Buch-Exzerpt, Teil 1: So erlebte ich den 11. September


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Auszüge aus Herbert Bauernrebels Buch „Und der Tag war voller Asche: 9/11 – Der Tag. der mein Leben veränderte“ (Lübbe):

Dieses Geräusch. Was ist das? Ein Flugzeug? Muss es sein, die Düsentriebwerke sind deutlich zu hören. Aber wo? Und wieso so laut? Ich sitze an meinem Schreibtisch, der erste Kaffee steht neben dem Laptop. Ich checke E-Mails, erwarte an diesem Dienstag einen ruhigen Arbeitstag, freue mich schon auf ein Mittagessen mit meiner Frau Estee. Sie ist schwanger, in der achten Woche. Es ist unser erstes Kind, wir haben viel zu besprechen.
Doch plötzlich sitze ich wie festgefroren im Sessel. Dieses Geräusch! Ich kann es nicht einordnen. Über New York kreisen ständig Jumbos. Doch dieses Heulen der Jumbo-Treibwerke? So nahe, so niedrig.
Plötzlich geht alles blitzschnell. Die Triebwerke heulen noch mal richtig los. Voller Schub.
Ich starre durch das Fenster, auf die Fassade des Wolkenkratzers One World Trade Center (1 WTC), den nördlichen der Zwillingstürme, fünf Blöcke vor mir. 417 Meter hoch ragt der Koloss auf, der Sendemast schraubt sich weitere 111,3 Meter in den Himmel. Die Gittermuster-Fassade glitzert an diesem herrlichen Spätsommertag in der Sonne.
Dem Turbinengeheul folgt das Unvorstellbare: zuerst ein dumpfer Schlag, dann eine gewaltige Explosion – laut, durchdringend, Nerven zerfetzend. Die Fenster vibrieren. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Adrenalin schießt mir durch den Körper. Ich springe aus dem Sessel. American Airlines, Flug Nr. 11 – gestartet in Boston mit dem Ziel Los Angeles, doch knapp nach dem Start von fünf Al-Kaida-Terroristen entführt – hat sich mit 750 Stundenkilometer und 94 Tonnen leicht entflammbarem Kerosin in den Turm gebohrt. Alles läuft wie in Zeitlupe ab: Ich sehe, wie Stichflammen aus mehren Stockwerken schießen. Die umliegenden Hochhäuser schleudern den ohrenbetäubenden Knall als Echo zurück. Das Inferno hallt durch Lower Manhattan. Endlos. „Boom, boom, boom, boom“. Es ist gespenstisch und alarmierend. Durchdringend. Die 270.000 Stahlträger im Inneren des vertikalen Kolosses biegen sich. Der Turm ächzt. Es ist zu hören.
„Was war das?“, fragt Estee. Sie kommt aus dem Schlafzimmer. Wir starren kurz wortlos auf die unglaubliche Szene dreihundert Meter über uns. Der pechschwarze Rauch ist durchsetzt von Akten, Druckpapier, Schreibunterlagen, sie segeln jetzt in der leichten Brise fast schaurig schön durch den Hochhauswald.
Ich rufe in der Wiener Redaktion des Magazins NEWS an, für das ich damals als US-Korrespondent arbeitete. Es ist 8:46 Uhr, so steht es später auf meiner Telefonrechnung. Der 11. September 2001. Fast unkontrolliert sprudeln die Worte aus mir heraus: „Flugzeug!“, rufe ich, dann: „World Trade Center“, „Explosion“, „Papierfetzen“.
Sirenen künden die ersten, heranrasenden Feuerwehr-Löschzüge an. Erst einige, dann mehrere, bald unzählige. Aus dem sporadischen Geheule wird unheimliches Konzert geworden. Der Soundtrack zur begonnenen Terror-Katastrophe.
Auf CNN tönt jetzt die dramatische Erkennungsmelodie der Breaking News. Kommentatorin Carol Lin eröffnet angespannt die Übertragung: „Das ist gerade hereingekommen. Was Sie hier sehen, ist eine offensichtlich sehr erschreckende Live-Einstellung vom World Trade Center in New York City“. Im Hintergrund reden Menschen wild durcheinander. Sie fährt fort: „Wir haben unbestätigte Berichte, dass ein Flugzeug in einen der WTC-Türme gekracht ist.“
Wilde Spekulationen beginnen: Ein Unfall, klar, möglicherweise ein „kleines Flugzeug“, ein technisches Gebrechen vielleicht, ein Pilotenfehler. Das Offensichtliche wird verleugnet: Aufgrund der Dimension des Kraters im Turm ist der Crash einer großen Verkehrsmaschine offensichtlich. Und kein Pilot bei Sinnen würde selbst beim schwersten Gebrechen einen Jumbo dermaßen spektakulär in ein Hochhaus steuern.
Das rasant nahende Dröhnen von Flugzeugturbinen beendet das Wunschdenken. Diesmal kommt das Geräusch von Süden. Und wieder: Die Triebwerke heulen auf, voller Schub. Dann der dumpfe Schlag des Aufpralls, der metallische Knall der Explosion.
Getroffen ist nun der Südturm, etwa in Höhe der 72. Etage. Von United Airlines, Flug Nr. 175, dem zweiten von Al-Kaida entführten Jumbo. Mein Herz pocht bis zum Hals. Klar ist nun: Wir werden angegriffen. Mit Verkehrsmaschinen.

Vor meinem Apartmentfenster brennen nun beide Twin Towers. Wie Fanale wehen die schwarzen Rauchfahnen in den azurblauen Himmel. Ich lasse das Telefon klingeln. Estee und ich haben seit Minuten kein Wort gewechselt, wir starren auf die Papierfetzen auf unserer Terrasse. Mein Herz pocht: Durch den Kopf spukt ein wilder Mix an Emotionen: Angst, Unglauben, Schock. Aber auch journalistische Instinkte: Ich muss los, so viel ist klar, so nahe ran an den Tatort wie möglich. Estee bittet: „Please don´t go!“ Alles sei so ungewiss, niemand wisse, was noch alles passieren könne.
Es zerreißt mich. Als Korrespondent habe ich natürlich keine Wahl. Doch für meine schwangere Frau ist die Zeit ohnehin emotional turbulent genug – auch wenn nicht gerade Jumbos in Gebäude hageln.„I´ll be careful!“, sage ich sanft beim Abschiedskuss. Vorsichtig werde ich sein, versprochen. Ich fühle mich elend.
Ich laufe zielstrebig durch die wie angewurzelt in den Straßen stehenden, im Schock nach oben blickenden Massen die vier Straßenblöcke zum World Trade Center. Ich versuche Estee zu erreichen, tippe die Nummer in mein Klapphandy. Besetzt. Ich versuche es nochmals. Und wieder. Kein Signal. Das Handynetz ist offenbar wegen Überlastung kollabiert. Kein Wunder: Eine Milliarde Menschen starrt in jedem Winkel dieser Erde ungläubig auf die TV-Bilder. Die Welt ruft voll Sorge Bekannte und Verwandte in New York an. New York ruft sich selbst an. Und der Rest der USA ruft New York an.
Ich stehe vor den Türmen. Der Plaza, die Fußgängerzone zwischen den insgesamt sieben WTC-Gebäuden, ist verwüstet. Fassadenteile liegen herum, blanke Metallelemente, möglicherweise von den Jumbos. Und überall Staub und Glassplitter.
Wie in Trance lasse ich den Blick über den Platz schweifen: Ich sehe die roten Löschzüge des FDNY heranrasen; die Männer springen herunter, ihre Gesichter sind voller Todesangst. Kein beruhigender Anblick. Sie wissen, dass sie sich, um den Brand bekämpfen zu können, mit 35 Kilo Ballast (Sauerstofftanks, Schläuche, Äxte etc.) über 70 Stockwerke nach oben zu dem Inferno vorkämpfen müssen – durch Rauch, Staub, brütende Hitze und gegen den Strom der Flüchtenden.
Natürlich denkt in diesem Minuten niemand an das Schlimmste – nicht die Feuerwehrmänner, die in das Gebäude hetzten, nicht die Polizei, die das Areal notdürftig abriegelt, nicht die Zehntausenden in den Straßen, die weiter wie angewurzelt dastehen und auf die Rauchfahnen starren. Der Jumbo knickte etwa im Nordturm 82 Stahlträger ein. Der Rest wird durch die Gluthitze der Brände von 1100 Grad Celsius massiv geschwächt. Einen ähnlichen statischen Totalschaden erleidet auch der Südturm. Beide stehen knapp vor dem Einsturz. Nur wahrhaben will es niemand.
Das durchdringende Sirenengeheul scheint nun von jedem Quadratmeter dieser schwer getroffenen Stadt zu kommen. Über uns knattern Helikopter. Dann stehe ich plötzlich vor einer Schwerverletzten. Sie hockt auf dem Gehsteig. Blut rinnt von ihrer klaffenden Wunden am Kopf. Sie hat schwere Verbrennungen im Gesicht und an den Händen: Die Haut ist abgeschält, das angebrannte Fleisch der Unterarme liegt frei.
Ein Jahr später sollte mir Mary Jos ihre Geschichte erzählen, wie sie in der „Skylobby“ des Südturms in der 79. Etage stand, den furchtbaren Knall hörte, eine blendende Stichflamme sah. Dann: Der Blackout. Als Jos zu sich kommt, steht ihr Körper in Flammen. Sie rollt sich instinktiv auf den Rücken, erstickt die Flammen. Um sie türmen sich Tote auf, einige sind verkohlt, anderen fehlen Gliedmaßen. Und überall Blut, Staub, Rauch, züngelnde Flammen. Jos kriecht über Leichenberge, schafft es mit Hilfe eines Retters aus dem Turm.
Ich halte auf die Karawane der schweißdurchtränkten Überlebenden aus dem Nordturm zu. Ich versuche Augenzeugenberichte einzuholen. Einfach ist es nicht: Viele scheinen mich im Trauma gar nicht zu hören. Sie marschieren vorwärts, mechanisch, viele zittern am ganzen Leib, ihre Blicke sind leer und ausdruckslos. „Das ganze Gebäude begann zu schwingen“, erzählt dann doch Broker Steve Ventret: „Menschen kippten von ihren Sesseln, danach herrschte totale Panik.“ „Trümmer flogen an den Fenstern vorbei“, erinnert sich der Angestellte Rob Smith: „Und dann drang der Rauch in unsere Büros“. Immerhin, sie überlebten. Dass alles nun noch viel schlimmer kommen wird, kann sich niemand vorstellen.

Ich stehe weiter nahe der lodernden „Twin Towers“, neben dem Strom der Überlebenden. Ein Schrei schreckt mich auf, selbst in der apokalyptischen Geräuschkulisse.„Oh my God, oh my God, oh no!“, ruft plötzlich eine fülligere Afroamerikanerin hinter mir. Sie starrt nach oben auf den Nordturm. Ihre Augen sind vor Entsetzen weit aufgerissen, ihr Gesicht zu einer Grimasse verzogen. Jetzt erst kommen die unvorstellbaren Wort aus ihr heraus: „They are jumping! Oh God! Please, no!!!“
Sie springen? Wer springt? Nur langsam begreife ich. Und es graut mir, mich umzudrehen. Dann sehe ich einen: Ein fallender Körper, er wirkt winzig wegen der gigantischen Dimensionen der Gebäude. Meine fixierten Pupillen folgend der fallenden Menschenkontur. Die Hände zucken, der Körpers dreht sich um die eigene Achse. Ich kann nicht erkennen, ob es ein Mann ist oder eine Frau ist. Ist das wichtig? Hier stürzt ein Mensch zu Tode.
Nachdem dem ersten Schock nehme ich das Desaster nun völlig anders wahr. So verrückt es klingt: Die schiere Absurdität der Vorgänge hatte bisher Aspekte des menschlichen Leides verdrängt. Das Ganze wirkte wie ein Hollywood-Katastrophenfilm: absurd, unwirklich. Doch die Todesspringer machen deutlich: Gerade verlieren in den tausend Grad heißen Inferno 350 Meter über mir Hunderte ihr Leben!
Für mich stürzt eine Welt zusammen. Stets war ich davon überzeugt, dass wir dank des Fortschritts in der Lage sind, in Not geratenen Menschen selbst unter schwierigsten Umständen helfen zu können. Sie zu retten. „Warum tut niemand etwas“, schießt es aus mir heraus. Ich erschrecke selbst angesichts meines jähen und lauten Emotionsausbruchs. Längst sind alle Grenzen verwischt: Ich bin hier nicht mehr nur Reporter. Ich bin Zeuge, New Yorker, Mensch.
„Vergiss es!“ Jemand dreht sich um: „So hoch oben? Wer soll dieses Feuer löschen? Denen kann niemand helfen…“ Und wieder springt einer. Fast hypnotisierend wirkt die Schreckensszene.
Ich habe gerade mit Estee telefoniert, als ich etwas verloren und unschlüssig an der Ecke Broadway und Fulton Street stehe. Im Kommandozentrum warnt nahebei gerade ein New Yorker Behördenleiter die Feuerwehr-Bosse: Die Stabilität der Gebäude sei so geschwächt, dass große Einsturzgefahr herrsche. Die Einsatzleiter geben an ihre hunderten, in den verqualmtem Türmen aufsteigenden Männer den Befehl: „Zieht euch zurück! Sofort!“ Doch es ist zu spät. Um 9:59 Uhr schießen Rauch und Feuer aus dem Einschlags-Krater des Südturms, die Gebäudespitze neigt sich, der Kolosse fällt in sich zusammen. In nur wenigen Sekunden.
Neben mir rennen Menschen plötzlich panisch los, einige so hastig, dass sie gleich bei den ersten Schritten hinfallen. Unendlich langsam dämmert mir: Einer der Türme muss eingestürzt sein. Bis heute kann ich mich an kein Geräusch erinnern: Nicht an das Grollen des Einsturzes, der sogar ein Beben der Stärke 2,1 auslöste. Nicht an das Knattern der 110 kollabierenden Stockwerke, das wie „Maschinengewehrfeuer“ klang. Nicht an die Schreie der Menschen, die plötzlich um ihr Leben rannten. Ein Stummfilm. Warum weiß ich bis heute nicht.
Jetzt sehe ich die Staubwolke. Was tun? Das rasende Ungetüm erinnert mich an eine Vulkanexplosion. Oder eine Staublawine. Egal: Mein Gehirn bewertet das Davonrennen als sinnlos.
Ich hechte unter den Lieferwagen neben mir, liege am Bauch, den Lederrucksack auf dem Rücken. Mein ganzer Körper ist angespannt, verkrampft. Ich blicke durch den Spalt unter dem Wagen noch kurz nach draußen, sehe die Beine vorbeihetzender Menschen.
Dann ist die Staubwolke da. Binnen Sekunden rast sie über mich hinweg. Es wird dunkel, sehr schnell. Und total. So schwarz, als würde man seine Hände mit ganzer Kraft gegen beide Augen pressen. Es ist stockfinster – und totenstill. Und der Staub! Dick, mit metallischem Geschmack legt er sich über mich, nimmt mir die Luft. Ich atme das World Trade Center: Beton- und Gipswände, Treppenaufgänge, Decken, Büromöbel, elektrische Leitungen, Feuerschutzmaterial, Fenster, Computerschirme – alles durch den unglaublichen Druck des Zusammenbruchs zu feinem weißen Pulver zerrieben. Todesangst kriecht in jede Zelle meines Körpers: Muss ich hier ersticken?

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