366 Tage nach Obamas Triumph: Can you spare some Change…


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”Bist du zufrieden? Ein Jahr Obama?”, schrieb gerade mein Freund Richie aus San Francisco. 2008 haben wir uns seit Iowa bei jedem Primary-Nagelbeißer, bei jeder McCain- und Palin-Attacke, jedem Umfrageknick via Skype-Chat Mut zu gesprochen, gejubelt, gezittert, gehofft, gebangt. Und dann gibt es zwei Momente, die ich nie vergessen werde in meinem Leben (abgesehen von der Geburt der Kids natürlich): Das metallische Echo im Hochhauswald Lower Manhattans nach dem Knall des Einschlages des ersten Jumbos in WTC 1 am 11. September. Und die Szene im Chicagoer „Grant Park“ am 4. November 2008, um 22 Uhr Ortszeit, als die TV-Networks Obama zum 44. Präsident ausriefen, rund um mich Menschen in die Knie gingen, ihre Gesichter in den Händen vergruben, unkontrolliert losheulten. Wie ich meine Frau Estee anrief, kaum Worte hervorbrachte, mich die Wucht des Augenblicks überkam, der zu beweisen schien, das tatsächlich alles möglich ist. (O.k., vergessen, noch ein Moment: Als Bush Minuten nach der Obama-Angelobng vor dem Kapitol in seinem Helikopter abhob, Menschen an den Zäunen hingen und ihm ein herzliches „Get the hell outahere“ nachbrüllten…).

Ein Jahr ist es her – und das Wechselbad der Emotionen ist derart intensiv, dass dieser Ein-Jahr-Obama-Blog seit Tagen in meinem Kopf herumspukt.

Da gibt es restlose Enttäuschung, oft gar ohnmächtigen Zorn über das beinahe unver-”changte” Land, wo wenige weiter alles haben, jene “Master of the Universe”, die mit ihren Ponzi-Betrügereien die Weltwirtschaft crashten und jetzt mit unserem Geld ihr Wall-Street-Kasino weiterbetreiben, noch schriller, noch zerstörerischer, noch dreister (und sich 12 Monate nach dem Armageddon wieder mit 140 Milliarden Dollar Boni belohnen). Wo der Rest rackert für die Illusion eines “America Dream”, den es nicht wirklich gibt. Mit einem Politsystem, wo Olympia Snow und Joe Lieberman entscheiden, ob nach 60 Jahren die wohl nur für Aktionäre hochprofitablen Krankenkassenmonopole endlich per “Public Option” Konkurrenz gemacht werden darf. Und einer Regierung, die mit Debakel um die H1N1-Impfungen wieder einen lupenreinen “Katrina” hinlegt.

Doch dann wieder, fast stur, die Hoffnung: Obama dreht hier bloß eine Art Aufwärmrunde, lernt die Tücken des Regierens einer Supermacht, wo jeder kleinste Handgriff im Oval Office globale Bedeutung hat. Oder vielleicht lullt er als “Mr. Nice Guy“ die Lobbyisten des Status Quo ein, um ihnen dann – ohne Vorwarnung – die Reformkeule drüberzuziehen? Und: Vielleicht ist das alles Teil eines Fundamentlegens für einen ausgeklügelten Master Plan, ausgelegt auf potentielle acht Obama-Jahre – und wir “Changer”, Auf-neue-Politära-Hoffer und, ja genau, Träumer, bloß viel zu ungeduldig sind?

Richie hat mir den Blog von Bill Maher, einem der gnadenlosesten Ätzer der Nation, empfohlen, der genau dieses Argument macht. Und vor allem: Obama ist doch der smarteste Guy, der vielleicht jemals ins White House einzog. Der muss doch – vielleicht auch angesichts von uns völlig unzugänglichen Infoquellen – wissen was er tut. Sicherlich.

Doch eine Frage, die wahrscheinlich viele Fans am vordringlichsten plagt: Was soll die Zurückhaltung gegenüber der Wall Street? Warum installierte ein „Change“-Präsident Männer wie Larry Summers, einen der Masterminds des Casino-Kapitalismus (wo die freien Märkte alles richten sollen) und den eher untätig am Ground Zero des sich anbahnenden Finanzdesasters in der New Yorker “Fed” sitzenden Timothy Geithner als ökonomische Top-Gurus? Und hält eisern an ihnen fest?

Dabei wäre die Chance, das US-Wirtschaftssystem gerechter für alle zu machen, größer denn je: Selbst den Amerika-gläubigsten Amerikanern dämmerte nach der Banker-Rettung mit Steuermilliarden, dass für sie stets das “short end of the stick” bestimmt ist.

Insgesamt vermisse ich bei Obama irgendwie das Feuer: Der junge, Körbe werfende, rhetorisch brillante Präsident, die tolle Michelle, die süßen Töchter, der Kennedy-Glamour, der struppelige First Dog “Bo”. Cute. Mehr nicht. Obama landete im Oval Office, da er uns zum Träumen inspirierte, an ein Amerika für uns alle glauben ließ. Und versprach, dafür zu kämpfen. “Fired up! Ready to go!” Remember?

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