Das “legale Lynchen” von Troy Davis…
Ich kann mich in diesem Moment fast nur schämen für dieses Land – in dem ich seit 12 Jahren lebe und meine Kinder geboren sind. Fast naiv dachte ich, dass bei den „Breaking News“ wonach die Exekution von Troy Davis (†42) wegen Beratungen des Supreme Courts angehalten worden war, doch noch die Vernunft am Ende siegen werde.
Es war ein Irrtum. Die Höchstrichter lehnten ab. Offenbar war alles in Ordnung mit dem “Papierkram”. Um Schuld und Unschuld geht es bei solchen Berufungen ohnehin nie. Um 23:08 Uhr, Mittwochabend, wurde Davis von der Gefängnisverwaltung für tot erklärt.
Seine Worte müssen den Angehörigen des Mordopfers Mark MacPhail – die wie sonst auch im wohl abartigsten Ritual der US-Gesellschaft hinter einer Glaswand den Delinquenten sterben sahen und so ihren Frieden finden wollen – ewig im Kopf herumspuken. „Ich habe es nicht getan“, sagte er: „Ich hatte keine Pistole…“. Er beschwor sie mit seinen letzten Atemzügen, dass sie auch nach seinem Tod die „Suche nach der Wahrheit nicht aufgeben sollten“.
Niemand kann sich wohl den Schmerz von Eltern vorstellen, ein Kind zu verlieren: Doch „einen Abschluss“ (die im US-Englischen so überstrapazierte „Closure“) zu finden durch den Tod eines weiteren Menschen? Auf eine Pritsche geschnallt, mit Kanülen in den Unterarmen? Und dann vielleicht auch einen Unschuldigen?
Die Davis-Familie nannte die sture Todeswut des Staates Georgia ein „legales Lynchen“. Verfechter der “Death Penalty” behaupten stets, dass in den Todeskammern wirklich nur die Schlimmsten der Schlimmsten sterben, die erwiesene Unschuld sei natürlich das Mindestmaß aller Dinge. Allein deshalb hätte Troy Davis nicht sterben dürfen: Die Tatsache, dass er in einem reinen Indizienprozess verurteilt wurde, hätte ihn ausschließen müssen. Dass sieben von neun Kronzeugen ihre Aussage auch noch zurückzogen und von einer „Erpressung“ durch die Polizei sprachen, macht den Fall zum Skandal. Und den 21. September 2011 zu einem dunklen Tag in der US-Geschichte.
Es geht ja nie um Gerechtigkeit in der US-Justiz, sondern um Verurteilungen. Staatsanwälte werden gewählt, je mehr Menschen sie in den Knast oder die Todespritsche kriegen, desto größer die Wiederwahlschancen. Hängen bleiben in diesem System oft arme Schwarze, die sich gewievte Anwälte wie jenen von Casey Anthony nicht leisten können.
Und sonst? Schweigen. Von Obama? Kein Wort. Der Gouverneur jenes Staates, der Amerikas lange Liste an Schandurteilen um ein besonders übles Kapitel verlängert? Funkstille. Zu hören ist in dem Land derzeit nur das Grölen des Tea-Party-Publikums, wenn GOP-Kandidaten wie Rick Perry von der Todesstrafe schwärmen. Amerikaner sind immer sehr stolz über die „Außergewöhnlichkeit“ ihres Landes. Indeed.

