# 24. Juni: Oliver Stones Meisterstück zu 9/11


Polizist Dominick Pezzulo hat den Kollaps des “World Trade Center”-Südturms wie durch ein Wunder fast unverletzt überlebt. Er kommt in einem Inferno aus verbogenen, ächtzenden Stahlträgern, glühenden Feuernestern, abrutschenden Betonplatten und pulverförmigen, weißen Staub zu sich, verschüttet in der einstigen Untergrund-Shopping-Passage zwischen den Riesentürmen. Zwei Meter entfernt liegt Kollege Will Jimeno, eingeklemmt unter einem tonnenschweren Betondeckenteil. Leise zu hören ist auch die Stimme ihres Bosses, Seargent John McLaughlin, der, sein Körper völlig zertrümmert, einzementiert im Schutt zehn Meter unter ihnen zu liegen kam. Pezzulo hätte aus eigener Kraft aus dem Loch klettern können, erinnert sich Jimeno: “Doch er wollte uns nicht im Stich lassen”. Dann implodieren die 110 Stockwerke des Nordturms, Betonplatten zerquetschen Pezzulos Organe. “Ich liebe doch, Will”, sagt der Polizist, hebt seine Pistole und feuert einen letzten Schuss ab, um Retter zu alarmieren, dann kippt sein Oberkörper leblos nach vorne.
Es sind dramatische, herzzerreißende, fesselnde Bilder, die über die Großleinwand flimmern, gepaart mit “Dolby Suround”-Geräuschem knirschender Stahlträger und aufschlagender Todesspringer, Opfer und Überlebende gespielt von Filmstars á la Nicolas Cage, Maggie Gyllenhaal und Maria Bello. Nachdem im Frühsommer im eher noch dokumentarisch gehaltenen Streifen “United 93” über den vierten 9/11-Todesjumbo des 11. September das Publikum erfolgreich in Sachen Standfestigkeit gegenüber der anrollenden cineastischen Aufarbeitung von Amerikas dunkelstem Tag (3.000 Tote) abgetestet wurde, ist Paramount Pictures “World Trade Center” die erste echte Hollywood-Inszenierung des Terror-Horrors auf der Großleinwand. Zudem führte der oft umstrittene doch immer geniale Filmemacher Oliver Stone (drei Oscars) Regie in diesem ersten echten 9/11-Blockbuster (Produktionskosten 60 Millionen Dollar) – ein Szenario, dass volle Kinos und hitzige Debatten garantiert.
Doch Stone, der neben Kultfilmen wie “Wall Street” oder “The Doors” mit dem Vietnam-Antikriegsfilm “Platoon” schockierte, mit Watergate-Präsident Richard Nixon abrechnete und in “JFK” Verschwörungstheorien über die Ermordung von Amerikas populärsten Präsidenten anheizte, erzählt in World Trade Center eine fast patriotisch anmutende Heldensaga über den unglaublichen Überlebenskampf der beiden letzten Überlebenden, die aus der bizarren Trümmerhalde “Ground Zero” gerettet worden waren (zwei von insgesamt bloß 20 Survivors). “Diese Story symbolisiert wie kaum eine andere durch die Simplizität und Emotionalität den Horror dieses Tages”, sagt Stone: “Und dieser Mikrokosmos zeigt den wahren Geist des 11. September, als Menschen ihr Leben riskierten um anderen zu helfen”.
Tatsächlich ziehen Stones wuchtige Bilder die Zuseher zurück im den Momente vor fast fünf Jahren, als Lower Manhattan im Inferno versank und die Welt den Atem anhielt. Fesselnde Filmbilder verschmelzen mit den damaligen, grauenhaften Echtaufnahmen zu einem schaurigen Ganzen. Und zur faszinierenden Detailtreue des gebürtigen New Yorker Starregisseur fehlt wohl vergleichbares in der Hollywoodgeschichte (allein das neun Stadtblocks große Stahl-Beton-Gebirge Ground Zeros wurde im Massstab 1:6 aus 200 Tonnen Metall und 900 individuell geformten Skulpturen nachgebaut).
Die Story: Will Jimeno (gespielt von Latino-Jungstar Michael Pena) und “Sarge” John McLaughlin (Nicolas Cage), beide von der Polizeitruppe PAPD der “Port Authority” (dem Eigentümer der WTC-Kolosse), fahren in den frühen Morgenstunden des strahlenden 11. September wie immer in die Arbeit. Doch die Routine wird rasch zum Alptraum, als – Stone verzichtet auf jegliche Sensationsgier durch Megaexplosionen – der Schatten des heranrasenden Boeing-767-Jumbos durch die Straßen Manhattans huscht. In einer fesselnden Szene rasen Jimeno, McLauglin und Kollegen zum Katastrophenort, vorbei an zehntausenden, im Schock fast eingefrorenen New Yorkern. Sie wollen Menschen in den Türmen retten, doch werden rasch vom einstürzenden Südturm verschüttet. Während Jimenos, mit dem zweiten Kind schwangere Frau Allison (Maggie Gyllenhaal) und McLaughlins Frau und Mutter von vier Kids Donna (Maria Bello) vor Sorge den Verstand verlieren, streift sich Ex-„Marine“ Dave Karnes (Michael Shannon) seine alte Uniform über und macht sich auf den Weg zu einer “persönlichen Rettungsmission”, Destination Ground Zero. Die beiden Cops überleben die folgenden Kollapse des Nordturms und “Building Nr. 7”, um sie ausbrechende Feuer und sogar den durch Hitze ausgelösten Kugelhagel aus der Pistole des toten Kollegen Pezzulo durch Zusammenhalt und Gespräche meist über ihre Familien, bis Marine Karnes ihre Hilfesignale hört. Jimeno wird nach 13 Stunden gerettet, der weit tiefer verschüttete McLaughlin nach 22 Stunden. Die Szene hunderter, klatschender, weinender, brüllender Retter in der bizarren Trümmerhalde beim Herausheben McLaughlins verkörpert als erster Hoffnungsstrahl und Beginn des Comebacks New Yorks einen der wichtigsten Momente der Stadtgeschichte.
Mutierte Oliver Stone vom Polit-Querulanten zum kreuzbraven Chronisten Amerikanischer Heldengeschichten? Als “geläutert” hatte ihn bereits ein Kolumnist in der “New York Post”, Medienmogul Rupert Murdochs Kampfblatt der Antiterrorkriegstreiber, bezeichnet. Könnte Amerikas Rechte nun gar den Streifen ihre beliebten linken Prügelopfers für politische Propaganda “entführen”? “Natürlich werden sie das versuchen”, sagt Stone: “Aber ich sehe mich selbst gar nicht so politisch wie meine Gegner, ich bin weder rechts, noch links, eher ein radikaler Freidenker”. Attackiert wäre auch von den Linken worden. Dennoch wettert der 60-Jährige, der mit US-Präsident George Bush Ende der Sechziger die Eliteuni Yale besuchte und – anders als Bush – in Vietnam landete, offen gegen die Bush-Krieger, die das damals geeinte Land spalteten, die Welt gegen die USA aufbrachten und “eine Spur des Sterbens zogen”. Wäre Bush damals mit mir nach Vietnam gefahren, so Stone, “hätte er wohl vor dem Kriegführen mehr zurückgeschreckt, besonders vor dem bizarren Irakkrieg, als eine kleine Gruppe von Kriegstreibern die Invasion regelrecht herbeiputschte”.
Regisseur Stone und dem Filmstudio Paramount bläst ein weit schärferer Wind von Angehörigen entgegen, als noch bei “United 93”, der von Regisseur Paul Greengrass mit der engen Einbindung von 40 Opferfamilien eher wie ein Kommunalprojekt als eine Filmproduktion realisiert worden war. Jeanette Pezzulo, Witwe des getöteten Cops, protestierte gegen den Streifen, vor allem auch gegen die Gage von jeweils 200.000 Dollar, die die heute nach dutzenden Operationen großteils wiederhergestellten Ex-Cops Jimeno und McLaughlin für Konsultationen erhielten. “Mein Mann hat sein Leben für euch geopfert”, sagte sie: “Wie könnt ihr uns das antun?” Sie habe jedes Recht, den Film zu kritisieren, kontert Stone. Doch hoffe er, dass sie nach Ansicht des Streifens ihre Meinung ändert, so wie auch die Witwe eines weiteren Todesopfers in der Gruppe, Jamie Amoroso: “Ihr Mann starb als Held, und sein Tod ist realistisch und angemessen dargestellt – das ist ein Teil der Geschichte, den ich nicht einfach rausschneiden kann”. Doch die Kritik, dass eine Tragödie zum bloßen Kohlemachen ausgenützt werde, will nicht verstummen, besonders nachdem Experten einen lukrativen Boxoffice-Hit erwarten. Schon “United 93” überraschte bei niedrigen Produktionskosten von 15 Millionen Dollar durch Einspielergebnisse in den USA von fast 35 Millionen. Mit der Kritik des 9/11-Geldscheffelns konfrontiert, reagierte WTC-Star Nic Cage sensibel: “Ich habe meine Gage gleich gespendet”, sagte er.
Stones 9/11-Epos kommt zu einer äußerst pikanten Zeit in die Kinos, als sich die USA mit einem Reigen an Gedenkveranstaltungen, Ausstellungen, Symposien und auch Protesten auf den fünften Jahrestag des 9/11-Horrors vorbereitet, aber auch Bushs katastrophal entgleisten “War on Terror” diskutiert. Ein wenig Ironie taucht da auch unfreiwillig in Stones Film auf. Schwülstig schwadroniert da der Marine-Retter Karnes über eine ganze Menge an Rache, die nun ausständig sei. Was aus ihm wurde verrät der Kleindruck am Filmende: Er meldete sich freiwillig in den Krieg und kämpfte monatelang – wohl eher gegen die Falschen im Irak.