Live von der Öl-Pest 2010: Wie sich die Ölpelikane aneinander schmiegen…

By Published On: 14/06/2010Categories: Latest News

Inmitten des Alptraumes der Ölpest stehe ich nun doch an einem Ortes der Hoffnung: Jay Holcomb und sein Team des „International Bird Rescue Research Center“ (IBRRC) waschen ölverklebte Vögel. In sechs Wochen schenkten sie 415 das Leben.


Ölverschmierte Pelikane schmiegen sich aneinander

„Fast 90 Prozent sind in den letzten sechs Tagen gekommen“, erzählt mir der Vogelretter: Er deutet auf die nahen Sümpfe des Mississippi-Deltas, den „Killing Fields“ der seit 55 Tagen wütenden BP-Ölkatastrophe. Dabei haben die hier angelieferten Vögel noch Glück: Holcomb ist in seinem Feld eine Legende – berühmt wurde er bereits beim Horror des Exxon-Valdez-Tanker-Unglücks in Alaska 1989. Seither wäscht er Vögel, bei jeder großen Ölpest, an jedem Ort der Erde. 200 Einsätze insgesamt. 20.000 Penguine wusch sein Team in Südafrika nach einem Öl-Unglück etwa in 2000.

In einem zwei mal drei Meter großen Holzverschlag hocken 20 Pelikane. Ihr Federkleid ist pechschwarz, völlig ölverkrustet. Sie schmiegen sich aneinander, vergraben fast die langen Schnäbel in den Körpern ihrer Leidensgenossen. Ihre Hälse sind in der für Pelikane so charakteristischen S-Form “zusammengefaltet”. Eine Schutzfunktion. „Wie eine Schar verängstigter Kinder“, sagt Helferin Rebecca Dunne, als sie das Netz hochhebt. Es sind tatsächlich Jungtiere. Es ist ein herzzerreißender Anblick: Ihre Augen sind aufgerissen, die Lider schlagen wie blinkende Punkte inmitten der Ölkruste rhythmisch auf und zu. Sie haben wohl Todesangst. Und das seit Tagen.

Ein Helfer hält den Pelikan fest, die Anderen schrubben

Das Öl zerstört die natürliche Wärmeregulierung und Dichtungsfähigkeit des Federkleides, erklärt Holcomb: „Die Pelikane fühlen sich patschnass, frösteln“. Sie sterben an Unterkühlung, trotz der Bruthitze. Gefangen werden die Tiere von Profis in den Sümpfen – per Boot, PKW oder gar Helikopter angeliefert. Viele sterben bereits vor der Einlieferung.

Ich denke an Max. Zufällig machen sie in der Schule gerade eine “Vogelstudie”, seit Wochen rattert er die Namen seltener Vögel runter. Als ich ihm die Bilder der ölverklebten Pelikane zeigte, wollte er prompt mitfahren: “Ich will die Vögel waschen, mich um sie kümmern, sie unterhalten”, sagte er. Rührend, und traurig zugleich. Er wird mit den Auswirkungen dieser Katastrophe regelrecht aufwachsen.

Jetzt stehe ich in der Reinigungshalle, ein behelfsmäßiger Wellblechbau. Um mich Hektik: Der Reinigungsprozess soll so schnell wie möglich über die Bühne gehen, um das Trauma für die Tiere durch die Tortur, wenn auch lebensrettend, zu minimieren. Ein Helfer hält das Tier, ein weiterer drückt den Schnabel zu, zwei Putzen. Kaum zu glauben: Mit einfachem Geschirrspülmittel. Die Marke „Dawn“, warum, weiß Holcomb nicht mehr. Die Vögeln landen in immer neuen, schäumenden Metalleimern, in insgesamt sechs Waschvorgängen wird das Öl rausgewaschen. Zuletzt kommt das Spülen.

Das wilde Zappeln der verängstigten Tiere lässt das Wasser und Spülmittel durch den Raum spritzen. Ein Vogel wehrt sich besonders: Mit aller Kraft windet er plötzlich den Kopf, will sich aus der Umklammerung herausschrauben. Delikater ist die Arbeit an Augen und Schnabel: Dort werden Zahnbürsten und sogar Wattestäbchen eingesetzt.

Die Helfer sind Helden: Trotz Ventilatoren hat es gut 38 Grad heiß, eine Klimaanlage würde die Tiere töten. Bis 14 Stunden schrubben sie täglich an den Pelikanen in der Gluthitze, seit 28. April, als der erste Vogel kam. Jeden Tag.

Meist dauert die Reinigung ein Stunde lang. Dabei drängt die Zeit, durch die immer größeren Zahlen angelieferter Vögel wächst die Warteschlange: 15 Holzverschläge mit je gut 15 ölgeschwärzten Pelikanen füllen bereits fast die ganze Halle aus. Bis zu 48 Stunden lang müssen die völlig verängstigten Tiere auf die Reinigung warten, gibt Holcomb zu. Die Gefahr: Das sich aufheizende heiße Öl kann ihnen sogar Verbrennungen zufügen.

Ich werde zum „Camp Pelikan“ geführt, dem Erholungslager der geretteten Vögel. Sie sind erschöpft, doch am Leben. Es gibt Fisch. Nach einer Woche werden sie freigelassen. Holcomb: „Und dann kann ich nur hoffen, dass sie nicht gleich wieder in den nächsten Ölteppich fliegen“. Ich frage einen der Wärter noch, ob ich einen Pelikan halten darf – ale Erinnerungsfoto für Maxwell. Keine Chance, dafür müsste ich eine staatliche Lizenz haben, sagt er: “Pelikane gehören in Louisiana zu den geschützten Tierarten”.