Als ich Michael Moores „Capitalism“ im Kino gegenüber des Goldman-Headquarters sah…


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Es gibt kaum einen geeigneteren Ort, als sich Michael Moores cineastische (und fantastische) Kapitalismus-Kritik anzusehen, als im “Regal Cinema”, North End Avenue, Battery Park City. Gleich gegenüber des Kino-Eingangs schrauben Arbeiter die letzten Glasplatten an die sichtlich teure, architektonisch kühne Überdachung des Einganges des nagelneuen Headquarters des Investmentbank-Giganten Goldman Sachs.

Die sind ja u. a. in Moores jüngster Doku “Capitalism: A Love Story” recht prominent vertreten. 55 Stockwerke ist der Glasturm hoch, $2 Mrd. hat er gekostet. Die Banker gaben sich Mühe, besonders nach der schlechten Presse wegen der Billionen-Vernichtung, ihrem derivativen Raubrittertum ein fröhliches Gesicht zu geben. Die Lobby, zumindest am Hintereingang, ist mit bunten Wandgemälden bepinselt. Fast wie der Eingang zu einer Schule. Happy.

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Eingang zum neuen Headquarter von Goldman Sachs: Fröhliche Farben

Täglich marschiere ich dort mit Max nach dem Abholen aus seiner PS 89 vorbei. Jedes Mal schmunzle ich aufs neue: Angesichts der nun uneingeschränkten Macht, die Goldman nach dem Massaker unter der Konkurrenz besitzt, hätte das Gebäude eher wie die Brücke des Todessterns aus der ersten “Star-Wars”-Trilogie gestaltet werden sollen – quasi als Kommandozentrale eines “Evil Empires“, samt Darth Vader und blechernen Atemgeräuschen. Matt Taibi im “Rolling Stone Magazine” führt kürzlich aus, wie Goldman eine zentrale Rolle bei der Kreation praktisch jeden Bubbles seit der Great Depression inne hatte – und daran dementsprechend verdiente. Die Bush-Regierung hatten sie, mit Ex-CEO Hank Paulson als Treasurer und einer Litanei an “Goldmännern” in der Regierung, auch noch komplett unterwandert: Kein Wunder, dass die Bank mit all dem billigen Bailout-Geldern wieder Riesenprofite (und Bonuse) scheffelt und die Dominanz der Weltfinanz fortsetzt – während wahrscheinlich noch Maxwells Enkelkinder den Schuldenberg durch die staatlichen Billionen-Rettungspakete abtragen werden.

Ich fahre die Rolltreppe zum Kinosaal. Gegenüber richten Arbeiter die Büros der Banker ein, verlegen Datenkabel, die in Kürze durch Milliardentransaktionen in Sekundenbruchteilen glühen werden. 2:10 Stunden ist die Doku lang – und, wie eigentlich jede Moore-Arbeit, lässt sie mich deprimiert, wütend, aber auch erheitert und hoffnungsfroh zurück. Jedenfalls emotional erschöpft.

Der provokante Filmemacher ist zum Gewissen Amerikas geworden – seine jüngster Streich wieder ein aufwühlender Meisterstreich:

# Er vermittelt, mehr unterhaltend als belehrend, historischen Kontext, wie etwa Reagan zum Vater der Demolierung der US-Mittelschicht wurde und durch FDRs frühen Tod, Amerika ein Sozialnetz á la Europa verwehrt blieb;
# dokumentiert die furchtbaren Schicksale, die gerne vergessen werden, darunter das erschütternde Vertreiben verzweifelter Bürger aus ihren “Foreclosure”-Häusern durch die Banken;
# löst Lachkrämpfe aus mit seinem provokanten Aktivismus, großartig die Szene, als er etwa das NYSE-Gebäude an der Wall Street mit gelbem Tatort-Band umwickelt oder mit einen großen Dollar-Sack das Steuergeld wieder einsammeln möchte;
# zeigt die absurdesten Missstände des Kapitalismus heutiger US-Prägung auf, stellt einen Piloten vor, der bloß 17.000 Dollar im Jahr macht und nur mit zusätzlichen Blutplasma-Spenden über die Runden kommt;
# Entblößt die Funktionsweise des gut geölten Zusammenspiels aus Politk- und Geldmacht: Das Blut kocht, als er hinter die Kulissen des Deals über das $700-Mrd.-Wall-Street-Rettungspaket führt und die angeblichen Helden der Hochfinanz von Alan Greenspan bis Timothy Geithner entblößt;
# Und er rechnet natürlich schonungslos mit Politikern ab, lässt den Spezialisten für VIP-Löhne des korrupten Hauskreditgebers “Countrywide” erzählen, wie Senatoren á la Chris Dodd jene Horrorzinsen erspart blieben, durch die gewöhnliche Klienten in den Konkurs schlitterten.

Doch am Ende gibt es auch Hoffnung: Moore zeigt den Arbeiteraufstand der Fensterhersteller in Chicago oder die Rückeroberung einer Familie ihres zwangsenteigneten Hauses in Miami. Gänsehaut-Time.

Zum Schluss ruft Moore zu den Tönen der Internationalen zur Revolution auf: “Ich lasse mich nicht mundtot machen”, sagt er: “Doch ich brauche auch eure Hilfe!” Ich dreh mich um im Kino: Vier sind hier! Damit könnten wir „Revolutionäre“ nicht mal ein Klo im neuen Goldman-Gebäude gegenüber besetzten.

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