# 29. September: Woodwards Buch-Bombe


Watergate-Aufdecker Bob Woodward rechnet in seinem, am Montag erscheinenden 537-Seiten-Buch “State of Denial” (Zustand der Verleugnung) mit Sturheit und Inkompetenz von US-Präsident George Bush in Sachen Irakkrieg ab. Er werde dort nicht abziehen, herrschte er Republikaner-Parteifreunde an, selbst wenn Gattin Laura und Hund Barney “die letzten sind, die mich unterstützen”. Woodwards Buch-Bombensorgen sorgen stets für Polit-Beben in der US-Kapitale. Erste Enthüllungen sickerten durch:
# Die Lage der US-Truppen im Irak ist schlimmer als zugegeben, alle 15 Minuten (!) gebe es eine Attacke gegen die GIs, über 100 pro Tag, Horror-Zahlen, die verheimlicht werden.
# Und es kommt dicker: “Pentagon-Geheimdienste erwarten”, so Woodward, “dass 2007 noch furchtbarer wird”. Doch der Öffentlichkeit erzähle Bush: “Oh, Dinge werden im nächsten Jahr sicher besser”. Es gäbe zwei Kategorien: Infos für die Bevölkerung und “interne”, “wahre” und “Top Secret” gehalten.
# Bushs Top-Berater ist Ex-Außenminister Henry Kissinger. Und was rät der? “Ein Sieg im Irak ist die einzige Exit-Strategie”, sagt Woodward: Kissinger lebt hier nochmals den Vietnamkrieg, denn dort, wie er glaubt, habe Amerika damals seinen Willen verloren”.
# Kommandanten im Irak verlangten bereits im September 2003 40.000 zusätzliche Truppen, Bush lehnte ab und weigerte sich sogar das Wort “Aufständische” zu benützen.
# Verteidigungsminister Don Rumsfeld und Außenamtskollegin Condoleezza Rice hassen sich so sehr, dass Bush “Rummy” befehlen musste, sie zurückzurufen. Das ganze Kriegsteam sei geplagt von Disfunktionalität und Verwirrung, so Woodward.

# 29. September: Neue Regeln in Guantanamo Bay

Der Amerikanische Senat hat das umstrittenste US-Gesetz seit Jahrzehnten nach einer teils leidenschaftlichen Debatte beschlossen: 65 zu 34 Senatoren genehmigten neue Regeln im Umgang mit den Gefangenen im Antiterrorkrieg und für die geplanten Militärtribunale im Gefangenenlager Guantanamo Bay, wohin kürzlich die 14 Al-Kaida-Top-Terroristen überstellt wurden – darunter Khalid Shaikh Mohammed, der 9/11-Mastermind – und weitere 500 Verdächtige angehalten werden. Der ursprüngliche Plan von US-Präsident George Bush, die Genfer Konvention gegen die Folter von Kriegsgefangenen umschreiben zu lassen, musste zwar nach einer Rebellion von drei Republikaner-Senatoren, John McCain, John Warner und Lindsey Graham, aufgegeben werden – doch bezeichneten vor allem Demokraten den “Kompromiss” als “Schande für Amerika”.
Laut dem Gesetz sind die schlimmsten Folterpraktiken der CIA und der US-Militärs zwar jetzt verboten, doch wurde Bush ein gewisser Spielraum eingeräumt, die Grenzen der Brutalität in den Verhören selbst zu definieren. Die USA hat durch Folterskandale á la Abu Ghraib und einem Netz geheimer CIA-Gefängnisse einen Image-GAU rund um die Welt erlebt. Doch jetzt jubelte Bush über das Gesetz: “Unsere Truppen sind nun besser ausgerüstet, unsere Feinde zu besiegen”.
Die Debatte wird auch mit dem neuen Gesetz weitergehen: Menschenrechtsgruppen und Anwälte kritisieren, dass Verdächtigen der Prozess gemacht werden kann, ohne dass die jemals die “Beweise” gegen sie vorgelegt bekommen. “Das ganze ist ein Affront gegen unsere Werte, unsere Reputation”, wetterte New-York-Senatorin Hillary Clinton im Senat. Eine weiterer Kritikpunkt: Bush habe das Gesetz im Eilzugstempo und knapp vor den “Midterm”-Kongresswahlen durchgeboxt, mit zu wenig Zeit für mögliche Änderungen. “Bush will genau diese Debatte”, analysierte Top-Politkommentator für den TV-Sender NBC, Tim Russert: “Er kann nun die Demokraten anschütten, die nicht hart genug seien im Kampf gegen einen skrupellosen Feind”.
Selbst Republikaner gaben zu, dass das US-Höchstgericht (“Supreme Court”) das Gesetz für verfassungswidrig erklären wird. “Wir hätte es gleich richtig machen sollen”, lamentierte der Republikaner Gordon Smith: “Weil man wird uns zwingen, alles nochmals neu zu machen”. Ein weiterer skandalöser Punkt: Beweise gegen US-Täter sind bei künftigen Verfahren nur mehr zugelassen, wenn sie nach dem 30. Dezember 2005 datieren. Das war die Zeit, als der Sexfolterskandal im Irak-Gefängnis Abu Ghraib bereits zu Ende war.

# 28. September: Arnie rettet die Welt

Die Zeremonie zur Paraphierung von Arnold Schwarzeneggers, in den USA bahnbrechenden Gesetzes zur 25-prozentigen Reduktion der Treibhausgase bis 2020 glich einer Hollywood-Produktion wie aus Arnies besten Zeiten als Leinwandheld: Da stand der republikanische „Governator“ an der malerischen Bucht der Traumstadt San Franzisko, 141 Staatsflaggen von Klimapartnern knatterten in der kühlen Briese, zugeschaltet via Videoschaltung war Briten-Premier Tony Blair, der mit Arnie kürzlich einen ähnlichen Klimapakt schloss, an Arnies Seite stand New-York-Gouverneur George Pataki, der in seinem State Treibhausgase um 19 Prozent bis 2019 reduzieren will. „Wir müssen alles in unserer Macht stehende tun, um eine Klimakatastrophe abzuwenden – das ist größte Herausforderung unserer Zeit“, rief Arnie in den Wind. Das Gesetz, durchgeboxt gegen den massiven Widerstand der Kalifornien-Wirtschaft, ist das strengste in den USA, und ein glatter Affront zur laxen Klimapolitik von US-Präsident George W. Bush, der gesetzlich vorgeschriebene Emissionsobergrenzen strikt ablehnt. Wie exakt der bevölkerungsreichste US-Bundesstaat die Reduktionen erreichen will, ist im Gesetz nicht festgeschrieben. Ins Visier werden aber sicher Kaliforniens 23 Millionen Autos genommen werden. Zuletzt hatte Arnie die sechs Top-US-Autoproduzenten wegen „Gefährdung der Umwelt und Einwohner“ klagen lassen. Ein weiteres Gesetz soll Kaliforniens Stromfirmen den Zukauf von Elektrizität von Out-of-State-Kohlekraftwerken verbietet. Arnie hat mit der Öko-Offensive seinen demokratischen Gegenkandidaten bei den Gouverneurswahlen am 7. November, Phil Angelides, in arge Bedrängnis gebracht. Arnie führt mit über zehn Prozent in den Umfragen.

# 27. September: Bush zückt die Angstkarte

Eigentlich hatte US-Präsident George W. Bush ein paar gute Wochen hinter sich: Rund um den 9/11-Fünfjahrestag propagierte er in einer Serie martialischer Reden seinen “Krieg gegen den Terror” und den Irak als zentrale Front eines “Weltkrieges” mit den Islamo-Faschisten. Dazu zückte Bush die Angstkarte: “Wenn wir die Terroristen nicht im Irak bekämpfen, müssen wir es bald in US-Metropolen tun”, warnte er. Die Strategie klappte zunächst: Bush schoss in den Umfragen nach oben, seine Republikaner fassten, sechs Wochen vor den “Midterm”-Kongresswahlen wieder etwas Tritt.
Doch dann sickerten die vernichtenden Erkenntnisse über Bushs Irakkrieg durch 16 US-Geheimdienste, zusammengefasst im 30-Seiten-Dossier des “National Intelligence Estimate” (NIE), in die Medien: Die Invasion und Besatzung des Irak sei heute Al-Kaidas “Kampfschrei” und wichtigstes Rekrutierungsinstrument, die Zahl der “Heiligen Krieger” hätte sich verfielfacht, ihre geografische Verbreitung ausgedehnt. Kurz: Bushs, gebetsmühlenartig vorgetragenes Argument, sein Irakkrieg mache die Amerikaner sicherer, wurde von seinen eigenen Sicherheitsanalysten konterkariert.
Die Demokraten starten nun prompt eine Großoffensive in der wohl wahlentscheidenden Terror- und Sicherheitsdebatte, wo Bush & Co bisher weit stärker war. “Der Krieg im Irak hat uns unsicherer gemacht”, polterte Senator John Rockefeller: “Er heizt den Terror weiter an”. Der Demokraten-Tenor in den hitzigen Debatten im US-TV: Die USA hätte nicht genügend Kugeln für all die neuen Feinde, die es kreiere.
Bush ist nun in die Defensive geraten: Unter enormen Druck machte er die Kernaussagen des Top-Secret-Reports öffentlich, um der “Verwirrung der Amerikaner” durch Medienberichte entgegenzuwirken, ein Eigentor, denn die Argumente gegen den Irakkrieg überwiegen auch im Original. Bloß gegen einen, von Demokraten geforderten Truppenabzug lässt sich mit dem Papier argumentieren, da ein Sieg im Irak der Terrorbewegung “schweren Schaden” zufügen würde, so die Geheimdienste.

# 26. September: Öl-Verschwörung?

Die Amerikaner sind insgesamt große Fans von Verschwörungstheorien, die populärsten sind, dass Präsident JFK von Geheimdiensten ermordet oder der Terrorhorror von 9/11 von der Bush-Regierung geplant und exekutiert worden sei. Jetzt jagen durch den rapiden Verfall der Benzinpreise wenige Wochen vor den “Midterm”-Kongresswahlen neue Theorien durch die Internet-Blogs oder werden auf Tankstellen aufgeregt diskutiert: Die Republikaner (GOP) würden gemeinsam mit der Ölindustrie die Preise nach unten manipulieren, so die These, um eine Übernahme des US-Kongresses durch die Demokraten zu verhindern. “Big Oil”, seit Jahren bequem im Bett mit den Konservativen, würde dabei alles tun, um Preise zu senken, da sie von den Demokraten höhere Steuern und mehr Regulierungen befürchten. Die Republikaner wiederum “würden im Hintergrund die Fäden ziehen”, wie es ein Kalifornier beim Tanken formulierte, da der Benzinpreisverfall mit ihrem Aufstieg in den Umfragen einhergeht. Immerhin: Laut jüngster CNN/Gallup-Umfrage glauben 42 Prozent an eine Verschwörung. Tatsächlich fielen Preise schneller als Experten vorhersagten: Um 13 US-Cents ist der Liter billiger als im Vormonat, im Schnitt zahlen US-Motoristen, im Vergleich zu Europa ohnehin lächerliche 63 Cents pro Liter. Branchenkenner führen den Verfall auf das Ausbleiben gefürchteter Killerhurrikane und neuer Nahostkrisen zurück. Die Furcht davor hat den Rohölpreis im Sommer auf 78 Dollar pro Barrel getrieben, am Montag lag er bei 61,45. Die Furcht vor der Hurrikansaison war nicht unbegründet: Im Vorjahr richteten die Killerstürme Katrina und Rita bei den Förder- und Raffinerieanlagen im Golf von Mexiko einen Gesamtschaden von 17 Milliarden Dollar an.

# 26. September: Arnies Einsatz für Darfur

“Governator” Arnold Schwarzenegger hat ein Gesetz unterzeichnet, das Investitionen Kaliforniens im Afrikanischen Sudan verbietet. Arnie will dadurch die Regierung in Khartum unter Druck setzen, den Völkermord in Darfur zu beenden. Arnie war flankiert von den Hollywoodstars George Clooney und Don Cheadle, die durch Lokalaugenscheine in Darfur und Lobbying die Weltöffentlichkeit wachrütteln wollen. 200.000 Menschen sind durch Gemetzel regierungsfreundlicher Rebellen umgekommen, 2,5 Millionen wurden vertrieben. “Ich wuchs auf in Europa und erinnere mich, welch dunklen Schatten der Holocaust hinterließ”, sagte Arnie: “Wir können Völkermord nicht ignorieren, egal welchen”. Clooney wollte den Auftritt, sechs Wochen vor der Gouverneurswahl, entpolitisieren: “Es gibt hier keine demokratische oder republikanische Sichtweise, es geht um falsch oder richtig”. Das Gesetz verbietet etwa Kaliforniens riesigen Pensionskassen, in Firmen zu investieren, die Geschäfte mit dem Sudan betreiben. Ähnliche Protestmaßnahmen waren in den Achtzigern gegen Südafrikas Apartheid-Regime beschlossen worden. Und Arnie stoße, so Politologe Shaun Bolwer, “immer mehr in das Vakuum vor, das US-Präsident George Bush durch seine rigorose Politik hinterlässt”. Im Kampf gegen eine Klimakatastrophe ist er in den USA Vorreiter, mit dem Sudan-Boykott wagt sich Arnie nun auch in die Außenpolitik vor, nachdem Bush wegen mangelnder Leadership zur Beendigung der Darfur-Massaker kritisiert wird. Arnie gefalle das Image als “Guter Amerikaner”, so Bowler.

# 25. September: Hillary vs. Jerry

Eine Kandidatur von Hillary Clinton für das Oval Office 2008 würde Amerikas fromme Evangelisten mehr motivieren, für Republikaner zu stimmen, als selbst das Antreten des Teufels höchstpersönlich, sorgte Christen-Fundi “Reverend” Jerry Falwell bei einem Christen-Treffen für Aufregung. “Ich bete, dass Hillary die Kandidatin ist”, rief Falwell in die Menge von 2.000 Fans, so von der Zeitung L.A. Times sichergestellte Tonbänder: “Sie hat 300 Millionen Dollar gesammelt und ich hoffe sie wird zur Kandidatin gekürt. Weil nichts wird mein Klientel so mobilisieren wie Hillary – nicht einmal Luzifer!” Lautes Gebrüll und Jubel übertönt da bereits Falwells Stimme (300 Millionen Dollar ist dabei eine schamlose Übertreibung, sie sammelte 47 bisher). Die Enthüllung offenbart, wie Führer der 70 Millionen von Amerikas “Religious Right” politische Hetze betreiben: Gott werde dabei offen als “Republikaner” bezeichnet, so Beobachter. Falwell ist dabei einer der übelsten Demagogen: Er beschimpfte den Propheten Mohammed als Terroristen und meinte “New Yorks Schwule, Lesben, Feministen und Abtreiber” hätte Gott so erzürnt, dass er 9/11 zuließ. Falwells Attacke ist ein Vorgeschmack auf eine wüste Schlammschlacht, die auf Hillary wartet, sollte sie kandidieren: Gegründet wurden bereits Gruppen wie “Stop Hillary Now”, die Geld sammeln und nach Skandalen suchen. Pech auch für Hillarys möglichen Widersacher, Ex-New-York-Bürgermeister Rudy Giuliani: Der habe keinesfalls den Segen von Falwell & Co, da er wegen seiner “Pro Choice”-Position (Duldung von Abtreibungen) auf der falschen Seite im Kulturkrieg stehe, so Falwell.

# 25. September: Trouble mit Belindas Boyfriend

Belinda Stronach, 40, Tochter des Autoteil-Milliardärs Frank, wurde weltbekannt als Top-Geschäftsfrau und aufstrebende Kanada-Parlamentarierin – doch für noch mehr Aufsehen sorgt das Liebesleben von “Pretty Belinda”, wie sie Kanadas Boulevardpresse nennt: Der neue Boyfriend der Zweifachgeschiedenen ist der Ex-Eishockeystar Tie Domi, und Belinda wird jetzt in den Scheidungspapieren von Domis Gattin Leanne als Partnerin in einer “sexuellen Beziehung” genannt. Die gleich mehrfache Erwähnung Belindas in dem 20-Seiten-Dokument soll wohl “einen Skandal provozieren”, wird der Rechtsexperte Andrew Feldstein zitiert: “Intime Details werden sonst nicht in öffentlichen Dokumenten eines Scheidungskrieges erwähnt – Domis Frau will hier ihre Position stärken”. Stronach traf den Muskelmann bei einer ihrer Wahlkampfauftritte im Jänner nahe Toronto, als er ihre Kampagne unterstützte. Die Beziehungen der Powerfrau, die einst als CEO Franks Autoteilkonzern Magna managte (“Time” nahm sie in die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Erde auf), sorgen stets für Aufsehen: 2004 mutmaßte der “Globe” eine Affäre mit Ex-Präsident Bill Clinton. Deren “Freundschaft”, wie beide beteuern, sorgt nach wie vor für große Nervosität bei Team Hillary. Eine Bombe ließ Belinda im Vorjahr platzen, als sie ihren Freund, “Conservative Party”-Politiker Peter MacKay verließ – und mit ihm auch gleich die Partei. Sie wechselte zur “Liberal Party”, erhielt einen Ministerposten (MacKay selbst, nach der Abwahl der Liberalen 2006 heute Außenminister, sorgte zuletzt für Klatsch, als US-Medien eine Beziehung zu US-Außenamtskollegin Condoleezza Rice orteten). Belinda, deren politische Ambitionen trotz Dauerpräsenz in der Skandalpresse ungebrochen sind, war vier Jahre lang zum Norwegischen Ex-Eislaufstar Olav Koss verheiratet und hat zwei Kinder, Sohn Frank jr. und Tochter Nikki von Ex-Partner Donald Walker, einem Magna-Topmanager. Laut den Scheidungspapieren hätte Domis Ex-Frau ihn im Juli rausgeworfen, da sie seine “Lügen über Belinda” nicht mehr ertrug. Eine ihrer Freundinnen hatte Belinda und Tie Händchen haltend in der New Yorker Fifth Avenue gesichtet.

# 24. September: Arnie unplugged

Südkalifornien, 1969. Die Studentin und Aushilfskellnerin Barbara Baker, 21, glattes blondes Haar und nette Figur hört in einem L.A.-Bistro plötzlich hinter ihr eine tiefe Stimme mit schwerem, deutschen Akzent dröhnen. “You ahre so sayksie, I must ahsk you owet on a date”. Barbara dreht sich um und starrt in ein einen Muskelberg: Arnold Schwarzenegger, 22, Einwanderer aus Thal, Styria, Bodybuilder. Wilde Gedanken schießen ihr durch den Kopf: “Wer ist diese komische, griechische Heldensaga-Kreatur?” Sie sollte es bald herausfinden, denn es folgte eine sechsjährige Romanze mit dem aufstrebenden Muskelmann aus Austria. Jetzt verrät Arnies erste Liebe in den USA, heute Englischprofessorin, im Buch “Arnold and me” (Verlag: AuthorHouse, 325 Seiten) Details, meist basierend auf ihren damaligen Tagebuch-Einträgen.
Arnie selbst hat das Vorwort geschrieben, doch ob er die Enthüllungen über die Sexkapaden, Drogen- und Dopingmissbrauch, erstaunlichen Matcho- und Egoismus während seiner, wie er selbst sagte, “wilden Zeit”, gerade jetzt mitten im Wiederwahlkampf braucht, ist unwahrscheinlich. Baker beschreibt Arnies Liebe zu Marihuana während eines Hawaii-Besuches, “Maui-wowie” im Lokaljargon, inklusive der Lach- und Fressanfälle. Sie schildert, wie Arnies derber Humor und Sarkasmus, oft auf ihrem Rücken ausgetragen, mehrmals die Beziehung fast beendete.
Einmal trug sie sich sogar mit Selbstmordgedanken, als Arnie Silvester lieber mit Freunden feierte, als mit ihr alleine. “Ich liebe einen Mann, der mich zwar braucht, jedoch nicht so liebt wie ich ihn”, kritzelte sie in ihr Tagebuch: “Er profitiert von meinen Talenten, er kontrolliert mich, ich bin eine Marionette am Faden, die er nach belieben hochhebt oder fallen lässt”. Arnies Matchoismus gipfelte einmal sogar in der Aussagen: “Ich will eine Frau, die mich 100 Prozent unterstützt und nichts retour erwartet”. Doch mit seinem gewinnenden Wesen und plumpen Statements á la “Schtapsel, you know you´re zie best” holte er sie stets zurück. Wenn das nicht reichte, kam noch das Versprechen hinzu: “I know Baby. I vil be bedder. I prome-is!”
Baker, die sich ihre Jungfräulichkeit für die Hochzeitsnacht aufbehalten wollte, leistete lange Widerstand gegen Arnies Attacken: “Tonight is zie night”, erklärte er einmal: “Ve vil have sex!” Als nach dem ersten Geschlechtsverkehr der sehr konservativ großgezogenen Studentin ein wilder Mix aus Euphorie und Schuldgefühlen in ihrem Kopf spuckte, merkte Arnie knapp an: “So you´re no longer a vairgin, Bah-bah-rah!” Baker war für Arnie auch sonst ein Stütze in dem fremden Land: “Er erhielt von mir freien Englischunterricht”, schreibt sie, “Tips in Sachen gesellschaftlicher Etikette, Tischmanieren, wurde bekocht, sein Haushalt versorgt, seine Sachen geflickt, hatte eine Gratissekretärin – und dazu leidenschaftlicher Sex”.
Schockiert hat Baker mitunter auch Arnies zur Schau getragene, emotionelle Kälte, wohl das Resultat einer schweren Jugend unter einem strengen, prügelnden Vater – besonders als zuerst sein Bruder Meinhard in einem Autounfall und dann sein Vater Gustaf starb. “Was soll ich fühlen”, fragt er sie: “Ich weiß ja nicht mal, wer Meinhard wirklich war, doch er ist mein Bruder, und jetzt ist er tot, und es ist unwirklich. Er kann nicht mehr mein größter Rivale sein”. Den Tod seines Vaters vermeldete er Barbara erst einen Tag später, beim Frühstück, lapidar: “Übrigens, mein Vater ist gestorben”. Er blieb beiden Begräbnissen fern, doch kümmerte sich später rührend im “Mutti” Aurelia, die verwitwete Schwägerin Erika und seinen Neffen Patrick. Besonders berührend ist, als sie die Worte des kleinen Patrick am Grab seines Vaters beschreibt: “Hier ist mein Papa”, sagte der: “Ist er durstig? Können wir nicht die Steine wegräumen, sodass er nach Haus kann?” Seine Beziehung zu seinem Heimatland wird von Baker als Hassliebe beschrieben: “Kalifornier können Erfolg haben, sie können sich nach oben kämpfen – und Österreich stecken alle fest”, platzte es aus ihm mitunter heraus.
Das Verstecken seiner Gefühle stellte auch eine der größten Hürden am Weg zum Hollywoodstar dar. “Du kannst es”, redete Barbara nach einer Schauspielkursstunde auf ihn ein: ”Fühle deinen Schmerz, erinnere dich an die Ablehnung durch deinen Vater, die Passivität deiner Mutter, reiß deine Muskelwand ein und fühle!” Seine Fortschritte waren so “zeitlupenartig”, so Baker weiter, “dass es fast weh tat”.
Baker schildert aber auch Arnies Zielstrebigkeit, unternehmerischen Instinkt (26-Jährig war er durch Immobilien-Investments bereits Millionär) und Talent zum “Networking”, der Suche nach Persönlichkeiten, die ihm bei seinem Aufstieg vom Muskel-Freak zum Sex-Symbol und Hollywoodstar behilflich sein könnten. Und Arnie konnte sich auch wehren. Als ihn ein Filmproduzent reinlegte und Arnies Bodybuilding in einen Schwulenpornofilm einbaute, hörte ihn Barbara ins Telefon brüllen: “Jayzeus Kreest”, eröffnete Arnie die Tirade: “Du hast mich beschissen und ich werde dich fertigmachen, Gott-damm cock-sucker”.
Die Beziehung zerbrach schließlich, als Barbara erkannte, dass Arnie sie wohl niemals heiraten würde: “Seine Errungenschaften: Rekord an “Mr.-Universe”-Siegen, Reisen rund um die Welt, teurere BMWs, Uni-Studium, Aussicht auf Hollywood-Karriere”, fasste sie zusammen: “Erfüllung meiner Neujahrswünsche, einer Heirat zu Arnie, in den Jahren ´70,´71,´72,´73,´74,´75? Null”. Dass seine Beteuerungen “Schatzi, don´t choo voory – I never vud cheat on you” kaum stimmten, erfährt sie erst nach dem Breakup. Auch danach treffen sie sich zum gelegentlichen Sex, einmal verschwindet Arnie danach in der Dusche und gesteht, noch ein “Mitternachts-Rendevous” zu erwarten. Zweifel an seinem Aufstieg hatte der Einwanderer nie. Bereits 1980 erzählte er Barbara beim Lunch: “Ten years from now I vil be zie governor of Kahl-ee-fornia”.

# 22. September: Der lustige Dr. Z

Dieter Zetsche muss wohl um seinen Job bangen, nicht als CEO des Autogiganten DaimlerChrysler, sondern als Star in einer 100 Millionen Dollar teuren US-Werbekampagne. Dort wirbt Zetsche seit July als “Dr. Z” mit Schwarzenegger-ähnlichem Akzent in humorigen TV-Spotts, wo er die Vorzüge der Fusion zwischen deutscher Ingenieurskunst und amerikanischer Autotradition preist. Doch zuerst kicherten Branchenbeobachter, dass potentielle Kunden glauben, Zetsche sei ein Schauspieler und andere sein Englisch kaum verstehen. NBCs “Today Show” fragte gar hämisch: “Was verkaufen die eigentlich?” Der Werbeblamage folgen jetzt schlimme Verkaufszahlen: DaimlerChrysler, entstanden 1998 durch den 36-Milliarden-Dollar-Megamerger, wird 1,5 Milliarden Dollar im US-Markt heuer verlieren, und wirke “gar nicht mehr so anders wie seine maroden Detroit-Brüder GM und Ford, von denen es sich als Weltfirma unterscheiden hatte wollen”, urteilte die “New York Times”. Nun stehen Massenentlassungen und Werksschließungen bevor, gleich 90.000 Vehikel sollen im nächsten Quartal weniger gebaut werden. Der Autogigant sitzt auf einem Inventar benzinhungriger SUVs und “Trucks”, die fast 70 Prozent der US-Flotte ausmachen und deren Verkäufe durch hohe Benzinpreise dramatisch fallen.

# 21. September: Dicke Luft auf Ground Zero

Hillary Rodham Clinton vs. Rudy Giuliani – der Showdown scheint bereits jetzt zu eskalieren, zwei Jahre vor einem möglichen Match um das White House 2008 (beide führen innerhalb ihrer Parteien deutlich). Jetzt fordert die New York Senatorin einen U-Ausschuss im Kongress über “9/11-Gate”, dem Luftskandal in New York, wo bis zu 40.000 Arbeiter auf “Ground Zero” werkten, während die Behörden horrende Messwerte über den toxischen Mix aus Asbest, Schwermetallen und krebserregenden Stoffen vertuscht oder verharmlost haben sollen. 70 Prozent der Helfer leiden heute an Lungenerkrankungen. Hillary fordert zusätzlich 1,9 Milliarden Dollar an Kompensationen und medizinischer Betreuung für die Opfer. “Jetzt, wo wir die wissenschaftliche Beweise haben”, so Hillary, “müssen wir handeln, sodass nicht mehr Menschen leiden oder gar sterben”. Hillarys Offensive trifft vor allem einem: Rudy Giuliani. Nach 9/11 als Held gefeiert kommt er jetzt wegen dem Luftskandal und anderer Versäumnisse ins Kreuzfeuer der Kritik. Die Lokalzeitung “Daily News” sah bereits eine “toxische Wolke” über seinen Präsidentschaftsambitionen hängen – und sein Stab versucht sich in Verschwörungstheorien, wonach man sich dort wundere, warum all die Enthüllungen gerade jetzt auftauchten.

# 21. September: Arnie klagt Autofirmen

Hasta la vista, Autoindustrie! Arnies Kalifornien hat in einer spektakulären Klage die weltgrößten Autohersteller ins Visier genommen, darunter die ohnehin bereits angeschlagenen US-Giganten General Motors (GM), Ford und Chrysler, sowie die japanischen Hersteller Toyota, Honda und Nissan. Die, wie man in den USA sagt, “Landmark”(Wahrzeichen)-Klage sei ein zentraler Teil in Kaliforniens neuem Kampf gegen den Treibhauseffekt – einem der Top-Themen bei der Wiederwahlkampgane von “Governator” Arnold Schwarzenegger. Die Autofirmen und ihre Produkte hätten zusätzlich “die Gesundheit der Bürger beeinträchtigt, schädigen die Umwelt und kosten dem Staat Millionen an Steuergeldern, um mit diesen Effekten zu dealen”, schrieb Kaliforniens Top-Staatsanwalt Bill Lockyer in der Klagsschrift. Es ist gleich der zweite schwere Schlag gegen Autohersteller, ausgerechnet in einem US-Bundesstaat, der mit 24 Millionen registrierten PKWs und seinen weltberühmten, oft zehnspurigen Freeways als Autostaat schlechthin gilt: Im Vormonat hatte das Landesparlament (“Legislature”) das strengste Gesetz aller US-Staaten zur Reduzierung der Kohlendioxidausstöße bis 2020 auf das Niveau von 1990 verabschiedet. Arnie wird es in Kürze signieren. Für Autoabgase war eine ähnliches Gesetz bereits vor zwei Jahren verabschiedet worden, wo 30 Prozent Reduktion bis 2016 vorgeschrieben ist. Kalifornien hat mit seinen 37 Millionen Einwohnern und als sechstgrößte Volkswirtschaft der Erde enormen Einfluss auf die globale Autoindustrie: “Durch den Riesenmarkt werden die Hersteller gezwungen, die immer strengeren Standards zu erfüllen”, sagt Bob Fairbanks, Politbeobachter in Sacramento. Dementsprechend vehement fielen deren Proteste gegen den juristischen Großangriff aus. “Das ist alles dummes Herumgepolter im Wahlkampf”, wetterte Sean McAlinden, Sprecher einer Autolobbygruppe, gegen Kläger Lockyer, der, wie Arnie, ebenfalls am 7. November um seine Wiederwahl kämpft. Die Monsterklage unterscheidet sich noch in weiterem Punkt von früheren Rechtsschritten: Erstmals werden von den Autoherstellern finanzielle Entschädigungen gefordert. Der Zeitpunkt könnte für, vor allem die großen US-Autohersteller kaum schlechter sein: Ford und GM setzen nach Milliardenverlusten brutale Umstrukturierungspläne mit Massenentlassungen und Fabriksschließungen um, Chrysler hat ähnliche Schritte angekündigt. Sie hatten jahrelang auf große Benzinfresser, SUVs und “Trucks”, gesetzt, die sich mit steigendem Spritpreisen immer schlechter verkaufen.

# 19. September: US-Natascha

US-Detektive im Fall der zehn Tage lang in einem unterirdischen Verließ gefangen gehaltenen Elizabeth Shoaf fokusieren in ihren Ermittlungen gegen Entführer Vinson Filyaw, 37, auch, ob der Mann sich vom Fall Natascha inspirieren oder ermutigen ließ. Das bestätigte ein Sprecher des ermittelnden Kershaw County Sherriff´s Office in Lugoff, US-Bundesstaat South Carolina, Eric Tisdale gegenüber ÖSTERREICH. “Wir werden ihn bei der nächsten Vernehmung sicher danach fragen”, sagte der Detektiv.
Durch das globale Medien-Echo nach der Flucht von Natascha Kampusch befürchten Behörden das Auftreten von “Copycat”-, also Nachahmungstätern. Filyaw, ein arbeitsloser Bauarbeiter, könnte der erste sein: Der Bunker in einem Waldstück, in dem er Elizabeth 1,6 Kilometer von ihrem Zuhause festhielt, erinnerte am ersten Blick an eine Rohversion des Natascha-Verlieses: 4,5 Meter tief, mit einer Sperrholzplatte als Dach hatte das “Gefängnis” ein mit Händen ausgegrabenes Klo, gefunden wurde auch ein selbstgebastelter Sprengsatz (Schiesspulver in Medikamentenflaschen gestopft), eine Leuchtpistole, Zigaretten und Pornohefte. Filyaw hatte dem Mädchen gedroht, dass er das Verlies in die Luft jagen werden, sollte sie Fluchtversuche starten.
Elizabeth konnte sich jedoch weitaus schneller als Natascha retten: Sie nahm das Handy ihrer Entführers, als der kurz eingenickt war, und schickte ihrer Mutter eine SMS. Die erstarrte: “Hi Mum, hier ist Lizzie”, stand auf den Gerät zu lesen, erzählte die Mutter Madeline: “Sie gab präzise Angaben über ihren Aufenthaltsort”. Elizabeths Vater schüttelte in einem Interview überglücklich den Kopf: “Ich bin froh, dass sich meine Frau mit SMSs auskennt, ich hätte die Nachricht nicht einmal abrufen können”. Sie erhole sich nun von der Odyssee, wo Polizisten bei der Suche praktisch über ihr Erdloch stiegen. Filyaw, der wegen Belästigung einer 12-Jährigen bereits gesucht worden war, ist ein klassischer Sextäter. “Wir fanden Kindersexmaterial in seinem Trailer, dem Auto, einfach überall”, so Tisdale.

# 19. September: Paarlauf am East River

Es war ein eigenartiger Präsidenten-Paarlauf, den das UN-Gebäude am New Yorker East River erlebte. US-Präsident George W. Bush sowie Irans provokanter Hardliner Mahmud Achmadinedschad hielten beide Dienstag ihre Rede vor der 61. UN-Vollversammlung: Bush, der mit seiner Frau, First Lady Laura gestern für Drittweltprogramme gegen Analphabetismus warb, fokusierte in seiner Ansprache auf die “Demokratisierung des Nahen Ostens” und angeblichen “Fortschritten im Irak”. Die von Bush gewohnte Matcho-Rhetorik gegen den Iran, den er in seiner letztjährigen UN-Rede als “Tyrannenregime” geisselte, wurde jedoch etwas heruntergefahren. Stunden später folgte Achmadinedschads Rede. Der Hardliner, der zuletzt weiter gegen den Papst hetzte und von einem regelrechten Bush-Bashing-Gipfel in Havanna samt Treffen mit Venezuelas Hugo Chavez nach New York reiste, hatte publizitätsträchtig Bush zu einer Debatte über Irans Atomprogramm herausgefordert. Bushs Mitarbeiter arbeiteten daher fieberhaft daran, dass die beiden Männer sich nicht über den Weg laufen. Zu einer Bush-Willkommens-Rezeption Dienstag abends war Achmadinedschad demonstrativ ausgeladen worden. Besonders blank lagen die Nerven bei einem von UN-General Kofi Annan gegeben Mittagessen, wo beide Präsidenten geladen waren. Gut in Erinnerung ist die Szene, als einst Kubas Fidel Castro auf Bill Clinton bei einem solchen Mahl zuging und ihm die Hand schüttelte. Clinton war so nervös über möglichen politischen Fall-out, dass er die Episode zunächst leugnete. Bush wollte beim UN-Gipfel auch eine diplomatische Offensive zur Durchsetzung von Sanktionen gegen Teheran starten. Doch Frankreichs Präsident Jacques Chirac verlautete bereist am Montag, dass er wegen Irans Ignorieren der UN-Forderungen nach einem Ende der Urananreicherung “niemals für Sanktionen” gewesen sei.

# 17. September: Die tapfere Patricia Smith

Da stand sie, in einem blassrosa Kleidchen mit rundem Kragen. Das brünett-blonde, gewellte Haar ist mit einer rosa Schleife nach hinten gebunden, ihre Arme hängen schlaff herab, in der rechten Hand hält sie eine Rose. Der Kopf ist andächtig nach unten gesenkt, ihre Augen starren auf den Boden. Dennoch: Sie wirkt stark, entschlossen, erwachsener als sie es für ihre zarten sieben Jahre sein müsste. Patricia Smith steht vor der Baugrube “Ground Zeros”, wo einst die Twin Towers standen, und jetzt Partner der 9/11-Opfer nochmals ihre ohnmächtige Trauer in liebevollen Worten entlassen.
“Sie hätte uns zum Lächeln gebracht, wenn wir schmollten, sie hätte uns zum Lachen gebracht, wenn wir weinten”, hört nun Patricia ihren Vater Jim sagen, der neben ihr, wuchtig in seiner schmucken Paradeuniform des “New York Police Department” (NYPD) am Rednerpult bei der Trauerfeier zum 5. Jahrestag des 11. September (2.759 Tote, 24 Vermisste in New York) steht. “Sie” ist natürlich seine Gattin Moira und Patricias Mutter. Patricia war ein pausbäckiger, zweijähriger “Toddler”, als Moira, wie Jim ein NYPD-”Officer”, vom WTC-Südturm erschlagen wurde, als sie im dritten Geschoß gerade einer asthmakranken Frau helfen wollte. Moira starb als Heldin, doch Patricia ist eine Halbwaise, ihr Vater Witwer.
Das berührende Foto des so bildhübschen wie tapferen Mädchens wurde hundertfach auf die Titelseiten von Zeitungen rund um die Welt gedruckt – kaum ein Foto symbolisierte so dramatisch das Leid unter den 9/11-Familien, deren heile Welt seit fünf Jahren unwiderbringlich verloren ist. Und Patricia ist eines der 9/11-Kids, die nun alt genug sind, um die Tragödie vollständig begreifen zu können. Erst sechs Monate nach dem Terror-Horror waren Moiras Überreste in der Schutthalde gefunden worden, “am ersten Frühlingstag”, wie einer Familienfreundin auffiel. Beim Begräbnis antwortete die Kleine damals auf die Frage, ob sie auch mal Polizistin werden wolle: “Klar, ich werde den Bösewichten nachlaufen und sie erwischen”. “Single Dad” Jim kullerten da unkontrolliert die Tränen über die Wangen. Doch immer wieder, so erzählt ihr Vater, kämen bei Patricia diese plötzlichen Wutausbrüche: “Ich bin so wütend auf Gott”, platzt es dann aus ihr heraus, “weil er meine Mummy nicht vom Himmel nach Hause kommen lässt”.
Moira sieht ihrer Mutter sehr ähnlich, die helle Haut, die lebendigen, entschlossenen Augen, das warme Lächeln. Und stark ist auch die Kleine: Sie hätte selbst darauf bestanden, an der Trauerfeier vor versammelter Weltpresse teilzunehmen, so Jim, 45. Und während hunderttausende TV-Zuseher rund um den Globus bei der berührenden Szene Tränen vergossen, hielt Patricia ihre Pose durch, immer andächtig, ein verstecktes Lächeln. Irgendwie steht sie fast auch unter Druck, denn die verstorbene Mutter Moira ist eine der größten Heldinnen des 9/11-Desasters: Sie wird damals fotografiert, ihr Gesicht voller Adrenalin und Anspannung, als sie einen blutverkrusteten Geschäftsmann ins Freie führt. Sie kehrt um, rennt wieder in die Lobby des Südturms, um mehr Menschen zu retten. “Das war typisch sie”, so Jim: “Sie war nicht leichtsinnig, doch aufgeben? Niemals!” Martin Glynn, einer der Überlebeden, dem Moira half, erinnert sich: “Sie konnte durch ihre Courage die Menge dirigieren und hat so hunderten das Leben gerettet”. Moiras Gesicht, fährt er fort, schieße ihm jeden Tag seit damals durch den Kopf. 110 Stockwerke kollabieren schließlich über ihr, Moira ist, von 82 Todesopfern innerhalb verschiedener Polizeieinheiten die einzige Frau. New York ehrte seine Heldin nach Kräften: In ihrem Wohnbezirk in Brooklyns Bezirk “Bay Ridge” knattern hunderte US-Flaggen zu ihren Ehren das ganze Jahr lang im Wind, eine Straße wurde nach ihr benannt und sogar eine Fähre. “Meine Mummy lebte hier”, erzählt Patrcia einem Kamerateam des Kanals “NY1”: “Und sie haben gleich den ganzen Block nach ihr benannt”. Im Prozess gegen den vermeintlichen 9/11-Komplizen Zacarias Moussouai wollte die Staatsanwaltschaft mit der Vorlage eines rührenden Bildes (Aktenzeichen “P200198, 01-455-A), wo Moira und ihre damals einjährige Tochter in die Kamera lächeln, die Dimension des unendlichen Leids des 9/11-Massenmordes demonstrieren.
Vater Jim bemüht sich nach Kräften, Patricia trotz der Tragödie halbwegs heil großzuziehen. Oft habe er, sagt er, Probleme, die richtigen Kleider für die Kleine auszusuchen: “Da hilft mir dann oft Moiras Schwester Mary”. Doch Patricia habe ihn vor dem Untergang gerettet, sagt Jim: “Ohne sie wäre ich wohl in der Gosse gelandet.” Doch am furchtbarsten sei es, so Jim, wenn seine Tochter immer wieder frage, ob es nicht doch noch eine Chance gäbe, dass Mummy aus dem Himmel zurückkehren könnte. Nicht wenigstens ein Besuch? Nicht wenigstens für einen Tag? Aber dann gibt es auch die stolzen Momente, als etwa Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani der damals dreijährigen Patricia im Dezember 2001 für die Verdienste ihrer Mutter eine “Medal of Honor”, den höchsten Zivilistenorden, um den zarten Hals hängte. Jim: “Sie hat mich so an ihre Mutter erinnert an diesem Tag”. Sein wichtigster Job sei nun, fährt er fort, “Patricia jeden Tag wissen zu lassen, wie sehr ihre Mummy sie geliebt hat”.
Jim Smith nützte bei der 9/11-Trauerfeier die Gelegenheit recht gut, die Welt an seinen Schmerz und seine Wut auf diejenigen, die sein Leben und das seiner Tochter aus der Bahn warfen, zu erinnern. “Ich bin der Mann der New York City Polizistin Moira Smith, die vor fünf Jahren in den Südturm lief, weil sie fest daran glaubte, dass ein Leben, in dem man anderen hilft, das einzig lebenswerte ist”, begann Smith seine Ansprache: “Ich frage mich jeden Tag, was Moira tun würde heute, wen sie noch am Leben wäre, fuhr er fort: “Sie würde die Menschen ihrer geliebten Stadt beschützen, sie würde ihre Tochter großziehen, die sie mehr als alles auf dieser Welt liebte”. Und dann kommt doch die Wut, als er sarkastisch anfügt: “Aber ihre wichtigste Beschäftigung wäre, zu leben”. Da hielt Patricia hielt ihren Kopf immer noch andächtig gesenkt, regungslos.

# 14. September: Bush im 9/11-Zwischenhoch

Das Ausspielen der Angst- und Terrorkarte scheint sich für US-Präsidenten George W. Bush wieder auszuzahlen: Laut einer “NBC/Wall Street Journal”-Umfrage stieg Bushs Popularität auf 42%, zwei Punkte höher als im Vormonat. Zum 9/11-Fünfjahrestag hatte Bush in einer Serie von martialischen Reden, den Irakkrieg mit dem 11. September vermischt und vor weiteren Terrorattacken gewarnt. Mit der wilden Kriegsrhetorik will Bush seiner Republikaner-Partei sieben Wochen vor den Midterm-Kongresswahlen helfen, die neun Prozent hinter den Demokraten liegen. Bushs Mann fürs Grobe, Karl Rove, schwört wieder auf die bewährte Strategie, die Opposition als Feiglinge und Hippies zu denunzieren: “Die Demokraten sind mehr interessiert, die Terroristen zu schützen als die US-Bürger”, sagt der Top-Republikaner John Boehner zuletzt.

# 11. September: Totenstill in Lower Manhattan

Es ist totenstill, mitten in Lower Manhattan, einem der sonst pulsierendsten Ort des Erdballs. Es ist die erste von vier Schweigeminuten der 9/11-Trauerfeier auf “Ground Zero”, die Zeit 8:46 Uhr, der Moment, als vor exakt fünf Jahren der dumpfe Knall des in den WTC-Nordturm rasenden American-Airlines-Boeing-767-Jumbos durch die Hochhausschluchten hallte, der Beginn einer 102-Minütigen Apokalypse in der ein zweiter Jumbo den Südturm traf (9:03 Uhr), dieser implodierte (9:59) gefolgt vom Nordturm (10:29). Der Stille folgt das kurze “Ping” einer silbernen Glocke. Die Zeremonie begann früh morgens, bei ähnlich strahlendem Wetter und tiefblauen Himmel, mit rhythmischen Trommeln und durchdringenden Dudelsacktönen einer FDNY-Feuerwehrkapelle und der US-Nationalhymne. Kernstück der Feier war, wie bei den vier vorangegangenen Gedenktagen auch, das Verlesen der Namen der Todesopfer: Es sind so viele, dass ihre Namen bis in den frühen Nachmittag durch die Stadt hallen. Verlesen werden sie von Partnern, die am Ende persönliche Widmungen abgeben: “Für meinen Mann Paul John Gill, einem Feuerwehrmann”, sagt eine Witwe mit stockender Stimme: “Ich denke jeden Tag an dich, meine Liebe ist für alle Ewigkeit”.
Es ist eine der größten, und vielleicht außer dem ersten Gedenktag 2002 berührendsten Gedenkfeiern am 6,4 Hektar großen Areal wo die Towers einst standen, heute eine neun Stockwerke tiefe Baugrube. In einer endlose Prozession waren die Angehörigen der insgesamt 2.773 Opfer des Terroranschlages gekommen: Es sind Menschen aller Altersgruppen, sozialer und ethnischer Herkunft, ihre Gesichetr sind traurig, aber auch entschlossen, viel Courage gehört wohl dazu, jedes Jahr an den Ort zurückzukehren, wo ihre Väter, Mütter, Kinder oder Geschwister verglühten, zermalmt wurden, freiwillig in den Tod sprangen. Von 800 Opfern wurden nicht einmal Überreste gefunden. Kleine weiße Maschen haben einige angesteckt, andere tragen T-Shirts, die an die verschiedenen Opfergruppe erinnern, wie “United Forever”, ein Gedenken an die Passagiere des zweiten Todesjumbos.
Bereits der Abend vor dem 11. September stand im Zeichen nationaler Trauer: US-Präsident George W. Bush raste in einer Wagenkolonne – aus einigen der pechschwarzen SUVs schauten maskierte Bodyguards – mit gezückten MPs, den weiten Boulevard der West Street am Ex-WTC-Areal vorbei. “Was ist los?”, rief eine Frau aus einem Auto, eingeklemmt im völlig erliegenden Verkehr. “Der Präsident ist vorbei gefahren”, antwortet ein Cop. Der solle nach Hause fahren, murmelt die Frau.
So musste Bush an gut Hundert Demonstranten vorbei, die “Mörder, Mörder” riefen, Plakate á la “Beendet das Streben”, “Raus aus dem Irak” hoch hielten und schwarze Ballons steigen ließen. Bush marschierte gemeinsam mit First Lady Laura und lokaler Politprominenz die lange Rampe, die flankiert von den Fahnen der gut 80 Nation ist, die Opfer im Twin-Tower-Inferno zu beklagen hatten, hinunter in die Baugrube, legte eine Kranz nieder, erwähnte in kurzen Worten die “unvorstellbare Trauer”, die einem an diesem Ort überkomme.
Es folgte ein Trauergottesdienst in der 225 Jahre alten St. Paul´s Chappel, die wie durch ein Wunder die Turm-Kollapse überstand und dann als spirituelles Zentrum für Hilfsarbeiter fungierte. Als jedoch Rudy Giuliani, Ex-Bürgermeister New Yorks mit Präsidentschaftsambitionen und hemdsärmeliger Held in den Horrortagen nach 9/11, die Kirche betrat, setzte es fast Standing Ovation und laute Zurufe. Bush hielt während der Messe die Hand von Jeanette Vigiano, die gleich zwei Söhne, Joe, ein Cop und John eine Firefighter, verlor. Neben Laura saß Bob Beckwith, jener legendäre Feuerwehrmann, der damals neben Bush auf der rauchenden Halde stand, als der per Megafon Rache schwor. ÖSTERREICH hatte den pensionierten 9/11-Helden vor dem Trauertag besucht: “Ich werde mein Leben lang dafür Kämpfen”, sagt er, “dass dieserf Tag niemals vergessen wird”.
Doch Bush ließ auch seine Teilnahme an den Trauerfeiern nicht ungenützt für politische Propaganda. “Das alles erinnert einen”, sagte er beim Verlassen eines kleinen Museums mit 9/11-Bildern und -artifakten, “dass der Feind noch nicht besiegt ist”. Bush hatte letzten Tage für einen PR-Blitzkrieg genützt, um seinen globalen Antiterrorfeldzug zu verteidigen und den Republikanern vor dem Midterm-Wahlen zu helfen. “Ich wünschte, wir hätten mehr Erfolg bei unserer Jagd nach Osama Bin Laden”, sagte Telekom-Sales-Manager Peter Lord, etwas irritiert: “Das alles ist ein große Show”.

# 11. September: 9/11 +5: Das Comeback New Yorks


Für Dr. John Draper ist es gut für das Geschäft, dennoch sehnt er sich danach, wenn der Strom der Hilfesuchenden in seiner Praxis am Broadway langsam abebben würde. Draper ist Chef von “Lifenet”, einer Organisation, die Menschen hilft, die durch den Twin-Tower-Terror des 11. September traumatisiert sind, immer noch. 820.000 Menschen haben in den letzten fünf Jahren ärztliche Hilfe gesucht, so Draper: “Sie leiden unter Panikattacken, wenn kleine, an sich harmlose Ereignisse einen kompletten 9/11-Flash-Back auslöst”. Dann rasten, so der Arzt weiter, durch ihr Gehirn wieder die furchtbaren Bilder und Töne von damals, das laute Röhren des Jumbos, der dumpfe Knall des Einschlages, der endlose Fall der Todesspringer, die Massenpanik, als die Türme implodierten, die durch Lower Manhattans rasende Staubwolke, die ohnmächtige Trauer um all die Vermissten. Die Symptome des “Posttraumatischen Stresses”, wie das Phänomen heißt, ließen sich medizinisch zwar behandeln, “ganz beheben jedoch nie”, so Draper.
Während auf “Ground Zero”, der heute riesigen Baugrube, wo die Twin Towers einst standen, mit dem Verlesen der Namen der insgesamt 2.773 New Yorker Todesopfer des Al-Kaida-Jumbo-Horrors gedacht wird, ist die Acht-Millionen-Einwohner-Metropole heute ein Mix aus spektakulärem Comeback und nicht enden wollendem Trauma und schwelender Angst. Der Wiederaufbau auf Ground Zero kommt langsam in Schwung, zuletzt wurden spektakuläre Designs von drei neuen Skyscrapers enthüllt, die neben dem 536 Meter hohen “Freedom Tower” ab 2012 stehen sollen. Sie sind ein Symbol dafür, dass sich New York nicht unterkriegen ließ.
Im Gegenteil, so Bürgermeister Michael Bloomberg: “Die Stadt ist heute wohlhabender, sicherer und schöner als je in ihrer Geschichte.” Er legt eindrucksvolle Zahlen vor: Anstatt des befürchteten Exodus aus der Stadt wird New York 2010 235.000 zusätzliche Bewohner haben, dem nach 9/11 klaffenden Fünf-Milliarden-Dollar-Budgetloch steht heute ein 3,75-Milliarden-Überschuss gegenüber, die Arbeitslosigkeit, die auf fast zehn Prozent schnellte, liegt heute bei knapp sechs. Rapide steigende Miet- und Immobilienpreise lösten einen gigantischen Bauboom aus, in Lower Manhattan ist es, so Bloomberg, “sogar der größte in der Geschichte der Stadt”. Mehr Touristen denn je strömen in die Stadt, 44,4 Millionen sollen es heuer werden.
Doch bis zu 40.000 Menschen könnten für das Comeback ihre Gesundheit geopfert haben: 70 Prozent der damaligen Arbeiter auf der brennenden Trümmerhalde kämpfen durch das Inhalieren des feinen, toxischen Staubes voller Asbest, Glas und Schwermetallen mit schweren Lungenkrankheiten.
Und immer noch kommt bei fast bei jedem Gespräch mit den Einwohnern des “Boom Apple” der Horror von 9/11 zur Sprache, und vor allem die Sorge um eine Wiederholung des Irrsinns. Die Zeit heilt die Wunden hier nur langsam: 69 Prozent der New Yorker sind laut einer “New York Times/CBS”-Umfrage “außerst besorgt” über weitere Attacken, das sind lächerliche fünf Prozent weniger als in den chaotischen Monaten gleich nach 9/11. Fast ein Drittel der Bewohner gab an, dass sie jeden (!) Tag an die 102 Minuten denken, als ihre Stadt im Kriegsinferno versank. Die schwelende Dauerangst kommt oft plötzlich nach oben: Kampfjets der US-Airforce dürfen nicht mehr über die Stadt fliegen, nachdem nächtlicher Düsenjetlärm die Notaufnahmen der Spitäler mit panischen Menschen füllte. Als ein Verkehrsflugzeug, gefüllt mit aus dem Irak wiederkehrenden Soldaten im Tiefflug eine “Ehrenrunde” über Manhattan zog, liefen Angestellte panisch aus ihren Büros. “Man lebt jeden Tag in einem Zustand des totalen Verleugnens”, sagt die Anwältin Angela Dowd: “Man macht sich vor, dass nichts passieren wird”.
Bloomberg beteuert, dass die Stadt heute weit besser auf drohenden Terror vorbereitet sei: 120 Mann sind für die “Terror Task Force” abgestellt, 2001 waren es 17. In der Subway werden, nach dem U-Bahn-Terror von London, Taschen und Rucksäcke nach Sprengstoff durchsucht, an die Checkpoints vor allen Brücken und Tunnel haben sich die New Yorker ohnehin gewöhnt. Neue Attacken ausschließen will aber auch Bloomberg nicht.

# 9. September: „Heißblütige Puerto Ricanerinnen“

Neuerlich stolpert “Governator” Arnold Schwarzenegger politisch fast über seinen derben Schmäh der Marke Styria im politisch korrekten Kalifornien: In einem der “L.A. Times” zugespielten, sechs minütigen Audio-Tape fabuliert er mit Beraterin Susan Kennedy über die Herkunft der Abgeordneten Bonnie Garcia. “Ist sie Puerto Ricanerin?”, fragt da Kennedy: “Für mich ist sie mehr Kubanerin”, so Arnie und fährt fort: “Puerto Ricanerin, Kubanerin, ich finde die alle sehr heiss. Da mischt sich das Latino-Blut und das Schwarzen-Blut, und das macht es aus!” Schwarzenegger, mitten im Wahlkampf zur Wiederwahl am 7. November, entschuldigte sich prompt. “Als ich selbst hörte, was ich da daherrede”, sagte er zerknirscht, “musste ich mich verkrampfen”. Seinen vier Kids würde er so einen unsensiblen Palaver nicht erlauben am Frühstückstisch, fügt er an. Schon knapp vor der Wahl 2003 brachte ihn ein “Grapschskandal”, wo mehrere Frauen Arnie sexuelle Anzüglichkeiten vorwarfen, in Bedrängnis. Das letzte Tape wurde aufgezeichnet in Arnies Gouverneursbüro, an der Wand hängt dort das Schwert von “Conan the Barbarian”.

# 9. September: Festung New York

New York gleicht knapp vor dem 5. Jahrestag des Al-Kaida-Jumbo-Infernos des 11. September einer Festung. Da hallt das dumpfe Knattern eines doppelrotorigen “Chinook”-Militärhubschraubers durch die Hochhausschluchten Lower Manhattans, als der im steilen Sinkflug eine scharfe Kurve zieht. Menschen auf der Straße zucken zusammen, blicken ängstlich nach oben. Polizeihubschrauber drehen zusätzlich ihre Runden über “Ground Zero”, wo die kollabierten Twin Towers einst standen, am nahen Hudson-Fluss rasen Schlauchboote der US-Küstenwache mit montierten Maschinenpistolen auf und ab. Kolonnen aus dutzenden Polizeiwägen ziehen mit Blaulicht und Sirenengeheul durch die Avenues.
Zur immer noch überwältigenden Trauer über die 2.773 Todesopfer in New York – verglüht in den beiden Todesjumbos, freiwillig in den Tod gesprungen, verbrannt in ihren Büros oder zermalmt im Kollaps – gesellt sich fast panische Angst vor neuen Attacken, besonders, nachdem Experten das Donnerstag veröffentlichte Video des 9/11-Terrorpaten Osama Bin Laden als mögliches Angriffssignal deuteten. Die Sicherheitsvorkehrungen sind die strengsten in der Stadtgeschichte: New Yorks 38.000 Cops sind im Dauereinsatz, LKWs werden vor den Tunneleingängen nach Explosionsstoffen durchsucht, an den Auffahrten zu den weltberühmten Hängebrücken stehen Patroullienwagen mit rotierenden Blaulichtern, rund um die Airports JFK und La Guardia wird Ausschau nach Terroristen gehalten, die Jumbos mit, von der Schulter abgefeuerten Boden-Luft-Raketen anvisieren könnten (36 derartige Attacken gab es in den letzten drei Jahrzehnten, alle außerhalb der USA).
“Unsere schwerbewaffneten, sogenannten Hercules-Teams stehen für jeden Ernstfall bereit”, versuchte Bürgermeister Michael Bloomberg zu beruhigen. Der Besuch von US-Präsident George W. Bush dürfte am Montag den Verkehr in Manhattan noch zusätzlich lahmlegen. Ground Zero wird inzwischen gestürmt von Touristen und Trauernden: Sie stehen vor dem Bauzaun, starren auf die Schautafeln, einige weinen. Nebenan werden 9/11-Souveniere verkauft. Dudelsack-Spieler sorgen für melancholische Untermalung. Jedes Feuerwehrhaus – das “Fire Department New York” (FDNY) verlor am schwärzesten Tag seiner Geschichte 343 Mann – wurde in eine Gedenkstätte umgestaltet. “Diese Tage vor jedem Jubiläum sind nur schwer zu ertragen”, sagt Stan Jessamine von der “Ladder 7”: “Da heulen selbst die hartgesottensten unter uns”.
Doch New York gibt sich vor morgigen Mega-Trauerfeuer, wo Angehörige wieder die Namen der Opfer verlesen werden, auch festlich und patriotisch: Die blauen Scheinwerferstrahlen des Kunstprojektes “Tributes of Light” ragen in den Nachthimmel und erinnern an die gefallenen Türme, am “World Financial Center” vor der Baugrube hängt eine 35 mal 60 Meter große US-Flagge – in den Vorgärten der Suburbs gingen gar ganze Fahnenwälder auf.

# 8. September: Bin Ladens Botschaft

Die Veröffentlichung des neuen Bin-Laden-Tapes schlug wie ein Bombe in den USA ein, auch mitten in den PR-Blitzkrieg von Präsident George Bush in den Tagen vor dem 9/11-Fünfjahrestag. Am Internet-”Drudge Report” rotierte das berühmte Blinklicht über einer riesigen Headline, die US-Version von CNN ließ ihren Al-Kaida-Experten Peter Bergen, der den Terrorpaten einst selbst interviewte, am Telefon von Afghanistan aus die gespenstischen Bilder kommentieren. Achteinhalb Wochen vor den “Midterm”-Kongresswahlen folgte prompt eine heftige Politdebatte: “Die Amerikaner werden hier eindrucksvoll erinnert”, ätzte Kaliforniens Demokraten-Sentorin Barbara Boxer, “dass es die Bush-Regierung bis heute nicht geschafft hat, Osama bin Laden auszuschalten”. Der rechte Kommentator Bill Bennett hingegen sah die elektronische Nachricht aus den Bergen Afghanistans als Beweis, “dass die USA keinen Deut von ihrem Kampf gegen die Islamofaschisten abrücken darf”.
Terrorexperten versuchten eine Deutung der neuen Bänder: “Dass Al-Kaida das Band fünf Jahre lang zurückgehalten hat”, sagte Experte Steve Emerson auf NBC, “zeigt, wie diszipliniert die vorgehen”. Und Rohan Gunaratna, Autor des Bestsellers “Inside Al Qaida”, sieht durch den nicht enden wollenden Strom an Videos einen weiteren Beweis, dass die USA in ihrem Antiterrorkrieg bisher versagte: “Sie vergeuden ihre Ressourcen im Irak während die Suche nach Bin Laden vernachlässigt oder gar aufgegeben wurde”, sagte er.

# 8. September: Hillary vs. Giuliani?

Hillary Clinton gegen Rudy Giuliani, als Neuauflage des spektakulären, damaligen Senats-Duells im Jahr 2000? Nach der jüngsten CNN-Umfrage herrscht in den US-Medien große Aufregung über ein derartig quotenträchtiges Match um das Oval Office im Jahr 2008: Giuliani, seit seinem hemdsärmeligen Auftritt nach dem Terror-Horror des 11. September weltberühmt, führt überraschend das Feld der möglichen Republikaner-Kandidaten für die Vorwahlen zur Kandidatenkür (Primaries) mit 31 Prozent an. John McCain, einst als Favorit gehandelt, liegt weit abgeschlagen zehn Punkte zurück, auf Platz drei liegt der Bill-Clinton-Widersacher aus den Neunzigern, Newt Gingrich. Hillary, und das ist keine Überraschung, lässt weiterhin im Demokratenduell alle Gegner zurück: Die New-York-Senatorin führt mit 37 Prozent vor dem ehemaligen Vizepräsidenten und Ex-Kandidaten 2000 Al Gore mit 20, der jedoch wiederholt sein Antreten ausgeschlossen hat. Auf jeweils elf Prozent kommen Bush-2004-Gegner John Kerry und sein damaliger “Running Mate”, John Edwards. Für Hillary und Giuliani gibt es noch einige Hürden zu nehmen: “Hillary muss trachten, dass sie nicht über ihrer Rolle als Favoritin stolpert wie Howard Dean 2004”, so Time-Kolumnist Joe Klein. Und für Giuliani, der als gemäßigter Republikaner für Abtreibungen und gegen den Waffenwahn ist, stellen die Primaries sogar die größte Herausforderung für seinen möglichen Sturmlauf auf D.C. dar: Er muss sich bei der erzkonservativen Parteibasis und der Religiösen Rechten behaupten. Das brutale Duell der First Lady gegen New Yorks Bürgermeister hatte 2000 für Dauerschlagzeilen gesorgt, bis Giuliani wegen einer Prostatakrebserkrankung ausschied.

# 8. September: Die Hollywood-Bombe von Joe Eszterhas

Joe Eszterhas ist in Hollywood ein Legende, eine gefürchtete allerdings: Der Drehbuchautor, weltberühmt geworden mit dem Script für “Basic Instincts” oder “Flashdance”, und einmal mit $4 Millionen für ein Vierseitenkonzept entlohnt, schreibt seit kurzem eher Enthüllungsbücher über die Filmstars zittern. Am 19. September erscheint in den USA seine nächste Buchbombe: Schon jetzt sorgen durchgesickerte Details von “The Devil´s Guide to Hollywood: The Screenwriter as God” für Aufregung in Tinseltown. Darunter:
# Eszterhas behauptet, dass Madonna, um eine Rolle im Film “Desperately Seeking Susan” zu bekommen, vor der Produktionschefin von “Orion”, Barbara Boyle, auf die Knie ging und sagte: “Ich mache alles für diese Rolle”. Worauf Boyle geantwortet haben soll: “Ich bin glücklich verheiratet und nicht lesbisch”. Madonna, angeblich: “Man sollte alles mal versuchen…”
# Sharon Stones zickiges Benehmen am Set einer ihrer Filme hatte das Personal derart zur Weißglut getrieben, dass sie in eine Badewanne pinkelten, bevor sich Stone darin entspannte.
# Michael Douglas, erzählt Esterhas von seinen Erfahrungen mit dem Superstar, “ist keinesfalls brillant, eher, in vielen Fällen, sogar dumm”. Er wollte das Ende von “Basic Instinct” umschreiben lassen, da es ihm nicht “bekehrend” genug erschien. Sonst ärgerte er sich andauernd, dass Sharon Stone ihm die Schau stahl.
# Val Kilmer ist ein ordentlicher Egomane, so der gefürchtete Insider weiter: Als ihn die “Academy” fragte, seine Wahl für die drei besten Filme aller Zeiten zu nennen, nominierte Kilmer prompt drei seiner eigenen Filme, darunter “Batman Forever”
# Robert De Niro, auf der Filmleinwand meist ein schlagfertiger Macho, bringe privat kaum einen geraden Satz heraus, so Eszterhas: “Er sitzt da, stumm – sucht krampfhaft nach Worten. Ohne Drehbuch ist er total aufgeschmissen”.

# 6. September: Die Gesundheit geopfert für New York

Der Bautischler Juan Sierra, 38, stand am Gerüst, als er am 11. September die Jumbos in die Twin Towers krachen sah. Er zögerte keine Minute, schnallte sich seinen Werkzeuggürtel um, marschierte los auf die schwarzen Rauchfahnen Ground Zeros. Sieben Tage rackerte in der apokalyptischen Trümmerhalde, sammelte Leichenteile, stand in der “Kübelkette”, brüllte in die Spalten auf der Suche nach Überlebenden. Geschlafen hat er nur ein paar Stunden, zusammengekauert am Gehsteig. Die spontane Hilfsbereitschaft war für den Arbeiter so selbstverständlich wie symbolisch für die Überlebensgabe der so hart getroffenen New Yorker.
Sierra hat seine Gesundheit dafür geopfert: Geplagt von schweren Asthma-Anfällen quält er sich durch seinen Job, immer wieder muss er nach heftigen Hustenanfällen pausieren, ohne seinen kleinen Plastikinhalierer kommt er nicht mehr aus. “Vor meinen Einsatz auf der Halde war ich kerngesund, hatte sogar den Tauchschein gemacht”, sagte Sierra zu ÖSTERREICH: “Jetzt ist mein Leben ein Martyrium und die Angst vor einer möglichen Krebserkrankung macht mich verrückt”.
Sierra ist einer von 9.500 Ground-Zero-Arbeitern, die in der vom New Yorker “Mount Sinai”-Spital durchgeführten, bisher größten Studie der Gesundheitseffekte durch den toxischen Staub des kollabierten World-Trade-Center-Komplexes getestet wurde: 70 Prozent der Helfer, wurde am Dienstag verlautet, leiden heute unter teils massiven Lungenproblemen, mindestens drei sind an Komplikationen in den letzten Monaten gestorben.
Das schockierende Studienergebnis platzt in eine immer hitzigere Debatte, ob die Behörden die Luftbelastung mit Asbest, Schwermetallen und anderen krebserregenden Stoffen verharmlosten, um die Aufräumungsarbeiten auf Ground Zero und die Öffnung des Finanzdistriktes rund um die Wall Street nicht zu verzögern. Zusätzlich gingen die bis zu 40.000 Freiwilligen – völlig konträr zu den Opfer-Familien, wo sechs Milliarden Dollar ausgeschüttet wurden – bisher leer aus: Anlaufende Sammelklagen sollen nun Kompensationszahlungen erzwingen. Sierra hat sich noch nicht entschlossen, ob er sich der Klage anschließen will. Aber er hofft, “dass sich die Regierung endlich erkenntlich zeigt für unseren Einsatz”.

# 4. September: „Rummy“ reitet wieder

Berüchtigt ist US-Verteidigungsminister Donald Rumsfelds für seine Rhetorik: Journalisten fährt er über den Mund, Kritik von Polit-Gegner kommentiert er stets abfällig, im Pentagon selbst, so Mitarbeiter, schreit er auch gerne mal herum. Doch jetzt hat der schroffe, 74-Jährige Haudegen in gleich zwei Bush-Regierungen – ohnehin unter enormen Druck als “Chefarchitekt des Irak-Debakels” (Demokraten) – den Bogen überspannt: Zum Auftakt der PR-Kampagne der Bush-Regierung, vor dem fünften Jahrestag des 11. September in Sachen Irak- und Antiterrorkrieg die Moral unter der US-Bevölkerung zu heben, donnerte “Rummy” kürzlich vor Veteranen, Gegner des Irakkrieges wären mit den “Appeasern” Adolf Hitlers 1933 zu vergleichen, als ein erster Friedensvertrag Hitlers Aggression damals nur verzögerte.
Außerdem litten Kriegskritiker an “intellektueller Verwirrtheit”, donnerte Rumsfeld weiter. Angesprochen sind hier nicht nur die oppositionellen Demokraten, sonder gleich mehr als die Hälfte der US-Bevölkerung, die den Irakkrieg inzwischen ablehnen. Jetzt könnte Rumsfeld der Sturm der Entrüstung aus dem Amt fegen: Die entrüsteten Demokraten zirkulieren eine Resolution im US-Senat, die einen Rücktritt des selbstherrlichen Pentagon-Chefs fordert – und die sich prompt “enorm hoher Beliebtheit erfreut”, so New-York-Senator Charles Schumer. Das populäre Papier dürfte nach Wiederkehr der Senatoren nach der Sommerpause am Dienstag durch eine rasch wachsende Liste an Unterschriften den Druck auf Rumsfeld dramatisch erhöhen: Die Rücktrittsrufe waren schon vor dem Nazi-Appeaser-Faux-Pass lauter und zahlreicher geworden, darunter zuletzt auch republikanische Senatskandidaten wie Thomas Kean in New Jersey. Rumsfeld selbst, sonst kein Fan rascher Entschuldigungen, beteuerte in einem Brief an die Demokraten, dass seine Kommentare aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Rumsfeld hatte Präsident George Bush nach dem Abu-Ghraib-Folterskandal 2004 seinen Rücktritt angeboten – der lehnte jedoch ab.

# 3. September: 9/11 +5: Zeitzeugen berichten

Stanley Praimnath, 52, sitzt im 81. Stock des World-Trade-Center-Südturms in den Büros der “Fuji Bank”, als er das ohrenbetäubende Röhren hört. “Ich starre in diesen riesigen Jumbo, gerade 100 Meter weg, sehe noch die Buchstaben U und A”, sagt der Investmentbanker und weiß, dass er wirklich viel Glück hatte, das heute alles erzählen zu können: “Der Jumbo rast auf mich zu, nochmals heulen die Triebwerke auf”, fährt Stanley fort. Als tiefgläubiger Kirchenmann ruft er aus: “Lieber Gott, ich lege mein Schicksal in deine Hände!” Dann hechtet er unter den Schreibtisch. Er überlebt die Explosion, den Aufprall des 179 Tonnen schweren Jumbos mit 91.000 Liter Kerosin und 930 Stundenkilometer. Neben ihm liegt ein Teil der brennenden Tragfläche. “Den Feuerball, den die ganze Welt im Fernsehen gesehen hat”, erzählt er ÖSTERREICH: “Genau da war ich drinnen!” Stanley weint, betet, brüllt trotzig in das Inferno: “Ich will nicht sterben! Ich will meine Frau und meine beiden Töchter wiedersehen!”.
Er rappelt sich auf und kriecht über die Trümmer durch den beißenden Rauch, als er hinter einer Wand Geräusche hört. “Spring drüber, wenn du leben willst”, ruft der Mann, Brian Clark, Vizepräsident der Firma “Euro Brokers”. Die Wand ist drei Meter hoch, Stanley schafft es nicht, ein rostiger Nagel reisst eine tiefe Fleischwunde in seinen Hand. “Gib nicht auf”, ruft Brian auf der anderen Seite. Schließlich stößt er seine Faust in “einer Explosion an verbliebener Kraft”, wie er sagt, durch die Spanplatte, beide machen das Loch größer und Stanley steht seinem Retter gegenüber. Er küsst ihn auf die Wange, doch Clark, ganz geborener Brite, zuckt zurück und streckt ihm förmlich die Hand entgegen. “Von nun an sind wir Brüder für den Rest unseres Lebens”, sagt Stanley und die beiden Männer entkommen, Sekunden bevor der Turm kollabiert.
Es sind solche unglaublichen Survivor-Stories, an die sich Amerika gerne erinnert zum fünften Jahrestag des 11. September (9/11) – als 19 Al-Kaida-Terroristen mit vier gekaperten Jumbos das New Yorker “World Trade Center” (WTC) ausradierten, das Pentagon schwer beschädigten und 2.754 Menschen in den Tod rissen. Doch auch für die Überlebenden ist nach 9/11 nichts mehr so wie es war, wie sie erzählen: Sie wurden Wanderprediger, stürzten in tiefe Depressionen und Drogenmissbrauch, endeten im Rampenlicht als globetrottende TV-Stars, machten Karriere, rappelten sich nach dem Verlust Angehöriger wieder auf oder flüchteten in Hilfsprojekte.
Praimnath etwa verließ die Praxis des Therapeuten nach nur drei Sitzungen, obwohl er nach seiner Rettung tagelang nur unverständliches Zeug daherplapperte und wochenlang kaum Menschen erkannte. “Durch den Schock hat mein Körper ganze Systeme ausgeschaltet”, sagt er. Doch bereits drei Wochen nach dem Horror nahm er die Arbeit wieder auf, tingelt heute mit seiner “gottgewollten Überlebensgeschichte”, wie er sagt, durchs Land, um Leuten Hoffnung zu geben. Und immer wieder erzählt er dann auch von dem Sicherheitsmann, der bei einem Schwerverletzten im Stiegenhaus blieb und sein Leben dafür opferte. “Das Opfer hatte den ganzen Rücken aufgerissen, er lag in einer riesigen Blutlache, eigentlich aussichtslos”, so Stanley: “Aber der Wachmann wollte nicht von seiner Seite weichen”.
Für Marcy Borders, 32, ist am 11. September die Zeit stehen geblieben, ihre abhebende Laufbahn als Sekretärin mit Blick über den Hochhauswald Manhattans endete mit dem Jumbo-Einschlag ruckartig. Da stand Marcy gerade im adretten Kostüm mit Perlenkette und Stöckelschuhen an der Kopiermaschine im 81. Stock des WTC-Turms, Nr. 1.. Sie schafft die Flucht, entkommt knapp den fallenden Trümmern, endet eingeäschert in einer Passage. Dort wird sie fotografiert, hilflos, geschockt, verloren, ihr um Hilfe flehendes Gesicht hinter der Staubkruste zum berührendsten Bild des Horrortages. Marcy, das einstige “Party Girl” mit Abschluss in Büromanagement, war weltberühmt – doch ihr Leben praktisch zu Ende: “Ich fühle mich wie am 12. September”, flüstert sie, als ÖSTERREICH sie an einem glühend heißen Sommertag besucht: “Ich kann mich nicht aufrappeln, ich schaffe es nicht”. Es ist ein Trauma ohne Ende: Alpträume, immer die gleichen, sie, auf der Flucht vor einstürzenden Gebäuden, mitten im Krieg, mit Raketen beschossen. “Ich renne immer, renne, renne, renne”, sagt sie. Hinzu kommen Panikattacken, Heulkrämpfe, lähmende Angst, dass der Staub sie krebskrank machte. Es bleibt die Flucht in Alkohol und Drogen. Marcy, die einst bildhübsche Afroamerikanerin gleicht heute einem menschlichen Wrack, abgemagert, das Gesicht eingefallen, ihre Hände zittrig. Auch weil sie pleite ist, spart sie mit dem Essen. “Es ist erstaunlich, mit wie wenig Nahrung der Körper überlebt”, sagt sie. Einst Kleidergröße 7 hängt die neue Gardarobe der Größe Null von ihrem Körper.
Seit fünf Jahren haust sie auf engen 40 Quadratmetern in einem Ziegelblockbau im heruntergekommenen Teil der Schlafstadt Bayonne, New Jersey. Es stinkt nach Fäkalien am Gang, am Boden liegen Zigarettenstummel, im Eck alte Spritzen. Marcy hat ein wenig zusammengeräumt, den Dreck hinter die abgewetzte Couch verfrachtet. “Oh Gott, Sie hätten sich doch nicht die Schuhe ausziehen müssen”, sagt sie zum Empfang. Selten verlässt sie ihre abgedunkelte, deprimierende Wohnung. Ihr Tag sieht so aus: Sie wacht spät auf, schaut bis weit in den späten Nachmittag fern, den Seifenopernkanal “Life Time”, der sie eigentlich durch das Ausstrahlen dramatischer Spitalsgeschichten noch kranker mache, wie ihre Mutter mahnte. Marcy, bereits durch das 9/11-Trauma ein veritabler Hypochonder, diagnostiziert sich selbst abwechselnd mit Krebs, Diabetis oder Tumoren. Oft erst um 17 Uhr steht sie auf, isst, und geht früh wieder ins Bett.
Ihre Tochter Noelle, 13, sieht sie immer seltener, sie lebt mit dem Vater. Wenn sie von ihr spricht heult sie drauf los. “Ich schäme mich so sehr”, schüttelt sie den Kopf. Ärzte würde wohl klinische Depression und posttraumatische Stress diagnostizieren, “doch niemand hat mir geholfen”, behauptet sie, “Ich bin durch den Rost gefallen”. Sie sei eben nicht die Frau eines Feuerwehrmannes. Krankenversicherung hat sie ebensowenig wie einen Job, die 450 Dollar Monatsmiete kratzt die Mutter zusammen. Wieder weint sie: “Ich weiß nicht wie lange das so weitergehen soll”. Hat sie Beziehungen? Sie kann Männern nicht mehr trauen, sagt sie, die hätten sie durch die Terrorattacke “vergewaltigt”. Jobsuche? In der Nachbarschaft gebe es keine und in den Zug nach Manhattan setze sie sich nicht, “da ich keine Kontrolle darüber habe, was die mir wieder antun könnten”. Ist sie Alkoholikern? Nicht einmal das freut sie mehr, sagt sie und fügt an: “Das ist vielleicht ein recht gute Sache”.
Rachel Uchitel, 31, hingegen hat es wieder ins Leben zurück geschafft. Da strahlt sie richtig, als sie im wallenden Hochzeitskleid ihren Gatten Steven Ehernkranz an sich drückt. Mit der TV-Produzentin beim Businesskanal “Bloomberg TV” weinten Millionen rund um den Globus, als sie mit verzweifeltem Gesicht vor einem Spital stand, ein Zettel mit dem Gesicht ihres vermissten Verlobten, dem Broker Andy O´Grady, in Händen. Andy war der Mann, “den sie ihr ganzes Leben gesucht hatte”, sagt sie, fünf Wochen waren sie verlobt, gerade zwei Tage zurück von einem Traumurlaub in Griechenland. Kurz telefonierte sie noch mit Andy, als er im 104. Stock des Nordturms hockte. “Ich habe gerade einen springen gesehen”, hatte er gesagt, seine Stimme voller Todesangst. So richtig zusammen brach Rachel erst zwei Jahre nach Andys Tod: “Ich schaffte es kaum mehr durch den Tag”, sagt sie, “alle schienen das ganze vergessen zu haben, ich fühlte mich so einsam”. Sie nahm sich Urlaub vom Job und suchte therapeutische Hilfe. Auf einer Halloweenparty trifft sie Steven, der knapp am 11. September dem Tod entrann, als er nach Interviews die Büros der Firma Cantor Fitzgerald bloß Minuten vor dem ersten Jumbo-Crash verlassen hatte. “Alle meine Gesprächspartner sind jetzt tot”, schoss es ihm in den Kopf. Steven und Rachel hatten als Teenager die gleiche Schule besucht, rasch entwickelte sich eine ernste Beziehung. Ein Freundin, die ebenfalls ihren Boyfriend in 9/11 verlor, sagte gerührt nach der Hochzeit: “Sie ist so tapfer, sie gibt mir und der Welt so viel Hoffnung”.
Bolivar Arellano, 69, Fotograf der “New York Post” starrte auf die Menschen, als sie die über 400 Meter den Nordturm hinunter in den Tod sprangen. “Lieber Gott”, flehte er dann, “gib ihnen Flügel!” Doch der wäre zu beschäftigt gewesen, sagt Bolivar. Was folgte, war dieses furchtbare Geräusch, BOOM, der Aufprall am Boden. Und wieder. Und wieder. “Wie ein Wasserballon sind sie zerplatzt am Beton”, sagt der Einwanderer aus Ecuador: “Alle Innereien spritzen nach außen, zurück blieb nur mehr die leere Hauthülle”. Bolivar steht direkt vor dem Südturm, als der kollabiert. “Ich schieße noch mein letztes Foto, hoffe das man später zumindest meine Kamera findet, mein Leben läuft in drei Sekunden nochmals ab”, sagt er. Doch er überlebt fast unversehrt, die Stahlträger schlagen mit 190 Stundenkilometer knapp neben ihm auf. Im Gespräch legt er sich plötzlich wie ein Embryo auf den Boden seiner Bildergalerie im East Village, in der er zum Jahrestag 9/11-Fotos ausstellt: Er veranschaulicht, in welcher Position er das Inferno überstand. Seine Frau geht vorbei, schüttelt den Kopf. Das ist alles Teil eines Traumas, das kaum besser wird: “Wir Fotografen sind immer recht hartgesottene Jungs”, erzählt er, “und ich selbst habe unzählige Massaker in den Bürgerkriegen Mittelamerikas gesehen”. Doch plötzlich hätten sie alle geheult wie die Schlosshunde – und tun es heute noch.
Bob Beckwith, 74, hat eine Menge Kinder, fünf Söhne und eine Tochter, und sie alle hatten ihn gewarnt, tagelang: “Fahr dort nicht hin, die bist zu alt”. Drei Tage nach der Terror-Attacke setzte er sich dann doch in seinen klapprigen Saab und fuhr zur Rauchsäule “Ground Zeros”. Als er spät abends am gleichen Tag wiederkam, begrüßten ihn Familie und Nachbarn mit Überschwang, einigen kullerten die Tränen über die Wangen. Im TV liefen nonstop die Bilder von US-Präsident George W. Bush auf der Schutthalde, per Megafon Rache schwörend, seinen Arm um Bob gelegt, der mit seinem entschlossenem Gesicht und wuchtigen Feuerwehrhelm zum Symbol New Yorker Widerstandsfähigkeit wurde. Der pensionierte Firefighter war nun ein Held, und sein Heimatort, der Suburb Baldwin auf Long Island, feierte ihn im lokalen Diner. Dabei war alles gar nicht so zufällig, wie er ÖSTERREICH beim Besuch in seinem bescheidenen Vorstadthaus erzählt: “Da war dieser Typ, der geeignete Standorte für eine Rede des Präsidenten auskundschaftete”, sagt Bob. Niemand anderer als Karl Rove sei das gewesen, Bushs Guru in der Kunst der politischen Inszenierung. Dann ging alles ganz locker ab, sagt er: “Ich habe ihm auf den Schutthügel geholfen und er wollte, dass ich neben ihm bleibe”.
Beckwith, der vor der Präsidentenbegegnung Leichenteile sammelte, ist seither Mitglied im Klub der 9/11-Celebrities, reiste vier mal zu Talkshows nach Deutschland, befreundete sich mit Deutschlands damaligen Präsidenten Johannes Rau, den er dann in New York durch Ground Zero führte. “Präsidenten scheinen mein neues Hobby zu sein”, lacht er, und Gattin Barbara, mit der er seit 49 Jahren verheiratet ist, stößt ihn zärtlich an. “Bleib beschieden, Bob”, flüstert sie. Neben der Couch hängt ein Poster eines Covers des Magazins “Time”, er mit dem Präsidenten, die kleine US-Flagge, die ihm Bush damals überließ, liegt im Keller. Bob wurde damals zum Bush-Fan, obwohl er ihn gar nicht gewählt hatte. Und er ist es geblieben: “Ich kann nicht glauben, wie Leute die Frechheit besitzen, den Oberbefehlshaber in Kriegszeiten so durch den Dreck zu ziehen”, sagt er zornig. “Bush mache einen großartigen Job”, fährt er fort, “deshalb wurde er ja auch wiedergewählt”. Keinen Respekt gäbe es, lamentiert er weiter, und alle haben den 11. September bereits vergessen. Das sei sein Mission jetzt, und er ballt die Faust: Nicht müde werde er, Menschen zu erinnern, was diese hinterhältigen Ratten da anrichteten, und das es “jederzeit wieder passieren kann”. Nach seinem Coup auf Ground Zero rieten ihm Kollegen, wegen seines Alters der toxischen Halde fern zu bleiben. Hunderte Begräbnisse habe er dann besucht, sagt Bob mit gesenktem Kopf: “Das Dröhnen der Dudelsäcke hallt immer noch durch meinen Kopf”. Für die Hinterbliebenen der Opfer wird es nie mehr gut werden, sagt Bob und erzählt von dem Buben zwei Häuser weiter, der fünf Jahre alt war, als sein Dad im Inferno umkam und sich bis heute weigert, an einer kleinen Gedenkstätte für 9/11-Opfer auch nur vorbeizugehen.
“Boom, Boom, Boom, Boom, Boom”, hört Jay Jonas, 48, wieder. Er erwacht schweißgebadet. Immer der gleich Alptraum, das gleiche Geräusch – das des über ihn einstürzenden WTC-Nordturms. Jedes einzelne Stockwerk kollabierte mit einem lauten Knall, 110 insgesamt, und das Jay das erzählen kann, ist eines der größten Wunder dieses Tages: Der heutige “Battalion Chief” befindet sich mit sechs Kollegen und einer verletzten Frau, Josephine Harris, im Stiegenhaus B, im vierten Stock, als der Turm kollabiert. Als sie wie Gummibälle herumgeschleudert werden erwartet Jonas den sicheren Tod: “Ich wusste, das der Südturm eingestürzt war – und wusste auch, was jetzt mit uns passieren wird”. Was waren seine Gedanken in diesen endlosen Sekunden, 13, um exakt zu sein? “Dass ich meine Männer im Stich gelassen habe”, sagt er nachdenklich, “dass ich sie in den Tod geführt habe”. Doch dann ist es plötzlich still, und Jay ist sich, einen kurzen Moment, nicht einmal sicher, ob er lebt oder tot ist. Er ruft “Hello”, und plötzlich melden sich seine Männer, einer nach dem anderen.
Heute fährt er, als “Chief” herausgeputzt in blütenweißer Uniform, in seinem roten Feuerwehr-Range-Rover vollgepackt mit Kommunikationsgerät durch Manhattan, großteils langweilige Routine. Doch wenn er Fluggeräusche hört, blickt er verängstigt nach oben, prüft Flughöhe und Route. Nach jahrelanger Therapie geht es wieder so einigermaßen, und Auftrieb gibt ihm, wie viele Junge die dezimierten Feuerhäuser wieder beleben. Vor dem 11. September verlor das NYPD (“New York Fire Department”) 752 Leute in 130 Jahren, dann starben plötzlich 343 in 28 Minuten, rechnet Jonas vor. Und: “Vor allem der Verlust enorm erfahrener Männer wird sich lange nicht ausgleichen lassen”.
Jules Naudet, 33, hört das ohrenbetäubende Dröhnen eines tieffliegenden Jumbo-Jets. Instinktiv reißt der in New York lebende Filmemacher aus Paris seine Kamera nach oben und folgt dem Jumbo auf seinen letzten Sekunden direkt in die Nordfassade des WTC-Nordturms. “Was für ein Idiot”, ist seine erste Reaktion: “Warum hat der Pilot, wenn die Maschine in Trouble war, sie nicht in den Hudsonfluss gesteuert”. Jules filmt gerade mit seinem Bruder Gedeon, 36, eine Doku über den Werdegang des blutjungen Feuerwehrmann-Lehrlings Antonios “Tony” Benetatos, als sie plötzlich die schlimmste Attacke, die Amerika jemals erlebt, dokumentieren. Jules Bilder sind die einzigen des Einschlages von Flug American Airlines, Nr. 11, auch die einzigen von innerhalb der Lobby in Tower One. Durch Mark und Bein gehen die explosionsartigen Geräusche der aufprallenden Todesspringer. Die Dokumentation “9/11” sahen 40 Millionen Amerikaner am Vorabend des ersten Jahrestages, jetzt strahlt CBS eine überarbeitete Fassung aus. Niemand in dem Feuerwehrhaus, wo die Naudet-Brüder filmten, “Engine 7/Ladder 1” kam ums Leben, “Lucky 7” heißt der Zug heute. “Sie alle sind heute unsere besten Freund”, sagt Jules, “und unsere Therapie war wie die der meisten Firefighters: Wir sitzen beim Abendessen und reden über diesen Tag”. Jules heiratet sogar im Feuerhaus. Dennoch erwischte es Gedeon, drei Jahre später: Fast jeden Tag eine Panikattacke, manchmal gleich mehrere, ein halbes Jahr lang. Niemals vergessen würden die Brüder den Blick in die Augen der Männer, ein Mix aus Furcht, Ungewissheit, aber auch diese Entschlossenheit, Menschen zu helfen, koste es was es wolle”.

# 1. September: Hillary for President

Hillary Clinton ist beim Wahlkämpfen nicht so gut wie ihr Gatte Bill, doch an ihn reicht ohnehin niemand heran. Und die New-York-Senatorin hält – mit schicken Kurzhaarschnitt und elegantem Kaschmirkostüm perfekt durchgestylt – ihr Publikum mit Sachargumenten, pointierter Bush-Kritik und heiteren Anekdoten recht gut bei Laune. “Sie wissen ja”, sagt sie in einem Spital nördlich New Yorks im Beisein ÖSTEREICHs: “Wir haben da so ein kleines Problem in Washington seit sechs Jahren”. Gelächter hallt durch den Saal. Vor allem Frauen drängen am Ende zum Rednerpult, bitten um Erinnerungsfotos, einige rufen: “Hillary for President!”
Zwei Monate vor ihrer, als sicher geltenden Senatswiederwahl erfasst Amerika eine frische Welle an Hillary-Euphorie: “Time” beschrieb per Sieben-Seiten-Coverstory ihre mögliche, historische Präsidentschafts-Kandidatur 2008, auf die sie gut vorbereitet ist, so Clinton-Kenner Joe Klein: “Sie hat Geld, Team und eine Agenda beisammen”. Tatsächlich: Ihre Kriegskasse ist mit 33 Millionen Dollar prall gefüllt, 42 Mitarbeiter werken für sie. Mit programmatischen Reden will sie ihr Image als “liberale Senatorin” (liberaler als 80,5 % ihrer Kollegen, so eine Abstimmungs-Analyse) loswerden und sich als Zentristin repositionieren. Hinzu kommen scharfe Attacken: Präsident Bush sei “unfähig”, Pentagon-Boss Rumsfeld “rücktrittsreif” und die Republikaner führten den Kongress “wie eine Sklavenplantage”.
Die jüngste Time-Umfrage ist ermutigend: 53 % mögen sie, mehr als andere Demokraten wie Al Gore (49%) oder John Kerry (45 %). Nur zwei Prozent liegt sie hinter dem möglichen Republikanerkandidaten John McCain, Kerry (10 % zurück) und Gore (9%) wirken da chancenlos. Doch deutlich wird auch, wie sehr sie polarisiert: Während drei Viertel der Demokraten bei ihr Leadership und moralische Werte orten, sehen sie 68 % der Republikaner als politische Opportunistin. Demokraten fragen deshalb bange: Ist sie wählbar? Amerika sei zwar bereit für seine erste Präsidentin, rutschte es selbst Gatten Bill raus, doch wohl eher für eine stramme Konservative á la Margaret Thatcher. Hillarys Strategen kontern: Sie muss bloß die 20 “Kerry-Bundesstaaten” von 2004 gewinnen, plus Florida oder Ohio.
Und Bill? Er sei “der beste und gleichzeitig schlechteste Polit-Gatte”, schreibt Time: Mit 70 Prozent Popularität und als brillanter Polit-Stratege ist er eine Riesenstütze, doch groß ist die Gefahr, dass er sie, charismatisch und selbstverliebt, überstrahlt. Auch durchstöbert Hillarys Stab panisch jeden Tag die Klatschpresse nach Indizien neuer Sex-Affären. Und Amerika graut vor Bill als “First Gentleman”, der möglicherweise gelangweilt, wieder Unfug im Weißen Haus treibt.

# 1. September: Ernesto

Als “Ernesto” gestern spät abends Ortszeit an die Küste des US-Bundesstaates North Carolina mit Windböen von 125 Stundenkilometern und peitschendem Regengüssen prallte, hatte er als “Comeback Kid” alle überrascht: Zuerst noch in der Karibik als potentieller Monstersturm mit Kurs auf das zum Katrina-Jahrestag mit Ehrengästen gefüllte New Orleans gefürchtet, zerfiel er nach einer Kursänderung über Kuba und Florida zum unscheinbaren Tropentief, ehe Ernesto binnen Stunden im 27 Grad warmen Wasser nördlich von Florida wieder zum Hurrikan (starken Tropensturm) explodierte.
Die Hurrikan-geprüften Bürger North Carolinas (zehn Wirbelstürme trafen im letzten Jahrzehnt den Staat, nur Florida hatte mit elf mehr) fürchten weniger die Sturmschäden, als sintflutartigen Regen, der für eine Dauer von 24 Stunden nach dem Landfall vorhergesagt wurde. “Achten sie auf plötzliche Springfluten”, warnte Gouverneur Mike Easly. Bis zu 250 Millimeter Niederschlag wurde prognostiziert, befürchtet werden auch Erdrutsche, wenn Ernesto in die Bergkette der Appalachen zieht.
Die heurige, im Juni begonnene Atlantik-Hurrikan-Saison ist zur Halbzeit, im starken Kontrast zum Vorjahr, bisher unauffällig verlaufen. Ernesto ist erst der sechste, getaufte Tropenzyklon, die Opferbilanz liegt mit sechs Toten weit unter dem Schnitt. Genau vor einem Jahr waren elf Namen bereits vergeben, samt dem Kategorie-Fünf-Monster Katrina, das in New Orleans und der Golfküste 1.836 Menschenleben forderte und mit einem Schaden von 81 Milliarden Dollar zum schlimmsten Naturdesaster in der US-Geschichte wurde. Die 2005-Horror-Saison endete erst im Jänner diesen Jahres mit 28 Stürmen, davon 15 Hurrikans. Bei “Wilma” wurde mit 882 Millibar der tiefste Luftdruck aller Zeiten gemessen.