Ein Brief von „American Express“ – und Kleingedrucktes auf der Rückseite


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Unterschwellig köchelte die Wut schon seit längerem in mir. All die Stories, die neuen atemberaubenden Details, wie die Finanzwelt mit Gier, Größenwahn und Dilettantismus sich verspekulierte, die Weltwirtschaft in den Abgrund riss, sich vom Volk (Steuerzahler) retten ließ – und jetzt nach dem Ende der Luftgeschäfte ihre wirklichen Kunden übers Ohr haut.

Meist ist es Reklamematerial, dass die Kreditkartenfirma American Express verschickt, doch diesmal – gleich nach der Rückkehr vom Elternbesuch in Österreich – sieht der Brief ein wenig offizieller aus. “Price Increase Notification” lautet die Überschrift, wo der Kreditkartenriese in hohlen Business-Floskeln erklärt, wie sich Geschäftsbetriebe den allgemeinen Wirtschaftsumfeld eben anpassen müssen. Meine Zinsrate auf gewährte Kredite werde angehoben, steht schließlich. Details verrate die Rückseite.

Vielleicht hoffen die zumindest beim Abschöpfen ihrer Kunden recht schlauen Banker, dass sich wenige die Mühe machen, umzublättern – und sich für das mutwillige Kleingedruckte die Lesebrille holen. Um wie viel gehen die Zinsen rauf? Was hält Amex für angemessen? Zwei Prozent? Vier? Die Welt kann es ja jetzt nicht mehr sein, nachdem die zuletzt mit $3,4 Mrd. vom Staat vor dem Untergang gerettete Firma in Q2 immerhin $337 Mio. verdiente – und sich auch sonst eine Stabilisierung im Finanzsektor abzeichnet.

11,95%! Es platzt langsam der Kragen. Vor Wochen versuchte noch die New York Times im essayistischen Stil zu ergründen, wie die von Steuerzahler geretteten Banker eigentlich ihr “Dankeschön” formulieren könnten. Nun scheint die Antwort da: Plündert die Stammkundschaft aus! Die Überraschung ist gering: Niemand hatte sich bisher entschuldigt. Und ins Schwert stürzte auch keiner der selbstdeklarierten „Master of the Universe“.

Ich bin seit acht Jahren Amex-Mitglied, Zahlungen erfolgten pünktlich, wegen der zuvor relativ niedrigen Zinsen schleppe ich als braven Neo-Ami einen überschaubaren Schuldenstand mit – an dem Amex verdient. Dafür zahle ich auch $60 Jahresgebühr. Immerhin kann ich mir helfen: Die Außenstände können rasch abgebaut und nach einem Telefonat mit der “Account Closing”-Abteilung, auf das ich mich schon freue, dem Plastikding mit der Schere zu Leibe gerückt werden. Andere haben sich – nach dem Trommelfeuer der Bush-Regierung, beim Shopping nicht vorhandenes Geld auszugeben – natürlich verausgabt: Ihnen droht durch die Horrorzinsen der Privatkonkurs.

Kein Wunder jedenfalls, dass Obamas Erfolg von den meisten hier daran gemessen wird, wie er die skrupellose, und offenbar unbelehrbare Finanzindustrie in die Schranken weist. Angekündigt hat er die Schaffung einer Konsumentenschutz-Agentur. Das wird kaum reichen, um dem wachsenden Volkszorn entgegenzusteuern. By the way: Nach neuen Einnahmen trachteten die Banker auch, damit sie das Regierungsgeld rasch zurückzahlen konnten – und sich wieder mit obszönen Boni-Ausschüttungen zu belohnen.

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