# 29. Juni: Der Crash des Opern-Mega-Mäzens Alberto Vilar


Megakunstmäzen Alberto Vilar, 67, ist nach drei Wochen Haft zwar nicht mehr im Gefängnis, doch seine Bewegungsfreiheit ist massiv beschränkt: Per elektronischem Reifen am Bein überwachen die „Feds“, ob Vilar den vom Richter verordneten Hausarrest nicht durch spontane Opernbesuche unterbricht. Erlaubt sind Ausgänge nur zum Arzt: Vilar hatte einst verlautet, dass er acht Dislokationen im Rücken erlitt und 16 verschiedene Medikamente nehmen müsse. „Alberto verhält sich zur Zeit eher ruhig“, teilt sein Sprecher mit. Wie er sich gegen das Inferno an Betrugs- und Geldwäscheanklagen durch dem ihm vorgeworfenen Missbrauch von fünf Millionen Dollar Anlagegeld der Klientin Lily Cates, 67, zur Wehr setzen wird, will er in den nächsten Wochen verraten, heißt es aus dem Umfeld des gefallenen Investors. Vilar drohen bis zu zehn Jahre Haft.
Recherchen des „Wall Street Journals“ und anderer US-Wirtschaftsblätter haben indessen atemberaubende Details von Vilars Hochstapelei zu Tage gefördert, einem Mann, der heute als „Phantom der Oper“ bezeichnet werden muss: Selbst als er Ende letzten Jahres die Instandhaltungskosten seiner 1.000-Quadratmeterwohnung am East River nicht mehr bezahlen konnte, erzählte er Vertretern des „Columbia Medical Centers“ vom Comeback seiner Firma „Amerindo Investment Advisors, Inc.“ und versprach, schon bald zig Millionen Dollar zu spenden (dabei hatte er bereits das erste Versprechen 2001 von zehn Millionen Dollar nicht eingehalten).
„Sein ganzes Leben war eine Fantasie“, sagte eine ehemalige Amerindo-Managerin: „Die Firma konnte niemals jenen Reichtum schaffen, den er angab, zu besitzen, und er war nie der Steinreiche, den er vorgab zu sein“ (sogar seine Mär vom kubanischen Einwandererkind stimmt nicht, Vilar ist geboren als „Albert“ ohne „o“ in New Jersey).
Verrechnet muss sich wohl auch das Magazin „Forbes“ haben, das Vilar 2002 mit 900 Millionen Dollar „Nettowert“ auf Stelle 256 superreicher Amerikaner reihte: Dabei hatte er in diesem Jahr drei Häuser in Colorado um 2,7 Millionen verkaufen müssen, blieb Hotelrechnungen in Salzburg schuldig, ließ seine Hauskraft unbezahlt arbeiten und hätte haarscharf sein Manhattaner Riesenapartment verloren (das heute mit 24 Millionen Dollar Steuerschulden belastet ist und dessen 70-sitziger Konzertsaal im ersten Stock halbfertig blieb). Gerade als Salzburgs Festspiel-Intendantin Helga Rabl-Stadler Vilar im Frühjahr in New York traf, krachte das Finanzimperium, das am Höhepunkt sieben Milliarden Dollar verwaltete, mit doppelstelligen Prozent-Verlusten zusammen.
Trotzdem deutete Vilar an, dass er sein Tief überwunden habe und sich Kulturinstitutionen rund um den Globus bald wieder auf Vilar-Spenden einstellen könnten. Wie pleite Vilar da schon war, verdeutlichten seine Kautionsverhandlungen: Über drei Wochen dauerte es, bis Freunde die vier Millionen Dollar zusammen hatten. Vilar selbst hatte zwei Bankkonten: Eines mit unter 100 Dollar, das andere komplett leer. Vor seiner Verhaftung hatte er billige Anzüge getragen und war in Diskont-Hotelketten abgestiegen. Auch auf die Juwelen (darunter ein Fünf-Karat-Diamantring) und Gemälde kann Vilar nicht mehr zugreifen: Die will die US-Steuerbehörde IRS zur Abdeckung seiner Schulden einbehalten. Und zuletzt hatte sogar seine Anwältin, Susan Necheles, angedeutet, dass sie den Fall – ohne Aussicht auf Bezahlung – abgeben könnte.

# 14. Juni: Der unglaubliche Freispruch des Michael Jackson

Nach 14 Wochen des schrillen Zirkus war es vor dem Gerichtssaalgebäude in Santa Maria plötzlich still. Totenstill. Im vollgepackten Gerichtssaal saß Richter Rodney Melville und riss langsam und bedächtig Umschläge auf. Darin die Urteile in den zehn Anklagepunkten gegen Popstar Michael Jackson. Hunderte hielten ihren Atem an, zu hören waren nur die nervenzerfetzenden Reißgeräusche. Jackson saß da wie ein Wachsfigur, sein Gesicht eingefallen, betäubt durch die Schwere der Stunde (und Beruhigungsmittel): 29 Jahre Haft hätten es werden können, Zellennachbarn wie Charles Manson oder Robert-Kennedy-Attentäter Sirhan Bishara Sirhan, Gedanken über Selbstmord. Als die Wagenkolonne aus drei schwarzen SUVs von Neverland, „live“ in alle Welt übertragen, zum Gerichtsort fuhr, tönten Kommentatoren: „Das sind vielleicht Jacksons letzte Minuten in Freiheit“. Jacksons Vater Joe, Mutter Katherine, die Brüder Jermaine und Randy, die Schwestern LaToya und Rebbie hielten Hände (die berühmte Janet Jackson musste draußen bleiben, da nur sechs Plätze für den Clan vorgesehen waren).
„Wir die Geschworenen“, begann eine Gerichtsdienerin mit dem Verlesen der Urteile: Es folgte an fast monotones Stakkato an „Not Guilty“, übertragen per Lautssprecher zu den Fans, via Live-Audio in alle Welt. Am Ende ein Totalfreispruch, für alles von Entführung, sexuellen Missbrauch eines Minderjährigen, Verführung zum Alkoholkonsum. Beim letzten Punkt wischte sich Jackson Tränen aus dem Gesicht, leises Schluchzen hallte durch den Saal. Mitgeweint hatten sogar zwei Juroren und die Nr. 2 des Verteidigungsdreamteams Susan Yu. Jackson, der immer noch betäubt wirkte, umarmte seinen Retter, Staranwalt Thomas Mesereau, sagte leise „Thank you…“. „Mr. Jackson“, unterbrach der Richter im Bariton: „Sie sind ein freier Mann“. Während sich die gut 1.000 Hardcore-Fans in die Arme fielen (eine hatte sogar bei jedem Nicht Schuldig eine weiße Taube fliegen lassen), verschwand Jackson so schnell wie er gekommen war – die Wagenkolonne fuhr zurück nach Neverland.
Obwohl der Kindersexprozess gegen Jackson, immerhin die drittbekannteste Person des Erdballs, kaum den O.J.-Simpson-Hysterie-Level erreichte, hielt doch die Welt kurz den Atem an: Am New Yorker Times Square standen tausende vor der berühmten Megaleinwand, die BBC räumte ihr Hauptabendprogramm aus, Al Dschasira ließ die arabische Welt an einer unterhaltsameren Seite Amerikas teilhaben, Korrespondenten aus 32 Nationen rapportierten das Happy End für Michal Jackson. „Das Publikum liebt gute Gerichtssaaldramen“, erklärte MSNBC-Anchor Keith Oberman: „Die Gewinner, die Verlierer, die Gründe der Geschworenen“. Einer dieser Gewinner, Tom Mesereau, jubelte, als seine weiße Haarmähne im Wind wehte: „Ich bin froh, dass mein Klient und seine Familie das alles nicht mehr durchmachen müssen“, sagte er: „Und Michael wird fortan nicht mehr mit Buben übernachten“.
Der Verlierer des Tages, Ankläger Tom „Mad Dog“ Sneddon, der Jackson seit 14 Jahren verfolgt (Jackson selbst hatte ihn in einem Song als „Cold Man“ besungen), konnte seinen Schock kaum verbergen: Im Gerichtssaal hatte er sein Gesicht in den Händen vergraben. Auf die Frage, ob er glaube, ein Kinderschänder sei frei gegangen, knurrte er: „Kein Kommentar“. Der Internet-Drudgereport hatte Sekunden nach dem Urteilsspruch ein Fotos des bulligen Prosecutors auf die Website geknallt mit der Aufforderung: „Verhaftet diesen Mann!“ Die Verliererin im Simpson-Prozess, Ex-Anklägerin Marcia Clark erläuterte den möglichen Zustand Sneddons: „Ich habe mich damals wochenlang verkrochen – und dann frühpensionieren lassen…“. Genau das hatte dann Tito Jackson auch für Senddon angeregt.
Einige der 12 Geschworenen, acht Männer, vier Frauen, erläuterten, dass die Mutter des angeblichen Opfers, Janet Jackson, den Fall fast im Alleingang versenkte: Statt einer Zeugenaussage hätte sie ein Schlussplädoyer gehalten, den Juroren zugezwinkert, mit den Fingern geschnippt und gedeutet. „Hey, Lady“, hatte sich Elanor Cook (79) da gedacht: „Richte deinen Finger nicht auf mich!“ Dazu kam die lange Liste an Betrügereien und Lügen der Familie. „TV-Anwalt“ Dan Abrams: „Sie hassten die Mutter, und der Bub war auch nicht besonders sympathisch“. Genug „berechtigte Zweifel“ jedenfalls, die juristische Hürde in einem Strafprozess, um Jackson nicht zu verurteilen. Was nicht heißt, dass ihn einige der Geschworenen nicht für schuldig halten: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Mann das ganze Jahr mit Buben im Schlafzimmer verbringt und sie nur Fernsehen und Popcorn essen“, so Raymond Hultman (62): „Doch in diesem Fall gab es zu viele Zweifel“.
Kommt jetzt das große Jackson-Comeback? „Er hat es in seine Blut! Es ist in seinem Blut“, rief Bruder Jermain aufgeregt ins Handy im Talk mit CNNs Larry King. Am wahrscheinlichsten scheint eine Welttournee, vielleicht samt einer Reunion mit seinen Geschwistern, den „Jackson Five“: „Die meisten seiner Fans sind in Europa, Asien und Australien“, so Tom O´Neill: „Der Erfolg wäre garantiert und damit lasst sich auch viel Geld verdienen“. Deutschland könnte dabei leer ausgehen: Dort schuldet Jacko eine Konzertveranstalter noch zwei Millionen Dollar. Dass Jackson nach Europa oder Afrika übersiedelt, wurde ebenso berichtet, samt Gerüchten, er hätte Neverland bereits heimlich um 35 Millionen Dollar verkauft: „Jackson hat eine starke spirituelle Beziehung zu Afrika“, so O´Neill: „Doch das dürfte sich wohl nur auf Charity-Projekte beschränken“. Berichtet wurde auch, dass Milliardär Phil Ruffin, Partner Donald Trumps, Jackson ab 2007 als Performer in einem neu eröffneten Casino in Las Vegas verpflichten wolle. Salär: 80 Millionen Dollar.
Skeptischer sind Amerikas Musikexperten in Sachen Wiederbesteigung des Throns als „King of Pop“: „Die Kernfrage ist, ob Jackson gesundheitlich und finanziell die Kraft für ein Comeback hat“, so Anthony DeCurtis vom Musikmagazin „Rolling Stone“: „Er müsste voll darauf fokusieren – und den ganzen Tabloidkram hinter sich lassen“. Dabei hätte er Rückenwind: Die Amerikaner lieben gute Comeback-Stories. Und ein solches wäre es: Seit zehn Jahren hatte Jackson keinen echten Hit mehr produziert, sein letztes, 2001 veröffentlichtes Album „Invincible“ spielte bloß 2,1 Millionen Dollar ein – bei Produktionskosten von 25 Millionen (!). Sein Vertrag mit Sony läuft heuer aus, neue Angebote gab es bisher nicht. Andere bezweifeln, dass er es nochmals bis ganz an die Spitze schafft: „Er wird niemals mehr den einstiges Status als Ikone und Trendsetter erreichen“, so Musikanwalt London McMillan. Zuerst muss er sich jedoch wohl von den Prozessstrapazen erholen: „Michael ist im Bett“, richtete Vater Joe aus.

7. Juni: Neue Arnie-Bio schockiert

So gerne Kaliforniens „Governator“ Arnold Schwarzenegger seine unglaubliche Aufsteigerstory von Thal über Hollywood nach Sacramento selbst erzählt, so sehr scheint er gleichzeitig Biografien zu fürchten. Als sich die britische Starjournalistin Wendy Leigh 1990 erstmals an den damaligen Megafilmstar mit dem Buch „Arnold: An Unauthorised Biography“ an ihn heranwagte, erfuhr sich prompt die ganze Wucht der Verteidigungsmechanismen von Planet Arnold: Zuerst wurde sie selbst massiv unter Druck gesetzt, das Projekt aufzugeben, dann der Verlag „Congdon & Wendy“ zum Einstampfen aufgerufen, zuletzt Interviews mit der Autorin bei TV-Sendern verhindert.
Das sich nach Arnolds Politkarriere nicht massiv viel geändert hat, musste der nächste Autor, Kennedy-Biograf Laurence Leamer erfahren: Diesmal hatte Arnie-Gattin und JFK-Nichte Maria Shriver offenbar ihre Kontakte zum Ex-Arbeitgeber NBC genützt, um einen Auftritt Leamers in der populären „Today Show“ zu vereiteln, berichtete die „New York Times“. Obwohl Schwarzenegger per mehrmaligen Interviews mit Leamer kooperierte, kommt die jüngste Skandalbio „Fantastic: The Life of Arnold Schwarzenegger“ (St. Martin´s Press, 432 Seiten) zum denkmöglichst schlechtesten Zeitpunkt: Nach einem Sturz in den Umfragen kämpft Arnie in Kalifornien um ein Comeback vor den Wahlen in 2006. Mit vielen der Enthüllungen wird Arnold wohl nicht mit seinem Lieblingswort „Fantastic“ kommentieren.
In allen schaurigen Details erzählt Arnie über die Prügelorgien in der steirischen Schule und zu Hause, wo Vater Gustav, ehemaliges SA-Mitglied (seine Feldgendarmerietruppe hieß „Angekettet Hunde“) und Thals Gendarmeriechef, mit eisener Hand und oft alkoholisiert regierte: „Arnold erinnert sich besonders an einen Elternsprechtag, wo ein Vater in die Klasse marschierte und seinem Sohn ohne ein Wort ins Gesicht schlug. Die meisten Lehrer schlugen mit ihren Lehrstöcken auf ungezogene Schüler ein, die größte Angst hatten sie vor einer Mathematiklehrerin, die sich von hinten näherte und ohne Vorwarnung Schüler auf den Kopf schlug. Arnold, ein widerborstiger Bub, bekam davon genug ab auf seinen großen Kopf“, schreibt Leamer. „Er hat mich an den Haaren gerissen“, sagt Arnie über seine Vater: „Ich wurde mit dem Gürtel verprügelt. Wie auch das Nachbarkind. So war das damals. Der Willen vieler Kinder wurden durch ihre Eltern gebrochen, das war die deutsch-österreichische Mentalität: Brecht ihre Willen! Es sollten ja keine Individuen geschaffen werden. Ich habe gesehen, wie eine Buben fast das Ohr ausgerissen wurde. Ich rebellierte gegen meinen Vater. Wenn er weiß sagte, sagte ich schwarz, ich wollte lange Haare, er kurze. Doch er hat uns auch viele Geschenke gegeben – insgesamt war er ein guter Mensch“.
Arnold, inzwischen stolze 102 Kilo schwer, landete in München, „er war ein derartiger Landbub, dass ihm München wie eine Metropole vorkam, mit all dem städtischen Treiben“, so Leamer. Sein neuer Arbeitgeber, der Lebemann Rolf Putziger, kutschierte ihm im Merzedes durch die Stadt, ließ in seinem feudalen Apartment wohnen: „Arnold brauchte ein paar Tage, um zu kapieren, dass er ihn verführen wollte“, so der Autor: „Ein Zeichen, wie naiv Arnold damals war. Doch als in Putzinger fragte, ob er in seinem Bett schlafen möchte, konnte sich Arnold nichts mehr vormachen: Angebote von schwulen Gentleman an bettelarme Bodybuilder waren keine Seltenheit. Putzinger verwies auf die Karrieren andere Bodybuilder, die in seinem Bett schliefen und versprach Arnold sogar eine Filmkarriere. Arnold war entrüstet, doch musste auf der Suche nach eine Job freundlich sein zu Putzinger“.
In Rekordzeit wurde Arnie ein Star in der Muskelmännerszene, doch nicht nur wegen seines massiven Körpers, sondern zweifelhafter Scherze: „Arnold machte mitten in seiner Performance bei einer Show in Deutschland eine Bewegung wie ein Hitlergruß. Das Publikum reagierte unangenehm berührt. Danach sagte er zu seinem Freund Rick Wayne: ,Diese Leute sind gar nichts ohne einen Österreicher, der sie führt´“. Ähnlich selbstbewusst und provokativ näherte sich Arnie Frauen, ist nachzulesen: „Er hielt sich nicht lange mit Gesprächen auf. ´Willst du Sex?´, sagte er schlicht. Wenn Frauen wollten, dass er sein Shirt auszieht, verlangte er das gleich von ihnen, oft sogar erfolgreich. Arnold musste seine Überlegenheit gegenüber Frauen, wie auch Männern, ständig unter Beweis stellen. Die derbsten Anfragen nach Sex passierten immer in Beisein seiner Freunde“.
Arnie wanderte in die USA aus, wurde mit Seriensiegen in den drei wichtigsten Bodybuilderwettbewerben zum „Größten aller Zeiten“ gekürt. Der Kontakt zu seinen Eltern blieb spärlich, am Begräbnis seines Vaters und seines 1971 bei einem Autounfall verunglückten Bruders Meinhard nahm er nicht teil. In der Bio erinnert sich Arnie: „Wenn immer ich nach Hause anrief, fragte meine Mutter sofort: ´Wo ist der Scheck?´ Und dann folgte das Gejammer über die Geschichten, die sie über mich las und wie peinlich das alles ist. Es war immer negativ, typisch österreichisch“.
Der junge Schwarzenegger zeigte teils einen schockierenden Glauben an Macht und Autorität: „95 Prozent der Menschen brauchen jemanden, der sie überwacht und ihnen sagt, was sie zu tun haben“, erzählte er Dokufilmer George Butler: „Ich denke, wenn man eine starke Nation haben will, kann nicht jeder ein Individuum sein, weil jeder hat da seine eigene Meinung und das verhindert für starke Nationen den notwendigen Zusammenhalt“. Und: „Ich bewunderte Hitler, da er es als einfacher Mann ohne Ausbildung an die Macht schaffte“, fuhr er fort: „Und ich bewunderte ihn für seine Gabe als Redner und welche Faszination er ausübte – aber ich bewundere ihn natürlich nicht, für was er getan hatte“. Trotzdem schwebte Schwarzenegger ein Konzept „Hitler, nur als Guter“ für Amerika vor: Kopieren seiner messianischen Gaben als Redner, nur für das Gute und nicht das Böse. Butler erinnerte sich auch, wie Arnold Schallplatten von Nazi-Marschliedern aus seiner Kollektion zu Hause spielte und oftmals die Füße zusammenknallte und SS-Offiziere imitierte“.
Als Arnie 1977 Maria Shriver zum ersten Mal traf, war sie, so Leamer, eine „lasche Schönheit mit Rubenesken Hüften“, 68 Kilo schwer bei 170 Zentimetern Körpergröße. „Ich dachte, Arnold mag schwerere Mädchen“, erinnert sich ein Gast. Freunden gegenüber bezeichnete er sich gerne als „Butt-Man“, als Hinternfetischist: „Er redete über die Anatomie dieses Körperteils wie ein Weinliebhaber über erlesene Ernten“, so die Bio (Shriver selbst hatte in einem Buch enthüllt, dass Arnie ihrer Mutter Eunice rasch anvertraute: „Ihre Tochter hat eine großartigen Arsch!“).
Ausführlich beschreibt Leamer den Showdown der Muskelmänner zwischen Sylvester „Sly“ Stallone und Arnie, der in eine ekelhafte Fehde eskalierte: „Nicht verstummen wollten die Gerüchte, wonach er eine Affäre mit dem 183 Zentimeter großen, Dänenmodell Brigitte Nielsen hatte: Sie wurden zusammen gesehen in Rom, im Wiener Hilton-Hotel, auf Parties, in München, beim Schifahren. Nielsen wollte ihn sogar heiraten und nach Österreich ziehen. Er lehnte ab und verwies auf Maria. Er vermittelte Nielsen über seinen Agenten zu Stallone, die beiden heirateten, doch die Ehe wurde zu seinem Desaster. Zwei Jahre und hunderte Skandalgeschichten in Tabloids später kam das Ende, Stallones Hass auf Arnie war, nach abfälligen Kommentaren in Interviews, besonders einer Schimpftirade in Playboy 1988, eskaliert. Stallone schlug zurück, so Leamer: „Biografin Leigh berichtete er über Arnies Affäre mit Ex-Frau Nielsen, behauptete, sein Vater war ein Nazi, der beim Abtransport von Juden half, Arnold selbst ein heimlicher Hitlerverehrer. Stallone half Leigh während ihres ganzen Buchprojekts. Als er ein erstes Manuskript sah, war er zufrieden: ,Das ist besser als vier Blowjobs´, jubelte er“. Obwohl sich fast alle der Vorwürfe als unrichtig herausstellten war Arnie permanent angeschwärzt – und Stallons Rache perfekt.
Und hat Arnie Maria jemals betrogen? Leamer hat keine Bewiese, beschriebt aber ausführlich die Gerüchte: Als ihn ein Freund etwa am Set beim Ehebruch erschwischte und Arnie anordnete: „Ve von´t tell Maria about dis“ Denn: Es seien nur „Plo-jobs“, kein echtes Fremdgehen also. Arnie wäre ein unaufhaltbarer Womanizer gewesen, so der Zeuge: „Noch schlimmer als die Kennedys“. Leamer beschreibt auch, wie Heerscharen von Reportern im Wahlkampf alle möglichen Seitensprünge nachrecherchierten, wie die einer Stewardess, die sogar Arnies Kind großziehen würde (sie dementierte, die Story, verfasst von „Arnie-Jägern Nr. 1., Wendy Leigh und John Connolly“ erschien nur in der britschen Daily Mail), die angebliche Siebenjahraffäre mit seiner „Mistress“ (National Enquirer) Gigi Goyette: Oft wären es aber nur Massagen gewesen, sagte sie selbst und bezeichnete den Sex als „Outercourse“, fast, aber nicht ganz.

# 1. Juni: Alberto Vilar landet im Knast


Sein Stammsitz war 101A im großartigen Saal der „New York Metropolitan Opera“, sein Ruf als großzügigster Spender der Opernwelt reichte von San Francisco bis Salzburg: Alberto Vilar, 64, Kubanischer Einwanderer und mit Investitionen in die Hochtechnologie laut Forbes 950 Millionen Dollar schwer geworden, spendete 225 Millionen Dollar davon für Opernhäuser, Uraufführungen, Musikschulen die Salzburger Festspiele oder den Wiener Musikverrein. Seine Portrait schmückte deshalb jedes Programmheft, empfangen wurde der Megamäzen wie ein Staatsgast. Festspieldirektoren auf der Suche nach Budgetzuschüssen empfing Vilar in siener 1057 Quadratmeter großen 30-Zimmer-Wohnung im teuersten Wohnbezirk New Yorks, gleich hinter den UN-Gebäude am East River.
Seit Donnerstag vergangener Woche sitzt er, nach mehreren Operationen unter schweren Rückenschmerzen leidend, jedoch in einer kargen Zelle im Manhattaner „Metropolitan Correctional Center“ – für zehn Millionen Dollar Kaution würden ihn die Bundesbehörden freisetzen. Doch die hat er nicht: 10.000 Dollar würden auf seinem Privatkonto liegen, sagte Anwältin Susan Necheles. Vilar ließ eine weitere, für Dienstag in Gerichtssaal 23B des Bundesgerichtsgebäudes in Lower Manhattan anberaumte Anhörung verschieben, „um mit Anwälten und Finanzberatern zu konferieren“, wie ein an die Türe geklebter Zettel verrät. Im Klartext: Er hat Probleme, das Kautions-Geld locker zu machen.
Am Flughafen in Newark, Vilar kehrte gerade von einer Investorenkonferenz in Las Vegas zurück, klickten die Handschellen – diesmal, so die „New York Times“, „zerplatzte, wie für andere einstige Höhenflieger der New Economy, die Blase zum zweiten Mal und diesmal wohl endgültig“: Der Crash der Hightech-Aktien führte Vilar zuerst an den Rand des finanziellen Ruins, die verzweifelten Aktionen zur Rettung seiner Reputation könnten ihn jetzt für längere Zeit ins Gefängnis bringen. Denn was Staatsanwältin Cynthia Fraterrigo in der elfseitigen Anklageschrift in Sachen Betrug zusammengetragen hat, liest sich wie ein Wirtschaftskrimi: Es war der Sommer 2002 und Vilars Investmentfirma „Amerindo“, die über verschiedene Anlegerservices am Zenit acht Milliarden Dollar verwaltete, hatte zwei Horrorjahre hinter sich: Vilars Technologiefund fiel 64,8 Prozent 2000, 5,8 Prozent 2001, auch 2002 sah nicht gut aus. Nonstopp läutete das Telefon mit Anfragen von Kulturinstitutionen rund um den Erdball, wann die versprochenen Spendermillionen nun endlich eintreffen.
Vilar, und hier beginnt das Drama, überredete einen Freund, fünf Millionen Dollar anzulegen: Vilar wollte den Betrag in eine von der Regierung unterstützte Investmentfirma stecken, die Kleinbetrieben zu Risikokapital verhelfen soll. Seinen Klienten versprach er 250.000 Dollar Return – pro Quartal. Doch eine Teilnahme an dem Regierungsprogramm bedurfte einer Lizenz, die Amerindo trotz mehrmaliger Ansuchen nicht erhielt. Darüber wurde der Kunde jedoch nicht informiert. Vilar überwies prompt eine Million auf sein Privatkonto, verwendete das Geld als „sein persönliches Sparschwein“, so die Anklage. Die Details sind tatsächlich humorig: Er bezahlte per Scheck ausstehende Summer für zwei Institutionen, das „Washington & Jefferson College“ und die „American Academy“ in Berlin; 17.000 Dollar an sich selbst; 14.460,08 Dollar für ein Catering Service (Zahlungsgrund „AV Party 4/18“); nochmals 10.000 an sich selbst; wieder 7.000 zur eigenen Verwendung (Zweck: „Allowance“); mehrere Hundert Dollar zur Reparatur seines Geschirrspülers; 1.000 Dollar hob er vom Bankomat ab.
In wirren Geldtransaktionen rund um die Welt landeten weitere Millionen etwa in einem Konto in Luxemburg. Als der Klient seine versprochenen Quartalsgewinne einforderte, wurde er von Vilar vertröstet, samt abenteuerlicher Briefe, wonach das Geld auf einem Treuhänderkonto liege und sich dadurch „die Erträge noch weiter steigern“ würden. Sogar zu Unterschriftenfälschung soll es gekommen sein, behaupten die Feds.
Dabei hatte sich Vilar dieses Frühjahr wieder recht optimistisch gezeigt und ein Comeback als Opernmäzen angekündigt, Salzburgs Intendantin Helga Rabl-Stadler hatte ihn im März in New York besucht. Tatsächlich hatte sich der Amerindo-Fonds durch ein Comeback der Hightechaktien wieder erholt, 85,1 Prozent in 2003 und 23,8 Prozent im folgenden Jahr zugelegt. Auf Anfrage teilte Vilar per Email damals mit, dass er gerne wieder für Salzburg oder den Musikverein, für die er „absolute Hochachtung“ habe, spenden werde. Darauf gibt es jetzt wohl wenig Hoffnung: Vilar habe gegen die Paragrafen „15 U.S.C. §§ 80b-6 und 80b-17“ (Betrug durch einen Anlageberater), sowie „18 U.S.C. §§ 1341, 1343, and 2“ (Betrug, Raub) verstoßen, die bei Verurteilung langjährige Haftstrafen vorsehen. Vilar ließ per Anwalt ausrichten: „Ich werde meine Unschuld beweisen“.

# 30. Mai: Der „Governator“ kommt ins Schleudern

Noch nie war Kaliforniens „Governator“ Arnold Schwarzenegger so busy: Einmal freut er sich bei einem Besuch in einer Volksschule im Nest Rocklin zur Propagierung seiner Bildungsreformen über das richtige Buchstabieren der Tafelklassler seines langen, sperrigen Namens. „Das schaffen ja die wenigsten Erwachsenen“, lacht Ahhnold, wie ihn wohlmeinende Kalifornier nennen. Ein einziger Pool-Reporter darf dabei sein, er beliefert dutzende Redaktionen mit Details des rührenden Auftritts. Später rast die Wagenkolonne weiter zu einer Wahlveranstaltung, wo Unterschriften zur Durchsetzung einer „Special Election“, einer Volksabstimmung über Arnies Reformideen, im November gesammelt werden: „Die Bürger wollen keine Politik wie bisher, kein System, wo Abgeordnete in Sacramento den Fortschritt torpetieren“, ruft er in die Menge: „Und ich kämpfe mit euch!“ Anderntags absolviert er einen Interview-Marathon vom nationalen Frühstücksfernsehen bis lokalen Radiostationen. Weiter geht es zum Spendensammeln: Dinner mit Floridas Amtskollegen und Präsidentenbruder Jeb Bush, Cocktailparty in Dallas, Texas. 50 Millionen Dollar sollen zusammenkommen für die exzessive Bewerbung seines ausgerufenen „Jahres der Reform“.
Viel Hektik und Einsatz – doch ohne Nutzen. „Nichts funktioniert“, schreibt die „L.A. Times“ trocken: „Nicht die Wahlkampfauftritte, nicht die Interviews, nicht die choreografierten Foto-Termine, nicht die TV-Spotts“. Schwarzenegger, 58, noch vor Monaten wegen seines politischen Traumstarts umjubelt und selbst sogar für das Oval Office gehandelt, ist völlig außer Tritt geraten:
# Innerhalb von zwei Monaten stürzte seine Popularität von 60 auf 40 Prozent;
# innerhalb seines Stabs toben offene Machtkämpfe, in die auch Kennedyclan-Gattin Maria Shriver – früher Arnies Geheimwaffe – tief verstrickt ist: Immer öfter soll sie die Showdowns mit den strammen Ideologen des rechten Ex-Gouverneurs Pete Wilson verlieren, berichten Insider des „Hufeisen“, wie Arnies Amtssitz heißt. Andere sprechen von einem „Bürgerkrieg“ hinter den gepolsterten Türen. Shriver selbst verwendet eine PR-Tour für ihr jüngstes Buch auch, um das Image ihres Gatten aufzupolieren – doch ohne Erfolg.
# Die das Parlament in Scaramento kontrollierende Demokraten-Opposition, im Vorjahr durch Arnies Beliebtheit paralysiert, „hat plötzlich Blut geleckt“, so Politologe Shaun Bowler von der Uni „UC Riverside“. „Mit jedem Tag der wird der Gouverneur angreifbarer“, sagt Demokraten-Boss Art Torres und rechnet sich Chancen auf einen Arnie-Sturz bei den Wahlen 2006 aus;
# Immer mehr von Arnies Ex-Kollegen aus Hollywood greifen ihn frontal an: Der besonders liberale Oscarpreisträger Warren Beatty geißelte die „rechte, reaktionäre Agenda“ des Austro-Amerikaners und provozierte wilde Spekulationen um eine eigene Kandidatur, Megaproduzent Rob Reiner („First Wives Club“, „A Few Good Men“) hat sein Antreten bereits angekündigt;
# Auch Arnies Vergangenheit holt ihn wieder ein: In dem nächste Woche erscheinenden Buch „Fantastic“ beschreibt Veteranbiograf Laurence Leamer die Bewunderung des jungen Bodybuilders für Adolf Hitlers „Gabe als toller öffentlicher Redner“: „Fasziniert hatte Schwarzenegger vor allem, wie Hitler Österreicher und Deutsche in seinen Bann zog“, schreibt Leamer: „Arnold glaubte, Amerika benötigte eine großen Führer mit den messianischen Talenten Hitlers, doch für das Gute, nicht das Böse“.
Am liebsten wird in den Bars rund um den wuchtigen Kapitol-Kuppelbau in Sacramento die Story erzählt, wie Arnold mit all seiner Starpower ausgerechnet von einer kleinen Gewerkschaftsführerin in seine schlimmste Krise gestürzt wurde: Rose Ann DeMoro, eine 56-Jährige aus Missouri, „Bruce Springsteen“-Fan und Vorsitzende der 50.000-Mitglieder-Krankenschwester-Gewerkschaft. „Begonnen hat alles, als er völlig ausgerastet ist“, erzählt sie über den 7. Dezember des Vorjahres. Ein Tag, den Geschichtsbücher vielleicht als Anfang vom Ende der Politkarriere Schwarzeneggers markieren könnte: 10.000 Frauen hatte Arnie zur Politur seines durch einstige Grappschvorwürfe etwas desolaten Images bei vielen Frauen geladen, darunter Talkqueen Oprah Winfrey. Als jedoch ein Gruppe gegen Budgetkürzungen demonstrierender Krankenschwestern ein Transparent enthüllt, dröhnte er: „Ignoriert die! Das sind bloß Interessensgruppen, denen ich jeden Tag in den Arsch trete“. Doch Arnie, dem derbe Sprüche oft wegen seinem exotischen Charme verziehen werden, hatte gerade Vertreter der „beliebtesten Berufsgruppe“, so DeMoro, angepöbelt. Die kampflustigen Nurses folgten den Gouverneur fortan zu jedem öffentlichen Auftritt, stören mit provokanten Sprechchören und Transparenten. Sogar einen Propellerflieger haben sie gemietet, „Air Arnold“, getauft und über jedem Auftrittsort mit dem Banner „California is not for Sale“ fliegen lassen. Längst haben sich andere populäre Berufsgruppen der „Massenbewegung“ (DeMoro) angeschlossen: Feuerwehrleute, Polizisten, Lehrer. Allein vergangenen Mittwoch demonstrierten 15.000 in Sacramento und 10.000 in L.A. (ein starker Kontrast zu einer jüngsten „Dankt Arnold“-Jubelfeier, wo die spärlich erschienen Teilnehmer durch die Absage eines versprochenen Arnie-Auftritts auch noch zutiefst verärgert wurden). „Schwarzenegger ist zu lange mit seiner Hollywood-PR und seinen Einschüchterungstaktiken davongekommen“, sagt DeMoro stolz: „Wir haben ihm die Maske vom Gesicht gerissen – viele sehen jetzt, dass er eine radikal-konservative Politik betreibt und das Sozialnetz weiter einschränken will“.
Doch wie kam es zu dem dramatischen Sturz eines Mannes, dem die „New York Times“ im Vorjahr als jemanden bejubelte, der „nichts verkehrt machen kann“ und für den Economist nur mehr fehlte, dass er „am Wasser gehen“ könnte? Vieles ist nicht einmal so sehr Arnies Schuld“, argmentiert Politologe Bowler: „Durch all den Hollywoodglanz und die Jubelberichte in den Medien haben sich die Kalifornier tatsächlich von ihrem Governator Wunder erwartet – jetzt muss er plötzlich als Irdischer gegen all die Probleme kämpfen, die schon Vorgänger Gray Davis das Amt kosteten“. Durch die Aufnahme eines 15-Milliarden-Dollar-Kredits im Vorjahr war die Budgetkrise nur aufgeschoben, aber nicht gelöst worden. Der Schuldenstand der fünfgrößten Volkswirtschaft der Erde hat sich während seiner Amtszeit um 40 Prozent erhöht.
Dazu konnte Arnie während seines Höhenfluges mit Witz, Charme, Gattin Maria und guter, im Filmgeschäft erlernter Verkaufsrhetorik seine eigene neokonservative Wirtschaftspolitik und die Ziele seines mehrheitlich rechts-außen stehenden Beraterstab übertünchen. „Demokraten und Unabhängige, die Arnold seinen Erdrutschsieg bescherten, fliehen jetzt in Scharen“, analysiert Mark Baldassare vom „Public Policy Institute of California“. Die Riesengruppe der Latinos verärgerte Schwarzenegger mit seinen Tiraden gegen Illegale: Zuerst wollte er die „Grenzen schließen“ (er verteidigte sich mit missverständlichem Englisch, da er eigentlich die Sicherung der Grenzen verlangte), dann pries er das umstrittene „Minuteman Project“, wo private Bürgerwehren Jagd auf durch die Wüste irrende Grenzgänger machten.
Arnie hatte auch versprochen, als Outsider mit den bei vielen Kaliforniern verhassten Politikern „aufzuräumen“, sogar mit einem Besen stand er 2003 auf den Stiegen des Kapitols. „Jetzt ist er selbst in kürzester Zeit zum stinknormalen Politiker geworden“, so Dan Weintraub, Kolumnist der wichtigsten Hauptstadtzeitung „Sacramento Bee“. Mit 26 Millionen Dollar sammelte er etwa seit Amtsantritt von den einst verdammten Interessensgruppen („Special Interest“) mehr als Vorgänger Gray Davis: Schecks zwischen 21.200 und einer Million Dollar wurden ausgestellt von Investment-, Immobilien-, Versicherungs-, Entertainment-, Pharma- oder Energiefirmen. Als besonders unglücklich wird sein Spendensammeltrip in die Bush-Staaten Florida und Texas beschrieben, wo er 50 Millionen Dollar für die Bewerbung seiner Reformideen aufstellen wollte. „Die Kalifornier wollen ihn nicht in Florida beim Spendensammeln sehen“, polterte sogar Parteifreund und Analyst Tony Quinn: „Sie wollen, dass er hier Probleme löst“.
Dazu gesellt sich auch eine Portion Arroganz: Während Arnie im Vorjahr Oppositionspolitiker noch mit Rotwein bis spät Nachts in seinem Büro festhielt und Kompromisse abrang, setzt er, nachdem er sie als „Girlie Men“ beschimpfte, jetzt auf den totalen Konfrontationskurs: Mit einer „Special Election“ im November will er die „Legislature“ (Kalifornien-Kongress) zur Durchsetzung von Reformen bei der Grenzziehung der Wahlbezirke, einem Plafond für Staatsausgaben sowie Lehrerbezahlung umgehen. Doch mit Kosten von 70 Millionen Dollar ist das Projekt unpopulär, nur 33 Prozent können sich damit anfreunden. „Er reagiert oft wie ein trotziges Kind“, so Oppositionsführer Torres: „Er bitzelt lieber als zu verhandeln“. Die strenge Republikaner-Ideologie engt währenddessen den Spielraum zum Stopfen der Budgetlöcher ein: Nachdem Steuererhöhungen, selbst für Reiche, ausgeschlossen sind, kann nur bei den Ausgaben gespart werden – „und dabei werden meist sozial schwache getroffen“, so DeMoro.
Doch trotz aller Troubles will Arnie niemand abschreiben: Tatsächlich spülte Kaliforniens wiedererstarkte Wirtschaft sechs Milliarden zusätzlich an Steuereinnahmen in die Staatskasse, gerne verweist Arnie auf die 250.000 neu entstandenen Jobs. Für positive Headlines sorgten vor allem seine Initiativen bei der Kreation eines mit drei Milliarden Dollar dotierten Fonds zur Stammzellenforschung und einer Förderungen umweltfreundlicher Wasserstofftechnologie bei Kraftfahrzeugen. Und Arnies Freunde prognostizieren an rasches Comeback: „80 Prozent der Kalifornier sind moderat – wie auch Arnold“, sagt Freund und Produzent des Arniestreifens „Running Man“, George Linder: „Jetzt werfen sich alle in Position, setzten auf Drohgebärden – letztendlich müssen sie Kompromisse finden“.

# 22. Mai: Paukenschlag: Belinda wechselt zu den Liberalen

Es war ein ganz normales Dinner. Belinda Stronach, 39, Parlamentsabgeordnete der „Conservative Party“ und ihr gleichaltriger Gefährte, Peter MacKay, Vizevorsitzender der gleichen Partei unterhielten sich wohl auch über Politik – immerhin sollte per Misstrauensantrag die kanadische Regierung unter Paul Martin, der in einem gigantischen Korruptionssumpf steckte, gestürzt werden. 30 Tage später hätte der weitläufige wie frostige Ahornstaat neu gewählt. Stronach, in Österreich besser als Tochter des „Magna“-Gründers Frank bekannt, hat sich wohl nichts anmerken lassen. Denn nach dem Dessert in einem feinen Restaurant der Kanada-Kapitale Ottawa trennt sich das Paar, MacKay, fährt nichtsahnend zu einem Fundraiser seiner Partei. Wo Belinda ist, weiß er nicht.
Sie ist beim zweiten Mahl dieses historischen Abends: In der Premier-Residenz, 24 Sussex Drive (dem kanadischen Pendant zur Londoner Premier-Residenz 10 Downing Street), diniert sie jetzt mit Premier Martin. Der Deal, den sie aushandeln, ist so atemberaubend wie verräterisch ihrer eigenen Partei – und besonders ihrem „Boy Friend“ – gegenüber: Stronach werde zu Martins regierender, linken „Liberal Party“ wechseln, dadurch Martins Kabinett retten: Der Misstrauensantrag sollte mit 153 zu 152 Stimmen scheitern. Sie erhalte den Posten als Sozialministerin.
Was dann passierte, rekapitulierte MacKay, ein Mann mit sichtlich gebrochenen Herzen, gegenüber TV-Teams: „Sie kam nach Mitternacht nach Hause“, erzählte der Politiker, mit dem etwas groben, doch bübisch-jungem Gesicht: „Sie käme von der Residenz des Prime Ministers, hätte sie gesagt, sie würde die Partei wechseln“. Erst jetzt machte es Sinn, was ihm zuvor aufgefallen war: Oft abwesend hätte Belinda gewirkt, versunken in Gedanken. „Doch ich hatte keine Ahnung“, so MacKay: „Es kam als Schock, eine völlige Überraschung“. Seit Tagen habe er nichts geschlafen, erklärt er sein zerfurchtes Gesicht und die heisere Stimme. Millionen Zuseher müssen da wohl fast schon losgeheult haben.
Im Hintergrund hört man Kühe. MacKay war auf die Farm seines Vaters Elmer geflüchtet, pflanzte gekleidet in Kaki-Hosen und T-Shirts Erdäpfel. MacKay rekapituliert den finalen Showdown des Politpowerpaares, deren Beziehung im Jänner publik wurde: „Ich flehte sie beim Frühstück nochmals an, mich und meine Partei nicht zu verlassen – ich habe geschrieen und getobt“, sagt er, senkt den Kopf und flüstert: „Vergeblich“. Daddy Elmer habe seinen Sohn getröstet: „Er hat ordentlich eine übergezogen bekommen“, sagte der Ex-Politiker: „Dabei wirkten die beiden so richtig verliebt – ob sie Heiratspläne hatten, weiß ich nicht“.
Belinda Stronach badete inzwischen im internationalen Rampenlicht, wie nie zuvor in der steilen Karriere der attraktiven Autoteilehersteller-Erbin: Sie hätte es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können, dass sich ihre Partei zum Sturz der Martin-Regierung mit Quebecs Separatisten, die eine Loslösung der französisch sprechenden Provinz fordern, zusammentat, sagt sie in einer Pressekonferenz einer Hundertschaft der Weltpresse: „Die Einheit unseres Landes ist wichtiger als Parteipolitik“, sagte sie schwülstig. Das Polit- und Liebesdrama von Franks Tochter produzierte Headlines rund um den Globus: „Stronach rettet Kanadas Regierung“, titelten heimische Medien, „Absprung von Abgeordneter erschüttert Kanadas Politik“, die taiwanesische „Taipei Times“, CNNs Staranalyst Bill Schneider honorierte Stronach mit dem „Political Play of the Week“.
Schon vor dem Coup hatte die Kanadapresse über die Politikerin mit Sexappeal geschwärmt. „Stronach ist eine Kreatur, wie sie Ottawa noch nicht gesehen hat“, sagt die Starjournalistin Lianne George vom Kanada-Magazin „Maclean´s“: „Sie ist jung, jetzt wieder single, wunderschön, reich noch dazu und hat besten Verbindungen zu den wichtigsten Business-Leuten der Nation“. Perfekt gestylt mit Artikeln ihrer Lieblingsmodeschöpfer Armani, Gucci und Chanel steht sie bei jeder Parteiversammlung fast automatisch im Mittelpunkt. Den steifen Konservativen hätte sie Sex-Appeal gegeben, so George: „Jetzt bei den ,Liberals´ könnte ihre Karriere einen Turbostart erleben“. Belindas Starpower hatte bisher alle Fragen nach Substanz überstrahlt – sie werden „quälender werden, je weiter sie die politische Karriereleiter empor klettert“, meint Nelson Wiseman, Politologe an der „Toronto University“.
Um dem Image des „Rich little Girl“, wie ihre Gegner sie nennen, entgegenzusteuern, erzählt sie am liebsten über ihre frühe Jugend, wo Daddy noch nicht Multimillionär war und sie beim Aufbau der Firma durch Kopieren von Unterlagen oder Buchhaltungsarbeiten aushalf. Noch rührender natürlich sind die Stories über Dad, als er 1954 bitter arm aus Austria „mit einer handvoll Dollar-Scheine“ einwanderte.
Belinda wuchs tatsächlich recht bescheiden auf in einem Zementbockhaus in einem Suburb Auroras, unweit der größten Kanada-Metropole Toronto. Belinda und ihr jüngerer Bruder Andy besuchten die örtliche öffentliche Schule. Doch mit Franks rapide expandierenden Magna-Imperiums (heute setzt die Firma mit 81.000 Mitarbeitern 20 Milliarden Dollar pro Jahr um) saß Belinda als Teenager rasch öfter am Pferdesattel als auf der Schulbank. Die Stronachs zogen um in die neu errichtete, opulente Riesenvilla samt Reitställen und Golfplatz. Der „Stronach Compound“, so im Ortsjargon, diente fortan auch als Magna-Headquarter. „Ich war stets drauf bedacht, dass mich die Leute wegen meiner Personalität und nicht dem Vermögen schätzen“, sagte Stronach: „Bescheidenheit hat für mich höchste Priorität“. Ihre Business-Karriere macht sie zunächst bei Magna, 2001 wird sie als CEO installiert (Jahressalär 4,67 Millionen Euro), die Umsätze verzeichnen Rekorde, der Aktienwert verdoppelt sich. „Fortune“ kürt Belinda zur zweiteinflussreichsten Geschäftsfrau der Weltwirtschaft.
Der Jubel innerhalb der Firma hält sich hingegen in Grenzen: Frank habe im Hintergrund die Fäden gezogen, ätzt ein Ex-Kollege aus der Führungsetage in „Maclean´s“: „Sie hielt sich aus dem Tagesgeschäft fast gänzlich raus, wusste nicht, was die Fabriken, oder die einzelnen Geschäftsgruppen machen“. Als sie in die Politik aufbricht, wird ihr Posten nicht einmal nachbesetzt. „Eigentlich ein vernichtendes Urteil ihrer Business-Karriere“, so Wiseman. Als Politikerin verliert sie den Kampf um den Vorsitz der Conservative Party, schafft dann aber in einem echter Wahlthriller im Juni des Vorjahres mit bloß 689 Stimmen Vorsprung den Einzug ins Parlament.
Für noch mehr Headlines sorgten jedoch Belindas Männer: Zweimal war sie verheiratet, zuletzt 1999 mit dem norwegischen Eislauf-Olympiasieger Olav Koss. Sie unterzeichneten ein „Prenup“, einen Ehevertrag zur sauberen Teilung der Finanzen für den Fall des Ehecrash, der 2003 auch prompt passierte. Da hatte die „New York Daily News“ bereits ein Foto von ihr an der Seite von Schwerenöter-in-Chief, Bill Clinton, veröffentlicht und sie als Clintons „blonde Freundin“ geoutet. Die Regenbogenpresse setzte nach: Hillary hätte ihm wegen Belinda Porzellan samt Scheidungsdrohungen an den Kopf geworfen, immer mysteriösere Meetings wurden vermeldet. Offiziell beteuern beide, so auch Clinton, nur „gute Freunde“ zu sein. Feschak John F. Kennedy jr. traf sie eine Woche bevor er bei dem tragischen Flugzeugabsturz verstarb, debattiert war ein mögliches Investment in JFKs Magazine „George“ worden – auch damals rotierten die Tabloids (Ehe Nr.1 mit Donald Walker, heute Co-CEO von Magna, scheiterte 1995, für die Kinder Frank, 13, und Nikki, 11, hat sie geteiltes Sorgerecht).
Stronachs spektakulärer Überlauf zu den Linken könnte aber auch nach hinten losgehen: Die Wut in ihrer Ex-Partei über den Verrat gipfelte in Schimpforgien im Kanada-Parlament inklusive Vorwürfen der Polit-Prostitution. Der frischgebackenen Sozialministerin könnte das auch den Aufstieg innerhalb ihrer neuen Partei kosten, meint Politologe Wiseman, ein Veteran der kanadischen Politik seit 40 Jahren: „Aufgefallen ist sie bisher ja eher durch Klatschberichte und dem Verrat an ihrer Ex-Partei – wer soll ihr vertrauen?“ Besonders die bitteren Worte ihre Ex-Freundes Peter MacKay hallen nach. „Ich habe mit ihr nicht mehr geredet“, sagt der, „das alles ist so derart schmerzhaft und persönlich, das mir die Worte fehlen“.

# 29. April: Das stille Leben von Ex-Mode-Gott Helmut Lang

Acht Jahre lang war das Großraumbüro im ersten Stock des klassischen Soho-Loftgebäudes das kreative Zentrum eines Modegenies: Helmut Lang und sein Team werkten hier an den minimalistischen Kollektionen. Das Ambiente war klassisch New York: Ein quietschender, windschiefer Holzstiegenaufgang in einem Haus mit brökelnder Fassade – doch hinter der schäbigen Türe professionelles Schaffen im Weltformat. Als Inbegriff von „Urban Cool“ von der Fachpresse bejubelt brachten sie die dem gebürtigen Österreicher den Ruf als Mann ein, der „Amerikas Modeindustrie revolutionierte“, wie es die Chefredakteurin des Kultmagazins „Interview“ formulierte. Nur einmal schien des kreative Treiben massiv behindert, als ein Wassereinbruch das Büro verwüstete und 140.000 Dollar Schaden verursachte. Jetzt ist es totenstill in dem Haus, vor der Bürotüre hängt ein schlichter Zettel: „This Office is CLOSED“. Etwaige Zustellungen sollten im Lang-Laden im Erdgeschoß abgegeben werden, lauten weitere Instruktionen. Langs „Flagship Store“ ist noch offen – wenige Einkäufer bummeln durch die sich langsam leerenden Regale. „Niemand hat uns etwas gesagt“, schüttelt ein Verkäufer den Kopf auf die Frage, ob der Laden recht viel länger offen bleiben würde.
Es scheint wie das Ende eines Lebenswerkes: Helmut Lang, 49, der am Zenit seiner steilen Karriere 1999 die 51 Prozent der Anteile an den italienischen Moderiesen Prada verkaufte, ist nach seinem Exit im Winter praktisch arbeitslos. Prada will seine Marke verkaufen, wenn dabei wenig zu holen ist, sogar einstampfen. Das der Modeschöpfer selbst Namen und Firma zurückkauft, war Gegenstand wilder Spekulationen in Fachorganen á la „Vogue“ – doch sowohl Prada-Sprecher Jason Jacobs als auch Langs Pariser PR-Agentur „KCD Worldwide“ steuerten auf Anfrage bloß ein lässiges „No Comment“ bei. Das ist keine Überraschung: Selbst in bessern Zeiten kultivierte der Austro-New-Yorker ein Image mysteriöser Zurückgezogenheit – ließ eigene Preise von Freunden abholen, gab kaum Interviews und präsentierte seine Kollektionen lieber am Internet als am Laufsteg. Die bittere Wahrheit scheint: Die Marke Helmut Lang ist vielleicht nicht mehr zu retten: Von 100 Millionen Dollar Umsatz im Glanzjahr 1999 krachten die Verkäufe auf bloß 39 Millionen im Vorjahr – unter Prada gab es in keinem der sechs Jahre Profite, auf „mehrere Millionen“, so Insider, sollen sich zuletzt jedoch die Verluste ausgewachsen haben. Am Ende wurde sogar über den Qualitätsverlust gewitzelt: Prada verlangt von Lang den Einsatz billigere Materialien – doch sei es fatal, „wenn ein Shirt um 800 Dollar unabsichtlich zum Fetzenlook wird“, wie ein Modebeobachter in der New York Daily News ätzte.
Doch wie verbringt Lang, herausgerissen aus dem hektischen Kreativalltag der Weltmetropole, heute seine Tage? Seine beiden wichtigsten Wiener Freunde, Starfotografin Elfie Semotan und Loosbarbetreiberin Marianne Kohn, versuchen dem „stillen Leben des Helmut Lang“ einen recht positiven Spin zu geben: Er hätte sich fast gänzlich in seinen 1999 um 15,5 Millionen Dollar erworbenen Strandpalast in Amaganset inmitten der Reichenenklave an den Traumstränden Long Islands zurückgezogen, genieße dort das „Nichtstun“ mit seinem Lebensgefährten, füttere seine 14 Hühner, zwei Hunde und eine Katze – arbeite sein Archiv auf, sondiere Zukunftspläne und ähnliches. Ein wenig Bitterkeit? Dazu sei er „viel zu souverän“, sagt Semotan. Gelangweilt? Dazu genieße er viel zu sehr das „Dolce Vita“, anstatt unter Hochdruck an neuen Kollektionen zu werken, meint Kohn. Neue Pläne, neue Projekte? Stapeln würden sich da die Angebote, doch vor dem Herbst will er keine Entscheidungen treffen, sagten beide. Trotz aller Idylle ist Lang die Imagepflege wichtig: Seiner PR-Firma trug er den Versand eines neuen Semotan-Schwarzweißportraits an die wichtigsten Modezeitungen mit der Bitte, bei künftiger Berichterstattung nur dieses Bild einzusetzen.
Freilich, in Langs als Wochenenddomizil angeschafftem Anwesen lässt es sich auch gut permanent wohnen: Auf 16 Hektar Grund gleich hinter der Dünen des abgeschiedenen „Three Mile Harbour Beach“ stehen das nach dem Erbauer benannte „Simon´s House“, samt zweier zugebauter Flügel, dazu Gästehaus, Garagen, Pool – und eine von Starlandschaftsdesigner David Steeler errichtete Dünenlandschaft. Recht schlicht sieht die mit Holzschingeln verkleidete Immobilie aus. Doch dem US-Jargon „Location! Location! Location!“ folgend, zählt Langs Adresse zu den heißesten der Promienklave – zu seinen Nachbarn gehören Barde Billy Joel, Filmgrößen wie Mel Brooks, Anne Bancroft und Meg Ryan.
Doch all die Propaganda aus dem Freundeskreis kann über den Kampf der letzten Jahre nach der Übernahme von Prada und dem brutalen Vorgehen nach dem Ende kaum hinwegtäuschen: Probleme im „Kreativen Bereich“ mit Prada-CEO Patrizio Bertelli seien für Lang´s Abgang verantwortlich gewesen. Durch fallende Umsätze und wachsende Verluste wurde Lang unter Druck gesetzt, lieber lukrativere Accessoirs als Fetzenjeans zu entwerfen. Lang wehrte sich gegen Bertellis „Fließband-Produktion“. Das Drama spiegelt perfekt den jüngsten Trend in der Modewelt wieder: Die Business-Leute der Modegiganten krachten mit ihren eingekauften Starschöpfern zusammen – vor Lang war Designer Jil Sanders aus dem Pradakonzern geflüchtet, Modegott Tom Ford verließ Gucci im Vorjahr aus ähnlichen „kreativen Troubles“.
Doch wie zügig Prada gegen die seit 19 Jahren bestehende Marke Helmut Lang vorgeht, kann dem Namensgeber wohl kaum gleichgültig sein: Zuerst weigerte sich der Konzern, Langs letzte Kollektion auf den Pariser Modewochen herzuzeigen, druckte nicht einmal ein „Look Book“ für Einkäufer und Medien. Dann teilte die Cheftage dem neu angeheuerten Design-Team mit, „nach Hause zu gehen und auf neue Befehle zu warten“. Kurz darauf schleppten Angestellte Kisten aus dem geschlossenen Lang-Büro in der Greene Street, Soho. Bertelli halte die Marke in einem „Holding Patern“, eine Art Warteschleife, mit vielleicht fatalen Konsequenzen im schnelllebigen Wettbewerb der Fashion-Industrie.
Doch verfügt Lang überhaupt über die finanziellen Ressourcen zum Rückkauf seines Lebenswerkes? Laut Fachorgan Forbes zahlte Prada 1999 40 Millionen Euro für 51 Prozent der Lang-Firma, und nochmals Millionen für die verbliebenen 49 Prozent im Vorjahr. Lang selbst investierte gleich in mehrere Immobilien in den Hamptons: Neben seinem Traumhaus in Amaganset kaufte er in der Boomgegend von Ost-Longisland ein Apartment und zwei weitere Riesengrundstücke samt Häuser. In seinem Manhattaner Penthouse-Apartment in der 9. Straße startete Lang derart umfangreiche Renovierungsarbeiten, dass Nachbarn wegen Lärm und Schäden einen Klagslawine lostraten, dessen ganzer Akt im „New York Supreme Court“ bereits mehrere Tausend Seiten umfasst. Zuletzt hatte Lang jedoch seinen Immobilienbesitz reduziert: Ein idyllisches Waldgrundstück, Nr. 367 Three Mile Harbor Road in East Hampton, mit drei Häusern darauf, stieß er um 2,5 Millionen Dollar ab.
Das Immobilien zur Zeit in Großraum New York offenbar besser gehen als revolutionäre Kleidungsstücke zeigt das Schicksal von Langs Ex-Büro in Soho: Prada will die 350 Quadratmeter Loft-Fläche verkaufen. Nobelbroker Douglas Elliman hat sie um 3,4 Millionen Dollar ausgeschrieben.

# 28. April: Erinnerungen eines Mauthausen-Überlebenden

George P. Havas starrt auf das Schwarz-Weiß-Foto. Mechanisch schüttelt er den Kopf: „30 Kilo“, sagt er leise und deutet auf einen, einem lebenden Skelett gleichenden Teenager, der in einer Gruppe gerade befreiter KZ-Häftlinge des Lagers Ebensee zu sehen ist. 172 Zentimeter war er da groß, 16 Jahre alt, seine Internierungsnummer 68308. Zehn Tage verbrachte er in Auschwitz, eine Woche in Mauthausen, dann ein Jahr in Ebensee. Nach einer Arbeitsverletzung zwei Monate davor war er im Lagerspital gelandet, erhielt „was sie als Kaffee“ und „was sie als Suppe bezeichneten“. Dazu ein Stück Brot, das jeden Tag kleiner wurde.
Wie in Trance erlebt er seine Befreiung am 6. Mai 1945, genau vor 60 Jahren. Die SS-Schergen waren schon am Vorabend von den Wachtürmen verschwunden, ersetzt durch Volkssturm-Leute. Dann hörten sie Jubelschreie. Havas drückt sich mit dutzenden anderen Patienten an die Fensterscheibe des Spitalzimmers, starrt auf einen Soldaten, umringt von Insassen. „Aus einer Schweizer Illustrierten, die ich vor der Internierung sah, wusste ich sofort“, erzählt Havas, heute 76: „Mein Gott! Das ist ein Amerikaner!“
Der Horror begann für die Havas-Familie aus Mukacevo (heute Slowakei) am 19. April 1944 mit lauten Klopfen an der Türe. „Genau um sieben Uhr früh“, sagt Havas. Schon bis zu diesem Tag war seine Kindheit brutal gewesen: Sein Vater musste als Arzt geheim Patienten sehen und unter ständiger Todesangst arbeiten. Enorm unter Druck gesetzt, langt er immer öfter gegen George und seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Robert zu. „An die Prügel später im KZ war ich schon gewohnt“, sagt Havas. In der Schule stehen Klassenkameraden an jeder Ecke und brüllen: „Jude! Jude!“ Drei Klassen Gymnasium absolviert er. Sechs Juden waren in der 30-köpfigen Klasse: „Sonst fielen wir nur durch unsere guten Noten auf“, sagt Havas stolz. Nun stehen ungarische Polizisten mit Pistolen im Wohnzimmer, die Familie wird in ein Auffanglager gebracht. Per Güterwagon, 88 Menschen zusammengepfercht, geht es rasch weiter nach Auschwitz – wo „binnen Sekundenbruchteilen“ (Havas) an der Bahnhofsrampe die Familie getrennt wird: „Die logen uns an“, erzählt er weiter: „Sie sagten, wir würden uns am Abend wieder sehen“. Erst Jahrzehnte später konnte er das Schicksal seiner Familie dokumentieren: Sein Vater wird sofort zu einem Sonderkommando abgestellt, das in den Gasduschanlagen arbeitet. Genau da hatte er nur mehr drei Monate zu leben, da alle in dieser Gruppe exakt nach dieser Zeitspanne exekutiert wurden, so Havas: „Die wussten zu viel“. Von seinem Bruder wird George bei einem Zwischenstopp in Mauthausen getrennt. Er stirbt im Mauthausen-Nebenlager in Gusen am 4. Dezember 1944, laut Lagerdokumenten an „Durchfall“. Doch wer wisse das genau. Seine Mutter überlebt wie durch ein Wunder. Tränen laufen ihm über die Wangen, als er vom zufälligen Wiedersehen zweieinhalb Monate nach Kriegsende erzählt: „Sie starrte mich an, zuerst voll Glück, dann voll Horror“. „Wo ist Robert?“, fragt sie mit bebender Stimme. Felsenfest hatte sie geglaubt, wir wären beide am Leben oder beide tot. So überschattete die Nachricht vom Tod ihres jüngsten Sohnes, die Freude über das Überleben von George.
15 Jahre war Havas alt, als er auf der Laderampe in Auschwitz stand. Wie schnell wurde er da erwachsen? Gar nicht, sagt er: „Ich fühlte mich trotz allem als Bub. Mein Körper war zerbrechlich, den brutalen Zwölf-Stundenschichten im Straßen- und Tunnelbau fühlte ich mich kaum gewachsen“. Und weiter: „Bis heute weiß ich nicht, wie ich diese Tortur aushielt. Geprügelt wird mit speziell angefertigten, dicken Gummischläuchen mit Stahldrähten drinnen, um die Wucht zu vergrößern“. Irgendwie gewöhne man sich auch an die ständige Todesangst, sagt er: „Man wird taub, blendet alles aus, versucht, jeden Tag aufs Neue zu überleben“. Wie ein Spiel sei es, „ein tödliches Spiel…“ Und als Kind seien wohl die Verteidigungsmechanismen eines Menschen gegen einen derartigen Sturm an Barbarei nicht so gut ausgebildet. Vielleicht ein Grund, warum er nie damit fertig wurde.
Dass er fortan ohne Eltern auskommen muss, wurde ihm bereits beim Haarescheren deutlich gemacht – als der Friseur auf die Frage, wo seine Eltern seien, auf den schwarzen Rauch der Krematorien deutet: „Dort sind sie!“, lachte der. Andere Altergenossen schütteln ihre Kindheit rasch ab, erzählt Havas. Einer, vom KZ in eine einflussreichere Position gehoben, quält einen älteren Mithäftling aus dem gleichen Dorf. Der antwortet: „Ich werde allen erzählen, wie verrottet du warst“. Mit sadistischem Grinsen schnappt der zurück: „Wohl kaum, denn du wirst hier nicht lebendig raus kommen!“
Überhaupt scheint Havas fast lieber über die mangelnde Solidarität unter den KZ-Insassen zu reden, als die Bestialität der KZ-Leiter: „Alle hassten sich untereinander“, sagt er enttäuscht, „Landleute gegen Städter, Arme gegen Reiche, Polen gegen Ungarn, Tschechen gegen Ukrainer“. Als er einmal seinen Schubkarren überlädt und ihn nicht mehr schieben kann, winkt ein Insasse, den er um Hilfe fragt, ab: „Hättest du eben nicht so viel da rauf geschaufelt“, sagt er und geht weg. Havas: „Ein Franzose, kein Jude, hat mir dann geholfen“.
Doch auch an ein paar Helden will er sich erinnern: Die polnischen Juden etwa in Auschwitz, die den beiden Kindern zuflüstern, sie sollten sich älter stellen als sie seien. „Wie alt bist du?“ hätten sie seinen Bruder gleich nach dem Aussteigen aus dem Güterwagon gefragt: „13!“, sagt der wahrheitsgemäß. „NEIN“, schnappen die zurück: „Du bist 18!“ George, der statt 15 Jahren 20 sagen sollte, hat das das Leben gerettet, wie er weiß: „Kinder, die nicht arbeiten konnten, wurden mit vielen Frauen und Alten sofort vergast“.
Havas´ Ankunft in Auschwitz ist an prominenter Stelle dokumentiert: Im „United States Holocaust Memorial Museum“ am Washingtoner Raoul Wallenberg Place hängt ein auf mehrere Quadratmeter vergrößertes Foto, das tausende Menschen beim Verlassen der Güterwagons zeigt. „Da! Da!“, ruft er aufgeregt und deutet auf den Kopf eines Buben, dessen Seitenprofil verschwommen auszumachen ist: „Das bin ich! Das bin ich!“ Eine Frau neben ihm kann ihr Glück der sich plötzlich auftuenden historischen Authentizität gar nicht fassen. „Oh mein Gott! Das sind wirklich sie?“
Das bitterste an der George-Havas-Story ist, dass laut ihm sein richtiger Leidensweg am Tag der Befreiung erst begann. „Mein ganzes Leben ist abgefuckt“, sagt er traurig: „Oft denke ich, es wäre besser gewesen, wenn ich im KZ gleich verreckt wäre!“ Bis zu seiner Ausreise in die USA 1947 verbrachte er die meiste Zeit in Spitälern, fast wäre er an Unterernährung gestorben. „Die Amerikaner gaben uns ja auch nichts zu essen“, sagt er: „Ich riss mein Hemd auf und zeigte auf meinen eingefallenen Brustkorb – doch sie deuteten nur, ich solle verschwinden“. Mit seiner Mutter in die USA ausgereist, wo vier ihrer Brüder lebten, lernt er binnen sechs Monaten Englisch und versucht einen Neustart: Doch der Schock über den auch dort weit verbreiteten Antisemitismus sowie das Trauma seiner Horror-Kindheit bringen ihn rasch außer Tritt. Das Medizinstudium bricht er ab, da es ihm an Konzentration fehlt. Als Apotheker jobbt er schließlich. Zwei Beziehungen zu Frauen scheitern, da er sich zur ausreichenden Öffnung außer Stande sieht. „Niemand versteht uns“, sagt er leise und meint die immer rascher schwindende Gruppe der „Survivor“: „Wir verstehen uns ja nicht mal selbst“. Zumindest seiner ersten Freundin erzählt er über die Prügel durch seinen Vater: „Das allein war schon ein wichtiger Schritt“.
30 Jahre lang trägt er den ganzen Horror mit sich stumm herum. Verwandte hatten erst zarte Öffnungsversuche barsch abgebrochen: „Vergiss die Zeit einfach!“, sagten sie mit verächtlichen Handbewegung. Andere, ultrafromme, lassen sogar durchblicken, Gott hätte seine Familie wegen mangelnder Gläubigkeit „bestraft“. Bald hätte Havas zwei Gefühle in Sachen KZ-Jugend verinnerlicht: „Ich fühlte mich schuldig oder es war mir peinlich!“. Erst als er spät mit der Aufarbeitung beginnt, fasst er mehr Lebensmut: Geheim hatte er die Erzählungen seiner Mutter aufgezeichnet, später irrtümlich eine Seite der Kassette gelöscht. Nach mehreren Trips zu den Stätten des Grauens und unzähligen Stunden an Archivarbeit rattert er jetzt Orte und Datumsangaben herunter wie ein Computer. Dutzende Kisten mit Unterlagen stapeln in seinem Haus. Ob er die Täter für seine verlorene Kindheit und das daraus resultierende, verpfuschte Leben hasst? „Ich hassen eigentlich alle“, ist sein vernichtendes Resume: „Es bleibt einfach nur Bitterkeit!“