Ende einer finsteren Ära: WTC krönt wieder New Yorks Skyline


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Als wir 1999 nach New York zogen, dominierten die Zwillings-Türme des „World Trade Center“ den weltberühmten Manhattaner Hochhauswald wie kein anderer Gebäudekomplex. Gigantisch, wuchtig, nicht besonders ästhetisch, dennoch ikonisch. New York und die USA waren damals am Zenit: Der Dotcom-Wahn stürzte des Land in einen Euphorietaumel, die Arbeitslosigkeit war praktisch verschwunden, das Budget im Plus, Bill Clinton trotz Blowjob-Blamage weiter populär. Der lässige „Music Man“, wie ihn Fans verehrten, dirigierte die Supermacht durch eine goldene Ära.

Die war auch hier fühlbar: „Silicon Alley“ hießen hier die Straßenkorridore der Internet-Startups mit ihren coolen Jung-Enterpreneurs. Insgesamt: Ein Leben voller Zuversicht, voller Selbstbewusstsein. Was sollte schon schiefgehen, fragte sich die Metropole und Amerika während der rauschenden Silvesternacht zum Jahrtausendwechsel.

Wochen später freilich platzte die Internet-Blase – und dann heulten am strahlenden Spätsommermorgen des 11. September 2001 die Triebwerke von „American“-Flug 11 über Lower Manhatten auf, gefolgt vom dumpfen Knall der erste Explosion des Jumbo-Crashes im nördlichen der Twin Towers. Stunden später war der symbolische WTC-Komplex zur rauchenden Trümmerhalde von „Ground Zero“ reduziert, die Weltmetropole mit einer klaffenden Wunde im Taumel aus Schock und Trauer, seine Skyline kastriert, die USA auf Rachekurs unter „Kriegspräsidenten“ George W. Bush. Klar war, dass „dieser Tag alles veränderte“, wie Medien im Konzert tönten. Doch wie sehr, dämmert uns nun erst in einer Phase der langsamen Normalisierung.

Über zehn Jahre lebten wir jeden Tag an den Klippe: Zuerst die Dauerpanik vor neuem Terror, geschürt – leider wohl auch aus politischen Motiven – von der Bush-Regierung. Dazu folgte das Abgleiten der USA in eine Welle des absurden Hurra-Patriotismus, der die zwei ruinösen und fehlgeleiteten Kriege im Afghanistan und Irak erst ermöglichte. Trotz horrender Kriegskosten senkte Bush die Steuern (am meisten für Reiche). Eine florierende Wirtschaft durch erleichterte Spekulationen der Finanzbranche im Immobiliensektor vorgegaukelt. Im Herbst 2008 platzte auch diese Blase, der schlimmste Weltwirtschaftscrash aller Zeiten folgte. Fortan war die Terrorangst von jener um die Sicherung der Existenz abgelöst. Kurz: Eine Dekade lang lebten wir zuerst in ständiger Furcht, von Terroristen ausgelöscht zu werden, gefolgt von der Angst, den Job zu verlieren.

Doch fast symbolträchtig schritt zuletzt die Phase der langsamen Normalisierung mit dem Emporwachsen des neuen „World Trade Center“ einher. Am Montag montierten Arbeiter unter den Live-Kameras der TV-Helikopter die Stahlträger zum 102. Stock – fortan überragt 1 WTC mit 381 Metern das Empire State Building, ist wieder der höchste Turm der Stadt (mit Antenne wird er am Ende 541 Meter hoch).

Der feierliche Moment erinnerte auch an das langsame Ende einer düsteren Epoche, New York wieder mehr an jene Jubelstadt, in die ich vor 13 Jahren zog. Mit Obama sitzt wieder ein kompetenter Präsident im Oval Office (kein Wirtschaftswunder-Präsident wie Bill Clinton, kann aber noch werden!), Bin Laden ist tot, Al Kaida weitgehend zerschlagen, die Nachwehen der „Great Recession“ (Hausenteignungen, Arbeitslosigkeit 8,2 %) zehren zwar weiter vor allem an der Mittelschicht, doch wenigsten deutet der Trend auf eine zumindest langsame Erholung hin. Und in New York sorgt als auffälligstes déjà vu wieder „Silicon Alley“ mit dem Rennen um Innovationen beim mobilen Internet für Aufbruchsstimmung. Natürlich, große Herausforderungen bleiben, wie die „Occupy“-Protestwelle gegen die immer klaffendere Einkommensschere und „Crony Capitalism“ verdeutlichte.

Doch zumindest ist das tägliche Getrommel apokalyptischer Nachrichten verschwunden, das Gefühl eines konstanten Ausnahmezustandes. Und mit dem wiedererrichteten WTC als neuen „Star“ in der der Skyline, gibt es nun auch ein sichtbares Symbol für New Yorks Comeback: Eine Rekordzahl von 50 Millionen Touristen beweist dazu: Der Big Apple bleibt die populärste Weltmetropole.

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