Tagebuch Corona-Krise, New York, Day 6: „New York on PAUSE“


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New York ist jetzt das „Ground Zero“ des Coronavirus-Outbreaks in den USA. Und das passierte in Rekordzeit: Letztes Wochenende waren es weniger als hundert Fälle, jetzt sind es mehr als 11.000, ein Drittel aller bisher getesteten Corona-Infizierten in Amerika. „Anchorman“ hätte gesagt: „That escalated quickly!“

Bei der Schlagzeile „mehr als ein Toter pro Stunde“ zuckte ich selbst zusammen. 

Der Big Apple jedenfalls kam an diesem Wochenende praktisch ganz zum Stillstand. Das ist von den Behörden auch gewünscht. Doch jetzt beginnt der Kampf gegen die notorische Neugierde der New Yorker: Viele kamen nach draußen, um Bilder einer Geisterstadt einzufangen. Es sind ja auch schaurige Szenen: Die Metropole wirkt mehr ausgestorben als selbst nach dem 9/11-Terrorhorror 2001 oder Supersturm „Sandy“ 2016: Der Times Square, fast leer; Grand Central, keine Fahrgäste; die Brooklyn Bridge, nur mehr ein paar Spaziergänger; „The Bull“, die Touristenschlangen verschwunden. 

All das möchte man natürlich gerne festhalten – und posten. Eine Frau wartet in der Grand Central Station so lange, bis wirklich keine einzige Person im Bild ist. Sie ersucht sogar Leute, sich woanders hinzustellen. Es soll eben ein perfekter Instagram-Post werden… Die meisten Menschen, die man auf den Straßen noch sieht, scheinen unterwegs in Sachen persönlicher Geisterstadt-Reportagen.

Für Verwirrung sorgen aber auch oft die Anweisungen der Top-Politiker des US-Staates: Gouverneur Andrew Cuomo, der insgesamt die effektivste Leadership aller Politiker des Landes in der Krise zeigt, stellte zuerst ausdrücklich klar, dass ein Spaziergang in der frischen Luft oder das Joggen völlig in Ordnung seien. 

Doch als die New Yorker Bewohner Uferpromenaden und Parks bei diesen Aktivitäten bevölkerten, gab es Tadel aus dem Gouverneursbüro. Jetzt sollen Bestimmungen ausgearbeitet werden, wie bei den gegen den Lagerkoller draußen Abwechslung suchenden Menschenmengen eine Mindestdistanz gehalten werden kann. Man hat sich ja daran schon gewöhnt: Kein Tag vergeht ohne neue Regeln.

Meine Kids bereiten sich seelisch unterdessen auf den Beginn der Online-Schule am Montag vor – und haben gleich einen kolossalen Vorteil entdeckt: Das Schummeln bei Tests lässt sich fortan natürlich kaum mehr vereiteln, nachdem die Kids alles online nachschlagen und untereinander auch kommunizieren können… 

Gerade kommt die nächste SMS am Update-System der New Yorker Offiziellen herein: Erläutert werden die von Cuomo verhängten, neuen Einschränkungen, zusammengefasst unter dem Slogan „New York on PAUSE“ (New York pausiert). Alle nicht essenzielle Firmen müssen ab Sonntagabend ihre Büros schließen. Essentielle Organisationen, Unternehmen und Behörden (die Liste ist lange), sollen den Büroalltag so organisieren, dass Sicherheitsabstände und regelmäßige Reinigungen garantiert sind.

Zu Hause versuche ich, gemeinsam mit der Familie unser Apartment-Leben so sicher wie möglich zu organisieren: Ich verwende jetzt bei Assignments draußen oder beim Einlaufen eine Gesichtsmaske. Ich hatte bereits im Februar zehn Stück gekauft. Es wird zwar appelliert, solche Masken im Privatbesitz bei Krankenhäusern abzuliefern. Mein Standpunkt ist aber: Ich will mich selbst und meine Familie schützen. Und ich war heilfroh, eine zu haben, als ich am Samstag einen Coronavirus-Kranken interviewte… Zehn Masken sind ohnehin sehr wenige natürlich – und ich entwickelte ein Ad-hoc-System zur Wiederverwendung: Ich markiere den Tag, an dem ich sie trug, und werde die gleiche Maske dann erst 4-5 Tage später wiederverwenden – in der Hoffnung, dass etwaige Viren tot sind. Keine Ahnung, ob das ein effektiver Plan ist. Aber es sind eben Zeiten des Improvisierens.

Herbert Bauernebel lebt mit seiner Familie in Lower Manhattan. In diesem Tagebuch wird der Alltag in New York während der schlimmsten Krise unseres Lebens in persönlichen Anekdoten beschrieben.

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