Tagebuch Covid-19-Krise, New York, Day 1: „Shelter in Place…“


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Es ist so ein Tag, an dem sich die Coronavirus-Krise stündlich reeller anfühlt. Basecamp für mich und meine Familie ist unsere nicht gerade riesige Wohnung am Südzipfel Manhattans. Meine Frau Estee und ich arbeiten, unser Nachwuchs Maxwell (17) und Mia (12) genießen noch die plötzlich schulfreie Woche. 

Am Montag machten alle öffentlichen Schulen dicht, das angekündigte Tele-Lernen beginnt erst nächsten Montag. Als Eltern haben wir bei der Beschränkung der Screen Time am iPhone längst das Handtuch geworfen…

Wir versuchen, noch letzte Besorgungen zu machen – bevor das öffentliche Leben in der Metropole komplett zugedreht wird. Bei einer Pressekonferenz kündigt Bürgermeister Bill de Blasio – der leider bisher kaum souveräne Leadership demonstrierte –, dass über einen möglichen Shutdown in den nächsten 48 Sunden entschieden werden würde.

Wir sind am Weg zum Post Office: An der Ecke Broadway und Battery Place sitzt ein Obdachloser am Boden, er hat einen grünen Hut auf und hält ein Pappkarton-Schild mit der Aufschrift „Happy Saint Patrick’s Day“. 

Was für ein Kontrast: Sonst torkeln an diesem Iren-Feiertag Angetrunkene aus den Irish Pubs, zwei Millionen feiern bei der größten Parade des Landes.

Meine Tochter und ich tragen Plastikhandschuhe. Ein Freund hatte vor Tagen noch Vorräte gefunden, ich kaufte ihm zwei Schachteln ab. Bie der Post ist es halbleer, den angeratenen Abstand von zwei Metern zu Mitbürgern zu halten, ist deshalb gut machbar. Ähnlich ist die Lage im angrenzenden Starbucks: Die Röster-Filialen sind zwar noch offen, doch die Getränke und Speisen sollen „to go“ mitgenommen werden. Der übliche Farmers Market am Platz Bowling Green ist auf drei Stände geschrumpft. Ich kaufe zwei Packungen Toastbrot. Der Verkäufer wirkt verzweifelt: „Wenn sie einen Shutdown verhängen, habe ich kein Einkommen mehr“, schüttelt er den Kopf.  

Meine Tochter erspäht am Nachhauseweg eines der begehrtesten und derzeit am schwersten erhältlichen Produkte: Klopapier. Eine „Duane Read“-Filiale bietet zehn Rollen für fünf Dollar an, ein Schnäppchen eigentlich. Beim Hinaustragen fühlt sich der Kauf fast an wie ein kleiner Lotto-Gewinn. Davor hatte ich eigentlich geplant, nach China Town zu radeln bei der täglichen Jagd nach Klo-Papierrollen. Ich bin erleichtert.

Später geht es raus zum Joggen, es ist auch eine Therapie gegen den Lagerkoller: An der Uferpromenade entlang das Hudson sind mehr Menschen unterwegs als im Finanzbezirk rund um die Wall Street. Man schnappt frische Luft beim Spazierengehen, lässt die Kinder herumtollen. Bei jedem aufgeschnappten Wortfetzen gibt es nur ein Thema: Das Coronavirus! „Ich begebe mich jetzt in Selbstquarantäne“, sagt eine Frau laut beim Telefonieren. Man möchte ihr fernbleiben. 

Kaum wieder zu Hause, ertönt ein durchdringender Alarm an iPhone, wie es ihn sonst bei Warnungen vor Extremwetter gibt. Die Stadtverwaltung ruft dabei auf, sich bei einem SMS-Warnsystem in Sachen Covid-19 anzumelden. Damit soll ein direkter Draht zwischen Behörden und Bevölkerung hergestellte werden. 

Kein gutes Omen. Denn eine weitere Nachricht könnte bald lauten: „Shelter in Place“. Übersetzt: Verlassen Sie nicht ihr Zuhause! Dann wäre der große Lagerkoller offiziell.

Herbert Bauernebel lebt mit seiner Familie in Lower Manhattan. In diesem Tagebuch wird der Alltag in New York während der schlimmsten Krise unseres Lebens in persönlichen Anekdoten beschrieben.

Montag, 30. März

Sonntag, 29. März

Donnerstag, 26. März

Mittwoch, 25. März

Dienstag, 24. März

Montag, 23. März

Sonntag, 22. März

Freitag, 20. März

Donnertag, 19. März

Mittwoch, 18. März

 

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