Tagebuch Corona-Krise, New York, Day 3: „Embrace the Absurd“


Print Friendly, PDF & Email

Die Menschenmassen am Times Square sind weitgehend verschwunden. Sonst drängen sich hier Zehntausende in der Glitzerwelt der „Crossroads of the World“. 

Die riesigen Leuchttafeln sind zwar alle noch an, als ich Donnerstagnachmittag einen Rundgang mache. Doch nur wenige hundert Einheimische und Urlauber schlendern jetzt über die Boulevards. Es gibt auch so gut wie nichts zu tun. Alle Retail-Geschäfte sind dicht: „Um die Gesundheit unserer Kunden und Arbeitnehmer zu schützen und zur Einhaltung der Anordnungen der Behörden, ist dieses Geschäft bis zum 2. April geschlossen“, steht auf einem Zettel vor einem H&M-Megastore. Zu sind auch alle Restaurants, einzig beim Starbucks gibt es weiter „Macciatos“ – aber nur zum Mitnehmen.

Ein Aufgebot der Polizei kontrolliert, dass der Shutdown der sonst geschäftigsten Straßenzüge des Big Apple vollzogen bleibt. 

Weitgehend abgezogen sind auch die Kostümträger, die meist als Superhelden oder Comics-Figuren verkleidet für Fotos mit Touristen Geld verlangen. Nur „Hulk“ und „Batman“ sind zu sehen, sie stehen leicht verloren auf dem menschenleeren Platz. Niemand möchte ihnen wirklich nahekommen. Zwei Hustler versuchen, Passanten CDs in die Hand zu drücken. Dass alle einen Bogen machen, scheint wenig verwunderlich. 

Auf einem Behälter prangt in weißen Lettern auf rotem Hintergrund: „Embrace the Absurd!“ (Nimm das Absurde an!). Es handelt sich um ein öffentliches Kunstprojekt, das jetzt treffsicherer kaum sein könnte. 

Ein Kontrast auch ist auffällig: Die Geschäfte sind alle zu, doch darüber blinken die grellen Leuchtreklametafeln als wäre es – tja, vor zwei Wochen. „Willkommen im Disney Story“ ist am hochauflösenden Display zu lesen, die Glastüre darunter aber ist abgeriegelt.

Der „Naked Cowboy“, legendär wegen seines Unterhosen-Looks bei jedem Wetter, geriet gerade ins Trommelfeuer der lokalen Presse, als er unbeirrt Urlauber bei Fotos in den Händen hielt oder umarmte. „Social Distancing“ ist so nicht das seine offenbar. An diesem Nachmittag ist er nirgendwo mehr zu sehen.

Völlig menschenleer ist auch die Theater-Meile, besser bekannt als „Broadway“. Die Schlangen vor dem Aufführungsort des „Lion King“ sind verschwunden.

Unterdessen ist die Zahl der Infizierten in der „City“ auf fast 4.000 gestiegen – am Wochenende waren es wenige hunderte Fälle. Es fährt eine Ambulanz mit Getöse die Seventh Avenue hinunter. 

Ich erhalte eine SMS von einem Bekannten, der als Chirurg in einem New Yorker Spital arbeitet: „Es wäre dort bereits recht furchteinflößend, es gäbe bereits Ansteckungen bei Patienten und Personal“, textete er.

Zu Hause bereiten wir uns auf das „Neue Normal“ beim Schulbetrieb vor: Ab Montag findet der Unterricht für Max und Mia auf Google Classroom statt. Mir wird rasch klar: Wir brauchen einen weiteren Laptop…

Das Geld dafür könnte bald von der Regierung kommen. Geplant ist das Verschicken von Schecks an alle. Dabei bemerke ich gleich, dass ich nicht alle Headlines sofort an meinen Nachwuchs weitergeben sollte. Zu lesen war zunächst, dass Erwachsene 1.000 Dollar und Kinder 500 Dollar erhalten. „Hey, ihr kriegt 500 Dollar von der Regierung“, wende ich mich an sie. Sie reagieren euphorisch, als wäre ich Santa. Dann kommt jedoch die kalte Dusche von den Senats-Republikanern: In ihrer Gesetzesinitiative ist von 1.200 Dollar pro Erwachsenen die Rede. Geld für die Kids? Fehlanzeige. Ich werde es ihnen bei Gelegenheit verklickern…

Herbert Bauernebel lebt mit seiner Familie in Lower Manhattan. In diesem Tagebuch wird der Alltag in New York während der schlimmsten Krise unseres Lebens in persönlichen Anekdoten beschrieben.

Montag, 30. März

Sonntag, 29. März

Freitag, 27. März

Donnerstag, 26. März

Mittwoch, 25. März

Dienstag, 24. März

Montag, 23. März

Sonntag, 22. März

Freitag, 20. März

Mittwoch, 18. März

Dienstag, 17. März

Previous Extreme Maßnahmen wie das Kriegsrecht nicht mehr ausgeschlossen
Next Coronavirus-Update USA: 1.200-Dollar-Schecks für die meisten Amerikaner