H1N1? Schweinegrippe? Armageddon? Und: To panic or not to panic?


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Angst oder keine Angst, Panik oder nicht. Ich muss zugeben: Ich hatte den leicht hypernervösen Zustand bereits erreicht, als die Welt über die Story einer Schweingegrippe in Mexiko noch eher schmunzelte – und ich mit meinen hektischen Anrufen bei Kollegen in der Heimatredaktion auf leichtes Unverständnis stieß. “Ja, du hörst dich schon recht krank an”, sagte einer. „Ja, Schweinegrippe, haben wir schon gehört”, kicherte jemand anderer.

Egal, für mich waren die eintreffenden News Ende letzte Woche nichts anderes als wahrlich alarmierend – und das nicht nur wegen meiner bereits früher oftmals beschriebenen Übersensibilität und Theatralik als “Alert Bert”: Das rapide Ausbrechen; ein neues Virus als Hybrid aus Schweine-, Vögel- und Menschen-DNA; Todesopfer unter jüngeren, gesünderen Menschen, die, wie beim Alptraum der Spanischen Grippe 1918, an einer Überreaktion des Körpers bei der Abwehr des Virus starben. Und kaum kam ich mit den Ausflippen so richtig in Schwung, hatte es auch schon New York erreicht: “This is it!”, dachte ich mir, der Killer-Erreger, der die Welt in seine schlimmsten Seuchenkrise seit fast 100 Jahren stürzt.

Und jetzt, während längst alle anderen in ein Art Massenhysterie verfallen sind, habe ich mich fast wieder beruhigt. Die Zahl der Toten steigt am Ground Zero der Grippewelle, Mexiko, kaum mehr an: Und wie viele tatsächlich am H1N1-Virus starben, ist inzwischen eine gute Frage – nachdem die WHO nur mehr sieben Fälle bestätigen will, weit weniger als die medial kolportierten 158 Toten.

Fast mehr Anlass zur Sorge bietet für mich inzwischen eher die chaotische, hysterische und teils tölpelhafte Reaktion der Weltgemeinschaft: Meiner Zeitung entnehme ich, dass in der Wiener U-Bahn bereits Gesichtsmasken getragen werden und der Sturm auf Antigrippe-Mittel á la Tamiflu begann. Die WHO hebt die Alarmstufe auf einen Level scheu des absoluten Pandemie-Armageddons – und hält die “gesamte Menschheit” für bereits bedroht. Dann zeichnen sich Staaten mit besonderer Intelligenz aus: Russland oder China stoppten Importe von Schweinefleisch, obwohl die Seuche niemals durch durch den Verzehr von Schweinsbraten übertragen werden kann. In Ägypten ging es überhaupt gleich den armen Säuen an den Kragen. Irgendjemand muss ja wohl für die Sache büßen! Eine EU-Kommissarin sprach sich gegen Reisen in die USA aus, eine eher geistesgestörte Ansage, die hier in den USA massives Kopfschütteln und Gekichere über die tapferen Europäer auslöste.

Doch wie schlägt sich die Obama-Regierung? Insgesamt gar nicht so schlecht: Das Gesicht der Krise, CDC-Direktor Richard Besser, macht via TV eine gute Figur und wirkt kompetent und telegen (dass der Feschak einst in einer TV-Serie mitspielte, kommt jetzt auch nicht ungelegen…). Obama selbst – außer dem leichten Fehltritt, als er sich am Sonntag “stündlich unterrichten” hatte lassen, jedoch mit dem Golfen die Zeit vertrieb – findet bisher den richtigen Ton bei der Gradwanderung zwischen Verharmlosung und Panikmache.

Doch spürbar ist, wie immer in den USA, die Macht der Lokalpolitiker, die einer einheitlichen Vorgangsweise entgegenwirkt: Da wird in Texas ein ganzer Schulbezirk mit 88.000 Kids geschlossen, während New York – trotz der Hälfte aller 100 US-Grippefälle – nur bisher fünf Schulen dicht machten. Am Dienstag hatte ich dann prompt einen Rückfall bei meiner abebbenden Nervosität: Als Bloomberg plötzlich von “hunderten kranken Kindern” sprach, rief ich in Maxwells Schule an und fragte, ob diese vielleicht auch in seiner PS 89 zu finden seien. Die freundliche Frau bedankte sich für das „Breaking News“-Update von Alert-Bert und versprach den Fernseher einzuschalten…

Und dann watete auch nicht Jo Biden, Vize und Fettnapftreter-in-Chief, in die Debatte: Er persönlich würde sogar die U-Bahn meiden, verblüffte er. Dazu ist die Nation auch noch nach der Suche nach einem griffigen Titel für die Virenplage: Gegen den Begriff Schweinegrippe gingen lokale Züchter wegen des Image-GAUs für ihre Pork-Produkte auf die Barrikaden. H1N1-Grippewelle wollte das White House fortan die Plage nennen, was eher eine Zugenbrecher gleichkommt. Vielleicht kommt die zündende Idee ja noch aus Hollywood.

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