Alternative zu explodierenden Spritpreisen: „Survivor, New York Subway“


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Das nationale Wehklagen der Autonation wird mit durchschnittlichen Spritpreisen von $4,09 immer ohrenbetäubender. Und der American Way of Life verlagert sich zusehends von den gepolsterten SUV-Sitzen in die Plastikbänke der Öffis. New York etwa verzeichnete ein Plus von fünf Prozent allein in den ersten Monaten dieses Jahres. Doch kaum wo wird so offensichtlich, wie schlecht Amerika auf die schöne neue Welt eskalierender Energiekosten samt dem Zwang zu klimabedingter Konsumreduktion vorbereitet ist. Leider ist wenig futuristisches und zukunftsweisendes zu spüren in der einst so stolzen New York Subway.

Ein modernes und effizientes Öffi-System wäre die wohl wichtigste Investition jeder Großstadt im 21. Jahrhundert. Der Big Apple überlässt jedoch den Betrieb seines wichtigsten Rückrates einer Horror-Organisation, die selbst FEMA unter “Brownies” Leadership im Katrina-gefluteten New Orleans als Profitruppe erscheinen lässt. Für die Millionen Passagiere, die täglich gesamte Tagesrationen an Geduld schon beim Pendeln im 1.335 Kilometer langen und großteils desolaten Subway-Netz zurücklassen, in den sich durch das Fehlen von Busspuren mit Schrittgeschwindigkeit durch den Stau quälenden Bussen festsitzen oder sich in überfüllte Regionalzüge zwängen und bei den wankenden Hochtrassen fast um ihr Leben fürchten, ist die “Metropolitan Transportation Authority” (MTA) die meistgehassteste Institution der Acht-Millionen-Einwohner-Metropole.

Es ist fast bewundernswert, wie die letztendlich aus Albany (Ja! Erraten! New York City hat nicht einmal die Hoheit über sein eigenes Öffi-Netz…) drigierte Truppe, trotz steigender Einnahmen durch wachsende Passagierzahlen und kontinuierliche Preiserhöhungen immer größere Budgetlöcher stopfen muss. Es kann nicht der Neuausbau oder die Instandhaltung sein, wie ich neuerlich bei einem Trip nach Midtown feststellen muss: Es hat 40 Grad in den feuchten, stinkenden Höhlen, die halbe Station ist mit Bauplanken abgeriegelt, Rost und sonstige Ablagerungen haben tropfsteinhöhlenähnliche, bizarre Gebilde an der Decke und Metallpfeilern hinterlassen. Als Urlauber fand ich das ja einst noch recht cool und retro, als Einwohner ist es eine Qual. Durchsagen sind abstrakte und krächzenden Intonierungen unzusammenhängender Wortfetzen. Zehntausende gehen deshalb in dem antiquierten Labyrinth verloren. Besonders am Wochenende, da sich MTA-Planer vielleicht sogar einen Spass draus machen, jeden zweiten Zug auf immer neuen Linien verkehren zu lassen. Vielleicht soll es ein “Überlebenstest” sein. Dabei würden sich die durch den kontinuierlichen Großangriff an Inkompetenz seitens der Stadtverwaltung tormentierten New Yorker gerne am Wochenende ein wenig entspannen.

Am Rückweg freue ich mich etwa, als der Nr. 3 an einer der wichtigsten Manhattan-Linien nach 20 Minuten Wartezeit in der Hitze einrollt. Denkste! Der Zug ist leer, ein MTA-Arbeiter sperrt ihn mit einem Sonderschlüssel auf, steigt ein – und fährt ohne uns ab. 15.000 Züge waren im April 2008 verspätet, im April 2006 waren es “nur” 6.542. Jetzt teilt die MTA mit: 2,7 Milliarden Dollar an Reparaturarbeiten werden eingespart, damit die vielleicht zehn desolatesten Station dem baldigen Einsturz preisgegeben. Die Frequenz auf den selbst überfülltesten Linien soll eingeschränkt und die Preise erhöht werden. Survivor, New York Subway!

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