# 15. April: Inside Irans Atom-Stätten


Die Alarmglocken über Irans A-Bomben-Pläne schrillten diesmal aus dem All: Von der US-Gruppe “Institute for Science and International Security” (ISIS) ausgewertete Satellitenbilder der Atomanlagen des Mullah-Staates zeigen massive Ausbauarbeiten – und eine Verstärkung der Verteidigungseinrichtungen, nachdem in der US-Kapitale Washington immer detailliertere Bombardement-Pläne zirkulieren. Öl ins Feuer goss vergangene Woche Irans “Dr. Seltsam”, Hardline-Präsident Mahmoud Ahmadinedschad, als er in einem Volksfest die erste erfolgreiche Anreicherung von Uran und den Aufstieg des Iran in den exklusiven Klub der Atomstaaten verkündete.
Nun fragt die Welt noch banger: Wann testen die Iraner ihre erste A-Bombe? Detaillierte Reports von US-Think-Tanks und Informationen von Überläufern lassen einen Blick inside Ahmadinedschads Atomlabors zu. Entscheidend für den Bau der ersten Mullah-A-Bombe ist die Urananreicherung. Der Iran gab zu, 37 Tonnen von Urankonzentrat (“Yellow Cake” im Fachjargon) in den Rohstoff der Anreicherung, Uranhexaflorid (UF6), umgewandet zu haben. UF6 wird dann in Gas verwandelt. Die Anreicherung des für AKW-Treibstoffe wie Bombenmaterial notwendigen Isotop 235 von 0,7 Prozent in Rohuran auf fünf Prozent (AKW) oder bis zu 90 Prozent (A-Bombe) erfolgt in Gaszentrifugen – zuletzt 164 Stück wurden für Irans erste Urananreicherung verwendet. “Die Anlagen für die Herstellung von Brennstoff und der weiteren Anreicherung zu waffentauglichem Material sind jedoch die gleichen”, warnt Ex-IAEO-Chef Hans Blix. In der Atomfabrik Natanz sollen riesige Turbinenanlagen mit 54.000 der teuren Präzisionsmaschinen entstehen, deren Output für den Bau von 20 A-Bomben pro Jahr reichen könnte.
Pläne für Turbinen hatte Teheran von Pakistans, unter Hausarrest stehender Nuklear-Exporteur Abdul Qadeer “QA” Khan erhalten haben, darunter auch die des weit effizienteren Modells P2. Iran beteuerte stets, das P2-Projekt aufgegeben zu haben. Doch jetzt, nach Ahmadinedschads Urananreicherungs-Coup glauben immer mehr Experten, dass der Iran ein zweites, völlig geheimes Projekt betreibe: Das P2-Modell, schlanke Zylinder und hohen Rotationsgeschwindigkeiten, ist gegenüber dem P1-Vorgänger derart fortgeschritten, dass eine Vervierfachung von Irans Anreicherungsvolumen für das seltene Urankomponente 235 möglich wäre und alle Prognosen über das Datum der A-Bomben-Fertigstellungen weit nach vorne revidiert werden müssten. “Über das Szenario eines High-Tech-Geheimprogrammes muss sich die Welt ab sofort ernsthaft Sorgen machen”, so ISIS-Chef David Albright. Experimentiert hat der Iran aber auch mit der Uran-Anreicherung durch Laser, so der Chef der UN-Atombehörde IAEO, Mohammed El-Baradei.
Tony Cordesmann, Autor einer 110 Seiten langen Studie über Teherans Atomprogramm für das “Center for Strategic and International Studies” (CSIS), sieht dies Strategie des “vernebelten Atombombenbau”: “Das Programm soll so geheim und nach außen hin so verwirrend wie möglich wirken, um durch einen Mangel an Beweisen UN-Sanktionen oder gar US-Militärschläge zu vereiteln.” Dazu kommt eine – besonders nach dem Massenvernichtungswaffenfiasko im Irak – vehemente Debatte über die Verlässlichkeit von abgesprungenen, iranischen Insidern, “Hineinmarschierer”, so im Geheimdienstjargon, die in Botschaften Geheimdokumente übergeben. Am umstrittensten: Ein Laptop-Computer, übergeben an deutsche und amerikanische Geheimdienstler von einem Iraner, mit tausenden Seiten technischer Daten und komplizierter Blaupausen, dazu “Beweise “ über die Existenz einer völlig geheimen Urangasanlage am Gelände der Firma Kimeya Madon und Skizzen, wie die Iranmittelstreckenrakete “Shahab III”, die für den Transport eines Atomsprengkopfes umgerüstet werden könnte. Der Codename des Geheimprojektes lautete “Projekt 110”. Starjournalist Seymour Hersh, dessen Dossier über die US-Kriegsplanungen zuletzt weltweit für Panik sorgte, zitiert jedoch Insider, die an der Laptop-Story zweifeln. Das wirke doch alles zu “perfekt”, so CIA-Leute.
Irans Atomprogramm umfasst dutzende Anlagen weit verstreut im Mullah-Staat, darunter der wichtigsten:
# Bushehr: Irans erstes AKW (1000 Megawatt) soll – begonnen in den 70igern von den Deutschen und jetzt fertiggestellt mit russischer Hilfe (samt der Lieferung von 90 Tonnen an Brennstäben – dieses Jahr in Betrieb gehen. Während US-Diplomaten befürchten, dass Bushehr Plutonium für 30 A-Bomben pro Jahr abwerfen könnte, wiegeln UN-Experten á la Blix ab: “Solche Reaktoren sind für Waffenproduktionen nicht besonders gut geeignet – es ist nicht ausgeschlossen, aber enorm schwierig”. Der Iran rechnet jedenfalls mit einem möglichen Angriff: Rund um die Anlage wurden mehrere Batterien an Boden-Luft-Raketen installiert.
# Arak: Nach dem Überlaufen von Insidern musste Teheran zugeben, dass es dort mit dem Bau eines Schwerwasserreaktors, namens “IR-40”, begonnen hatte. Die Enthüllung sorgte für Panik unter Waffenexperten: Anders als Leichtwasser-AKWs, wie Irans Bushehr-Reaktor, fallen bei dieser Reaktortype hohe Mengen an Plutonium ab, dass auch für Bomben verwendet werden kann.
# Esfahan: Im größten der iranischen Atomanlagen werken 3.000 Menschen, viele an der Herstellung von Uranhexaflurid (UF6). 85 Tonnen UF6 wurden dort bis 2006 hergestellt, genug Rohmaterial für 15 Atombomben. Esfahan mit den weitverzweigten Anlagen und Fabriken für Irans “Shahab”-Raketenprogramm wäre ein Topziel für US-Luftschläge.
# Natanz: Acht Meter unter Grund, hinter 2,5 Meter dicken Betonwänden liegt eine Zentrifugen-Riesenhalle zur Urananreicherung – eine der strategisch wichtigsten Anlagen des iranischen Atombombenprogrammes. Der Superbunker, gegen den US-Kriegsplaner laut Hersh selbst mit Atombomben vorgehen wollten, bietet Platz für 54.000 Zentrifugen, genug für den Fertigung von 20 Nuklearsprengköpfen pro Jahr. Oppositionelle behaupten, dass nahe Natanz in zwei Dörfern, Lashgarabad und Ramandeh, ebenfalls, hinter Orchideenheinen Zentrifugen-Anlagen versteckt sind, die nach einer Attacke auf Natanz die Urananreicherung aufnehmen könnten.
# Dazu soll es Baupläne eines 400 Meter tiefen Tunnels geben, mit ferngesteuerten Sensoren zum Messen von Temperatur und Luftdruck. US-Geheimdienste glauben, die Anlage wird für einen geplanten Atom-Test gebraucht. “Die Schematik der Anlage entspricht exakt dem eines A-Testgeländes”, so ein US-Geheimdienstler zur “Washington Post”. Und: Beobachterstände waren in einem Abstand von zehn Kilometer (!) vorgesehen.
Die Breite der Schätzungen, wann Teheran die erste Bombe testen könnte, demonstriert mangelndes Insiderwissen der Geheimdienste. Während ISIS-Boss Albright von bloß sechs Monaten spricht (sollte der Iran bereits auf vier Prozent angereichertes Uran herankommen) kalkuliert die CIA eher auf fünf bis zehn Jahre. al-Baradei kommentierte trocken: “Es ist nur eine Frage der Zeit – sie haben das Know-How und die Infrastruktur”.

# 11. April: US-Geheimkommandos im Iran?


Es ist ein düsteres Szenario, das US-Aufdeckungsjournalist Seymour Hersh auf gut zehn Seiten im Wochenmagazin “The New Yorker” beschreibt: Undercover-Einheiten der US-Armee, die im Iran bereits eifrig mögliche Bombenziele auskundschaften, Planer des Militärs und der Geheimdienste, die Tag und Nacht über den Details brutaler Bombardierungs-Serien inklusive taktischer A-Bomben von über 400 Zielen brüten, die alten Bush-Krieger, die von Vize Dick Cheney bis Verteidigungsminister Donald Rumsfeld mit wüsten Tiraden Stimmung gegen den Iran und seinen neuen Hardline-Präsidenten Mahmoud Ahmadinedschad machen – und dazu Präsident George W. Bush, der mit “messianischem Eifer”, so einer von Hershs Informanten, sich diesmal mit der Ausschaltung eines neuen Hitler doch noch seine Platz in den Geschichtsbüchern sichern will.
Krieg gegen den Iran, mit dem Großteil der US-Armee festgefahren in Iraks immer bürgerkriegsähnlicheren Morast? Ein weiterer militärischer Alleingang der USA, ein neuer Krieg ohne UN-Resolutionen? Ob wir gar eines Morgens zu “Breaking News” über beginnende US-Luftschläge aufwachen, wollte ich von Hersh wissen: “So schnell wird es nicht gehen, da gibt es schon noch ein Hin- und Her vor dem UN-Sicherheitsrat – aber der Wille, den Iran notfalls militärisch entgegenzutreten ist bei Bush & Co unübersehbar”. Hershs Story hat weltweit Entsetzen ausgelöst, nachdem der Journalist, der zur Zeit Watergate-Aufdecker Bon Woodward den Rang abläuft, mit einer Serie von Enthüllungen, darunter den Abu-Ghraib-Folterskandal, für Furore sorgte und auch die renommierte “Washington Post” ebenfalls über die Planungsarbeiten im Pentagon berichtete. Und noch Besorgnis erregender: Keine der Fakten in Hershs Dossier, prägnant getitelt mit “Die Iran Pläne”, wurde vom White House dementiert, der Präsident lamentierte bloß über “wilde Spekulationen in den Zeitungsberichten”.
Was meist anonyme Informanten dem Aufdecker zuspielten rechtfertigt die Panik rund um den Globus über einen US-Präsidenten, der aus Stanley-Kubriks Kultstreifen “Dr. Seltsam” entstammen könnte. Bush hält Ahmadinedschad für einen “neuen Hitler”, sich selbst für den einzigen, der den Mumm habe, Irans Pläne zum Bau einer Atombombe mit Militärgewalt zu vereiteln, bevor er durch “Schwächlinge”, egal ob Republikaner oder Demokrat, 2009 abgelöst wird. Er betrachte Iran als seine “Legacy”, seinen Eintrag in die Geschichtsbücher, so ein Pentagon-Insider (nachdem der in Sachen Irak inzwischen ein höchst negativer sein wird, wird auch geätzt). Bushs Berater – ein gruseliges Déjà Vu zur Naivität der Neokonservativen “Väter der Irak-Invasion”, die von Blumensträußen an die US-Befreier träumten – glauben, dass ein US-Bombardement einen Volksaufstand gegen das Mullah-Regime provozieren würde. “Was rauchen die?”, zitierte Hersh einen fassungslosen Militärplaner. Andere Informanten fügen an, dass der Atomstreit bloß ein “Aufhänger” für die breitere militärische Neugestaltung des Nahen Osten durch die Bush-Krieger sei.
Die Planungsarbeiten für Luftschläge gegen den Möchtegern-Atomstaat sind bereits weit fortgeschritten: Der pensionierte Militäranalyst Sam Gardiner nannte zuletzt 400 Ziele in und rund Irans Atomanlagen, doch er glaubt, dass die Liste weit länger ist, “darunter zwei Chemiefabriken, Raketenabschussanlagen, Flughäfen, U-Boot-Häfen, um eine Blockade in der Straße von Hormus abzuwenden”.
Am schockierndsten ist ein möglicher Einsatz taktischer Nuklearwaffen, den – trotz wütender Proteste vieler Pentagonplaner – die politische Führung (Bush, Rumsfeld) nicht vom Tisch nehmen will. Top-Leute innerhalb der “Joint Chiefs”-Militärführung hätten bereits mit dem Rücktritt gedroht, so Hersh. Die Nuklearwaffe der “Bunker Buster”-Type B61-11 soll vor allem die Zentrifugenanlage in Natanz, deren 50.000 Maschinen Plutonium für einen jährlichen Output von 20 A-Bomben sorgen könnten, ausradieren: Die Atomfabrik samt Labors 320 Kilometer südlich von Teheran liegt 22,5 Meter unter dickem Fels und damit gut geschützt vor konventionellen Bombardements. Hardliner hätten bei den hitzigen Sitzungen von “harten Entscheidungen” schwadroniert, so der Report, die die USA etwa bereits gegen Japan traf. Andere warnten vor der gigantischen Atompilzwolke, Verstrahlung über Jahrzehnte, massenhaften Zivilopfern. Das sei ja kein Untergrund-Atomtest, wo gerade mal der Boden zittert, so die Skeptiker innerhalb des Pentagon, die, so Hersh, “jedes Mal niedergebrüllt werden”, wenn sie ihr Bedenken äußern. Zynisch genug: Zuletzt hatte sich Rumsfeld den Einsatz von A-Bomben vom Pentagon-Wissenschaftlergremium “Defense Science Board” absegnen lassen, die ihre Hoffnung auf eine Weiterentwicklung der B61 zu “mehr Sprengkraft und weniger Verstrahlung” äußerten.
Dabei bestreitet kaum jemand die Gefahr, die vom Iran ausgeht. Teherans Führung wird innerhalb der Wiener UN-Atombehörde IAEO als “zu hundert Prozent, zertifizierte Verrückte” bezeichnet, schreibt Hersh. Die Inspektoren rund um Boss Mohammed El-Baradei wurden vom Iran derart angeschmiert über die Jahre, dass sie auch ohne US-Druck zuletzt eine harte Linie vertraten und Irans Atom-Versteckspiel an den UN-Sicherheitsrat weiterreichten. Doch wie lange die Mullahs zum Bau ihrer ersten A-Bombe brauchen werden, wird ebenfalls hitzig debatiert: Während Israel, das von Achmadinedschad mit der “Auslöschung” bedroht wurde, von bloß zwei Jahren spricht, hält der Großteil der Geheimdienste eher acht bis zehn Jahre für wahrscheinlich. Doch auch hier würden Bush & Co, wie einst vor der Irak-Invasion, Druck machen, so Hersh: Alle Indizien, die auf eine schnellere A-Bomben-Produktion hindeuten, werden lanziert, Bedenken hingegen heruntergespielt. Kein Wunder: Will Bush den Iran als wichtigstes Präsidentschafts-Erbe verzeichnen, hat er nur mehr gut 1.000 Tage Zeit.