Tagebuch Corona-Krise, New York, Day 13: Das Heulen der Sirenen


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Die Masken liegen jetzt nebeneinander am Fenstersims. Sie sind alle markiert mit dem Datum der letzten Verwendung. Gebraucht wird inzwischen je eine täglich. Nachdem ich bereits im Januar unseren ganzen Vorrat von zehn Stück gekauft habe, müssen die Masken recycelt werden. Ich verwende eine Gebrauchte nach mindestens vier Tagen Lagerzeit, in der Hoffnung, dass etwaige Coronaviren nicht mehr ansteckend sind… 

Es ist natürlich auch psychologisch: Man fühlt sich mit dem Mundschutz einfach sicherer. 

In der Stadt wird es grimmig, auch wenn wir jetzt täglich zu idyllischem Vogelgezwitscher aufwachen, da die Straßen verwaist sind. Man muss sich an die Stille richtig gewöhnen.

Bei Fahrten mit dem Auto durch den Big Apple wird erst deutlich, wie umfassend die riesige Weltmetropole mit ihren 8,5 Millionen Einwohnern zum Erliegen gekommen ist.

Am Long Island Expressway am Weg zum Midtown-Tunnel sind nur wenige Vehikel auf der achtspurigen Hauptverkehrsader unterwegs, die Skyline von Manhattan dahinter ist wolkenverhangen. Auf einer der riesigen elektronischen Tafeln quer über die Fahrbahn blinkt orange auf: „Stoppen sie die Ausbreitung, halten sie Abstand voneinander!“ 

Am erschreckendsten aber ist das ständige Heulen der Sirenen: Durch die Geisterstadt rollen mit Blaulicht und Getöse die Ambulanzen, bei den meisten Fahrten werden Coronavirus-Patienten in die bereits aus allem Nähten platzenden Spitäler eingeliefert. Laut Reports ist das 911-Notrufsystem bereits überlastet. 

So sieht der Stoff für einen Hollywood-Thriller aus. Nur ist es diesmal kein Film…

Wir haben es geschafft, bisher durch die nimmermüde Suche meiner Frau auf Online-Shoppingsites den Gang in Supermärkte zu vermeiden. Dort gibt es bereits Schlangen – und kaum wer hält sich an den Mindestabstand (der ist in den USA mit 1,5 Metern festgelegt, auch wenn sechs Meter besser wären, so eine jüngste Studie). Eine Filiale von „Traders Joe’s“ in Soho musste vorübergehend geschlossen werden, „zur Reinigung“, wie auf einem Zettel stand. Es gab hier einen Corona-Fall, wie mir ein Freud berichtete. 

Doch das Online-Shopping für Lebensmittel wird immer schwerer: Der Dienst „Fresh Direct“ gibt als frühesten Liefertermin ein Datum in zwei Wochen an. Es sind nicht die Waren, die knapp werden, sondern die Zustell-Termine. Klar: Die Idee mit dem Online-Shopping für Lebensmittel ist nun für eine Rekordzahl von Bürgern attraktiv…     

Herbert Bauernebel lebt mit seiner Familie in Lower Manhattan. In diesem Tagebuch wird der Alltag in New York während der schlimmsten Krise unseres Lebens in persönlichen Anekdoten beschrieben.

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