Leben im H1N1-Panikland: Maxwells Impfung im Küstensturm – und Mias Kussverbot


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Max erhielt die Schweinegrippe-Impfung schon letzte Woche. Doch erst jetzt bemerke ich – jeden Tag deutlicher – wie froh ich darüber bin: Dass wir es hinter uns haben. Jetzt, wo der Impfstoff knapp wird, und langsam die Panik ausbricht. Er bekam den Nasenspray, deshalb war das tapferste der Anmarsch zur Kinderärztin: Der Zufall wollte es, dass wir am Höhepunkt eines brutalen “Nor´easter”-Küstensturms zur Ordination marschierten. Als der Wind an einer Ecke mit 60 Sachen bei frostigen 5 º C den Platzregen waagrecht servierte, klammerte er sich an seinen kleinen Regenschirm, stemmte sich gegen das feuchtkalte Inferno. “Daddy! Let´s take a taxi”, rief er. Junge! Lektion Nr. 1 als New Yorker: Es gibt keine Taxis in der Stadt wenn es regnet. Schon gar nicht gegen 17 Uhr, da genau im Höhepunkt der “Rush Hour” der Schichtwechsel stattfindet bei den Taxlern (only in New York, folks!).

091023_fluIm Warteraum liegt das Präparat bereit: “Influenza A (H1N1) 2009, Monovalent Vaccine Live, Intranasal” steht am Label. Ich mache ein Foto, vielleicht ist es der Erinnerungsschuss des Jahres 2009, der ersten große Grippepanik dieses Jahrhunderts.

Klar habe ich mit Estee darüber geredet, ob wir unsere Kinder impfen lassen sollen. Teils widersprüchliche News in den Medien trugen kaum zur Beruhigung bei. Vor allem: Sind wir alle Versuchskaninchen? Wurde wegen dem Zeitdruck nicht genug getestet? Ein Experte erklärte dann aber unmissverständlich: Die H1N1-Impfung wird hergestellt wie alle saisonalen, normalen Grippeimpfstoffe auch. “Fair enough” dachten wir uns. Max zeigte keine Nebenwirkungen, ist jetzt, ausgestattet mit dem „normalen“ und H1N1-Impfvirus, bereit für einen langen Winter.

Erst später fiel mir auf, wo groß die Skepsis gegenüber der Impfaktion in Europa ist. Nur 20 % wollen sich etwa in Deutschland impfen lassen. So groß war die Unsicherheit in den USA nie. Doch auch auch hier hörte ich Bedenken. “Wir wollen lieber erst aktiv werden, wenn was passiert”, erzählte mir ein Vater eines Maxwell-Freundes vor dem Schulbus-Stopp. Ich habe mir Lektionen über die Funktionsweise vorbeugender Medizin verkniffen.

In den Regionen Amerikas, wo die Grippe jetzt wütet (und das scheint überall außer New York) haben die Betroffenen inzwischen ganz andere Sorgen: Den Impfstoff zu bekommen! Die Szenen erinnern bereits an Hollywood-Katastrophenfilme: 3.000 Menschen etwa, die sich die Nacht über vor einer Klinik nahe D.C. anstellten – und wo nach 90 Minuten der Nachschub ausging. Nach tumultartigen Szenen musste die Polizei gerufen werden. Auch die um einiges kompetentere Obama-Regierung scheitert offenbar am antiquierten Herstellungsprozess, wo die Viren in Hühnereie injiziert werden, in denen sie sich dann multiplizieren sollen. Es wurde offenbar nicht schnell genug gebrütet, den nur 16 der 40 Millionen zu diesem Zeitpunkt versprochenen Dosen sind ausgeliefert – und wohl bereits geschnupft oder injiziert.

Die meisten Amerikaner dürften jetzt erst geimpft werden, wenn die Epidemie längst wieder abklingt (dass sich der Hersteller “Novartis” etwa dann über weltweit 1,1 Milliarden Doller Einnahmen freuen darf, wird wenige überraschen). Es werden harte Wochen für Eltern: Denn das Virus attackiert vor allem Kinder. Deshalb bangen wir weiter, denn Mia darf den Nasenspray mit ihrem Alter von knapp über zwei Jahren noch nicht erhalten. Und auf die Injektionen wartet unsere Ärztin noch, wie praktisch alle anderen auch in New York. Arme Mia, arme Eltern: Zu ihrer Lieblingsbeschäftigung gehört, Gleichaltrige zu küssen und zu umarmen. Ideal für Outbreak-Zeiten. Und das dauernde dazwischenfahren ist mühsam.

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