Shopping-Irrsinn USA: Pfefferspray, Schüsse am “Black Friday”

By Published On: 25/11/2011Categories: Latest News

Man kann zwölf Jahre in den USA leben, so wie ich, und immer noch jedes Jahr die Lade fallen lassen angesichts des verrücktesten Tages im Kalender der Supermacht: Den Megashopping-Tag “Black Friday”, dem offiziellen Start der Advent-Einkaufssaison. Noch meist mit vollem Bauch durch den üppigen Truthahn-Schmaus zu Thanksgiving stürmt Amerika die Einkaufszentren, angelockt durch sogenannte “Doorbuster”-Diskonts wie $199-Flatpanels oder $299-Laptops. Die Exzesse sind teils humorig: Vor einem “Best Buy”-Laden in Florida campten die Einkäufer in Zelten tagelang, Verkäufer trugen in anderen Supermärkten Schutzkleidung wie Eishockey-Spieler um durch die losstürmende Horden nicht zu viele blaue Flecken zu kassieren.

Doch oft wird der Irrsinn auch gemeingefährlich: Vor drei Jahren wurde ein Angestellter zu Tode getrampelt, diesen Freitag verletzte eine fanatische Stopferin 15, angeblich “vordrängende” Menschen mit Pfefferspray (die Inspiration kam wohl von der jüngsten Polizeigewalt gegen “Occupy”-Demosntranten…). In San Leandro (Kalifornien) wurde ein Einkäufer am Parkplatz von einem Gangster niedergeschossen.

Kaum ein Phänomen  erklärt den Aberwitz von Gesellschaft und Wirtschaft amerikanischer Prägung wie der Black Friday: Wichtigster Motor der US-Ökonomie ist natürlich mehr als in den meisten Industrienationen das “Consumer Spending”. Wie viel die geschätzten 152 Millionen Einkäufer in diesen ersten Tagen des Weihnachtsgeschäfts ausgeben, gilt als wichtigstes Wirtschaftsbarometer des Jahres. Mit dem Abstieg der US-Mittelklasse schrumpfen natürlich auch die Budgets, deshalb schlägt der Handel immer mehr Purzelbäume beim Anlocken der Konsumenten: Für Toys R Us, Target, Wal Mart oder Best Buy begann der Black Friday schon am Donnerstag, 230.000 Target-Arbeiter protestierten deshalb mit einer Online-Petition, wonach sie doch gerne zu Thanksgiving wie seit 1621 üblich Qualitätszeit im Familienkreis verbringen würden… Erfolglos: Der Kunde ist König, sagt das Management. Und die wollen sich bei der Schnäppchenjagd eben schon früher die Nasen blutig schlagen.

Fast wirkt das Ritual ein wenig wie “Brot und Spiele”, wo die Massen mit Billigelektronik von der Misere wachsender Einkommensklüfte und dem Absinken von jährlich zusätzlichen Millionen in die Armut (45 % der US-Bürger leben inzwischen laut einer jüngsten Studie ohne finanzielle Absicherung…) abgelenkt werden sollen. Die Protestbewegung “Occupy Wall Street” wollte daher mit Boykottaufrufen und Demos vor den “Malls” Bewusstsein über die “korrumpierende Macht der Corporations” schaffen. Deren Mediensprachrohre konterten prompt: Occupy würden “eine gebeutelte Branche bei ihrem Ringen nach Profiten angreifen“, echauffierte sich der “Wall Street”-Finanzkanal CNBC.