Tagebuch Corona-Krise, New York, Day 11: New York schafft Platz für die Toten


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Es ist eine Baustelle des Todes. New York schafft Platz für die Corona-Leichen.

Hinter dem Office of Chief Medical Examiner (Gerichtsmedizin) sind Dutzende Arbeiter beschäftigt, im Freien provisorische Leichenhallen zu errichten. Ein Zelt wurde bereits vor Tagen aufgestellt, jetzt kommen sechs dicht aneinander gereihte Kühllaster hinzu. Dazwischen werden Gehweg aus Holzplanken gelegt. Das Piepen der Baumaschinen ist zu hören. Die Baustelle wirkt so geschäftig, dass man wohl von einer engen Deadline ausgehen kann. 

Und es wurde sogar bereits Vorsorge getroffen, sollte auch nach dem Ausbau der Leichenhallen wieder die Kapazitäten knapp werden. Rund um den Gebäudekomplex sind noch weitere sechs Kühl-Sattelschlepper geparkt.

Die Szenen erinnern an 9/11, als dutzende solcher Laster entlang des West Street Highways geparkt waren.

Der Ausbau ist dringend nötig: In einem Tag starben zuletzt 134 Menschen am Coronavirus, Freitagmorgen berichtete Gouverneur Andrew Cuomo über insgesamt 519 Tote.

Die Gerichtsmedizin der Stadt New York liegt zwischen zwei riesigen Spitälern – Bellevue und Langone. Ständig nähern sich Ambulanzen mit Getöse. 

Das Sirenengeheul durchbricht nun immer öfter die gespenstische Stille in der Geisterstadt. 

Um mehr Platz zu schaffen für Fußgänger beim gelegentlichen Gang an die frische Luft, wurden jetzt in Midtown zehn Blöcke der Park Avenue gesperrt. Sofort genießen die New Yorker die neue verkehrsfreie Fläche: Jogger sind unterwegs, Spaziergänger, Hipsters rollen am Skateboard die Fahrbahnen hinunter. Andere stehen einfach nur staunend da: Sie können die Szenen auf dem stillgelegten sechsspurigen Boulevard im Herzen Manhattans gar nicht recht glauben. Ein Mann fährt mit einer riesigen Zimmerpflanze im Rucksack mit dem Fahrrad vorbei. 

Damit es nicht zu idyllisch wird, tönt aus einem geparkten Polizeiwagen die Ermahnung: „Wegen des Notfalls werden Mitglieder der Öffentlich daran erinnert, einen sicheren Abstand voneinander zu halten in öffentlichen Plätzen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen!“

Der „Naked Cowboy“ spielt am Times Square immer noch mit der Gitarre. Viele Geschäft macht er nicht. Er ist heute ein glühender Trump-Anhänger und erklärt, dass der Präsident uns alle retten werden wird vor dem Virus: Es ist offensichtlich, dass die vielen Jahre im Unterhosen-Look bei jedem Wetter Spuren hinterlassen haben… 

Meine Kids haben ihre erste Woche der Online-Schule absolviert, es ging eigentlich besser als erwartet. Irgendwie fühlt es sich so ein wenig nach TGIF (Thank Good It´s Friday) an. Wenn man nur ausgehen könnte… 

Ein Freund schickt mir den Link zu einer der Online-Cocktailpartys, die gerade en vogue werden. Vielleicht schalte ich da später noch rein.

Herbert Bauernebel lebt mit seiner Familie in Lower Manhattan. In diesem Tagebuch wird der Alltag in New York während der schlimmsten Krise unseres Lebens in persönlichen Anekdoten beschrieben.

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