Tagebuch Corona-Krise, New York, Day 4: Frühlingsbeginn im „Ground Zero“


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Was für ein Traumtag  wäre es gewesen. Frühlingsbeginn, 22 Grad am Nachmittag, Sonnenschein, blühende Bäume. 

Ohne „News“ könnte man sich fast in die Irre führen lassen für einen Moment.

Das Virus freilich ist unsichtbar – und die Lage grimmig: New York City ist nun das „Ground Zero“ der Coronavirus-Epidemie in den USA, verkündet Bürgermeister Bill de Blasio, fast als schwinge da ein wenig Stolz mit. 

New Yorker glauben immer, dass sie die bestens sind: Jetzt sind wir Nr. 1 in Amerika auch in Sachen Corona. Das bedeutet: 5.000 Fälle, fast 30 Tote.

Am Morgen wache ich auf zu den friedlichen Geräuschen von Vogelgezwitscher, nachdem der Straßenlärm verstummt ist. An das muss ich mich noch gewöhnen.

Bei einer Live-Schalte am Morgen im Battery Park nahe des verwaisten Piers für die Freiheitsstatuen-Fähren fällt mir auf, wie viele Jogger unterwegs sind. Klar: Nachdem alle Fitness-Zentren dicht gemacht haben, bleibt nur das Laufen draußen.

Immer wieder gibt es Momente des Schreckens: „Oh nein“, ruft meine Tochter. Eine ihrer besten Freundinnen hat Fieber. Letzten Sonntag war Mia noch in der Wohnung ihrer Freundin. Ich kalkuliere: Fünf Tage ist das her. Zu früh, um Schlüsse ziehen zu können.

Man misst Zeiträume jetzt in Inkubationszeiten. 

Manchmal wird die Unsicherheit so groß, dass man sich am liebsten sogar von den eigenen Familienmitgliedern fernalten möchte…

Bei einem Spaziergang trifft Mia zufällig eine andere Freundin, die sie schon lange nicht gesehen hat: Die läuft auf meine Tochter zu, versucht, sie zu umarmen. „No, no, no!“, fahre ich hektisch dazwischen. Es ist eine Zeit der wachsenden Wachsamkeit, in der wir alle nur langsam die neuen Regeln verinnerlichen. 

Beim Starbucks im völlig verwaisten Shopping-Zentrum Brookfield Place werden gerade die Tische und Bänke weggeräumt. Alle Filialen in den USA operieren nur mehr „to go“. Die Angestellten jedoch arbeiten ohne Schutzhandschuhe oder Masken. Ein Mitarbeiter wischt mit der Handfläche gedankenlos über den Tresen, als wollte er jeden möglichen Coronavirus einzeln einsammeln mit der Handfläche. 

Ich rate Mia prompt, ihren Getränkebecher nur mit einer Papierserviette anzufassen. Und ich werde es angesichts der schockierenden Achtlosigkeit bei der Rösterkette mal lassen mit den Starbucks-Visiten.

Gouverneur Andrew Cuomo erklärte während des Tages den „Lockdown“ aller Orte des US-Staates, inklusive New York City. Niemand sollte seine vier Wände verlassen, außer… Und dann ist die Liste der Ausnahmen ist so lange, dass man sich fragt, wer wirklich zu Hause bleiben muss. 

Beim Jogging an der Promenade entlang des Hudson sind dann jedenfalls wegen des herrlichen Wetters so viele Menschen unterwegs, dass es schwer ist, den Sicherheitsabstand einzuhalten. Auf einer Bank sitzen drei ältere Menschen, sie ignorieren beim Leeren von mitgebrachten Weinflaschen das „sozial distancing“ so krass, als wären sie auf der „Spring Break“ in Florida.   

Lockdown-Experten aus China müsste grauen bei diesen Szenen… Es scheint klar: Um das Virus aufzuhalten, werden wir die Pandemie um einiges ernster nehmen müssen. 

Herbert Bauernebel lebt mit seiner Familie in Lower Manhattan. In diesem Tagebuch wird der Alltag in New York während der schlimmsten Krise unseres Lebens in persönlichen Anekdoten beschrieben.

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