# 31. Oktober: Plamegate: Schatten über dem White House


In den engen Gängen des West-Flügel im Weißen Haus, sonst das kreatives Tollhaus der Machtzentrale einer Supermacht, ist es seit kurzem gespenstisch still. Alle Gespräche sind auf das Notwendigste reduziert, ebenso der Email-Verkehr. In der Untersuchung des Sonderermittlers Patrick Fitzgerald – wer den Namen einer Undercover-CIA-Agentin Valerie Plame der Presse verraten hat, um es ihrem Gatten, dem White-House-Kritiker Joseph Wilson heimzuzahlen – kann jedes Wort jederzeit gegen jeden verwendet werden. So legt der “Plamegate” getaufte Skandal das Machtzentrum von US-Präsident George W. Bush lahm. “In solchen Zeiten ist man allem hilflos ausgeliefert”, erinnert sich Paul Begala an die schlaflosen Nächte, als einst gegen seinen Chef, Bill Clinton, dauerermittelt worden war. Bush selbst sei ständig schlecht aufgelegt, so die New York Daily News: Niemand könne ihm schlechte Nachrichten mehr überbringen – alle würden “den Kopf einziehen”, so die Zeitung.
Und dann das Misstrauen: Bush selbst, der stets Loyalität weit über Kompetenz stellt, vertraue praktisch niemanden mehr, so das US-Magazin “Time”: Nicht seinem Consiglieri Karl Rove, dem abgelenkt durch Fitzgeralds Ermittlungen und schmerzhafter Nierensteinerkrankung in den letzten Wochen katastrophale Fehler unterliefen (wie etwa die blamabel gescheiterte Nominierung der Bush-Anwältin Harriet Miers); nicht seinem treuen, langgedienten Stabschef Andrew Card, dem das Totalversagen nach dem Monsterhurrikan Katrina angelastet wird; nicht seinem mächtigen Vize Dick Cheney, der zwar viele Argumente für eine Irakinvasion hatte, aber jetzt nur wenige Ideen, wie die US-Streitkräfte aus dem blutigen Morast zu ziehen wären. So richtig vertraue Bush, so Time, nur mehr seiner Frau Laura.
Nie hätte irgendjemand so viele düstere Details aus der, vor allem wegen eiserner Disziplin und Verschwiegenheit legendären Bush-Truppe erfahren. Doch jetzt gleicht der West Wing dem Deck der Titanic: Insider plaudern, andere flüchten. “Wir erleben die Implosion der Bush-Präsidentschaft”, sagt Carl Bernstein, dem das alles sehr bekannt vorkommt, nachdem er vor 30 Jahren gemeinsam mit Bob Woodward den Watergate-Skandal aufdeckte, über den Richard Nixon stolperte.
Am vergangen Freitag erreichte Bushs “annus horribile” – inklusive dem Daueralbtraum Irak, dem tödlichen Fiasko in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina, der Belagerung seiner Urlaubsranch durch Soldatenmütter, dem kläglichen Scheitern seiner Pensionsteilprivatisierung und dem Absägen seiner Supreme-Court-Kandidaten durch die eigene Parteibasis – einen vorläufigen Höhepunkt: In einer in alle Welt übertragenen Pressekonferenz verlautete der wortgewaltige Sonderstaatsanwalt Fitzgerald, wegen seiner Herkunft aus Chicago und Saubermannimage gleich mit Elliott Ness verglichen, seine Anklage gegen Cheney-Stabschef I. Lewis “Scooter” Libby, einem der eifrigsten Proponenten des Irakkrieges: Das absichtliche Verpfeiffen der Wilson-Gattin Plame als CIA-Agentin (ein schweres Verbrechen in den USA) konnte ihm Fitzgerald zwar nicht nachweisen, doch verstrickte sich Libby in den Ermittlungen in derart “atemberaubende Märchen” (Fitzgerald), dass ihm wegen Meineid, falscher Zeugenaussage und Justizbehinderung gleich 30 Jahre Haft drohen. Rove, der ebenfalls mit Reportern über Plame plauderte, kam mangels an Beweisen juristisch zwar mit einem blauen Auge davon, doch bleibt er politisch ein Klotz am Bein des Präsidenten: Opfer Wilson, der auch von “Todesdrohungen” gegen seine Frau zu berichten wusste, forderte wütend den Rücktritt des Politrauhbeins Rove wie auch Senats-Demokratenführer Harry Reid.
Und dabei sitzt Bush durch den Skandal Plamegate – der nun durch den Prozess gegen Libby mit dutzenden hochkarätigen Zeugen bis hinauf zu Dick Cheney Washington bis auf weiteres erst richtig in Atem halten wird – längst auf der Anklagebank für all die Aufbauschungen und glatten Lügen vor der Irakinvasion, dem vielleicht “kollosalsten Fehler der US-Geschichte”, wie Senator Kerry wetterte:
# In der Vorwoche starb der 2.000 GIs in dem zermürbenden Guerilla-Krieg der Aufständischen gegen die 148.000-Mann-US-Besatzungsmacht. 14.000 Amerikaner wurden verletzt, viele verstümmelt, die Opferbilanz unter den Irakern wird auf über 30.000 geschätzt. Cindy Sheehan, die im Sommer durch eine Belagerung der Bush-Ranch weltberühmt gewordene Mutter eines gefallenen GIs, ließ sich an die Tore des White House ketten. “Das sinnlose Sterben muss endlich aufhören”, sagt sie.
# Doch nur der Verbleib der US-Streitmacht verhindert das Versinken des Irak in den Bürgerkrieg, ein Horrorszenario, das den ganzen Nahen Osten destabilisieren könnte.
Doch wie lange können die USA noch durchhalten? Sechs Milliarden Dollar kostet der Krieg pro Monat, an der Heimatfront fehlt das Geld für Kommunalausgaben ebenso wie die Soldaten der Nationalgarde, die bei der Serie an Monsterhurrikanen so dringend gebraucht wurden. Der Hurrapatriotismus der Kriegstage ist verflogen: Um die 60 Prozent halten laut Umfragen heute den Irakkrieg für einen Fehler.
“Die Basis des Irakkriegs ist Betrug”, erklärt Ex-CIA-Mann Ray McGovern – und mit Plamegate hat die Abrechnung mit Bush & Co begonnen. Bushs damals wichtigste Hauptargumente für die Irak-Invasion – Saddams Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen (WMD im englischen Akronym) und einer Verbindung des Irak-Diktators mit Osama bin Ladens Al-Qaida – sind seit längerem entkräftet, jetzt tauchen die Details auf, wie die Propaganda ablief, wer die Strippen zog und wie mit Kritiker brutal attackiert wurden.
Die Offensive war das Ergebnis eines Komplotts aus Politikern und Powerplayers der “Neokonservativen Bewegung” (“Neocons”), die Amerikas Macht zur Veränderung der Welt einsetzen wollen, und die seit dem ersten Golfkrieg 1991 von einer Befriedung und Demokratisierung des Nahen Osten durch eine Irakinvasion träumen – darunter Cheney, Libby, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, dessen Vize Paul Wolfowitz, aber auch Lobbyisten wie Richard Perle (Spitzname: “Prinz der Finsternis”). Chancenlos in der Clinton-Ära versammelten sich die allesamt von Bush rekrutierten “Irakkrieger” im Jänner 2001 zur ersten Außenpolitik-Strategiesitzung. Thema Nr. 1: Die Ausschaltung Saddams. Nach fruchtlosen Debatten über mögliche Strategien gab der Twin-Tower-Jumbohorror in New York und die Attacke auf das Pentagon den Neocons Aufwind: Das Pentagon brannte noch, als Rumsfeld einen Schlachtplan gegen den Irak (!) in Auftrag gab, Wolfowitz warb bei einer Krisensitzung auf Camp David am Wochenende nach dem Al-Qaida-Terrorschlag, so Starjournalist Bob Woodward in dem Bestseller “Bush at War”, so vehement für einen Militärschlag gegen den Irak, dass ihm Bush sogar kurz Redeverbot erteilte. “Doch die Saat war erfolgreich gesät”, so das US-Magazin “Vanity Fair”. Bush hatte Perle anvertraut, dass nach einem Erfolg in Afghanistan gegen die Taliban und Al-Qaida der Irak an der Reihe sei. Seinem Terrorzar Richard Clark etwa hatte Bush wütend aufgetragen: “Finden sie raus, dass der Irak hinter 9/11 steckt”!
Cheneys Büro im West Wing des White House wurde zur Drehscheibe des Kriegslügenskandals – und Libby zur Zentralfigur. Libby war auch treibende Kraft in einem weitere Propagandaorgan, der eigens kreierten “White House Iraq Gruop” (WHIG), der auch Bush-Topberater Rove, angehörte: Dort vertraute man lieber den Horrorstories der Oppositionsgruppe “Iraqi National Congress” (INC) des in Jordanien wegen Korruption zu langjähriger Haftstrafe verurteilten Exil-Irakers Achmed Tschalabi, als den vorsichtigeren Analysen des US-Geheimdienstes CIA. Ein weiterer Cheney-Berater, Nahost-Experte John Hannah, fungierte als Bindeglied zwischen Tschalabi und der WHGI. Ein Lobbyist für den INC gab zu, den Irakern gesagt klar gesagt zu haben, wie er ihren Wunsch nach einem Sturz Saddams am besten umsetzen könnte: “Bring mir alles, was ihr in Sachen WMD und Verbindungen zu Al-Qaida habt – die Bush-Regierung ist daran sehr interessiert”. Klar: In der Welt nach dem Horror des 11. September, oder Nine-Eleven (9/11) in den USA, würden die von Cheney und der damalige Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice gefürchteten “Atompilze über amerikanischen Metropole” für Panik sorgen. Heute weiß sogar das Pentagon: “Praktisch alle Informationen von Tschalabis Zeugen waren unglaubwürdig oder wertlos”, so einer der vielen Revisionsberichte über die WMD-Blamage.
Als der populäre wie global respektierte Außenminister, General Colin Powell, vor der UNO für Bush & Co die Argumente für eine Irakinvasion gegenüber einer skeptischen Welt vortragen sollte, hatte Libby einen 48 Seiten langen “Redeentwurf” vorgelegt, voller wilder Stories über Saddams Giftgaslager, Labors, Zentrifugenankäufe für die A-Bomben-Produktion, unbemannte Drohnen, Mittelstreckenraketen. Koautor war Hannah. Als Libby bei einem Treffen des Kriegskabinett wenige Tage zuvor die Anklage gegen Saddam vorgetragen hatte, ratterte er eine endlose Litanei an Gerüchten, Spekulationen und Annahmen herunter, “wie die Speisekarte in einem Chinarestaurant”. Eine weitere treibende Kraft hinter den Endzeit-Dokumenten über Saddams angeblich apokalyptisches Zerstörungspotential ist die von Neocon Douglas Feith übersehene Pentagon-Geheimdiensttruppe “Defense Intelligence Agency” (D.I.A.). “Gestapo Abteilung”, wurde die Truppe abfällig von Powells Leuten bezeichnet: Verlässlicher als die CIA lieferten die Militärspione genau die “Beweise”, die Bush & Co zur Argumentation brauchten. 
Powell verwirft Libbys “Wäschezettel” jedoch und startet seine Redevorbereitung mit Hilfe der CIA in dessen Headquarter in Langley, Virgina, neu. Doch auch dort sind die Infos so vage, dass Powell einmal in einem Anfall an Frustration einen Papierstoß in die Luft wirft und brüllt: “Das ist doch alles Scheiße!” Libby ist stets an Powells Seite, um klarzustellen, dass die wüstesten Vorwürfe gegen Saddam in die Rede aufgenommen werden. Es ist ein ständiger Machtkampf zwischen dem Kriegsskeptiker Powell und den Neocons, mit Libby als Frontmann, und dem Cheney als Strippenzieher. “Ich weiß, dass Sie das alles wieder rausgestrichen haben”, sagt Libby einmal frech zu Powell: “Aber ich werde das alles wieder hinein reklamieren”. Einmal nimmt Cheney Powell in einem Gang außerhalb des Oval Office zur Seite. “Sie haben Popularitätswerte um 70 Prozent”, sagt der Vize: “Sie werden es überleben, wenn sie ein paar Punkte verlieren, sollte nicht jedes Detail stimmen”.
Neben dem WMD-Horrorstories ist für Cheney Kriegsargumentation weiters zentral, das er Saddam mit dem 11. September in Verbindung bringt. Nimmermüde zitierte er einen Bericht des tschechischen Geheimdienstes, der längst von der CIA als Irrtum enttarnt worden war: Demnach hätte sich 9/11-Todespilot Mohammed Atta in Prag mit irakischen Agenten getroffen, behauptet Cheney, obwohl Atta nachweislich zum Zeitpunkt des Treffens in den USA weilte. Powell weigerte sich, Cheneys 9/11-Connection wiederzugeben, trotz einem regelrechten Telefonterror bis in die frühen Morgenstunden. Powell holte sich für den Wahrheitsgehalt seiner Rede von CIA-Chef George Tenet eine Garantieerklärung ein. “Für jedes Wort kann ich mich verbürgen”, hatte der gesagt und die Arme theatralisch in den Hände geworfen. “Tenet hat seine eigenen Agenten im Stich gelassen”, so Jim Bamford, Autor des Bestsellers “A Pretext to War”: “Er ist ein Typ der gerne harmonisiert – und er mochte Bush persönlich recht gerne”.
Powells Rede am 5. Februar vor der UN-Generalversammlung in New York beschreibt sein damaliger Stabschef Larry Wilkerson als “tiefsten Punkt meiner ganzen Karriere”. Besonders peinlich: Die präsentierten Zeichnungen von Saddams angeblicher, mobiler Giftgaslabors, die den Erzählungen eines irakischen Zeugen, Codename “Curveball” entstammten, den die CIA rasch als “plumpen Lügner” und Aufschneider enttarnten, doch dessen Stories über die INC in Cheneys Büro landeten. “Die Kabalen Cheney und Rumsfeld hatten immer wieder im Alleingang Entscheidungen getroffen, von denen der Rest des Teams oft gar nicht wusste, das sie getroffen wurden”, rechnete Wilkerson vor wenigen Tagen mit dem Bush-Kriegsrat ab. Und der Präsident? “Der zeigte sich wenig interessiert”, so der Powell-Mann, “da er sich in Sachen Außenpolitik nicht recht auskennt”. Ohnehin vertraute der “wiedergeborene Christ” lieber auf den lieben Gott: Bob Woodward vertraute Bush an, in Sachen Irak nicht auf seinen leiblichen Vater, Vorgänger und Golfkrieger I, sonderen einen “höheren Vater” zu hören. Einem palästinensischen Verhandler hatte er, so eine vor kurzem ausgestrahlte BBC-Doku mit der Aussage verblüfft, Gott höchstpersönlich habe ihm die Irak-Invasion angeraten.
Das Motto von Cheneys Irakkriegstreibern tauchte im Vorjahr in einem Geheimmemo eines Bush-Treffen mit Briten-Premier Tony Blair auf: “Der Krieg gegen den Irak ist beschlossene Sache – die Fakten müssen dem angepasst werden”. Der Machtkampf zwischen der vorsichtigeren CIA und dem Büro Cheney eskalierte dabei: Alles Spione, die zur Vorsicht mahnten, mussten auf Vordermann gebracht werden, mindestens zehn Besuche statteten Cheney und Libby dem Geheimdienst ab.
Mitunter war der Druck erfolgreich: Die CIA behauptete etwa, dass der Irak aus China gekaufte Aluminiumrohre für Zentrifugen zur Plutoniumgewinnung verwende, was von Experten des “State Department” prompt als “Unsinn” bezeichnet worden war, da die Dimension der Rohre zu keinen bekannten Modell gepasst hätten. Wolfowitz kam der CIA zur Hilfe: Nach Aussage des INC-”Experten” Khidir Hamza, der nie in seinem Leben eine Zentrifuge gebaut hatte, wären die Rohre “sehr wohl geeignet” gewesen, zirkulierte er. Tage später erschien die Story in der “New York Times”. Die Autorin: Judith Miller, deren enge Beziehung zu Libby im Plamegate-Skandal offensichtlich wurde – und die mit einer Serie alarmierender, doch letztendlich falscher WMD-Horrorstories das Image des Renomierblattes schwer ramponiert hatte.
Cheney war 2002, und hier beginnt der Plamegate-Thriller, auf noch eine Story aufmerksam geworden: Kurz nach 9/11 hatte Italien einen Report an die CIA übermittelt, wonach die Iraker 1999 im Afrikastaat Niger eingereichertes Uran, “Yellow Cake” im Fachjargon, gekauft hätten. Auch dieser Report war von CIA-Profis rasch als auf plumpen Fälschungen basierend verworfen worden. Cheney wollte dennoch, dass die CIA dem “weiter nachgeht”, wie er anordnete. Die CIA beauftragte Ex-Botschafter Wilson mit Vorortrecherchen. Wilson konnte den Urankauf nicht bestätigen und teilte das der CIA mit, mit der Annahme, die würden das Ergebnis an Auftraggeber Cheney weiterleiten: Stattdessen wiederholte Präsident Bush in seiner State-of-the-Union-Rede im Jänner 2003, zwei Monate vor der Irakinvasion, den längst entkräfteten Vorwurf, wonach Saddam gerade “große Mengen an Uran aus Afrika” gekauft hätte.
Als sich Wilson gegenüber eines New-York-Times-Kolumnisten über die “Kriegslügen” Anfang Mai beschwerte, bliesen Cheney & Co zum Rachfeldzug gegen den aufmüpfigen Diplomaten. Und besonders Libby, so Fitzgeralds 22 Seiten lange Klagsschrift, ließ sich zu einem regelrechten Amoklauf hinreißen, der ihn nun schlimmstenfalls für 30 Jahre hinter Gitter bringen könnte: Am 29. Juni verlangte er von seinem Mitarbeiter Marc Grossman Details über den Wilson-Trip nach Afrika, elf Tage später ließ er sich CIA-Geheimdokumente in sein Büro faxen. Am 11. Juni erfuhr Libby erstmals von Grossmann, dass Wilsons Frau, Valerie Plame, bei der CIA arbeite, und bei der Selektion ihres Mannes als Afrika-Fact-Finder behilflich war. Am Folgetag – und das ist die Enthüllung mit der größten politischen Sprengkraft – bestätigt niemand geringerer als der Vizepräsident der USA, Dick Cheney: Valerie Plame arbeite bei der CIA-Spezialabteilung zur Abwehr der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, kein großes Geheimnis ist auch, das fast alle dieser Mitarbeiter “under cover” arbeiten und die Enttarnung solcher CIA-Leute in den USA ein Verbrechen darstellt. Laut Libbys Notizen hätte Cheney die Informationen vom damaligen CIA-Chef George Tenet erhalten, doch Ex-CIA-Beamten halten das allesamt für eher unwahrscheinlich. Libby hat nun offenbar genug Infos, um seine Kampagne gegen Wilson zu starten: Am 23. Juni erzählt er “Times”-Reporterin Judith Milller von Plames Rolle. Nachdem Wilson sich am 6. July in einem New-York-Times-Zeitungsbeitrag offen über die Atomlügen der Bushkrieger beschwert, trifft sich Libby mit weiteren Reportern. Journalisten berichteten auch, dass Bush-Top-Berater und sein Mann fürs Grobe, Karl Rove, ähnliches zu berichten hatte. Doch Ermittler Fitzgerald fand gegen “Official A”, wie sie ihn kryptisch in der Anklage nennen, zu wenige Beweise, um ihn ebenfalls anzuklagen. Am 14. Juli nennt schließlich der rechte Kolumnist Bob Novak Valerie Plame in einer Kolumne beim Namen, und provoziert einen Sturm der Entrüstung wegen der üblen Bush-Rufmord-Methoden gegen Kritiker.
Ausblick.

# 10. Oktober: Bode Millers Bruder ringt mit dem Tod


Schauplatz des fast fatalen Chrashes des Extrem-Snowboarders und Bruders des Weltcupstars Bode Miller wurde die Dyke Road, eine enge Landstraße im New-Hampshire-Nest Sugar Hill, ganz nahe des Miller-Heimatortes Franconia. Gemeinsam mit seinem Freund Mike war Chelone Miller auf seinem Motorrad durch die Idylle des Neu-Englandstaates gerast, als sich Mike um exakt 15.30 Uhr Ortszeit, vergangenen Donnerstag, umdrehte und seinen Freund nicht mehr sah. Er fuhr zurück und fand Chelone, 22, im Straßengraben, den Kopf neben einem Felsbrocken, aus einer riesigen Kopfwunde quoll Blut. Hauptabschürfungen am ganzen Körper zeigten, dass er mit hoher Geschwindigkeit über den Asphalt geschlittert sein muss. Er trug keinen Sturzhelm.
Eine Stunde habe die Rettungsaktion dann gedauert, sagt Vater Woody: “Als sie in einem nahen Spital dann nach einem “MRI”-Kopfscan eine Gehirnblutung und -schwellung feststellten”, so der schockierte Vater, hatten sie ihn sofort mit einem Helikopter in das Dartmouth-Hitchcock Medical Center in Lebanon, einer Kleinstadt gut hundert Kilometer vom Unglücksort entfernt, geflogen. Biker-Buddy Mike persönlich hatte Woody Miller die Nachricht vom Crash seines Sohnes überbracht, sagt er: “Der sah mich auf der Straße und stammelte weinend, dass Chelone schwer gestürzt war”. “Er sagte zwar”, so Miller weiter, “Chelone sei halbwegs o.k., aber er hatte diesen furchtbaren, besorgten Gesichtsausdruck”. Sofort rief er Sohn Bode an, der sich in New York City wegen mehrerer Medientermine aufhielt.
Im OP des Spitals kämpfen Spezialisten währenddessen um das Leben des Extremsportlers. Bereits bei der Einlieferung kam die erste Hiobsbotschaft, so Miller senior: “Eine Pupille sei fixiert und reagiere nicht, sagten die Ärzte – ein schlechtes Zeichen, das auf permanente Gehirnschäden hindeute”. In einem zwei Stunden langem Eingriff entfernten die Ärzte ein “mindestens zehn Zentimeter langes Stück” (Miller) der Schädeldecke, um dem angeschwollenen Gehirn mehr Raum zu geben und den Druck auszugleichen. Auch die Blutung wurde gestillt. Seither seien die Prognosen optimistischer, so der Vater: “Die Hoffnung ist groß, dass keine Dauerschäden bleiben”. Auch habe Chelone bereits auf erste Anweisungen des Personals reagiert, etwa eine Hand gedrückt, oder mit den Augen gezwinkert. Es scheint, als habe er seinen Lebensmut nicht verloren, so Miller: “Einmal versuchte er, sich die Schläuche runterzureißen – er will wohl schnell wieder auf die Piste”. Die Ärzte gaben ihm Beruhigungsmittel.
Bode Miller ist so schnell er konnte zu seinem Bruder geeilt und verbringt die meiste Zeit im Spital an seiner Seite. Den Flug zum Weltcup-Auftakt hatte er verschoben, zuerst um einen Tag, Montags, nach einem Rückfall seines Bruders, auf unbestimmte Zeit. “Die Ärzte machen sich Sorgen um eine mögliche Lungenentzündung”, erzählt sein Vater besorgt bei einem weiteren Telefonat aus dem Spital: “Sie geben ihm Antibiotika”. Ein weiteres alarmierendes Zeichen: An den Beinen seien Blutgerinsel entdeckt worden, so Woody Miller. Bode debattiert zu diesem Zeitpunkt aufgeregt die letzten schlechten Nachrichten mit einer Krankenschwester.

# 15. Oktober: Mrs. Telekom als neue US-Botschafterin in Wien

Ein bisschen nervös ist Susan Rasinski McCaw schon, die Investmentbankerin aus Kirkland nahe Seattle, Gattin des milliardenschweren Handy-Pioniers Craig McCaw und ab Jänner 2006 Botschafterin der Supermacht USA in der Wiener Boltzmanngasse. Als sie im holzgetäfelten Saal des “Dirksen”-Gebäudes, unweit dem Kuppelbaus des Kapitols in D.C., Platz nimmt, bangt die attraktive 43-Jährige mit blonder Haarpracht im trendy Stufenschnitt und goldbesticktem Wollkostüm: Werden sie unerwartete “Prüfungsfragen” der wortgewaltigen Senatoren aus der Bahn werfen? Und noch wichtiger: Werden ihre drei Kinder, Reid (3), Julia (5) und Chase (7), die stundenlange Prozedur ohne lautstarken Aufstand durchstehen?
Natürlich geht alles gut: Mrs. McCaw überzeugt die Senatoren, schwärmt, wie sie sich bei ihren ersten Besuchen vor 25 Jahren in “Schönheit” und “Kultur” der Alpennation verliebte, erläuterte, wie sie das demolierte US-Image durch einen Dialog vor allem mit Österreichs Jugend wieder reparieren wolle. Und sie pariert die Fragen des rechten Senators Norm Coleman nach dem Aufstieg der “Extreme Right” in “Ostria” um diesen “Heeder” mit Fachwissen: “Haider hat seinen Zenit längst überschritten”, kontert McCaw mit weit präziserer Aussprache des BZÖ-Führernamens: Heute sei der eher nur mehr Randproblem. Und die Kinder: Brav sitzen sie in ihren Stühlen, die Oma hat Malstifte für den ältesten parat, der kleinste wird ab und zu von der Nanny nach draußen getragen, Julia tut artig sogar so, als folge sie dem langatmigen Senats-Prozedere aufmerksam (Kinder anderer zum Hearing geladener Kandidaten sind da schon eingenickt).
McCaws Bestätigung durch den US-Senat gilt als Formsache und die als äußerst kompetent und freundlich beschriebene Absolventin der kalifornischen Eliteuni Stanford wird die Serie attraktiver Powerfrauen in der Wiener US-Botschaft als Nachfolgerin von Helene von Damm, Swanee Hunt und Kathryn Walt Hall fortführen – und im Jänner den Whiskey-Millionär Lyons Brown ablösen. “Ich freue mich enorm”, strahlt sie: “Die ganze Familie ist schon total aufgeregt”. Gatte Craig (55) verrät, dass sie sich auch auf den Wintersport freuen: “Vor allem die Kinder sind begeisterte Schifahrer”, sagt er am Rande des Hearings.
Wer ist Susan McCaw? Die Kalifornierin absolvierte sie die Eliteunis in Standford und Harvard. Im Hearing verwies sie auf ihre über 20-Jährige Wirtschaftserfahrung: Sie arbeitete als Analystin für “McKinsey & Company” in New York und Hongkong, fungierte als Präsidentin von “COM Investments”, Partner in “Eagle Creek Capital”, sowie in der Führungsetage der Investmentbank Stephens & Company in San Franzisko. 1997 lernt sie Craig McCaw beim berühmten “AT&T Bebble Beach Golfturnier” kennen, einen introvertierten Mann mit Legasthenie, der es mit dem Verkauf des ersten US-Mobiltelefonnetzes an AT&T zum Milliardär brachte, ein Vermögen, von dem auch nach einem 500 Millionen Dollar teuren Rosenkrieges mit Ex-Gattin Wendy Petrak noch genug übrig blieb. Susan, und vor allem auch die drei im Zweijahrestakt geborenen Kids, hätten aus Craig einen “neuen Menschen gemacht”, so Geschäftspartner Robert Ratcliffe.
Im Gegenzug eröffnete sich für Susan eine Glitzerwelt unvorstellbaren Reichtums, die Craig trotz kolossaler Pleiten (einmal scheiterte der Plan, mit 800 Satelliten die Erde mit totalem Kommunikationsservice zu bedienen), schaffte: Die McCaws residieren in einer 1.114 Quadratmeter großen Villa im Seattle-Nobelviertel Hunts Point in der idyllischen Bucht des “Pudget Sound”, einer ihrer Nachbarn ist der reichste Mann der Erde, Bill Gates (der auch ein guter Freund der Familie ist). Die Mega-Villa hatten die McCaws von Instrumentalmusiker “Kenny G.” erworben. Auch sonst steht ihnen eine ganze Armada sündteurer Fortbewegungsmittel zur Verfügung – darunter Rennwagen, Sportyachten und Privatjets. Wie viele von Amerikas Superreichen sind die McCaws spendabel: Geholfen werden armen Kids beim Lesen- und Schreiben-Lernen in den USA, vergeben werden Minikredite in Indien und Afrika. Craig McCaw verhalf sogar dem nach dem Filmhit “Free Willy” weltberühmten Wal Keiko zur Freiheit.
Gespendet haben sie eifrig auch Kriegspräsident George W. Bush: Im Sommer des Vorjahres drängten sich 600 reiche Bush-Fans in ihrem Anwesen, die alle 2000 Dollar in die Wahlkampfkasse zahlten, die neue US-Botschafterin sammelte selbst 200.000 Dollar, darf sich fortan stolz “Ranger”, so der Ehrentitel für eifrige Bush-Helfer, nennen – und wurde nun mit dem Botschafterposten im “Sound-of-Music”-Staat belohnt. Bush & Co sind bekannt dafür, dass sie bei der Vergabe der Botschafterposten kaum auf diplomatische Brillanz setzen.
Craig und Susan werden jedoch ab Jänner die nächsten Jahre eine Transatlantische Longdistance-Ehe führen: Der nimmermüde Geschäftsmann baut gerade mit der Firma “Clearwire Corp” ein neues, drahtloses Internet-, Entertainment- und Telefonieimperium auf. “Ich habe zwar auch Geschäftsinteressen in Europa”, sagt er: “Doch die Zentrale ist in Seattle – ich werde wohl oft hin- und herjetten”. In Sachen Treue braucht sich die neue Mrs. America da wohl wenig Sorgen machen: “Craig hat zwei Frauen in seinem Leben kennengelernt”, scherzt Bruce, einer seiner drei Brüder: “Und beide hat er geheiratet”.