# 24. August: Bush ist über Irakkrieg „frustriert“


Das Pressekorps des US-Präsidenten traute seinen Ohren nicht, so zerknirscht war George W. Bush noch selten aufgetaucht: “Frustriert” sei er über den Fortgang des Krieges im Irak, “keine Zeiten der Freude” seien das. Es blieb bloß noch das Argument, dass eigentlich alles noch viel schlimmer sein könnte, sollten die 135.000 stationierten US-GIs, wie von der Opposition und selbst einigen Parteifreunden gefordert, aus dem Zweistromland abziehen. “Wenn Sie glauben, Dinge stünden jetzt schlecht”, runzelte Bush seine Stirnfalten, “dann schauen Sie mal, was passiert, wenn die USA abzieht bevor sich die irakische Regierung selbst verteidigen kann”.
Es ist eine brutale Kehrtwende nach drei Jahren stets rosiger Fortschrittsberichte: Zuerst waren es der Jubel über Wiederaufbau-Meilensteine, dann “Triumphe der tapferen Iraker” auf ihrem Weg zu einer Nahost-Musterdemokratie. Bush wollte “Kurs halten” bis die – bereits vorzeitig gleich nach der Invasion am Flugzeugträger verkündete “mission accomplished” – endgültig Realität werde. Zwischendurch forcierte des White House auch gerne die Mär ängstlicher Journalisten, die sich nicht aus ihren Hotels trauen, um über die wahren Fortschritte im Post-Saddam-Irak zu berichten. Mit 100 toten Reportern, mehr als in Weltkrieg II, ein besonders perfides Argument – das nach der schweren Verwundung von NBC-Ko-Anchor Bob Woodruff aufgeben wurde.
Doch jetzt lassen Insider durchsickern, dass Bush zur Überzeugung gelangte, dass das Irak-Abenteuer nun eindeutig einen Schwenk in Richtung Abgrund nimmt – und keine Besserung auf absehbare Zeit zu erwarten ist. 3.438 Iraker sterben allein im Juli, der ausufernde Bürgerkrieg auch mit Definitions-Akrobatik kaum mehr zu leugnen. Die Hoffnung wurde aufgegeben, so Shaun Bowler, Politologe der Uni URC, “dass die Erfüllung der vorgegeben Etappenziele bei Iraks politischen Neubeginn letztendlich Stabilisierung bringen”. Und noch mehr Grund für Bushs neuem Pessimismus: Weder Saddams Auffinden in einem Erdloch, noch die Ausschaltung des Al-Kaida-Terroristen Abu Musab al-Zarkawi brachten die Wende, im Gegenteil.
Argumentativ pfeife Bush “aus dem letzten Loch”, so Umfrageexperte Christopher Gelpi in der “Washington Post”. Und: Den Republikanern bleibe zwei einhalb Monate vor den “Midterm”-Kongresswahlen nur mehr das Schüren von Angst vor einem noch blutigeren Chaos. Nahostexperten fürchten aber auch, dass Bush die Aussichtslosigkeit im Irak akzeptiere und einem US-Truppenabzug zustimme. Doch die einzigen, die eine Explosion der ganzen Region verhindern, seien genau die, warnte zuletzt Senator Joe Biden.

# 22. August: Iran auf Konfrontationskurs

US-Präsident George Bush hatte schon gestern, in Erwartung einer iranischen Ablehnung der westlichen Forderungen über einen Stopp der Urananreicherung, die UNO zu einer “kraftvollen Antwort” aufgerufen: “Es muss Konsequenzen geben, wenn die auf der Nase des Sicherheitsrats herumtanzen”. Bush kündigte eine Kooperation mit den Vereinten Nationen zur Durchsetzung von Sanktionen gegen Teheran an. “Ich werde nicht müde werden, meine Freunde über die Gefahren eines nuklearen Irans zu warnen”, fügte der innenpolitisch wegen des Irak-Debakels schwer unter Druck geratene US-Präsident hinzu. Amerikas UN-Botschafter John Bolton äußerte sich alarmiert über das Aussperren von Atominspektoren von der Urananreicherungsanlage in Natanz.
Offen wird in den US-Newskanälen auch über die “militärische Option” gegen den Iran debattiert – besonders nachdem Starjournalist Seymour Hersh (“The New Yorker”) enthüllte, dass die Bush-Krieger Israel bei seinem Schlag gegen die libanesische Hisbollah nicht nur “grünes Licht” gaben, sondern sogar aktiv in die Kriegsplanung involviert gewesen sein sollen. Die Ausschaltung der vom Iran gesponserten Hisbollah durch Israel, so Hersh, eine Journalistenlegende seit der Aufdeckung des Abu-Ghraib-Folterskandals, würde eine Bombardierung iranischer Atomanlagen durch die US-Streitkräfte erleichtern: Teherans Drohungen, via Hisbollah Vergeltungsschläge gegen Israel durchzuführen, gilt als eine der größten Hürden für die Pentagon-Kriegsplaner.
Hersh hatte bereits im Vorjahr enthüllt, dass US-Geheimkommandos seit dem Sommer 2004 innerhalb des Irans Aufklärungs-Operationen durchführen. Unter dem Code “Conplan 8022-02” brüten Militärplaner an Angriffsszenarien, falls diplomatische Bemühungen scheitern. “Luftschläge, Sabotage-Aktionen oder Seeblockaden werden diskutiert”, so Nahost-Experte Ted Carpenter vom Think Tank “Cato Institute” zu ÖSTERREICH. Für Aufregung hatten zuletzt US-Überlegungen über den Einsatz taktischer Atombomben gegen Irans Nuklearanlagen gesorgt, einige untergebracht in Bunkern bis zu acht Meter unter Fels und hinter 2,5 Meter dicken Betonwänden.

# 17. August: Dr- Z ist nicht zu bremsen

DaimlerChrysler-Boss Dieter Zetsche ist der Star in einer 100 Millionen Dollar teueren US-Werbekampagne – und so locker und witzig haben die Amerikaner den CEO eines Multis wohl noch nie gesehen: Da lädt Zetsche als “Dr. Z” einen Reporter zu sich ins Auto, erklärt ihm in fast Schwarzenegger-ähnlichem Akzent die Vorzüge der Fusion zwischen amerikanischer Autotradition und deutscher Ingenieurskunst, während er im Crashtest gegen einen Betonwand rast. “Sind sie wirklich ein Doktor?”, fragt der Reporter kurz vor dem Aufprall. Zetsche verabschiedet sich mit einem markigen “Aufwiedersehen”. In einem weiteren TV-Spot erklärt Dr. Z Tafelklasslern ökofreundliche Aspekte des Chrysler-Fuhrparks, als ein Mädchen fragt, ob sein Siebzigerjahre-Schnurrbart echt ist. Das “Ask Dr. Z”-Trommelfeuer umfasst auch Magazine, Zeitungen und das Internet.
Doch der Versuch, die lahme Chryslermarke mit dem Anpreisen der Infusion von deutschem Qualitätsstreben flott zu bekommen, entpuppt sich als schlimmer Werbeflop: Der US-Verkauf fiel um 40 Prozent, die Hälfte abgetesteter Konsumenten versteht Zetsche nicht einmal, über 70 Prozent halten ihn für einen fiktiven Charakter, wodurch die Kampagnenbotschaft Nr. 2, der lockere CEO, komplett verloren geht. “Was verkaufen die eigentlich?”, ätzte NBCs “Today Show” und verglich die Zetsche-Kampagne bereits mit den legendärsten Werbeflops, darunter einer Ratte, die einst Werbung für eine Fastfoodkette machte. Chrysler-Autohändler protestierten ebenso: Nun darf Zetsche nur mehr kurz blödeln, dann gibt es banale Verkaufs-Sommerangebote.
“Wir setzen auf eine langfristige Strategie zur Imageverbesserung unserer Marke”, verteidigt Chrysler-Sprecherin Eileen Wunderlich gegenüber ÖSTERREICH die Kampagne und verweist auf den “Buzz” im Internet. “Fragen sie Dr. Z”, soll sogar der neue Kult beim Tratsch am Watercooler in den US-Büros sein. Daimler wurde durch die 36 Milliarden Dollar teure Chrysler-Übernahme 1998 in den Sumpf der maroden US-Autoindustrie gezogen, allein im letzten Quartal rapportierte Chrysler einen Verlust von 630 Millionen Dollar.

# 15. August: Bill wird 60

Bill Clinton wird 60 und es soll ein mehrere Monate langer und sich auf mehrere Kontinente erstreckender Festreigen – eines Pop-Präsidenten würdig – werden: Am 9. September steigt eine Riesenfete in Kanadas Kulturmetropole Toronto während des dortigen Filmfestivals mit Traumpaar Brad Pitt und Angelina Jolie (“Brangelina” im Verbund) sowie 500 weiteren Stars, Ende Oktober folgt ein fetziges Rockkonzert mit den Rolling Stones im legendären “Beacon Theater” in New York City, dazwischen Ehrungen und kleinere Feste im Rahmen des Dauer-Globetrotting des heutigen Wohltäters (zuletzt startete eine neue AIDS-Initiative mit Microsofts Bill Gates) und Starredners. Clinton hat sich in den letzten Jahren als Gegenpol zu den Bush-Kriegern und besonnene Stimme eines “guten Amerikas” etabliert. Der trotz Dreifachbypass höchst agile Politstar, als 41. Präsident zwischen 1993 und 2001 wegen des Wirtschaftsbooms enorm populär doch nach Oralsex vor dem Oval Office fast aus dem Amt geworfen, ist heute Topberater der Demokraten – ganz speziell für Gattin Hillary, die 2008 als erste US-Präsidentin ins White House zurückkehren will. Cinton will seinen eigentlichen Geburtstag, den kommenden Samstag, mit ihr und Tochter Chelsea auf der Promi-Urlaubsinsel “Martha´s Vineyard” vor der Massachusetts-Küste feiern. Sein Auftritt in Toronto ließ die kanadische Klatschpresse bereits rotieren: Ausschau gehalten wird nach Frank-Tochter und Parlamentarierin Belinda Stronach, deren Treffen mit Bill stets für Schlagzeilen und Gerüchte sorgten.

# 11. August: Panik in US-Airports nach Briten-Scare

In den USA erlebten Millionen Reisende vor praktischen allen Airports oft fast 500 Meter lange Warteschlangen, bis zu neun Stunden an Verspätungen und dutzende gestrichene Flüge. Inmitten des totalen Chaos rief das Bodenpersonal die neuen Regeln, was per Handgepäck an Bord darf, in die dicht gedrängten, doch meist geduldigen Massen in den Terminalgebäuden: “Getränke, Shampoo, Sonnenschutz- oder Kosmetikchremen, Zahnpasta, Haargel, Parfum”, rief ein Frau von “American” vor dem Check-In-Schalter auf New Yorks JFK: “All diese Dinge in die Taschen zum Einchecken”. Dann wiederholte sie ihre Ansage. Zwischen den hektisch umpackenden Passagieren schrieen Babies.
Die ersten Stunden der vom US-Heimatschutzministerium verhängten, zweithöchsten Terroralarmstufe “Code Orange” für alle US-Flüge (“Code Red” sogar für Ankünfte aus Großbritannien) beschrieben Reisende aufgeregt im Lokal-TV als “pure Hölle”. Passagiere eines der wenigen aus England ankommenden Flüge hatten ebenfalls eine Odyssee hinter sich: Um 13:36 Uhr war der “Continental”-Flug in Newark bei New York gelandet, verlassen durfte sie den Jumbo erst um 19 Uhr. Es sei schon beängstigend, zitiert die “New York Times” die 12-jährige Maya nach der Landung eines anderen Fluges aus London, mitanzusehen, “wie Erwachsene total die Nerven wegschmeißen”. Sie selbst hatte losgeheult, wenn immer an Bord eine Ansage kam: “Ich wusste nie, ob sie jetzt sagen, wir haben eine Bombe gefunden, oder bloß Kekse servieren”.
Die US-Newskanäle fingen die Dramatik des vereitelten Anschlages ein, als sie die Position der möglichen Bombenziele per Radarkarten zeigten und Landungen einiger dieser Jumbos sogar Live übertragen wurden. Auf den Airports füllten sich vor den Sicherheitsschleusen die Mistkübel mit dem nun an Bord verbotenen Material. Regionale Geschmäcker waren aus den Müllbergen abzulesen: In Vermont wurde massenhaft “Maple Syrup” einkassiert, in New Orleans “Hot Sauce”, in San Franzisko war es edler Wein. Passagiere machten sich inzwischen Gedanken, wie es auf dem Flug ohne jegliches Deodorant riechen werde. Kalifornien-Gouverneur Arnold Schwarzenegger mobilisierte prompt die Nationalgarde, 300 Soldaten in Kampfmontur und Maschinenpistolen patrouillierten am Airport LAX. Am Flughafen in Seattle erreichten der Menschenstau groteske Ausmaße: Die Warteschlange führte vom Terminal über eine Fußgängerbrücke in eine Parkgarage und schlang sich dann gleich sechs mal rund um das Gebäude. “Das ist Schlimmer als in Disneyland”, stöhnte eine Frau mit zwei Kleinkindern.

# 8. August: Killer-GIs


Steven Green prahlte: “Ich gehe in den Irak, um sie alle zu töten”. Jetzt steht der wegen Persönlichkeitsstörungen aus der US-Armee entlassene 21-Jährige vor einem Militärgericht wegen der Vergewaltigung einer 14-jährigen Irakerin samt Mord an ihr und ihrer Familie. Nun fragt Amerika: Unter welchen Umständen gelangte Green, von Jugendfreunden als gewaltbereiter Säufer und Junkie beschrieben, in die US-Streitkräfte? Die Liste der Kriterien ist lange, doch die der Hintertüren ebenso: Neo-GIs müssen guten Leumund (nur Verwarnungen werden toleriert) und “High School”-Abschluss haben (der jedoch per Abendschule nachgeholt werden kann), zwischen 17 und 41 Jahren alt sein, den ASVAB, der Militärversion eines Berufsfähigkeitstests schaffen, wo Wortschatz, Kenntnisse in Mathematik, Wissenschaft oder Mechanik beurteilt werden. Danach geht es zum Gesundheitscheck, der, so Armee-Sprecher Douglas Smith, recht einfach gestrickt ist: “Die Ärzte schauen in Nase, Mund und Ohren, prüfen Puls und Blutdruck, notieren die Krankheitsgeschichte”. Ein “Guidance Counselor”, der wohl eher das mentale Rüstzeug des künftigen Kriegers ausloten sollte, sondiert meist nur, wann es losgehen kann, gibt Smith zu: “Als würde man ein Flugticket reservieren”. Nach Unterschreiben des Armeevertrages geht es ins gefürchtete “Boot Camp”, wo Rekruten ihre achtwöchige Militär-Grundausbildung erhalten. Jetzt wird jedoch debattiert, ob die Army wegen der Rekrutierungskrise durch das Irak-Desaster ihre Standards runterschraubte und dadurch Psychopaten á la Green nach Bagdad gelangten. Zugegeben hat die Armee, dass mehr denn je der schlechtesten ASVAB-Testabsolventen akzeptiert, Ausnahmen bei Vorstrafen gemacht werden und auch das Boot Camp kaum mehr zum “Ausmisten” (Armee-Jargon) jener dient, die militärischem Stress nicht gewachsen sind. Die Armee erreicht damit wieder das Plansoll an Rekruten, doch auch die Horrorgeschichten wütender Killer-GIs eskalieren.

# 7. August: Hollywood für Arnie

Die 20 Millionen Wahlberechtigten Kaliforniens muss der republikanische “Governator” Arnold Schwarzenegger für seine Wiederwahl am 7. November noch begeistern – bei Top-Hollywood-Players ist es ihm bereits gelungen: In einer politischen Kehrtwende unterstützen Arnie jetzt Regisseur-Legende Steven Spielberg, sein “Dreamworks”-Partner Jeffrey Katzenberg sowie Medien-Mogul Haim Saban, alle drei einst Top-Sponsoren der oppositionellen Demokraten inklusive den durch Arnies “Recall”-Wahltriumph 2003 abgelösten Vorgänger Gray Davis. Überzeugt hätte die Strippenzieher in der L.A.-Unterhaltungsindustrie Arnies Kampf gegen den Treibhauseffekt, Förderungen im Schulbereich sowie “sein kompromissbereiter Kurs als Gouverneur”, wie Spielberg verlauten ließ.
Arnie braucht breite Unterstützung der Demokraten für einen neuerlichen Wahlsieg, wählen doch im liberalen Westküstenstaat bloß knapp 30 Prozent Republikaner. Arnies Coup ist ein schwerer Schlag für seinen Herausforderer, den liberalen Kalifornien-”Schatzmeister” Phil Angelides. “Schwarzenegger ist zu einem Abklatsch eines Demokraten mutiert”, ätzte Angelides: “Und ein paar seiner Freunde in Hollywood kaufen ihm jetzt die neue Masche ab!” Bitterkeit klingt durch: Spielberg und Katzenberg hatten noch vor vier Jahren für seinen damaligen Wahlkampf zum “Treasurer” gespendet.
Insgesamt schaufelten die Hollywoodstars in den letzten 15 Jahren hunderttausende Dollar an demokratische Kandidaten. “Viele in Hollywood halten Arnie wohl für unschlagbar”, erklärt Shaun Bowler, Politologe an der Uni “UC Riverside”, den plötzlichen Lagerwechsel.
Nach einem Totalabsturz im Vorjahr hat sich Arnie mit grünen und sozialen Initiativen wieder aus dem Umfragetief gekämpft und Angelides um bis zu 13 Prozent abgehängt. Dazu hofft Arnie auf einen Popularitätsschub durch mutige Klimaschutz-Ansagen gemeinsam mit Briten-Premier Tony Blair – besonders nachdem Tage zuvor in einer historischen Hitzewelle 126 Menschen umkamen.

# 4. August: Neue Details zu 9/11

Knapp ein Monat vor dem fünften Jahrestag des 11. September läuft in den USA eine Welle teils grausamer Enthüllungen an: Ein Bundesgericht in Virginia veröffentlichte via Internet 1.202 Beweisstücke aus dem Prozess gegen den Franzosen algerischer Abstammung, Zacarias Moussoui (http://www.vaed.uscourts.gov/notablecases/moussaoui/exhibits/), der während seines Flugtrainings vor der Terror-Attacke (2.976 Tote) verhaftet und jüngst zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. Die Sammlung ist die bisher lückenloseste Dokumentation von “Nine-Eleven”, wie die Amerikaner sagen: Akribisch wird die Vorbereitung und Exekution der Anschläge mit vier entführten Jumbos durch 19 Al-Qaida-Terroristen aufgerollt, das Gericht veröffentlichte Hotelrechnungen, Flugmanuals, Antragsformulare für Flugschulen, Fotos der Flugsimulatoren, komplexe Grafiken mit Flugrouten und Einschlagspunkten in den 440 Meter hohen Skyscrapers, sogar eher belangloses wie Bilder von Schuhpolitur, verwendet von den Selbstmordbombern um adrett in den Tod zu gehen.
Für Debatten sorgt die Freigabe von äußerst makaberen Material, Bilder, die fast fünf Jahre lang von Medien und Behörden zurückbehalten wurden: Zu sehen ist da unter Beweiszahl P200010 ein grellroter Leichenteil auf einer Straßenkreuzung unweit des World Trade Centers, ein völlig verkohltes Opfer im Schutt des Pentagon, menschliche Überreste am Plaza zwischen den brennenden Türmen. Der ganze Horror dieses Tages wurde von den Moussoui-Anklägern in fast Hollywood-mäßiger Dramatik aufbereitet: Da ist etwa der im 105. Stock des Südturms eingeschlossene Banker Kevin Cosgrove im Gespräch mit der Notrufzentrale zu hören, die beiden brennenden Türme sind dazu geblendet. “Ich will nicht sterben”, fleht er. Dann: “Ich kann nicht atmen, sagen sie Gott er soll den Wind von Westen blasen lassen”. Zuletzt schreit er auf “OH GOTT! OH!”, im Bildschirmfenster daneben kollabiert der Turm. “Anruf endet um 9:59 Uhr”, endet das Video lapidar (siehe Kasten).
Einige Opferfamilien sehen in der Gerichts-Webadresse bereits eine Art elektronisches Mahnmal, nachdem gerade erst mit dem Bau der echten Gedenkstätte auf Ground Zero begonnen wurde.
Die neue Beweisflut aus dem Net soll auch den inzwischen in den USA – vor allem durch die im Untergrund verbreitete Doku “Loose Change” – aufkommenden Verschwörungstheorien entgegenwirken. Zu sehen sind unter den Beweismitteln vor allem Flugzeugteile, von der Absturzstelle von Flug “United 93” im Nest Shanksville oder aus der Schneise in den Gebäude-Außenring des Pentagon. Das angebliche Fehlen an Jumboteilen wird von Conspiracy-Fans stets angeführt bei ihrem Verdacht, das die eigene Regierung hinter den Horror stecke. “Nachdem die Behörden sehr lange wichtige Informationen nicht herausrückte”, sagt Sally Regenhard, Gründer einer der zahlreichen Opferfamilien-Verbände, “ist die Entstehung solcher Theorien nicht verwunderlich”. Die Freigabe des Materials durch das Virginia-Gericht sei ein erster Schritt in die richtige Richtung, so Regenhard.

# 1. August: Republikaner gegen Bushs Irakkrieg

“Das krank machende Gemetzel auf beiden Seiten muss sofort aufhören, ich verlange einen sofortigen Stopp dieses Wahnsinns”. Der dramatische Appell kommt nicht von US-Moslemgruppen, sondern Senator Chuck Hagel, Republikaner-Parteifreund von US-Präsident George W. Bush. Insider in Washington D.C. sprechen bereits vom Beginn einer offenen Revolte gegen Bushs naive Nahost-Politik, wo von einem Siegeszug der Demokratie durch die ganze Region nach der Irak-Invasion geträumt wurde. Hagel, der als besonnenes Mitglied des mächtigen Senats-Außenpolitikausschusses enorm populär ist, rief fast verzweifelt in die Halle des Senats: “Wie können wir allen ernstes glauben, dass die systematische Zerstörung des Libanons, eines Freundes Amerikas, uns die Glaubwürdigkeit verschafft, die Gegner zum Frieden führen zu können?”
Den Irak-Krieg hatte Hagel, selbst Vietnam-Veteran, zuletzt in einem Zeitungsinterview in klaren Worten mit dem Militär-Desaster in Südostasien vor über 30 Jahren verglichen. Das Land sei längst im “totalen Chaos” versunken, die US-Streitkräfte “sitzen dort fest”, die einzige verbliebene Option sei ein gestaffelter Truppenabzug, so Hagel. Offen prangerte Bushs Entscheidung an, 3.900 Truppen als Verstärkung nach Bagdad zu schicken, was einen “kontraproduktiven Effekt” habe und die US-Armee endgültig kaputt machen werde. Gleich mehrere Vier-Star-Generäle hätten sich bei ihm telefonisch über die Taktiken des White House beschwert.
Während Bush im Texas-Nest Crawford sei nen traditionellen Langzeiturlaub antritt, hat er für seine kriegerische Außenpolitik längst den Support an der Heimfront eingebüßt. Laut Umfragen mit zuletzt 39 Prozent so unpopulärer wie gar Richard Nixon während des Watergate-Skandales, lehnen über 60 Prozent seine Irak-Politik ab und stimmen bloß 46 Prozent Bushs Handling der Lebanon-Krise zu. Der Filmemacher und Bush-Schreck Michael Moore berichtete zuletzt sogar, dass er “von Republikanern umarmt” werde, die den Texaner nun endlich durchschaut hätten.
Dabei halten sich Politiker und Medien in den USA weitgehend mit Kritik an Bushs Zeitschinden zugunsten Israels Militäraktionen wohl auch aus Rücksicht vor der einflussreichen Israel-Lobby zurück: Demokraten-Präsidentschaftshoffnung Hillary Clinton marschierte etwa gleich zu Kriegsbeginn mit Pro-Israel-Demonstranten rund um das New Yorker UN-Gebäude, die einflussreiche “New York Times” hatte auf ihrer sonst gefürchteten Meinungsseite gleich über eine Woche lang keine Meinung zu dem Krieg, das US-Repräsentantenhaus genehmigte Israels Angriffe im Libanon zu Kriegsbeginn mit 410 zu 8 Stimmen.
Doch nach den Horror-Bildern aus dem südlibanesischen Dorf Kana wird auch in den USA zusehends an Bushs “Gamble” gezweifelt, Israel Zeit für ein militärisches Bezwingen der Terrorgruppe Hisbollah zu verschaffen um einen “langfristigen Friedensdeal” (Bush) zu erreichen. “Es war ein katastrophaler Fehler, Israel einen Freibrief auszustellen”, sagt Michael O´Hanlon vom Think Tank “Brookings Institution”: “Dabei wurde die Hisbollah ebenso unterschätzt wie das Ausmaß der neuen Welle an Wut in der arabischen Welt gegen die Amerikaner”.