# 28. März: Darf Terry Shiavo sterben?


Beide Seiten im Sowdown um Terry Schiao, 41, beschrieben den Zustand der US-Komapatientin so unterschiedlich, als wären es zwei verschiedene Personen: Bob und Mary Schindler, die Eltern der seit 18 Jahren im Wachkoma verharrenden Herzinfarktpatientin, sowie die Geschwister Bobby und Susan beschrieben nach ihren Besuchen im „Hospice“ in Pinellas Park, Florida, zuerst einen Menschen mit vollem Bewusstsein: Terry lache, spreche, sie zeige erstaunliche Mimik, sogar Emotionen wie Tränen. Nach über einer Woche der Entwässerung durch die Entfernung des Ernährungsschlauches hätten sie „Stöhnen“, „Leiden“ und „Verzweiflung“ ausgemacht. Für Terrys Gatte Michael, der ihre Wünsche nach einer Beendigung des Dämmerzustandes vollstreckte, wie er behauptet, sei der für Bewusstsein zuständige Teil des Gehirns „verflüssigt“, die Chancen auf eine Heilung null.
Der Krieg zwischen Familie und Gatten hatte 1993 im Streit um eine 300.000 Dollar Entschädigung nach Kunstfehlern der Ärzte begonnen: Die hatten ein Potassium-Defizit nicht diagnostiziert, das einen Infarkt auslöste und Terrys Gehirn vier Minuten lang undurchblutet ließ. Die ganze Welt hatte schließlich das Finale einer eigentlich privaten Familientragödie miterlebt: In den USA fieberten die Amerikaner via Nonstoppberichterstattung der TV-Kabelkanäle mit, seitenlange, tägliche Dossiers erschienen in den US-Tageszeitungen in erhöhter Auflage, Magazincoverstories wie „The End of Life“ in „Time“ waren rasch vergriffen. Aufgeregt wurde das sensible Thema Sterbehilfe an Familientischen diskutiert, Hunderttausende legten ihre eigenen Wünsche im Komafall zur notariellen Beglaubigung vor. Die Macht der Bilder hatte die Emotionen angeheizt: Terrys Eltern präsentierten ein Video aus dem Jahr 2001, dass ihre angeblichen Reaktionen im Gespräch mit ihrer Mutter zeigt; Terrys Gatte verwies auf das Bild der gescannten Gehirnregion, das deutlich eine regelrechtes schwarzes Loch zeigt.
Die schrillsten Töne kamen von ultrarechten, enorm gut organisierten Christengruppen, meist Abtreibungsgegner und „Lebensbewahrer“: Mit einem „Life“-Aufkleber über Mund hielten sie Mahnwachen vor dem Spital, ließen sich samt ihrer eigenen Kinder verhaften, als sie Terry Wasser bringen wollten. Gatte Michael wurde als Frauenprügler, Mörder und gieriger Betrüger denunziert. Ultrarechte Politiker und Prediger standen ihnen zur Seite: Pat Robertson bezeichnete den Akt einen „gerichtlich sanktionierten Mord“, der Republikaner-Rechtsaußen Tom DeLay, der ausgerechnet selbst seinen eigenen Vater nach einem Unfall lebenserhaltende Maßnahmen verwehrte, wetterte gegen „medizinischen Terrorismus“. Franziskaner Paul O´Donnell, ein „geistlicher Berater der Familie“ sprach, ganz Ostergerecht, von einer „modernen Kreuzigung“.
Laut Umfragen behielt die US-Bevölkerung die Nerven: Satte Mehrheiten von über 70 Prozent hielten die Entfernung des Ernährungsschlauches für gerechtfertigt. Bestraft wurden Politiker, die das Drama aussschlachten wollten: Präsident George Bush etwa, der ein in eilig einberufenen Wochenendsitzungen beschlossenes Kongress-Gesetz um 2 Uhr früh (vielleicht in Pyjamahosen?) unterschrieb und erstmals in seiner ganzen Amtszeit sein Wochenende in Crawford, Texas, abbrach, sackte bei seiner Popularitätskurve in einer Woche von 52 Prozent auf 45 ab.

# 15. März: Wo ist Michael Jackson?

Als der 15-Jährige Kronzeuge im Michael-Jackson-Jahrhundertoprozess, Gavin Arvizo, aussagte, wie ihn der Popstar in seinem Bett in die Hose fuhr und masturbierte, saß der so unvorteilhaft Portraitierte wenige Meter entfernt – in seinen Pyjama-Hosen. „Als wäre er bereit für den nächsten Akt“, schüttelte ein Prozessbeobachter den Kopf. Der kuriose Höhepunkt des Kinderschänderprozesses in Santa Maria, Kalifornien, ohnehin nicht arm an bizarren Momenten, hatte eine der gewohnt verrückten Jackson-Eskapaden ausgelöst: Als sich Jackson wegen Rückenschmerzen in ein Spital einliefern ließ und seinen Prozess schwänzen wollte (nach Verspätungen, Tanzeinlagen am Dach seines SUVs und einer „Grippe-Pause), riss dem strengen Richte Melville Rodney Melville der Geduldsfaden: Eine Stunde hätte Jackson, sein Hinterteil in den Gerichtssaal zu bewegen – sonst drohe Haft samt Einbehaltung der Drei-Millionen-Kaution.
Der folgende Auftritt des 45-Jährigen im Schlafgewand, Sandalen und zerzausten Harren, dazu torkelnd unter schwerem Medikamenteneinfluss provozierte wieder die Kernfrage des ganzen Jackson-Dramas: Wie irre ist der ehemalige King of Pop wirklich? Dabei geht es gerade jetzt um alles: Die Sexanschuldigungen könnten ihn bis zu 29 Jahre hinter Gitter bringen – und fast alle in seiner Umgebung glauben, das er sich vorher eher das Leben nehmen werde. Andere Jacko-Watcher behaupten hingegen, seine schrillen Eskapaden sind präzise kalkuliert, etwa um von Gavins Horroraussagen abzulenken.
Die Liste verrückter Jackson-Auftritte und Aktion ist lange, besonders nachdem 1993 durch den ersten Kindersexskandal (den er mit 23 Millionen Dollar Entschädigung noch vergleichen konnte) seine kometenhafte Musikkarriere ein brutale Bruchlandung erlitt:
# Im Herbst 2002 tauchte er vor dem Gerichtsgebäude in Santa Maria in einem Privatverfahren eines geprellte Konzertveranstalters mit sich fast loslösender Nase auf – die Horrorbilder gingen rund um den Globus.
# Im gleichen Verfahren unterhielt er die Regenbogenpresse mit tagelangen Verspätungen, einem Auftritt mit Krücken nach einem „Spinnenbiß“ und dem gelegentlichen Umstoßen von Kameras. Jackson verlor den Prozess und musste 5,3 Millionen Dollar bezahlen.
# Kurz danach ließ er seinen fünf Monate alten Sohn Prince Michael II vom Balkon im 4. Stock des Berliner Hotels baumeln. Selbst treuen Fans dämmerte da, dass Jacksons Knall tragische Folgen haben könnte. In Los Angeles zog Jackson-Feindin Gloria Alread, vom Popstar schlicht „Bitch“ (Schlampe) geheißen, zum Entzug des Sorgerechts vor Gericht.
# Als sich Jackson vor der Veröffentlichung seines letzten Albums „Invincible“ und als Inhaber eines „Beatles“-Kataloges von der Plattenfirma „Sony Music“ über den Tisch gezogen fühlte, sprang er mit einem Megafon und einem Plakat, das Sony-Music-Boss Tommy als Teufel zeigte, am New Yorker Times Square auf und ab.
Psychiater haben über die Jahre Jackson gleich dutzende mögliche Störungen attestiert – alles von „Borderline Syndrom“, eine Indentitätsstörung mit teils selbstzerstörerischen Tendenzen bis zur bipolaren Störung, eine Hochschaubahnfahrt zwischen Depressionen und Überschwang aus Lebenslust und Kreativität. Einig sind sich alle Jacko-Watcher, dass die Ursachen in seiner fehlenden Kindheit zu suchen sind. Schon als Kind hatte Vater Joe ihn teils mit Prügel zum Wunderkind erzogen. Heute nennt Jacko ihn eher „Trainer“ als Dad. Die gesamte Kreation seiner kindlichen Welt aus dem mit Stoffpuppen und Ringelspielen vollgeräumten Neverland-Ranch und Massenaufmarsch besuchender Kinder solle dem Neudurchleben seiner vermasselten Kindheit dienen, so Starautorin Daphne Merkin im Magazin „New York“: „Der Unterschied zwischen ihm und einem normalem Neurotiker ist jedoch“, so Merkin weiter, „dass er das verwirklichen konnte“.
Längst hätte Jackson therapeutische Hilfe suchen sollen, sind sich alle einig, „doch hat er wohl keine echten Freunde, die ihm reinen Wein einschenken“, sagt Terence McPhaul, Autor des Bestsellers „The Celebrity Psyche“: „Viele Stars umgeben sich mit treuen Angestellten, die ihnen aus Angst vor dem Jobverlust immer recht geben“. McPhaul glaubt zwar nicht, dass Jacko ein klassischer Pädophiler ist, da es dann schon „wohl hunderte Klagen gegeben haben müsste“, doch habe ihn seine Abgehobenheit und das „Gefühl der Unangreifbarkeit als Superstar“ daran gehindert, alle Übernachtungen von Jungen in seinem Bett abzustellen. Eine Meinung, die auch Top-Psychiater Glen Gabbard teilt: „Er hat eine Scheinwelt geschaffen, die seinen ganzen Narzissmus wiederspiegelt und keine Notwendigkeit für den therapeutischen Selbstfindungsprozess vorsieht“.
Für Dauerheadlines sorgt Jacksons Metamorphose vom süßen afroamerikanischen Buben zu einem Außerirdischen, dessen Fotos Hollywoodmagazine wie „US Weekly“ nicht einmal mehr ganzseitig drucken wollen, „da das den Lesern nicht zumutbar sei“, wie es Chefredakteurin Brittan Stone uncharmant ausdrückte. Einen „Nasenkrüppel“ nannte ihn prompt die berühmte, New Yorker Schönheitschirurgin Pamela Lipkin: „Irgendwas ist hier wohl schiefgelaufen, am ehesten ein losgelöstes Nasenimplantat, dass sich den Weg nach Außen bahnt“. Dutzende Eingriffe soll er hinter sich haben: Augen, Nase, Mund und Kinn wurden umoperiert, seine Haut durch regelmäßiges Bleichen weißer als Schweden im Winter. Jackson-Impersonator Edwards Moss, der täglich für den Unterhaltungs-Kanal „E!“ die Gerichtsszenen nachstellt, braucht 45 Minuten, um sich mit Makeup und Requisiten als Jacko zu verkleiden. Privatdetektiv Ernie Rizzo berichtet über noch kurioseres: Durch „Bleichen“ zwei Mal die Woche sind an seinem Penis im erotisierten Zustand dunkle Ringe zu sehen.
Doch andere, wie die britische Kult-Kolumnistin Tina Brown, argumentieren, dass Jackson so verrückt kaum sein könnte – und das meiste bloß reine Show: „Neben Wasserballonschlachten und auf Bäumen hängen“, so Brown, „war er wiff genug, die lukrativen Beatles-Kataloge zur richtigen Zeit zu erwarben“. Auch Ex-Gattin Lisa Marie Presley berichtete von einem „normalen Michael“ ohne seiner berühmten Piepsstimme. Unüberhörbar sind jedoch die Warnungen vor einem möglichen Suizid des Stars. „Und dabei würde ich gar nicht warten, bis der Prozess zu Ende ist“, warnt Psychologe McPhaul: „Ich würde jeden Tag sehr gut auf ihn aufpassen“.

8. März: So stolperte der Boeing-Chef über eine Email

Die Affäre flog am 25. Februar auf, als ein anonymer Informant Liebes-Emails zwischen Harry Stonecipher, 68, und seiner Geliebten, einer Managerin, an Vorstandsvorsitzenden Lew Platt zugespielt wurden. Der Inhalt sei „ausgesprochen explizit“, so ein Insider, gewesen, und hätte dem Image der Firma „riesigen Schaden zugefügt“. Stonecipher hatte für das elektronische Getuschel das interne Emailsystem verwendet, und nicht die verschlüsselten und topgeheimen Kommunikationskanäle mit dem Pentagon (Boeing ist nach Lockheed Martin der zweitgrößte Lieferant an Rüstungstechnologie an die US-Streitkräfte).
In einer turbulenten Aufsichtsratssitzung, in der Stoneciphers Entlassung beschlossen wurde, war vor allem das Auftauchen weiterer Emails befürchtet worden. Stoncipher, verheiratet, zwei Kinder, gab die Affäre rasch zu, bestritt jedoch vehement, seiner Geliebten bei Gehaltserhöhungen behilflich gewesen zu sein.
Die Ironie: Offenbar war der nach Korruptionsskandalen vor 15 Monaten als Saubermann aus der Pension geholte CEO mit einem Jahressalär von 1,5 Millionen Dollar über seine von ihm installierten Kontrollmechanismen zur Einhaltung neuer „höherer Ethikstandards“ gestolpert (offensichtlich war der Emailverkehr aller Mitarbeiter überwacht worden): „Ich habe meine eigenen Vorschriften gebrochen“, sagte er kleinlaut. Eine Kopie der Email war auch an den von Stonecipher installierten „Ethics Officer“ zugespielt worden. Stonecipher hatte als Boss mehrere „Ethik-Berater“ konsultiert, eine eigene Hotline namens „Boeing Ethics Line“ zur Denunzierung „unehrenhafter“ Kollegen war eingerichtet worden. Alle Angestellten müssen einmal pro Jahr einen stets upgedateten Ehrenkodex unterschreiben.
Vor Stoneciphers Exit hatten firmeninterne Ermittler alle relevanten Spesenkonten und andere Firmendokumente des Paares durchstöbert – stellten jedoch keine anderen Verfehlungen fest. Der Email-Sex sei der einzige Entlassungsgrund gewesen, wurde aus dem neuen Headquarter in Chicago verlautet. Denn wirtschaftlich hatte Boeing unter Stonecipher einen Höhenflug erlebt, die Aktien kletterten mit 58 Dollar auf die höchsten Werte seit 2001.
Nach hektischen Tagen interner Untersuchungen hätte der Vorstand am 28. Februar – eine Art High Noon beim Aerospacegiganten – Stonecipher mit den Vorwürfen direkt konfrontiert: „Ich werde euch in die Augen sehen und jede Frage beantworten“, sagte er. Die Tortur dauerte 90 Minuten. Die Identität der Frau wurde nicht bekannt gegeben, sie soll im Washington-Büro arbeiten. Vor acht Wochen hätte die Affäre begonnen, so Stonecipher, seine Ehe sei nach 50 Jahren praktisch zu Ende.
Am meisten schütteln Insider den Kopf über Stoneciphers gelassenen Umgang mit Emails: Genau die galten innerhalb des Konzerns als hochsensitiv, nachdem Mitarbeiter von Senator John McCain zehntausende Mails sicherstellten, die Boeings Verfehlungen bei einem 23-Milliarden-Dollar-Auftrag an Auftankmaschinen für die Air Force offenbarten.
Stoneciphers Fall verdeutlicht die neue Sauberkeitswelle, die durch Amerikas „Fortune 500“-Firmen schwappt. Die letzten Jahre hatten Korruptionsskandale, gefälschte Bücher und gierige CEOs die Wirtschaftspresse dominiert und das Vertrauen der Investoren erschüttert – Ex-Worldcom-CEO Bernie Ebbers etwa steht wegen einem Elf-Milliarden-Dollar-Loch in Manhattan vor Gericht, Haushalts-Queen Martha Stewart war am Wochenende nach fünf Monaten Haft wegen Belügen der Feds in einer Insidertrading-Untersuchung entlassen worden. „Ein CEO muss die höchsten Standards in seinem beruflichen aber auch privaten Verhalten einhalten“, sagte Nachfolger Platt. Mitarbeiter des Konzerns waren Montags bereits um 4:30 in der Früh informiert worden: In einem internen Newsletter samt „streaming Video“ wurde über Stoneciphers Verfehlungen und Rücktritt berichtet.
Die Trennlinie zwischen Privatleben und Bürokarriere wird verschwommener, sogar eine neuer McCarthyism innerhalb der Großraumbüros wird befürchtet, wo Angestellte überwacht und ihr Privatleben mehr denn je durchleuchtet werde. Kommentatoren reagierten deshalb mit wenig Applaus für Boeings Prüderie: „Wirtschaftsleute sind doch keine Politiker oder Beamte, die eine moralische oder soziale Agenda verfolgen“, wetterte die „Financial Times“: „Die Aktion sei völlig überzogen“. Wegen Boeings früherer Skandale sei nun „völlig übertrieben“ worden, so JSA-Analyst Paul Nisbet zum Fachorgan „The Street“. Unter dem Titel „Die Puritaner sind gelandet“ ätzte Forbes via Website: Früher hätte eine Affäre zwischen dem CEO und einer Managerin maximal für heitere Gespräche vor der Kaffeemaschine gesorgt.
Als ein mögliches Motiv für Boeings Sex-Crackdown wurde genannt: Mit dem raschen und energischen Handeln sollte vor allem gegenüber dem Pentagon eine neue „moralische Dimension“ ihrer Geschäftspraxen demonstrieren werden.
Arbeitsplatzaffären, berichtete in aufgeregten Beiträgen das US-Frühstücksfernsehen, gehörten zum Alltag innerhalb von Corporate America – während Bilder der Tatorte, die Bürotürme Manhattans und anderer US-Metropolen, gezeigt wurden. Doch während sexuelle Anzüglichkeiten von Vorgesetzten meist verfolgt werden, unterlagen Affären mit beiderseitigem Einverständnis eher einer „Don´t ask, Don´t tell“-Politik. Viele Firmen haben für Arbeitsplatzromanzen sogar explizite Regelwerke verfasst – Hauptziel sei vor allem, der Firma peinliche Enthüllungen und vor allen Klagen zu ersparen.
Fälle, wo Bosse über ihre Affären stolpern, sind rar:
# 1997 trat der Präsident des Bürowarenriesen „Staples, Inc.“, Martin Hanaka, zurück, nachdem seine Geliebte angab, er hätte sie bei einem Streit in ihrem Apartment tätlich angegriffen.
# Steven McMillan, CEO des Lebensmittelriesen „Sara Lee Corp“, war wegen „sexueller Belästigung“ geklagt worden, nachdem er einer Mitarbeiterin eine 140.000-Dollar-Jahresgehaltsposition angeboten hatte, wenn sie mit ihm Sex habe (er zog das Angebot zurück, als sie eine längere Affäre ablehnte).
# Für weltweite Schlagzeilen sorgte die Scheidung und Neuheirat von CEO-Guru, Ex-General-Electric-Boss Jack Welch. Am peinlichsten erwies sich, dass schrille Details über den Reichtum und Firmengeschenken der Legende im Scheidungsprozess publik wurden.

# 7. März: Die Folterknechte von Kabul

Mehboob Ahmad, Internierungsnummer 655, wird seine Odyssee zwischen Juni und November 2003 in verschiedenen US-Anhaltelagern in Afghanistan nie vergessen: Einmal hing er an einer Kette befestigt von der Decke eines Verhörraumes, dann baumelte er, diesmal an seinen Händen aufgehängt, ebendort. Ein Monat lang trug er geschwärzte Chlorbrillen, dazu tagelang völlig schalldichte Kopfhörer. Gespräch mit Mithäftlingen waren untersagt, fünf Monate lang. Stundenlang musste er nackt herumlaufen, oft „untersuchten“ GIs seine Geeignetheit für Analverkehr. Oder drohten, seine Mutter und Schwester zu vergewaltigen. Oder hetzten scharfe Hunde ihn. Oder zwangen ihn, zwölf Halbliter-Wasserflaschen in fünf Minuten zu trinken. Niemand hat ihm jemals verraten, warum er verhaftet und gefoltert worden war.
Nun fordert Ahmad Aufklärung – von niemand geringeren als US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, Präsident George W. Bushs Vollstrecker amerikanischer Anti-Terrorkriege. Mit sieben Mitklägern und Hilfe der US-Bürgerrechtsgruppe „American Civil Liberties Union“ (ACLU) war kürzlich eine historische Klagsschrift gegen Rumsfeld in Chicago, Illinois (dem Heimatstaat des raubeinigen Pentagon-Chefs), eingebracht worden: Auf 76 Seiten unter der Aktenzahl 0501201 wird nicht nur eine Litanei brutaler und sadistischer Foltermethoden präsentiert, sondern auch die Abkehr des White House von internationalen Konventionen zum Schutz gegen die Folter beschrieben. Kurz: Die „Folterakte Rumsfeld“, so die Kläger, dokumentiert den Abstieg der USA zu einem Folterstaat. Der Prozess ist in Zeiten, wo Bush & Co gerade ihren Kampf gegen globale Tyrannei propagieren, nicht nur peinlich – er steigert auch den politischen Druck auf Rumsfeld, der schon nach dem Abu-Ghraib-Folterskandal vor knapp einem Jahr haarscharf am Rücktritt vorbeischrammte.
120.000 Soldaten sind im Irak stationiert, 17.000 in Afghanistan, einige müssen wohl Sadisten sein: Genannt in der Klage werden Praktiken wie Schläge bis zur Bewusstlosigkeit, Messerattacken, Verstümmelungen, Einsperren nackter Gefangener in Holzkisten, Todesdrohungen, sexueller Missbrauch, Bedrohung mit Vergewaltigung, Aufreißen einer frischen Operationswunde, nackt fotografieren, Abduschen mit Eiswasser, Festbinden an Pfählen bei glühender Hitze und auf die Gefangenen Zurasen mit Kampfpanzern, Zehennägel ausreißen oder Elektroschocks. Dabei sei jegliche Art von Folter nach Militärgesetzen „streng verboten“, sagt Anwalt Lann Lee: „Das gilt unter allen Umständen, für Generäle wie Gefreite“.
Wie Rumsfeld die US-Verfassung, internationale Abkommen á la Genfer Konvention, Regeln des US-Armee, das Völkerrecht und „fundamentale moralische Werte unserer Nation“, so die Klage wörtlich, außer Kraft setzte, soll nun ebenfalls vor dem Bundesgericht in Chicago geklärt werden. Unter enormen Druck, mehr Informationen über Osama Bin Ladens Al-Qaida-Terrornetz oder die Aufständischen im Irak zu erlangen, erließ Rumsfeld 2002 eine Liste neuer Verhörpraktiken, rasch als „Rumsfeld Techniken“ bekannt: Toleriert würden fortan 20-Stunden-Verhöre, Entfernung von Kleidungsstücken oder der Einsatz von Hunden. Mit martialischen Getöse, man werde im Antiterrorkrieg „die Glasseehandschuhe ausziehen“, habe er aber auch, so die Klage, Truppen zu Übergriffen ermutigt, während er bei der Bestrafung von Folterknechten versagte. Dazu liege die Rate der unschuldig Verhafteten in Afghanistan und Irak bei 70 bis 90 Prozent.
Zum Star etwa wurde der Chef des Skandal-Anhaltelager „Camp Delta“ in Guantanamo Bay (Kuba) General Geoffrey Miller, der gerne prahlte, die 600 Insassen „wie Hunde zu behandeln“. Er pries den „hohen Wert an Informationen durch immer effektivere Verhörmethoden“. Eher stimmen dürfte da die Aussagen des britischen Ex-Häftling Shafiq Rasul, der nach Folter und Isolationshaft „gestand“, in einem Bin-Laden-Video aus dem Jahr 2000 zu sehen zu sein. Der britische Geheimdienst bewies jedoch rasch, dass sich Rasul zu diesem Zeitpunkt in Großbritannien aufhielt. Und bei seiner Verhaftung in Afghanistan war Rasul keinesfalls Al-Qiada-Kämpfer, sondern Entwicklungshelfer. Rumsfeld schickte Miller zur „Guantanamo-isierung“ des irakischen Knastsystems ins Zweistromland, kurz darauf begann die Übergriffe im Skandal-Gefängnis Abu Ghraib.
Unter dem Druck der Rechtsoffensive wird Rumsfelds Pentagon vermehrt gezwungen, neue Dokumente des Folter-Horrors zu veröffentlichen: Insgesamt 23.000 Seiten mussten freigegeben werden, zuletzt 1.200 Seiten, die Übergriffe der GIs in der Irakstadt Ramadi dokumentieren. Auf einem Video mit dem humorigen Titel „Ramadi Madness“ sind die Ein- und Austrittslöcher einer Schusswunde eines vor Schmerz stöhnenden Kriegsgefangenen zu sehen – und wie ihm ein GI mit dem Stiefel gegen den Kopf tritt. Als „unangemessenes, aber nicht kriminelles Verhalten“ hatten die Armeeermittler den Vorfall qualifiziert.
Ex-Häftling Ahmad leidet heute noch unter den Folter-Folgen, humpelt wegen seiner Beinschmerzen. Durch den Prozess hofft er zumindest auf Entschädigungszahlungen, um einen Arzt bezahlen zu können.

# 22. Februar: Michael Jackson: Protokoll eines Übergriffs

Die Enthüllung könnte den ganzen Michael-Jackson-Kindersexprozess platzen lassen: Gerade lässt Richter Rodney Melville aus 242 Kandidaten eine „Jury“ als zwölf Geschworenen zusammenstellen, da tauchte im Internet die gesamte Akte der Voruntersuchung mit allen Details der Anschuldigungen des damals 13-Jährigen Sex-Opfers Gavin Arvizo auf. Die Website „The Smoking Gun“, bereits legendär für frühere Enthüllungen peinlicher Momente der Superstars, stellte die locker, stets exakt mit 28 Zeilen beschrieben, in Schreibmaschinenschrift verfassten Abschriften der Kronzeugenaussagen gegen den gefallenen King of Pop zum Download bereit. Alle 1903 Seiten der Kindersexakte Jackson, das Fundament der Anklage von Jackson-Jäger, Staatsanwalt Thomas „Mad Dog“ Sneddon. Darin beschreibt Zeuge Gavin in allen Details, wie ihn Jackson Pornos vorführte, ihn zum Trinken animierte und schließlich vier Mal masturbierte. Was deutlich wird: Die Anschuldigungen sind weniger drastisch als beim ersten Fall 1993 mit dem Buben Jordie Chandler, wo es auch Oralsex gegeben haben soll (Jackson kaufte sich mit 22 Millionen Dollar frei) – und es gibt bei keinen der Übergriffe dritte Augenzeugen, eine klare Schwachstelle für die Staatsanwaltschaft. Doch viele der insgesamt 42 Zeugen bestätigen Jackos exzessives Verhalten, besonders seine Alkoholproblems.
Gleich beim ersten Besuch auf Neverland schlief der Bub und sein ein Jahre jüngerer Bruder Frank in Jacksons Schlafraum, der durch eine versteckte Wandtüre und einen Stiegenaufgang erreichbar ist. „Michael hatte mir einen Computer geschenkt“, sagt Gavin: Dann habe Jackson-Helfer Frank Tyson den Laptop ans Internet angeschlossen, „surften durch Bilder voller nackter Frauen, vielleicht eine Stunde lang. Als wir eine Frau sahen, die ihre Brüste rausstreckte, sagte Michael: ,Got Milk?´“ Der Witz bezieht sich auf eine berühmte Werbeserie der US-Milchwirtschaft, die Frauengesichter mit einem „Milchschnurbart“ und dem Slogan „Got Milk?“ zeigt. Prince und Paris, zwei der Jackson-Kinder, wären am Bett gelegen und hätten geschlafen, so Gavin weiter: „Michael hat sich über Prince gebeugt und in sein Ohr geflüstert: ,Prince, die versäumst die P-U-S-S-Y“. Jackson habe diese Nacht – noch – am Boden geschlafen, die Kids im Bett.
Jackson holt Gavin sogar eigens auf die Ranch, um von britischen Filmemacher Martin Bashir interviewt und in seine Dokumentation aufgenommen zu werden. In dem nun längst berühmten Ausschnitt sitzen Gavin und Michael zusammen, halten Hände, Gavin erzählt locker über die Übernachtungen in Michaels Bett. Nach der Ausstrahlung bricht ein Mediensturm los, Hauptopfer ist Gavin, der in der Schule brutal gehänselt wird. Team Jackson plant inzwischen sogar, die Arvizo-Familie nach Brasilien auszufliegen, zu „ihrem Schutz“, wie behauptet wird. Zuerst geht es jedoch per Privatjet nach Miami, ins schicke Turnberry Ressort zu einer geplanten Pressekonferenz (die nie zu stande kommt). Dort beginnt jedoch die feuchtfröhliche Phase der Beziehung zwischen Jackson und dem Buben.
„Eines Abends rief mich Michael zu sich in sein Zimmer und sagte, er wollte ein kleines Meeting mit mir haben“, erzählte Gavin: „Zuerst haben wir im Vorraum auf einem Sofa geplaudert, belangloses, wie es ihm geht, wie es mir geht und so weiter“. Erstmals waren beide allein in einem Zimmer. „Bei einem zweiten Treffen merkte ich an, dass mir seine Jacke sehr gefällt, und er schenkte sie mir. Dann übten wir Schauspielen, da ich gerne ein Actor werden wollte. Dann fragte er mich, ob ich wisse was ,Jesus Juice´ sei. Ich sagte, ich weiß es nicht. Er sagte: Wein. Es werde mich entspannen, sagte er, auch wegen dem ganzen Stress mit den Medien. Dann goss er Weißwein in eine Cola-Light-Dose und gab es mir: „Trink es!“ Er munterte mich richtig auf zum Trinken: „Trink, trink, das entspannt dich“, sagte er.“ Zum richtigen Exzess kommt es dann beim Rückflug nach Kalifornien in einem Privatjet: „Ich saß den ganzen Flug neben Michael, das Flugzeug war ziemlich voll, Jacksons Mitarbeiter, Nannies für die Kinder, Chris Tucker war auch dabei. Er gob wieder Wein in die Coladosen und wir tranken. Dan bot er es meinem Bruder an: , Weißt du was Jesus Juice ist?´ fragte er auch ihn. Bei mir hat er wieder richtig drauf bestanden: ,Trink den Jesus Juice! Trink es! Das wird dich entspannen, du kannst besser einschlafen!´ Und dann wurde die Dose immer wieder nachgefüllt“. Mehr Details des Exzesses an Board der „Air Jackson“ beschreibt Flugbegleiterin Cynthia Bell: Insgesamt habe Jackson einen furchtbaren Geschmack in Sachen Wein gehabt, er bestand auf den „grauslichen Kendall Jackson“: „Dazu hatte er am Liebsten KFC und alle Beilagen“. Zuerst wollte sie ihm den Wein in einem Weinglas servieren, doch er bestand auf Coladosen. Den ganzen Flug über habe er, so Bell, „den Arm um Gavin gehabt“, er trank bis zur völligen Betrunkenheit. Dabei schleckte er einmal den Kopf des schlafenden Buben ab, oder „unterhielt“ die Passagiere mit Scherzanrufen auf dem internen Telefonsystem: „Stinkt deine Pussy?“, fragte er eine Person, als sie den Hörer abnahm. Andere trat er mit den Füssen in den Hintern.
Auf Neverland steigert Jackson die Alkodosis und stieg auf „Sky Wodka“ um, oder „Jim Dean“, „oder …bim“, wie sich der Bub beim Namen des Markenwhiskeys „Jim Beam“ schwer tut. „Wir tranken jede Nacht“, so Gavin. Immer wieder machte der Bub Jackson darauf aufmerksam, dass wegen seiner schweren Krebserkrankung und dem Verlust einer Niere, das Trinken keine „gute Idee“ sei: Jackson sagte nur, das sei „Okay“, das sei „Teil, ein Mann zu sein“ – und schenkte nach.
Gavin bestätigt auch die Aussagen seiner Mutter, wonach sie Jacko-Mitarbeiter mit dem Tod bedroht hätten. Frank Tyson etwa soll zu Gavin gesagt haben: „Ich könnte deine Mutter umbringen – oder beseitigen lassen, weil sie sich dauernd so aufführt, weil sie immer nur weg will“. Gavin bestreitet auch die Aussagen Jackson, er habe durch seine Fürsorge dem Buben während seiner Krebsodyssee gerettet. „Da waren andere“, so Gavin, „Chris Tucker, Jamie Masada, George Lopez, die haben mich immer besucht“. Als Gavin einen Rückfall erlitt und Ärzte seinen Tod erwarteten, habe Jackson sogar den Kontakt abgebrochen. „Er änderte seine Telefonnummern, ich konnte ihn nicht mehr erreichen“, so der Bub.
Jackson habe schließlich das Thema Masturbation angesprochen: „Er hat mich gefragt, ob ich wisse, was Masturbation ist. Als wir durch einen Gang zu seinem Zimmer gingen. Mein Bruder war auch dabei und er sagt, er wisse es nicht. Dann fragte Michael, ob ich mich selbst befriedige und ich sagte nein. Dann stellte er sich verärgert, sagte, ich sei gemein zu ihm, weil ich ihm nicht die ganze Wahrheit sage“. Beim nächsten Mall kam das Thema zur Sprache, als Michael und Gavin in seinem Schlafraum sind – diesmal allein. „Wir lagen auf dem Bett und er sagte, Männer müssen masturbieren, weil sie sonst nicht normal seien, sie würden nicht ausgeglichen sein, wenn sie es nicht tun. Dann erzählt er mir diese Story über einen Buben, der Sex mit einem Hund hatte, nur weil er sich nicht selbst befriedigte. Dann sagte er, er wolle es mir beibringen. Er begann sich an mir zu reiben. Er fuhr mit seiner Hand in meine Hose und begann mich zu masturbieren. Er lag neben mir am Bett und sein Körper bewegte sich. Ich denke, er hat selbst an sich auch Hand angelegt. Ich hatte meine Augen geöffnet, sah hinüber und er hatte seine halb zugedrückt. Alles dauerte vielleicht fünf Minuten“. Ob er bei diesem Akt einen Orgasmus hatte, kann sich Gavin nicht mehr genau erinnern. Vier weitere Male habe ihn Jackson masturbierte. Nummer Zwei passierte gleich in der folgenden Nacht, wo Jackson andeutete, dass er noch weiter „unterrichten“ müsse. „Sicher einmal bin ich gekommen“, so Gavin. Gavin erzählte der Grand Jury auch, dass sie stets stock besoffen waren: „Wir tranken enorm viel. Einmal begann sich der ganze Raum wild zu drehen. Ich legte meine Hände vors Ges
icht und drückte meinen Kopf in die Couch, dass mir nicht übel wird. Viele meiner Erinnerung sind wie in einem Traum“, sagt er. Gavin berichte auch, dass er seine lebensnotwendigen Medikamente in der Familienwohnung vergessen hatte und sie nicht einnehmen konnte. Jackson stellte sicher, dass Gavins Bruder nichts mitbekam. Jackson wollte auch, so Gavin, dass er ihn berührt: „Ich wollte nicht. Ich sagte Nein. Und dann zog ich meine Hand weg! Zuvor hatte er meine Hand in seine genommen, zu seinem Privatbereich geführt und bedeutet, was ich machen soll“. Gavin beschreibt auch schrille Aktionen, die Jackson mit einer Mannequin-Puppe durchgeführt haben soll. „Er nahm sie, warf sie aufs Bett und tat so, als habe er Sex mit ihr“. Mitunter, erinnert sich Gavin, erschien Jackson auch splitternackt aus der Dusche, als der Bub und sein Bruder sich am Bett Cartoons ansahen: „Er sagte nur, dass sie alles völlig natürlich“
Die Zeugeneinvernahmeprotokolle verdeutlichen auch den Horror von Gavins schwerer Krebserkrankung und die desolaten Familienverhältnisse. „Einmal dachten sie, ich würde schlafen“, sagte er aus: „Aber ich war wach und ich hörte wie der Doktor zu meinen Eltern sagte, dass sie sich einen Sarg beschaffen sollten, denn wenn mich die Chemotherapie nicht umbringen würde, dann sicher der Krebs“. Arvizo, dem zuvor ein fußballgroßer Tumor und eine Niere entfernt worden war, erhielt Chemo-Dosen für Erwachsene verabreicht. Einmal, so erzählte Gavin den erstaunten Geschworenen der Voruntersuchung („Grand Jury“), habe ihn sein Vater einen gezielten Schlag auf seine Operationsnarbe versetzt. Da musste selbst der hart gesottene Sneddon nachfragen, ob er richtig verstanden hat.

# 21. Februar: Die peinlichen Bush-Tapes


Gerade als US-Präsident George W. Bush bei seinem Trip ins europäische Feindesland mit Versöhnungsgesten Geschichte schreiben wollte, hatte ihn seine eigene eingeholt. Ein Ex-Mitarbeiter seines Präsidenten-Vaters, Doug Weed, hatte stundenlange Gespräche mit Junior zwischen 1998 und 2000 – den turbulenten Frühphasen seines ersten Kampfes um das White House – nicht nur ohne Bushs Wissen aufgezeichnet. Er hatte sie nun auch noch veröffentlicht: Per seitenlangem Dossier rollte die „New York Times“, deren Reporter die Aufzeichnungen erstmals hörten, den journalistischen Coup aus. Wie eine Bombe schlugen die „Bush Tapes“ in Amerika ein. Bushs engste Mitarbeiter rotierten mit hektischen Telefonaten von der Landespiste der zuvor auf Brüssels „Zavantem Airport“ gelandeten Airforce One aus: Die Tapes seien authentisch, wurde zur raschen Schadensbegrenzung zugegeben, jedoch privater Natur. Bush habe jemanden vertraut, der er als „Freund SCHÄTZTE“, so Sprecher Trent Duffy und legte die Betonung auf die Vergangenheit.
Peinlich ist die Enthüllung für den neuerdings als Befreier der Unterjochten dieses Planeten auftretenden Texaner allemal:
# Bush gibt eigenen Drogenkonsum zu – Marihuana offen, Kokain indirekt –;
# plaudert locker, wie er es politische Gegner á la Vorwahlkontrahenten Steve Forbes heimzahlen wolle, falls sie ihn schlagen würden;
# ergießt sich in schwülstiger Frömmelei als „Wiedergeborener Christ“ und als Fan des Evangelisten-Fanatiker John Ashcroft, den er sogar zu seinem Vize machen wollte und als Idealbesetzung für den Posten eines US-Höchstrichters hielt (Ashcroft war schließlich vier Jahre lang der verhassteste und unfähigste Justizminister vielleicht aller Zeiten);
# offenbarte die Verabscheuung der UNO, wobei er lieber die Flagge eines „starken Amerikas“ Übersee flattern sehen wollte, anstatt das „blassblau der Vereinten Nationen“.
Die stundenlangen Aufzeichnungen von „Bush unplugged“ offenbaren schon damals den religiösen Eiferer, sturen Alleingänger und strikten Ideologen, den Amerika und die Welt seither kennen – und keinesfalls den moderaten Verfechter eines „mitfühlenden Konservatismus“, der ihm den Wahlsieg bescherte. „Ich habe Christus in meine Leben gelassen“, sagt Bush: „Ich lese die Bibel täglich und die ist eine gute Medizin, das eigene Ego in Schach zu halten“. Zwar lehnt er die Forderungen der Religiösen Rechten nach Attacken gegen Schwule ab: „Ich werde nicht auf sie los gehen, weil ich ja selbst ein Sünder bin – und wie kann man Sünden differenzieren?“ Doch er legte großen Wert darauf, strikt gegen Homoehen und „spezielle Rechte“ zu sein. Ob er Schwulen Jobs geben würde, fragte Wead, selbst ein strammer Evangelist: „Nein, was ich stets sage, ist: Ich würde sie nicht feuern!“, antworte Bush. Persönlich waren Bush Ansichten zur Abtreibung viel strikter, als er während seiner Kampagne durchblicken ließ: Kriegsheld Colin Powell wurde wegen seiner Unterstützung dieser Frauenrechte etwa als Vize-Kandidat nie in Betracht gezogen.
In Sachen Bushs „wilder Jugend“, wie er sie selbst bezeichnete, liefern die Bush-Bänder erstmals Details. „Wenn sich niemand meldet, gibt es keine Story“, sagte er bezüglich der Gerüchte wilder Koksparties. Doch er kontert Wead als der anmerkt, Bush habe bisher alle Kokain-Gerüchte abgestritten: „Irrtum“, antwortet der damalige Texas-Gouverneur, „ich habe gar nichts abgestritten“. Er wollte an seiner Praxis festhalten, eine Reporterfragen zu diesem Thema zu beantworten. „selbst wenn ihm das die Präsidentschaft koste“. „Und weißt du warum“, erzählte er Wead: „ich möchte nicht, das so ein kleines Kid, das tut, was ich gemacht habe“. Dann kritisierte er Kontrahenten Al Gore, der Marihuana-Rauchen zugab: „Diese Baby Boomers sollen endlich Erwachsen werden und sagen, ,yeah, ich habe Drogen genommen´, doch anstatt es zuzugeben, sollen sie zu den Kids sagen: ,Tut es nicht!´“ Er habe aus seinen Fehlern gelernt, sagte er: „Ich werde der Würde des Amtes gerecht werden“ – anders als Bill Clinton, der durch den Sexskandal „Monicagate“ das Ansehen Amerikas durch den Dreck gezogen hätte. Als fünf Wendepunkte in seinem Leben zählte Bush dann auf: „Jesus aufgenommen, meine Frau geheiratet, meine Kinder großgezogen, als Gouverneur kandidiert und auf meine Mutter gehört zu haben“.
Auch die Rachsucht von Bush jr. – insgesamt ein Markenzeichen des Bush-Clans – ist gut dokumentiert: Während er Vorwahlgegner John McCain irrtümlich als „Leichtgewicht“ unterschätzte, fürchtete er den rechten Medien-Milliardär Steve Forbes als „großes Problem“. „Wenn mich der zu hart angreift und gewinnt“, droht er, „dann kann er Texas vergessen, und Florida auch. Und ich werde keinen Finger für ihn rühren. Das ist mir völlig egal“. Bushs Bruder, Florida-Gouverneur Jeb, wurde zum wichtigsten Pfeiler der Kampagnen gegen Gore 2000. Ein wenig „rau“ werden es auch gegen Gore werden, sagte Bush: „Das musste auch mein alter Mann gegen Dukakis machen. Erinnerst du dich?“ Der Massachusetts-Gouverneur war 1988 von Bush-Helfern in einer ekeligen Schmutzkübelkampagne zerstört worden. Trotz erwähntem „Bescheiden machenden Bibelstudium“ gibt sich Bush oft überheblich und arrogant: „Das ist ein Kampf zwischen mir und der Welt“, sagt er einmal mit fast wahrsagerischer Gabe, die ihn dann gleich beim nächsten Satz wieder verlässt: „Die gute Nachricht ist: Die Welt ist auf meiner Seite – zumindest mehr als die Hälfte“.

# 15. Februar: Julia Roberts: “Meine tollen Twins”

Amerikas Schauspiel-Draling Nr. 1, Julia Roberts und die populärste Talkqueen Oprah Winfrey sind beste Freundinnen – und im Duo an Starpower kaum zu übertreffen. Selten offenbarte sich das so deutlich wie bei der Kollaboration der beiden Diven zur Öffentlichkeitsarbeit für die berühmtesten Twins des Erdballs, Phinnaeus „Finn“ Walter und Hazel Patrizia, knapp drei Monate alt. Live auf Oprah präsentierte Julia, 37, im Herbst ihren gewaltigen Schwangerschaftsbauch, beschrieb rührend das Gefühl der „beiden kleinen Äffchen, die in einem sich rasant ausweitenden Fass herumtoben“. Letzte Woche hatte Oprah im Auftrag der stolzen Mutter ein paar Bilder mitgebracht: Amerika und die Welt erfuhren, wie die Abkömmlinge der „Pretty Woman“ und ihrem Feschak-Gatten, Kameramann Danny Moder (36) tatsächlich aussehen: Ein Aufschrei des Verzückens ging durch Oprahs Studioraum in Chicago, als die pausbäckigen, mit Wollhauben ausgerüsteten Pretty Twins erstmals zu sehen waren.
„Oh, Oprah, die Babies sind erstaunlich“, ließ Julia dann in einem, offenbar nicht zur Geheimhaltung bestimmten Privatbrief an Oprah ausrichten: „Wie sie in deine Augen starren, ihr aufgeregtes Lächeln, wie sie jeden Tag warm und schläfrig beginnen, nach Hoffnung riechend. Ich habe das nie richtig realisiert: Babies sind nicht bloß die Abkömmlinge ihrer Eltern, sie entwachsen jedem netten Wort, liebevoller Handlung, allen Hoffnungen und Träumen, die ihre Eltern jemals hatten“. Nun durfte kollektiv geheult werden vor Rührung. Den PR-Coup in eigener Nachwuchssache – und die Wandlung der von Kollegen wie Hugh Grant einst als „Großmaul“ verachteten und von Hollywood-Journalisten wegen ihrer Häme gefürchteten Superstars von der Zicke zur Glucke – vervollständigte eine opulente, reich bebilderte Coverstory im Top-US-Magazin „People“ (Auflage: 22 Millionen). Auch eine neue Karriere wurde gleich mitbegründet: Weder Linsengrößen á la Annie Leibowitz oder Patrick Demarchelier durften die strampelnden Stars ablichten, sondern Gatte Danny, der mit seinem guten Auge als Filmkameramann und der Unterstützung deppensicherer Digitalfotografie erstaunlich professionelle Fotos ablieferte. Ausgebremst sind nun auch die Paparazzi-Horden, die Julias L.A.-Residenz belagerten und auf 200.000 Dollar Honorar für den ersten Abschuss der Twins hofften. Für die hatten Julia und Danny auch gleich eine Warnung parat: „Wir veröffentlichen diese Bilder nicht nur, um unser Glück zu zeigen, sondern auch um die Privatheit, Sicherheit und Respekt zu garantieren, die unsere Kinder verdienen“. Selbst der Erlös aus den weltweiten Fotorechten landet bei Charity-Organisationen.
Roberts neues Mutter-Leben wird dominiert von der Leistungskraft ihres doppelten Nachwuchses: Schlaflose Nächte des Non-Stopp-Stillens, Windelwechseln ebenso oft. Ihren guten Humor habe Roberts dabei noch nicht verloren, erzählte eine Freundin „People“: „Seit der Geburt wirkt sie glücklicher, als ich sie je zuvor gesehen habe“. Auch erste Gerüchte einer kriselnden, am 4. Juli 2002 geschlossenen Ehe, sind durch das Kinderglück vorerst verstummt. Inwieweit ihre eigenen Erfahrungen aus ihrer schlimmen Kindheit (ihre Mutter hatte nach einer brutalen Scheidung sogar die Krebserkrankung von Julias Vater verborgen; der Stiefvater war ein Prügler) ihre Mutterrolle beeinflussen könnten, versucht Roberts-Biograf James Spada („Julia Roberts“, Hoffmann & Campe)zu beantworten: „Es könnte in beide Richtungen gehen: Leute, die eine schlimme Jugend hatten, versuchen oft, überzukompensieren, andere wiederholen die Fehler ihrer Eltern“.
Roberts ist beinahe vollständig zu ihrer Traumfigur zurückgekehrt, vor allem durch ein strenges Regime an „Pilates“, einer der in Hollywood so zahlreichen Workout-Kulte. In den Wickelpausen vergrößert das Paar den künftigen Auslauf für die Twins: Zu ihrer Riesenranch in Taos, New Mexico, kauften sie 13 Hektar von ihrem Nachbar, ausgerechnet Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, zu ihrem Immobilien-Imperium gehören noch Residenzen in Los Angeles, Manhattan und Malibu. Die berühmten Twins gehören bereits zum Straßenbild des Hauptplatzes in Taos. Bub Finn wird von Anwohnern als „happy Baby“ beschrieben, dass „andauernd lächelt“, Schwester Hazel als „ernste Denkerin und Beobachterin“.
Wie ein Filmhappyend müssen die letzten Wochen für Roberts und Moder sein – nach dem Horror der Schwangerschaft und Geburt: Per 18.000-Dollar-Fruchtbarkeits-Therapie endlich schwanger geworden, setzten zweieinhalb Monate vor dem errechneten Geburtstermin plötzlich Frühwehen ein, in dramatischen Stunden konnten Ärzte die Blutungen stoppen und die Twins retten (geboren wären ihre Überlebenschance gerade bei 50 Prozent gelegen). „Ich darf meine Kinder nicht verlieren“, hatte Julia gebrüllt: „Nicht jetzt!“ Durch die verordnete Bettruhe samt den Herzschlag messenden Monitors Bei den nächsten Wehen, wieder früh, kollabierte Dannys Auto bei der filmreifen Fahrt ins „Cedars Sinai Medical Center“. „Sie mussten ein Taxi aufhalten“, so Spada, „ein in den frühem Morgenstunden fast hoffnungsloses Unterfangen“. Nach der Geburt kam der nächste Schock: Hazel landete im Brutkasten, da die Lungen noch nicht vollständig entwickelt waren.
Nachdem Julia am Roten Teppich der Premieren ihrer Hits „Closer“ und „Ocean´s Twelve“ wegen Babypause fehlte, könnte ein kolportierter Auftritt bei den Oscars (sie selbst erhielt die Goldstatue einst für „Erin Brockovic“) den Startschuss für die Fortführung ihrer kometenhafter Karriere bedeuten. Erste Gerüchte über eine geplante Frühpension der mit 20 Millionen Dollar Gage bestbezahltesten aller Hollywood-Diven zerstreuten sich rasch: In ihren ersten Mutterpausen nahm sie die Audioversion des Kinderbuches „Charlotte´s Web“ (Autorin: E.B. White) auf, ab März verlieht sie ihre Stimme dem Catooncharakter „Ant Bully“, eine Produktion ihres Starkollegen Tom Hanks. Doch sie will fortan nicht nur Projekte für Hazel, Finn und Alterkollegen verfolgen: Wenn immer sie die Arme frei hat, schmökere sie in verschiedenen Drehbüchern für ihren ersten großen Comebackfilm, wird berichtet.

# 4. Februar: Christos Wunderwelt im “Central Park”

Eingefleischte Besucher des New Yorker „Central Park“ wundern sich, warum sie niemand einfach mitnimmt, und zu gutem Geld 80 Blocks weiter südlich in der zwielichtigen „Canal Street“ verhökert. Es sind 275 Kilo schwere, rechteckige Stahlsockel, an beiden Enden ist eine grellorange Plastikmarkierung befestigt. Sie liegen in regelmäßigen Abständen an den Rändern der serpentinenartigen, endlosen Gehwege durch den weltberühmten Park – insgesamt 15.000 davon, verteilt auf einer Strecke von insgesamt 37 Kilometern zwischen 59. Straße (Midtown) und 110. (Harlem). Es ist fast gespenstisch ruhig an diesem Wochentag im Erholungsparadies der New Yorker, das Tauwetter zehrt an der recht dicken Schneedecke. Dabei steht der Park vor vielleicht dem spektakulärste Ereignis seiner 170-Jährigen Geschichte: 75 Teams zu je acht Personen in phantasievollen Uniformen montieren dieser Tage an die Sockel je zwei 12,7 Zentimeter dicke, 4,87 Meter hohe Stangen, mit einem Querbalken zu einem Tor verbunden. Oben hängen noch eingerollte Stoffbahnen, die Farbe „Safran“, benannt nach dem indischen Gewürz und auffallend als sattes Orange.
Kommenden Samstag ist dann Christo-Zeit, der Beginn der ersten Installation des weltberühmten Künstlerpaares Christo und Jeanne-Claude in ihrer adaptierten Heimatstadt New York, wo sie 1964 bettelarm und illegal im fünften Stock eines liftlosen Sohogebäudes ihre Bleibe fanden. „The Gates“ (Die Tore) nannten sie das 21-Millionen-Dollar teure Projekt, bei dem unter anderen mit 5.290 Tonnen Stahl zwei Drittel des Eifelturmes verarbeitet wurden. Die Stofffahnen sollen so zeitgleich wie möglich ausgerollt werden, alles zusammen, so ein Projekt-Prospekt „als ein goldener Fluss erscheinen, der sich durch die Baumkronen erscheinend und wieder verschwindend, die Verläufe der Wege herausstreichend, durch den ganzen Central Park windet“. 16 Tage lang, dann wird alles blitzschnell abmontiert, die Materialien recykelt. Experten erwarten mit Hunderttausenden New Yorkern und Touristen samt speziellen Hoteldeals und einem offenen Cafe am Dach des Metropolitan-Museum, ein Spektakel á la Berlin, wo das Verpackungskünstler-Duo (oder „Environmental Artists“, wie sie sich auch gerne nennen) 1995 mit der Einhüllung des Reichstages in Silberstoff samt fünf Millionen begeisterten Besuchern ihren wahrscheinlich größten Coup landeten.
„Zuerst wollten wir nach unserer Ankunft in New York vor 41 Jahren einige Hochhäuser einhüllen“, erinnert sich Jeanne-Claude (sie spricht auch gleichzeitig für Christo, stellt die rothaarige Künstlerin klar): „Als wir den Besitzern unsere Entwürfe zeigten, dachten die, wir wären einer Irrenanstalt entsprungen“. Die Idee mit den Toren und Stofffahnen stammt aus dem Jahr 1979, als, so Jeanne-Claude, die erste Faszination über die Skyline New Yorks abebbte. Fortan begeisterte das exzentrischste und zusammengeschweißteste Künstlerpaar – beide sind in der gleichen Stunde am gleichen Tag vor 69 Jahren geboren, Christo (Vladimirov Javachef) in Bulgarien, Jeanne-Claude (de Guillebon) im marokkanischen Casablanca – die ständig durch die Acht-Millionen-Einwohner-Metropole strömenden Menschenmassen. Deshalb sollte das „Manhattan-Projekt“ (Newsweek) die Gehwege im Central Park erfassen. Im ersten Entwurf waren die Stoffe noch an einer Stange mit Ringen befestigt, die Artszene des Big Apple amüsierte sich über die „Duschvorhänge“, gibt Christo zu.
Jahrzehntelang scheiterten die Kunst-Gigantomanen an den strengen „Commissioner“, dem konservativen Aufsichtsrat der Parkverwaltung. Sie sollten „lieber den Trump Tower einwickeln“, spottete einer der Apparatschiks. Auch die rapide wachsende Prominenz Christos durch Projekte rund um die Erde ändert nichts: Einen drei Meter hohen, 38 Kilometer Nylonzaun durch Kalifornien hatte das Duo gebaut; neun Inseln in der Miami mit pink-grellem Stoff umrundet; zwei Täler in Kalifornien und Japan mit 3.100 blauen und gelben Riesenschirmen ausgestattet; die Pariser Brücke „Point Neuf“ und – vielleicht am spektakulärsten – den Berliner Reichstag verhüllt. Als „erstaunliche visuelle Extravaganz“, bewertet Newsweek Christos Arbeit zuletzt.
Die Wende kam 2001, als der Christo-Fan und Medien-Milliardär Michael Bloomberg (der seine Manhattan-Residenz mit Christozeichnungen ausstattete) New Yorks Bürgermeister wurde: Der Kunstfan freute sich über „die großartige Bewerbung eines der tollsten Parks dieser Erde“, die heute auf 80 Millionen Dollar geschätzten Zusatzeinnahmen für die Wirtschaft des Big Apple durch den erwartete Besucherstrom und wohl auch in den tristen Monaten nach dem Terror-Horror des 11. September auf ein wenig Abwechslung. Seit Monaten wird das Projekt generalstabsmäßig vorbereitet: 1.100 Arbeiter, inklusive 300 „Monitors“ (Aufpasser), montieren in Fabriken in Queens die Gates aus Vinylrahmen (Gesamtlänge: 104,6 Kilometer) oder schneiden die Stoffbahnen (Gesamtfläche des verarbeiteten Materials: 101.250 Quadratmeter). Hauptquartier im Central Park ist eine Container-Stadt, wo Chefingenieur Vince Davenport die Installation übersieht: Jahrelang hat er die Tore unter allen Wetterbedingungen in seinem Garten getestet, trotzdem verbringt er deshalb „noch schlaflose Nächte“, besonders wenn er an die tragischen Vorfälle denkt, als 1991 durch umstürzende Christo-Schirme zwei Menschen in Kalifornien und Japan getötet wurden: „So viel kann schief gehen“. Sogar 150 Schneeschaufeln wurden angekauft.
Viel Aufwand für ein Projekt, dass laut dem Künstlerduo weder Sinn mache, Symbolik repräsentiere oder gar eine Botschaft habe: „Wir schaffen Werke voller Schönheit und Freude“, sagt Jeanne-Claude: „In erster Linie für uns selbst“. Nachdem das Paar öffentliche Subventionen oder private Sponsorgelder ablehnt, muss Christo 17 bis 20 Stunden täglich ohne Wochenendpausen Ansichtszeichnungen, sich ernährend mit Snacks wie rohen Knoblauchzehen und Sojamilch wie am Fließband anfertigen, die zwischen 30.000 und 600.000 Dollar verkauft werden. Im Vorjahr wurden Werke um insgesamt 15,1 Millionen Dollar verkauft.
Wüste Kritik vorab ist stets Teil der Christo-Show, überstrenge Gralshüter New Yorker Ästhetik wetterten gegen „kulturellen Imperialismus“. Beim Lokalaugenschein zehn Tage vor dem Spektakelbeginn wundert sich nur eine Gruppe von „Birdwatchers“, die mit Ferngläsern Adler beobachten. „Da werden diese Tücher im Wind knattern und Lärm unnützen verursachen, Vögel werden sich drin verfangen“, sagt Lincoln. Doch er hat auch ein praktisches Problem ausgemacht: „Wo sollen die Hunderttausenden Besucher aufs Klo gehen – die meisten sind im Winter geschlossen“.

# 1. Februar: Michael Jackson: Kein Moonwalk diesmal

Michael Jackson, 46, gab sich zum Auftakt überraschend geschäftlich: Anstatt 20 Minuten zu spät, wie bei seinem ersten Auftritt vor Gericht im Vorjahr, erschien er Montag Morgen 35 Minuten früher, statt schriller Phantasieuniform trug er ein vor seine Verhältnisse schlichtes, weißes Hemd samt Goldkette am Bauch (keine Sonnenbrillen), statt einem „Moonwalk“ am Dach seiner Limo wie damals, nahm er die hunderten Fans aus aller Welt mit einem kurzen Victory-Handzeichen zur Kenntnis. Jacksons neue Schlichtheit hat auch viel mit Pragmatik zu tun: Denn fortan wird er jeden Wochentag zu dem kleinen Gerichtsgebäude in der kalifornischen Gemeinde Santa Maria fahren – mindestens ein halbes Jahr lang. Allein die Auswahl der Geschworenen, mit der zu Wochenbeginn der Jahrhundert-Kindersex-Prozess gegen den ehemaligen „King of Pop“ begann, könnte sich über ein Monat lang hinziehen. „Schon dieser Prozess stellt eine enorme Hürde dar“, sagt LA-Anwalt und Prozessbeobachter Dennis Fredricks: „Man trachtet auf eine soziale und ethnische Ausgewogenheit – doch Jackson selbst ist ja kaum mehr irgendeiner Gruppe zuordenbar“. Was unter Aktenzahl 1133603 und dem Titel „People vs. Michael Joe Jackson“ im Hügelland hinter Los Angeles abläuft, ist längst mit über 1.000 akkreditierten, internationalen Journalisten, täglichen Aufmärschen hunderter Fans und reißerischen Nonstop-Enthüllungen in den TV-Newsshows das größte Gerichtssaalereignis seit O.J Simpson oder dem Impeachment-Theater um Bill Clintons Blowjobs.
# Jackson ist angeklagt wegen „substanziellem sexuellen Kontakt mit einem Kind“, „Verabreichung eines Rauschmittels mit Verbrechensabsicht“ und weiterer Delikte wie „Freiheitsberaubung“. 29 Jahre lang könnte der schrille Popstar im Knast schmoren.
# Kronzeuge ist der heute 15-Jährige vom Krebs rekonvaleszente Gavin Arvizo. Weiteres belastendes Material kommt von Gavins jüngerem Bruder, seiner älteren Schwester – sowie der Mutter, von der erstmals die US-Presse erstmals ein Foto veröffentlichte und die nach einer weiteren Heirat nun ausgerechnet Janet Jackson heißt, genau wie Jackos ebenfalls weltberühmte Schwester.
# Jackson-Jäger und Ankläger Tom Sneddon jr. (er hatte bereits beim ersten Sexfall um Jordie Chandler 1993 ermittelt) hat ein beachtliches Arsenal an Beweisen gesammelt, mit den er Jackson als Musterfall eines gefährlichen Pädophilen portraitieren will und weitere angebliche Jackson-Opfer (am liebsten Chandler höchstpersönlich) in den Zeugenstand bringen will.
# Jacksons hofft auf die Brillanz seiner Starverteidigers Thomas Messereau, der mit seiner geföhnten Haarmähne einem einstigen französischen Königshof entsprungen scheint. Dazu gibt der Jackson-Clan Interviews in Serie: Vater Joe ortet prompt „Rassismus“, Mutter Katherine schoss sich auf Sneddon ein, den man ja nicht umsonst „Mad Dog“ nenne, wie sie via Frühstücks-TV der Nation ausrichtete.
US-Medien, wie die Internet-Site „The Smoking Gun“ oder der TV-Sender ABC, haben nach Durchsicht der 1.900 Seiten an Protokollen der Aussagen von 42 Zeugen aus der Voruntersuchung (Grand Jury) die „Akte Jackson“ aufgerollt. Das Belastungsprotokoll des Kronzeugen Gavin muss Jackson zittern lassen: Demnach hatte Jackson sein Opfer mit Wien, Wodka, Tequilla, „Jim Beam“-Whiskey und „Baccardi“-Rum gefügig gemacht, sagt er aus, ihm sexuell eindeutige Spitznamen wie „Doo Doo Head“ oder „Blowhole“ verliehen; gepredigt, dass Buben masturbieren müssen, weil sie sonst verrückt würden und oftmals Gavin gefragt, ob „das weiße Ding“ nach der Selbstbefriedigung raus gekommen ist. „Einem Buben in Pyjamas“, so das Protokoll, „hat er gezeigt, wie man bei Masturbieren richtig abspritzt“. Und: „Nachdem der Junge ablehnte, fuhr Jackson mit den Händen in seines ´Hanes´-Unterhosen und sagte: ,Ich mache es für dich!´“ Jackson habe außerdem, so Gavin, „uns allen immer aufgetragen, dass all diese Aktivitäten unser ,kleines Geheimnis´ sind, dass wir sie niemals preisgeben dürfen, selbst wenn euch jemand eine Pistole an die Schläfe setzt“.
Schon allein die Zulassung von Jacksons privater Pornosammlung (32 Magazine, 17 Bücher, 2 DVDs, samt Fingerabdrücken des Opfers) durch Richter Rodney Melville wird den Jahrhundertprozess mitunter als schlüpfriges B-Movie erscheinen lassen. Denn was sich im versteckten Schlafgemach von Jacksons 1.052 Hektar großen Neverland-Ranch laut Aussagen von Gavin (heute 15 Jahre alt), seines Bruders (14), seiner Schwester (18) sowie der Mutter Janet (36) abgespielt haben soll, trieb selbst hartgesottenen Ermittlern die Zornesröte ins Gesicht: Jackson habe Gavin und seinen jüngeren Bruder gleich bei deren ersten Besuch in Neverland eingeladen, in seinem Schlafraum zu übernachten – wo auch Jackos eigene Kleinkinder, Paris und Prince, schliefen. Assistent Frank Tyson habe dem Popstar geholfen, ins Internet einzusteigen, wo sie dann durch pornografische Websites surften. „Jackson wählte die Sites aus“, sagte Gavins Bruder aus: „Auf einer war eine Frau zu sehen, die ihr Shirt hochhob und ihre Brüste entblöste“. „Got Milk?“, witzelte da Jackson. Zu seine schlafenden Sohn Prince habe er gesagt: „Prince, du verpasst einige Pussys!“ Jackson habe den Buben aufgetragen, wenn immer sie gefragt werden würden, was sie sich ansehen, zu beteuern, lediglich die Kult-Cartoon-Serie „The Simpsons“ gesehen zu haben. Dokumentiert wurde auch Jacksons Verabreichung von Alkohol (Anklagepunkte 7-10 „Verabreichung eines Rauschmittels mit Verbrechensabsicht“), eine für den gerade von Chemotherapie rekonvaleszenten Gavin lebensbedrohende Praxis. „Er fragte mich“, so Gavin, „ob ich wisse, was ´Jesus Juice´ ist. Ich sagte: ´Das weiß ich nicht´. Er sagte, dass es Wein sei, und dass ich welchen trinken soll, da es mich entspanne“. Dann hätte ihn Jackson fast angeherrscht: „Trink es! Trink es!“ Der ganze Stress mit den Medien (gerade war die Skandal-Bio des britischen Dokufilmers Martin Bashir gelaufen), mache ihn fertig, sagte Jackson: „Dieser Stress wegen all den Sachen in den Nachrichten setzt mir zu“. Die Trinkgelage hätte, so Gavin, meist mit Weißwein begonnen: „Dann folgte Rotwein, später Wodka“. Auf Privatflug hatte Gavins Bruder beobachtet, wie Jackson den Kopf des jungen Fans abschleckte. „Ich sah diese lange, weiße Zunge“, sagte auch Mutter Janet: „Seine Zunge ist, ähh, richtig weiß!“ Warum die Buben nach den ersten Erfahrungen die Beziehung zu Jackson fortsetzen, wollten die Ankläger wissen: „Aus heutiger Sicht, ist es wohl offensichtlich, dass wir das abbrechen hätten sollen – doch ich dachte ja Anfangs, dass Jackson die coolste Person des ganzen Planeten war“.

# 10. Jänner: Alptraum II: Bush wird angelobt bis 2009

Kaum ein Tag wird die Spaltung der Supermacht USA so wiederspiegeln, wie dieser Donnerstag. Während George W. Bush in einer pompösen Zeremonie an der Oststiege des mächtigen Kapitol-Kuppelbaus in Washington D.C. für seine zweite Amtsperiode angelobt wird, besprechen konservative Politführer, Lobbyisten und Vertreter mächtiger Konzerne (vom Rüstungsgiganten Northrop Grumman bis Ölkonzerne á la Exxon) bei den insgesamt neun „Inaugurations Bällen“ die Chancen der fortgesetzten „konservativen Revolution“, von denen Bush & Co gerne träumen. Demokraten und Demonstranten wollen – anders als vor vier Jahren, wo Bush noch mit Eiern beworfen wurde – dem neuen, alten Präsidenten den Rücken kehren, viele vor Ort als Form des aktiven Protestes. Demokraten-Führer wie Senats-Legende Ted Kennedy kündigten inzwischen „massiven Widerstand“ im US-Kongress an, den Irak-Feldzug nannte Kennedy Tage vor dem Feierlichkeiten „Bushs Vietnam“. Auch bei der TV-Übertragung werden Zuseher hauptsächlich aus dem ländlichen „Bush-Amerika“ erwartet, während die Quoten in den urbanen Zentren der Ost- und Westküste wohl erbärmlich ausfallen.
Dabei kann Bush eine derart polarisierte Nation kaum gebrauchen bei der Verwirklichung der „ambitioniertesten, wie umstrittensten Agenda vielleicht aller US-Präsidenten“, so Stephen Hess vom Think-Tank „Brookings Institution“. Bush selbst ließ in ein paar gut platzierten Interviews mit US-Medien ausrichten, dass er „ausgerastet und voller Tatendrang“ sei, verstieg sich sogar in der Behauptung, sein knapper Wahlsieg gegen John Kerry, wäre auch eine Legitimierung des Irak-Krieges durch das US-Volk gewesen. Doch mit 50 Prozent Zustimmung für seine Amtsführung startet Bush mit den düstersten Werten eines „Two-Term“-Präsidenten – weit unpopulärer als Dwight Eisenhower, Richard Nixon, Ronald Reagan oder Bill Clinton bei ihrer zweiten Inauguration.
Ob Bush in den nächsten „Four more Years“ zum „Helden oder zur Gans“ wird, wie es Politologe Bruce Buchanan von der „University of Texas“ formuliert, hängt trotz aller ehrgeiziger innenpolitischer Ziele wie Reformen des Steuer- und Pensionssysteme und schwülstiger Rhetorik von der „Macht der Freiheit“ von zwei Faktoren ab: Ein US-Erfolg im Irak und die Reparatur des fiskalischen Fiaskos samt Rekordbudgetdefizit von zuletzt 412,5 Milliarden Dollar und Tiefsständen des Dollar gegenüber Euro und Yen. Doch im Irak schrauben selbst die Besatzer die Erwartungshaltungen ständig nach unten: Bis zur Parlamentswahl am 31. Jänner sei mit einem Anstieg der Aufständischen-Gewalt zu rechnen, verlautet das White House, und auch danach sei mit einer raschen Stabilisierung nicht zu rechnen. Auf die flott angelobte Nachfolgerin des glücklosen Colin Powell im State Department, die enge Bush-Vertraute Condoleezza Rice, warten neben dem Irak-Fiasko neue Hürden beim Friedensfahrplan zwischen Israelis und Palästinensern, die atomaren Ambitionen des Irans und Nordkoreas, sowie eine – trotz der Tsunami-Hilfe der US-Militärs – skeptische Weltbevölkerung.
Für andere ist die Polarisierung Amerikas zum Hauptproblem geworden, „die die Nation völlig unvorbereitet auf die großen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte lässt“, wie die von Ex-Diplomaten angeführte Gruppe „National Commitee to Unite a Divided America“ warnte: „Bedroht ist nichts weniger als unsere innere Sicherheit und Prosperität“, so die Gruppe. Durch viele der neuen Bush-Ideen werden die Gräben noch tiefer werden: Gegen seine vorgeschlagene Teilprivatisierung des Pensionsversicherungssystems „Social Security“ hat sich zuletzt die 35 Millionen Mitgliedern mächtige Alten-Lobby-Gruppe AARP per Inseratenkampagnen in 60 Tageszeitungen vehement ausgesprochen, nachdem Bush mögliche Pensionskürzungen in Aussicht stellte. Ein Konflikt „Jung gegen Alt“ zeichnet sich ab, wird selbst in der konservativen „New York Post“ beklagt. „Wir sind an dieser Reform nicht interessiert“, kündigte Kennedy bereits massivsten Widerstand der Demokraten im Kongress an. Beobachter vergleichen das Projekt bereits mit der ehrgeizigen Gesundheitsreform, mit der Hillary Clinton als First Lady 1994 so spektakulär scheiterte.
Doch kaum weniger umstritten sind andere Bush-Ideen:
# Seine geplante Neuschreibung der Steuer-Gesetze zur Schaffung einer „Eigentümergesellschaft“ würden wie schon bei so vielen Bush-Projekten die Reichen bevorzugen, kritisieren die oppositionellen Demokraten;
# die Eindämmung von Strafzahlungen durch Ärzte bei Fehldiagnosen und -behandlung oder Höchstgrenzen bei Entschädigungen bei Sammelklagen, haben mit den Anwälten eine der widerspenstigste Berufsgruppe mobilisiert;
# Die geplante Vergabe von Ölbohrlizenzen im Naturschutzparadies „Arctic National Wildlife Refuge“ in Alaska bringt Umweltschützer auf die Barrikaden;
# Ein Gastarbeiterprogramm für Millionen Illegale sorgt am xenophobischen, rechten Rand seiner eigenen Republikaner-Partei für Unruhe.
Am dramatischsten könnte der Showdown in Sachen „Kulturkriege“ werden, wo die Religiöse Rechte (deren Erscheinen in Rekordzahlen am Wahltag des 2. November Bushs Sieg letztendlich sicherte) vehement nach einem Abtreibungsverbot, der Aufnahme eines Homoeheverbots in die US-Verfassung sowie nach religiösen Lehrplänen trachten. Bis zu drei Höchstrichter des greisen, neunköpfigen Justizgremiums des „Supreme Courts“ könnte unter Bush II nachnominiert werden – und damit die Balance der wichtigsten US-Justizinstitution nach rechts kippen. „Die Demokraten müssen daher mit aller Macht versuchen, 2006 bei den Midtermwahlen den Senat zurückzuerobern“, sagt Ex-US-Botschafterin und Harvard-Professorin Swanee Hunt: „Dort können rechte Richter verhindert werden“.
Zunächst hatte Bush jedoch mit aktuelleren Problemen zu kämpfen: Regelrecht hingerichtet von den US-Medien wegen des „Verschlafens“ der Tsunami-Tragödie auf seinem Dauerurlaubsort in Crawford, Texas, wurden prompt auch die mit 40 Millionen Dollar horrenden Kosten des Inaugurations-Pomps kritisiert. Die sollten „lieber nach Indonesien, Thailand, Sri Lanka oder Indien fließen“, regten Editorialschreiber namhafter Zeitungen an.

# 10. Jänner: In der Leichenhalle von Khao Lak

Als Gerichtspathologe hat Dr. Christoph Hundertpfund naturgemäß eine dicke Haut, doch der Dauereinsatz zur Indentifizierung der Tsunami-Opfer im „Yanyao“-Tempel bei Khao Lak hat Spuren an dem drahtigen Tiroler hinterlassen. Er steht, sichtlich gezeichnet vom konstanten Horror der letzten zehn Tage, vor einem aufblasbaren Zelt, das als temporäre Obduktionshalle dient. Dahinter stehen 70 Kühlcontainer. Einige der insgesamt hier aufbewahrten 2.000 Leichen, verpackt in weißen, völlig verdreckten Jutesäcken werden von thailändischen Helfern in das Zelt getragen, wo sie mehrere Stationen durchlaufen. „Am ersten Tisch entnehmen wir die Fingerabdrücke“, erklärt Hundertpfund: „Oft lässt sich die Haut einfach abziehen, mit Russpulver versehen und der Abdruck herstellen“. Doch mitunter hat das Wasser die Haut so aufgeweicht, dass die Prozedur abgebrochen werden muss. An einem zweiten Tisch liegt eine Leiche, der Rücken braun wie das Erdreich, in dem das Opfer wahrscheinlich gefunden wurde. Am Nebentisch schneidet ein Pathologe gerade die Brust auf, der Kopf mit dem grässlich entstellten Gesicht des Toten ist nach hinten gefallen. An einer dritten Leiche werden Zahnabdrücke genommen.
Im Gespräch – das auf einem leeren Sarg als Sitzgelegenheit stattfindet, während ein paar Meter weiter dutzende Leichen vorbei getragen werden – erklärt Hundertpfund in allen grauenhaften Details, wie die Todesopfer der Killer-Wellen des 26. Dezember identifiziert werden können. Ein langwieriges Prozedere, das sich noch Wochen, gar Monate hinziehen könnte – und auf deren Ergebnis die Angehörigen der zu Wochenbeginn noch 288 in Thailand vermissten Österreicher so dringend warten. 52 Leichen hat das österreichische Team bisher bearbeitet, tausende warten. Mittels vier zentraler Merkmale soll die Identität festgestellt werden: Neben den Fingerabdrücken entnehmen Hundertpfund, sein 13-köpfiges Team der gerade im Vorjahr geschaffenen Spezialistengruppe „Desaster Victims Identifications“ (DVI) sowie Kollegen aus dutzenden weiteren Nationen DNA-Proben aus dem Oberschenkelknochen, werden Auffälligkeiten wie Operationsnarben, Tätowierungen, Schmuck oder – so vorhanden– Kleidung dokumentiert, Fotos angefertigt, Dentisten diktieren den Zustand der Zähne, entnehmen Abdrücke oder fertigen Röntgenbilder des ganzen Unterkiefers an. Alle diese „Post Mortem“-Daten werden, erklärt Hundertpfund weiter, in einem Interpol-Formblatt festgehalten, letztendlich landen die Information in einer zentralen Datenbank in Phuket. Abgeglichen werden die Informationen mit dem Anti-Mortem-Teil, so der Fachjargon, des Prozesses: Hier geben Angehörige Gebrausgegenstände des Opfers ab, aus denen DNA-Proben entnommen werden können. „Eine Zahnbürste etwa, oder Socken“, so Hundertpfund. Auch DNA-Proben direkter Verwandter wie Eltern oder Geschwister können verwendet werden.
Der Tempel ist, trotz der Horrorszenen ständig abgeladener Tsunamiopfer, dem süßlich-penetranten Leichengestank, oder den erschütternden Steckbriefwänden der Vermissten, zur zentralen Anlaufstelle für Angehörige geworden, die persönlich nach den Vermissten suchen wollen. Für viele ist es einfach zu schwer: Eine Frau aus Deutschland, die nach ihrem elfjährigen Neffen sucht, starrt auf die Leichenberge und Kühlcontainer, hält sich die Hände vors Gesicht und beginnt völlig unkontrolliert zu weinen. Ihr Mann umarmt sie, einen japanischen Journalisten, der sie fotografiert, will sie aus Wut und Verzweiflung sogar verprügeln. „Deshalb warnen wir Angehörige eindringlich, die Toten in Eigenregie zu suchen“, sagt Rotkreuzhelferin Manuela Werth, die Österreicher in den letzten Tagen bei solchen Missionen psychologisch betreute: „Viele sind dem Ausmaß des Horrors, der vor Ort weit schlimmer wahrgenommen wird, als ihn die Medien jemals vermitteln können, nicht gewachsen“.
Nachdem in einem Massengrab im „Bang Maruang“-Friedhof in Takua Pa unweit des Tempels anfangs 800 Leichen vergraben wurden, haben die thailändischen Behörden aufgrund wachsender internationaler Proteste, wonach dort auch Urlauber liegen könnten, eine Kursänderung angeordnet. Die Toten, die in dutzenden Reihen zwischen Erdwällen liegen und mit an Erdstöcken befestigten Nummern samt dem Kürzel TA (mit „T“ für den Fundort „Takua Pa“ und „A“ für Asiaten) versehen sind, werden wieder exhumiert und müssen alle nochmals zum DNA-Check in die Tempelanlage. Beim Lokalaugenschein offenbart sich, wie frei zugänglich und kaum gesichert der Ort ist. In einem offenen Graben liegen in der Dämmerung sechs noch nicht zugeschüttete Leichen, drei Erwachsene, drei kürzere Säcke – Kinder. Niemand ist zu sehen. Gespenstisches Grillengezirpe von einem großen Baum nebenbei ist zu hören. „Der Zustand vieler Leichen ist so schlimm, dass wir bereits Computerprogramme zur Gesichtsrekonstruktion einsetzen“, sagt Pornthip Rojanasunant, die thailändische Chefpataologin, die mit ihrer schrillen Punkfrisur und einem Nervenzusammenbruch vor laufenden TV-Kameras inzwischen weltberühmt ist.

10. Jänner: Die Waisenkinder der Tsunami

Zeichnungen helfen dem neunjährigen Preuk Pandee, mit seinem Schicksal besser fertig zu werden. Einen Strand hat er mit gelbem Stift auf ein weißes Blatt Papier gezeichnet, mit Fischen im Meer, dazu ein Haus, eine Riesenwelle und ein Familie – Vater, Mutter, Kind – die flüchten. Das in der Zeichnung ausgedrückte Glück einer Familie wurde Preuk selbst verwehrt: Seine Eltern waren am 26. Dezember von der Flutwellen ins Meer gespült worden. „Ich hasse die Tsunami“, sagt er traurig: „Sie hat mir meine Familie weggenommen“. Zeichnungen sind eine Form des ersten Verarbeitens des Horrors für Kinder, die mit hohem Prozentsatz unter den Getöteten und einer ganzen Generation an Waisen zum Hauptopfer der Killer-Tsunamis wurden: Siriwit Chanchaem etwa zeichnet Menschen, die sich vor dem Wassermassen in den Bäume retten. Auch er hat beide Eltern verloren.
Amporn Kaewnoo von einer thailändischen Hilfsorganisation „Community Organizations Development Institute“ (CODI) führt mich durch ein rasch aus dem Boden gestampftes Kinderlager im Ort Ban Bang Muang nahe der Katastrophenzone Khao Lak nördlich von Phuket in Südthailand. „Wir versuchen, die Kinder mit viel Aktivität abzulenken“, sagt er: „Die prompte Hilfsbereitschaft der Einheimischen hat sehr geholfen“. Da sitzt etwa eine Schar von Kids vor einem „Flat Panel“-Riesenfernseher am Boden, und sieht sich eine Kindersendung an, andere rasen mit Tretrollern über den Staubboden des Camps, für die Kleineren wurde eine Krabbelstube und sogar eine Kinderkrippe eingerichtet. Andere wühlen durch einen drei Meter hohen und 15 Meter breiten Berg aus gespendeten Kleidungsstücken. Daneben stellen sich Kinder an, um Eischreme-Tüten zu ergattern. Das Gelächter der Kinder verwandelt das Zeltlager in einem Acker fast in einen fröhlichen Ort trotz aller Tragik. Familien mit Babies, oder Verwandte die sich um verwaiste Säuglinge kümmern, durften als erste in die frisch aus dünnen Holzspanplatten zusammen gezimmerten Notquartiere einziehen.
Die thailändische Armee wollte vielen der Kids zum „Kinder-Tag“-Fest vergangenen Samstag mit einem Hubschrauber-Rundflug über die grünblaue Andaman-See eine Freunde bereiten, doch viele sind zu traumatisiert, um solche Angebote annehmen zu können: „Ich will nicht essen, ich will nicht spielen“, sagt etwa der zwölfjährige Wisut Somabutra, den das Schicksal besonders hart getroffen hat: Er verlor beide Eltern, drei Geschwister im Alter zwischen drei Monaten und acht Jahre und einen Onkel. Wisut wurde aus dem Dorf Ban Nam Khem in das Lager gebracht – der Ort ist „Ground Zero“ der Tsunami-Katastrophe für Thailand, wo von 2.000 Häusern nur mehr 20 übrig blieben. „Dort hat von 5.000 Menschen nur die Hälfte überlebt“, sagt Helfer Kaewnoo. Der Bub erzählt den Horror der Morgenstunden des 26. Dezember: „Ich sah die Welle und rief noch ,Rennt weg!`. Doch meine Mutter wollte meiner Großmutter helfen und rannte ins Haus, und mein Vater machte sich Sorgen um beide und lief ebenfalls nicht weg“.
Vor einem Zelt sitzt die 14-Jährige Sorwarot Khong Muang und starrt leer in die Szenerie des regen Treibens in dem überfüllten Lager. Ihre sie allein erziehende Mutter Dusita hat zwar überlebt, doch sie verlor aus einer insgesamt elfköpfigen Familie sechs Mitglieder, darunter zwei Onkel, die sie finanziell unterstützten. „Unser ganzes Leben ist in ein paar Sekunden völlig auf den Kopf gestellt worden“, sagt sie und weiß nicht recht, wie es jetzt weitergehen soll. Ihre Mutter verbringt jeden Tag damit, die Leichenhäuser in der Umgebung auf der Suche nach ihrer Mutter abzuklappern. „Ich konnte ihr nicht helfen“, sagt Dusita, „lieber wäre ich gestorben“. Erschlagen kommt sie jeden Abend von ihrer Tour nach Hause, mit noch mehr Eindrücken grässlich entstellter Leichen. „Nur wenn ich sie finde, werde ich Ruhe finden“, bestätigt sie, dass auch in der Kultur Thailands das Auffinden der Toten und ein Begräbnis zentraler Teil der Trauerarbeit sind.
Einige Kinder sind so traumatisiert, dass ihnen das Erlebte noch gar nicht anzumerken ist. „Im ersten Schock, der als Art Schutzmechanismus funktioniert, agieren Hinterbliebene, auch Kinder, oft ganz normal“, erklärt Rotkreuzhelferin Manuela Werth: „Bis weit später das ganze Ausmaß aus Trauer und Trauma langsam durchsickert“. Der fünfjährige Dino Oswald etwa, der mit seiner Mutter Oi (34) die Monsterwelle auf der Trauminsel Kho Phi Phi überlebte, jedoch seinen Vater, Heinz Oswald, Schwester Anna (10) und Halbschwester Tina (12) verlor. Er spielt ausgelassen in der Garageneinfahrt, gleich neben den Berg an Habseeligkeiten, den die Überlebenden der Oswald-Familie aus ihrer Tauchschule „Moskito“ und der darüber gelegenen Wohnung retten hatten können. Als ihn jemand besorgt fragt, wie es ihm gehe, erzählt Mutter Oi, hat er plötzlich ganz trocken gesagt: „Ich habe die Wellen überlebt und mein Vater und meine beiden Schwestern sind gestorben“.