„Obamerika“: Wenn sich zwei Sechsjährige über Politik unterhalten…


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Wenn sich zwei Sechsjährige bei einem Playdate über Politik unterhalten, sind die außergewöhnlichen, aufregenden Zeiten gut illustriert. “Obama is stupid”, behauptete ein Freund meines Sohnes kürzlich. Zwischen ausgebreiteten Pokemon-Karten schießt Max zurück: “No! Obama is cool!” Maxwell kennt sich aus mit Politik: Meistens laufen bei uns in der idyllischen, oft chaotischen Arbeits- und Familienwelt auf Nr. 30D, 21 West Street die Newskanäle. “Look”, überraschte mich Max vor dem Abflug nach Denver bereits im Sommer vor einem Newsstand: “Obama!“ Soweit so bekannt, denke ich. And Biden!” Ein sechsjähriger, der Joe Biden kennt? Eigentlich fast scary.


Max, Mia, New York Times: „Obama!“

Estee erzählte mir, wie Maxwell bei der Today Show am Tag nach Obamas Triumph fast 20 Minuten lang völlig bewegungslos und fasziniert sich die Jubelbilder ansah. Sogar die kleine Mia hatte ihren Kopf auf Estees Bauch ruhen, fast hypnotisiert von der über den Schirm flimmernden Geschichtsschreibung. Ich frage mich: Sind das – für Maxwell – bleibende Kindheitserinnerungen? Als Obama Präsident und sein Geburtsort Amerika eine andere Nation wurde? Als sich Mummy und Daddy die Tage vor der Wahl die Fingernägel abbissen vor lauter Nervosität – und dann weinten vor Rührung? Wir reden auch über Politik, als ich mit Max am Razor frühmorgens zum Schulbus fahre. “Was wird jetzt aus McCain?”, fragt er plötzlich. Der wird weiter Politiker sein, antworte ich. “What´s a politician?“ Gute Frage! Leute, die Regeln machen, erläutere ich einen wichtigen Aspekt dieser Zunft.

Am Freudentaumel um Obamas Sieg wollten Eltern vor allem ihre Kids teilhaben lassen: Sie nahmen sie zu den Wahlurnen mit, weckten sie, wie Matt Lauer vielleicht über sich selbst in der Today Show berichtete, spätabends auf, als die TV-Networks Obama als Nr. 44 ausriefen. Es ist nicht nur die Sache mit dem ersten Afroamerikaner im Oval Office: Weit faszinierender scheint die überraschende Rückkehr großer historischer Momente. Oft blickte unsere Generation fast fassungslos auf die Bilder, als tausende Kennedy zujubelten, die Euphorie um die Mondlandung, als fremde Frauen GIs am Times Suqare bei der Weltkriegs-Siegerfeier küssten. Nur mehr blanker Zynismus schien zu regieren, ein fester Glaube, das “Evil Empire” hätte die USA nach der Aufbruchstimmung der 60iger wieder zurückerobert, so der Autor Trey Ellis in einem berührende Blog-Eintrag: “Oft wünschte ich, ich hätte in den aufregenden Zeiten gelebt”, schrieb er.

Und dann standen sie da plötzlich: In Rekordzahlen, geduldig, teils stundenlang in sich um Gebäude windenden Schlangen vor den Wahllokalen. Oder tanzten in den Straßen Chicagos, hunderttausende, die meisten Teenager, 20-Jährige, denen zuvor bloß Begeisterung fürs Freundesammeln auf Facebook oder bei Konzerten von Pop-Bimbos á la Britney zugetraut worden war. Jetzt skandierten sie: “Obama! Obama! Obama!” Ein Politiker! Der neue Präsident! Ihr Präsident!

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