Tod, Tuberkulose und Triebe: ist “Occupy” in der Krise?
Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit einem der Aktivisten im New Yorker Zuccotti Park, dem Headquarter von Occupy Wall Street. “Wir gehen das langsam, systematisch an, das ist ein langfristiges Projekt”.
Es wurde mir etwas mulmig. Klar, langfristig sollte die Revolte sein gegen ein System der Ungerechtigkeiten, das ja auch nicht über Nacht entstand, sondern vor 30 Jahren unter Reagans Vertrauen in entfesselte Marktkräfte. Doch ich fürchtete, das die entstandene Bewegung dynamischer sein müsste – als zuerst die Frage zu lösen, wie alle Occupy-Bewegungen rund um die Welt technologisch effizienter an der täglichen General Assembly teilnehmen können, wie mir erläutert wurde.
Und jetzt scheint Occupy tatsächlich in die Krise geschlittert zu sein. Die Mainstream-Medien sind in Zeiten sich bloß wenige Tage haltender Newszyklen bereits weitergezogen (Herman “Monster” und Rick “Was war das dritte Ministerium noch…” Perry gaben auch verlockenden Anlass…). Und den ausdauerenderen Gegner der rechten Presse, allen voran Rupert Murdochs New York Post und der ekelhafte Drudgereport, wird Munition geboten: Die nun wochenlangen Besetzungen ziehen natürlich auch Homeless, Irre und Kriminelle an, die Gratisessen und leichte Beute anlockt. Reports mehren sich dazu von Todesfällen (in Vermont erschoss sich ein Kriegsveteran in einem Zelt, in Oakland kam es zu einer noch ungeklärten, tödlichen Schießerei, Freitag wurde in einem Camp in Utah eine weitere Leiche gefunden), Seuchen (wie die Tuberkulose in Atlanta) oder Sexattacken (die im Zuccotti Park sogar zur Errichtung eines eigenen Zelts für Frauen führte).
Alles Anlass, den Zermürbungskrieg der rechten Medien am Kochen zu halten – und die Anziehungskraft der Bewegung für die breiten Massen zu schmälern.
Die Bewegung hat erstaunliches erreicht in kürzester Zeit: Der Slogan “We are the 99 Percent” hat den Frust der Bevölkerung über Bankergier und korrumpierte wie unfähige Politiker so kanalisiert wie nichts zuvor. Und selten wurde ein derart roher Nerv einer nun bereits jahrzehntelangen Hilflosigkeit getroffen.
Doch es ist Zeit für die nächste Phase, der Geburt von Führern, die politischen Wandel umsetzen. Für nächsten Donnerstag wurde in New York zur Großdemonstration aufgerufen: Vielleicht setzt Occupy, schon bisher stets unterschätzt, neuerlich das nötige Zeichen von Stärke und Wandlungsfähigkeit.

