Buch-Exzerpt Teil 2: Der traurige Marsch über die „Brooklyn Bridge“


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Auszüge aus Herbert Bauernrebels Buch “Und der Tag war voller Asche: 9/11 – Der Tag. der mein Leben veränderte” (Lübbe):

Der WTC-Südturm ist kollabiert, ich liege in der pechschwarzen, dicken Staubwolke unter einem Lieferwagen. Die Atemzüge werden schwerer, der Giftstaub füllt meine Lungen. Zur Todesangst kommt nun unendliche Trauer: Ich denke an meine Vorfreude, endlich Vater zu werden, ein Kind großzuziehen. Unser Kind! Mit Grauen geistern Gedanken durch den Kopf, dass Estee es nun vielleicht alleine aufziehen muss.
Und wieder nehme ich einen Atemzug. Es fällt mir bereits spürbar schwer. Wie lange noch? Ein Ruck geht durch meinen Körper, ein Aufbäumen, Überlebenswille. Ich krieche unter dem Wagen hervor. Wieder ein Atemzug! Fast randvoll stelle ich mir jetzt meine Lungenflügel vor. Ich taste mich mit kleinen Schritten vorwärts. Immer noch ist es pechschwarz. Ich laufe – fast wie in einem Klamaukfilm – gegen ein Verkehrsschild.
Endlich sehe ich den ersten Lichtschimmer, den Eingang zu einem Chinarestaurant. Ich torkle durch die Tür. Eine kleine Gruppe drängt sich dahinter. Sie starren mich an.
„Jesus Christ“, ruft jemand. „Um Gottes willen!“
Ich sehe aus wie ein Geist, bin komplett mit weißem Staub bedeckt. Haare, Gesicht, Kleidung, Rucksack. Gierig sauge ich die staubfreie Luft ein. Gleich schießt der nächste panische Gedanke in den Kopf: Estee! Sie hat das Staubinferno vom 31. Stock aus gesehen. Sie weiß, dass ich nahe dran war, muss wohl das Schlimmste befürchten.
Meine staubverkrusteten Finger drücken ihre Handy-Nummer. Natürlich: nichts. Kein Empfang, kein Durchkommen. Ich muss los, zurück in die Wohnung. Ich habe jetzt auch Angst, dass sie wegen dem Stress das Baby verliert.
Die ersten Sonnenstrahlen dringen durch das Staubinferno. Ich muss los, hetze die Fulton Street in Richtung Osten. Wenig nehme ich rund um mich wahr: Nicht die vielen anderen staubummantelten „Gespenster“. Nicht das Chaos auf den Straßen, auf denen Menschen geschockt und verwirrt umherirren. Ich will nach Hause, so schnell wie möglich. Während des Rennens drücke ich ständig den Handy-Wiederwahlkopf. Kein Durchkommen.
Estee schreckte das ohrenbetäubende Geknatter der aufeinander stürzenden Etagen auf. Zum ersten Mal wählt sie meine Nummer, als noch der körnige Staub gegen die Fenster prasselt. Besetzt. Natürlich. Verdammt! Sie drückt die Wiederwahltaste. Und wieder. Zum Verrückt werden ist das alles. Später frage ich sie ganz offen, ob sie glaubte, dass ich tot sei. Sie denkt kurz nach: „Irgendwie wusste ich, dass du doch okay bist.“ Doch was sind Vermutungen ohne Bestätigung? Ohne ein Lebenszeichen? Zum Wahnsinn treibt sie die erzwungene Untätigkeit – die Hilflosigkeit, die Ohnmacht. Und so nimmt das Schicksal beinahe eine gefährliche Wende: Sie will mich suchen gehen, zieht ihre Turnschuhe an, steckt das Handy in die Handtasche, steht bereits an der Tür, als plötzlich das Bürotelefon klingelt.
„Das muss er sein.“ Ihr Herz rast, der ersehnte Anruf. Es ist unsere Freundin Nathalie, Estee flucht kurz voller Enttäuschung. Dennoch: Der Anruf kommt als Rettung. Sie beschwört Estee: „Bitte, um Himmels willen, bleib in der Wohnung“. Sie argumentiert, dass wir in dem Chaos auf den Straßen bloß aneinander vorbeilaufen würden, dazu dürfte auch der Nordturm kollabieren.
Estee lässt sich umstimmen. Ich renne nun wie ein Verrückter, biege in unsere Straße ein, renne durch die Lobby, zwänge mich in den Lift. Alle starren mich fassungslos an. Fast habe ich vergessen, wie ich aussehe, weiß von Kopf bis Fuß, die Haare groteske Staubskulpturen, das Gesicht verkrustet, durchsetzt von den Schweiß-Schlieren.
Alles geht jetzt wie in Zeitlupe. Ich bin ungeduldig, will Estee endlich in die Arme schließen, die Minuten ihrer Verzweiflung beenden. Dann, etwa in Höhe des 27. Stocks, läutet mein Handy! Es ist Estee!
„Ich bin okay, ich bin okay“, stammle ich. Vor Erleichterung breche ich in Tränen aus, heule hemmungslos los. „Ich bin schon im Lift“, sage ich stockend. Im Lift weinen nun einige mit, wohl aus Rührung darüber, dass sie an diesem Albtraumtag Zeugen zumindest eines kleinen Happy Ends wurden.
Endlich bin ich im 31. Stock. Estee wartet bereits an der geöffneten Tür. Wir umarmen uns so fest, dass es fast weh tut. Der weiße Staub klebt nun auch an ihr. Egal, wir sind wieder zusammen!
Ich betrete die Wohnung, sehe den Nordturm noch stehen. Als der kurze Zeit später kollabiert ist meine Reaktion fast unmenschlich: „Whatever…“, denke ich. Was auch immer? In dieser Sekunde werden 1.300 Menschen von den Gebäudetrümmern zerquetscht. Doch ich sehe alles nur mehr pragmatisch. Das kühle Kalkül: Das Hochhaus, soviel ist nun klar, stürzt senkrecht in sich zusammen – stellt daher keine Gefahr für unser Gebäude dar. Mein egoistischer Schluss: „Wir sind sicher!“
Doch was ist nun eigentlich zu tun? Draußen weht der Rauch über den nun 20 Zentimeter hoch mit Staub und Asche bedeckten Balkon. Hektisch blinkt die Lampe rot am Anrufbeantworter: „Bitte melde dich! Bist du in Sicherheit?“ Bürgermeister Rudy Giuliani ist plötzlich im TV zu hören: Obwohl mir der selbstherrliche Hardliner wie inzwischen den meisten New Yorkern auf die Nerven ging, hänge ich jetzt doch an seinen Lippen: Wir sind süchtig nach Orientierung. Nach Anweisungen.
Giuliani fordert die Einwohner auf, Lower Manhattan „ruhig und geordnet“ auf dem Fußweg zu verlassen. Eine einzigartige Anordnung in der New Yorker Stadtgeschichte. „Let´s go“, sage ich fast reflexartig zu Estee. Sie nickt, holt eine Schere, zerschneidet ein altes T-Shirt, dessen Teile wir uns behelfsmäßig um den Mund binden. Dann machen wir uns auf den Weg zu Freunden nach Brooklyn.
Der Menschenstrom schiebt sich zur Auffahrt der Brooklyn Bridge. Es ist ein stummer Abmarsch, kaum wer redet, die meisten blicken beim Gang über die Brücke stoisch nach vorne, den Kopf gesenkt. Die Stadt, die niemals schläft und alles kann, ist geschlagen. Für einen Moment zumindest. Nur ab und zu dreht sich jemand um. Niemand will den unfassbaren Anblick richtig wahrhaben: Die vielleicht ikonischsten Gebäude der Erde, die New Yorker „Twin Towers“, sind weg, verschwunden.
Meinen persönlichen Tiefpunkt erlebe ich jedoch erst am nächsten Tag, als langsam die menschliche Dimension der Tragödie durchsickert – nachdem meine Emotionen während den Stunden des Infernos wie abgeschaltet schienen. Boote mit Leichen seien die ganze Nacht über zwischen der WTC-Ruine und New Jersey über den Hudson gependelt, heißt es im TV. „Tote, mein Gott, es gibt so viele Tote“, sage ich zu Estee, als sie mich mit vergrabenem Gesicht findet. Ich lasse jetzt alles raus, minutenlang. Mitgefühl, Trauer, auch Wut, Verzweiflung.
Doch schon Stunden später befreit sich New York aus seiner Lähmung. Zuerst mit einer Welle an Hilfsbereitschaft: Bürger bringen alles, was sie haben, alte Schuhe für die Arbeiter auf Ground Zero, Lebensmittel, Getränke, Hosen, T-Shirts, Medikamente. Unter den Freiwilligen in der Schlange steht auch ein Chinese. Er hält ein Bastkörbchen mit Dim Sum, gedämpften Häppchen aus der traditionellen chinesischer Küche, in den Händen. Ich starre ihn an, wische mir eine Träne weg.
Ich spüre den Ruck, der durch die Stadt geht: New York lässt sich nicht unterkriegen. Es wehrt sich, es trotzt, rückt zusammen. Plötzlich stehen Hunderte mit Tafeln und Schildern an der West Street, feuern jedes Einsatzfahrzeug an, das in Richtung „Groud Zero“ rollt. „Good Bless America“ steht auf den Schildern. Sie skandieren „USA, USA“. Ich klatsche mit. Jetzt fühle ich mich längst als New Yorker.
New York schaffte sein Comeback, doch US-Präsident George W. Bush dirigierte die Supermacht in einen ruinösen, im Irak völlig fehlgeleiteten „Krieg gegen den Terror“.
Unser Sohn Maxwell wurde im April geboren, als noch Schutt aus der WTC-Grube geführt wurde. Unsere Tochter Mia 2007. Nie dachten wir daran, New York zu verlassen. Jetzt kratzt der WTC-Neubau vor unserem Fenster mit 80 Stockwerken bereits wieder an den Wolken, unser Bezirk erlebte eine Wiedergeburt.
Als im Mai SEAL-Kommandos Al Kaidas Terrorchef Osama Bin Laden töteten, gibt es einen vorläufigen Abschluss: Mein Ausbruch roher Emotionen zeigte, dass ich doch auf diesen Moment gewatet habe. Wieder dachte ich an die Zäune mit den Vermisstenpostern. Und erstmals seit fast zehn Jahren ein Hoffnungsschimmer: Vielleicht müssen wir doch nicht bis ans Ende aller Zeiten in ständiger Terrorangst leben.

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