# 13. September: Frank Stronach hilft Katrina-Flüchtlingen


Die Flüchtlinge boten ein armseliges Bild: Da marschiert etwa der zehnjährige Dajohn Bailey über die Landebahn eines Armeestützpunktes in Montgomery, Alabama, in der Hand einen Müllsack, “nicht einmal voll, nur ein paar wenige Sachen”, so Magna-Mitarbeiterin Marcela Krajny, eine Augenzeugin. “Freiheit! Freiheit!”, hatte der Bub gerufen. Hinter ihm dutzende weitere Überlebende des Jahrhundertsturms “Katrina” (Stand Dienstag: 513 Tote), ein paar Fetzen am Leib, leerer Blick, erschöpft, ausgehungert und durstig. Ein älterer Mann wird in einem Rollstuhl geschoben, vor kurzem erhielt er einen vierfachen Herz-Bypass. Am nächsten Tag ein völlig anderes Bild: Die Katrina-Flüchtlinge sitzen in, mit frischen Leinen überzogenen Stockbetten, geduscht, frisiert, neue Kleider am Leib. Viele Lachen zum ersten Mal seit Tagen – nachdem sie auf Hausdächern, Spitälern, im Freien auf der Stadtautobahn so lange auf ihre Rettung aus der Hölle von New Orleans warten mussten.
Überschwenglich begrüßen sie dann ihren Helfer, Austrokanadier und Magna-Milliardär Frank Stronach. Dem 73-Jährigen hatten die Horrorbilder aus der Todesstadt derart erschüttert, dass er prompt die Eigeninitiative ergriff: Er rief das Personal in einer seiner Pferdetrainingsanlagen in Boynton Beach, Florida, an, das nur während der Wintersaison belegt ist, und ordnete die sofortige Aktivierung der Küche und die Vorbereitung zum Empfang von 280 Flüchtlingen an. “Besorgt Kleider, Shampoo und macht die Betten”, lautete der Befehl von Fluthelfer Frank. Seine Pressechef Dan Donovan setzte er in den Firmenjet mit der knappen Anordnung: “Get it done!” Donovan: “Wenn Frank das sagt, heißt das Beschleunigung auf Lichtgeschwindigkeit”. Das Team jettet nach Montgomery auf der Suche nach Flüchtlingen. Als Bremser erwiesen sich natürlich die US-Behörden: “Einen Tag haben wir verloren, um die Genehmigung zum Bustransport zu erhalten”, klagt Stronach. Vergangenen Freitag fuhren dann die Busse in Richtung Florida zum Notquartier, “eine zweite Maschine mit Flüchtlingen der US Airways konnte gleich direkt nach Florida umgeleitet werden”, so Magnas Krajny.
Doch Stronach geht es um Langzeithilfe: Nördlich der Louisiana-Kapitale Baton Rouge kaufte er 200 Hektar Grund und baut dort eine Siedlung für die Flüchtlinge. Bis zu fünf Jahre lang will er in “Frankville”, wie Magna-Leute das Dorf prompt tauften, den Katrina-Opfern eine Starthilfe geben.

# 3. September: Bombardement mit Hurrikans

Katrina ist der Höhepunkte einer historisch aktiven Sturmphase in der US-Geschichte: Bereits am 8. Juni braute sich in der Karibik der erste Tropensturm namens “Arlene” zusammen, der früheste jemals registrierte Zeitpunkt. Wenig später prallte Tropensturm “Cindy” mit 120-Stundenkilometer-Winden an die Louisiana-Küste. Im Juli ging es bereits zu als sei der Höhepunkt der Atlantik-Hurrikan-Saison, normalerweise Ende September, erreicht: Dennis krachte als Kategorie 5 an die Kubaküste, und dann nochmals mit Winden von fast 200 Stundenkilometer nahe Pensacola, Florida. Zehn Tage später raste “Emily” auf direktem Westkurs als Kategorie-3-Sturm in die mexikanische Ferieninsel Cozumel vor der Yucatan-Traumküste. Mit Katrina hatten die US-Wetterbehörde NOAA bereits fast das halbe Alphabet bei der Benennung der Wirbelstürme aufgebraucht – einen Monat vor dem statistischen Zenit der Hurrikan-Saison.
Dabei hatte der Bundesstaat Florida schon im Vorjahr eine unheimliche Sturmserie erlebt, wie seit 1886 mit Texas kein US-Bundesstaat mehr: “Charley” hatte im August 2004 die Westküste Floridas verwüstet und eine Schneise quer durch die Halbinsel gezogen, dann folgten “Frances” an der Ost-, Monstersturm “Ivan” an der Golf-, und “Jeanne” wieder an der Ostküste mit dutzenden Todesopfern und Milliardenschäden.
Das Bombardement der US-Küsten durch Killerstürme wird von immer mehr Meteorologen direkt mit der Klimaerwärmung in Zusammenhang gebracht. “Global gesehen ist es weniger eine steigende Frequenz, die wir beobachten”, sagt US-Forscher Kerry Emanuel vom “Massachusetts Institute of Technology” (MIT): “Alarmierend ist die wachsende Intensität der Stürme”. Steigende Luft und Meerestemperaturen würden verheerendere Hurrikans produzieren, so Kerry. Seine erst vor Wochen publizierte Studie, wo erstmals alle Wirbelstürme der letzten 30 Jahre analysiert worden waren, hatte weltweit für Aufsehen gesorgt – besonders nachdem US-Präsident George W. Bush eine Reduzierung der US-Treibhausgase verweigert und sogar die menschengemachte Erderwärmung in Frage stellt. Kerry kontert: “Windgeschwindigkeiten und Sturmdauer sind um 20 Prozent gestiegen”.

# 22. August: Deep Throat endlich enthüllt!

Der 26-Jährige Navy-Offizier mit kantigen Gesichtszügen und militärischem Kurzhaarschnitt, gekleidet in dunkelblauer Ausgehuniform samt Streifen und einem Goldstern auf der Schulterlasche wartete in einem kleinen Warteraum vor dem „Situation Room“, im Untergeschoß des „West Wing“ des Weißen Hauses. Gegenüber sitzt ein 25 bis 30 Jahre älterer Mann, großgewachsen, seine grauen Haare perfekt zurückfrisiert. Man plaudert, der junge Offizier stellt die meisten Fragen. Er sucht Rat: Bald wird er vom Militär entlassen, Fragen über seine künftige Karriere quälen ihn. Soll er Anwalt werden, wie sein Vater? Oder Autor? Novellist? Politberater? Der ältere Mann gibt Tipps, über sich selbst verrät er fast nichts. Beide warten darauf, Akten zu übergeben. An eine Situation in einem Flugzeug hätte das erinnert, sollte der junge Mann später schreiben: „Gefesselt an einen Ort, nichts zu tun – und viel Zeit mit Small Talk die Zeit tot zu schlagen“. Am Ende werden Telefonnummern ausgetauscht.
Das Treffen in der neonbeleuchteten Kammer Ende 1969 sollte Präsident Richard Nixon zu Fall bringen, die spektakulärste Journalistenlaufbahn der US-Geschichte und ein 33-Jähriges Rätselraten um den berühmtesten Geheiminformanten aller Zeiten mit hunderten Kandidaten auslösen. Denn in der schicken Navyuniform steckte Robert Upshur „Bob“ Woodward, dem zwei Jahr später als Chronikreporter der „Washington Post“ die Story eines Einbruches in den „Watergate“-Komplex in Downtown D.C. zugewiesen werden soll. Und Woodwards „Karriereberater“ war Mark Felt, Vizedirektor der Bundespolizei FBI, der schon bald dem engagierten Reporter bei nächtlichen Treffen in einer Parkgarage Infos zuspielen soll, wie Nixon & Co den Watergate-Einbruch in ein Demokraten-Büro als Teil einer illegalen Bespitzelungskampagne inszenierten und dann vertuschen wollten. „Deep Throat“ hatten Woodwards Chefs den Schattenmann getauft, nach einem damals angelaufenen Pornostreifen.
Nach unzähligen Versuchen dutzender Washington-Insider, das Mysterium des Watergate-Zeugen zu lösen, war Ende Mai ein mit 91 Jahren alter, gebrechlicher Mann in einem Rollstuhl auf die Veranda eines Eigenheimes im kalifornischen Santa Rosa gerollt worden: Mark Felt. Er lächelte, hob zitternd die Hand zum Gruß. Sein Gedächtnis fast vollständig ausgelöscht, „doch immer noch dieses Lächeln, dass ich mein ganzes Leben nicht vergessen werde“, so Woodward.
Ausgebremst war die Washington Post ausgerechnet bei ihrer berühmtesten Story vom Kultmagazin „Vanity Fair“ worden, worin Familienanwalt John O´Connor und Felt-Tochter Joan in dem Artikel „Ich bin der Guy, den sie Deep Throat nannten“ das letzte Watergate-Rätsel enthüllten. „Das ist eine neuerliche Lektion für Journalisten, die glauben, den Fortgang einer Story zu kontrollieren“, sagte Woodward-Kollege Carl Bernstein: „Letztendlich steuert die Story doch die Reporter“. Woodward hatte stets geschworen, erst nach Felts Tod des Geheimnis zu lüften. Sein strikter Standpunkt hatte ihm auch berufliche Vorteile verschafft: Viele anonyme Zeitzeugen vertrauten Woodward, da er ihre Identität niemals enthüllen werde.
Für Woodward war der Weg frei, seine Beziehung zu Felt, den er als „My Friend“ (oder M.F., genau wie Mark Felt) bezeichnete in dem Bestseller „The Secret Man“ ausführlich niederzuschreiben:
# Woodward beschreibt die legendären Geheimsignale, die ein Treffen in einer Tiefgarage nahe der „Key Bridge“ in Rosslyn, Washington D.C. einleiteten: Der Reporter hatte eine rote Fahne in einem Blumentopf auf seinem Balkon gesteckt, Felt wiederum ließ auf Woodwards New York Times ein Gekritzel auf Seite 20 zurück. Die folgende Nacht sollten sie sich dann in der Garage treffen.
# Das „vielköpfige Monster Watergate“ (Woodward) wird mit neuen Details aufgerollt, mit allen Höhen und Tiefen des Reporterduos Woodward/Bernstein („Woodstein“ unter Kollegen), Mark Felts Todesangst, dem enormen Druck durch wüste Attacken des Nixon-White-House auf die Renommierzeitung und ihre Reporter, die lange Zeit als einzige über Watergate berichteten und deren Enthüllungen als „pure Phantasie“ von Nixons Team verhöhnt worden waren. Erst im August 1974 – zwei Jahre nach dem Watergate-Einbruch von fünf Männern – trat Nixon zurück, nachdem Abhörbänder belegten, er hatte die Vertuschung des Watergate-Skandals höchstpersönlich angeordnet.
# Rührend beschreibt der Autor von zehn Bestsellers (darunter zuletzt „Bush at War“ und „Plan of Attack“ über die Antiterrorkriege in Afghanistan und Irak), wie Mark Felt sein Gedächtnis verlor – sich am Ende nicht einmal mehr ans Nixon erinnern konnte. „Nur an Sie kann er sich irgendwie noch erinnern“, erzählte Tochter Joan Woodward bei einem Besuch.
Weltberühmt wurden die „Boys“, wie der couragierte „Post“-Chefredakteur Ben Bradlee seine Wunderknaben nannte, nach ihrem Bestseller „All the Presidents Men“ 1973, die alle miesen Tricks des Republikaner-Präsidenten auflisteten, aber auch den Thriller mit Woodwards Deep-Throat-Garagentreffen beschrieben. Die Filmversion 1976 mit Robert Redford als Woodward und Dustin Hoffman als Bernstein machte aus beiden Kultfiguren – und löste eine Begeisterungswelle über investigativen Journalismus aus. Während Bernstein, der bessere Schreiber, 1976 die Post verließ und einer eher ziellosen Laufbahn als Buchautor (darunter ein Buch über Pabst J.P. II), Uni-Professor und Freelancer folgte, baute Woodward, der fokusiertere Karriererist, mit einer Serie an Enthüllungen über drei Jahrzehnte seine Reputation auf als „bester Reporter einer ganzen Generation, vielleicht sogar aller Zeiten“, so der „Weekly Standard“, auf.
Kritiker wie der Vanity-Fair-Autor Christopher Hitchens behaupten jedoch, Woodward sei in den Sog der Mächtigen geraten und heute nur noch deren „Stenograf“: Präsident George W. Bush etwa hatte Woodward für zwei Bücher insgesamt sieben Stunden lang interviewt, mehr als jeder Reporter dieser Erde. Während er dadurch neue Details über den Stil, die Überzeugungen und den religiösen Eifer des selbstdeklarierten Kriegspräsidenten zu Tage förderte, wurden seine Bücher trotz peinlicher Enthüllungen von Bush & Co als insgesamt als freundlich eingestuft – und das Werk „Plan of Attack“ sogar während des 2004-Wahlkampfes als Pflichtlektüre für Bush-Fans empfohlen.
Wehmütig wird an die Sternstunde des Amerikanischen Aufdecker-Journalismus erinnert. Vielleicht sogar von Woodward selbst: Denn während er beim Watergate-Skandal als kleiner „City Desk“-Reporter keinem Mächtigen Rechnung schuldig war, soll er mit seinen wichtigsten Gesprächpartner, inklusive Bush, heute vorsichtiger umgehen, um sich künftigen Zutritt nicht zu vermasseln. Journalistischer Herdentrieb durch den verschärften Wettbewerb wird als Grund genannt, dass kein US-Medium vor dem Irakkrieg etwa Bushs löchrige Kriegsgrund-Präsentation in Sachen Massenvernichtungswaffen und Saddam-Al-Qaida-Verbindungen ernsthaft in Frage stellte. Einzig Seymour Hersh, Enthüller im Dienste des linken Magazins „The New Yorker“, deckte den Abu-Ghraib-Folterskandal auf.
Die Eifersüchteleien zwischen den beiden Watergate-Aufdeckern dauern bis heute an: Bernstein, der in Woodwards „Secret Man“ bloß ein mehrseitiges Nachwort schreiben durfte, relativierte prompt die Bedeutung von Deep Throat: „Es war nicht ein einziger Zeuge, der Nixon zu Fall brachte“, schreibt Journalist, der auch bei TV-Interviews Woodward ständig ins Wort fiel: „Es war die Mischung aus hunderten Informanten, die das Puzzle Watergate lösten“. Nixon selbst hatte bereits damals richtig getippt, wer ihn als „Deep Throat“ verpfeift. In einem Tonband vom 19. Oktober 1972 bezeichnet der Präsident Felt als „Schweinehund“ und bedauert, dass er nicht von seinem Posten entfernt werden kann, „da er zu viel weiß“.

# 8. August: Die Todesschwadronen von Basra


Seine schockierende Story hat dem amerikanischen Freelance-Reporter Steven Vincent, 49, wahrscheinlich das Leben gekostet: Von einem „Todesauto“ hatte er berichtet, einem „Toyota Mark II“, der fast lautlos durch die staubigen Straßen der südlichen Irak-Metropole Basra gleitet, besetzt mit Polizisten als Auftragskiller für schiitische Lokalmilizen. Kaum hatte er Vincent über die Existenz dieser Todesschwadronen in der Weltzeitung „New York Times“ berichtet – samt weiteren Enthüllungen, wie Radikalislamisten das einst kosmopolitische Basra immer stärker unter ihre Kontrolle bringen – stoppte das Todesauto für ihn selbst.
Um 18 Uhr am Abend, vergangenen Dienstag, schoben Männer Vincent und seine Dolmetscherin Nour al Khal in ein Fahrzeug. Polizisten wären das Gewesen, sagte ein Augenzeuge: „Und sogar ein Mitarbeiter des Innenministeriums“, erzählt der Mann, der seinen Namen aus Angst nicht verraten will: „Er hat mich erkannt und ich salutierte auf“. Dann hätte er gesagt: „Mische dich nicht ein! Es ist unsere Pflicht!“ Vincent wurde gefunden im Morgengrauen des nächsten Tages, Einschüsse im Brustkorb, an den Armen. Er lag in einer Blutlache in einem Straßengraben. Dolmetscherin Khal überlebte schwerst verletzt und liegt seither in der Intensivstation eines lokalen Spitals, unter strenger Bewachung.
Vincent ist einer von 63 Journalisten die seit der US-Invasion des Irak im März 2003 dort ums Leben kamen. Doch durch Vincents Story steht eine weitere tragische Fehlentwicklung im Irak im globalen Scheinwerferlicht: Die Etablierung von Todesschwadronen im Auftrag schiitischer Milizen wie die des Rebellen-Predigers Moktada al-Sadr – und deren Duldung durch die britischen Besatzer. Neben dem Kampf der Terrorbanden im Rest des Iraks, die die Todesrate an US-GIs über 1.800 trieben und den Aufbau des Irak torpedieren, versinkt offenbar auch der als so friedlich bejubelte Südirak in einem Sumpf aus Korruption, Übergriffen religiöser Fanatiker auf Frauen und blutigen Fehden zwischen Politparteien, Clans oder Schmugglerbanden.
„Nichts war Vincent wichtiger als eine erfolgreiche Demokratisierung des Irak“, sagt sein Freund und Kollege Steven Mumford, der mehrere Monate mit Vincent in Bagdad ein winziges Hotelzimmer teilte: „Deshalb wollte er mit aller Wucht Details diese Fehlentwicklung aufdecken – und hat das wohl mit seinem Leben bezahlt“. Nach dem Kriegsgrund-Flop der Massenvernichtungswaffen und Saddam-Al-Qaida-Verbindungen gerät US-Präsident George Bush nun auch mit dem zuletzt angeführten Invasionsgrund – der Errichtung einer Musterdemokratie im Herzen des Nahen Ostens – immer stärker in Erklärungsnotstand (seine Popularität ist auf Tiefstwerte von 44 Prozent gefallen, nur mehr 38 Prozent befürworten Bushs Irakstrategie).
Tatsächlich erinnert der Alltag in der angeblichen Vorzeigestadt Basra (1,5 Millionen Einwohner) eher an einer arabischen Version des Wilden Westen: „Ich habe die Kontrolle über meine Polizeikräfte verloren“, lautete etwa Ende Mai die makabere Erkenntnis von General Hassan al-Sada, Boss der 13.750 Mann starken Truppe, trainiert und ausgestattet mit teils funkelnagelneuen Streifenwagen von den britischen Irak-Besatzern. Bloß einem Viertel seiner Leute könne er vertrauen, sagte der General: Der Rest sei neben dem Polizeidienst entweder als Auftragskiller von al-Sadrs „Mahdi“-Armee oder der rivalisierenden „Badr“-Brigade des „Supreme Council“ für die Islamische Revolution (SCIRI) tätig, werden von Mitgliedern rivalisierender Scheichs oder lokaler Warlords angeheuert, oder sind involviert in die rapide ausufernde Korruption inklusive Bestechungen, Diebstahl und Entführungen. Oft sind die Opfer von der Minderheit der gut 25 Prozent sunnitischer Araber.
Vor zwei Wochen hatten Killerkommandos den Vizegouverneur exekutiert, weil der, so wird in den Straßen Basras getuschelt, einige Korruptionskanäle und –skandale aufdecken hatte wollen. „Worte reichen nicht, um das Ausmaß an Korruption zu beschreiben“, zitiert der „Boston Globe“ den Vizedirektor eines Basra-Spitals: „Die islamische Parteien haben ihr eigenen Kommandos, die jeden aus dem Weg räumen, der die Skandale aufdecken könnte“. Das Versagen der völlig korrumpierte Stadtverwaltung ist offensichtlich: In den Straßen liegt mehr Müll, als selbst nach der Einnahme der Stadt durch Briten und Amerikaner vor fast zweieinhalb Jahren. Die hunderte ausgebrannte Panzer von Saddams Armee hat niemand weggeräumt, ausgebombte Lagerhallen stehen als Ruinen überall.
Laut Angaben des städtischen Obduktionsanstalt wurden in den letzten neun Monaten 1.176 Menschen ermordet – ein Großteil davon politische Attentate, an die Mafia erinnernde Gemetzel unter verfeindeten Stämmen, oder Rachmorde an Ex-Mitgliedern von Saddam Husseins Baath-Partei, die gerade im schiitischen Süden am ärgsten wütete. Augenzeugen berichten, das viele Killer Polizeiuniformen tragen und oft sogar seelenruhig im grellen Tageslicht zuschlagen. Der Wilden Westen Basra-style wird während eines Interviews des „Globe“-Reporters Thanassis Cambanis mit einem der wenigen säkularen Lokalpolitiker Mufeedh Mushaashie deutlich: „Sie müssen der Polizei befehlen, die Frauen freizulassen“, brüllt er via Handy den Gouverneur an. Ein befreundeter Scheich war im Juni ermordet worden und seine Familie hatte einen verdächtigen Polizisten in Eigenregie umgelegt. Nun hielt die Polizei alle Frauen als Geiseln, um die Täter aus ihrem Versteck zu locken. Mshaashie gelingt die Beendigung des High Noon, doch nicht ohne den Clanchef der aus Rache mordenden Familie zu belehren: „Wir sind hier nicht im Dschungel“, ruft er ins Telefon: „Ihr müsst euch ans Gesetz halten!“
Peinlich für die amerikanisch-britischen Architekten des „Neuen Irak“, um dessen Verfassung gerade gerungen wird, ist die Tatsache, dass viele von Basras Killercops von den Besatzer ausgebildet wurden. Und nicht nur das, wie der ermordete Vincent in seinem letzten Text beklagte: „Aus Angst, nicht wie koloniale Besatzer zu wirken, wird auf jegliches Training der Grundsätze einer neutralen Polizeiarbeit im Dienste der Gesellschaft verzichtet“. Und dazu käme der Glaube, so Vincent, das Vorgaukeln von Sicherheit und Stabilität könnte den Abzug der 8.500 britischer Soldaten beschleunigen. In den USA und Großbritannien hat längst nur mehr die Rückkehr ihrer Soldaten Priorität.
„Die Situation ist durchaus vergleichbar mit den Todesschwadronen Lateinamerikas“, sagt Peter Singer, Sicherheitsexperte des renommierten „Brookings“-Think-Tank und Bestsellerautor: „In diesem Machtvakuum schaffen sich viele ihre eigenen Gesetze – und wenn sie für Ruhe und Ordnung sorgen ist das Amerikanern oder Briten gar nicht so unrecht“. Auch die Frage wird in Washington immer lauter diskutiert, ob der Fehler in Afghanistan in den 80igern, mit der Unterstützung der damaligen Freiheitskämpfer um Osama bin Laden künftige Feinde ausgebildet zu haben, nicht vor einer Wiederholung im Irak steht: Schon jetzt fühlen sich viele, von den Irakbesatzern ausgebildeten Polizisten oder Soldaten seien mehr der Moschee als der Öffentlichkeit verpflichtet. „Und die könnten künftig auch den internationalen Terrorismus unterstützen“, so Singer.
In Sachen Frauenrechten mutiert der schiitische Südirak immer schneller zum Gottesstaat, am ehesten iranischer Prägung. Banden von Aufpassers radikalislamischer „Moralhüter“ verprügeln unverschleierte Frauen, kontrollieren ihre Bücher und sogar die Musik, die sie hören. Der Idealist Vincent, der nach dem 11. September vom linken Kunstkritiker zum rechten Kriegsreporter mutierte, war so erbost über die Entwicklung, dass er bei einem Besuch der New Yorker Redaktion des Magazins Harper´s dutzende religiöse Plakate im Sitzungssaal ausbreitete. In einem seinen letzten Artikel zitiert er Studentin Henan: „Diese religiösen Milizen sagen uns, was wir anzuziehen haben, verbieten und das Musik hören und Gespräche zu Kollegen – es macht mich ohnmächtig vor Wut“. Und Journalist Samir legt nach: „Kein Alkohol, keine CDs, Frauen totalverschleiert, Menschen auf offener Straße ermordet – das ist nicht mehr die Stadt, die ich liebte“.

# 5. August: Bushs Geldsammlerin als neue US-Botschafterin

Die Kasse klingelte damals im Sommer 2004 recht ordentlich für die Wiederwahlkampagne von US-Präsident George W. Bush: Handy-Pionier Craig McCaw und seine reizende Gattin Susan Rasinski McCaw hatten gleich 600 spendable Bush-Fans in ihr Eigenheim am idyllischen Lake Washington nahe Downtown Seattle. Die republikanischen „Fat Cats“, so der Politjargon, hatten 2000 Dollar hingeblättert und mussten sich in der lauen Sommernacht nicht auf die Zehen steigen: Die McCaws residieren in einer Villa mit insgesamt 1.114 Quadratmeter im Seattle-Nobelviertel Hunts Point, Bill Gates, der reichste Mann der Erde ist einer der Nachbarn. Susan McCaw, als lokale Finanz-Vizedirektorin der Bush-Spendenmaschinerie erhielt später den Ehrentitel „Ranger“, eine exklusiver Club von Leuten, die über 200.000 Dollar in die Bush-Wahlkampfkasse spülten. Weiters aktiv für Bush war sie im PR-Projekt „W stands for Woman“, indem der Kriegspräsident sein Image unter Frauen aufweichen wollte.
Die Belohnung erfolgte diesen Sommer: Bush, der im November Opponenten John Kerry in einer dramatischen Wahlschlacht niedergerungen hatte, erinnert sich nun an seine Helfer mit der Vergabe von Botschafterposten – und wird Investmentbankerin und Milliardärsgattin Susan McCaw, 49, zur neuen US-Botschafterin in Wien ernennen. McCaw ist eine von vielen spendablen Bush-Fans, die eher wegen ihrer Nähe zum Präsidenten als ihre diplomatischen Talente die Botschaften rund um die Erde besetzen. Die Absolventin der Elite-Uni Stanford setzt die Serie attraktiver Powerfrauen in der Botschaft in der Wiener Boltzmanngasse 16 als Nachfolgerin von Helene von Damm, Swanee Hunt und Kathryn Walt Hall fort – und soll im Spätherbst den farblosen Whiskey-Millionär aus Kentucky, Lyons Brown anlösen.
Bisher recht Öffentlichkeitsscheu ließ Susan McCaw ihren Mann ihre Hauptinteressen verlauten: „Sie will das Leiden reduzieren und die Bildung verbessern“, sagt der zum lokalen „Puget Sound Business Journal“: „Sie will die Erde in einem schöneren Ort verwandeln“. Geschäftspartner Robert Ratliffe fügt hinzu: „Sie hat Craig sehr viel gebracht – sie ist sehr fähig und umgänglich“. Die Abgeordnete Jennifer Dunn, mit Susan bei der Bush-Kampagne mitarbeitete, preist McCaw als „blitzgescheit“, ob sie jedoch irgendwelche Beziehungen zu Österreich habe oder Deutsch spreche, war ihr unbekannt. Nicht unüblich für Milliardärsgattinnen („Forbes“ listet den Gemahl mit einem Gesamtwert von 2,9 Milliarden Dollar) werkte Mrs. McCaw neben der Erziehung dreier Kindern im Alter zwischen drei und sieben Jahren in ihrer „Venture Capital“-Firma „COM Investments“, als Managing Partner im Investmentvehikel der McCaw, der „Eagle Creek Capital“, Wohlfahrtsinitiativen beinhalten das Leseprogramm „Team Read“ für 700 Kinder aus unterprivilegierten Familien pro Jahr. Auch ein Projekt der indischen „Grameen Bank“ zur Vergabe von Kleinkrediten unterstützen die McCaws. Als Globetrotter hält sie Vorträge rund um den Erdball, einen zuletzt an der „Pekinger University“. „Es kommt der Zeitpunkt in deinem Leben“, führt Craig aus, „wo dich nichts materielles mehr glücklich macht“. Vielleicht erklärt diese Erkenntnis auch seine Spende zur Freisetzung des nach dem Hollywood-Hit „Free Willy“ weltberühmten Wales Keiko.
Sorgen um ihren Ehemann in künftigen Zeiten längerer Separation braucht sie sich nicht zu machen, versichert Bruce, einer von drei Brüdern McCaws, scherzhaft: „Er hatte in seinem Leben Verabredungen mit zwei Frauen – und beide hat er geheiratet“. Nach einem Rosenkrieg mit Gattin Nr. 1, Wendy Petrak, die ihn um gleich 500 Millionen Dollar ärmer machte, lernte er Susan beim „AT&T Bebble Beach“-Golfturnier im kalifornischen Monterey kennen. Vor allem auch seit den drei Kindern sei Craig ein neuer Mensch, wie Freunde versicherten.
Die Botschafterresidenz in Wien wird der neuen Botschafterin recht karg erscheinen – die McCaws sind Reichtum gewohnt, der in Österreich kaum nachzuempfinden ist: McCaw besitzt einen ganzen Fuhrpark aus fahrenden, schwimmenden und fliegenden Vehikeln, darunter eine Riesenyacht namens „Cellular One“, einen „Gulfstream IV“-Jet, einen „Falcon 50“-Jet und ein „Beaver“-Seeflugzeug, dazu ein Porsche 911S. Ihr Prachtvilla in Seattle kauften sie von Musiker „Kenny G“. Noch mehr Auslauf bietet seine 316 Hektar große „James Island“ vor Vancouver samt Landbahn, einem von Golflegende Jack Nicklaus desgnten Golfplatz und sechs Sommer-„Cottages“ mit Seeblick. Dabei hatte er durch einen kleinen Finanzierungsengpass nach dem Platzen der Hightech-Blase 2000 seine 92 Meter lange Yacht an Microsoft-Mitgründer Paul Allan verkauft, sowie eine 2000 Hektar große Ranch in Kalifornien abgestoßen.
Reich war McCaw, 55, durch Mobiltelefonie geworden, als nimmermüder Entrepreneur will er heute die Welt mit drahtlosen Internet-, Telefon- und Digitalentertainment-Service überziehen. Dabei überschatten Tragödien und horrende Flops die Laufbahn des Handy-Pioneers, der als „dyslexisch“ und introvertiert beschrieben wird (einer Störung, wo u.a. links mit rechts verwechselt), und den eine Geschäftspartner als „lausigen Manager“ verhöhnte. Tatsache ist jedenfalls, dass McCaw selbst bei wirtschaftlichem Schiffbruch persönlich oft heil und reich ausstieg. Craig war ein 19-Jähriger Student in Stanford, als sein Vater 57-Jährig völlig überraschend an Herzversagen starb. McCaw, der gemeinsam mit Bill Gates und Allan die „Lakeside School“ in Seattle absolvierte, übernahm das vom Vater aufgebaute Kabel-TV-Geschäftsimperium, dass sich jedoch als total überschuldet erwies und die Familie beinahe ihr hoch verpfändetes Haus verloren hätten. McCaw erließ Kunden die 80 Dollar teure Installation und baute das System rapide aus. 1983 kaufte er eine der ersten Handylizenzen von der US-Behörde FCC und bewies – anders als Telekom-Gigant AT&T – mehr Weitsicht beim Siegeszug der neuen Technologie: „Telefonnummer werden eines Tages mit Menschen in Zusammenhang gebracht werden und nicht mit Häusern oder Wohnungen“, sagte er bei einer Strategiebesprechung voraus.
Ein Börsegang seiner Firma „McCaw Cellular Communications“ spielte nur drei Jahre nach der Gründung 280 Millionen ein (fast fünf Mal so viel wie eine Softwarefirma namens Microsoft knapp davor). McCaw, 28-Jährig, war Milliardär. Umsätze explodierten, doch nicht die Gewinne – 1993 waren die Schulden auf fünf Milliarden Dollar explodiert, er verkaufte das erste amerikanische Handynetz an AT&T um 11,5 Milliarden. 800 Millionen Dollar gehörten ihm selbst, schmerzhaft muss jedoch die Tatsache gewesen sein, dass AT&T in 2000 sein Handygeschäft per Börsegang zu einem Gesamtwert von 73 Milliarden Dollar verhalf.
McCaw stürzte sich in andere kabellose Abenteuer, scheiterte jedoch mit der Telefonfirma „XO Communications“ (Bankrottmeldung 2002) und seinem ehrgeizigen, von Bill Gates und Saudimultimilliardär Prinz Alwaleed bin Talal unterstützten Plan, den Erdeorbit durch die Firma Teledesic mit einem Netz von 800 Satelliten zu überziehen, um Internet- und Telefondienste anzubieten. Eine Milliarden Dollar hatte McCaw von Investoren erhalten, kein einziger Satellit war jemals in die Erdumlaufbahn geschossen worden. Ein Volltreffer war jedoch der Kauf
des 1995 mit Verlusten von 331 Millionen Dollar noch völlig darnieder liegenden Handy-Betreibers Nextel. McCaw fokusierte auf die damals einzigartige Walkie-Talkie-Möglichkeit für Geschäftskunden, machte Nextel zum Hit und verkaufte seine Aktienpakete 2003 mit Riesengewinn. „Die Leute haben uns damals ausgelacht“, sagt er heute zufrieden.
Mit den Worten „Ich habe wohl masochistische Tendenzen“ kommentierte McCaw kürzlich den Start neuer kabelloser Visionen: 2003 hatte er die Texas-Firma „Clearwater Corp.“ gekauft, die Internet über Funk anbietet: Mit Breitband-Internetverbindungen seien Haushalte in der Lage, „TV zu sehen, Filme runterzuladen, Videokonferenzen durchzuführen und zu Telefonieren“, schwärmte McCaw kürzlich bei einer Investorenkonferenz: „Alles über den PC und eine einzige Leitung“.
30 US-Metropolen bedient Clearwire heute, dazu wurden Lizenzen im dänischen Kopenhagen und in Irland aufgekauft. Ob er den neuen Posten seiner Frau als US-Diplomatin in Wien für seine Geschäfte nützen wird, bleibt abzuwarten.

# 2. August: Bush-Schreck Moore glänzt als Filmfest-Organisator

Für Bush-Schreck und Dokufilmer Michael Moore, der so gerne im Rampenlicht steht, war es eine recht ungewohnte Rolle als Zuhörer: Da saß er in der letzten Reihe bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Ist Fiktion tot?“ beim von ihm selbst organisierten „Traverse Filme Festival“, lauschte gespannt, lachte herzlich bei den Teils spaßigen Ansagen der weltbesten Dokumentarfilmer auf der Bühne. Moore, in seiner traditionellen Freizeitkluft aus Baseballkappe, abgewetztem Sweater, kurzer Khakihose und Trampersandalen, wirkt noch runder als zuvor – vielleicht hat sein Frust über die Bush-Wiederwahl zu zahllosen Fressanfällen geführt (letzte Schätzungen beliefen sich auf 180 Kilo). Sein Assistent Jason jedenfalls führt ihm mehr Junkfood zu, eine Packung Gummibären, dazu ein großer Plastikbecher Coke.
Nach der Debatte genießt der Oskarpreisträger dann doch ein Bad in der Menge: Fans umringen ihn, er gibt Autogramme auf Filmplakate, Kappen und T-Shirts. Für einen Häuserblock benötigt er gut zehn Minuten, so groß ist der Andrang inklusive„Michael, Michael“-Sprechchören. Gleich nach der Bush-Wiederwahl, die er mit Totaleinsatz und vor allem der Kultdoku „Fahrenheit 9/11“ verhindern hatte wollen, ist Moore auf Tauchstation gegangen. Nur einen, etwas ratlosen Brief hatte er via seiner Website im April veröffentlicht, wo er seine Fans zum Ideenliefern aufforderte. Am Wochenende meldete sich der hühnenhafte Aufbegehrer mit seinem ersten, 250.000 Dollar teuren Filmfestival im Badeort Traverse City in einer malerischen, türkisblauen Buch des Lake Michigan vier Autostunden nördlich von Detroit zurück: Sieben Weltpremieren gab es unter den 31 Streifen (Dokumentarfilme, „Independent“-Streifen und Klassiker), Diskussion unter Dokufilmern, Freiluftaufführungen. Mit 20.000 Kinotickets wurden „alle Erwartungen übertroffen“, so Moore. Das er Hassobjekt der Bush-Fans geblieben ist, demonstrierte die prompte Abhaltung eines „Freedom“-Gegenfestivals mit der Ausstrahlung geschmackvoller Trailer wie „Shooting Michael Moore“ von einem Ex-Klassenkollegen oder das pseudopatriotische Machwerk „Michael Moore Hates Amerika“.
Moore, 51, kündigt eine aktivere Phase des Bush-Widerstandes an:
# Allein die Tatsache, das er US-Staatsbürger sei, verpflichte ihn, in künftigen Kampagnen eine „aktive Rolle zu spielen“. Leise Kritik unter Amerikas Linken, Moores schrilles Anti-Bush-Getöse im Vorjahr wäre letztendlich sogar kontraproduktiv gewesen, will er nicht gelten lassen und stellte neue Attacken in Aussicht: „Wir bereiten unsere nächsten Schritte vor – es wird einen großen Knall geben“, sagt er, geheimnisvoll wie immer.
# Moores bereits angekündigte Doku über das pervertierte US-Krankenversicherungssystem mit dem Arbeitstitel „Sicko“ würde Versichererer schon jetzt „krank“ machen, so Moore: Die hätten alle Angestellten gewarnt, nicht auf etwaige Moore-Stunts hereinzufallen, wie der Provokateur-in-Chief sagte. Was damit gemeint sein könnte, lässt sich aus einer früheren Moore-TV-Serie ableiten: Dort hatte er eine Pseudobegräbnis eines Mannes auf dem Areal einer Versicherungsanstalt veranstaltet, die eine lebensrettende Operation aus Kostengründen verweigerte. Moore: „Wir haben noch nicht einmal zu filmen beginnen – und die machen sich bereits in die Hosen“. Der Film wird für nächstes Jahr erwartet;
# Er forderte einen sofortigen US-Truppenabzug aus dem Irak und „die Bezahlung aller von den USA durch die Invasion angerichteten Schäden“. Bei einer Ansprache sagte er – trotz aller konzilianten Töne über Amerika als Ort friedlicher Koexistenz verschiedener Meinungen – recht deutlich: „Es ist schwer zur Zeit, einen Republikaner zu lieben!“
Moore, der meist in seinem 1,5 Millionen Dollar teuren Apartment an der feinen New Yorker Upper West Side lebt, ist seinem Heimatstaat Michigan (er wuchs auf in Flint, wo auch sein erster Dokuhit „Roger & Me“ über die Jobvernichtung von General Motors spielte) treu geblieben: Nahe dem Filmfestival Ort Traverse City unterhält er am idyllischen „Torch Lake“ ein 1,2 Millionen Dollar teures Sommer-Strandhaus. Dort habe er auch einen Bunker gebaut, in dem er sich „Notfalls vor seinen Gegnern verstecken kann“, wie der Hühne, der einmal sogar Priester werden wollte, bei einem Auftritt scherzte. Seit 24 Jahren ist er mit der Regisseurin Kathleen Glynn verheiratet, sie haben eine Tochter namens Natalie.
Moore konnte die Wiederwahl Bushs zwar nicht verhindern – doch die Serie an Bush-Bashing-Blockbusters hat ihn zum Millionär gemacht: Fahrenheit 9/11 hat weltweit für eine Doku unglaubliche 228 Millionen Dollar eingespielt, die im Herbst veröffentlichte DVD verkaufte sich drei Millionen mal und spülte nochmals 30 Millionen an Tantiemen ein. Moore´s generöse Profitbeteiligung verschaffte ihn einen Gewinn von 21 Millionen Dollar (!). Als selbstdeklarierter Kämpfer für das Prolitariat wird er ungern auf seinen explodierenden Reichtum angesprochen: „Ich lese die Verträge mit den Filmfirmen gar nicht“, schnappte er einmal. Die Anti-Bush-Bücher „Stupid White Men“ und „Volle Deckung, Mr. Bush“ wurden weltweit ebenfalls millionenfach verkauft.
Mit dem Filmfestival-Coup in Traverse City gelang es Moore, für ein Wochenende lang die Politik im Hintergrund zu halten und sich sogar als Brückenbauer zu etablieren: In allen Statements bezog er sich auf den kulturellen und nicht politischen Wert der Veranstaltung, dadurch konnten sogar erzkonservative Lokalpolitiker als Unterstützer gewonnen werden. Auf der Strecke blieben hingegen die Moore-hassenden Veranstalter des Gegenfestivals: Mit 20 Leute blieben deren Kinosäle leer, während die sich die Menschenschlangen vor den Moore-Festival-Kinos um ganze Häuserblocks wanden. Moore triumphierte: „Das ist ein Sieg für die Filmkunst über Hassprediger“. Das Festival habe jedenfalls eine helle Zukunft: Auch Robert Redfords „Sundance Festival“ oder „Cannes“ haben einmal klein begonnen.

# 25. Juli: Wieder Terror-Panik in New York

Wie sehr die Nerven in New York, der am 11. September 2001 mit 2.700 Todesopfern so schwer getroffenen Weltmetropole, nach der neuen Al-Qaida-Bombenserie in London und im ägyptischen Sharm El-Sheik blank liegen, zeigte sich Sonntags zur Mittagszeit: Da stürmten 100 stahlbehelmte Männer einer mit Maschinenpistolen bewaffneten Elitepolizeieinheit (SWAT) einen Doppeldecker-Ausflugsbus – die verschreckten Touristen wurden mit erhobenen Händen aus dem Bus eskortiert, allen Männern Handschellen angelegt. Der Grund für das High Noon inmitten des Touristenmekkas „Times Square“: Ein „Notruf“ des Busfahrers, wonach fünf „arabisch aussehende Typen“ mit Rucksäcken und „vollgestopften Hosentaschen“ den Bus bestiegen hätten.
Kaum durften die verdutzten Big-Apple-Besucher ihre Sightseeingtour fortführen, spielten sich ein paar Blocks südlich neue panische Szenen ab: Tausende Menschen flohen aus New Yorks meistfrequentiertesten Bahnhof, der Penn Station, nachdem ein Mann am Weg zu einem Drogentherapieaufenthalt im Streit mit einem Ticketverkäufer seine Tasche auf das Pult geknallt und vor „einer Bombe“ gewarnt hatte. Eine Stunde lang war der Bahnknotenpunkt in Midtown gesperrt – das Verkehrschaos perfekt.
Dabei waren schon in den Tagen zuvor derart strikte Sicherheitsmaßnahmen eingeführt worden, vor denen die Verwaltung der Acht-Millionen-Metropole sogar nach dem Twin-Tower-Inferno noch zurückschreckte: Seit Freitag der Vorwoche durchsuchen Cops stichprobenartig Gepäcksstücke in der New Yorker Subway, den Regionalzügen in die Vororte und sogar am ultramoderen „Sky Train“ zum Flughafen JFK. Weder nach dem Attentaten auf das Madrider Nahverkehrssystem am 11. März 2003 („3/11“ im Terrorjargon) oder der ersten Attacke in London („7/7“) war reagiert worden. Das änderte sich, als New Yorks Polizeichef Raymond W. Kelly am Donnerstag um 8:30 Uhr Früh über die zweite Londoner Bombenserie unterrichtet wurde. Nach einer 90-minütigen Krisensitzung mit Antitterrorkräften und Anwälten stand fest: „Wir haben ein System entwickelt, das der Terrorbedrohung begegnet ohne die Bürgerrechte zu beschneiden“, sagte Kelly.
Dieses wurde in der Station der Linie A & C an der Ecke 42. Straße und 8. Avenue, eine von insgesamt 468 U-Bahnstationen des 1.155 Kilometer langen Systems, von einem Polizisten per Megafon verkündet: Personen, die aus der Menge per Zufallsprinzip ausgewählt werden, müssen ihre Rucksäcke, Taschen oder Gepäcksstücke zur Inspektion freigeben. Fast wie am Flughafen bei den nach 9/11 so charakteristischen Extra-Checks stehen da Cops mit weißen Handschuhen hinter einem faltbaren Campingtisch, leuchten mit den schwarzen Stablampen in die Taschen. 30 Sekunden dauert die Prozedur im Schnitt. „Wer sich weigert, muss die Station sofort verlassen“, herrschte der Polizist ins Megafon. Die New Yorker, gewöhnt an eine Orgie von Sicherheitskontrollen in nahezu allen Bürogebäuden nach 9/11, beugen sich stoisch: „Leider gehört das heute zu unserer Realität “, sagte etwa Pendler Mark Spaulding.
Pannen bei der Aktion scharf in New Yorks weltberühmter Subway lieferten jedoch genug Munition für Kritiker: Ein übereifriger Cop in einer Station in Queens ließ sich Führerscheine zeigen und Bürger ihre Adresse und Telefonnummer aufschreiben. Dazu wurde ein Zufallssystem installiert, um Klagen gegen „Rassendiskriminierung“ zu verhindern: Mit einer Stricherliste etwa dokumentierten Polizisten in einer Station, dass sie keinesfalls bloß „Araber“ kontrollieren, sondern Menschen aller ethnischer Gruppen, beider Geschlechter und unabhängig deren Alters. „Recht nett sei das“, sagte Terror-Experte Steve Emerson, „doch sicher nicht das effektivste System“. Blamiert hatte sich dann auch noch Polizeichef Kelly, als er verkündete, man solle nach „schwitzenden Personen“ Ausschau halten – ein recht große Gruppe bei Sommertemperaturen von 40 Grad Celsius in den U-Bahn-Schächten. Auch erfassen die Kontrollen – viele im Blitzlichtgewitter der Lokalpresse – nur einen winzigen Bruchteil der Passagiere von täglich 4,7 Millionen absolvierten U-Bahn-Fahrten. Und eine von der Rechtsgruppe „New York Civil Liberties Union“ eingebrachte Klage wegen Verstoßes gegen das „Fourth Amendment“ der US-Verfassung („Der Schutz von Personen, ihrer Häusern und Gegenständen vor unberechtigten Durchsuchungen“) könnte die Operation Taschensuche bald wieder beenden. Am wichtigsten seien ohnehin die Abschreckwirkung gegenüber möglichen Bombern, so Terrorexperten: Und es diene wohl auch zur Nervenberuhigung der US-Bevölkerung, wo laut jüngsten Umfragen zwei Drittel „sicher glauben“, Terroristen würden ihr Nahverkehrssystem attackieren – und sechs von zehn Amerikaner sogar bereits den „Dritten Weltkrieg“ kommen sehen.