryland“, dass Saddam und Bin Laden gemeinsame Sache machten, ein Drittel (!) glaubt allen ernstes, dass die USA Massenvernichtungswaffen im Irak fand…
Jetzt fordert „Jesusland“, wie Politprovokateur Michael Moore die roten Bush-Staaten bezeichnete, von Bush als Gegenleistung für die Wahlhilfe die rasche Durchsetzung ihrer radikalen Ziele dieses kulturellen Rückwärtsgangs:
# Der größte Preis der religiösen Fanatiker ist die Neubesetzung des Höchstgerichts – und eine Verwerfung des Urteils namens „Roe vs. Wade“ aus dem Jahr 1973, durch das in den USA die Abtreibung legalisiert wurde. Immer wieder versuchten radikale „Pro Life“-Bewegung eine Neuabstimmung herbei zu führen, doch die fünf liberaleren Richter des neunköpfigen Gremiums wehrten bisher ab. Doch in den nächsten vier Jahren dürften durch die Krebserkrankung des Vorsitzenden William Rhenquist und dem hohen Alter seiner Kollegen gleich mehrere Nachbesetzungen anstehen – „samt einer rechte Neuorientierung des wichtigsten US-Gerichts mit Konsequenzen für gleich mehrere Generationen“, sagt Peter Singer, der Autor des Bestsellers „Der Präsident des Guten und Bösen“ (Fischer-Verlag). Bush ließ bereits durchblicken, dass er den farbigen Clarence Thomas – das konservativste und unfähigste Mitglied des Gerichts – nach Rhenquists erwartetem Ausscheiden zum Vorsitzenden machen wolle. Die rechten Fundis wollen sich die historische Chance der Neuordnung des Gerichts durch niemanden verderben lassen. Als der mögliche neue Vorsitzende des für Nominierungen wichtigste Justizausschuss im Senat, Republikaner Arlen Specter, Bush warnte, keine Richter vorzuschlagen, die Abtreibungen verbieten könnten, provozierte er einen rechten Sturm der Entrüstung: Mit einer wüsten Rufmordkampagne versuchen sie, die Nominierung Specters „zum Entgleisen zu bringen“, wie es James Dobson von der Gruppe „Focus on Family“ formulierte.
# Auch eine Verbot der Schwulenehen wollen Bushs rechte Freunde in der Verfassung verankert sehen: In insgesamt 13 Bundesstaaten wurde ein solches Verbot bereits beschlossen, während des Wahlkampf war Bush im Kongress kläglich gescheitert, es auch in der Bundesverfassung festzuschreiben. Selbst konservative Abgeordnete sehen die 1776 verfasste „Constitution“ durch die Aufnahme eines Menschen offen diskriminierenden Verbots entweiht. Nicht so Bush, der via Rove ausrichten ließ, ein Festschreiben der Ehe als ausschließlich zwischen einem Mann und einer Frau „ein wichtiges Ziel seiner zweiten Amtszeit ist und als essentiell in einer ordentlichen Gesellschaft betrachtet“.
Anstatt Amerika in eine „aufregende neue Zeit führen zu wollen“, wetterte eine der spitzesten Bush-Kritikerinnen, New-York-Times-Kolumnistin Maureen Dowd, „wird eine Alltag voller Angst, Paranoia und Heuchelei propagiert“. Bush steuere mit voller Kraft rückwärts, so Dowd, „wiegelt auf zur Intoleranz, reißt die Trennmauern zwischen Kirche und Staat nieder, verwechselt Religion mit Wissenschaft, Fakten mit Glauben“. Bush & Co wollten, so Dowd, das Land offenbar bis in die 60iger zurückwerfen – jedenfalls bevor die 68iger-Bewegung den Weg zu einer offeneren, toleranteren und demokratischeren Gesellschaft ebnete. Konservative sehen jedoch nun „eine Befreiung der Menschen aus der Geiselhaft des Liberalismus nach der 68er-Revolution“, so Bush, der sich nach vier Jahren im Amt freute, erstmals so richtig gewählt worden zu sein, kündigte gut gelaunt gleich weitere Initiativen an, die das urbane „Kerry-Amerika“ sowie die Welt erschaudern lassen:
# Im Irak werde der Kurs gehalten, „um jeden Preis“, wie Bush neuerlich betonte. Gleich Tage nach der Wahl dominierten wieder Kriegsbilder aus der Rebellen-Hochburg Faludscha die TV-Schirme: Der Sturm der „Marines“ könnte zum blutigsten Haus-zu-Haus-Kampf seit Vietnam eskalieren – und mit hoher Opferzahlen unter Zivilisten die Aufständischen noch mehr Zulauf bescheren. An den Wahlen im Jänner will Bush festhalten, und wie in Faludscha die für Amerikaner und Vertreter der Allawi-Regierung sogenannte „No-Go“-Zonen zurückerobern. Doch kann die Dynamik der wachsenden Widerstandsbewegung nicht umgekehrt werden, warnte die „New York Times“ per Editorial, müsse Bush entweder seine Irakziele kräftig herunterschrauben und an einen frühen Abzug denken – oder die Truppenstärken um 40.000 auf dann 178.000 Soldaten erhöhen, wofür weder Geld noch Truppen vorhanden sind.
# Viele von Bushs radikalen Projekten im Umweltbereich wurden von Kongress in den ersten vier Jahren zurückgehalten – jetzt unternimmt der von ökofreundlichen Politikern wie Al Gore oder Robert Kennedy jr, mit dem Titel „schlimmster Umweltpräsident aller Zeiten“ bedachte, einen neuen Anlauf: Fast schon beschlossen scheint die Ölförderung in Nordalaskas Tierparadies „Arctic National Wildlife Refuge“, die noch rasantere Erschließung von durch Vorgänger Bill Clinton geschützter Bundeswälder, ein Marktsystem“ für Industriebetriebe, wo Emissionen „getauscht“ werden können und das Umweltschützer als glatte Augenauswischerei abtun. Verkauft wird die Industriefreundliche Politik unter „Orwellischen Namen“ („Salon.com“) wie „Klarer Himmel“- oder „Gesunder Wald“-Initiative. In Sachen Treibhauseffekt sind – trotz dem diese Woche veröffentlichten Horrorreports über die Erwärmung der Arktik – keinerlei Maßnahmen zur Reduzierung des Ausstoßes von Kohlendioxid und anderer Treibhausgase geplant. Immer noch warte das Bush-White-House auf „klarere Beweise für die Existenz einer Klimaänderung“, während Kalifornien unter Governator Schwarzenegger das Heft selbst in die Hand nahm und eine Reduktion der Gase um 30 Prozent in der nächsten Dekade zum Gesetz machte.
# „Radikal“, so das Lieblingswort des Bush-Stabes, sollen auch Reformen des gesamten Pensions- und Steuersystems werden: Das Sozialversicherungssystem „Social Security“ will er Teilprivatisieren, wo Arbeiter einen Teil ihrer Abgaben selbst investieren und nach höheren Erträgen trachten können, doch dann plötzlich im System 2.000 Milliarden Dollar für die Erfüllung des Generationenvertrages fehlen würde. Auch den gesamten Steuercode will Bush neu schreiben lassen – sogar Ideen wie einer „Flat Tax“, einer 20 bis 25 prozentigen, gleich hohen Einkommenssteuer unabhängig vom Verdienst, oder eine nationale „Sales Tax“. Sieger wären, wie schon bei vorigen Bush-Steuersenkungen, die Reichen, so Starökonom Paul Krugman: Sie würden nicht mehr mit dem Höchstsatz von 35 Prozent besteuert während Kleinverdiener mehr als den Mindestsatz von 15 Prozent abführen müssten, obwohl auch Ausnahmeregelungen inkludiert werden könnten. Skeptisch sind Ökonomen auch in Sachen eines weiteren, mit sonnigen Titel ausgestatteten Projektes: Der Schaffung einer „Eigentümergesellschaft“. Dabei sollen Eigentum und Investitionen geringer besteuert werden, wobei wieder die Reichen am ehesten profitieren würden, so Krugman.
# Während immer detailliertere Untersuchungsreports de Foltermethoden in Guantanamo Bay, Abu Ghraib und anderen Internierungslagern des globalen Antiterrorkrieges illustrieren, sehen Gruppen auch eine weitere Erosion der Bürgerrechte, die nach dem 11. September mit der Verabschiedung des „Patriot Act“ begonnen hatte: Die neue genehmigten Behördenrechte reichen von der, von Moore in Fahrenheit 9/11 so humorig dokumentierten Unterwanderung einer Friedensgruppe in Fresno, Kalifornien, bis FBI-Hausbesuchen bei Anti-Bush-Demonstranten, dem Abhören von Anwälten bis zur Rasterfahndung. „Schon bisher gab es einen massiven Abbau der Bürgerrechte“, warnt Staranwalt Ed Fagan: „Jetzt muss man bald den Polizeistaat fürchten“.
Trotz aller Horrorprognosen kursiert in der US-Kapitale Washington D.C. auch ein zweites Szenario, wo der nicht mehr zur Wahl anstehende Bush die Religiöse Rechte nicht mehr braucht und fortan als moderater „Vereiniger“, wie bereits vor vier Jahren angekündigt, seinen Platz in den Geschichtsbüchern sucht. „Dazu müsste aber Selbsterkenntnis über die Problematik seines bisherigen Kurses herrschen“, so Philosoph Singer: Und die war bei all dem festen Glauben an sich selbst bisher nicht auszumachen“.

# 2. November: So gewann Bush


Doch wie hat Bush gewonnen? Rasch war dem Präsidenten klar geworden, dass er mit 1.6 Millionen verlorenen Jobs, einem flachen Aktienmarkt, steigendem finanziellen Druck auf die Mittelklasse durch höhere Krankenversicherungs- und Uni-Kosten (zuletzt auch Rekord-Benzinpreise), einem Anstieg der Armen und Unversicherten sowie einem Horrorbudgetdefizit von 417 Milliarden Dollar kaum wegen seiner Errungenschaften die Wiederwahl schaffen wird. Dazu eskalierte während der Kampagne die explosive Lage im Irak: Im April dominierten brutale Straßenkämpfe zwischen Milizen und US-GIs die Nachrichten, trotz Übergabe der Amtsgeschäfte an Iraks Premier Iyad Allawi stiegen Terroranschläge, Entführungen, Enthauptungen und Attacken auf Ölanlagen, Iraks Lebensader, weiter an.
Kurz vor der Wahl sickerte auch noch durch, das 380 Tonnen hochexplosiver Sprengstoffe der Type HMX, RDX und PETN aus einer Bunkeranlage gestohlen wurden, da die Invasoren zu wenige Truppen zur Absicherung von Waffenlagern platziert hatten. Die Gesamtkosten der Irak-Invasion kletterten nach dem Durchsickern einer weiteren, geforderten Finanzspritze von 75 Milliarden Dollar auf insgesamt 225 Milliarden an – alles auf Pump, alles späteren Generationen aufgebürdet. „Die Amerikaner haben sich entschieden, Bush zu feuern“, deutete Tage vor der Wahl noch Kerry-Stratege Mike McCurry auf Umfragen, wo eine deutliche Mehrheit meinte, Bush verdiene keine Wiederwahl.
Die gelang Bush dennoch, nachdem er die Amerikaner überzeugen konnten, vor einem Neustart in Kriegszeiten mit dem wankelmütigen, als Oberkommandierenden ungetesteten und als ultraliberal etikettierten Senator im letzten Moment zurückzuschrecken. Die Strategie, ausgetüftelt vom skrupellosen Politgenie Karl Rove und mit einer Rekordwahlkampfkasse von 300 Millionen Dollar exekutiert, wurde hauptsächlich auf zwei Ebenen realisiert:
# Mit einer historischen Flut an Negativwerbungen wurde Kerry demoliert: Zuerst als Schnösel verulkt (sehe „französisch aus“, erhalte 150 Dollar teurer Haarschnitte, trinke teuren Wein), dann als Flip-Flopper denunziert (viele der 6500 Kerry-Abstimmungen in 19 Senatsjahren wurden aus dem Zusammenhang gerissen und dienten als „Beweise“, dass Kerry seine Meinung politisch opportun in den Wind hängt), dann ähnlich wie Michael Dukakis 1988 als Massachusetts-Liberaler abseits des politischen Mainstream platziert. Handlanger der Bush-Krieger verrichteten die Drecksarbeit: Der für Kerry fatalste Charaktermord kam von Ex-Vietnamkriegs-Veteranen, die mit plumpen Lügen Kerrys Image als Kriegsheld zerstörten (Kerry hätte Verletzungen aufgebauscht, um früher nach Hause zu kommen, seine Heldentaten basierten auf Lügen). Trotz drei klarer TV-Debattensiege gegen Bush konnte Kerry unter dem negativen Trommelfeuer keine Mehrheit der Amerikaner überzeugen, dass er das Zeug zum Präsidenten habe.
# Viele Amerikaner wählten Bush nur aus einem Grund: Weil er als „Wiedergeborener Christ“ ihren Glauben teile, Fanatiker sahen sogar via Bush den Allmächtigen die Geschicke der Supermacht lenken. Das dichte Netzwerk von „Gottes Armee“, wie die 45 Millionen weißen Evangelisten auch heißen, mobilisierte in Kirchen und Gebetskreisen zusätzliche Bush-Wähler.
# Schamlos missbrauchte Bush die Tragödie des 11. September für seine eigene Wiederwahlkampagne: Am Parteitag in New York, 50 Blocks nördlich des Tatortes des Twin-Tower-Massakers, priesen Republikanergrößen – inklusive Kaliforniens „Governator“ Schwarzenegger – Bush als resoluten Antiterrorkrieger, der Amerika besser beschützen werde als seine Opponent. Mit der Botschaft punktete Bush vor allem bei verängstigten Vorstadt-Frauen („Security Moms“), für die Innere Sicherheit zum zentralen Wahlkampfthema wurde. Dazu trachteten Bush & Co, dass sich die Amerikaner in einer Art Dauerkriegszustand glaubten. „In Kriegszeiten wollen die Bürger keine Friedenspräsidenten á la Kerry“, sagte Ex-Clinton-Berater Dick Mooris. Eine Geniestreich sei, so der längst ins Bush-Lager übergelaufene Morris, der TV-Spott mit den Wölfen gewesen: Nach idyllischem Beginn in einem sonnenbestrahlten Wald rotten sich da plötzlich die Wölfe (Terroristen) zu einem Überraschungsangriff zusammen. „Wie am 11. September, der auch strahlend und stinknormal begann“, so Morris. Die Amerikaner fühlten sich bedroht – und wählten Beschützer Bush.
Kerry muss sich nach der Niederlage den Vorwurf gefallen lassen, seine Kampagne zu oft schleifen gelassen zu haben. Und zu sehr auf den Niedergang Bushs im Irak-Sumpf vertraut zu haben. So hielt er sich das ganze Frühjahr während des Infernos an schlechter Nachrichten aus dem Irak „nobel“ zurück. „Wo ist Kerry?“, wunderte sich damals NBC-TV-Analyst Tim Russert immer wieder. Die Wahl des telegenen John Edwards erwies sich als Fehler: Der Sunnyboy konnte die für Running Mates in jedem US-Wahlkampf designierte Rolle als An- und Untergreifer nicht voll erfüllen. Dann wurde Kerrys großer Boston-Parteitag, trotz professioneller Umsetzung, zum Flop: Mit einem regelrechten Veteranenaufmarsch wurde zu sehr auf Kerrys Vietnamkriegsvergangenheit gesetzt und zu wenig konkrete Pläne verraten, wie Präsident Kerry die Supermacht wieder flott bekommen wolle.
Das stramme Aufsalutieren lud zur Attacke einer Gruppe, Kerry wegen seiner Kriegsproteste hassenden Veteranen ein: Auch bei diesem plumpen Rufmord reagierte Kerry erst, als ihm bleibender Schaden zugefügt worden war. In der Endphase schaffte er mit einer angeheuerten Schar aggressiver Ex-Clinton-Berater und brillanter Performance in den Debatten zwar ein Comeback. Doch das von Bush in die Wähler-Gehirne gehämmerte Negativbild des Senators war nicht mehr auszulöschen. Besonders riskant erwies sich die Strategie, mit Bushs Irakfiasko wortgewaltig abzurechnen. „Bush konnte ihn daher als Nörgler und Besserwisser karikieren“, so Morris. Mit dem miesen Vorwurf, Kerry hätte durch seine Kritik die Moral der Truppen untergraben und würde nicht an den Sieg glauben, verabreichte das aggressive Bush-Team dem Herausforderer den politischen Todesstoß.

# 2. November: Bushs Geheimwaffe

Die Wiederwahl hat George W. Bush wohl seiner Frau Laura zu verdanken. So bitter gespalten das Land in Sachen Bush ist, so übereinstimmend schien die Zustimmug zur netten Brünetten mit den tiefblauen Augen zu sein. Mit 80 Porzent Popularität blickt sie auf eine erfolgreiche erste Vierjahresperiode als First Lady zurück: Gefallen schien die US-Bürgern vor allem, dass sie kaum auffiel: Sie setzte sich ein, dass Amerikas Kinder Lesen und Schreiben lernen, organisiert Buchmessen, lud Autoren ins White House, wurde sogar UN-Ehrenbotschafterin für das „Jahrzehnt der Bildung“. Das White House dekorierte sie mit freundlichen Pastelltönen und kitschigen Texas-Landschaften in Öl. Damit fehlte in den letzten vier Jahre klar der Glamour aus Zeiten der wunderschönen Jackie Kennedy oder die Hektik rund um die voll in Clintons Regeierungsteam integrierte, brillante Anwältin und ambitionierte Powerfrau Hillary – doch gerade in düsteren Zeiten voll Terrorangst gefiel der zurückhaltende Hausfrauenstil der netten Laura aus Midland, Texas.
Zu Bushs „Geheimwaffe“, so sein Stab, wurde die 56-Jährige im Wahlkampf, er selbst wiederholte stets, das beste Argument für seine Wiederwahl „wäre der Verbleib der First Lady“: Hunderte Auftritte absolvierte sie, am meisten im Freundesland des Mitteren Westens vor „Succurity Moms“, Vorstadtfrauen, die ihre Familie am liebsten durch Bushs Kriegführen in Übersee beschützt wissen wollten. Sie redete vom Blatt, meist 25 Minuten lang ihrem freundlichen Texas-Dialekt, erläuterte die Bürde des Amtes als mächtigster Politiker der Erde und wie ihr „Bushie“ damit täglich fertig werde. Die vorher auf ihren republikanischen Background geprüften Wählerinnen schwärmten meist: „Sie hat einfach Klasse“. Nur einmal ließ sich die lästige Realität des Blutbades im Irak nicht aussperren: „Schicken Sie doch ihre eigenen Kinder in den Irak“, schrie die trauernde Soldatenmutter Sue Niederer, deren Sohn im Irak fiel. Sie trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Bush töte unsere Kinder“. Sie wurde vom FBI verhaftete, Laura fuhr im Redetext fort.
Trotzdem sind viele erstaunt über die Wandlung des einstigen öffentlichkeitsscheuen Mauerblümchen zum Profi im knallharten Politgeschäft: Noch vor der Heirat zu Bush 1977 musste der schwören, dass sie niemals im Leben eine öffentliche Rede halten müsse – sie schwor dafür, mit Bushie joggen zu gehen. Aus beidem wurde nichts. Nach Bushs Wahl als Texas-Gouverneur beklagte sie sich über die Tatsache, in einem Haus leben zu müssen, wo öffentliche Führungen stattfinden. Sie freute sich über jeden Funken Restanonymität: Als sie in der Kapitol-Cafeteria einen Kaffee bestellte, fragte sie ein Gast, wen wohl der zu Lauras Bewachung abgestellte Beamte beschützen würde. „Ich habe überhaupt keine Ahnung“, sagte Laura happy. Lange Zeit musste sie Bush auf sein erste Kandidatur fürs Oval Office vorbereiten. Doch beim Wahlkampf 2000 kam die Wende zur „öffentlichen Politikergattin“: Am Parteitag hielt sie eine perfekt vorgetragene Lobeshymne auf ihren damals noch „Konservativen mit Mitgefühl“.
Vier Jahre später pries sie dann Bushs angebliche Erfolge beim Schutz der Amerikaner vor Terrorbösewichten. Und ihre Rolle war zusehends politisch: Während sie 2000 noch sagte, sie wisse zu wenig, um bei Themen wie Todesstrafe oder Abtreibung „mitreden zu können“, machte sie beim Rufmord gegen Bush-Gegner John Kerry brav mit: Als Kerry von der von Bush-Freunden finanzierten Vietnam-Veteranentruppe als Lügner und Ordenjäger denunziert wurde, wollte Laura nur so viel sagen: „Meinen Mann wird auch allerlei Sachen beschuldigt“. Einige neue Details aus Mrs. Bushs Bio tauchten in diesem Wahlkampf auf, die meisten in der Skandalbio „The Family“, verfasst von Promischreck Kitty Kelley: Demnach habe die in Midand, Westtexas aufgewachsene Laura Welsh, neben dem Verursachen eines Autounfalls als 17-Jährige, bei dem ein Schulfreund ums Leben kam, als junge Studentin an der Provinzuni „Southern Methodist University“ nicht nur gekifft sondern auch gedealt, behauptet Kelley. Die wilden Feminismusdebatten der Siebziger beschränkten sich, so Laura, auf ein paar „freche Kommentare beim Familienessen“, wie sie sagte. Mit 30 ist Laura bereit, sich „niederzulassen“. Da trifft sie auf einer Grillparty auf den erfolglosen Ölsucher mit dem großen Familiennamen beim Hünchengrillen im Garten eines Freundes. Er redet, sie hört zu. Ihr erstes „Date“ findet am lokalen Minigolfplatz statt, drei Monate später wird geheiratet, es folgen die Zwillinge Jenna und Barbara.
Obwohl der Bush-Clan, vor allem die eiserne Patriarchin Barbara, nach Lauras missglückter Vorstellung („Ich Lese, ich rauche und ich bewundere“, soll sie bei einer Kurzbeschreibung in eigener Sache geglänzt haben) dem neuen Mitglied der aufsteigenden Polit-Dynastie skeptisch gegenüber stehen, sollte sie bald ewig dankbar sein: Denn Bushs Alkoholismus wird immer unerträglicher – und Laura werkt mit Ausdauer an der Zähmung des blauen George. „Sie hat ihn total verändert“, sagt Bushs Ex-Studiensaufkumpel Donald Eisenat. Seit sie ihn 40-Jährig mit dem Ultimatum „Ich oder Jim Beam“ endlich von der Flasche losbekommt, halten die Bushs nur mehr Lobeshymnen: „Sie ist wie der Fels von Gibraltar“, suchte Bush senior nach deftigen Metaphern.
Anders als Hillary, die als Art zweites Triebwerk Präsident Clinton zum Höchsttempo trieb, fungiert Laura eher als Stoßdämpfer: Wenn er mit Cowboy-Parolen wie „Dead or Alive“ wieder mal zu starke Sprüche klopft, versucht sie ihn einzubremsen, oft auch vor seinen engsten Beratern oder Journalisten. „Brems dich ein, Bushie!“ oder „Halt die Zügel“, scherzt sie dann. Den Irakkrieg konnte sie jedoch dadurch nicht verhindern. Und von wichtigen Entscheidungen bleibt sie weitgehend ausgesperrt oder zeigt wenig Interesse, so Insider.
Mit ein Grund für Bushs endlose Urlaube scheint auch Laura zu sein: Sie liebt die „Outdoors“, ging stets mit George und den Kids lieber Camping als auf Trips in aufregende Weltmetropolen. Nun haben sich beide mit der Riesenranch in Crawford, Texas, ein angemessenes Zuhause geschaffen. Ihr Stil passt sich auch eher den leeren Steppen ihres Heimatbundesstaates an: Konservative Kostüme, wenig Schmuck und dezentes Makeup. Jahrelang wurde sie von den Zwillingen Jenna und Barbara gehänselt, sie habe eine „Helmfrisur“. Doch in letzter Zeit verwandeln Haarstylisten ihre dunkelblonden Haare in perfekte Frisuren, die selbst bei überkritischen Modebeobachtern New Yorks oder Hollywoods Bewunderung fanden.
Nach vier Jahre des Versteckens und gelegentlicher Stories über wegen Unterschreitung des Mindestalters für Alkoholkonsum illegale Saufgelage gaben die Bush-Zwillinge heuer im Wahlkampf ihr privates Leben auf und stellten sich voll hinter Dads Kampagne. Mit gemischter Bilanz: Zwar gewannen sie zumindest unter Republikanern in einer Umfrage den Titel „Heißeste Präsidentschaftskandidatentöchter“ vor den Kerry-Töchtern (Jenna 38 %, Barbara 24 %, Alex 24 %, Vanessa 13 %), doch verwirrten sie Parteitagsdelegierte in New York mit einer eher spätpupertären Spaßrede und Jenna landete mit rausgestreckter Zunge auf den Titelseite der US-Zeitungen. Trinkgelage haben sie nicht aufgegeben, nur sind die jetzt 22-Jährig endlich legal: Im New Yorker Nachklub Avalon kippten sie mit Freunden Drinks im Gesamtwert von 4.500 Dollar – und haben wohl noch nie selbst gekellnert. Sie hinterließen ein Trinkgeld von 50 Dollar, ein mageres Prozent statt der üblichen 15 bis 20 Prozent.

# 2. November: So half Arnie Bush zum Sieg

Was George W. Bush nach einem der bittersten Wahlkämpfe aller Zeiten dann letztendlich über die Ziellinie drückte, wird vielleicht für immer ein Geheimnis blieben. Doch sicher mitgeholfen habe die Starpower von Kaliforniens „Governator“ Arnold Schwarzenegger, sagt Politologe Shaun Bowler von der „University of California, Riverside“: „Besonders die entscheidenden und moderaten Wechselwähler könnte Arnold letztendlich überzeugt haben“. Um den Spagat zwischen seiner Hilfe für Bush und der demokratischen, Bush hassenden Mehrheit in Kalifornien zu schaffen, limitierte er sein Programm auf zwei Auftritte:
# Seine Rede am Bush-Parteitag in New York wurde zu einem Triumph vor 20.000 tobenden Menschen im „Madison Square Garden“ sowie fast 20 Millionen TV-Zusehern. „Er hat seine Aufgabe meisterlich gelöst, die Bush-Fans waren begeistert, obwohl er auf Allgemeinplätze wie der American Dream oder seine Story als Einwanderer und Aufsteiger fokusierte, um Demokraten nicht zu vergrämen“, sagt Dan Weintraub, Politikchef bei der renommierten Hauptstadt-Zeitung „Sacramento Bee“. Ganz geschafft hat er es nicht, zumindest bei seiner eigenen Frau, Demokratin und JFK-Nichte Maria Shriver: Die hätte aus Protest für sein Bush-Lob 14 Tage lang den Sex verweigert, verlautet Arnie selbst.
# Bei einem umjubelten Wahlkampfauftritt mit Bush im „Swing State“ Ohio vergangenen Freitag mobilisierte er die Massen, und bot ein Gegengewicht zu John Kerrys Künstlerschar, inklusive Rockbarden Bruce Springsteen.
Bush und der rechte Flügel der Republikaner werden sich durch die Wiederwahl zwar in ihrem Kurs bestätigt sehen – dennoch bleibt Schwarzenegger mit 65 Prozent Popularität einer der wichtigsten Republikanerstars. Und sollte seine Partei schließen, dass er nach dem Ende der Ära Bush 2008 als „fiskalisch Konservativer, sozial Liberaler“ die besten Chancen auf eine Bush-Nachfolge im White House hat, könnte auch das im Kongress eingebrachte, sogenannte „Arnold´s Law“, vorangetrieben werden, das auch im Ausland geborene – Thal bei Graz, Austria, in Arnies Fall – für das Präsidentschaftsamts kandidieren ließe. Eine derartige Verfassungsänderung muss zahllose Hürden bewältigen (darunter das O.K. von 38 der 50 US-Bundesstaaten). Arnie selbst hat inzwischen Lobbying in eigener Sache begonnen: „Natürlich soll das geändert werden“, sagte er in einem Interview mit dem TV-Sender CBS: „So wie ich denke, greife ich immer nach dem höchsten Preis“, sagte er selbstbewusst. Arnie, der in kürzester Zeit das knallharte Politgeschäft lernte, hat im Wahlkampf taktisch den Spagat geschafft, für einen Bush-Sieg wie auch eine Niederlage bestens platziert zu sein:
Während sich in zwei Wochen seine Inauguration zum ersten Mal jährt, gilt seine Bilanz als Gouverneur der 35-Millionen-Einwohnerstaates (der sechstgrößten Volkswirtschaft der Erde) als Triumph. „Schwarzenegger hat einen fulminanten Start hingelegt und innerhalb kürzester Zeit das Geschäft der Politik erlernt – was fast ein wenig enttäuschen war, da zunächst mit einer noch fundamentaleren Änderung der Politgeschäfte in Sacramento gerechnet wurde“. Dabei sind viele der strukturellen Probleme Kaliforniens keinesfalls gelöst, sondern wären bloß aufgeschoben, warnt der Kolumnist: „Und viel ist nur gute PR, eine seiner größten Stärken, die er in Hollywood erlernte“. Sein Geheimrezept ist, dass er durch seine Starpower die Leute mitreißt, ein neues Interesse für die Politik schafft.
Dazu kommen teils humorige Macken des „Governator“. In einem fünf mal fünf Meter großen, weißen Zelt, dass von außen einem Beduinenzelt, von innen mit Rattan-Stühlen einer asiatischen Hotellobby gleicht, pafft er mit Parlamentariern, Lobbyisten oder Staatsgästen dicke Zigarren (Österreichs Vize Hubert Gorbach kam anlässlich seines Treffens Anfang Oktober aus Termingründen nicht zu dieser Ehre). Der Governator hat sich noch keine Villa in der Steppenstadt gekauft, sondern residiert nach wie vor „provisorisch“ in der 165 Quadratmeter großen Suite im 15. Stock des Hyatt Regency Hotels gegenüber dem Kapitol. Dort treten in der Früh 20 bis 30 Leute an, um den Governator über sein Tagesprogramm zu unterrichten, während der im Jogginganzug auf einem Fitnessfahrrad strampelt.
Seine Bilanz nach einem Jahr ist jedenfalls beeindruckend: Er erfüllt rasch die meisten seiner Wahlversprechen, ließ sich per Volksabstimmung einen 15-Milliarden-Kredit zur temporären Überbrückung der enormen Defizite Kaliforniens genehmigen (das fiskalische Debakel hatte Vorgänger Gray Davis das Amt gekostet), drückte im Sommer nach einem Verhandlungs-Marathon sein 102-Milliarden-Dollar-Budget durch und lukrierte mit einem Deal mit den Casino betreibenden Indianerstämmen eine Milliarden Dollar Zusatzsteuereinkommen für die marode Staatskasse. Gleichzeitig tourte der Star durch den Globus, als würde er bereits für das Präsidentenamt üben: Er besuchte Israel, US-GIs in Deutschland, repräsentierte die USA beim Staatbegräbnis von Thomas Klestil. Mitte November fliegt er nach Japan, um Werbung für das Urlauberparadies Kalifornien.
„Seine größte Errungenschaft ist vielleicht“, sagt Bob Fairbanks, Journalisten-Veteran in Sacramento, „dass er den Kaliforniern ihren Optimismus zurück gegeben hat – nachdem in der Ära Gray Davis ja nur mehr gejammert worden war“. Bei jeder Gelegenheit preist Arnie Kalifornien als wieder „geöffnet für Business“. Selbst die Schwarzenegger anfangs überaus kritischen Medien scheinen fast belehrt. Die New York Times lobte Arnie als Wunderkind, „Es ist eine Kombination aus Disziplin, Optimismus, Humor, sowie dem Austeilen von Lob und guten Zigarren“. Das linke Magazin „The New Yorker“ lobte gleich auf 19 Seiten drauflos. Schwieriger gestaltet sich die Beziehung zu seinem Heimatland Österreich: Kritik hagelte es nach seinem ersten Todesstrafen-Befehl (die Hinrichtung wurde von Gerichten gestoppt) und seiner Kindheitserinnerungen an das „sozialistische Österreich“ am Bush-Parteitag. „Er ist jedes Mal sehr gekränkt“, verriet ein Insider: „Er liebt sein Heimatland sehr“.
Kolumnist Weintraub sieht selbst nach einer Verfassungsänderung eine große Hürde bei Arnies Marsch auf Washington: Sein Akzent. „Er ist so offensichtlich, dass er ein Einwanderer ist, dass die Amerikaner im letzten Moment doch zögern könnten, ihn das höchste Amt des Staates zu geben“. Oder sie sehen es so locker wie die Kalifornier, die den schweren Arnie-Talk eher sympathisch finden.

# 2. November: So tickt Bush…

Seymour Hersh, US-Staraufdecker des Magazines „The New Yorker“ hat viele Präsidenten kommen und gehen sehen. Knapp und präzise fasst er die Aussichten für eine zweite Amtsperiode von George W. Bush zusammen: „Es wird das totale Chaos“. Damit wäre Bush sogar in recht guter Gesellschaft: Die meisten zweiten Amtsperioden rutschen eher ab in einen Sumpf aus Skandalen, als jene ambitionierten Politik zu liefern, die von einem nicht mehr zur Wahl anstehenden Präsidenten eigentlich zu erwarten wäre. Bill Clinton etwa versank im „Monicagate“-Oralsexskandal und Impeachment-Verfahren, Ronald Reagan in der Iran-Contra-Affäre, Richard Nixon stürzte über Watergate und Lyndon Johnson wurde demoliert durch den Vietnamkrieg.
Bei Bush lautet des Szenario von „Four more Years“ (der Schlachtruf seiner Fans im Wahlkampf) laut Präsidentschaftsexperten Thomas Mann vom Think-Tank „Brookings Institute“: „Krieg, Skandale, Arroganz, ein widerspenstiger Kongress und Erschöpfung“. Nur durch einen historischer Negativwahlkampf zur Demontage seines Gegners John Kerry schaffte der 58-Jährige Bush trotz des Irakdesasters die Wiederwahl. Doch nun würden die Probleme noch schneller erskalieren, befürchten Politologen:
# Der immer tiefere Sumpf im Irak verschlingt Ressourcen, die zur Budgetsanierung, der Jagd nach Osama bin Laden oder der ehrgeizigen innenpolitischen Agenda benötigt würden;
# Über die Wahlniederlage frustrierte Demokraten und liberale Medien würden unter Hochdruck nach potentialen Skandalen graben;
# Der bitter geteilte Kongress widerspenstig auf alle Bush-Pläne reagieren;
# Bei geringste Anzeichen von Wahlbetrug, haben Bush-Gegner bereits zivilen Ungehorsam angedroht, der die Wirtschaft lahm legen könnte.
# Erschöpfung machte sich auch unter Bushs einst so homogenen Kriegskabinett bemerkbar – bis zur Angelobung im Jänner wird mit kräftigen Umbildungen gerechnet.
Trotzdem rechnen Washington-Insider, dass Bush einen Blitzstart zur Durchsetzung mehrere Ziele seiner im Wahlkampf ausgerollten, 47-Seitigen „Agenda for America“ versuchen will: Als heißeste Themen warten die Neugestaltung des US-Geheimdienstapparates nach dem Empfehlungen der 9/11-Kommission mit einem neuen, mächtigen „Oberspion“, eine Vereinfachung des Steuersystems, eine Teilprivatisierung des Pensionssystems, erste Schritte zu Bushs Träumen einer „Eigentümergesellschaft“ mit weiteren Steuerentlastungen. „Der Präsident wird seine Ziele aggressiv vorantrieben“, so Polit-Stratege Karl Rove. Auch werde er, so Mann, seine Wiederwahl als Bestätigung seines Kurses in den ersten vier Jahren verstehen. Auch im Irak und im Antiterrorkrieg hat Bush versprochen, „auf Kurs zu blieben, koste es was es wolle“. Trotz im Irak festsitzender US-Streitkräfte setzt Bush auf martialisches Getöse gegen Nordkorea oder dem Iran.
Die Opposition und Bush-Kritiker beharren jedoch, dass die Realität den Präsidenten rasch und mit zerstörerischer Energie einholen will: Mit Kriegskosten von sechs Milliarden Dollar im Irak und Afghanistan pro Monat wird – besonders mit immer düsteren Prognosen, jemals den Irak stabilisieren und der Demokratie zum Durchbruch verhelfen zu können – die Geduld der US-Steuerzahler rasch zu Ende gehen. Bei im Wahlkampf aufgedeckten Skandalen, wie das Verschwinden von 380 Tonnen Sprengstoff im Irak, wird immer tiefer gebohrt werden, glaubt Hersh, samt detaillierten Enthüllungen über Kriegslügen zur Rechtfertigung der Irakinvasion. Einige Politveteranen in Washington glauben sogar, Bush II könnte in einem Impeachment-Fiasko enden.
Demonstriert hat Bush im Wahlshowdown mit Kerry jedenfalls neuerlich unbändigen Siegeswillen, clevere Strategie, politische Abgebrühtheit und völlige Skrupellosigkeit, die er bei früheren Rufmordkampagnen gegen Texas-Gouverneurin Ann Richardson und Senator John McCain 2000 demonstrierte.
Auch an Bushs Stil dürfte sich, samt teils kurioser Macken, in Amtsperiode Zwei wenig ändern:
# Im Oval Office prägen Pünktlichkeit, kurze Meetings und viel Delegieren an seinen Stab den Alltag. Dazu kommen lange Urlaube auf seiner Texas-Ranch. Bushs Wecker läutet um 5 Uhr, dann liest er im Bett mit First Lady Laura die Zeitungen (sein Vater hatte als Präsident im Bett sogar gefrühstückt…), um 7 Uhr sind bereits die wichtigsten Berater versammelt. Anders als unter Clinton, der seinen Stab oft Nächte lang kasernierte, ist mit Bush als Boss meist um 18 Uhr Dienstschluss – der selbst knipst seine Nachttischlampe vier Stunden später aus.
# Bush hasst Debatten, liebt klare, einseitige Briefingpapiere mit möglichst wenig komplizierten Analysen. Bushs mangelnde Wissbegierde ist Legende. Wenige wagen daher den Widerspruch, Debatten, das Überbringen schlechter Nachrichten, oder gar Kritik. Bei Nationaler Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice blieb etwa ihre akademische Brillanz rasch auf der Strecke. Brav half sie Bush bei der Rechtfertigung auch noch so fragwürdiger Entscheidungen. Sind diese einmal getroffen beharrt Bush auf Loyalität und keinerlei Hinterfragen.
# Bushs Religiosität wird offen als treibende Kraft hinter vielen Entscheidungen genannt: Oft sieht er seine Kriege in Afghanistan und im Irak als Gottes Mission, „Menschen zu befreien“. Stets, wenn er vom „Marsch der Freiheit“ in dieser Region schwärmt, bebt seine Stimme und die Augen weiin ten sich. Dann erinnert er eher an einen TV-Prediger als den mächtigsten Politiker der Erde. Deshalb schien auch die Ideologie der Neokonservativen, wonach die USA ihre Werte notfalls auch mit militärischer Gewalt in die Welt exportieren solle, in Sachen Irakkrieg bei Bush auf so fruchtbaren Boden zu fallen: Mit der Ausschaltung Saddams wäre der Weg für einen Siegeszug der Demokratie durch die Islamische Welt frei, hatten die vor der Invasion geträumt. „Man kann sich völlig sicher sein, und dabei völlig daneben liegen“, wollte Kerry Bushs gepriesener Selbstsicherheit und Stetigkeit kontern.
# Blind vertraut Bush auf Republikaner-Ideologien und Dogmen, auch wenn sie oft bereits klar widerlegt sind: Er senkte die Steuern während Kriegszeiten, „eine fiskalische Rücksichtslosigkeit, die noch kein US-Präsident vor ihm zustand brachte“, wie Kerry vergeblich im Wahlkampf wetterte. Mit explodierenden Kosten im Irak auf 225 Milliarden Dollar und dem US-Haushaltsdefizit auf 413 Milliarden, gab es nicht nur keine Kurskorrektur: Bush setzte auf noch mehr Steuergeschenke. Selbst der letzte große Steuersenker, Ronald Reagan, lenkte angesichts eines drohenden Budget-GAUs ein.
Das Verhältnis zwischen Bush Senior, Spitzname „Nr. 41“ (als 41. US-Präsident) und Junior, „Nr. 43“, ist Gegenstand wildester Spekulationen – und beeinflusst die Weltgeschicke: George junior war stets das „schwarze Schaf“ der Familie, viel lieber hätte der Bush-Clan Bruder Jeb als George H. W. Bushs Nachfolger im Oval Office gesehen. Bush-Kenner Bob Woodward beschreibt in seinen beiden Bestseller („Bush at War“, „Plan of Attack“) mehrmals die Sohn-möchte-es-Vater-beweisen-Dynamik – und wie sie mitunter die US-Außenpolitik treibt. Woodward fragt Bush dann direkt: „Haben Sie Ihren Vater vor der Irak-Invasion um Rat gefragt? Er ist ja der einzige, der eine ähnliche Entscheidung im Oval Office treffen musste?“ Er wäre der falsche Vater, um nach Stärke zu fragen, wischt Junior die Frage vom Tisch: Er wandte sich lieber an einen „höheren Vater“. An andere Stelle winkt Junior ab: „Mein Vater weiß genau, dass ich als Präsident viel besser informiert bin – er kann mir deshalb kaum einen Rat geben“.
Dass Senior ihn möglicherweise vom „größten und dümmsten Fehler in der US-Geschichte“ (Hersh) bewahrt hätte, wollte Kerry in der TV-Debatte mit Zitaten aus Seniors Buch herausarbeiten: Der hatte argumentiert, wie schwierig und teuer eine US-Besatzung des Irak nach dem ersten Golfkrieg gewesen wäre – und einen Zerfall der internationalen Koalition provoziert hätte. Doch verglichen mit Junior wirkt der alte Bush ohnehin moderat: Diplomatisch in Übersee, pragmatisch zu Hause.
40 Jahre lang war das Leben des Politikersohnes ein einziger Schleuderkurs: George war ein lausiger Student in Yale, fiel eher auf durch brutale Scherze (Uni-Neulinge wurden mit heißen Kleiderbügeln traktiert), überhebliche Bemerkungen, wonach „Arme eben bloß faul sind“, sowie reichlichen Bier-, Marihuana- und Kokain-Konsum auf, wie Skandalautorin Kitty Kelley in ihrem Bestseller „The Family“ über den Bush-Clan schreibt. Insgesamt dreimal wurde er verhaftet. Den Vietnamkrieg unterstützt er bloß in heftigen Campusdebatten, ihn führen sollen aber andere, wie etwa der schnöselhafte Strebertyp John Kerry zwei Klassen über ihm.
Junior nützt seine Familien-Connections und landet 1968 in der „Texas Air National Guard“, im sogenannten „Champagner-Squadron“, wegen der hohen Zahl an Millionärssöhnen. 13 Monate wird er als Kampfpilot am „F-102“-Jet ausgebildet, ab 1970 hätte er für vier Jahre beim „111th Fighter Interceptor Squadron“ dienen sollen, doch ließ er sich nach zwei Jahren nach Alabama versetzen, um bei einem Senatswahlkampf mitzuhelfen. Seine Fliegerkarriere war da bereits beendet, da er das vorgeschriebene Medizinexamen schwänzt, nachdem dabei erstmals Tests auf Drogenkonsum enthalten sind. Das wäre wohl alles kein Zufall gewesen, mutmaßt Kelley.
In Alabama hat ihn dann kaum jemand jemals in der Kaserne gesehen, Bush-Basher Michael Moore nannte ihn deshalb einen Deserteur. Doch als das CBS-TV-Magazin „60 Minutes“ begrub durch einen Faux-Pass den potentialen Skandal, nachdem gefälschte Dokumente in einer Enthüllungsstory hergezeigt worden waren – der Sender musste sich kleinlaut entschuldigen.
Schwerer Alkoholismus prägt Bushs erfolglose Karriere als Ölsucher in Midland, Texas. Daddys Freunde sorgen jedoch meist, dass seine desolaten Firmen vor drohendem Bankrott durch eine Übernahme gerettet werden – und Bush gleich im Vorstand landet und finanziell gut aussteigt. In Midland heiratet er 1977 die einheimische Lehrerin und Bibliothekarin Laura Welch, es folgen die Zwillinge Barbara und Jenna, benannt nach ihren Omas. Bushs Sauforgien (und angeblich auch Umtriebe mit örtlichen Call Girls) werden so bizarr, dass seine eigene Familie für ein Jahr lang den Kontakt abbricht und Lauras Freunde sich sogar Sorgen um häusliche Gewalt machen, schreibt Kelley.
Nach Lauras Ultimatum „Jim Beam oder ich!“ stoppte er am 40. Geburtstag das Saufen. Laut der von Kelley zitierten Sharon Bush, Ex-Frau von George-Bruder Neil, hätte es auch danach Drogenexzesse gegeben: Als Daddy im Oval Office regierte, hätte George und seine Brüder im Präsidenten-Wochenendsitz Camp David eifrig gekokst. Das finanzielle Fundament für seine Polit-Karriere schaffte Bush durch einen umstrittenen Deal als Mitbesitzer des Baseballteams „Texas Rangers“: Er überzeugte die Stadt Arlington, 191 Millionen an Steuergeldern in einen Stadionneubau zu stecken – Bushs Anteil stieg von 640.000 Dollar auf 15,4 Millionen. Viele, die Bush von damals kennen, wundern sich über den politischen Erfolg der letzten Jahre: Mit brutalen Wahlkämpfen entthronte er 1994 Texas „Grand Dame“ Ann Richardson, bezwang Vietnamheld John McCain in den Primaries 2000, Vize Al Gore trotz Clinton-Boomjahren im Florida-Nachwahl-Thriller – und jetzt trotz Irakdebakels und drei klarer Niederlagen im TV-Duell gegen Senator Kerry und die machthungrigen Demokraten. „Niemals soll man mich unterschätzen“, scherzt Bush gerne.

# 25. Oktober: Das Finale des großem Wahlthrillers

Die US-Wahlschlacht endet mit der Dramaturgie eines Hollywood-Dramas. Vor sieben Wochen lag der populäre Ex-Präsident Bill Clinton noch im OP des „Columbia-Presbyterian Center“ in Nordmanhattan und Top-Chirurg Craig R. Smith baute mit Venen aus dem Brustkorb und Oberschenkel Umfahrungen für die verstopften Herzarterien. Haarscharf war Clinton einem schweren Herzinfarkt entgangen. Jetzt steht er strahlend im tosenden Jubel der Zehntausenden im „Love Park“, Downtown Philadelphia, wie der Auferstandene, preist den Kandidaten der Demokraten John F. Kerry (Spitzname: JFK II) als „nächsten Präsidenten der USA“. Seine Ärzte hatten ihn zwar gewarnt, sickert durch, doch wegen der Wichtigkeit dieser Wahl sei seine eigene Gesundheit zweitrangig.
An der gegenüber liegenden Küste riskiert „Governator“ Arnold Schwarzenegger sogar weitere Wochen ohne Sex, um Präsident George W. Bush bei einem möglichen Auftritt im Schaukelstadt Ohio zu unterstützen. Das letzte Mal, als er Bush mit einer umjubelten Rede beim Parteitag in New York gepriesen hatte, verriet Arnie selbst, boykottierte seine Demokraten-Gattin, JFK-Nichte Maria Shriver, zwei Wochen lang den Beischlaf. Wahrscheinlichster Auftrittsort: Columbus, wo Arnie durch den jährlichen Bodybuilding-Wettkampf „Arnold Classic“ hochpopulär ist.
Das Auftauchen der großen Stars kennzeichnet das dramatische Finale einer Wahl, deren Auswirkungen weit über die Grenzen der 290-Millionen-Einwohner-Supermacht USA gehen. Wenn nächsten Dienstag – der 2. November – geschätzte 114 Millionen US-Bürger in über 6.000 Wahlbezirken den Präsidenten für die nächsten vier Jahre küren, wird in ihren Köpfen das Stakkato an Superlativen nachhallen:
# Als „wichtigste Wahl seit Generationen“ hatte sie Kerry bezeichnet;
# Vor weiterem Terroranschlägen hatte Bush gewarnt, sollten die Amerikaner „die falsche Wahl treffen“.
# Erstmals seit 1972 befindet sich Amerika während des Urnengangs durch das Irak-Schlamassel im Krieg;
# Es ist die, wie Bush gerne immer wieder betont, erste Wahl seit dem Terrorhorror des 11. September, der als blutigster Angriff auf das US-Festland aller Zeiten fast 3.000 Menschenleben forderte;
# Noch kaum zuvor hatten die Kandidaten so derart konträre Ansichten zu praktisch allen wahlwichtigen Themen dargelegt – alles Steuersenkungen, Gesundheistvorsorge, Sozialbersicherng, Frauen- und Bürgerrechte, sowie dem Antiterrorkrieg;
# Und am Spiel steht in den USA selbst nichts weniger als Bürgerfreiheiten, Umweltstandards, Pensionen und Lebensstandard der Mittelklasse, Amerikas Image in der Welt – und deren Zukunft von Klimaschutz, Nuklearterrorbedrohung und weiteren möglichen Antiterrorkriegen.
Durch die militärische, politische und wirtschaftliche Dominanz der USA fiebern Milliarden Menschen rund um den Globus beim US-Wahlthriller zwischen dem Cowboy und den Gentleman mit. In Europa gehen die Emotionen höher als selbst in Sachen eigener Krisen, wie etwa die um den designierten Kommissionspräsidenten Jose Mario Durao Barroso. Und auch der Drang nach Einflussnahme geht erstmals über erregte Debatte hinaus: Die Palette reicht von Mahnwachen vor dem Stephansdom, wie während des Bush-Parteitages oder spontane Gruppen wie „Europeans Against Bush“, wo auch Ex-Kerry-Helferin Heike Warmuth mithalf: „So viel Interesse in die US-Wahlen hat es hier wohl noch nie gegeben“, sagt sie. Das linke Britenblatt „The Guardian“ versuchte sich in aggressiven Aktionismus: Mit der Hilfe von Starautor John Le Carre wurden Leser aufgerufen, US-Wähler im Ohio-Bezirk „Clark County“ mit Massenpostsendungen zur Abwahl von Bush zu bewegen. Der Schuss ging allerdings nach hinten los: Als die ersten 40.000 Briefe und Emails von 14.000 Lesern eintrafen, glühten bei der lokalen Republikaner-Partei die Telefone mit spontanen Freiwilligenmeldungen zur „Abwehr des ausländischen Einflusses auf die US-Wahlen“, so der Tenor.
Amerikas Wahlsystem, festgeschrieben anno 1776 in den elf handschriftlichen Verfassungsseiten der Gründerväter, sieht in jedem Bundesstaat die Wahl von 538 Wahlmännern („Electoral Votes“) vor – die nach dem Winner-Takes-it-All-Prinzip vergeben werden: So erhielt Al Gore vor vier Jahren 500.000 Stimmen mehr als Bush, doch verlor die Wahl nach dem Florida-Höchstrichterspruch um eine Wahlmännerstimme. Gekämpft wird bei US-Wahlkämpfen daher niemals um die Gesamtwählerschaft, sondern um eine kleine Schar Unentschlossener in den Schlachtfeld- oder Schaukelstaaten: Bush und Kerry kämpfen in den letzten Tagen daher mit allen verbliebenen Ressourcen nur mehr in Florida (27 Wahlmännerstimmen), Pennsylvania (21), Ohio (20), Michigan (17), Minnesota (10), Colorado (9), Iowa (7), Nevada (5), New Mexico (5) und New Hampshire (4). Der Rest der Nation wird entweder bereits fest Bush zugerechnet, wie der Süden und Mittlere Westen (213 Wahlmänner), oder Kerry, der Neuengland und die gesamte Westküste gewinnen dürfte (190).
In den Schaukelstaaten prallen die Kampagnen im Nahkampf aufeinander: Bürger werden mit TV-Spotts, Telefonanrufen und Briefen bombardiert, Freiwillige gehen von Tür zu Tür, Sonntagsmessen werden zu Strategiebesprechungen, auf Unis T-Shirts mit Slogans wie „Wähle oder Sterbe“ verkauft. Die für Amerika so typischen Suburbs dominieren inzwischen ein Bush/Cheney- oder Kerry/Edwards-Schilderwald. Mitunter landet Hundescheiße im Garten eines potentiellen Wählers der Gegenseite. Das Potential zur Gewalt ist höher als jemals zuvor: In lokale Parteizentralen wurde eingebrochen, Wahlhelfer attackiert, Hacker brachen in Computersysteme ein. Al Gore, der wegen seinem Untergang in Florida gegen die Bush-Kämpfer 2000 immer noch Märtyrerstatus bei den Demokraten besitzt, appellierte bereits an seine Partei, vor jeglichen Gewaltakten Abstand zu nehmen. „Einen Bürgerkrieg in Zeitlupe um den Seele Amerikas“, beschrieb Newsweek etwas schwülstig den Alltag in den Schlachtfeldstaaten.
Die schrille Intensität des Wahlkampfes schüren nicht nur die rohen Emotionen im Post-Elfter-September-Amerika, sondern auch das neuerliche Kopf-an-Kopf-Rennen: Kerry und Bush liegen in fast allen Umfragen gleichauf oder haben innerhalb der Fehlermargen liegenden Miniführungen. In einer Reuters/Zogby-Umfrage lag am Montag Bush mit 48 zu 45 Prozent voran – exakt das gleiche Ergebnis acht Tage vor der Wahl wie bei Gore vs. Bush. Ähnlich knapp sind die Werte in den Schaukelstaaten: In sieben der elf liegen die Kontrahenten praktisch gleichauf. „Die Umfragen sind heuer fragwürdiger als sonst“, warnt Politologe Shaun Bowler (University of California, Riverside): „Bis zu 14 Millionen neue Wähler wurden registriert – und niemand weiß, wen sie wählen werden“.
Durch das nach wie vor desolate Wahlsystem befürchten Experten einen GAU, der das Nachzähldebakel in Florida 2000 weit übertreffen und die Nation vor eine Zerreißprobe stellen könnte: Die Parteien haben tausende von Anwälten und Wahlbeobachter meist in Florida, Ohio und Pennsylvania entsandt: Sie haben Dokumente für Musterklagen abrufbereit auf ihren Laptop-Computern, die Stunden nach der Wahl eingebracht werden können. Bereits die Gerichte beschäftigen Listen angeblicher Vorbestrafter, denen Republikaner die Wahl verwehren wollen. Die wiederum protestierten gegen den „Betrug“ bei Kampagnen der Demokraten zur Registrierung neuer Wähler. Ex-Präsident Jimmy Carter, der als Wahlbeobachter agiert, ist wenig optimistisch: „Die Bestimmung des Siegers könnte heuer noch um einiges schwieriger und langwieriger als 2000 werden“. Dass Amerika in Sachen Wahlsystem – alles von antiquierten Stanzmaschinen, für die es nicht einmal mehr Ersatzteile gibt, bis High-Tech-Touchscreen-Apparate, die jedoch kein Papierprotokoll ausdrücken – als Drittweltland angesehen wird, soll eine 60-Köpfige Wahlbeobachtermission, angeführt vom Österreicher Christian Strohal, der OSZE verdeutlichen.
Wie die Kandidaten das tote Rennen in letzter Sekunde aufbrechen wollen, ließen deren Strategien durchblicken:
# George Bush will voll auf seine größte Stärke des Image als resoluter Antiterrorkrieger und Heimaltland-Beschützer setzen, wo er laut Newsweek-Umfrage Kerry mit 55 zu 37 Prozent weit zurück lässt. Bush finale Botschaft ist, Kerry kann „wegen seiner Flip-Flopp-Vergangenheit im Senat als Leader nicht getraut werden“ und ein Führungswechsel in Kriegszeiten sei „viel zu riskant“. Selbst bei Wahlkampfauftritten setzt Bush auf kriegerische Bilder: Zuletzt knatterte sein Diensthubschrauber „Marine One“ begleitet von weiteren Kampfhelikoptern mit Maschinenpistolen im Anschlag über den Massen in Fort Meyers, Florida. Dann wettert er immer schriller gegen Kerry, der bei der Selbstverteidigung Amerikas zuerst die Welt um Erlaubnis fragen wolle und der überhaupt gar nicht verstehe, um was es beim Antiterrorkrieg wirklich gehe. Bush-Chefstratege Karl Rove fasst die Kernfragen zusammen: „Wer kann den Antiterrorkrieg gewinnen? Und wer macht Amerika sicherer?“ Rove hat sich diesmal Munition für die letzten Tage aufgehoben, nachdem er sich 2000 in den letzten Tagen als zu siegessicher gezeigt hatte: Ein ganzes Rudel Wölfe, das gespenstisch mit verwackelter Kamera gefilmt ist, wurde etwa auf TV-Zuseher losgelassen: „In einer immer gefährlicheren Welt, sogar nach der ersten Terrorattacke auf Amerika“, beschwört eine Frauenstimme, „hatten John Kerry und die Liberalen für eine Kürzung der Geheimdienstetats im Kongress gestimmt“. Nachdem Kerry mit Bush als Vogelstrauß konterte, titelte der Internet-Drudgereport: „Jetzt ist die Wahl ein Zoo“. Doch Rove hat den Wölfespot bei Testgruppe positiv getestet und erinnert sich an Reagans die Sowjets symbolisierenden Braunbären, der 1984 für Furore sorgte. Eine Serie neuer Reden mit rührende Anekdoten persönlicher Begegnungen mit Opfern des Terrorkrieges soll Bush nach Monaten der Schlammschlacht sympathischer erscheinen lassen. Im TV plant Rove als Abschluss eine 60 Sekunden lange Marathoneinschaltung.
# Kerry & Co glauben, dass kein Präsident mit einer derartigen Horrorbilanz im Inneren (Ölpreis 55 Dollar, 1.6 Millionen Jobs verloren, flacher Aktienmarkt und mehr Arme und Unversicherte) und Äußeren (Irak-Debakel, Isolation Amerikas) wieder gewählt wird. Umfragen bestätigen dass: Bushs Popularität liegt unter 50 Prozent, eine Mehrheit der Amerikaner glaubt, dass Land steuere in die „falsche Richtung“ und Bush verdiene keine Wiederwahl. „Wir müssen diese Wähler an der Hand nehmen und zu John Kerry führen“, erläutert Kerry-Stratege Mike McCurry. Doch viele haben – wohl auch durch Bushs brutale Negativkampagne – immer noch Vorbehalte gegenüber Kerry, besonders bei Frauen. Deshalb muss Kerry selbst Tage vor der Wahl noch wertvolle Zeit vergeuden, um sich bei den Bürgern vorzustellen: Da taucht er auf in Tarnjacke beim Entenschießen, erklärt ellenlang seinen tiefen Glauben, baut in jeder Rede biografische Annekdoten ein, die ihn eher als Kumpel anstatt als steifen Boston-Schnösel wirken lassen. Kerrys Schlussoffensive soll daher auch weiche Themen beinhalten, wie Stammzellenforschung, die Umwelt, steigende Kosten bei der Krankenversicherung. In all diesem Themen liegt Kerry in Umfragen weit vor Bush. Sonst ist die Schlussthema klar: Es ist Zeit für einen „Neustart“, Amerika und die Welt können sich „Four more Years“ an Bush nicht leisten. „Und Amerika braucht einen Präsidenten, der das Land verteidigen und gleichzeitig für die Mittelklasse kämpfen kann“, so Kerry-Berater Bob Shrum.
Eine erste Bilanz der Wahl 2004 fällt düster aus: Noch nie wurde in Amerika dafür so viel Geld ausgegeben, noch nie bewarfen sich die Kandidaten mit so viel Dreck – oder appellierten gemeinsam mit Sympathisantengruppen Hilfsorganisationen so unverfroren an Ängste und Emotionen. Kerry & Co lassen den Irak-Horror in einem Stakkato an Explosionen, Bilder um ihr Leben flehender Geiseln und verkrüpelter GIs auf die Wähler los, „Moveon.org“ Mütter gefallener Soldaten anklagen. Bush hämmert Bürgern die Botschaft ein, Waschlappen Kerry könne mit der Verteidigung Amerikas nicht getraut werden: Da tickte eine Uhr, es ist Fünf vor Zwölf, dann flimmert über Bildern maskierter Terroristen die Botschaft „Trauen Sie Kerry?“ „Fear Faktor“ nennen Wahlbeobachter in Anspielung auf die populäre Reality-TV-Show die Panikmache. Die Meinungen seien heute so festgefahren „wie harter Fels“, erläutert Stratege Steve McMahon: „Da hilft eben nur mehr Dynamit“. Am Wahltag werden die Kandidaten, ihre Parteien und Politgruppen eine halbe Milliarde Dollar allein für Werbung ausgegeben haben, doppelt so viel wie vor vier Jahren. Viele in den wichtigsten Städten der wichtigsten Schaukelstaaten werden sich wohl kaum mehr getrauen, ihre TV-Geräte einzuschalten: In Santa Fe wurden etwa in zwei Wochen 4.644 Spots auf die Audienz losgelassen.
Während die Künstler für Kerry durchs Land tingeln (Rockstars um Bruce Springsteen mit ihren „Vote for Change“-Konzerten oder Filmemacher Michael Moore mit seiner „Slacker Uprising“-Tour) marschiert für Bush „Gottes Armee“: Für Bush-Strategen Rove gilt als Mantra, wenn der Großteil an weißen Evangelisten, immerhin ein Viertel aller Wahlberechtigten, zu den Urnen schreitet, Bush die Wahl kaum verlieren kann. Immer noch verfolgt Rover der Horror, dass 2000 vier Millionen aus Ärger über Juniors Verhaftung wegen Suff am Steuer zu Hause blieben. Amerikas Religiöse Rechte christlicher Fundamentalisten, von denen viele die Bibel wörtlich nehmen und die meisten als „Wiedergeborene“ von Jesus vor einem Absturz gerettet wurden (wie einst Bush vor dem Alkoholismus), kämpfen gegen Abtreibung, Homoehe und das Lehren der Evolution an öffentlichen Schulen. Offen predigen ihre Pastoren von der Kanzel: Jesus würde jenen Kandidaten unterstützen, der am ehesten ihre moralischen Familienwerte und die Bibel unterstütze. Den Namen brauchen sie nicht auszusprechen: Eine der ihren, George W. Bush.

# 12. Oktober: Duell der First Ladyies

Laura Bush ist reizend. Niemals verliert sie ihre Positur, ihre Grazie. Immer ein sanftes Lächeln, dazu ein freundlicher Texas-Dialekt. Die 56-Jährige winkt dezent. 25 Minuten dauern ihre Rede meistens, der Inhalt ist immer gleich – wie auch ihr Publikum. Es sind einfache Frauen im Mittleren Westen, dem Herzen Amerikas. Alle wurden vorher auf ihren politischen Background abgecheckt: Nur Republikanerinnen werden zugelassen. Die First Lady preist ihren „George“, berichtet über die Schwere seines Amtes, wenn er Kriegsentscheidungen trifft zum Beispiel, und wie schwer das alles ist. Lauras Mission ist, die für den Macho-Präsidenten so schwierig zu erreichenden Wählerinnen zu mobilisieren. Nach ihrem Auftritt in Wasau, Wisconsin, sind alle Zuhörerinnen begeistert: „Sie hat wirklich Klasse“, sagt eine. „Sie steht hundertprozentig hinter ihrem Mann“, eine andere. Alle werden wohl „W“ wählen – wahrscheinlich hatte sie Laura nicht überzeugen müssen.
Teresa Heinz Kerry ist sexy. Das hat sie selbst über sich bei einem TV-Interview gesagt. Sie ist 65 Jahre alt, gute Kosmetika, teuer zerzauste Haare und Botox-Faltenspritzen lassen sie weit jünger aussehen. Auch die Injektionen hat sie selbst zugegeben. Sie ist 800 Millionen Dollar schwer. Teresas Stimme ist sanft, leise eigentlich. In wenig portugiesischer Akzent ist geblieben. Die Ton-Techniker müssen immer das Mikro auf volle Stärke drehen, obwohl sie es ganz nahe an den Mund hält. Teresas Publikum sind meist die Powerfrauen des urbanen Amerikas. Zu Beginn der Kampagne ihres Senatorengatten John Kerry hatte sie bei Strategen Nervenflattern ausgelöst: Immer wieder kam sie vom Thema ab, trat serienweise in Fettnäpfe, vertratschte sich bei Vorträgen und verpasste Flüge. „Ich habe meine eigene Meinung“, sagt sie stets: „Und die lasse ich mir von niemanden verbieten!“ Ihre Zuhörerinnen klatschen da begeistert. Zuletzt hat sie sich ein wenig gebessert: Zumindest hat Teresa schon eine Weile nicht mehr einem Reporter bedeutet, er „möge sich seine blöden Fragen wohin stecken“.
Sie haben zwar keine eigenen TV-Debatten wie die beiden Running Mates Bushs Dick Cheney und Kerrys John Edwards, doch spielen die Frauen der Kandidaten eine zentrale Rolle im Wahlthriller um das Oval Office zwischen Bush und Kerry am in weniger als drei Wochen (2. November): Laura Bush und Teresa Kerry haben ein eigenes Team, ein dichtes Programm an Wahlkampf- und Talkshow-Auftritten. Laura gilt mit einer Zustimmungsrate von 80 Prozent als Bushs Geheimwaffe, Teresa ist mit mageren 35 Prozent und wegen ihrer Offenheit und Unberechenbarkeit für Kerry mehr ein „Jolly Joker“. Doch wer sind die beiden Frauen, von denen eine die nächsten vier Jahre als First Lady an der Seite des mächtigsten Politikers der Erde verbringt?
Laura Welch wuchs auf im Kaff Midland, Westtexas. 17-Jährig verursachte sie ihnen Autounfall, bei dem ein Schulkamerad ums Leben kam. Sie studierte an der Provinzuni „Southern Methodist University“, wurde Lehrerin an öffentlichen Schulen in Houston und Dallas, später Bibliothekarin. Laut Skandal-Autorin Kitty Kelly hatte die süße Laura auch eine dunklere Seite: Demnach hätte sie nicht nur gekifft, sondern sogar gedealt. 30-Jährig und als Demokratin traf sie auf einer Grillparty den erfolglosen, doch mit gutem Familienbackground ausgestatteten Bush jr., rasch wurde geheiratet. Der Matriarchin des Clans Barbara soll sie sich so vorgestellt haben: „Ich lese. Ich denke. Ich rauche.“ Teil des Ehevertrages war, dass sie niemals eine öffentliche Rede halten müsse… Doch Bushs Alkoholprobleme machten die Ehe zur Hölle. „Freunde beschrieben den besoffenen George als sarkastisch und aggressiv“, schreibt Kitty Kelly: „Bekannte machten sich ernste Sorgen, ob er sie nicht mitunter auch misshandelt – doch es gab niemals einen Polizeireport“. Vor seinem 40. Geburtstag stellte sie ihm ein Ultimatum: „Ich oder Jim Beam!“ George stoppte, fand Jesus und schaffte es mit der nun regelmäßig Reden haltenden Laura ins White House.
Maria Teresa Thierstein Simoes-Ferreira wuchs als Tochter eines portugiesischen Arztes in Mosambik auf, studiert an Unis in Südafrika und Genf, fließend in fünf Sprachen dolmetschte sie an der UNO in Genf. Mehrmals besuchte sie Wien. „Ich liebe diese Stadt“, sagte sie: „Sie ist sehr feminin…“ Als sie John Heinz in Genf traf, sagte er ihr bloß, er sei der Sohn eines Suppenherstellers. Eine kleine Untertreibung, war er doch der dritte direkte Nachfahre des Gründers des heutigen Lebensmittegiganten „H. J. Heinz Company“ (8,4 Mrd. Dollar Umsatz, 37.500 Beschäftigte). Sie heirateten, hatten drei Söhne. Heinz wurde republikanischer Senator, sie ebenfalls Republikanerin. Einmal wurde sie auch zufällig Johns Senatskollegen John Kerry vorgestellt. 1991 klingelte bei Teresa das Telefon: Das Flugzeug ihres Gatten sei mit einem Hubschrauber zusammengeprallt. Nach 25 Ehejahren war ihr Gatte tot. Noch heute sagt sie „mein Mann“, und meint John. Sie erbt 500 Millionen Dollar des Heinzerbes und verwaltet mit teils knallharter Geschäftspraktiken den mit fast zwei Milliarden Dollar ausgestatten Heinz-Spendenfonds. 1992 trifft sie beim Umweltgipfel in Rio neuerlich auf Kerry – drei Jahre später wurde geheiratet.
Laura Bush hat vier Jahre lang eine recht traditionelle Rolle als First Lady gespielt – als starken Kontrast zu „Schatten-Regierungsmitglied“ Hillary Clinton vor ihr. Ihre Agenda ist, dass Amerikas Kinder Lesen und Schreiben lernen. Auch ihr „Bushie“, wie sie ihn gerne nennt, hat das als wichtige Priorität erkannt. Sie organisiert Buchmessen, lädt Autoren ins White House (freilich nicht Kitty Kelly oder Michael Moore), wurde sogar UN-Ehrenbotschafterin für das „Jahrzehnt der Bildung“. Doch wichtiger für die Weltgeschicke ist ihre Rolle als Bush-Beraterin: Sie würde ihn zu einem mäßigenden Ton raten, wenn er mit martialischem Getöse á la „Dead or Alive“ wieder mal „über die Stränge haut“, wie sie findet. Im Wahlkampf wurde jedoch ihre Rolle wesentlich politischer – und sie teilte sogar in mit ihrer unschuldigen Fassade Seitenhiebe gegen Kerry aus.
Tersea Heinz Kerry wird, darüber sind sich alle Insider einig, wieder eine politisch hochaktive First Lady ähnlich Hillary werden: Schon in der Kerry-Kampagne ist sie wichtigste Beratern, nicht nur in Sachen Stil sondern auch Substanz. Bei ihrer Rede am Boston-Parteitag verplemperte sie sogar ihre kostbare Primetime-Zeit mit dem Ausbreiten ihrer kosmopolitschen Weltanschauung, anstatt ihren Gatten zu preisen. Doch auch ihre Agenda dürfte „weichere Themen“ beinhalten, wie Gesundheitsvorsorge und Erziehungsfragen.
Stark ist der Kontrast auch in Sachen Live Style zwischen den beiden Damen: Laura liebt die „Outdoors“, ging mit George und den Kids am Liebsten Camping. Mit der Riesenranch im Texas-Nest Crawford hat sich nicht nur der bodenständige Bush seinen Lebenstraum erfüllt. Lauras Stil ist eher bieder: Sie setzt gerne auf konservative Kostüme, wenig Schmuck und sehr dezentes Makeup. Jahrelang wurde sie von den Zwillingen Jenna und Barbara gehänselt, sie habe eine „Helmfrisur“. Doch in letzter Zeit verwandeln Haarstylisten ihre dunkelblonden Haare in perfekte Frisuren. Spass-Talker Jay Leno verbrachte Minuten mit seiner Bewunderung. „Sehr hübsch, sehr hübsch“, lobt er.
Teresa hingegen ist eher an das flotte und bequeme Leben des Jetset gewöhnt: Gemeinsam mit John besitzt sie Riesenvillen in Boston (Wert: 12,8 Millionen Dollar), Fox Chapel, Pennsylvania (14 Millionen), D.C. (6 Mio.), Idaho (8) und Nantucket (12). Sie trägt sündteure Chanel-Schuhe, Kaschmirschals, Armani-Hosenanzüge, reist oft mit der privaten rot-weißen Gulfstream II namens „Fliegendes Eichkätzchen“. Sie leidet unter dem Mangel an Annehmlichkeiten während der Tour durch die US-Provinz, vertraute sie der New-York-Post-Klatschkönigin Cindy Adams an: „Manche Hotels servieren nach 22 Uhr nichts mehr“, klagte sie. Mehrere Pfund habe sie wegen dem Junk Food schon zugenommen, meist ernährt sie sich von „Caeser Salad“ mit Hühnchen.
Klar punkten können die Kerrys in Sachen Kinder: Während die 22-Jährigen Bush-Twins Barbara und Jenna zuerst mit Sauforgien auffielen, dann Jenna dümmlich die Zunge aus dem Auto steckte und beide am Bush-Parteitag eine spätpupertäre Spaßrede hielten („Oma glaubt, Sex and the City ist, was Verheiratete tun und niemals besprechen…“), machte Kerrys zwei Töchter Alex und Vanessa aus erster Ehe gemeinsam mit den drei Heinz-Boys Chris (eine JFK-jr.Look-A-Like, der einmal auch mit Hollywoodstar Gwyneth Paltrow) sowie Andre und John nur positive Schlagzeilen in der US-Presse. „Kerry Camelot“, nannte sogar die rechte „New York Post“ den Kerry-Heinz-Clan – in Anspielung an den Kult um die Kennedys.

# 11. Oktober: Verhindert Moore Bush II

Fast war es für Bush-Basher Michael Moore etwas zu ruhig um seine Person geworden, abgesehen vom Ausbuhen durch 4.900 Republikaner-Delegierte beim Bush-Parteitag in New York, wo er als Kolumnist in der Pressetribüne auftrat. Doch seit vergangenem Dienstag scheint die Welt für den Polemiker-in-Chief wieder in Ordnung zu sein: Am 5. Oktober, dem Moore-Day (M-Day), wurde mit einer Startauflage von 4,5 Millionen DVD´s und VHS-Kassetten seine Kultdoku „Fahrenheit 9/11“ zum Verkauf freigegeben (auf Amazon.com zur Zeit Nummer Eins!). Auf der Silberscheibe gibt es noch mehr Munition gegen Bush als selbst in der Kinoversion: Neue Folterszenen, Bushs gespenstische Pressekonferenz nach seiner Aussage vor der 9/11-Komission, ein Interview mit Marine Abduhl Henderson, der sich weigerte, in den Irak zurückzukehren, Szenen über die Kontroverse wegen des Streifens selbst. Dazu erschien das offizielle Buch zum Film „The Official Fahrenheit 9/11 Reader“, ein Bildband mit mehr Datenmaterial zur Verifizierung der kühnen Angriffe gegen den Kriegspräsidenten. Insgesamt könnte das Gesamtgeschäft mit Fahrenheit 9/11 global 500 Millionen Dollar einspielen – „und das bei weniger als zehn Millionen Dollar Produktionskosten“, wie Moore anmerkt.
Doch am meisten Debattenstoff in den USA sorgt das dritte, an M-Day erschienene Moore-Produkt: In „Verraten und Verkauft: Briefe von der Front“ präsentiert der bullige Midwesterner die Hilferufe der GIs direkt aus dem Irak-Sumpf. Es sind meist bittere Anklagen der jungen Soldaten gegen Bush & Co: 1.060 sind bereits gefallen, 138.000 droht täglich, durch die Todesfallen von Aufständischen und Terroristen zerfetzt zu werden. Das Buch rangiert bei Amazon.com auf Rang 28 und ist am Weg zum Bestseller. Bei seiner „Faulpelze erhebt euch!“-Tour durch 60 Metropolen im meist wahlentscheidenden Battleground-Staaten liest Moore aus den Briefen – und lässt mit anderen provokanten Aktionen den Hype in eigener Sache eskalieren: Als er Unterhosen an Studenten verschenkte, um sie zu den Wahlurnen zu bringen, verklagte ihn die lokalen Republikaner wegen „Verstöße gegen das Wahlgesetz“ (niemand darf mit Geschenken zur Wahl gelockt oder ein Kandidat beworben werden). Moore hatte Glück: Ein Provinzrichter wies die Klage ab – bis zu fünf Jahre Haft hätten wegen „dem Spaß“ (Moore) drohen können. Inzwischen geraten die Universitäten, in denen der Provokateur meist auftritt, unter Druck privater Sponsoren, die auf ein Moore-Boykott drängen.
Moore-Buch….

# 4. Oktobert: Als Hubert den „Governator“ traf

Gorbach
„Hubsi“ in Sacramento

Es waren vielleicht die aufregendsten 35 Minuten im Politikerleben von Vizekanzler Hubert Gorbach: Mit ganz wenigen Beratern saß er gegenüber „Governator“ Arnold Schwarzenegger in dessen Büro im Erdgeschoß des Kapitol-Kuppelbaus in Sacramento. Damit hat Gorbach das Rennen der Austropolitiker um das erste Treffen mit Arnie gewonnen. Dazu bedurfte es Ausdauer. Der Zieleinlauf kam bloß zwei Tage bevor sich die Wahl des Ex-Bodybuilders und Hollywoodstars zum ersten Mal jährt. Gorbach kam nicht unvorbereitet: Ein Kochbuch mit vorarlbergischer Kost für First Lady Maria Shriver (dabei hatte die NBC-Starreporterin und Vierfachmutter längst gestanden, kaum Zeit zum Kochen zu haben), dazu ein paar Zigarren für Arnie. Insgeheim hatte der Vorarlberger wohl gehofft, in Arnies legendäres Raucherzelt im Hof zum Zigarren-Paffen geladen zu werden: Dort wo die wichtigsten Deals passieren, dort, wo sich Arnie mit seinen besten Freunden mitunter entspannt.
Zeit für das Zelt blieb nicht: „Da geht es ja richtig rund“, bemerkte Gorbach sofort: „Man merkt, dass von hier aus ein Riesenstaat geführt wird von einem der begehrtesten Menschen des Planeten“. 35 Minuten lang musste die Delegation in Vorräumen warten – und das sei „ganz normal“ und keinesfalls eine Abwertung, wie ein Insider versicherte. Die Atmosphäre beim Talk rund um den Holztisch mit wuchtigem Swarovski-Kristallaschenbecher sei dann „sehr herzlich gewesen“, versichert ein Teilnehmer. Dass der erste „Staatsbesuch“ aus Arnies Heimatland in keiner Arnie-Presseaussendungen vermerkt worden war, will keinesfalls als Verstecken des Mitgliedes der in der USA nicht besonders populären Haider-Partei missverstanden werden. Immerhin sollte das gemeinsame Foto von Hubert und Arnold sogar am Internet veröffentlicht werden, sagt Gorbach: Er habe eben lieber mit „einem Freund aus Österreich im privaten Rahmen parliert.
Über einen Österreich-Besuch anlässlich einer Europa-Tour wurde gesprochen, „den wir optimal vorbereiten wollen“, wie Gorbach betonte. Gepriesen wurde die Ausweitung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der mit 35 Millionen Einwohnern sechstgrößten Volkswirtschaft der Erde und Arnies dagegen wirtschaftlich eher mickrig wirkenden Heimatlandes. Doch Gorbach hofft, dass Arnie „clever genug sei“, die wachsende Rolle Österreichs zu begreifen. Und durch Arnies unendlichen Marktwert könnten Synergien zwischen dem Polit-Superstar und dem boomenden Alpenstaat genützt werden. Konkret: Die zur Zeit geschlossenen Kalifornischen Außenwirtschaftsstellen sollen die Expertise der Austria-Büros nutzen, um an einer Wiedereröffnung zu arbeiten. „Wenn ich das durchbringe“, gestand Schwarzenegger Grenzen seines neuen Politikerdaseins ein.
Arnie habe sich gefreut, dass Österreichs Minister für Verkehr, Infrastruktur und Technologie die Eröffnung eines Wasserreinigungswerkes der Firma Andritz nahe Sacramento vornimmt. Doch dann kam der Governator gleich auf eine Jugenderinnerung an einen Eisstockschießplatz auf einem Andritz-Gelände zu sprechen. Trotz Kritik an Gorbachs langem Aufenthalt am Nordamerikanischen Kontinent, kündigt der FP-Politiker gleich weitere Reisen an: „Ich habe das Gefühl, fortan öfters da zu sein“, sagt er: „Denn die Politiker müssten hinter den wachsenden Wirtschaftsbeziehungen stehen“. Am Weg zum Arnie-Termin hatte er gleich mediengerecht den Kontakt zu Kaliforniern gesucht: „Hi, ich bin der Vizekanzler von Austria“, stellte er sich einer Gruppe verwunderter Beamtinnen vor dem Kapitol vor.
Arnie habe sich auch für das „konsequente Abarbeiten“ des Programms der österreichischen Bundesregierung interessiert, behauptet Gorbach – besonders über Steuersysteme sei der Governator lange aufgeklärt worden. Doch rasch ging es zum Geschenkeaustausch: Gorbach hatte einen Ledersattel, eingefärbt als US-Flagge angeschleppt, Arnie revanchierte sich mit einem persönlich gravierten Pfeifenständer. „Denn er wusste sogar“, schwärmt Gorbach, „dass man Pfeifenrauchern keine Pfeifen schenkt“. Die Kritik aus Österreich nach seiner Bush-Parteitagsrede wollte Gorbach beim Arnie-Talk nicht ansprechen. Er teile sie auch nicht: „Schwarzenegger ist ein guter Österreicher“, stellte er klar. Seine engste Medienbetreuerin berichtet am Gang vor dem Büro währenddessen, dass die Debatte Arnie „tief getroffen“ habe.

# 4. Oktober: Kerrys Comeback im TV-Duell

Sollte George W. Bush am 2. November die Wiederwahl zum US-Präsidenten nicht glücken, werden exakt 43 Gesichtmuskel dafür mitverantwortlich sein. Diese hatten nämlich in der großen TV-Debatte vergangenen Freitag gegen Demokraten-Herausforderer John Kerry vor 62,5 Millionen Zusehern eine Orgie an Grimassen ausgelöst. Und keiner der Gesichtsausdrücke war sympathisch: Die Mundwinkel zogen sich nach unten, eine Mischung aus verärgert bis wütend, sein leerer Blick signalisierte eine Mischung aus Angewidertheit und Langeweile. Keine Spur vom sonnigen, sympathischen Kumpel, mit dem die Mehrheit der Amerikaner viel lieber auf ein Bier gehen würde als mit dem steifen Ostküstler Kerry.
Dabei war die Rhetorik noch schlimmer als die Mimik. Als schlagfertige Konter gedachte Phrasen wie „Das einzige konsistente an Mr. Kerry ist seine Inkonsistenz“ verloren durch Herumstottern an Kraft. Nach 90 Minuten der fast tragikomischen Performance blieb selbst Heerscharen konservativer „Spinn“-Meister nur mehr dümmliche Entschuldigungen: „Emotional ausgelaugt“ hätte den Präsidenten der Besuch bei Hurrikan-Opfern am Vormittag, verlautete der Bush-War-Room. „Immerhin ist nicht vom Podium gekippt“, legte Neffe George P. Bush die Latte für den mächtigsten Politiker der Erde so niedrig wie noch nie: „Er hat seine Positionen den Wählern erklärt – ich möchte nicht sagen, wer gewonnen hat“.
Das brauchte er auch nicht: 57 zu 25 Prozent der nach der Debatte befragten Amerikaner ¬– ein Ratio von Zwei zu Eins – sahen den angriffigen, souveränen und sogar auch sympathischen John Kerry als Sieger. „So einen Triumph in TV-Debatte hat es überhaupt noch nie gegeben“, staunte selbst der hart gesottene NBC-Politkommentator Chris Matthews.
Damit hat „Comeback Kerry“, wie er sich in Anspielung auf Comeback Kid Bill Clinton selbst taufte, bereits zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres seinen Wahlkampf für den Einzug ins Oval Office haarscharf vor einem Crash bewahrt: Noch vor zehn Monaten schrieben Journalisten bereits Nachrufe auf die Kerry-Kampagne, als er in den Demokraten-Vorwahlen weit abgeschlagen hinter Strahlemann Howard Dean zurücklag. Doch Kerry tauschte sein Team, überzeigte als Vietnamkriegsheld die Demokraten bei den ersten Vorwahlen im eisigen Iowa und New Hampshire, dass er im Showdown gegen Bush „wählbarer“ sei als der aggressive Dean.
Eine ähnliche Aufholjagd hatte Kerry bereits 1996 im Kampf um den Verbleib im Senat gegen den populären Massachusetts-Gouverneur William Weld geschafft: Erst im Wahlkampffinale stoppte er mit aggressiver Rhetorik in den TV-Debatten den Republikaner. Sein Spitzname seit damals: Der „Closer“. „Wäre es ein Boxkampf, würde er die ersten Runden nach Punkten verlieren“, beschreibt Bill Verge, ein langjähriger Helfer in New Hampshire, das Phänomen Kerry: „Erst wenn er glaubt, er könnte auch verlieren, kommen plötzlich die wuchtigen K.O.-Schläge für den Gegner“.
Die trafen nun Bush in der TV-Debatte. Dabei hatten die Demokraten ihren Kandidaten fast schon abgeschrieben, als er nach einem die 9/11-Terrorattacken schamlos ausnützenden Bush-Parteitag in New York im Trommelfeuer widerlicher Attacken – alles vom Flip-Flopper (wegen seinem Zick-Zack-Kurs in Sachen Irak), Verräter (durch seine Vietnamkriegsproteste) bis Charaktermord (er sei ein unsympathischer, pickfeiner, Franzosen liebender Boston-Schnösel) – zerbröselte.
„90 Minuten später, eine neues Rennen“, staunte jetzt „Newsweek“ über Kerrys Debatten-Wunder. Laut deren Umfrage führt Kerry plötzlich mit 47 zu 45 Prozent – nachdem er in der Vorwoche sechs Punkte zurücklag. Die Meinungsforscher von „Gallup“, die bisher die Bush-freundlichsten Umfragen produzierten (Kritiker nennen den frommen Evangelisten George Gallup als Grund…), prognostizierten mit 49 zu 49 Prozent einen Wahlthriller. Nachdem Kerry in Wirtschaftsfragen das Vertrauen der Amerikaner hat, zog er auch bei den wichtigsten anderen Wahlschlagern – Irak, Terror und Vertrauen als Oberkommandierender in Kriegszeiten – fast gleich mit Bush. Politologen warnen jedoch, Umfragen heuer nicht über zu bewerten: Eine Flut von Wählerregistrierungen wird verzeichnet, „mit 110 Millionen könnten gut zehn Millionen Neuwähler antreten“, sagt Matthews: „Und niemand weiß wie die wählen“.
Der frische Wind, den angeheuerte Ex-Clinton-Gurus wie Carville, Mike McCurry oder Joe Lockhart in die Kerry-Kampagne brachten, war bereits in den Wochen vor der Debatte spürbar: Endlich hatte Kerry die Bedenken über seinen eigenen Zickzackkurs über Bord geworfen und attackierte Bush wegen dem immer tödlicheren und bis jetzt 200 Milliarden Dollar teueren Irakdebakel. Staraufdecker Seymour Hersh hält die Entscheidung zur Invasion als „dümmsten und folgenschwersten Fehler in der US-Geschichte“.
Brutal rechnete Kerry mit Bushs Irak-Pfusch ab: Ohne nennenswerte internationale Unterstützung wäre der Krieg „fast im Alleingang“ vom Zaun gebrochen worden, obwohl keine Verbindungen zwischen Saddam und Osama Bin Ladens Jumbo-Bombern nachgewiesen werden konnten und gezählte 35 Staaten damals als bedrohlicher für die US-Sicherheit eingestuft wurden als der Irak. Dann wäre den Amerikaner durch zu geringe Truppenstärken eines „Krieges im Sonderangebot“ der Post-Saddam-Irak entglitten. Als Bush frühere Aussagen des Senators zitierte, konterte er: „Ich habe Fehler gemacht, wie ich über den Irakkrieg redete“, so Kerry: „Sie, Mr. President, haben einen Fehler gemacht, den Irak zu erobern – was ist schlimmer?“
Kerry will den Schwung – am wichtigsten scheint, dass er den Verliererstempel durch die Medien ablegen konnte – voll in die verbleibenden dreieinhalb Wahlkampfwochen mitnehmen. In den kommenden zwei TV-Debatten, die nächste am Freitag in St. Louis, werden meist Innenpolitik-Themen debattiert. Kerry will á la Irak-Abrechnung die US-Bürgern wachrütteln, wie Bush & Co das Land zugunsten der Mächtigen umkrempeln und den Staat mit Steuergeschenken für Reiche in den Bankrott stürzen (der US-Durchschnitthaushalt ist mit 84.454 Dollar verschuldet, der Anteil an den Staatsschulden liegt laut „USA Today“ bei astronomischen 473.456 Dollar).
Doch Kerry-Strategen warnen nach dem Debatten-Schub vor früher Euphorie: Noch hat Kerry nicht genügend Wechselwähler, vor allem die verängstigten „Security Moms“ in den Vorstädten, „vom notwendigen Kurswechsel“ überzeugen können: „Ich mache mir Sorgen um die Wirtschaft“, fasste Hausfrau Barbara White in Philadelphia zusammen: „Doch ich traue Kerry noch nicht genug, meine Sicherheit und die meiner Kinder garantieren zu können“.
Und Bushs Attacken-Maschinerie ist gerade erst in Schwung gekommen: Kerry können die Truppen nicht in einem Krieg anführen, den er als „falschen Krieg, am falschen Ort und zur falschen Zeit“ verdamme, polterte Bush zuletzt immer schriller bei Wahlkampfauftritten. Auch mehr an Schmutzkübeltaktik wird erwartet: Der rechte „Drudgereport“ am Internet berichtete bereits, Kerry habe Schummelzettel zur Debatte mitgebracht und nur deshalb gewonnen.