# 12. Juni: Ist Europa Amerika noch wichtig?


Generell werde Europa immer unwichtiger für die Amerikaner, so Politologe Shaun Bowler von der kalifornischen Uni “UC Riverside”: “Die US-Bevölkerung ändert sich durch den Immigrantenstrom aus nicht-europäischen Staaten, die Wirtschaft ist immer mehr nach Asien und Lateinamerika ausgerichtet – und in Sachen Militärmacht und Durchsetzungskraft bei der Entschärfung internationaler Konflikte hat Europa ohnehin wenig zu bieten”. An dieser devastierenden Analyse werde sich auch unter dem (oder der) Bush-Nachfolger(in) wenig ändern, so Bowler. Und der Ausdruck “Old Europe”, mit dem Bushs Krieger vor der Irak-Invasion den Kontinent in gut und böse teilen wollten? “Eigentlich ist für die Amerikaner alles old Europe, ein alter Hut”, fügt der Politologe provokant an. Auch politisch verfolgten beide Seiten völlig konträre Agenden, so Ivo Daalder vom renommierten Think-Tank “Brookings Institution”: “Die USA fokusieren auf den Kampf gegen den Terror oder der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen an Staaten, die ihre Interessen gefährden könnten – Europa auf Umwelt- und Sozialfragen oder Auswüchse der Weltwirtschaft”. Auch zum Erreichen seiner Ziele verfolgten beide Seiten des Atlantiks völlig unterschiedliche Taktiken, so Daalder: “Amerika vertraue auf seine unangefochtene Militärmacht, die EU setzt auf Internationale Institutionen zur Konfliktlösung”. Brookings´ Europa-Experte Philip Gordon hält Amerikas Abkehr von Europa für einen teueren Fehler: “Wir können nicht alles alleine machen – EU-Missionen in Staaten, wie die USA weniger Interesse haben, darunter Bosnien, Mazedonien oder dem Kongo, sind das beste Beispiel für transatlantische Zusammenarbeit”.
Gibt es auch persönliche Abneigungen Bush gegenüber Europa? Vor seiner Übernahme des Oval Office 2001 hatte der Clan-Spross die USA bloß drei Mal verlassen. Bush habe sich das Image eines bodenständigen Texaners angeeignet, so Politologe Bowler, und egal ob echt oder gekünstelt, “so ein Charakter mag europäische Sachen nicht, der trinkt lieber Bier statt Wein, mag keinen Knoblauch, verachtet seine ´gottlosen´ Gesellschaften und so weiter”.

# 12. Juni: Bush: Psychogramm eines Wien-Besuchers

George W. Bush, 59, Spitzname “W”, oder “Dubya”, ist der umstrittenste US-Präsident wohl aller Zeiten, verachtet in praktisch allen Teilen des Globus. In den USA hat der selbstdeklarierte “Kriegspräsident” Popularitätswerten wie Watergate-Präsident Richard Nixon knapp vor seinem Rücktritt. Seit dem High des Texaners nach dem 11. September, als er das geschockte Amerika mit Western-Rhetorik á la “Dead or Alive” aufrichtete, ging es stetig bergab. Mit Angstparolen gelang es Bush zwar 2004 die US-Bevölkerung ausreichend zu verschrecken, sodass sie keinen Neustart mit dem Demokraten John Kerry wagte. Doch seither versinkt der Texaner in seiner zweiten Amtszeit in einer Flut an “bad news” aus dem Irak (mit Ausnahme der Tötung des Terroristen al Sarkawi in der Vorwoche), während seine Republikaner-Partei im Skandalsumpf versinkt. Doch wie tickt der mächtigste Mann der Erde wirklich, der kommenden Dienstag mit Air Force One in Wien einschwebt. Hier ein Psychogramm des Politikers:

Ein Mann Gottes
Bushs Gottesfürchtigkeit ist Legende – und sie beeinflusst seine Politik in einem Ausmaß, dass Kritiker erschaudern lässt, während ultrafromme Fans verzückt sind, “dass zum ersten Mal der Allmächtige im White Oval Office sitzt”, wie eine Frau am Rande einer Wahlveranstaltung jubelte. Tatsächlich: Wenn Bush von “Gottes Willen zur Befreiung der Menschen” spricht, bebt seine Stimme, die Augen weiten sich, wie ein TV-Prediger. “Born again” (Wiedergeboren) benennt sich die in den USA 89 Millionen Menschen umfassende Gruppe fundamentaler Evangelisten, zu der sich Bush nach “seiner Errettung durch den Messiahs” aus dem Alkoholismus exakt an seinem 40. Geburtstag zählt. Das Rückrat von Amerikas Religiöser Rechten nimmt zu 86 Prozent die Bibel sprichwörtlich und bezeichnen sich als “einzig wahre Christen”. Nach seiner “spirituellen Wiedergeburt” fällt Bush eher mit missionarischem Eifer als nüchterner Tatsachenabwägung auf. Ob er etwa seinen Vater, Präsident Nr. 41, um Rat vor der Irakinvasion fragte, wollte Starjournalist Bob Woodward wissen. Er wende sich da lieber an einen “höheren Vater”, kam als verblüffende Antwort zurück.

Möchte es Dad beweisen
Das Schlittern der Supermacht in den Iraksumpf ist auch auf eine simple Familiendynamik zurückzuführen. “Dubya war immer das Schwarze Schaf in der Familie, ein Loser, der Geld versenkte, eine Zeit lang so besoffen und unausstehlich, dass selbst seine Eltern den Kontakt zu ihm abbrachen”, sagt die Autorin der Bush-Clan-Skandal-Bio “The Family” Kitty Kelley. Der Liebling wäre immer Bruder Jeb gewesen, der nach Bush seniors Niederlage gegen Bill Clinton als nächster Politstar aufgebaut werden sollte. Junior plagt immer noch der Drang, es seinem Vater beweisen zu müssen, vor allem wollte er ihm zeigen, wie man im Irak wirklich aufräumt (besonders nachdem Bush I einen Angriff auf Bagdad im ersten Golfkrieg abblies, da er für eine US-Besatzungsmacht im Irak ein zweites Vietnam befürchtete, und seither von den Rechten als “Waschlappen” verhöhnt wurde). Dazu kommt ein tiefer Familiensinn: Saddam, rutsche es Bush mal raus, wollte immerhin “seinen Vater ermorden” (in Anspielung auf ein gescheitertes Mordkomplott bei einem Kuwaitbesuch des Ex-Präsidenten 1993). Der ganze Krieg gegen de Terror basiere auch auf der Tatsache, so Familienfreund Doug Wead, “dass Bush bis heute glaubt, der vierte 9/11-Jumbo hätte in das White House krachen und seinen Frau Laura töten können”. Die Rachsucht und Exekution hemmungsloser Rufmordkampagnen gegen Politgegner muss er sich wohl von Mutter Barbara abgeschaut haben: Die sehe zwar aus wie eine nette Oma, so Kelley, doch sei eine “richtige Gifthexe, eine Perlenketten tragende Version der Chicago-Gangster-Queen Ma Baker”, so die Autorin.

“I am the Decider”
Bush, obwohl geboren in Neu England, passt exakt ins Klischeebild eines waschechten Texaners. Breitbeiniger Gang und eine Armhaltung wie ein Raufbold kurz vor der Schlägerei, dazu simpler Matchotalk gepaart mit absoluten Denkmustern, schwarz-weiß, gut-böse, tot oder lebendig. Zuletzt etwa klärte er die US-Bürger auf: “I am the Decider” (“Ich bin der Entscheider!”) – eine Phrase, die TV-Komödianten tagelang verwerteten und die sogar in einen Rap-Song konvertiert wurde. Doch gleichzeitig finden ihn viele Amerikaner als einfach gestrickten, gottesfürchtigen Typ von Nebenan sympathisch. Und Anfangs hatte man ihm auch abgenommen, dass er sein Wort halte – und ohne Wenn und Aber durchziehe, was er für richtig hält. Ausführlich debattiert wurde Bushs “mangelnde intellektuelle Neugierde”, so Demokraten-Strategen, und seine kurzen Arbeitstage samt Endlosurlauben: Bush beginnt früh, sein Wecker läutet um 5 Uhr, um 7 Uhr gibt es bereits das erste Briefing von Topberatern und CIA-Chef. Dafür ist – anders als unter Clinton, der seine Stab ganz Nächte festhielt, um 18 Uhr Dienstschluss, “Bushie”, wie ihn Laura nennt, knippst um 22 Uhr die Nachttischlampe aus. Bush hasst Debatten, liebt klare, einseitige Zusammenfassungen selbst zu hochkomplizierten Themen, er hasst verachtet Nachrichten und wird deshalb von seinem Stab weitgehend abgeschirmt (erst das Zusammenschneiden von TV-News über Killerhurrikan Katrina auf einer DVD riss Bush aus seiner Lethargie). Seine Urlaube, ausschließlich auf seiner Texas-Ranch im Kaff Crawford, sprengen alle Rekorde: Ronald Reagan 335 Tage in acht Jahren hatte Bush schon im Vorjahr, nach bloß fünfeinhalb Jahren erreicht. Dazu ist Bush ein Fitness-Fanatiker: Das ihm so verhasste White-House-Presse-Corps lädt er gerne bei 40 Grad Hitze zur Rad-Wettfahrt durch die Prärie seiner Texas-Ranch, Schlagzeilen produzieren auch regelmäßig seine Stürze vom Mountainbike.

Keine Gnade – unter Bush zum Folterstaat
Gnade lässt Bush, ganz Texaner, ungern walten: 131 Exekutionen fanden in seine fünf Amtsjahren als Texas-Gouverneur statt, ein Rekord. Mit Gnadengesuchen hielt er sich oft nur wenige Minuten auf. Bushs Hardline-Haltung fand auch unter Aktenzahl 18. U.S.C. 2340-230A unrühmlichen Eingang in die US-Gesetzbücher, als sein damaliger Anwalt, der heutige Justizminister Alberto Gonzales, 2002 die “Genfer Konvention” zur Behandlung von Kriegsgefangenen relativierte: Prompt folgte der Folterskandal von Abu Ghraib, dessen Horrorbilder gequälter Iraker um die Welt gingen. Das Terrorkriegs-Anhaltelager auf dem Kubastützpunkt “Guantanamo Bay” Camp Delta ist – besonders nach den drei Selbstmorden vom Wochenende – inzwischen das vielleicht größte PR-Desaster in der U-Geschichte: 450 Gefangene warten dort seit vier Jahren auf eine Prozess. Für Aufregung sorgten auch geheime CIA-Flüge, besonders kreuz und quer durch Europa, zwischen Stützpunkten eines Untergrundnetzes aus Gefängnissen. “Der Ruf der USA ist deshalb auf lange Zeit ramponiert”, wetterte Vietnamkriegsheld John McCain.

UMWELT/KLIMA:
Bushs Steinzeithaltung in Sachen Umwelt- und Klimaschutz entspricht dem eines texanischen Ex-Ölmannes. Das von Clinton unterzeichnete Kyoto-Kilmaschutzprotokoll setzte er, als praktisch erste Amtshandlung außer Kraft, sukzessive drehte er mit geschäftsfreundlichen Gesetzen das Rad der Zeit zurück, Senatorin Hillary Clinton sah sich bereits am Weg zu den Ökostandards der 60iger-Jahre. Bush, wie auch Vize und ebenfalls Ex-Ölmann Dick Cheney, halten Klimaerwärmung – selbst nach der tödlichen Serie an Monsterhurrikans des Vorjahres – für eine Massenhysterie. NASA-Wissenschaftler wie den Klimatologen James Hansen, die vor dem drohenden Klimagau warnen, lassen Bush-Leute mundtot machen, während der Präsident mit dem Buchautor Michael Crichton, in dessen letzten Thriller “State of Fear” irre, an den Treibhauseffekt glaubende Öko-Freaks brave Amerikaner terrorisieren, fast eine Stunde lang im Oval Office zusammen saß. Einig seien sich die beiden Männer gewesen, so ein White-House-Sprecher, dass die ganze Klimadebatte völlig übertrieben sei.

# 6. Juni: So knackten ein paar New Yorker Anwälte die BAWAG


Es war eines der wichtigsten Meetings in der Britenkapitale London zur Rettung der Bawag –und der durch Serien-Skandalenthüllungen bereits sichtlich abgekämpfte Bank-Boss Ewald Nowotny versuchte zu bluffen. Tage zuvor hatten die aggressive Anwaltskanzlei “Milbank Tweed Hadley & McCoy LLP” eine ruinöse 1,3-Milliarden-Dollar-Klage beim Insolvenzgericht in New York eingereicht – und der Bawag volle Komplizenschaft beim Skandal um das implodierte US-Brokerhaus Refco Inc. angehängt. Nowotny schlug in dem Treffen mit Anwälten einen 300-Millionen-Dollar-Vergleich vor, jammerte, mehr sei nicht drin, da die Bank “praktisch pleite” sei.
Doch die Milbank-Anwälte, angeführt von Star Luc Despins, ein telegener Advokat wie aus der Hit-TV-Serie “L.A. Law”, wussten es besser. Wie das “Wall Street Journal” berichtete, hatte Despins bei einer kooperierenden Kanzlei einen sogenannten “Street Sweep” in Auftrag gegeben, um festzustellen, ob die wankende Austro-Bank genügend “Assets” in den USA habe. Die Anwälte landeten prompt einen Jackpot: 1,2 Milliarden Dollar konnten über eine handvoll Firmen der Bawag zugeordnet werden – genug um Nowotnys Eröffnungsangebot glattweg anzulehnen.
Nur einen Tag später stimmte er im Prinzip einem 683-Millionen-Dollar-Globalvergleich zu, dessen Endfertig nochmals einen ganzen Monat dauerte: Nun zahlt die Bawag kräftig für das Refco-Gläubiger-Komitee, Ex-Refco-Partner “Thomas H. Lee Partners LP”, durch den Skandal geschädigte Aktionäre, sowie Strafgelder an die US-Bundesstaatsanwälte, die im Gegenzug der Bank Straffreiheit versichern. Doch wie wurde die Bank letztendlich von den Amerikanern so flott genackt? Und wer waren die schillerndsten Player in dem Wirtschaftskrimi?
Zum wichtigsten Bawag-Bezwinger wurden Luc Despins & Co, die das Refco-Gläubiger-Komitee, legaler Nachkomme des bankrotten Investmenthauses, vertreten. Anfangs hatte die Bawag und ihre US-Advokaten, allen voran Andrew Levander von der Riesenkanzlei Dechert LLP mit 17 weltweiten Büros, ja noch ganz forsch agiert: Eine Klage auf Rückerstattung des an Ex-Refco-Boss Phillip Bennett (gegen den im Herbst der Prozess beginnt) gewährten 420-Millionen-Dollar-Kredits wurde eingebracht, die Herausgabe an Dokumenten glaubte, wie Gerichtsunterlagen belegen, die Bawag, mit Verweisen auf das österreichische Bankgeheimnis verhindern oder zumindest so lange wie möglich hinauszögern zu können. Das Tauziehen um die Dokumente dauerte exakt vom 5. Dezember 2005 bis zum 21. April, als nach hunderten, oft wütenden Email-, Telefon- und Faxverkehr zwischen den Kanzleien Milbanks Kylie Davidson erschöpft zu Protokoll gab: “Bis heute hat es die Bawag trotz aller Versprechen verabsäumt, irgendwelche Unterlagen zu produzieren”.
Was die Bawag nicht wusste: Despins Team hatten sich da bereits durch tausende Seiten an Refco-Dokumenten gearbeitet, und in einem devastierenden Dossier (ironischerweise als Antwort auf die Bawag-Klage!) Bawags aktive Rolle bei Bennetts Kreditringelspiel zum Verstecken der Refco-Schulden enthüllt. Am fatalsten für die Bawag erwies sich der Email-Verkehr. Dann fand Despins eine äußerst selten angewandte Provision des New Yorker Staatsgesetzes, die das Einfrieren der Assets ausländischer Firmen erlaubt, die nicht in den USA für den Geschäftsbetrieb angemeldet sind. Insolvenz-Richter Norbert Drain ordnete am 25. April genau das an, als – am schwärzesten Tag für die Bawag – Despins seine 1,3-Milliarden-Dollar-Klage einreichte. “Sie standen dann mit dem Rücken zur Wand”, erinnert sich Despins jetzt zurück: “Um zu Überleben, mussten sie rasch vergleichen – und das zu unseren Konditionen”.
Despins Coup platzte mitten in die Verhandlungen auf einem weiteren Rechtsschauplatz, den Sammelklagen von Besitzern von Refco-Aktien und Anleihen, zuletzt angeführt vom Staranwalt Sean Coffey, der mit einem Sechs-Milliarden-Dollar vergleich im Worldcom-Skandal für Furore sorgte. “Milbank hatte leichteren Zugang zu Dokumenten”, sagt er: “Wir haben dann auch die Bawag direkt geklagt, um einen Teil des Kuchens für unsere Klienten zu reklamieren”. Die Verhandlungen, meist per Telefon, wären oft so hitzig gewesen, so Insider, dass brüllende Anwälte mit der “Mute”-Taste am Telefon ruhig gestellt wurden. Einmal hätte Coffey sogar einen Anruf von Bawags Levander erhalten, als er ein Baseball-Spiel der New Yorker Yankees besuchte. “Ich raste sofort ins Büro zurück und brachte alles zu Papier”. Vor zwei Wochen dann tauchte Coffey schließlich mit einem siebenköpfigen Team in Lavanders Kanzlei auf. Der Deal, bei dem die Refco-Anleger 108 Millionen Dollar erhalten, hatte auch beinhaltet, dass Coffey tausende Seiten interner Bawag-Unterlagen durchforsten durfte. Das sei, so der Advokat, die beste Munition für weitere Klagen gegen andere in den Refco-Skandal verwickelte US-Banken.

# 5. Juni: Das Massaker von Haditha

Iman Walid ist neun Jahre alt. Sie wirkt schüchtern, als sie mit leiser Stimme vor laufenden Kameras ihr monatelanges Schweigen bricht: Die Amerikaner sagt sie, und verzieht schmerzvoll das Gesicht, hätten ihren Vater im Schlafzimmer ihres Hauses in der irakischen 90.000-Einwohner-Stadt Haditha getötet: “Dann zündeten sie eine Rakete, die seine Leiche völlig verbrannt zurückließ”, fährt sie fort, während sie mit Haarreifen, Ohrringen und buntem Hemd wie eine Schülerin wirkt, die über Pausenereignisse am Schulhof berichtet. Als nächstes starb ihre Mutter im Kugelhagel ausgerasteter Soldaten der Eliteeinheit der “Marines”, so Iman: “Mein jüngerer Bruder und ich haben uns da schon Kopfkissen vor das Gesicht gehalten, um das nicht mitansehen zu müssen”. Die beiden Kinder hatten sich, noch in ihren Pyjamas hinter dem Bett verkrochen. Was mit den Tätern geschehen soll? “Sie sollen sterben”, lässt das Mädchen im Interview mit der Agentur AP keinen Zweifel daran, dass nur Rachegefühle ihr über den ohnmächtigen Schmerz hinweghelfen.
Vielleicht wird ihr dieser Wunsch sogar erfüllt. Denn US-Armee-Juristen arbeiten unter Hochdruck an “Mord”-Anklagen für die Verantwortlichen des “Massaker von Haditha”, wie US-Medien jenen blutigen Morgen des 19. November in der von Aufständischen oft frequentierten Kleinstadt, 300 Kilometer nordwestlich von Bagdad benannten und bei dem 24 Zivilisten teils im Exekutionsstil vom GIs der “Kilo Company” getötet worden waren. Das Blutbad wächst sich für die US-Irakbesatzer zum schlimmsten Debakel seit dem Horrorbildern des Abu-Ghraib-Folterskandals in 2004 aus. Und Haditha wurde zu einem weiteren Synonym für den “verlorenen Irakkrieg” (Irakkritiker Kongress-Abgeordneter John Murtha), wo sich 138.000 US-Soldaten als Besatzer verhasst – und für die perfiden Taktiken eines brutalen Guerillakrieges kaum ausreichend ausgebildet sehen. Immerhin: Das Gemetzel an Zivilisten ist das schlimmste seit dem im Vietnam-Dorf My Lai, als 1968 GIs bis zu 500 Zivilisten massakrierten.
Der Skandal dürfte die Welt auch weiterhin in seinen Bann – und eventuell Verteidigungsminister Donald Rumsfeld endgültig in den Abgrund ziehen: Noch grauenhaftere Details, Fotos und Videos werden in den nächsten Wochen eingesetzte Kongress-U-Ausschüsse sowie Reports der untersuchenden US-Militärs zu Tage fördern (siehe Kasten rechts). Amerikas Kampf um die “Herze und Hirne” der Iraker, visioniert von Pentagon-PR-Strategen, ist längst im Trommelfeuer täglich neuer Enthüllungen über tödliche Übergriffe durch die immer frustrierteren Besatzungstruppen versandet.
Was passierte in Haditha an jenem wolkenlosen, kühlen Morgen des 19. November 2005? Um 7:15 Uhr explodierte einer der im Irak so zahlreichen wie tödlichen Sprengsätze, “Improvised Explosive Device” (IED) im Militärjargon, unter einem Patroille-Humvee der 13 Männer der Kilo Company. Augenzeuge Thaer Thabit sieht eine Rauchfahne und hört die Amerikaner, angeführt von einem 26-Jährigen Staff Sergeant namens – ausgerechnet – Frank Wuterich schreien: “Fuck! Fuck! Fuuuuck!” Die Bombe tötete den 20-Jährigen, laut dem US-Magazin “Time” “überaus beliebten” Miguel Terrazas. Als erste stoppen seine wütenden Kameraden ein zufällig vorbeifahrendes Taxi. Vier Studenten, angeblich am Weg zur Technischen Hochschule in Bagdad, und der Fahrer, alle zwischen 18 und 25 Jahre, laufend davon und sterben im Kugelhagel. Danach beginnt ein mehrere Stunden dauernder Amoklauf, dessen grauenhafte Details Amerika und die Welt erschüttern:
# Herzzerreißend ist vor allem die Story der 12-Jährigen Safa Younis, die mit ihrer Mutter vor feuernden GIs ins Badezimmer flüchtete. “Mama? Mama!”, schüttelte Safa dann ihre Mutter. Wie in einem Alptraum bemerkt das Mädchen, dass ihre Mutter blutverschmiert und bereits tot ist. Das Mädchen stellt sich nun ebenfalls tot, die Leiche ihrer Mutter obendrauf. Als die Killer gehen, findet sie ihren Vater nahe der Küchentür, ebenfalls voller Einschusslöcher und tot, verstreut in der verwüsteten Wohnung liegen sechs weitere Leichen: Alle ihre fünf Geschwister, sowie ihre Tante. Jetzt beschuldigt sie sich in ihrem ohnmächtigen Schmerz selbst: “Es tut mir so leid, dass ich mich im Badezimmer versteckt habe”, sagt sie in der Wohnung eines Cousins, wo sie heute lebt: “Ich wäre lieber mit ihnen gestorben”. Und die Amerikaner: “Das sind Mörder und Verbrecher”, sagt Safa.
# Jamal Ayed Ahmed hielt sich in seinem Haus mit seinen drei Brüdern und anderen Familienmitgliedern auf, als die GIs die Türe aufbrachen. “Erhab? Erhab?” (Terroristen? Terroristen?) hätten die gebrüllt, sagt Jamals Frau in einem Videointerview für Menschenrechtsaktivisten. “Habt ihr Waffen?”, schrieen die Amerikaner. Die Brüder präsentierten zwei Maschinenpistolen der Type AK-47, mit fünf Kugeln drinnen. Im Geschrei hysterischer Verwandter hallen plötzlich Schüsse. Die vier Brüder wurden tot in einem kleinen Raum aufgefunden.
# Die GIs brachen die Türe des Hauses der Familie Hiba und Rashid Abdullah auf. Im ausbrechenden Chaos hörte Hiba Schüsse und den Aufschrei ihrer Schwiegermutter: “Oh mein Gott!”. Noch mehr Schüsse und Hiba hört nun ihren Mann brüllen: “Sie haben meine Mutter getötet!”. Dann erschossen sie auch seinen Vater, “locker aus der Hüfte in die Brust”, wie sich Hiba unter Tränen in einem auf Video aufgezeichneten Bericht erinnert. Die GIs hätten dann lachend und zufrieden die Toten gezählt, “O.K.” und “gut” gesagt, so Zeugen. Als die sterbende Schwiegermutter nochmals ihre Hand hebt feuert ein Soldat einen letzten Schuss auf die am Boden liegende, ältere Frau.
# Ein von der Renommierzeitung “New York Times” mit Recherchen beauftragter, irakischer Historiker förderte noch mehr grausame Details über Wuterich & COs Amoklauf zu Tage: Unter den Opfern befindet sich etwa der 77-Jährige Hamid Hassan Ali, der in seinem Rollstuhl erschossen wurde, einen Koran in der Hand haltend; ein vierjähriger Bub, eine Mutter und ihr Kind, die sich, so Ermittler, in einer Art Gebetsposition befanden. Einige Opfer seien von den Marines wütend angeschrien wurden, bevor sie das Feuer eröffneten.
Wie konnte das passieren? Die Frage ist in den USA umso schmerzhafter, da das kampferprobte, 180.000 Mann starke “Marines Corops” große Achtung genießt. Doch in immer schaurigeren Details wird berichtet, dass viele GIs durch Dauereinsätze in dem seit 40 Monaten tobenden, zermürbenden Krieg gegen einen meist unsichtbaren Feind zerbrechen. Viele flüchten in Drogen, berichtet “Newsweek”: Benzhexol, sonst ein Mittel gegen Parkinson, wird in starker Überdosierung eingenommen und führt zu Halluzinationen. Andere nehme Steroide, Valium oder Unmengen von Alkohol zu sich. “Da kann es schon mal vorkommen”, erinnert sich ein 17-Jähriger GI, “dass einer mit dem Panzer gleich eine ganze Familie überrollt”. Die Visionen von US-Präsident George W. Bush einer Demokratisierung des Nahen Ostens teilt kaum mehr jemand unter denen, die dafür ihr Leben riskieren müssen. Die wollen nur mehr weg: Einige nehmen ihre Malaria-Medikamente nicht mehr, um krank zu werden, andere halten ihre Beine aus den Humvees, um nicht tödliche, aber eine Heimkehr garantierende Schussverletzungen zu provozieren.