„Fearless Felix“: Protokoll eines Versuchs….


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# Fahrt durch die Sperre des Roswell Flugfeldes: Ich komme an einem bewachten Gate vorbei, Stacheldrahtzäune so weit das Auge sieht. Es ist stockdunkel. Flutlichtanlagen beleuchten den Zusammenbau der Ballonteile. Die Atmosphäre ist fast gespenstisch.

# Die Ballonhülle liegt noch am Boden, weiter grünes Licht für den Countdown: Felix Baumgartner hat den letzten Gesundheitscheck absolviert. Fenster für dem Ballonstart wurde für 6:30 bis 9 Uhr Ortszeit fixiert. Der Kran für die Montage der Kapsel an den 55 Stockwerke hohen Hellium-Ballon steht bereits. Es war eine kalte Nacht, es ist 11 Grad, 4:30 Uhr Ortszeit. Kollegen warnen beim Gang zum Startraum: „Vorsicht vor Taranteln und Schlangen!“

# Update von Mission Control, Das Wetter ist gut in großen Höhen, laut Windberechnungen sollte der Ballon zuerst 80 Kilometer nach Osten treiben, dann in einer Höhe von 30 km weht er in die Gegenrichtung. Auch die Jetstream-Berchnungen sind mit 144 km/h ok, Probleme gibt es jedoch mit den Winden ab 240 Meter: Die seien zu stark, der Countdown wurde deshalb gestoppt. Ein neues Startfenster wurde festgelegt: 8:30 Uhr bis 10 Uhr. Baumgartner kam um 2 Uhr am Gelände an, er nahm davor einen Salat und Lachs zu sich und bekam noch eine Massage. Wegen den Wetterproblemen hat er den Anzug noch nicht angelegt.

# „Red Bull“ hat nahe des Roswell-Flughafens eine ganze Stadt für das Stratos-Projekt in die New Mexico-Steppe gebaut: Neben dem zweistöckigen „Mission Control“-Gebäude und dem ebenso großen Medienzentrum arbeitet das gut 50-köpfige Team in umfunktionierten Trailern, die als Büros fungieren. Vor den Gebäude wurden Sofas und Bänke aufgestellt. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden am möglichen Launchtag enorm verstärkt – vor allem Mission Control wird streng bewacht.

# 6 Uhr Ortszeit: Countdown wegen zu starken Winden weiter gestoppt. Meteorologen prüfen Windverhältnisse nun jede halbe Stunde für die nächsten zwei Stunden: Das „Go“ könnte in dieser Zeit noch erfolgen, dann blieben zwei Stunden bis zum Start. So lange dauert das Füllen des Riesenballons und das Montieren der Kapsel. Sollten sich die Winde nicht legen, könnte der heutige Start komplett abgesagt werden: Diese Entscheidung würde spätestens um 8 Uhr fallen. Felix Baumgartner wartet in seinem Trailer „Air Stream“, dürfte „wahrscheinlich ein wenig schlafen“, so eine Stratos-Sprecherin.

# Don Day, Wetterchef der Mission: Der Countdown ist weiter wegen dem Wetter gestoppt! Winde am Boden seien zwar perfekt, doch in 240 Meter Höhe, dem oberen Rand des Ballons, wehen sie mit 32 km/h. „Wir können so unmöglich den Ballon in eine aufrechte Position aufrichten“, so Day: „Der Kran würde nicht nachkommen“. Mission Control hofft nun auf den Sonnenaufgang: Die Sonne könnte zu einer Beruhigung der Luftströme führen, so das Kalkül. Aber: Die Winde oben müssten sich von derzeit 32 km/h auf 4,8 km/h verringern, um einen Start zu ermöglichen. Baumgartner wartet weiter in seinem Trailer: Er soll sich erholen, mental aber weiter auf einen möglichen Start vorbereiten. Der Ballon mit der extrem dünnen Hülle liegt noch verpackt in den Kartons. Weiter warten in Roswell. Chancen auf einen Start laut Day: 50 zu 50.

# Sonnenaufgang über dem Start-Ort. Die vier zur Messung eingesetzten, kleinen Wetter-Ballone tanzen immer noch im Wind. „Mission Control“ hält sich mit weiteren Updates zurück. Auf Fachbildschirmen steht nun ein erstes Live-Bild mit der Status-Medlung: „Red Bull Stratos Mission on Weather Hold“.

# Plötzlich wieder leichte Hoffnung, als Wettermann Don Day aus dem „Mission Control“-Gebäude schreitet. „Es gibt vielleicht doch noch eine Chance“, erzählt er mir: Aufgrund neuer „Wettertrends“ soll die Deadline für eine endgültige Entscheidung auf 9:30 Uhr verschoben werden. Viel später darf es nicht werden, da die Vorbereitungen dann zwei Stunden dauern würden und Baumgartner spätestens vor 12 Uhr los müsste. Baumgartner und die Crew würden weiter auf einen Start warten, seien „hochmotiviert“. Misslingt der Start heute, könnte es laut Wetterfrosch Day am Donnerstag noch „eine neue Chance geben…“

# Das Millionenprojekt ist wegen ein paar unberechenbarer Windbrisen derzeit kompletten gestoppt. Man wolle, so Team Stratos, der Sonne aber noch mehr Chancen geben, die Winde zu vertreiben. Felix Baumgartner wartet weiter in seinem Trailer. Er schlürfe proteinhaltige Erdbeer-Skakes, hieß es. Enthüllt wurde auch, dass er bereits die letzten Tage oft die Zeit mit Filme-Schauen totschlug. Sein Lieblingsstreifen: The Gladiator (mit Russel Crowe). Unter den Reportern bricht Lagerkoller aus. Eine französische Reporterin: „Wenn nicht bald was passiert, springe ich selbst…“

# „Breaking News“: Mission Control gab gerade das GO bekannt. Nun wird der Ballon ausgerollt und mit Helium gefüllt. Für Baumgartner beginnt wieder der Countdown, er wird in Kürze den Raumanzug anlegen und mit der Atmung von Sauerstoff beginnen. Der Ballon könnte nun mit der Kapsel in zwei Stunden abheben. Live-Feed am Web startet in 1:50 Stunden, wurde verlautet. Hektische Aktivitäten auch vor dem „Mission Control“-Gebäude. Nach Bekanntgabe der Fortsetzung des Countdowns brach Jubel aus.

# Arbeiter rollen weiter das Material für den 55 Stockwerke hohen, 1,3 Tonnen schweren Ballon aus. Die Kapsel, mit der Baumgartner an den Rand des Alls getragen wird, hängt an einem gelben Kranarm. Auch hier laufen die letzten Vorbereitungen. Baumgartners Trailer wurde in der Nacht zum Startort gerollt. Er hat den druckausgleichenden Raumanzug bereits übergestreift, erzählt mir ein Team-Mitglied. In Kürze beginnt er mit dem Einatmen von Sauerstoff. Die Stimmung im „Camp Stratos“ ist nach dem langen Wartespiel wieder euphorischer.

# In 15 Minuten soll das Befüllen des Ballons beginnen, das silbrig glänzende Ungetüm sollte sich in Kürze nahe dem Roswell-Flugfeld auftürmen. Das Einpumpen von Helium dauert eine Stunde. Baumgartner atmet jetzt bereits reinen Sauerstoff. Als Starttermin wurde nun 19:15 Uhr fixiert.

# Die Befüllung des Ballons hat sich leicht verzögert, der Start dürfte nun eher kurz vor Mittag erfolgen. Felix Baumgartner hat sich von seiner Freundin Nici bereits in der Nacht verabschiedet. Das Geheimnis der letzten Worte vor der Abreise ins All ist bisher noch nicht gelüftet. Um 2:40 Uhr kam er am Startgelände an, über acht Stunden bereitet er sich nun bereits in dem silbrigen Wohnmobil gleich neben der Raumkapsel vor.

# Baumgartner steigt im Raumanzug aus dem Wohnmobil, etwas unzerimonienhaft wurde er mit einem Hubstapler zur Einstiegs-Luke gehoben. Helfer gurten den Allspringer in der Kapsel fest. Das Gesicht hinter dem Plexiglas-Schirm des Helmes wirkt angespannt: Aber eher konzentriert als ängstlich. Ab und wann nickt er mit dem Kopf, Gespräche gibt es nun nur mehr über Funk. Arbeiter stellen die Helium-Zufuhr an. Eine Stunde bis zum Start.

# Zu starker Wind: Der Sprung wurde soeben abgesagt. Die Enttäuschung bei Baumgartner ist riesig. Seine ersten Worte: „Habt ihr einen Kaugummi?“

# Lange Gesichter bei „Team Stratos“ – und teilweise erste Kritik unter Reportern nach dem Abbruch des Allfluges wegen Windproblemen. Viele zeigen sich überrascht, wie extrem schwierig der Start mit dem Helium-Ballon ist und wie perfekt das Wetter wirklich sein müsste. Medienvertreter telefonieren hektisch, ob über einen weiteren, möglichen Versuch am Donnerstag noch berichtet werden soll. Nach den enormen Erwartungshaltung und einem Abbruch nur 10 Minuten nach dem Start des gehypten Web-Livefeeds könnte der Rekordversuch in den Augen einer enttäuschten Weltöffentlichkeit zum Eigentor für Sponsor „Red Bull“ werden. TV-Teams bauten die Kameras rasch ab. Warten auf Pressekonferenz.

# Art Johnson, technischer Leiter des Projektes: Das Füllen des Ballons musste abgebrochen werden, da eine 40-Stundenkilometer-Windböe den oberen Teil erfasste, den Ballon verdrehte und möglicherweise auch die Befestigung in Mitleidenschaft zog. „Zu diesem Zeitpunkt war die Integrität des Ballons für einen bemannten Flug nicht mehr gegeben“. Der Ballon ist nun Müll, noch ein Ersatzballon stünde für einen weiteren Versuch bereit. Am Donnerstag könnte es ein weiteres „Wetterfenster“ geben, so Johnson, bis in den November insgesamt kann ebenfalls noch gewartet werden.

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