„Panikattacke in Zeitlupe“: So erlebte ich die erste Woche der Trump-Ära


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Vor einer Woche stand ich auf der Terrasse am Kapitol, am Ground Zero der Stunde Null der Ära Donald Trump.

30 Meter vor mir hielt der Republikaner seine Donnererde. Die aerodynamische Kunsthaar-Frisur samt Heckspoiler war gut zu sehen im Seitenprofil, das Kinn reckte er energisch nach vorne. “Amerika zuerst! Amerika zuerst!”, hallte über die “National Mall”.

Jetzt also: Der Moment war gekommen, dem eine satte Mehrheit in den USA und fast der ganze Rest der Weltbevölkerung mit Entsetzen entgegenzitterte.

Donald J. Trump, 45. Präsident der USA.

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Seite einer Woche wütet er nun im Weißen Haus und es fühlt sich an wie eine einzige Panik-Attacke in Zeitlupe. Die Hammer kommen so häufig und vehement, dass Herzschlag und Bluthochdruck konstant erhöht sind. Am liebsten würde ich die “Breaking News”-Orgie auf CNN einfach abschalten. Falscher Beruf…

Meine Frau Estee sieht sich die Clips der Trump-Aufreger auf Facebook an. Oft schüttelt sie resignierend den Kopf. Obwohl wir uns jeden Morgen schwören, über etwas anderes zu reden: Am Ende geht es am Esstisch dann doch wieder um nichts als Trump.

Mein Sohn Maxwell (14) hat als pubertierender Teenager wenig Zeit für politisches Interesse – fast beneide ich ihn. Meine Tochter Mia (9) hingegen hatte nach der Niederlage von Hillary sogar geweint: Jetzt starrt sie oft wie hypnotisiert auf das TV-Gerät, wo der Trump-Wahnsinn nonstop flimmert.

Kurze Rückblende: Schon bei meinem Trip zur Inauguration war zu spüren, dass ein anderer, kälterer Wind weht in Amerika (und bald der Welt?). Unweit des Bahnhofes beschimpft ein Weißer, der Trump-Souveniere verhökert, einen Afro-Amerikaner mit dem N-Wort. Dann spukt er ihn an. Ich halte einen Polizisten auf. Er könne da nichts machen, sagt er gelangweilt.

Am Abend bei den Demos dann die Gegenseite: Anarchisten verprügeln Trump-Anhänger. Einige “Trumpies” provozierten, indem sie mit Trump-Fahnen und Kappen absichtlich in die Menge teilweise vermummter Aktivisten wandern. Andere Trump-Fans aber haben sich einfach nur in die falsche Straße verirrt. Es fliegen Blumentöpfe, sie rennen, die Polizei versprüht Pfefferspray.

Beißende Nebelschwaden wabern in Luft: Amerika ist entzweigerissen – und das ist erst der Anfang.

“F… Trump”, skandiert die Menge. Aus einer Musikbox dröhnen die Beastie Boys: “Sabotage!” Ich habe bei der Demo noch Glück, nur einmal reißt mich ein Polizist völlig unprovoziert am Arm. An nächsten Tag werden sechs Reporter verhaftet und als Verbrecher angeklagt. Es drohen ihnen zehn Jahre Haft. Wie gesagt, ein anderer Wind…

Am nächsten Tag muss ich mich während der Vereidigung von einem Trump-Anhänger beflegeln lassen. Der beschwert sich, dass wir Reporter ihm die Sicht verstellen würden. “Haut ab, verdammte Presse”, ruft er. Als ich mich umdrehe, starrt er mich an: “Ja du! Du siehst nicht amerikanisch aus!” Wenn man schon als Weißer nicht amerikanisch genug aussieht, muss es wirklich lustig sein für Minderheiten im Trump-Amerika.

Am Rückweg sitzen im Schnellzug zwei übergewichtige Männer mit “Make America Great”-Kappen am Kopf neben mir. Fast schon will ich sie fragen, ob sie die nun vier Jahre lang aufbehalten wollen. Never Mind, ich bin am Weg nach New York.

Das war vor einer Woche: Die Tage seither sind endlos. Fast erschöpft fällt man ins Bett. Trump trommelt seine Agenda voran, er verbreitetet Verschwörungstheorien, sein Team liefert “alternative Fakten”. Binnen Tagen zertrümmert er Obamas Agenda und die Beziehungen mit dem südlichen Nachbarn und drittgrößten Handelspartner.

Wie fromm der Wunsch war nach Trumps Wahlsieg, wonach er als Präsident einen moderateren und versöhnlicheren Kurs verfolgen könnte, wird stündlich offensichtlicher: Alles was Trump tut, tut er für seine Wutbürger-Bewegung. Er ist Präsident des weißen Provinz-Amerikas.

Die Mehrheit der Bevölkerung kümmert ihn nicht. Selbst Republikaner-Parteikollegen wird mulmig angesichts des Einmann-Abrisskommandos.

Immer auffälliger werden auch Tumps mentale Probleme, besonders eine offensichtliche “narzisstische Persönlichkeitsstörung“, die schon Trump-Biograf David Cay Johnston beschrieb. Deshalb beharrt er bis jetzt, dass er die größte Audienz aller Zeiten bei der Inauguration hatte und Hillary auch bei den Gesamtstimmen besiegt hätte, wenn nicht Million Illegale gewählt hätten. Dass nun der Stab der mächtigsten Regierungszentrale der Erde die meiste Zeit damit verbringt muss , Trumps wirre Welt aus Paranoia, Verschwörungstheorien, Fake News, Aufbauschungen und Superlativen zurecht-zuargumentieren, ist schwer zu ertragen.

Trumps erste Woche ist vorbei. Das Fazit ist ernüchternd: Es kam alles viel knüppeldicker, als ich es mir selbst in den düstersten Vorstellungen ausmalen hätte können.

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