# 29. November: 50 Shots


Der tragische Tod eines Bräutigams am Tag sein Hochzeit in einem Kugelhagel aus 50 Schüssen, abgefeuert von fünf Polizisten, stürzt New York tiefer in die Krise. Bürgermeister Michael Bloomberg versuchte drohende Unruhen von Farbigen – der erschossene Bräutigam Sean Bell und zwei schwer verletzte Freunde sind alle schwarz – abzuwenden. Die “exzessive Gewalt” habe ihn “zutiefst erschüttert”, sagte Bloomberg an der Seite des Bürgerrechtlers Al Sharpton, der die Proteste gegen die “Polizeibrutalität” anführt. “Es ist für mich unverständlich, dass 50 Schüsse abgefeuert wurden”, kritisierte Bloomberg offen die Polizei. Dienstag traf er sich mit Führern des Stadtteils Queens, wo die Schießerei passierte, zu weiteren Gesprächen. Der 23-jährige Bell war Samstag Nacht bei seinem Junggesellenabschied im Strip-Club “Kalua” – Stunden bevor er seine Jugendfreundin und Mutter seiner zwei Kleinkinder (3 Jahre, 5 Monate) heiraten wollte – mit zwei Freunden in einem Auto vor Cops in Zivilkleidung geflüchtet, als die Polizisten das Feuer eröffneten. “Detective” Mike Oliver feuerte 31 mal, es sei ihm gar nicht aufgefallen, dass er so oft schoss, sagte er. Als er nach 16 Schüssen nachladen musste, dachte Oliver, die Pistole klemmt. Die Cops haben, so erste Expertenanalysen, klar gegen die Regeln verstoßen: Das Feuern auf ein Auto, aus dem nicht herausgeschossen wird, ist untersagt, selbst wenn das Vehikel als “Waffe” eingesetzt wird. Bell hatte einen Polizisten gerammt und zwei Polizeiwagen. Polizisten müssten außerdem nach drei Schüssen pausieren, um die Lage frisch zu beurteilen. Bells Witwe Nicole Paultre legte am Tatort Blumen nieder: “Die Polizisten sind Mörder”, sagte sie verzweifelt.

# 28. November: Protokoll eines Polizeiskandals

Der Bräutigam Sean Bell (23) sowie seine Freunde Trent Benefield (23) und Joseph Guzman (31) gerieten in Panik. Es war 4 Uhr früh, gerade hatten sie den Strip-Klub “Kalua Cabaret” im New-York-Stadtteil Queens nach einer Junggesellenparty verlassen, als ein Mann in Zivilkleidung auf der Kühler-haube ihres “Nissan Altima”-Autos steht, mit seiner Pistole auf sie zielt und brüllt: “Polizei! Stellen Sie den Wagen ab! Ich will eure Hände sehen!” Doch die jungen Männer glauben ihm nicht, halten ihn für einen Gangster und ra-sen los. Der Cop fällt – und schießt.
Sein Unterstützungsteam glaubt, der Schuss wäre aus dem Wagen gekom-men. Sie eröffnen das Feuer: 50 Schüsse fallen in zehn Sekunden. Ein Poli-zist allein schießt 31 mal. Die Kugeln treffen die drei Männer, Bell stirbt noch am Unglücksort, in den Morgenstunden seines Hochzeitstages. Guzman ü-berlebt mit elf Einschüssen (!), Benefield mit drei. Eine Kugel schlägt sogar in der nahen Station für die Zugverbindung “Airtrain” zum Megaflughafen JFK ein. Die drei Männer waren unbewaffnet.
Die folgende Serie an Protesten gegen die “Rambo-Cops”, so Angehörige, eskaliert nun täglich. Ein wahrer Aufstand unter New Yorks Farbigen wird zu Bells Begräbnis diese Woche erwartet. Schwarzenführer Al Sharpton führt die Demos an: “Nieder mit der Polizei-Brutalität”, rief er. Sharpton hat schon in früheren Polizeiskandalen – vor allem, als 1999 der unbewaffnete Einwan-derer Amadou Diallo mit 41 Schüssen durchsiebt wurde – die Proteste ange-führt.
An seiner Seite stand Bells ehemalige Verlobte Nicole Paultre, jetzt Witwe, die mit Bell zwei Kinder hat, die dreijährige Jada und ein fünfmonatiges Ba-by-Girl. Verwandte mussten der Kleinen erklären, dass sich Daddy im Him-mel um ihr kürzlich verstorbenes Hündchen kümmert. Die 38.000 Cops des “New York Police Departement” (NYPD) haben die City zur sichersten Großstadt Amerikas gemacht – doch regelmäßige Übergriffe sorgen für Unruhen: Neben dem Fall Diallo starb 2000 Patrick Dorismond, getötet ebenfalls von einem Undercover-Cop, 2003 war der Einwanderer Ousmane Zongo mit vier Schüssen getötet worden, 2004 starb der 19-Jährige Timothy Stansbury, als er einen Polizisten am Dach eines Hauses “ü-berraschte”.

# 25. November: Sexsklavin

Die Eltern dachten, ihre 15-jährige Tochter wäre von zu Hause weggelaufen. Doch als sie nach einem Jahr wiederkam, hatte sie eine weit furchtbarere Geschichte zu erzählen: Das Mädchen war von einem 22-jährigen Techniker in der Wohnung seiner Eltern im kalifornischen Redwood City zwölf Monate lang als Sexsklavin gehalten worden. John Paule France Gonzales schmuggelte das Essen für das Mädchen in kleinen Papiertüten in das Kellerverlies und entsorgte die Fäkalien per Plastiksäcken. Seine Eltern wollen in dem Fall – der Erinnerungen an die Odyssee der Natascha Kampusch in Österreich wachruft – nichts bemerkt haben. Gonzales sexuelle Attacken begannen jedoch bereits drei Jahre vor der “Entführung”, als er die damals 12-jährige durch eine Beziehung zu ihrer Tante kennenlernte: Fortan hatte er Sex mit dem Mädchen bei ihr Zuhause, schäbigen Hotelzimmern und im Auto. Gonzales drohte ihr, so Anklägerin Melissa McKowan, “er werde sich das Leben nehmen, sollte sie nicht gefügig sein”. Die Polizei räumte ein, dass es einen gewissen Grad an Einverständnis gegeben haben muss, doch hätte sie der Sex-Täter einer Gehirnwäsche unterzogen. Gonzales Anwalt: “Er ist kein böses Kid, er hat sich nur um sie gekümmert und nichts falsches gemacht – seiner Meinung nach”.

# 21. November: Schüsse in Chappaqua

Nachbarn von Bill und Hillary Clinton im New Yorker Suburb Chappaqua sind bei einem brutalen Überfall am Wochenende lebensgefährlich verletzt wor-den. Der Anwalt Carlos Perez-Olivo, 58, und seine Frau Peggy, 55, die zwei Häuser von Clintons 1,7-Millionen-Dollar-Villa in dem schicken Vorort nörd-lich Manhattans wohnen, waren spät Abends bei der Heimfahrt von einem Geländewagen zum Anhalten gezwungen worden: Im Kampf mit dem An-greifer wurde die Anwaltsfrau in den Kopf getroffen, Perez-Olivo in den Ma-gen. Die brutale Bluttat schickte Schockwellen durch den Vorort: Der Über-fall ereignete sich an der “Saw Mill River Road”, einer Route, die auch von Ex-Präsident Bill Clinton und New-York-Senatorin Hillary Clinton beim Pen-deln von und zu ihren Haus verwendet wird. Das “Secret Service”, die US-Elite-Personenschutzeinheit, die automatisch mit dem Schutz von Ex-Präsidenten beauftragt ist, hat nach dem Vorfall die Sicherheitsvorkehrungen für die Clintons erhöht. Bill und Hillary fahren meist in einer Wagenkolonne aus zwei bis drei schwarten SUVs, stets in Begleitung von drei bis vier schwerst bewaffneten Sicherheitsleuten. Vor dem Haus sind rund um die Uhr zwei Mann zum Schutz der berühmtesten Polit-Familie der USA abgestellt. Durch den Hillary-Hype um eine mögliche Kandidatur für das Oval Office, ist auch die Sorge um die Sicherheit der Senatorin gestiegen.

# 19. November: Wechselt Arnie zu dem Dems?

Läuft der eben wiedergewählte Kalifornien-”Governator” Arnold Schwarzen-egger (R) zu den Demokraten über? Genau diese Gerüchte streuen Republi-kaner mit wachsender Intensität. “Es könnte jeden Tag passieren”, schrieb etwa der Blogger Stephen Frank. Tatsächlich gab sich Arnie – ohnehin seit langem genannt RINO, “Republican in name only” (Republikaner nur dem Namen nach) – zuletzt als lupenreiner Demokrat: Seine Parteifreunde schäumten über die Erhöhung der Mindestlöhne, seine “Big Government”-Investitionsprogramme für den Bau von Straßen, Bahnen und Dämmen so-wie seine Klima-Initiativen. Im Wahlkampf setzte er sich von US-Präsidenten George W. Bush klar ab, dann freute er sich auch noch über den Demokra-ten-Triumph bei den “Midterm”-Wahlen: “Das sie gut für die Demokratie”, sagt er.
Arnie war eigenen Angaben nach Ende der Sechziger zum Republikaner ge-worden, da ihm die als “freier” erschienen, um Gegensatz zu den Demokra-ten, die ihn an das “sozialistische Österreich” erinnerten. Arnies Gattin, Ma-ria Shriver, hingegen entstammt dem legendärsten Demokraten-Clan der USA, den Kennedys. Insgesamt habe Arnie aber, so Austro-Konsul Martin Weiss in L.A., keinen echten Grund, die Partei zu wechseln: “Er musste sich ja nie Vorwahlen stellen, wo ihn die Konservativen stoppen hätten können”, so Weiss. Zur Angelobungsfeier am 5. Jänner will es Arnie, nach einer eher schlichten Zeremonie 2003, diesmal richtig krachen lassen: Zehntausend Gäste, darun-ter wohl die halbe Hollywood-Prominenz, werden zu einer Serie von Bällen, Empfängen und Zeremonien in Sacramento erwartet.

18. November: Swanee Hunt spricht

Der Vortragsraum der NGO zur Förderung der Demokratie, “Demos”, in ei-nem Bürogebäude an der Fünften Avenue in Manhattan ist gerammelt voll, die Sitzreihen enger als in der Economy-Klasse eines Jumbos. Es sind fast nur Frauen, kein Wunder, die Vortragsserie heißt “Macht für Frauen” und Starrednerin ist Swanee Hunt, Harvard-Professorin, Ex-US-Botschafterin in Austria und gute Hillary-Freundin. Die Teilnehmerinnen hängen an ihren Lip-pen, als Swanee, flotter Kurzhaarschnitt samt ihrem typisch-verschmitztem Lächeln, humorige, traurige, berührende und aufwühlende Anekdoten aus ihrem Leben erzählt, das sie gerade in ihrer Biografie “Half-Life of a Zealot” (“Halbstation im Leben eines Eiferers”) auf 401 Seiten niedergeschrieben hat: Sie redet über ihren patriarchischen Vater, dem legendären Texas-Ölbaron H. L. Hunt, dessen schwere Schritte durchs Haus hallten, “während sich die Kinder verkrochen”, ihren Ausbruch aus einer Kindheit voller Hass, Vorurteilen und paranoider Furcht vor den “Commies” (Kommunisten) – und wie sie mit Hilfe des Familienvermögens Advokatin globaler Wohltätigkeits- und Frauen-Initiativen wurde. Besonders bei ihren Erinnerungen an die tap-feren Frauen während des Bosnienkrieges kullern vielen Zuhörerinnen die Tränen über die Wangen.
Swanee Hunt, 56, die in der Bio auch viele Details ihrer schillernden Zeit als US-Vertreterin in Wien verrät, ist inzwischen ein Star in der globalen Bewe-gung für Frauenrechte: In Harvard leitet sie Frauen-Programme und bereitet Studentinnen auf mögliche Polit-Karrieren vor, vor der UNO hält sie Vorträge über die Rolle von Frauen bei Friedensinitiativen, ihr Programm “Frauen füh-ren Frieden” sorgte für Aufsehen in vielen globalen Krisenherden, per “Hunts Alternatives Funds”, ihrem Philanthropievehikel, lässt sie Geld an bedürftige Frauen in den USA und Übersee fließen. Hunt wird sogar bereits, sollte es Hillary ins Oval Office schaffen, für eine mögliche Top-Position in einer neuen Regierung gehandelt.
Hunts Zeit als Botschafterin 1993 bis 1997 wird in Österreich unvergesslich blieben. Sie wirkt fast wie ein Relikt aus einer fernen Zeit, wo unter Bill Clin-ton Amerika noch cool war und seine Vertreterin durch Charisma und Tüch-tigkeit Rockstarstatus in den Austro-Medien erlangte. “Nennen sie mich ein-fach Swanee”, hatte sie gleich bei ihrem ersten Interview einen österreichi-schen Reporter entwaffnet. Ihr Kommentar “Sorry guys, no gold” nach dem Auffliegen geheimer CIA-Waffendepots in Österreich und Gerüchten, dass dort auch Gold gelagert hätte sein können, wurde 1995 zum Zitat des Jah-res.
Hunt erinnert sich in der Bio an ihre ersten Österreich-Eindrücke, als sie sich beim Sonntagsspaziergang unter den mit Tweed-Jacken, grauen Röcken o-der Hosen herausgeputzten Wienern mit grellem T-Shirt und gelben Socken wie der Prototyp eines “hässlichen Amis”, wie sie schreibt, vorkam. Verwun-dert zeigte sich Hunt auch über Österreichs Förmlichkeit: “Nachbarn seit 30 Jahren”, schreibt sie, “würden sich immer noch mit ,Herr´ oder ,Frau´ anre-den, entweder weil sie die Distanz niemals störte oder sie geduldig darauf warteten, bis der andere das Du-Wort anbietet”. Hunts drei Kinder, Teddy, Lillian und Henry, hatten ebenfalls unter beträchtlichem Kulturschock zu lei-den – besonders die an bipolaren Störungen leidende Lillian, die oftmals ver-suchte, sich das Leben zu nehmen. Doch sorgte der jüngste, Teddy, gerade Acht, als er ankam, mitunter für Furore am internationalen Parkett: Mächtig stolz war da “Mummy Ambassador”, als er nach einem Diplomatenempfang spontan Geld für Bosniens Kinder sammelte (2.000 Schilling kamen zusam-men, inklusive einer Spenden des damaligen Kanzlers Franz Vranitzky), we-niger, als Teddy in Sarajewo einen bosnischen Führer unverblümt fragte: “Warum gebt ihr nicht einfach auf, die barnieren euch ja richtig?”
Auch ihre erste Begegnung mit Alois Mock, dem an Parkinson leidenden da-maligen Außenminister, bei einem Empfang beschreibt sie in Detailtreue: “Als die TV-Kameras zu uns schwenkten, sah ich Kopf, Arme und Hände wild herumfliegen. Ich sah mich um. Alle anderen saßen still. Ich wünschte, ich könnte rübergreifen und die Zuckungen stoppen. Ich entschloss mich, es ihm gleichzutun, um ihn nicht ganz alleine zu lassen: Für die nächsten 20 Minuten überkreuzte und entkreuzte ich meine die Beine, wetzte am Sessel herum, verschränkte und entschränkte meine Arme”.
Offen beschreibt Hunt ihren Frust mit der zurückhaltenden Rolle Amerikas in den eskalierenden Balkankriegen: Als Verbündeten wollte sie Kanzler Vra-nitzky einspannen, verhalf ihm dafür zu einem Meeting mit Clinton im Oval Office. Hunt schreibt: “Obwohl Vranitzky keine sonderliche Leidenschaft für die Bosnien-Sache zeigte, nahm ich an, dass er mir für die Vermittlung des Besuches etwas schulde und trug ihm auf, den Präsidenten zu beschwören, dass die USA Leadership zeigen muss, um den Konflikt zu stoppen”. Vranitz-ky begann den Talk mit Clinton mit der Anmerkung, dass an diesem Tag Hit-lers Geburtstag sei. “Was für ein bizarrer Start”, erinnert sich Hunt in der Bio: “Erst als er die Verbindung mit der damaligen Intervention Amerikas in Europa mit den heutigen Balkankriegen verknüpfte, machte das Sinn”.
Berührend beschreibt Hunt das Drama um ihre Tochter Lillian, “mit ihrem ausdrücklichen Einverständnis und der Hoffnung, dass anderen damit gehol-fen werden könne”, so die Bio. Demnach wäre Lillian etwa bei einem Dinner in Athen mit dem griechischen Premier und Sargent Shriver in Trance verfal-len, hätte an die Decke gestarrt, sich mit Geistern unterhalten. In hektischen Telefonaten erklärte ein Psychiater in Denver, dass 40 Prozent bipolarer Pa-tienten an Psychosen leiden: “Bezweifeln Sie ja nicht, was sie sieht oder hört”, beschwörte er die Diplomatin: “Für sie ist alles reell”. Mitten in der Nacht, “der längsten meines Lebens”, so Hunt, läutete dann auch noch das Telefon: In ihrer Botschaft sei es zu einem Geheimhaltungsverstoß gekom-men, der ein Kongress-Hearing auslösen könnte. “Fein”, sagte Hunt. “Meine Tochter stand am Abgrund”, schreibt sie trocken: “Sonst ist nichts wichtig”. Am nächsten Tag sah Lillian kleine Engel im Garten und Haie im Pool des Botschafters. Als ihr ein Psychiater endlich Medikamente verschreibt, sagt er: “Sie wird ein großartiger Erwachsener werden – falls sie es erlebt…”.
Niemals vergessen werden sie auch ein Treffen mit Bosnierinnen, die zahl-reiche Familienmitglieder im Krieg verloren hatten. Hunt schlug vor, eine gemeinsame Gedenkfeier auch mit trauernden Serbinnen zu veranstalten, doch rasch graute der Botschafterin selbst davor, da die bosnische Bevölke-rung im überwältigenden Verhältnis Opfer serbischer Aggression war: “Das ist schon ok”, sagt schließlich eine Frau: “Wir sind alle Mütter”. “Niemals”, sagte Hunt, selbst Tränen in den Augen, “werde ich das vergessen – dieser Moment hat mein ganzes Leben verändert”.

# 16. November: Ausweitung der Refco-Anklage

Die New Yorker Staatsanwaltschaft hat die Anklage gegen Ex-Refco-Boss Phillip Bennett massiv ausgeweitet: In der neuen, 47-seitigen Klagsschrift wird Bennett, 58, Betrug in der Gesamthöhe von mindestens einer Milliarde Dollar vorgeworfen. Nach dem Refco-Kollaps im Vorjahr waren Milliardenver-luste der österreichischen BAWAG sowie eine Komplizenschaft in Bennetts betrügerischen Finanzringelspiel zum Verstecken des Schuldenberges aufge-flogen – $675 Mio. an Schadenersatzzahlungen und der Verkauf der BAWAG folgten. Erstmals wird beschrieben, wie die ersten Refco-Schulden zustande kamen: 1997 hatte demnach eine Kunde an der Chicagoer Rohstoffbörse $90 Mio. verloren, $185 Mio. wurden bei der Asienfinanzkrise und $40 Mio. im Russland-Crash 1998 versenkt. Um eine Pleite abzuwenden, begann Ben-nett, die Verluste zu verschleiern und lockte Investoren mit gefälschten Bi-lanzen – stets mit einem Bein am Abgrund – zu immer frischer Geldzufuhr: Bennett lagerte vor jeder Rechnungsprüfung den Schuldenberg kurzfristig zu der von ihm kontrollierten Tochterfirma RGHI aus. 1999 wurde zunächst auch die BAWAG zum Bennett-Opfer: $95 Mio Dollar zahlten die Österreicher – ahnungslos über die prekäre Finanzlage – für einen 10-Prozent-Refco-Anteil, weitere $85 Mio. für die Option auf mehr Anteile. Doch bald wurde die BAWAG zum Komplizen bei Bennetts wilden Transaktion, half zwischen 2000 und 2004 mit, den Schuldenberg mit Kurzzeitkrediten zu verstecken. Ben-nett im Gegenzug half dann auch der BAWAG beim “Auslagern” deren Ver-luste durch den Pleitier Wolfgang Flöttl aus den BAWAG-Bilanzen.

# 15. November: Giuliani in den Startlöchern

In der Schlacht um das Oval Office 2008 gehen die Kandidaten immer ra-scher in Stellung: Ex-New-York-Bürgermeister und 9/11-Held, Rudy Giuliani, 62, gründete nun ein “Explorationskommitee”, ein erster Schritt am Weg zur offiziellen Kandidaturankündigung. Der Top-Rivale innerhalb seiner Republi-kaner-Partei, Vietnamkriegsheld John McCain, 70, hat ähnliche Schritte ein-geleitet. Laut Umfragen führt Giuliani knapp vor McCain mit 29 zu 27 Pro-zent.
Wer in den Vorwahlen (“Primaries”) triumphiert, könnte auf New-York-Senatorin Hillary Clinton, 59, treffen, die sich in den Demokraten-Primaries etwa gegen den farbigen Polit-Shooting-Star Barack Obama, falls er antritt, durchsetzen müsste. Hillary hat noch keine offizielle Entscheidung getroffen, “doch es gibt wohl keinen Zweifel, dass sie es macht”, so Bob Shapiro, Poli-tologe an der New Yorker “Columbia”-Uni zu ÖSTERREICH: Nicht einmal ihre Wahlbüros habe sie nach ihrem Triumph zur Senatswiederwahl – wie sonst üblich – aufgelöst. Viel kann noch passieren bis 2008, doch in New York jubeln die Medien: “Hil-lary gegen Giuliani – das Rennen von dem wir geträumt haben”, titelte die “Daily News”. Erste Umfragen prognostizieren mit 47 zu 47 Prozent bereits einen Thriller. Schon in 2000 waren “Hil” und Giuliani aufeinander getroffen, Giuliani stieg wegen Prostatakrebs frühzeitig aus der Schlammschlacht aus. Giuliani, selbst fast im Twin-Tower-Inferno umgekommen, führte mit hemdsärmeliger Kompetenz die New Yorker durch die furchtbaren Tage nach dem 11. September. Als Abtreibungsbefürworter und Fan strenger Waffen-gesetze muss er sich in den Primaries aber erst bei der erzkonservativen Parteibasis durchsetzen.

# 12. November: McCain in den Startlöchern

Nach dem Drama um den Demokraten-Triumph bei den “Midterm”-Kongresswahlen geht es nun Schlag auf Schlag bei der nächste Politschlacht, dem Kampf um das Oval Office 2008: Vietnamkriegsheld und Republikaner-Senator John McCain, 70, wird nächste Woche ein sogeanntes “Explorati-onskommitee” für eine Kandidatur gründen, berichteten US-Medien. Auch ein eigenes Bankkonto sei bereits eingerichtet. Solcher Schritte führen in der Regeln zur offiziellen Kandidaturerklärung – eine endgültige Entscheidung will McCain die Weihnachtstage über treffen, um Zeit für ausführliche Ge-spräche mit seiner Frau Cindy und seinen sieben Kindern zu haben.
McCains wahrscheinlichste Gegnerin bei den sich nach der Rückeroberung des US-Kongresses seit 12 Jahren immer noch im Siegesrausch befindlichen Demokraten, Senatorin Hillary Clinton, 59, hält sich noch bedeckt, doch deu-ten allen Indikatoren darauf hin, dass sie erste Präsidentin in der US-Geschichte werden will: Sie hat 36 Millionen Dollar in einen Wahlkampf ge-gen einen, sogar von der eigenen Partei verlassenen Gegner investiert, um mit dem erreichten Riesenvorsprung von 39 Prozent (!) einen gelungenen Startschuss für ihren Kampf um das White House zu schaffen und den Hype um “Hillary ´08” noch weiter anzukurbeln. Zusätzlich hat sie ein 42-köpfiges Team aus Politprofis, längst einer Präsidentschaftskampagne würdig, um sich geschart. Hillary-Freunde rechnen, dass sie in den nächsten Wochen erste Schritte in Richtung einer endgültigen Entscheidung treffen wird – Mc-Cains Offensive an dieser Front könnte den Prozess beschleunigen.
McCain, der sich mit seinen Top-Beratern die letzten Tage zu intensiven Be-ratungen verschanzte, glaubt, trotz dem Republikaner-Waterloo, gute Chan-cen zu haben: Umfragen zeigten, dass sich der Bürgerunmut neben dem I-rakfiasko vor allem auch gegen die Korruption im Kongress und die auswu-chernde Steuergelder-Verschwendung richtete, Themen, bei denen McCain “seine Kollegen seit Jahren vehement kritisierte”, so eine Ex-Bush-Berater zum TV-Sender ABC, der die “Breaking News” gestern verlautete.
Doch McCain, der fünfeinhalb Jahre lang in Vietnam als Kriegsgefangener festgehalten wurde, wird es nicht leicht haben: Er wäre, sollte er gewählt werden, der älteste US-Präsident aller Zeiten. Und seine größte Hürde liegt in den Republikaner-Vorwahlen, wo er wegen seiner moderaten Ansichten enorme Probleme bei der ultrarechten Parteibasis hat – weshalb er 2000 in den Primaries auch gegen George W. Bush unterlag.

# 10. November: Stures Kurshalten im Irak

Nach sturem Kurshalten von US-Präsident George W. Bush im Irak hat nach der Demokraten-Revolution im Kongress die Debatte um Amerikas künftige Rolle in dem vor einem Bürgerkriegs-Totalausbruch stehenden Nahoststaa-tes begonnen. Mit Spannung wird der Bericht der überparteilichen “Iraq Stu-dy Group” unter dem Vorsitz des Bush-Familienfreundes und Ex-Außenminister James Baker III und dem Demokraten-Politiker Lee Hamilton, der auch der 9/11-Untersuchungskommission vorstand, erwartet: Das Bera-tergremium soll Lösungen zwischen den beiden Extrempositionen – dem un-haltbaren Status Quo von Amerikas Irak-Strategie versus einen Totalabzug der 140.000 stationierten US-GIs im Zweistromland – finden.
Baker hatte sich bereits während des Wahlkampfes zuversichtlich gezeigt, dass die Gruppe mit neuen Ansätzen überraschen könnte: Die in US-Medien bisher ausführlich diskutierten Ideen reichen von einer Teilung des Landes in separate Bundesstaaten für Kurden, Sunniten und Schiiten bis Ultimaten an die irakische Regierung, selbst die Sicherung des Landes zu übernehmen o-der ohne US-Truppen auskommen zu müssen. Auch Druck zur Absetzung der schwachen Irakregierung unter Premier Nuri al-Malaki könnte ausgeübt werden. “Es gibt leider zu diesem Zeitpunkt keine Wundermittel dort”, dämpfte Baker aber zu große Erwartungshaltungen in die Vorschläge der Gruppe.
Die Debatte geht zusätzlich auch quer durch die Demokraten-Partei: Außen-politik-Veteran Senator Joe Biden warnt vor einer “regionalen Katastrophe” durch einen übereilten US-Truppenabzug. Der linke Parteirand hingegen, der sich besonders um den um eine Führungsposition im Repräsentantenhaus ritternden Veteranen John Murtha schart, fordert einen sofortigen Truppen-abzug oder wenigstens einen fixen Terminplan dafür. Die Amerikaner, so das Argument, würden dort inzwischen als verhasste Besatzungsmacht mehr Schaden anrichten als hilfreich sein. Bush, und auch Baker, haben ein sol-ches Szenario aber bereits völlig ausgeschlossen.
Diskutiert wird auch eine weitere Möglichkeit: Im “Werft alles was wir haben in die Schlacht”-Szenario könnten alle Reserven der US-Streitkräfte mobili-siert werden, um ein halbes Jahr lang dort “aufzuräumen”, wie Hardliner in der Bush-Regierung erläuterten.

# 10. November: Hype um Hillary

Nach ihrem Triumph zur Wiederwahl als New-York-Senatorin erreicht der Hil-lary-Hype in den USA um ihre mögliche, historische Kandidatur als erste Präsidentin der US-Geschichte neue Dimensionen: “Lasst die 2008-Wahlkampagne beginnen”, titelte euphorisch die “New York Daily News”. Bei ihrer Siegerparty skandierte die Menge “Hillary for President!”. An solche Ru-fe ist Hillary Rodham Clinton, seit 2001 überaus erfolgreiche Senatorin, frei-lich gewöhnt: Bei praktisch jedem ihrer Wahlkampfstopps wurde sie vor al-lem von Bürgerinnen bestürmt. “Bitte, Bitte, kandidieren sie”, rief eine Frau etwa bei einem Hillary-Auftritt in einem New-York-Suburb.
Das bange Warten könnte bald zu Ende sein, spätestens in einem Monat will Hillary über ihrer Präsidentschaftskandidatur entscheiden: Sie hat Geld und Team beisammen, politisch sich als, auch unter konservativeren Bürgern wählbare Zentristin etabliert, in Vorwahl-Umfragen unter Demokraten führt sie mit 27 Prozent vor Senats-Kollegen Barack Obama (17%).
Es fehlt nur mehr der offizielle Startschuss zu einer Kandidatur der Superla-tive: Eine Ex-First-Lady, die als Präsidentin ins White House zurückkehrt, da-zu Ex-Präsident Bill Clinton, der sie als “First Gentleman” zurück an die Macht begleitet, der Triumph einer Powerfrau, die ihr ganzes Leben gegen Sexismus und Vorurteile ankämpfte. Dabei ist Hillary nur eine aufregende Story in der neuen Welle an Frauen-Power in Washington: Nach dem Demo-kraten-Polit-Erdrutsch bei den “Midterm”-Wahlen wird mit der 66-jährigen Kalifornierin Nancy Pelosi erstmals eine “Madam Speaker” das Repräsentan-tenhaus führen – und laut Verfassung die Nummer Drei hinter Präsident und Vize. Als hartnäckiges Gerücht hält sich auch, dass die Republikaner Hillary in 2008 auch eine Frau entgegenwerfen könnten: Die jetzige, populäre Au-ßenministerin Condoleezza Rice.
Hillary, geboren nahe Chicago in eine erzkonservative Methodisten-Familie, erlebte sie die aufkommende Emanzipationsbewegung als Studentin im “Wellesley College” (berühmt auch durch den Streifen “Mona Lisa Smile” mit Julia Roberts), wurde zur Demokratin und Aktivistin am Campus. In Yale, wo sie Jus studierte, lernte sie Bill Clinton kennen, dem sie in die Provinz nach Arkansas folgte. Doch sie führte, sehr zum Unmut ländlicher Matchos, ihre Anwaltskarriere fort, und legte sich den Familiennamen Clinton erst zu, als Bill deshalb sogar eine Wahl verlor. Im ersten Clinton-Wahlkampf 1992 sorg-te sie mit forschen Statements á la “Ich bin keine Hausfrau, die bloß Kuchen backt” für Aufsehen, als First Lady überließ ihr der Präsident nicht, wie zuvor üblich, die Dekoration des Ostflügels sondern die Reform des Gesundheits-wesens.
Doch Hillarys nationaler Durchbruch kam erst – ironischerweise – als “betro-gene Ehegattin” im Jahrhundertsexskandal “Monicagate” um Bills Oralsex mit der 21-jährigen Praktikantin Monica Lewinsky. Ein Welle nationaler Sympathie schwappte über sie hinweg, als sie völlig versteinert an jenem Morgen, nachdem Bill der Nation seine Sexeskapaden beichtete, über den Südrasen des White House zum wartenden Helikopter schritt. Hillary nützte die Mitleidswelle für den Start ihrer Solo-Politkarriere als Senatorin im “Em-pire State” New York, wo sie nach einem brutalen Wahlkampf zunächst ge-gen Bürgermeister Rudy Giuliani letztendlich triumphierte.
Heute ist Hillary eine der professionellsten Politikerinnen der USA, vielleicht der Erde: Perfekt durchgestylt mit Kurzhaarschnitt, dezenten Perlenketten, schicken Hosenanzügen tritt sie auf, ihre anfängliche Nervosität bei Reden und Wahlkampfauftritten hat sie abgelegt (sogar “richtig witzig” sei sie mit-unter, urteilte die New York Times kürzlich), im Kongress fiel sie durch harte Arbeit und Kompromissfähigkeit selbst mit den Erzfeinden ihres Gatten auf. Völlig verschwunden sind stilistische Hochschaubahnfahrten abwechselnder Frisuren und Outfits während ihrer Zeit als First Lady, beendet scheint das regelmässige Fettnapftreten während ihres ersten Wahlkampfes.
Echte Feministinnen können sich jedoch nicht mit ihr anfreunden: Sie haben ihr nie verziehen, dass sie Bill nach Monicagate und einer Serie dutzender, früherer Seitensprünge nicht den Laufpass gab. Die Clinton-Ehe ist immer noch Gegenstand wüster Spekulationen: Als Team ist das vielleicht charis-matischste Politgenie aller Zeiten und die disziplinierte Powerfrau unschlag-bar, als “Billary”, oder “Hilliam”, so die New Yorker Boulevardpresse, ver-wenden sie bei Auftritten sogar oft die gleichen Pointen. Doch die Angst, dass Bills Sexsucht alles wieder zerstören könnte, bleibt: Die Senatorin be-schäftigt in ihrem 42-köpfigen Team, “Hillaryland” genannt, einige Mitarbei-ter, die täglich die Presse nach möglichen Indizien für neue Bill-Affären durchstöbern. In einem jüngsten Bestseller wird sogar behauptet, dass im Vorjahr Clinton-Freund Terry McAuliffe zu Bill geschickt worden wäre, um mit ihm ein “ernstes Wort” zu reden. Zu diesem Zeitpunkt kursierten Gerüchte über eine Affäre mit Kanada-Politikerin Belinda Stronach.
Amerikas Rechte bereitet sich inzwischen auf eine Schmutzkübelkampagne gegen einen möglichen White-House-Run Hillarys vor: Der radikale Evange-listen-Prediger Jerry Falwell sagte kürzlich sogar, dass nichts die rechte Par-teibasis mehr motivieren würde als ein Antreten Hillarys, “nicht einmal eine Kandidatur des Teufels höchstpersönlich”, so Falwell wörtlich. Ihr dilettanti-scher Gegenkandidat im jetzigen Senatswahlkampf, John Spencer, erzählte einem Reporter, dass sie als jungen Frau “potthässlich” gewesen sei, er nicht verstehe, warum Bill sie überhaupt geheiratet hat und dass Millionenausga-ben für Schönheitsoperationen nötig gewesen wären.
Überzeugen muss Hillary bei ihrer mögliche Kandidatur aber auch viele Frau-en, vor allem in den konservativeren Suburbs: “Irgendwie wirkt bei ihr alles so gekünstelt”, sagt eine Beobachterin eines ihrer Auftritte: “Ich hoffe, wir sehen bald den wirklichen Menschen Hillary”.

# 9. November: Neuerlich Wahlchaos

Fast wie in einem Drittweltland hatten die Bundesbehörden 820 “Wahlbeob-achter” zu den US-Kongresswahlen in 22 Bundesstaaten geschickt: Das be-fürchtete Chaos am Wahltag konnte dadurch nicht verhindert werden. In Virginia musste das FBI eingeschaltet werden, nachdem Wähler Anrufe er-hielten, in denen ihnen die Verhaftung angedroht wurde, falls sie ihre Stim-me abgeben. Die Drohungen wären von der GOP gekommen, hieß es. In far-bigen Vierteln verteilten die Konservativen Flugzettel mit der Aufschrift: “Lassen Sie die Wahlen aus!”
Probleme mit den neuen elektronischen Wahlmaschinen eskalierten den Wahltag über: In Denver kreisten TV-Helikopter über hunderte Meter langen Warteschlangen, nachdem massive technische Probleme die Stimmabgabe verzögerten. In Cleveland staunten Wähler, als Helfer die Wahlmaschinen nicht in Betrieb nehmen konnten. In Indiana mussten 175 von insgesamt 914 Wahlbezirken auf die alten Lochkarten umsteigen. In Kentucky war ein Wahlhelfer verhaftet worden, nachdem er einen Bürger würgte und bei der Türe hinauswarf. Peinlich auch für den um die Wiederwahl kämpfenden Gou-verneur von South Carolina, Mark Sanford (R): Er vergaß seine spezielle Wahl-ID und wurde abgewiesen. Ein Eichhörnchen löste in einem anderen Wahllokal einen Stromausfall aus und legte die Stimmabgaben lahm.
Schon vor dem Wahltag hatten “fiese Tricks”, so Demokraten-Wahlkampfchef Rahm Emanuel, für Headlines gesorgt: In automatisierten Anrufen, sogenannten “Robocalls” wurden Wähler meist von den Republika-nern mit bis zu fünf Versuchen pro Tag terrorisiert, genannt wurde stets zu-erst der Name des Demokraten-Kandidaten, doch Wähler, die prompt auf-legten, glaubten irrtümlich, es sei ein Werbeversuch der Demokraten.
Probleme beim Wählen hatte auch die ehemalige “First Daughter”, Chelsea Clinton: Ihre Name sei nicht im Wählerverzeichnis, hieß es. Doch dieses war irrtümlich zu einem anderen Wahllokal geschickt worden.

# 9. November: Madame Speaker

Für Republikaner ist sie ein derart rotes Tuch, dass sie einen Countdown ih-rer Übernahme des Repräsentantenhauses installierten, um konservative Wähler zu den Urnen zu schrecken: Nancy Pelosi, 66, Abgeordnete einer li-beralen Enklave in San Franzisko, die nun erste “Madam Speaker” des 435-köpfigen Unterhauses des US-Kongresses. Die wortgewaltige und geschickte Taktiererin, Tochter des italienischen Einwanderers und einstigen Baltimore-Bürgermeister Thomas D´Alesandro, wird damit auch zur Nr. Drei der Su-permacht: Fallen Präsident und Vize aus, würde laut Verfassung Pelosi die Macht übernehmen. Pelosi, mit einer Vorliebe für Pastelltöne und maß-geschneiderte Kostüme, gilt als liberal, kämpfte ihre ganze Karriere lang für Abtreibungs- und Bürgerrechte, Waffenverbote sowie Programme für sozial Schwache unter Tolerierung von Steuererhöhungen für Besserverdiener. Doch die fünffache Mutter gilt in ihrem Heimatbezirk, einem der liberalsten des Landes, fast als moderat: Sie stimmte nach dem 11. September für den “Patriot Act”, der Bürgerrechte bei der Terrorjagd massiv beschneidet, sowie der Finanzierung der Truppen in den Antiterrorkriegen. Bushs Irak-Krieg au-torisierte sie 2003 jedoch nicht. Seither ist sie eine der vehementesten Kriti-ker in Sachen Irakkrieg und brachte zuletzt eine Resolution ein, die fixe Deadlines zum US-Truppenabzug fordert. Unter Pelosi ist eine Serie von U-Ausschüssen zu Bushs Irakdebakel zu erwarten, ein “Impeachment”, den Versuch einer Amtsenthebung des US-Präsidenten, hat sie jedoch ausge-schlossen.

# 9. November: Hillarys Midterm-Triumph

Da stand Hillary Rodham Clinton (59) auf der Bühne des Sheraton-Hotels in Midtown Manhattan vor 3.000 tobenden Fans, wie immer perfekt mit Kurz-haarschnitt, Perlenkette und blassgelben Hosenanzug durchgestylt, dahinter, als einziger sonst noch auf der Bühne, Gatte und Ex-Präsident Bill Clinton, seine Hände gefaltet, sein Gesichtsausdruck den Tränen nahe voller Stolz und Rührung. Hillary, die per Erdrutsch ihren Opponenten John Spencer mit 68 zu 29 Prozent zurückließ, vergeudete keine Zeit, den durch die Demokra-ten-Revolution schwer ramponierten US-Präsidenten George Bush auszurich-ten, dass fortan ein anderer Wind weht. “Die Amerikaner haben klar gesagt: Wir wollen einen Kurswechsel”, rief sie in die Menge. Und dann: “Wenn der Vizepräsident volle Kraft voraus im Irak ankündigt dann sage ich – not so fast!”
Hillarys Triumph zur Wiederwahl als Senatorin des 19-Millionen-Einwohnerstaates New York, in dem sie im Jahr 2000 unter widrigsten Um-ständen und als “Zugereiste” ihre historische Solo-Politkarriere begann, wird als Startschuss für den ultimativen Polit-Preis gewertet: Dem Oval Office. “Zwei weitere Jahre, zwei weitere Jahre”, skandierten die Fans bei der Sie-gerparty, und meinten damit, dass es für sie in Ordnung gehe, wenn sie den Senatorenposten nach nur zwei Jahren gegen das Präsidentenamt tausche. Hillary hatte den leichten Wahlkampf genützt – der hoffnungslose Spencer fiel nur durch dumme Sprüche über Hillarys Aussehen auf – sich neu als Zentristin in vor allem sozialen Fragen (sie verlautete sogar eine komplexere Meinung zur Abtreibungsfrage als “letzten Ausweg”) zu positionieren und ein schlagkräftiges Team für eine Schlacht um das White House anzuheuern. Und: Sie begann sich mit messerscharfen Kommentaren auf Bush & Co ein-zuschießen – ihre rhetorische Abrechnung mit Verteidigungsminister Rums-feld im Senat ist inzwischen legendär. Mit der neuen Demokratenmehrheit im Kongress wird Hillary zur führenden Stimme im künftigen Ringkampf mit dem im Irak gestolperten “Kriegspräsidenten”.
Doch tritt sie um seine Nachfolge an? Hillary hat geschickt im Wahlkampf um den heißen Brei geredet. Einmal wäre es ihr jedoch fast rausgerutscht, als ein Reporter sie direkt fragte. “Stay tuned” (Bleiben Sie dran) sagte sie mit verschmitztem Grinsen. Nach ihrem Wahltriumph wird es rasch Klarheit ge-ben: Ihre möglichen Gegner in der Demokraten-Vorwahlen, der farbige Shootingstar Barack Obama oder Ex-Kerry-”Running Mate” John Edwards etwa, werden in Kürze ihre Absichten verlauten – und von Hillary, die in jüngsten Primaries-Umfragen mit 27 zu 17 Prozent vor Obama führt, wird eine Entscheidung in “einem Monat”, so Insider, erwartet.
Indizien gibt es genug: 36 Millionen Dollar, mehr als alle anderen Senats-kandidaten, hat sie ausgegeben – in einem Wahlkampf gegen einen, sogar von seiner eigenen Partei verlassenen Kandidaten. Der daraus resultierende Triumph mit 39 Prozent (!) Vorsprung könnte als perfekter Start ihrer histo-rischen Wahlkampagne zur Eroberung des White House als erste Frau in der 230-Jährigen US-Geschichte geplant gewesen sein.

# 9. November: Arnies Triumph

Arnold Schwarzenegger (59) gönnt sich nach seinem Triumph zur Wieder-wahl als Kalifornien-Gouverneur keine Atempause: Ein paar Journalisten-Fragen beantwortete er am Tag Eins seiner neuen, bis 2010 dauernden Amtszeit noch schnell, dann stieg er mit “Kennedy-Gattin” Maria Shriver in einen Jet. Destination: Mexiko City. Dort wird er, begleitet von einer riesigen Handelsdelegation, die Beziehungen mit Kaliforniens wichtigsten Trading-Partner aufpolieren. Stunden zuvor badete der wiedergewählte “Governator” bei seiner Siegesfeier im “Beverly Hilton Hotel” in der Menschenmenge, ei-nem Mix aus Kennedy-Clan, Hollywood-Freunden wie Sylvester Stallone, und sonstigen Fans des US-Politstars aus Styria. “I love Sequels” (ich liebe Fort-setzungsgeschichten), erheiterte er die Menge mit seinem typischen Sprü-cheklopfen, das ihn schon als Leinwand-Helden so berühmt machte.
In einer, für US-Präsident George Bush und seiner Republikanerpartei bitte-ren Wahlnacht stand Arnie durch seinen Triumph als neuer Hoffnungsträger seiner Partei im nationalen Rampenlicht: Er ist fortan der Prototyp eines mo-deraten Republikaners, der die “Grand Old Party” (GOP) zu einem Comeback führen könnte.
Insider in Sacramento behaupten, Arnie könnte – falls keine Verfassungsän-derung zustande kommt, die ihn eine Präsidentschaftskandidatur ermöglicht (ÖSTERREICH berichtete) – 2010 um den Senatsposten der Demokraten Barbara Boxer trachten.
Der Governator kennt sich jedenfalls mit beiden Strategien bestens aus:
# Im Vorjahr hatte er sich als kompromissloser Ideologe, ein damals ähnli-cher Kurs wie der Präsident, eine blutige Nase beim Wahlvolk geholt;
# Nach einer dramatischen politischen Kehrtwende segelte er durch eine Ko-operation mit der Demokraten-Opposition und vor allem mutigen Öko-, Kli-ma- und Sozialinitiativen zum 56-zu-39-Prozent-Wahlsieg über den Demo-kraten Phil Angelides.
Und er werde diesen Kurs auch weiterfahren, so Österreichs L.A.-Konsul Martin Weiss: “Alles in seiner programmatischen Rede am Wahlabend deute-te auf eine überaus zentristische Politik hin”, sagte Weiss. Sogar eine grüne Krawatte hatte er umgebunden. Arnie will, so ließ sein Stab verlauten, in seiner Amtsperiode “Governator II” die Verbesserung des Lebens der Kalifornier zur wichtigsten Agenda machen: Staatsanleihen von 45 Milliarden Dollar zum Ausbau von Straßen, Bahnen, Brücken, Dämmen und Schulen waren vom Wahlvolk genehmigt worden, dazu sind Krankenver-sicherungs- und Bildungsprogramme geplant. “Ich will Kalifornien, dem Land, dem ich alles – von meiner Karriere, meinem Geld und meiner Familie – verdanke, etwas zurückgeben”, hatte er im Wahlkampf die Motive für sei-ne Polit-Laufbahn erläutert.
Indizien häufen sich, dass Arnie nach transatlantischen Stänkereien vor al-lem wegen der Todesstrafe in seiner zweiten Amtsperiode auch Frieden mit seinem Heimatland schließen will – am besten beim angekündigten Besuch zu seinem 60iger im nächsten Jahr.
Seine Familie, Gattin Maria und die vier Kids, Katherine (16), Christina (15), Patrick (13) und Christopher (9), muss sich inzwischen mit einer Fortsetzung von Arnies Politikerleben abfinden. Die Kinder hassten seinen neuen Job, scherzte er bei TV-Talkmaster Jay Leno, da Daddy sich nun statt in aufre-genden Filmdrehorten LAs in den faden Korridoren des Gouverneursbüros in Sacramento herumtreibe. Doch vielleicht finden sie bald Gefallen am Ram-penlicht: Sie alle kamen zur Siegerfeier, den kleinen Christopher hatte Arnie zur Stimmabgabe im Wahllokal im schicken L.A.-Suburb Brentwood mitge-nommen. Während Daddy wählte, durfte der eine “Übungsstimme” abgeben. Die Wahl dabei: Abraham Lincoln, Thomas Jefferson und John F. Kennedy. Seine Wahl wird wohl auf letzteren gefallen sein, den ermordeten Onkel sei-ner Mutter.

# 8. November: Wer wird Bush-Nachfolger?


Die Stars einer neuen politischen Ära in den USA gingen prompt nach den geschlagenen “Midterm”-Kongresswahlen in Stellung – und das Gerangel um den nächsten Jahrhundertwahlkampf zur Ablöse von US-Präsident George W. Bush in 2008 hat voll begonnen. Möglichen Kandidaten hatten den hitzigen Wahlkampf genützt, um sich zu positionieren:
# Hillary Rodham Clinton, 59, will sich, so Insider, nach ihrer Wiederwahl als New-York-Senatorin in den “nächsten Monaten” entscheiden, ob sie erste Präsidentin der US-Geschichte werden will. Für den Fall der Fälle ist sie ge-rüstet: 16 Millionen Dollar blieben im Wahlkampf übrig, 42 Leute werken be-reits in “Hillaryland”, wie ihr Team heißt. Die Republikaner nehmen sie ernst und versuchen ihre Wähler zu schrecken: “Sie könnte leicht Präsidentin wer-den”, sagt zuletzt Vize Dick Cheney mit grimmiger Mine.
# Hillarys größter Gegner bei den Demokratenvorwahlen könnte der farbige und telegene Demokraten-Shootingstar Barack Obama (45) werden, der zu-letzt eine Kandidatur durchblicken ließ. Obama, der beim Kerry-Parteitag in Boston 2004 über Nacht zum Star wurde, absolvierte zuletzt eine Werbetour für seine Bio und half Demokratenkandidaten im Wahlkampf.
Immerhin: Der erst seit zwei Jahren amtierende Senator setzte sich prompt mit 17% an die zweite Stelle der Demokraten-Hitliste für die Primaries, hin-ter Hillary mit 28%.
Bei den Republikanern könnte sich bei deren Vorwahlen ein Match zweier Haudegen abzeichnen:
# Praktisch alle US-Politbeobachter rechnen fix mit einer Kandidatur von Vietnamkriegshelden John McCain (70), der im Jahr 2000 in den Primaries durch eine üble Rufmordkampagne von Bush niedergerungen worden war. Dem vor allem in Sozialfragen moderaten McCain werden wegen seiner Att-raktivität für Wechselwähler gute Chancen beim Kampf um das Oval Office eingeräumt – seine größte Hürde ist, wie bei allen moderaten Republikanern, die ultrarechte Parteibasis zu überzeugen, als Kandidat überhaupt erst auf-gestellt zu werden.
# 9/11-New-York-Bürgermeister Rudy Giuliani (62) könnte ebenfalls in den Ring steigen, obwohl er als Abtreibungsbefürworter und Waffenverbotsfan einen vielleicht noch schwierigen Kampf in den Vorwahlen vor sich hat.
Laut jüngster CNN-Umfrage liegt Giuliani (29%) knapp vor McCain (27%). Nicht verstummen wollen aber auch Gerüchte, dass die Republikaner einer historischen Hillary-Kandidatur eine Frau entgegenwerfen könnten: Condo-leezza Rice, Bushs Außenministerin.

# 8. November: Arnie for President?

Kaum war Arnold Schwarzenegger (59) mit Gattin Maria Shriver im “Grand Ball Room” des Beverly Hilton Hotels in Los Angeles im Konfettiregen zu Eh-ren seiner Wiederwahl als Kalifornien-Gouverneur gestanden, leitete er die neue Ära “Governator II” mit mit einem Inferno staatsmännischer Aktivitä-ten ein: Weniger als 24 Stunden nach seinem, durch einen politischen Links-ruck sowie perfekt exekutierten Wahlkampf erreichten Wahlsieg jettete er bereits mit einer Handelsdelegation in den Nachbarstaat Mexiko, um zwei Tage lang die – auch durch die teils derbe Einwandererdebatte im Wahl-kampf – getrübten Beziehungen zu verbessern. “Mexikaner”, hatte der Austro-Amerikaner vor wenigen Wochen etwa gesagt, “hätten die größten Probleme sich anzupassen, da sie so nahe an ihrem Heimatland leben”.
Prompt debattiert wurde mit seinem Stab auch die rasche Umsetzung der Agenda für die nächsten vier Jahre als Chef des 37-Millionen-Einwohner-Megabundesstaates, gleichzeitig die sechstgrößte Volkswirtschaft der Erde: Ausbau der Infrastruktur, neue Bildungsprogramme, die Umsetzung seiner ehrgeizigen Pläne zur Reduktion der Treibhausgase.
Doch hinter den Kulissen der Kalifornischen Machtzentren von San Franzisko bis San Diego wird aufgeregt diskutiert: Was kann Politstar Arnie noch errei-chen? Wie geht es weiter, wenn er nach seiner zweiten und wegen Zeitlimits letzten Amtszeit 2010 die Kalifornien-Kapitale Sacramento verlassen muss?
Vor allem: Kann er US-Präsident werden?
Arnies Erfolgsbilanz schürt das Feuer:
# Er schaffte ein spektakuläres Comeback nach dem Tief des Vorjahres, wo seine Politkarriere bereits gescheitert schien;
# Er siegte mit einem moderaten, bereist als künftiges Republikaner-Erfolgsrezept gefeierten Kurs: Vor allem mit der Offensive zur Rettung des Weltklimas sorgte er weltweit für Furore;
# Hinzu kommt die ungebrochene Starpower des Ex- Hollywood- und Body-buildingstars (113 Millionen hatte er etwa im Wahlkampf an Spenden aufge-stellt),
# Dazu gibt er sich zusehends “präsidial”: Er forderte eine Abzug der US-GIs aus dem Irak, absolviertet “Staatsbesuche” in China, Japan, Israel und Deutschland.
Doch Arnies Hürden sind juristischer und nicht politischer Natur: Per Verfas-sung ist in den USA festgeschrieben, dass Einwanderer nicht für das Oval Of-fice kandidieren dürfen (siehe auch Story unten??). Bereist im Vorjahr hatte der Kongress darüber diskutiert, die Initiative wurde prompt “Arnold´s Law” getauft. “Die Einschränkungen sind ein Anachronismus und unamerikanisch”, sagt Republikaner-Senator Orin Hatch. Parteikollege Arlen Specter fügt hin-zu: “Der Typ wurde Gouverneur von Kalifornien – welche Qualifikationen braucht er denn noch?”.
Skepsis kommt seitens der Demokraten: Sie werden kaum einem derart po-pulären Kandidaten die Chance geben, der sogar Hillary bei der Schlacht ums Oval Office aus der Bahn werfen könnte, heißt es in Washington. Druck innerhalb der Demokraten könnte jedoch die rapide wachsende Latino-Minderheit ausüben: Es könnte ja auch einmal ein Einwanderer aus ihren Reihen die Chance haben, so ihr Kalkül. Die US-Bevölkerung bleibt skep-tisch: 58 Prozent waren zuletzt dagegen. “Was immer passiert”, sagt Ex-Skistar und Arnie-Freund Klaus Heidegger: “Er wird der Po-litik erhalten bleiben – es scheint ihm mehr Spass zu machen als Filmema-chen und Bodybuilding zusammen”.
FACTS:
Schuld am US-Verfassungseintrag, der Arnie eine Kandidatur um das Präsi-dentenamt derzeit unmöglich macht, ist – ausgerechnet – Österreich: 1772 nämlich hatten sich Österreich, Preußen und Russland Polen untereinander aufgeteilt, da der Staat durch einen im Ausland geborenen Regenten ge-schwächt schien. Die US-Gründungsväter zogen daraus ihre Lehren und schrieben in ihrer “Constitution” fest: Keine Person, die nicht ein in den USA geborener Bürger ist, kann sich um die Position des Präsidentenamtes be-mühen. Eine Änderung der US-Verfassung ist nicht unmöglich, aber enorm schwierig: Von 10.000 vorgeschlagenen Anpassungen schafften es in der 230-Jährigen US-Geschicht bloß 27. Die Hürden sind hoch: Eine Zweidrittel-mehrheit in beiden Häusern des US-Kongresses, sowie die Ratifizierung von mindestens 38 Bundesstaaten. Allerdings: Wenn der politische Wille da ist, kann alles ganz schnell gehen. Die Senkung des Wahlalters auf 18 Jahre war 1971 innerhalb von vier Monaten realisiert worden.

# 7. November: Wahlchaos ohne Ende

Seit dem Nachzähl-Thriller 2000 zwischen George Bush und Al Gore in Flori-da geht bei jeder US-Wahl die Angst vor neuerlichen Chaos um – und die Nervosität ist heuer besonders groß: Demokraten und Republikaner haben für mögliche juristische Schlachten mobilisiert, Endergebnisse in sehr knap-pen Rennen könnten sich durch Wahlanfechtungen und Nachzählungen tage- oder gar wochenlang verzögern. 7.000 Anwälte werken allein für das Demo-kraten-Nationalkomitee, hunderte von ihnen jetteten am Wochenende in 17 “Schlachtfeldstaaten”, darunter Arizona, Maryland, Missouri oder Ohio, um für Proteste gegen mögliche Unregelmässigkeiten in den Wahllokalen ge-wappnet zu sein. “Wir wollen uns nicht wieder überrollen lassen”, sagt ein Demokraten-Stratege. Die Hauptsorge ist, dass Wähler ungerechtfertigt we-gen kleiner Formfehler von den Wahllokalen abgewiesen werden könnten. Dazu rechnen Experten mit einem unglaublichen Chaos durch den Einsatz neuer Wahlcomputer: Bereits in den Vorwahlen gab es Stromausfälle, Com-putercrashes, Datenspeicher gingen verloren, abgegebene Stimmen wurden irrtümlich gelöscht. 90 Prozent werden heuer ihre Stimme elektronisch ab-geben, doch die Maschinen sind für viele verwirrend, weisen Softwarefehler auf (in Virginia etwa ist der Name des Demokraten Jim Webb beim Bestäti-gungs-Schritt mit “James H. ´Jim´” abgeschnitten) oder sind von “Hackern” leicht zu manipulieren. Dazu hinterlassen die Computer in nur 27 Staaten ein Papierprotokoll zum Nachprüfen möglicher Irrtümer, der Rest spuckt bloß Resultate aus, die Kontrolle ist unmöglich. Zuletzt wurde auch noch die Rolle Venezuelas bei einem der Wahlcomputer-Hersteller diskutiert: Bush-Feind Hugo Chavez soll Verbindungen zur kalifornischen Firma “Sequoia” haben, deren Wahlcomputer in Teilen Kaliforniens und 15 weiteren Staaten verwen-det werden.

# 7. November: Bush bäumt sich auf

US-Präsident George W. Bush hatte mit dem Todesurteil gegen Iraks Ex-Diktator Saddam Hussein einen tollen Aufhänger, die Massen bei einem Wahlkampfauftritt in Grand Island, Nebraska, aufzuheizen: Das Urteil sei ein “Meilenstein”, rief Bush in die tobende Menge ausgesuchter Fans, beim Kampf der Iraker “ein Tyrannenregime durch einem Rechtsstaat zu erset-zen”. Seinem Stab überließ er die Erklärungen, dass der Zeitpunkt der Ur-teilsverkündung zwei Tage vor den US-”Midterm”-Kongresswahlen rein “zu-fällig” sei.
Mitten in Bushs Wahlkampfoffensive durch zehn Bundesstaaten platzen die ersten guten Nachrichten für die Republikaner in diesem mit fast drei Milliar-den Dollar teuersten und vielleicht dreckigsten Wahlkampfes der US-Geschichte: Laut jüngster Umfrage des “Pew Research Center” hatte die “Grand Old Party” (GOP) im Finale aufgeholt, die Führung der Demokraten schrumpfte auf 47 zu 43 Prozent, vor zwei Wochen lagen sie noch mit 50 zu 39 Prozent voran.
Trotz dem kleinen GOP-Comeback, das auf aufkommende Begeisterung un-ter der Parteibasis in praktisch letzter Minute zurückzuführen ist, ist die De-mokraten-Opposition auf Kurs, zumindest das 435-köpfige Repräsentanten-haus nach 12-jähriger Republikanerherrschaft zurückzuerobern: Die “Dems” brauchen ein Plus von 15 Sitzen, laut Umfragen dürften sie – vor allem durch eine Tsunami an Wählerfrust über die blutige Irakbesatzung – mindes-tens 20 dazu gewinnen. Dazu sind 25 Einzelrennen durch eine unglaubliche Welle an Sex- und Korruptionsskandalen in der GOP betroffen.
Die Schlacht um den 100-köpfigen Senat blieb ein Wahlthriller bis zuletzt. Die Hürden für die Dems lagen enorm hoch: Sie müssen der GOP sechs Se-natorensitze abringen, und alle eigenen halten. Das “schlimmste Politumfeld für Republikaner-Kandidaten seit Watergate”, so der GOP-Stratege Glen Bol-ger in der “New York Times” brachte eine Politsensation in Reichweite: Siege in den zuletzt drei wichtigsten Schaukelstaaten – Montana, Virginia und Mis-souri – könnte für die Dems die 51 nötigen Senatssitze bringen. Doch das GOP-Last-Minute-Comeback ist auch hier spürbar: Rennen in Rhode Island und Maryland, die die Demokraten längst in der Tasche sahen, sind wieder offen.
Bush, der vor allem durch das Irakkrieg-Debakel mit 34 Prozent so populär ist wie “Watergate-Präsident” Richard Nixon knapp vor dem Rücktritt, wollte es beim letzten Wahlkampf in seiner 28-jährigen Polit-Karriere nochmals wissen: Seine üblichen Angst- und Terrorparolen gepaart mit dem Lächer-lichmachen der Dems als planlose Angsthasen könnte die demoralisierte, erzkonservative Parteibasis auch wachgerüttelt haben. Doch Bushs Tour war heuer enorm limitiert, nachdem sich viele Kandidaten lieber vor dem unpo-pulären Präsidenten versteckten. In Florida sagte der Republikaner-Kandidat für die Gouverneurswahl, Charlie Christ, am Montag einen geplanten Auftritt mit Bush kurzerhand ab, da er lieber “anderswo wahlkämpfe”.
Die Machtübernahme der Dems in zumindest einer Kongress-Kammer macht Bush in seinen letzten zwei Amtsjahren endgültig zur “lahmen Ente”, wie pa-ralysierte Präsidenten im US-Politjargon heißen. Bushs innenpolitische Re-formprojekte wie Teilprivatisierung des Pensionssystems, neue Einwande-rungsgesetze und weitere “Tax Cuts” werden wohl auf Eis liegen, die Dems dafür mit neuen U-Ausschüssen vor allem die vermasselte Besatzung des I-raks durchleuchten. In Sachen Irak schloss Bushs Vize, Dick Cheney, bereits Kurskorrekturen aus. “Wir haben die richtige Strategie dort”, sagte er am Sonntag im US-TV: “Voller Kraft voraus – niemand von uns muss sich einer Wahl stellen, wir können tun, was wir für richtig halten”.

# 7. November: Arnie auf Siegeskurs

Kaliforniens “Governator” Arnold Schwarzenegger, der in Umfragen 16 bis 18 Prozent führt und vor einem Wahltriumph steht, absolvierte sein Wahlkampf-finale meist staatsmännisch aber auch locker ausgelassen. Am Sonntag tanzte der Ex-Hollywood- und Bodybuilding-Star in einer Schwarzen-Kirche in Los Angeles, dann stand er mit ernster Mine beim Begräbnis der fünf, bei einem Killerbuschbrand in den Bergen hinter L.A. getöteten Feuerwehrmän-ner. Arnies hemdsärmeliges Handeln und das Ausloben hunderttausender Dollar an Ergreiferprämien für den Brandstifter aus seiner Privattasche hatte ihm zusätzliche Sympathiewerte gebracht.
Arnie blickt auf einen Bilderbuchwahlkampf zurück, der ihm eine zweite und wegen Zeitbegrenzungen letzte, vierjährige Amtsperiode sichert: Der Austro-Amerikaner schaffte damit ein spektakuläres Comeback, nachdem er genau vor einem Jahr bittere Niederlagen bei seinen konservativen Reformprojek-ten einstecken hatte müssen und seine Popularität auf 37 Prozent stürzte. Glück hatte er auch mit seinem Gegner: Der farblose Demokraten-Technokrat Phil Angelides konnte dem Governator kaum Paroli bieten.
Erstaunt reagierte Kaliforniens Polit-Establishment vor allem über Arnies Lernfähigkeit nach seine letztjährigen “annus horribilis”: Zerknirscht stand er da am Abend seiner Sonderwahlen zum Durchboxen von vier Gesetzesinitia-tiven, nachdem alle scheiterten, inklusive der geplanten Eindämmung der Macht von Gewerkschaften. “Ich hätte lieber auf meine Frau hören sollen”, sagte Arnie in Anspielung an seine Demokraten-Gattin und JFK-Nichte Maria Shriver.
Fortan tat er das wohl auch: Er holte sich die Demokratin Susan Kennedy als Stabschefin, die noch unter dem 2003 in den Recall-Wahlen gestürzten Ex-Gouverneur Gray Davis werkte. Seither brachte Arnie – auch durch die wie-der aufgenommenen Kooperation mit der Demokraten-Opposition im Lan-desparlament (“Legislature”) – eines der strengsten Gesetze der Welt zur Reduktion von Treibhausgasen durch, ließ vier Top-Autohersteller wegen Ge-fährdung von Menschen und Umwelt verklagen. Dazu boxte er derart mutige Sozialreformen durch, dass sich die Demokraten “links überholt fühlten”, so Politologe Shaun Bowler. Die Mindestlöhne wurden von 6,75 Dollar auf 8 angehoben, Milliarden in neue Bildungsprogramme investiert, dazu initiierte Arnie als “Bob der Baumeister”, wie in Sacramento gewitzelt wird, ein 100-Milliarden-Dollar-Infrastrukturprojekt zum Bau von Straßen, Bahnen und Dämmen.
Anders als 2003, als Enthüllungen über angebliche Grapschereien an mehre-ren Frauen, Arnie im Wahlkampffinale fast den Sieg kosteten, gab es heuer wenige Überraschungen: Einmal gelangten Tonbänder an die Öffentlichkeit, wo Arnie Latinas als “heißblütig” bezeichnete – doch letztendlich schadete die Episode seinem Gegner Angelides, da dessen Helfer die Audiodateien un-ter fragwürdigen Umständen vom Computersystem herunter luden und der “L.A. Times” zuspielten.
Punkten konnte Arnie auch in der Fernseh-Debatte und vor allem als Gast bei TV-Spassvogel Jay Leno, wo er sich deutlich von US-Präsident George Bush absetzte und rührende Familiengeschichten vortrug.
Schwarzenegger wird bereits als neuer, moderater Republikaner-Typus ge-feiert, der seine Partei wieder zu Erfolgen führen könnte. Sein erwarteter Wahltriumph könnte auch die Debatte neu entfachen, per Verfassungsände-rung ihm die Kandidatur um das Oval Office zu ermöglichen.

# 7. November: Schicksalswahlen Midterm 06

Wenn 80 Millionen Amerikaner bei den “Midterm”-Kongresswahlen 2006 heute ihre Stimme abgeben, blicken sie auf den teuersten und vielleicht auch übelsten Wahlkampf der US-Geschichte zurück – mit einer, laut jüngs-ten Umfragen wahrscheinlichen Übernahme der Demokraten zumindest ei-ner, vielleicht aber auch beiden Kongress-Kammern: Fast drei Milliarden Dol-lar wurden in 504 Senats-, Repräsentantenhaus- und Gouverneurswahlen ausgegeben, zwei Milliarden davon an TV-Werbungen, ein Inferno teils ekeli-ger Charaktermord-Botschaften prasselte in den letzten Wochen auf die Zu-seher nieder.
Im Wahlkampffinale hatten beide Seiten ihre Polit-Stars mobilisiert, darunter US-Präsidenten George W. Bush, Vietnamheld John McCain oder “9/11-Bürgermeister” Rudy Giuliani bei den Republikanern; Politlegende Bill Clin-ton, Klimaguru Al Gore und der farbige Shootingstar Barack Obama bei den “Dems”. Vor tosenden Mengen verwandelte die Opposition ihren Wahlkampf zur Abstimmung über einen, vor allem durch das Irakdesaster enorm unpo-pulären Präsidenten (34% Zustimmung hatte Bush zuletzt). “Es ist Zeit für einen Kurswechsel”, rief etwa Bill Clinton. Mit einer Stimme für Republika-ner-Kandidaten, mahnten dazu tiefe Stimmen im TV von Maine bis Arizona, “unterstützen Sie die Bush-Agenda”. Die Republikaner konterten mit Angst-parolen vor mehr Terror oder Steuererhöhungen nach einem Demokraten-Take-Over. “Die haben keinen Plan”, rief Bush.
Die 12-jährige Herrschaft der “Grand Old Party” (GOP) im Repräsentanten-haus dürfte – so praktisch alle Umfragen – an diesem 7. November zu Ende gehen: Eine “Tsunami” an Wählerfrust über das Irakdebakel und eine un-heimliche Serie von Sex- und Korruptionsskandalen unter den Konservativen (25 Einzelwahlkämpfe sind davon betroffen) könnte den “Dems” einen Zu-wachs von mindestens 20 Sitzen bescheren, deutlich mehr als die 15 erfor-derlichen. “Speaker” würde dann, auch das wäre historisch, als erste Frau die liberale Kalifornien-Abgeordnete Nancy Pelosi.
Das “schlimmste Politumfeld für Republikaner-Kandidaten seit Watergate”, so der GOP-Stratege Glen Bolger in der “New York Times” könnte im Senat ebenfalls zu einer Politsensation führen. Noch vor Wochen hätte niemand bei den Demokraten über eine Machtübernahme der Kongress-Kammer auch nur zu träumen gewagt: Doch nun könnten Demokratensiege in den zuletzt drei wichtigsten Schaukelstaaten – Montana, Virginia und Missouri – die 51 nöti-gen Senatssitze bringen. Zuletzt führten sie in allen drei Rennen knapp, “doch könnte eine hohe Wahlbeteiligung unter der Republikaner-Parteibasis wie bei der letzten Präsidentschaftswahl 2004 einen totalen Demokraten-Triumph noch vereiteln”, so Politologe Shaun Bowler.
Die Midterms dienten für einige auch als Probegalopp für die Schlacht um das Oval Office 2008: Hillary Clinton blickt auf einen Bilderbuchwahlkampf für eine weitere Amtszeit im Senat zurück – doch abgetestet wurden auch Stil, Agenda und Sympathiewerte auf “Präsidentschaftsfähigkeit”. Je größer ihr Abstand vor Opponenten John Spencer ist, wird in New York bereits auf-geregt berichtet, desto größer der Hype um “Hillary ´08”. Doch auch Hillarys möglicher Kontrahent innerhalb der Dems, Senator Obama, nützte die Wahl-kampfwochen zum Ausloten einer Kandidatur.
Unter den 36 Gouverneurswahlen wird Kaliforniens Arnold Schwarzenegger einer der wenigen Republikanerkandidaten sein, die sich am Wahlabend im Konfettiregen duschen können: Nachdem er die Demokraten mit Öko- und Sozialinitiativen fast “links überholte”, so Bowler, lag er zuletzt 16 Prozent vor Opponenten Phil Angelides. Schwarzenegger wird bereits als neuer Re-publikaner-Typus gefeiert, der seine Partei wieder zu Erfolgen führen könnte. Doch auch die Demokraten stehen an dieser Front vor Triumphen: In New York, Ohio und Massachusetts wird mit einer Rückeroberung der Landes-hauptstädte gerechnet.

# 5. November: Mit Arnie im Wahlkampf

Schwarzenegger
Arnie besucht Farbige in L.A.

Abgekämpft sieht Arnold Schwarzenegger (59) aus, als er in einem ärmlichen L.A.-Schwarzenviertel ein Privatprojekt für Homeless inspiziert. Wen wunderts: Der Wahlkampf für den austro-amerikanischen Republikaner zur Wiederwahl als “Goverantor” ist zermürbend, zwei bis drei Auftritte pro Tag, dazwischen Flüge und endlose Fahrten in seiner schwarzen SUV-Karosse. Es ist Sonntag Nachmittag, Arnie ist leger gekleidet, offener Kragen, beige Bundfaltenhose, Sakko. Gattin Maria Shriver, die berühmte JFK-Nichte, steht an seiner Seite, auch sie wirkt ein wenig geschlaucht. Arnie findet sich beim Rundgang rasch zurecht: “Weiterbildung ist das wichtigste”, sagt er, “weil sonst enden viele in einer Drehtüre, raus aus dem Gefängnis, wieder rein ins Gefängnis”.
“Wau! Richtig! Genau!”, ruft da Projektgründerin Alice Harris aufgeregt: “Der Gouverneur, der kennt sich aus mit unseren Problemen!” Es klingt ein wenig nach Sarkasmus, immerhin ist Arnie hunderte Millionen Dollar schwer und residiert in einer 11,9-Millionen-Dollar-Riesenvilla im feinen L.A.-Nobelsuburb Brentwood, fernab der einfachen Holzhäuser dieses tristen Viertels. Doch der Applaus zeigt, dass es ernst gemeint ist, besonders nachdem Arnie mit Detailwissen imponiert: 172.000 Häftlinge gäbe es in Kalifornien, sagt er, wer entlassen wird, sollte draußen bleiben. “Yeah”, so soll es sein, nicken die Zuhörer. Arnie lobt: “Große Ideen kommen nicht aus Washington, nicht aus Sacramento, die kommen von euch Bürgern”. “Yeah”.
Immer wieder wird er bestürmt, Kappen, Karten, Bücher, T-Shirts signiert er, erhält Einladungen vom lokalen Kegeltournier bis zu privaten Geburtstagsparties. Er nimmt das Gedränge gelassen, seine Hauptsorge scheint, dass Gattin Maria in dem Tumult abgedrängt werden könnte. Immer wieder legt er seine Hand schützend auf ihre Schulter.
Schwarzeneggers Popularität – und das wird deutlich, als ihn ÖSTERREICH durch den Wahlkampf begleitet – ist ungebrochen, nicht nur als Gouverneur des 37-Millionen-Einwohnerstaates sondern auch als ehemaligen Bodybuilding- und Hollywoodstar: Vor allem Kids umrunden ihn bei Wahlkampfstopps wie im Film “Kindergarten Cop”. Und wie oft er jetzt schon “I´ll be back” und “Hasta La Vista, Baby”, die beiden Kultsprüche aus den “Terminator”-Hitfilmen sagen hat müssen, kann niemand zählen. Nach einem 41,3 Millionen Dollar teuren Bilderbuchwahlkampf steht Schwarzenegger vor einem Triumph bei den Gouverneurswahlen am Dienstag: 16 Prozent lag er zuletzt laut einer “Field Poll”-Umfrage vor seinem, zugegeben oft fast tölpelhaft agierenden Herausforderer Phil Angelides.
Vielleicht ist er deshalb entspannter – auch im Umgang mit der Presse. Er kündigte einen baldigen Besuch in seinem Heimatland an und sucht nach den transatlantischen Streitereien vor allem in Sachen Todesstrafe nach konzilianteren Tönen: “Ich bleibe im Herzen immer ein Österreicher”, sagt er: “Meine Beziehung zu den Menschen dieses Landes ist bestens”. Die Betonung liegt auf Menschen, nörgelnde Grünpolitiker sind wohl nicht inkludiert.
Anders als in den “Recall”-Wahlen vor drei Jahren, konnte Arnie heuer auch auf die Ressourcen eines Amtsinhabers zurückgreifen: Seine Auftritte gleichen Hollywood-Produktionen. Da steht er etwa in einem Park in West-Los-Angeles vor einem Podium, hinter ihm eine Gruppe aus gut 60 Verbrechensbekämpfern, positioniert wie bei einem Klassenfoto. Diesmal wirbt Arnie um härtere Strafen für Sex-Täter. “Für bestimmte Verbrechen”, poltert er, “darf es keine zweite Chance geben”. Per Riesenleinwand ist John Walsh, der populäre Moderator der TV-Sendung “America´s Most Wanted”, aus New York zugeschaltet. Kaum hat der ausgeredet, hetzt Arnie zurück zur Wagenkolonne. Nächster Stop Sacramento, eine Flugstunde nördlich.
Noch etwas fällt auf: Vorbei sind die Zeiten, als er bei seinem Quereinstieg in die Politik 2003 gerade mal ein paar Slogans aufsagen konnte, während er am Fitnessfahrrad das Ein-mal-Eins der Politik paukte. Heute rattert er souverän Errungenschaften seiner ersten Amtszeit herunter: 20 Milliarden Dollar Mehreinnahmen ohne Steuererhöhungen, 650.000 neue Jobs, beliebige andere Zahlen, passend zum Auftrittsort.
Arnies Comeback ist erstaunlich, stand er noch vor einem Jahr vor dem Scherbenhaufen seines “Jahr der Reformen”, in das ihn rechte Ideologen hetzten, um das liberale Politsystem Kaliforniens permanent umzukrempeln: Monatelang hatte er für die “Special Elections” wahlgekämpft, um sich dann eine vernichtende Abfuhr vom Wahlvolk zu holen. Arnies Popularität stürzte auf 37 Prozent. Doch er demonstrierte Lernfähigkeit, holte sich die Demokratin Susan Kennedy als Stabschefin, kämpfte fortan für die Umwelt, hob die Mindestlöhne von 6,75 auf 8 Dollar pro Stunde, borgte 37 Milliarden Dollar für Straßen, Schulen und Dämme, arbeitete mit den Parlaments-Demokraten zusammen, die sich “fast links überholt fühlen”, so “USA Today”. Ein französischer Reporter rief ihm beim Einsteigen in den Wagen sogar nach: “Mr. Gouverneur! Sind sie jetzt gar ein Sozialist?” Egal, es hat geklappt: Seine Popularität liegt nun bei 56 Prozent.
Doch echte Geschichte schreibt Arnie in Sachen Klimaschutz: “Wir müssen rasch handeln, es gibt keine Zeit mehr zu verlieren“, sagt er bei einem Auftritt im Park hinter dem Energiespargebäude “Solaire” in Lower Manhattan. New-York-Gouverneur George Pataki steht neben ihm, mit ihm hat er gerade einen gemeinsamen Markt zum Handel von Treibhausgasen zwischen Kalifornien und elf Nordost-Bundesstaaten beschlossen. Ähnliche Klimadeals gab es mit Briten-Premier Tony Blair, sein Gesetz zur CO2-Reduktion um 25 Prozent bis 2020 ist strenger als das Kyoto-Protokoll. “Wir sind heute der weltweite Führer beim Klimaschutz”, jubelt er allerorten.
Wahlkampfmanager trachten dabei auch, dass Öko-Arnie richtig ins Bild gesetzt wird: Er lässt sich fotografieren vor einer Wand mit Solarzellen, oder bei der Inspektion eines “Trading Floors” für CO2-Gase im New Yorker Headquarter der Investmentbank “Credit Suisse”. Bei der Einweihung eines Nationalparks an der malerischen Küste in Laguna Beach wird er so platziert, dass die Silhouette seines markanten Gesichtes gegen den blassblauen Himmel wie in Stein gehauen wirkt. Vorgestellt wird er als “Conservationator”, Umwelterhalter. Durch die Klima- und Ökooffensive konnte sich Arnie auch gut von US-Präsidenten George Bush absetzen, für den er 2004 noch die Demokraten als “Girlie Men” (Weicheier) beschimpfte, doch ihn jetzt bei jeder Gelegenheit offen kritisiert. Deshalb scheiterte auch Angelides Strategie, Arnie mit Bush in einem Topf zu werfen.

Runningman
Filmproduzent George Linder: „Es macht Arnie Spass“

Doch macht Arnie die Politik wirklich Spass? Oder gaukelt er mit dem Slogan “Ich verdanke Kalifornien alles, jetzt ist es für mich Zeit, dem Staat zu dienen”, den er gebetsmühlenartig wiederholt, den Bürgern nur was vor? Er liebe die Politik, sagt George Linder, Produzent des Arnie-Filmhits “Running Man”, im Gespräch mit ÖSTERREICH: “Viele sagen, dass er nun in der Politik fand, was er immer gesucht hat”. Linder glaubt, dass Arnie nach Ablauf seiner Amtszeit als Governator 2010 seine Polit-Karriere fortsetzen wird: “Er könnte Senator werden, oder Außenminister, oder was immer ihm noch einfällt”.

# 4. November: Hillarys Frauenpower

Hillary schneidet bei Frauen besser ab als unter Männern, wenn auch nicht dramatisch auffallend: Laut einer jüngsten Umfragen des Senders ABC haben 59 Prozent der Frauen eine gute Meinung über sie, bloß ein paar Prozentpunkte mehr als Männern (52%). Wirklich punkten kann Hillary unter jüngeren Frauen, die ein Vorbild in der abgebrühten Powerfrau sehen: 73 Prozent haben hier eine positive Meinung über die New-York-Senatorin. Doch Zweifel bleiben bestehen, wie die Aussagen von Bürgerinnen in US-Medien illustrieren: “Ich finde sie zu steif und packetiert”, sagte etwa Jeny Guy (55). Sie wirke ein wenig hart, so Anna Shelly (27), eine Demokratin, aus Utah: “Ich würde gerne den Menschen Hillary sehen und nicht immer nur die Politikerin”. Man höre viel über sie, sagte Valerie Herzig (42), “aber sehr wenig von ihr direkt”.
Selbst Frauenrechtlerin und Hollywoodstar Jane Fonda muss Hillary noch überzeugen: “ich bin sehr enttäuscht über ihre anfängliche Unterstützung des Irakkrieges”, sagt Fonda kürzlich. Sie würde auch nicht automatisch für eine White-House-Kandidatin wählen, nur weil sie eine Frau ist: “Die Welt hatte schon so viele schlechte Premierministerinnen und Präsidentinnen”. Falls Hillary die Kandidatin der Demokraten wird, werde sie sie jedoch unterstützen, so Fonda.
Hillary, so scheinen diese Aussagen zu belegen, hat noch viel Arbeit vor sich, ein weicheres, sympathischeres Image zu kreieren. Dabei war eine Welle an nationaler Sympathie über sie geschwappt, als sie im Jahrhundert-Oralsexskandal “Monicagate” ihres Gatte Bill 1998 mit der Praktikantin Monica Lewinsky als betrogene Ehefrau dastand. Hillary nützte es geschickt aus, um in New York ihre Politkarriere zu starten. Dabei war sie als neuer Typus einer Politikergattin schon zuvor enorm kontroversiell: Sie nahm in erzkonservativen und ländlichen Arkansas den Namen Clinton erst an, als Gatte Bill in einem Wahlkampf – auch deshalb – verlor, führte ihre Karriere als Anwältin fort, übernahm dann im White House ganze Politprojekte á la Gesundheitsreform, anstatt sich um die Dekoration des Ostflügels zu kümmern, wie First Ladies vor ihr. “Sie werde nicht zu Hause sitzen und Kekse backen”, sagte sie im Wahlkampf 1992 und löste einen Skandal aus.
Hillarys Aussehen hat sich – nach einer langen Phase verwirrender und sich immer abwechselnder Outfits und Frisuren – heute einen “verlässlich professionellen Look”, so die “Washington Post”, zugelegt: Hosenanzüge, kurze, blonde Haare. Dazu sei Hillary, so Amy Sullivan, Chefredakteurin des Magazins “Washington Monthly”, heute ein weit bessere Wahlkämpferin, als jemals erwartet wurde und sie ist durch das Überstehen persönlicher Attacken abgebrüht wie niemand in der Politik”.

# 4. November: Bushs letzter Wahlkampf

US-Präsident George W. Bush ist in vollem Wahlkampfmodus, sieben Auftritte will er in den letzten Tagen vor den Midterm-Kongresswahlen am Dienstag absolvieren. Bei den Stopps in meist erzkonservativen Bezirken ist von der immer aussichtsloseren Lage für seine Republikanerpartei wenig zu merken: Im karierten, aufgekrempelten Hemd reißt Bush das Publikum aus treuen Fans mit, mokiert sich über die Demokraten, die Steuer anheben und im Irak vor dem Feind kapitulieren wollten, die schon jetzt in der “Endzone”, ein Begriff aus dem “American Football”, tanzen, bevor ihnen der Touchdown gelingt. Die Menge in Billings, Montana, jubelt, sie schwenken mit Cowboyhüten.
Die Wahlstrategen der Republikaner-”Grand Old Party” (GOP) dürften den Verlust des 435-köpfigen Repräsentantenhauses an die Demokraten bereist als unabwendbar hingenommen haben: Jetzt kämpfen sei verzweifelt, um zumindest die zweite Kammer des US-Kongresses, den 100-köpfigen Senat zu halten. Bush wollte mit seinem Auftritt den ins Hintertreffen geratenen Montana-Senator Conrad Burns zu Hilfe kommen. Montana ist – neben Virginia, Tennessee und Missouri – einer von nun vier Schaukelstaaten, wo sich die Senatswahl entscheiden wird: Die Demokraten brauchen ein Plus von sechs Sitzen, neun Rennen sind insgesamt offen, in sechs führen die Demokraten und drei sind tote Rennen, so eine Analyse der renommierten “Washington Post”. “Eine Sensation zeichnet sich hier ab”, sagte MSNBC-Moderator Chris Matthews.
Bush, so sehr er auch beim Wahlkämpfen in seinem Element scheint, kann heuer seiner Partei wenig helfen. Im Gegenteil: Mit Popularitätsraten um 34 Prozent ist er ungefähr so beliebt wie Watergate-Präsident Richard Nixon kurz vor dem Rücktritt. Er soll heuer daher nur die Parteibasis “aufheizen”, um sie zur Wahl zu bewegen. Sein Auftritt mit Burns wurde prompt heftig diskutiert: Die meisten Wahlbeobachter verhöhnten die Bush-Feuerwehraktion für den Republikaner als “Todeskuss”.
Anders als in den letzten Wahlen haben die Demokraten im Endspurt mehr Geld denn je für ein Inferno an 300 zusätzlichen TV-Werbespots übers Wochenende: Mit geschätzten drei Milliarden Dollar ist die Wahlschlacht “Midterm 2006” die teuerste in der US-Geschichte. In den letzten beiden Wochen gaben die Republikaner 50 Millionen Dollar, die Demokraten 38 Millionen aus. Bei den Demokraten füllen sich jetzt noch im letzten Moment die Kriegskassen, nachdem die US-Wirtschaft an die möglichen neuen Kongress-Machthaber mehr Spenden fließen lässt. Zuletzt schütteten sie eine Million Dollar in den Senatswahlkampf in Arizona, da sie das Rennen dort für wieder offen halten. Es war wohl mehr ein Schachzug in einem Psychokrieg: Sie wollten die Republikaner nervös machen.

# 3. November: Hillarys Millionen

Hillary Clinton hat während ihres Senats-Wahlkampfes ihre Kriegskasse so prall gefüllt, als würde bereits am Tag Eins nach ihrer Wiederwahl eine Kampagne für das Oval Office beginnen: 35 Millionen Dollar hat ihre Wahlspenden-Maschinerie – ein Netzwerk aus Hollywoodstars, mächtigen New Yorker Anwaltskanzleien und Wirtschaftsmogulen – eingefahren, nach einer jüngsten Telefonwerbekampagne, wo Filmstars wie Robert De Niro oder Paul Newman Hillary-Lobpreisungen überbringen, sind 16 Millionen übrig geblieben. Ein Dreitages-Festival zum 60iger ihres Gatten Bill, inklusive Rolling-Stone-Konzert, brachte weitere Millionen ein, Einzelkarten kosteten 60.000 Dollar und mehr. Hillarys Operation gleicht längst einem “War Room” wie am Höhepunkt von Präsidentschaftswahlen: 42 Mitarbeiter werken für die Senatorin, darunter Profis zum Lukrieren von Spenden über das Internet. Überraschend ist auch, dass sogar Erzkonservative die, für viele polarisierende Ex-First-Lady unterstützen: Medienmogul Rupert Murdoch veranstaltete etwa einen “Fundraiser” für sie, sein Boulevard-Blatt New York Post empfahl später per Editorial ihre Wiederwahl.

# 3. November: Konfetti-Regen in New York

Hillary Clinton wird Dienstag abends im Konfettiregen ihrer Siegerparty in New York stehen, wiedergewählt für eine zweite Amtszeit im 100-köpfigen Senat. Zuletzt führte sie in dem Umfragen gegen den eher hoffnungslosen Opponenten John Spencer (R) mit fast 40 Prozent Vorsprung, der – als einzige Schlagzeile des Wahlkampfes – die junge Hillary als “potthässlich” bezeichnete und über millionenteure Schönheitsoperationen mutmaßte (ÖSTERREICH berichtete). Mit Hillarys Siegerpose beginnt ein neues Kapitel – der Start zu ihrer möglichen historischen Kandidatur als erste US-Präsidenten aller Zeiten.
Die Senatorin nützte den Wahlkampf vor allem, um sich für die Schlacht um das Oval Office 2008 gut in Position zu bringen – und unterstützte mit ihrer Starpower Demokraten-Kollegen bei den “Midterm”-Kongresswahlen. Eine Machtübernahme im Kongress würde günstige Bedingungen für 2008 bringen, so das Kalkül. Laut der jüngsten Umfrage der “New York Times” sind die Demokraten weiter auf Siegeskurs: 52 Prozent wollen die Dems wählen, bloß 33 die Republikaner. Noch verheerender sind die Werte zum Irakkrieg, dem wichtigsten Wahlkampfthema: Nur 29 Prozent goutieren, wie US-Präsident George Bush den Irakkrieg führt.
Zusehends übernimmt Hillary, mit Gatten Bill als Chefstrategen an ihrer Seite, innerhalb der nach Niederlagenserien demoralisierten Demokraten-Partei eine Führungsposition: Sie schaltete sich etwa prompt in die Debatte um den desaströsen Kommentar von Senatskollegen John Kerry ein, der Jugendliche zum Studium anspornte, da sie sonst im Irak landen würden: “Das war völlig unangebracht”, schäumte sie, Stunden später entschuldigte sich Kerry bei den US-Truppen für seinen “missglückten Witz”. Sonst profiliert sie sich in Sachen Außenpolitik, gibt sich so “präsidial” wie möglich: Sie kommentierte die Nordkorea-Atom-Test-Krise, positionierte sich vor allem auch in Sachen Irakpolitik neu, wo sie nach heftiger Bush-Kritik nun auch die irakische Regierung in die Pflicht nahm. “Nur die können letztendlich eine politische Lösung herbeiführen”, sagte Hillary kürzlich. “Der Irakkrieg wird auch die Vorwahlen 2008 dominieren”, so “Time”-Kolumnist Joe Klein: “Viele in der Partei nehmen ihr das anfänglich Ja zur Invasion übel”.
In Umfragen zu den Demokraten-Vorwahlen zur Kandidatenkür in 2008 führt Hillary mit 28 Prozent noch deutlich vor Barack Obama (17%), dem schwarzen und telegenen Shootingstar, der zuletzt eine mögliche Kandidatur in Aussicht stellte.

# 2. November: Bush rollt die Ärmel auf

US-Präsident George W. Bush ist in seinem Element. Eine tosende Menge vor ihm, die Hemdsärmel aufgerollt, die Stimme schon heiser. “Was sagen die Demokraten, wenn wir Terroristen abhören wollen?”, ruft er. “Sie sagen nein!”, macht sich Bush lustig. “Was sagen die Demokraten, wenn wir einen Sieg im Irak wollen?”, fährt er fort: “Sie sagen nein!” Und dann die Pointe: “Was sagt ihr, wenn sie eure Stimmen wollen?” “Wir sagen nein!”, hallt es zurück. Bush genießt das Bad in der Menge, eine ausgesuchte natürlich: Jeder hier ist ein echter Fan. Da bleiben ungeheuerliche Aussagen unwidersprochen. Wer die rückratlosen Demokraten wähle, warnt Bush etwa, “verhilft den Terroristen zum Sieg”.
Es ist Bushs letzter Wahlkampf in seiner 28-Jährigen Politkarriere: Verbissen kämpft er gegen die Machtübernahme der Demokraten im US-Kongress bei den “Midterm”-Wahlen nächsten Dienstag, wodurch er in seinen beiden letzten Amtsjahren günstigenfalls zur “Lahmen Ente” würde, schlimmstenfalls ihm ein Amtsenthebungsverfahren drohe.
Laut jüngster Umfrage der TV-Anstalt NBC führen die Demokraten 15 Prozent vor den Republikanern, im Repräsentantenhaus wird mit 20 zusätzlichen Sitzen gerechnet, was den Demokraten eine 221-zu-210-Mehrheit geben würde. Im Senat, wo die Dems ein Plus von sechs Sitzen brauchen, scheinen sie vier in der Tasche zu haben – alles entscheidet sich in den drei Wahlthrillern in Tennessee, Virginia und Missouri. Zwei dieser drei Rennen könnten laut Umfragen an die Demokraten gehen, ein Mehrheit wäre dann auch im Senat gesichert.
Für Bush ist in diesem Klima nichts ist mehr wie in alten Zeiten, als er mit Terrorparolen und Panikmache Wahlsiege in Serie einfuhr. “Es ist einsam an der Spitze”, titelte das US-Magazin “Time”, nachdem praktisch keiner der Republikanerkandidaten den durch das Irakdebakel höchst unpopulären Präsidenten an der Seite haben will. Dafür ist Bush der “Star” in 89 Demokraten-TV-Werbungen, wo die heute ruinöse Nähe ihrer konservativen Gegner zu Bush angeprangert wird.
Monatelang durfte der Präsident überhaupt nur im Hintergrund Geld sammeln, 160 Millionen Dollar kamen zusammen. Doch jetzt konnte er vom aktiven Wahlkämpfen, das er so liebe, so Insider, nicht mehr abgehalten werden: Seine Rolle soll sich auf “das Motivieren der Parteibasis zum Urnengang” beschränken, wurde verlautet. Daher landet der Präsidenten-Flieger “Air Force One” in den konservativsten Landstrichen der USA.
Überall, wo es in den Senats- und “House”-Rennen knapp wird, lautet die Botschaft der Republikanerkandidaten: “Bleiben Sie bitte fern!” Das wäre so, ätzte Ex-Clinton-Berater Paul Begala, als hätte Bill Clinton “bloß in Santa Monica und Harlem”, den beiden liberalsten US-Bezirken, wahlkämpfen können.

# 2. November: Angst vor den Wahlmaschinen

Sechs Jahre nach dem blamablen Stimmen-Nachzählkrimi in Florida zwischen George Bush und Al Gore sind die alten Stanzmaschinen großteils durch Wahlcomputer ersetzt – doch die Sorgen bleiben: Von den 80 Millionen Wählern am Dienstag werden 90 Prozent ihre Stimme elektronisch abgeben, doch die Maschinen sind für viele verwirrend, weisen Softwarefehler auf (in Virginia etwa ist der Name des Demokraten Jim Webb beim Bestätigungs-Schritt mit “James H. ´Jim´” abgeschnitten) oder sind von “Hackern” leicht zu manipulieren. Dazu hinterlassen die Computer in nur 27 Staaten eine Papierprotokoll zum Nachprüfen möglicher Irrtümer, der Rest spuckt bloß Resultate aus, die Kontrolle ist unmöglich. Zuletzt wurde auch noch die Rolle Venezuelas bei einem der Wahlcomputer-Hersteller diskutiert: Bush-Feind Hugo Chavez soll Verbindungen zur kalifornischen Firma “Sequoia” haben, deren Wahlcomputer in Teilen Kaliforniens und 15 weiteren Staaten verwendet werden.

# 2. November: Kerrys Fettnapf

Ex-Präsidentschaftskandidat und Senator John Kerry hat in einem katastrophalen Statement den Republikanern unfreiwillige Wahlkampfmunition ein paar Tage vor den Midterm-Kongresswahlen geliefert. Bei einem Auftritt in Los Angeles vor Studenten sagte er wörtlich: “Macht das meiste aus euren Bildungschancen, studiert hart, macht eure Hausaufgaben, wenn ihr smart seid, könnt ihr Erfolg haben. Wenn nicht, dann landet ihr im Irak”.
Der unter mächtigen Druck geratene US-Präsident George Bush und die Republikaner-Partei stürzten sich prompt auf die Aussage. Bush: “Die Suggestion, dass die US-Soldaten dort ungebildet seien, ist eine Schande”. Sein Sprecher Tony Snow forderte von Kerry eine sofortige Entschuldigung bei den Truppen und ihren Familien: “Nach dem 11. September haben sich so viele der Besten und Gescheitesten dieser Nation zum Militär gemeldet, da ihnen die Mission als wichtig erschien – diese Aussage ist eine absolute Beleidigung”. Vietnam-Kriegsheld John McCain legte nach: “Das sind Patrioten und keine Studienabbrecher”.
Kerrys “Mutter aller Fettnäpfe”, so Internet-Blogger, ist ein Geschenk für die Republikaner im Wahlkampffinale und könnte die Demokraten noch um den Sieg bringen. Der Kerry-Sager wurde als “October Surprise”, wie völlig unerwartete Geschehnisse knapp vor Wahlen im US-Politjargon heißen, bezeichnet. Kerry hingegen – und das verängstigte die Demokraten noch mehr – goss, anstatt die Wogen zu glätten, noch mehr Öl ins Feuer: Er bezeichnete Bush-Sprecher Snow als “ausgestopften Anzug” und Bush & Co als Schreibtischtäter. Sichtlich verärgerte Demokraten fassten zusammen: Wenn Kerry es letztendlich doch nicht schafft, uns die Wahl zu kosten, so hat er sich nun wohl endgültig um seine Chancen einer neuerlichen Präsidentschaftskandidatur 2008 gebracht. Kerry hatte sich schon vor zwei Jahren um seine Chancen für das Oval Office gebracht, als er sagte: “Ich stimmte für die Unterstützung der US-Truppen, bevor ich dagegen stimmte”.

# 1. November: Der Countdown zu dem Midterms

Der Countdown zu den “Midterm”-Wahlen nächsten Dienstag tickt – mit weniger als einer Woche bis zur möglichen Machtablöse der Republikaner durch die Demokraten. Dabei gaben sich beide Parteien siegessicher: Die Konservativen behaupten, dass ihre Parteibasis letztendlich die Wahllokale stürmen und eine Abwahl aus Senat und Repräsentantenhaus im letzten Moment verhindern werde. Die Demokraten hoffen, dass sie eine “Tsunami” an Wählerfrust über den Irakkrieg von US-Präsident George Bush und die Republikaner-Skandale an die Macht spülen werde. “Die Wahl ist nichts anderes als eine Abstimmung über George Bushs Politik und seinen Abstempler-Kongress”, sagte Senator Chuck Schumer (D). Elizabeth Dole (R) konterte: “Bush steht ja gar nicht am Wahlzettel”.
Jüngste Umfragen deuten auf mehrere Wahlthriller in Senatsrennen hin, die über die Kontrolle der 100-köpfigen Kongresskammer entscheiden: In Tennessee führt Bob Corker (R) ganz knapp mit 49% vor Harold Ford (D) 47%; in Virginia liegt George Allen (R) mit 50% hauchdünn vor Jim Webb (D) 48%; in Missouri liegen Claire McCaskill (D) und Jum Talent (R) mit 47% sogar gleichauf. Die Demokraten müssten zwei dieser drei Duelle gewinnen, um das nötige Gesamtplus von sechs Sitzen zur Rückeroberung des Senats zu erreichen.
Im 435-köpfigen Repräsentantenhaus deuten Umfragen nach wie vor darauf hin, dass die Demokraten die notwendigen 15 zusätzlichen Sitze zur Machtübernahme erreichen. Zuletzt fiel die Republikaner-Abgeordnete Barbara Cubin sogar im erzkonservativen Bergstaat Wyoming zurück, als sie bei einer TV-Debatte einer im Rollstuhl sitzenden Kandidatin Ohrfeigen androhte.
Die Republikaner wollen in den letzten Wahlkampftagen ihre konservative Parteibasis durch Angstparolen vor einer Demokratenmachtübernahme mobilisieren und starten eine letzte Offensive an persönlichen Attacken gegen ihre Opponenten. Bush höchstpersönlich absolviert als “Campaigner in Chief” eine Serie eigener Wahlkampfauftritte, allerdings nur in “freundlichen Landstrichen”, wie Beobachter ätzten: “Wenn die Demokraten gewinnen, verliert Amerika”, rief er zuletzt. Die Angesprochenen setzen auf das Ausschlachten von Bushs Irakfiasko mit einem Bombardement an TV-Werbespots.